Kinderlachen - Folge 037 - Heide Prinz - E-Book

Kinderlachen - Folge 037 E-Book

Heide Prinz

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Beschreibung

Das Telefon steht nicht mehr still, der Briefkasten quillt über, wildfremde Menschen lächeln ihn auf der Straße an - und Norman Collande kann sich keinen Reim darauf machen. Frauen, die er nie kennengelernt hat, rufen ihn an und schreiben glühende Liebesbriefe. Was soll das bloß? Und - vor allem - woher kennen sie seinen Namen, seine Adresse? Fehlt bloß noch, dass irgendein dubioser "Begleitservice" seinen Namen und seine Nummer in einem zwielichtigen Blatt veröffentlicht hat.
Norman Collande will der Sache auf jeden Fall nachgehen, und sein Sohn Timo wird immer kleiner in seinem Sessel. Denn er allein kennt des Rätsels Lösung. Aber ob er jetzt noch mit der Wahrheit herausrücken soll? Lieber nicht ...

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Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Kleiner Pechvogel im Glück

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / Osokina Liudmila

Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4759-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Kleiner Pechvogel im Glück

Wie Timo Millionen Herzen rührte

Von Heide Prinz

Das Telefon steht nicht mehr still, der Briefkasten quillt über, wildfremde Menschen lächeln ihn auf der Straße an – und Norman Collande kann sich keinen Reim darauf machen. Frauen, die er nie kennengelernt hat, rufen ihn an und schreiben glühende Liebesbriefe. Was soll das bloß? Und – vor allem – woher kennen sie seinen Namen, seine Adresse? Fehlt bloß noch, dass irgendein dubioser »Begleitservice« seinen Namen und seine Nummer in einem zwielichtigen Blatt veröffentlicht hat.

Norman Collande will der Sache auf jeden Fall nachgehen, und sein Sohn Timo wird immer kleiner in seinem Sessel. Denn er allein kennt des Rätsels Lösung. Aber ob er jetzt noch mit der Wahrheit herausrücken soll? Lieber nicht …

Es war wieder Donnerstag. Kurz vor fünf Uhr nachmittags. Teilnehmer und Gäste bekamen das Zeichen. Das Gemurmel im Studio erstarb. Man wollte live auf Sendung gehen.

Nur wenige Augenblicke später kündigte der Moderator jene Show an, die nun schon seit mehr als drei Jahren zu denen mit den höchsten Zuschauerzahlen gehörte, die eine Nachmittagssendung überhaupt erreichen konnte: »Liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, liebe Gäste hier im Studio, liebe Teilnehmerinnen: Ich grüße Sie alle!«, sprach er gewohnt munter in die Kamera. »Ich bin Gunnar Saalfeld, der Mann, der Sie wie allwöchentlich am Donnerstag auch in der nächsten Stunde wieder durch diese Show führen wird. Wieder einmal treffen wir uns bei unserer so beliebten Dating-Show ’Flirtfaktor‘. Denn nicht wahr« – der Moderator blinzelte schelmisch in die Kamera –, »keiner unserer bisherigen Teilnehmer hat sich anschließend darüber beschwert, durch uns an den Falschen, die Falsche geraten zu sein. Andererseits haben wir aber eine Vielzahl besonders netter Briefe erhalten.

Zum Teil Dankesbriefe, weil man auf diese Weise zu dem passenden Partner, oder wenn schon nicht zu dem, so doch wenigstens zu einem netten Freundeskreis oder einem brieflichen Gedankenaustausch mit netten Menschen gekommen ist. Aber ein paarmal sogar schon« – der Moderator zwinkerte vergnügt – »bin ich zu bei uns eingefädelten Hochzeiten eingeladen worden. Von solchen positiven Ergebnissen angespornt, wollen wir auch heute wieder einmal versuchen, Fäden zu knüpfen, Menschen einander näherzubringen und, falls möglich, Partnerschaften fürs Leben zu stiften. Denn, liebe Fernsehgemeinde, was ist schöner …«

Der Moderator strickte noch zwei, drei Minuten weiter an Maschen trauter Harmonie im Familien- und Freundeskreis.

Der beliebte Moderator Gunnar Saalfeld, ein leicht zur Fülle neigender Mittvierziger mit schon etwas schütteren rötlich blonden Haaren und außergewöhnlich hellen grauen Augen hinter einer randlosen Brille, war lange genug im Geschäft, um seine Ansage mit der erforderlichen Munterkeit vorzutragen, die er gelegentlich noch mit einer Prise Humor würzte. Er wusste seinen akustischen Einstieg in die Sendung genau zwischen Ernsthaftigkeit und ein bisschen Witz auszubalancieren, ohne jemanden lächerlich zu machen.

In Shows, die Gunnar Saalfeld moderierte, musste niemand befürchten, unter Umständen »vorgeführt« zu werden. Er führte sein Publikum auf eine unaufdringliche Art, spielte sich nie in den Vordergrund und zog die Fäden ganz versteckt.

In Sendungen mit Studiopublikum ließ der Moderator nach seiner Eröffnungsansprache vorwiegend seine Kandidaten reden. Er gab ihnen die richtigen Stichpunkte, wenn mal ein Teilnehmer vor Aufregung aus dem Tritt kam. Aber er wusste auch taktvoll zu bremsen, wenn jemand zu weitschweifig wurde. Selbst harmonisch mit einer ehemaligen Kollegin verheiratet, wie allgemein bekannt war, Vater zweier Kinder und dazu im besten Mannesalter, war Gunnar Saalfeld der perfekte Moderator einer Show wie dieser, der wöchentlich am Donnerstag ausgestrahlten Show »Flirtfaktor«, wechselweise mit weiblichen oder männlichen Teilnehmern.

Die Sendung war in der ausgereizten Fernsehlandschaft ein Renner und Dauerbrenner. In ihr wurden Kandidaten vorgestellt, deren Privat- und Berufsleben ebenso bunt gemischt war wie das des Studiopublikums.

Die Teilnehmer stellten einen Querschnitt durch alle Bevölkerungsschichten dar. Unter ihnen befanden sich Hausfrauen, Aussteiger, Gelernte und Ungelernte, Freiberufler und Intellektuelle. Sie alle verband ein und dasselbe: Sie hatten, jenseits der Dreißig, offenbar Schwierigkeiten, noch den richtigen Partner fürs Leben zu finden.

»… und damit kommen wir zu der ersten Kandidatin des heutigen Tages, zu Annette«, verkündete Gunnar Saalfeld gerade salbungsvoll. Mit einer weit ausholenden Geste deutete er aufs Podium und zu einer ein wenig aufdringlich geschminkten, etwa dreißigjährigen Blondine hinüber. »Annette, eine Hundenärrin von Kind an, wie sie uns verraten hat, ist in einer süddeutschen Kleinstadt zu Hause. Sie ist Inhaberin eines Hundesalons. Falls jemand im Raum Kempten und Umgebung also findet, dass sein Schäferhund ein neues ledernes Halsband nötig haben könnte oder jemand seinem Pudel ein modischeres Outfit verpassen lassen möchte – Annette nimmt sich seiner gewiss gern an. Ist es nicht so, Annette?«

Die Blondine mit den lässig übereinandergeschlagenen Endlosbeinen nickte lächelnd.

»Erzählen Sie uns bitte noch ein bisschen mehr von sich, Annette«, forderte Saalfeld die Frau auf. »Und auch, wie Sie sich in etwa Ihren Wunschpartner vorstellen und was Sie von ihm erwarten. Ab sofort haben nun Sie das Wort.«

Kandidatin Nummer eins räusperte sich. Als sie zu reden anfing, bestätigte sie zunächst ihre übergroße Tierliebe. Sie wies gleich darauf hin, dass sie dies auch von einem Partner erwarte. Sie erzählte mit ein wenig schriller Stimme, dass sie geschieden sei, keine Kinder habe, dies auch nicht zu ändern gedenke, eines ihrer Hobbys Yoga sei, sie gern reise, möglichst weit weg und möglichst lange. Und, und, und …

Danach erfuhr das lauschende Publikum, wie sich die Dame ihren Wunschpartner vorstellte. Sehr klischeehaft: groß, sportlich und gut gebaut, breite Schultern, schmale Hüften, sehr sexy, tierlieb und reiselustig. Auf Humor und Intelligenz schien sie bei ihm nicht besonders erpicht zu sein.

Nach der Hundenärrin stellte sich eine zierliche Drogerieverkäuferin vor, außergewöhnlich hübsch, mit seidigen mittelblonden Haaren, die ihr bis zu den Hüften hinabreichten. Als die junge Frau ihr Alter mit dreiunddreißig angab, ging ein Raunen durchs Publikum. Wohl niemand hatte sie auch nur einen einzigen Tag älter als im Höchstfalle fünfundzwanzig geschätzt.

Kandidatin Nummer drei, eine dunkelhaarige halbtags arbeitende Sekretärin, suchte nach einer gescheiterten »Horrorehe mit einem Psychopathen«, wie sie sich ausdrückte, auf diesem Weg nach einem liebevollen neuen Vater für ihre siebenjährigen Zwillingsmädchen, gern auch selbst mit Kind. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse schienen hinter dem Wunsch, der die Kinder betraf, zurückzutreten.

Nach der zweifachen Mutter meldete sich eine gut aussehende, gepflegte, aber äußerst kühl wirkende Immobilienmaklerin zu Wort, der nach eigener Aussage einfach die Zeit fehlte, ihr Partnerproblem auf andere Art zu lösen.

Als fünfte und letzte Teilnehmerin trug noch eine brünette Apothekerin ihr Anliegen vor, die ihr Alter mit fünfunddreißig angab. Auch sie war geschieden. Sie hatte eine Tochter, die allerdings in einem Internat in der Schweiz lebte, worauf sie besonders hinwies. Wohl um dadurch etwaigen Kandidaten zu signalisieren, dass das Kind in einer Partnerschaft kein Störfaktor sein würde.

Die Frau wünschte sich zum Partner nach Möglichkeit einen Apotheker, Höchstalter fünfzig Jahre. Er sollte humorvoll und naturverbunden sein, gern wandern und gutes Essen lieben, da sie, soweit es ihr ihre Zeit erlaubte, gern koche. Dies allerdings nicht vorzugsweise für sich allein. Dass die Kandidatin keine Kostverächterin war, darauf ließen schon ein paar überflüssige Pfündchen schließen – die einem Mann, dem etwas üppigere Frauen besser gefielen als allzu sportlich-dürre, allerdings an den richtigen Stellen ins Auge fallen mussten.

»Damit haben wir Ihnen im Studio, wie auch Ihnen daheim, unsere heutigen Kandidatinnen nun vorgestellt«, hatte nach einer kurzen Werbepause nun wieder Gunnar Saalfeld das Wort. »Und nun, meine Herren, sind Sie an der Reihe. Ich weiß, dass die regelmäßigen Zuschauer unserer Show unsere Bedingungen zu einer Kontaktaufnahme kennen. Dennoch möchte ich sie für etwaige neu hinzugekommene Zuschauer kurz wiederholen: Falls jemand zu einer der vorgestellten Damen Kontakt aufnehmen möchte, kann er dies telefonisch« – Saalbach grinste –, »sofern er durchkommt; unsere Leitungen glühen nämlich bereits – oder schriftlich an die Redaktion tun. Und zwar mit dem Hinweis auf die heutige Sendung und den Namen der jeweiligen Dame. Wir leiten die Briefe dann weiter. Ungeöffnet, versteht sich! Deshalb möchte ich die Namen hier in der Reihenfolge der Vorstellungen nochmals wiederholen: Den Anfang hat Annette gemacht. Nach ihr kam Christine, Toni und Uta. Zuletzt hat sich Regula vorgestellt. Also: Annette, Christine, Toni, Uta, Regula«, wiederholte er. »Jetzt müsste eigentlich jeder Interessent den Namen seiner Wunschkandidatin kennen. – Regie, ich bitte darum, den ersten Anrufer ins Studio durchzustellen. Hallo? Zu welcher der Damen sollen wir einen ersten Kontakt herstellen, mein Herr? Ihnen stehen für ein erstes Gespräch maximal vier Minuten zur Verfügung. Nennen Sie uns bitte nur Ihren Vornamen und die Stadt, aus der Sie anrufen.«

»Guten Tag. Hier ist Christian. Ich rufe aus Hamburg an«, klang die Stimme des ersten Anrufers laut durchs Studio.

Der erste Anruf galt der langhaarigen Zwillingsmutter.

Nach einer knappen halben Stunde war das Interesse an den vorgestellten Damen ziemlich ausgeglichen. Bis ungefähr eine Viertelstunde vor Schluss der Sendung. Da kam im Studio plötzlich richtige Stimmung auf.

Saalbach kündigte den nächsten Anrufer mit einem breiten Grinsen an.

***

»Meine Damen und Herren, nach dem, was mir meine Redaktion gerade zuflüstert, haben wir es bei dem nächsten mit dem wohl ›ältesten‹ Anrufer zu tun, seit diese Show gestartet wurde. Ich bin selbst gespannt, um die Gunst welcher der hier vorgestellten Kandidatinnen sich der Bewerber bemühen will.« Saalbachs Lächeln wurde noch breiter, seine Stimme nahm an Lautstärke zu, wurde salbungsvoll wie die Stimme eines Marktschreiers. »Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir – Timo! Hallo, Timo! Kannst du mich hören?«

Das Publikum im Studio horchte auf.

»Hallo, Herr Saalfeld«, piepste plötzlich eine zugeschaltete Kinderstimme durchs Studio. »Na klar hör ich Sie! Und sehn kann ich Sie auch. Ich hab ja den Fernseher an.«

»Na prima, Timo«, entgegnete Saalfeld und lachte. »Dann schieß mal los. Zuvor aber – von wo rufst du überhaupt an?«

»Na, von hier aus der Stadt doch! Von gar nicht weit von hier weg. Wenn ich auf unserem Balkon steh, kann ich ganz weit hinten das Fernsehhaus erkenn.«

»Aha? So, nachdem das also geklärt ist, was hast du für ein Anliegen, Timo? Mit welcher der fünf Damen möchtest du dich unterhalten?«, hakte der Moderator nach.

Die Stimme des Jungen verlor ihre Festigkeit. »Ich … weiß nicht so genau«, kam es zögernd. »Mit Re … Re …«

»Regula meinst du?«

»Genau! Die hab ich gemeint!« Die piepsige Kinderstimme klang erleichtert. Den Namen Regula hatte Timo zuvor noch nie gehört. »Oder vielleicht mit der Annette?«, überlegte er laut. »Was meinen Sie?«, erkundigte er sich höflich.

»Mit welcher der Damen, das musst du schon selbst entscheiden«, antwortete Saalbach schmunzelnd. »Dabei kann ich dir nicht helfen. Na, mit wem denn nun, Timo? Entscheide dich.«

So nah vor dem gesteckten Ziel schien Timo der Mut nun ganz plötzlich doch zu verlassen. »Das weiß ich jetzt wirklich nicht so genau«, quengelte er kläglich.

»Gefallen dir wohl beide gleich gut, wie?«, erkundigte Saalbach sich schmunzelnd.

»Hm.« – Stille.

»Fangen wir’s mal andersrum an, Timo«, schlug der Moderator geduldig vor. »Ich stell dir jetzt mal ein paar Fragen. Und du beantwortest sie mir. Einverstanden? Vielleicht kommen wir so besser weiter.«

»Einverstanden«, japste Timo erleichtert.

»Also zunächst mal: Warum rufst du an, Timo? Du selbst suchst doch sicher noch keine Frau zum Heiraten?«

»Neee, ich bestimmt nicht.« Timo lachte glucksend. »Ich bin doch erst neun! Nö. Ich such eine Frau für meinen Papa!«

Ein kleiner Sohn, der via Bildschirm eine Frau für seinen Papa suchte! Nicht etwa eine Mutter für sich selbst. Nein, um den Papa ging es ihm. Die Anwesenden – und die Zuschauer an den Bildschirmen gewiss ebenso – waren gerührt.

Die Rührung nahm noch zu, als der Junge erklärend hinzufügte. »Meine Mama ist nämlich tot.«

»Ist sie … erst kürzlich gestorben? Rufst du deshalb an?«, erkundigte sich Saalbach mitfühlend.

»Neee. Schon als ich sieben war«, gab Timo bereitwillig Auskunft.

In seiner Stimme lag keine Spur von Traurigkeit. Zwei Jahre im Leben eines Kindes waren eine lange Zeit. Der Junge schien den Tod seiner Mutter inzwischen als etwas Unabänderliches akzeptiert zu haben. Deshalb verzichtete auch der Fernsehmoderator darauf, ihm sein Bedauern darüber auszudrücken.

»Und nun wünschst du dir, dass dein Papa wieder heiratet?«, fragte Saalbach stattdessen.