Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
KLAUS ist inspiriert von einem wahren Zusammentreffen zweier grundverschiedener Männer, deren eintöniger Tagesablauf sich dramatisch ändert, als sie beide einen Wink des Schiksals übersehen. Der Wahnsinn lebt oft in Gestalt des Gutbürgerlichen hinter der Tür nebenan. Oder ist die Geschichte von Klaus gar kein Wahnsinn? Ist er wirklich ein tragisches Opfer der großen Politik? Ist sein WG-Mitbewohner gar nicht der vertäumte Loser, den er vorgibt, sondern ein Geheimagent? Der geschickt wurde, um Klaus zu töten? KLAUS wähnt sich bedroht und versucht alles, um dem jungen Mann, Alex, zuvorzukommen und ihn auf verschiedene Weise zu erledigen. Die Geschichte veranlasst den Leser nicht alles zu glauben, was man als gegeben oder bekannt akzeptiert hat.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel I
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Als Alex an diesem Abend das schwere Eisengitter zum Hof seines Wohnkomplexes öffnete, waren seine Arme schwer wie Blei, seine Knie schmerzten und seine Füße brannten von der vielen Rennerei in der Fabrik. Die Last seines Schicksals beugte ihm den Rücken und dieses allgegenwärtige Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit, stellte sich jetzt umgehend ein, als er stoppte und den vor ihm liegenden Weg betrachtete.
Wie jeden Abend.
Irgendjemand hatte diese Wohnsiedlung in das Zentrum von München, irgendwann in den 1980er Jahren betoniert. Es waren graue Wohneinheiten in Schachtelform, deren kleine Fenster ahnen liessen, dass die Wohnungen dahinter, auch wenn sie groß waren, doch eng und beengend seien mussten.
Sie schimmelten.
Auch der Versuch die Erdgeschoßwohnungen durch ein kleines Gartenstück aufzuwerten, diente nur der weiteren Ausgrenzung der Nachbarschaft durch hohe Hecken, die an Mauern erinnerten.
Aber dieser trübe Anblick war für Alex gar nicht das Schlimmste. Auch nicht die Tatsache, dass er seit vier Monaten keine Miete mehr für dieses kleine Zimmer in der großen leeren Wohnung gezahlt hatte. Das Schlimmste war sie:
Vera!
Sie würde, wie jeden Abend, hinter besagter Hecke auf ihn lauern. Das war so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Sie wohnte mit ihrem dreijährigen Sohn in der Hausnummer sieben und Alex in der Hausnummer neun. Und der einzige Weg dorthin führte an ihrem Garten vorbei. Wahrscheinlich würde sie wieder einmal so tun, als ob sie in der Dunkelheit eine Gießkanne suchte, oder unbedingt einen Zweig, der nur sie störte, abschneiden müsste.
Seine Hände ballten sich bei dem Gedanken an ihre staubige Stimme zu Fäusten. Denn sie würde gleich wieder, überrascht tuend, rufen:
`Oh! Alex. Gut dich zu sehen. Willst du nicht auf ein Glas Wein hereinkommen? Nur kurz. Ich habe Neuigkeiten, die mußt du hören.´
Wie jeden Abend.
Dann würde sie ihn in dieses enge Esszimmer, dessen hinterer Teil die überladene, chaotische Küche darstellte, an den unaufgeräumten Tisch zwängen, vorgebend sich über Alex´ Besuch zu freuen. Mit glasigen Augen wird sie ihm dann den Rest des billigen Weins von Penny eingiessen, den sie seit heute Mittag nippelte.
Abwechslungsweise trägt sie dazu ein hautfarbenes Negligé, um ihren eingefallenen schlaffen Brüsten etwas Luft und Ausblick zu gönnen, oder einen extra kurzen Minirock mit hautfarbenen Strümpfen, die um ihre unförmigen Streichholzbeine schlackern. Auch erlaubt sie Alex, ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, indem sie sich mit offenem Schritt direkt ihm gegenüber positioniert.
Dazu würde sie versuchen verführerisch zu schauen und ihre Arme hinter dem Kopf verschränken - was aber immer nur den selben abstoßenden Effekt auf Alex hatte, da ihre verschwitzten Achselhaare einen unangenehmen Geruch von abgestandenem Talg absonderten.
Selbst wenn sie nicht sein Typ war, konnte er ihr doch eine gewisse Attraktivität assistieren, für die es sicherlich ein Klientel gab. Doch durch den Fakt alleine mit diesem häßlichen Kind sitzen gelassen worden zu sein, das permanent Aufmerksamkeit und Liebe der Mutter einforderte, hatte ihre verzweifelte und hoffnungslose Seite den Charakter übernommen. Sie wirkte alt, muffig, ja abgestanden, obwohl sie nur ein oder zwei Jahre älter war als Alex.
Sie würde, wie immer, anfangen nach seinem Befinden zu fragen, nur um dann sehr zielstrebig ihr tägliches Angebot, der Stiefvater des Balges zu werden, zu wiederholen. Aber Alex wehrte sich seit Monaten dagegen, in diese klebrige und absolut tödliche Falle zu tappen, was bei Vera schon eine genervte Ungeduld begründete.
Dann würde sie ihm die Mietpistole auf die Brust setzen und ihn daran erinnern, dass man die letzten vier Monate ja auch in Naturalien begleichen könne.
Alex war sich völlig im Klaren darüber, dass es genau diese erniedrigende Option war, die ihn Überstunden in der Fabrik schieben ließ. Trotzdem reichte das Geld vorne und hinten nicht, was Vera genussvoll registrierte und ihr die Sicherheit gab, den leckeren Happen doch noch irgendwann in ihren knochigen Klauen zu halten.
Aber noch hatte Alex einen Trumpf in seinen schmerzenden Händen.
Denn Vera war nicht nur seine Vermieterin. Sie nannte sich auch seine Agentin. Mit diesem Trick hatte sie den unerfahrenen Alex in ihr Spinnennetz gelockt, in dem er jetzt festklebte.
Seit Monaten köderte sie ihn mit dem Versprechen, dass ein wichtiger Regisseur die Fotos von Alex gesehen habe und ihn unbedingt für die Hauptrolle des neuen internationalen Kinofilms über die Schlacht von Stalingrad besetzen wolle. Nur verschob dieser gar so wichtige Mann jedes Mal die Treffen an Veras Küchentisch.
War diese ihm zu unordentlich, oder hatte er schon mit ihr geschlafen?
Wie auch immer.
Seit genau so vielen Monaten rannte Alex in die Fabrik G&D am Stadtrand, in der Geldscheine, Banknoten, Briefmarken und Kreditkarten gedruckt werden, in die Poststelle und ließ sich vom Sepp, seinem Chef, der ihm selbst in seinen Cowboystiefeln nur bis zur Brust reichte, durch die endlos langen Gänge im dritten Untergeschoß jagen, deren Heizungs- und Abwasserrohre an der Decke durch das fahle Neonlicht, an einen Horrorfilm erinnerten.
Aber glich sein Leben nicht sowieso schon einem Horrorfilm?
Wurde denn nicht alles jeden Tag schlechter, seit er sich vor drei Jahren entschloßen hatte, gegen den Rat seiner Familie und aller seiner Freunde, Schauspieler zu werden?
Die Last dieser letzten Jahre war es, die ihm jetzt den Rücken beugte und nur das Grau des Lebens sehen ließ.
Drei Jahre lang hatte er sich mit den verschiedensten Jobs, sieben Tage pro Woche, versucht über Wasser zu halten. So knechtete er an den Wochenenden als Tellerwäscher, bis sie ihn zum Barkeeper beförderten, unter der Woche hetzte er nach dem Schauspielunterricht in die kleine Sonnenschutzfirma, wo er im Keller Markisen zusammenschraubte und diese bei Bedarf auch noch im zwölften Stock irgendwelcher Hochhäuser an die Balkone alter Damen montierte. Er renovierte und entrümpelte Wohnungen, versuchte in einem Puppentheater Hundertschaften von Grundschülern ein Verständnis für Umweltschutz zu vermitteln oder lieferte Pizza, Bier und Wein in Zehnstunden-Schichten an die Arbeiterklasse Giesings.
Die lukrativste Einnahmequelle dieser Zeit aber war sein Bekannter Uwe, dem er alle drei Wochen die Haare für den Preis eines Abendessens schnitt. Als der Ingenieur seine Homosexualität mit Mitte dreißig entdeckte, streunte er jeden Abend durch das Glocken-bachviertel auf der Suche nach dem nächsten Kick oder dem neuesten Darkroom.
Und den Treibstoff dafür lieferte Alex.
Nicht nur bezahlte Uwe, der sich nach seinem Coming-out in Sascha umbenannte, gut, es blieb auch immer noch ein bißchen für Alex übrig, um diese anstrengende und demotivierende Realität für ein paar Stunden vergessen zu können.
Da die Modedroge der Schwulenszene Extasy war, überredete Alex Sascha nicht nur gleich die Monatspackung von fünfhundert Stück zu kaufen, sondern auch noch ein halbes Kilo Marihuana dazu, um wieder runter zu kommen. Alex mochte kein Extasy und Sascha kein Marihuana, also überließ er dieses mitleidig dem darbendem Alex.
In diesen trüben Gedanken versunken, war Alex längst an der hinterhältigen Hecke von Haus Nr. 7 vorbei geschlichen, ohne dass diese zu ihm gesprochen hätte, auch brannte kein Licht bei Vera. Glücklich registrierte er das Licht in seiner Wohnung. Es kam aus dem zweiten bewohnten Zimmer, des als Büro geplanten Apartments. Dort lebte Giulia, das italienische Kindermädchen von Vera.
Giulia war der einzig vernünftige Mensch in Alex´ Dasein, dachte er beim Anstieg in den zweiten Stock gerade, als sich die Haustür just in dem Moment öffnete, als er den Schlüssel reinstecken wollte.
Und da stand sie: Vera!
Aber nicht mit Giulia, sondern mit ihrem Vater.
Klaus war nicht Veras Vater, sondern der neue Untermieter. Und der erkannte auf den ersten Blick, dass auch dieser blasse Alex, der jetzt wie vom Blitz getroffen, panisch Vera anstarrte, keine Gefahr für ihn darstellen würde. Klaus kannte seine Rolle zu gut und spielte sie souverän und nonchalant, als er die Spannung löste, indem er Alex seine Hand hinstreckte.
Er hatte sich die Identität eines Ersten Aufnahmeleiters bei einer dieser zeitlos-langweiligen Vorabendserien des deutschen Fernsehens, unter dem Namen Klaus Zeitler, angeeignet. Das erklärte die Anwesenheit des Berliners in München und gab ihm die Möglichkeit seine Recherchen über die Besitzungen seiner Mutter als offizielle Suche nach Filmmotiven für die Serie zu tarnen.
Dadurch hatte er auch diese Vera kennengelernt, die am Set die Komparsen betreute, aber der fixen Idee verfallen war, zu einer großen Agentin für Schauspieler berufen zu sein. Sie hatte ihm schon diesen Alex als den kommenden James Dean angepriesen. Von dem hatte dieser aber höchsten den Händedruck - den eines Toten. Der Typ war zwar jung und sportlich gebaut, aber eine Pfeife. Dank seiner Ausbildung durch den MI 5 hatte Klaus gelernt, sein Gegenüber innerhalb von Sekunden einzuschätzen. Körpersprache, Körperspannung, Augenkontakt, Stimmlage - all das ließ ihn diesen Alex lesen, wie ein offenes Buch. Und was er in den flickrigen Augen des Jungen las, war eher `Der Fänger im Roggen´ als der `Triumph des Willens´.
Bei Vera war das schon etwas Anderes. In ihr las er wie in einer Teenagerzeitschrift oder einer dieser Frauenmagazine, die beim Friseur ausliegen und in denen es immer nur um den `ultimativen und besten Sex des Jahres´, oder gar des Lebens geht. Vera war notgeil. Klaus konnte das riechen. Und den Gedanken mit ihr schlafen zu müssen, um dieses Zimmer zu ergattern, das sein Cover perfekt machen würde, liess ihn die Gewohnheit verfluchen, keinen Alkohol zu trinken. Alkohol macht schwach. Geistig und körperlich. Und trübt die Wahrnehmung. Er konnte sie sich nicht einmal schön saufen, da er dann keinen mehr hoch kriegen würde - Erfahrungen. Aber war er nicht schon in schwierigeren Situationen gewesen?
War er!
Damals - es muß so um 1972 gewesen sein - als er endgültig beschloß unterzutauchen und seine Pässe verbrannte - eigentlich ließ er sie demonstrativ in diesem Hotelzimmer in Chamonix am Fuße des Mont Blanc liegen, damit sie alle finden konnten - und mit Barbara nach West-Berlin abhaute. Er hatte Barbara in der Notaufnahme kennengelernt, wo sie ihm die Kugel aus der Schulter holten. Es war der dritte Anschlag innerhalb von fünf Jahren gewesen. Klaus hatte die politische Situation in Argentinien immer genau verfolgt und die Flucht von Juan Peron nach Italien zog die Aufmerksamkeit der Geheimdienste wieder mehr auf den alten Kontinent. Nur während Juan Peron gut beschützt von seinen Wächtern in einer Villa in Saus und Braus lebte, war er, Klaus, ein leichtes Ziel.
Dieses Mal hatte Klaus keinen Schuß gehört. Also mußten sie Schalldämpfer benutzt haben. Was auf dieser Skipiste, voll mit Touristen, auch klar die angebrachteste Lösung war. Zum Glück trug er an diesem Tag einen Helm, weswegen sie wohl nicht auf seinen Kopf gezielt hatten. Es fühlte sich an wie ein glühend heißer Biss in seine Schulter, als er getroffen zu Boden fiel, aber er sprang instinktiv auf seine Ski und raste im Vollschuß ins Tal, eine rote Spur auf weißem Schnee hinterlassend. Erst am Lift brach er zusammen und wachte in der Notaufnahme wieder auf, wo sein erster Blick auf dieses blonde Hippie-Mädchen fiel, die neben seiner Trage auf dem Boden kauerte, sich den Bauch hielt und stöhnte. Hatten die das arme Ding etwa auch erwischt? Mit einem Bauchschuß?
Sie hatte ihre Tage. Er lächelte sie schwach an und sie lächelte verkrampft zurück.
Nachdem sie die Kugel entfernt hatten, der Polizist einen `Jagdunfall´ zu Protokoll nahm und Klaus sich aus dem Krankenhaus schlich, stand sie da.
Barbara.
Jung, unerfahren, verträumt, frierend in einem bodenlangem Batik-kleid und ausgelatschten Halbschuhen.
Eigentlich war diese Hippiemode nie sein Ding. Er mochte saubere, gepflegte Frauen, die sich adrett und kultiviert geben konnten, aber Arm in Arm mit diesem Blumenmädchen, das auf dem Weg zu den Stränden Südfrankreichs in dem noblen Chamonix keine Mitfahrgelegenheit an Land ziehen konnte, in sein Hotel zu schlendern, war die beste Tarnung um hier lebend herauszukommen. Und nachdem sie sein Hotelzimmer, oder besser gesagt, seine Suite, gesehen hatte, war es ein Leichtes ihr den Prinzen vorzuspielen, der mit ihr zurück nach West-Berlin trampen würde. Denn Südfrankreich war dem Prinzen auch zu gefährlich. Aber das sagte er ihr nicht.
Klugerweise behielt er seinen deutschen Pass und war schneller in dieser Hippie-Kommune am Stuttgarter Platz, als ihm lieb war. Es war nicht ganz klar, wie viele Leute hier eigentlich lebten, denn es war ein ständiges Kommen und Gehen, aber die Basistruppe bestand aus fünf Männern und drei Frauen, die sich auf Matratzen und Kissen, welche in allen Zimmern auf dem Boden verteilt lagen, suhlten. Mehr oder weniger angezogen und mehr weniger, als mehr gewaschen, trieb hier Jeder mit Jedem wonach ihm oder ihr gerade war. Kiffen, spritzen, trinken, kotzen, knutschen, streiten, schlafen und sogar Geschlechtsverkehr, wann und mit wem man wollte. Klaus ekelte sich. Aber auch er teilte sich behaarte Frauen mit noch behaarteren Männern und niemand fragte nach seiner Herkunft oder seiner Vergangenheit. Man mußte diesen Idioten nur irgendeine völlig abstruse Phantasie-geschichte über irgendwelche magische Reisen oder kosmische Visionen erzählen und sie liessen dich gewähren.
Durch alle diese, längst vergangenen, Erinnerungen hörte er jetzt diese Vera einladend fragend, ob man nicht noch ein Gläschen Wein zusammen bei ihr trinken wolle. Auch wenn sie die Frage an alle richtete, konnte Klaus in ihrem Gesicht die Erleichterung sehen, als sich die unentdeckte Größe der deutschen Schauspielkunst Entschuldigungen herauswürgend ins Badezimmer verzog und sie ihn, Klaus, fröhlich zur Tür rausschob.
Also checkte er seine Hosentasche nach den Kondomen.
In der Nummer 7 angekommen, nahm sie zuerst eine volle Windel mit der Entschuldigung, dass ihr italienisches Kindermädchen gekündigt hätte, vom Küchentisch, und holte eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank. Eigentlich hatte Klaus nicht die geringste Lust auf Small-talk und wollte das Geschäftliche gleich hinter sich bringen, aber sie wollte zuerst reden.
Das rettete ihm das Leben.
Denn bevor er noch die Flasche entkorkt hatte und sie es schaffte das Sofa unter Unmengen von Kinderspielzeug und Kleidung auszu-graben, kam der rettende Schrei aus der Besenkammer, die als Kinderzimmer diente, und eine entnervte ältere Dame drückte Vera ein brüllendes Bündel rotköpfigen Kleinkindes in die Hand und verschwand.
Frau Laxa.
Die renitente, liebesbedürftige Brut in den Händen verwandelte sich Vera augenblicklich in die überforderte hysterische Mutter, die sie so sehr hasste, und das letzte Promille hart erarbeiteten Sexappeals zerstäubte im fahlen Licht der Realität.
Klaus nutzte die Gelegenheit, sich in die Hausnummer 9 zurückzuziehen, indem er vorgab noch etwas für die Arbeit vorbereiten zu müssen.
Er wollte diesen Alex mal unter die Lupe nehmen. Vielleicht konnte er ihn gebrauchen.
Der Morgen war frisch und Evita fühlte sich ausgeschlafen und stark, den Geruch der Chrysanthemen durch das geöffnete Fenster inhalierend, als sie sich ihr Reisekleid und die bequemen Schuhe anzog. Die Reise würde wieder ewig dauern. Das war ihr klar. Von Buenos Aires nach Rio de Janeiro, dort zwei Stunden Aufenthalt. Dann weiter nach Caracas in der Hoffnung, den versprochenen Anschlußflug sogleich besteigen zu können, um von dort direkt nach Miami fliegen zu können. Aber es war Hurrikan Saison und das Wetter im Golf von Mexico war unvorhersehbar.
Ihre Mission war klar. Aber inoffiziell.
Das war der kritische Punkt.
Sie war in Lateinamerika bekannt wie ein bunter Hund und die einfachen Leute, wie die Kofferträger oder Schuhputzer, die Frauen, die an den Ampeln, am Flughafen, in den Restaurants, oder wo auch immer, Blumensträusschen verkauften, um ihren Familien ein bescheidenes Zubrot zu verdienen - alle diese Menschen vergötterten sie und würden sie leicht erkennen.
Also band sie ihre blondierten Haare unter einem unscheinbaren Kopftuch zusammen, zog den braunen Mantel an, obwohl sie den weißen viel lieber mochte, denn der war maßgeschneidert, und hoffte, so wie eine Durchschnittsreisende auszusehen. Aber es waren ihre Augen, die jeden als Erstes in den Bann zogen - also eine Sonnenbrille, aber die von ihrem Dienstmädchen.
Juan wartete schon am Wagen, rauchend. Auch er hatte einen unauffälligen braunen Anzug an, ließ es sich aber nicht nehmen sie persönlich zum Flughafen zu bringen, um sie noch einmal genauestens zu instruieren.
Auch wenn er sie benutzte, oder besser gesagt ihre Jugend und Attraktivität, um Kontakte zu wichtigen Politikern, Senatoren, Geheimdienstlern oder Gewerkschaftsführern zu eröffnen, konnte er seine Eifersucht doch nur schwer vor ihr geheim halten. Aber wozu?
Sie wußte doch auch um seine Affären, sobald sie mal nicht den Abend mit ihm verbrachte.
Denn auch wenn Juan Peron es geschafft hatte, den Geheimdienst zu kontrollieren, so blieb er doch der Geheimdienst und tat was so ein Dienst zu tun hat: er sammelte Geheimnisse! Auch die intimsten. Um sie dann bei Gelegenheit zu benutzen, sie preiszugeben, wenn es dienlich schien. Und was bei ausländischen Politikern, Senatoren und Gewerkschaftsführern funktionierte, funktionierte genauso gut bei jungen argentinischen Agenten. Evita wickelte sie um den kleinen Finger und sie erzählten ihr alles.
Aber der Sermon auf der Fahrt zum Flughafen gehörte nunmal zum Ritual.
Also wiederholte ihr Juan, wie sie, Evita, am besten an den ehemaligen König von England, Edward VIII, herankäme. Der war von seinem Bruder, George VI, auf den Bahamas in der Funktion des britischen Konsuls oder Botschafters geparkt worden, nachdem er während des Krieges zu einer echten Gefahr für das untergehende Empire geworden war.
Edward sprengte nicht nur die royale Etikette, indem er an seiner `bürgerlichen´, ja sogar geschiedenen, und vor allem amerikanischen Geliebten festhielt, sondern dankte gar auch noch ab, als seine Familie ihn zwingen wollte der Schauspielerin den Laufpass zu geben. Diese Sturheit nötigte seinen jüngeren Bruder, Albert, den Thron von England als George VI zu übernehmen, doch der stotterte so stark, dass versucht wurde die offiziellen Auftritte noch ein wenig länger dem weltgewandten Edward zu überlassen. Dummerweise war der nicht nur in Liebesangelegenheiten stur, sondern auch politisch von der Idee der Feinde Englands angetan. Er suchte den Dialog mit Hitler.
