KLEIN-DORRIT - Charles Dickens - E-Book

KLEIN-DORRIT E-Book

Charles Dickens.

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Beschreibung

In Charles Dickens' Buch 'Klein-Dorrit' tauchen wir ein in das viktorianische London und folgen der Geschichte der jungen Amy Dorrit, die im berühmt-berüchtigten Schuldgefängnis Marshalsea lebt. Dickens präsentiert uns eine Welt von Armut, Korruption und Klassenunterschieden, die durch seinen unverkennbaren literarischen Stil lebendig wird. Seine detaillierte Darstellung der menschlichen Natur und seiner Satire auf die sozialen Missstände seiner Zeit machen dieses Werk zu einem Klassiker der Weltliteratur. 'Klein-Dorrit' ist ein fesselndes, vielschichtiges Werk, das sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 1789

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Charles Dickens

KLEIN-DORRIT

Einführung, Studien und Kommentare von Friederike Adler
Bereicherte Ausgabe. Klassiker der englischen Literatur
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
KLEIN-DORRIT
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Klein-Dorrit erzählt von sichtbaren und unsichtbaren Gefängnissen, die Menschen und Gesellschaft fesseln. Charles Dickens entfaltet daraus eine Geschichte, in der materielle Armut, moralische Verantwortung und institutionelle Trägheit unauflöslich miteinander verknüpft sind. Das Buch fragt, wie Freiheit unter Bedingungen entsteht, die sie systematisch verhindern, und wie Güte ihre Wirkung entfalten kann, selbst wenn sie kaum Macht besitzt. Im Zentrum steht nicht nur ein Ort der Haft, sondern ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Selbstbildern und Erwartungen. So entsteht ein Panorama, das das Einzelschicksal beleuchtet und zugleich die Mechanik einer ganzen Epoche sichtbar macht, ohne die menschliche Würde aus dem Blick zu verlieren.

Als Werk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gilt Klein-Dorrit als klassischer Gesellschaftsroman. Dickens, 1812 geboren und 1870 verstorben, veröffentlichte den Text zunächst zwischen 1855 und 1857 in Fortsetzungen und legte ihn 1857 als Buch vor. Die Entstehungszeit spiegelt sich in jeder Seite: Industrialisierung, expandierende Handelsnetze und ein administratives System, das seine eigenen Abläufe wichtiger nimmt als den Menschen. Zugleich zeigt sich Dickens’ erzählerische Reife: Er verbindet satirische Schärfe mit Anteilnahme, Weite mit Detailtreue. Der Roman steht damit in einer Linie mit seinen großen Sozialstudien und zeigt, wie Literatur gesellschaftliche Zustände erkennbar und diskutierbar machen kann.

Die Ausgangssituation ist klar umrissen: Eine junge Frau, die man Klein-Dorrit nennt, wächst in unmittelbarer Nähe eines Schuldgefängnisses auf, das ihr Lebensraum und ihr Blickfeld bestimmt. Ihre Familie ist von Abhängigkeiten gezeichnet, in denen Fürsorge, Scham und Stolz aufeinanderprallen. Parallel kehrt Arthur Clennam nach Jahren im Ausland nach London zurück. Er trägt Fragen mit sich, die seine Herkunft und eine alte Verpflichtung betreffen. Als sich ihre Wege kreuzen, beginnt eine behutsame Annäherung zweier Welten. London bildet den Resonanzraum: Straßengewirr, Amtsstuben, Wohnquartiere und die stumme Präsenz von Mauern, die mehr sind als nur Ziegel und Kalk.

Klein-Dorrit ist ein Roman über Schulden – finanzielle wie moralische. Dickens zeigt, wie Verpflichtungen Menschen prägen, Familien binden oder zermürben und Institutionen stabilisieren, die sich selbst wichtiger nehmen als ihren Zweck. Armut erscheint dabei nicht lediglich als Mangel an Geld, sondern als Netz sozialer Begrenzungen, das Bewegungsfreiheit, Hoffnung und Selbstverständnis formt. Der Roman fragt, was Verantwortlichkeit bedeutet, wenn die Regeln des Spiels ungleich sind, und ob Mitgefühl eine Form von Handlungsfähigkeit schafft. So entsteht ein dichtes Bild von Freiheit und Abhängigkeit, das über Einzelfiguren hinaus ein System beleuchtet, das Menschen ordnet und einhegt.

Berühmt ist Dickens’ beißende Satire auf die Bürokratie, die Verzögerung zur Tugend erhebt. Das von ihm gezeichnete Behördensystem wirkt wie ein Mechanismus, der Energie verschlingt, aber kaum Lösungen hervorbringt. Akten, Aktenzeichen und Abfertigungen sind nicht nur Details, sondern Symbole einer Kultur, die Verantwortung zerstreut. In diesem Spiegel zeigt sich die Kälte eines Apparats, der Menschen zu Vorgängen schrumpft. Der Roman demonstriert, wie Institutionen, die dem Gemeinwohl dienen sollen, sich zur Bühne für Selbsterhalt und Umständlichkeit entwickeln – und wie Einzelne dennoch versuchen, in diesem Gefüge integer zu bleiben.

Formal verbindet Dickens Panorama und Präzision. Er verschränkt Handlungsstränge, wechselt Perspektiven, nutzt Komik und Pathos, um Spannungen auszubalancieren. Wiederkehrende Motive – Türen, Schlüssel, Korridore, Reisen – wirken als Signale einer Welt, in der Wege geöffnet oder versperrt werden. Die Figuren sind markant konturiert, oft durch Namen, Gewohnheiten und Redeweisen charakterisiert, die ihre sozialen Rollen sichtbar machen. Zugleich gelingt es dem Erzähler, selbst Randerscheinungen lebendig werden zu lassen. Der Stil ist sinnlich, bildhaft, mit einem Gespür für Rhythmus und Beschleunigung, das der seriellen Veröffentlichung entstammt und die Lektüre bis heute trägt.

Historisch wurzelt der Roman in der Realität der Schuldgefängnisse, die im 19. Jahrhundert zum Alltag der britischen Städte gehörten. Dickens kannte die Härte dieser Welt aus eigener Anschauung: Die Haft seines Vaters in der Marshalsea prägte sein Verständnis von Demütigung, Scham und Zusammenhalt. In Klein-Dorrit verwandelt er Erfahrung in Kunst, ohne ins Dokumentarische zu kippen. Seine Schauplätze – das Gefängnis, die Londoner Straßen, die Amtsräume – sind zugleich konkret und emblematisch. Der Roman schafft damit einen Zugang zur viktorianischen Sozialordnung, der nicht museal wirkt, sondern die Mechanismen jener Ordnung freilegt.

Als Klassiker gilt Klein-Dorrit, weil es einen Maßstab setzt für den Gesellschaftsroman: erzählerische Kraft, moralische Ernsthaftigkeit und formale Geschlossenheit greifen ineinander. Das Werk gehört zur späten Reifephase des Autors und steht neben anderen großen Studien sozialer Verhältnisse. Kritikerinnen und Kritiker haben immer wieder hervorgehoben, wie präzise der Text das Verhältnis von Individuum und Institution denkt. Zugleich bleibt die Geschichte zugänglich: Sie ist verständlich, ohne simpel zu sein, und vielstimmig, ohne zu zerfasern. So verbindet sie Lesevergnügen und Analyse, Bewegtheit und Beobachtung – eine Kombination, die das Prädikat „klassisch“ verdient.

Der literarische Einfluss zeigt sich in zweierlei Hinsicht: Zum einen prägt Dickens’ Satire auf die Verwaltung spätere Darstellungen moderner Bürokratien, die das Verschleppen von Entscheidungen als Machttechnik verstehen. Zum anderen ermutigt die menschliche Perspektive auf Armut und Verschuldung zu einer Literatur, die soziale Fragen nicht von außen, sondern aus konkreten Lebenslagen heraus erzählt. Übersetzungen und zahlreiche Bühnen- und Fernsehbearbeitungen haben die Wirkung des Romans über Sprachgrenzen getragen. So bleibt Klein-Dorrit ein Bezugspunkt für Autorinnen und Autoren, die Komik, Empathie und Strukturkritik zu einer tragfähigen Form verbinden möchten.

Ein zentrales Element seiner anhaltenden Kraft liegt in der Darstellung von Empathie. Dickens zeigt, dass Mitgefühl nicht bloß Gefühl ist, sondern eine Art Wissen: Wer die Lage des anderen erkennt, handelt anders und sieht die Welt anders. Diese Einsicht wird nie predigend vorgetragen, sondern erzählerisch erprobt. Menschliche Würde erscheint dabei als Ressource, die unter Druck zu wachsen vermag. Die Figuren gewinnen Tiefe aus ihrer Verletzlichkeit, nicht aus Unfehlbarkeit. Dadurch hält der Roman die Balance zwischen Trost und Unruhe: Er tröstet, indem er hinzuschauen lehrt, und beunruhigt, indem er Anteilnahme in Verantwortung übersetzt.

Heute bleibt Klein-Dorrit relevant, weil Fragen nach Schulden, Ungleichheit und administrativer Komplexität keineswegs erledigt sind. Viele Leserinnen und Leser erkennen in den beschriebenen Strukturen vertraute Muster: die Verlangsamung von Verfahren, das Durchreichen von Verantwortung, die Unsicherheit, die aus undurchsichtigen Regeln erwächst. Zugleich lädt der Roman dazu ein, jenseits von Systemdiagnosen auf konkrete Beziehungen zu blicken. Er schlägt vor, dass Veränderung nicht allein von oben kommt, sondern aus alltäglicher Aufmerksamkeit. So macht das Buch sensibel für die Grenzen der Institutionen – und für die Möglichkeiten des Handelns im Kleinen.

Wer Klein-Dorrit heute aufschlägt, findet eine sorgfältig komponierte, zutiefst menschliche Erzählung vor, die ohne Vorwissen zugänglich ist und doch bei jeder Lektüre neue Facetten zeigt. Sie bietet eine klare Ausgangslage, entwickelt Spannung aus Charakteren und Konstellationen und verzichtet auf Sensationslust. Die zeitlosen Qualitäten – sprachliche Lebendigkeit, genaue Beobachtung, ethische Neugier – verbinden sich zu einer Lektüreerfahrung, die Kopf und Herz fordert. Darin liegt der bleibende Wert dieses Romans: Er macht sichtbar, was festhält, und erinnert daran, wie Befreiung beginnt – als Bewegung des Blicks, der Sprache und der Beziehungen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Charles Dickens’ Roman Little Dorrit (deutsch oft Klein(e) Dorrit) entwirft ein vielschichtiges Bild des viktorianischen London und seiner Abhängigkeit von Schulden, Bürokratie und sozialem Schein. Im Zentrum steht Amy Dorrit, ein junges Mädchen, das im Marshalsea-Schuldgefängnis aufwächst, sowie Arthur Clennam, der nach Jahren aus dem Handel in Asien nach Hause zurückkehrt. Eine rätselhafte Andeutung seines sterbenden Vaters weckt Arthurs Gewissen und die Frage, ob seiner Familie eine verborgene Verpflichtung gegenüber anderen Menschen obliegt. Zugleich zeichnet Dickens das Gefängnis als realen Ort und als Metapher für gesellschaftliche Zwänge. Der Auftakt etabliert Figuren, Milieus und Konflikte, die sich nach und nach verschränken.

Arthur sucht die Wahrheit im dunklen, strengen Haus seiner Mutter, deren unnachgiebige Frömmigkeit mit starren Geheimnissen verbunden ist. Dort begegnet er Amy Dorrit, die als Näherin kleine Dienste verrichtet und abends zu ihrer Familie in das Marshalsea zurückkehrt. Arthur betritt die Welt der Schuldner, lernt Amys Vater William Dorrit kennen, der sich in seinem Elend eine zerbrechliche Würde bewahrt hat. Dickens kontrastiert private Güte und öffentliche Erniedrigung und zeigt, wie sich Selbstbilder unter Druck verfestigen. Für Arthur verbindet sich Mitgefühl mit der Erkenntnis, dass das, was gefangen hält, nicht nur Mauern sind, sondern auch unklare Gewissenslasten, Tabus und soziale Erwartungen.

Über das enge Quartier in der City hinaus öffnet sich die Handlung zu bürgerlichen Kreisen. Arthur freundet sich mit der Familie Meagles an; deren Warmherzigkeit steht für ein lebensnahes Gegenmodell zur Strenge der Clennams. Er empfindet eine stille Zuneigung zur Tochter, während deren Umfeld den charmanten, doch selbstbezogenen Künstler Henry Gowan anzieht. Zugleich begegnet Arthur dem findigen Erfinder Daniel Doyce, dessen praktische Neuerung am träge-unangreifbaren Circumlocution Office scheitert. Diese satirisch gezeichnete Behörde verkörpert Verschleppung und Verantwortungsdiffusion. Arthurs Wunsch, Gutes zu tun, prallt so an Strukturen ab, die Hilfsbereitschaft entmutigen und Interessen verschleiern, während persönliche Verflechtungen seine Entscheidungen erschweren.

Ein neuer Impuls entsteht, als Arthur sich vornimmt, der Familie Dorrit wirkliche, nicht nur tröstende Hilfe zu verschaffen. Über den exzentrischen Mieterheber Mr. Pancks, der im Schatten des mild auftretenden Patrons Mr. Casby arbeitet, geraten trockene Zahlen, alte Akten und komplizierte Forderungen in Bewegung. Pancks’ Nachforschungen deuten auf einen unerwarteten rechtlichen Anspruch, der mit der Vergangenheit der Dorrits verknüpft ist. Ohne die Einzelheiten vorwegzunehmen: Diese Entdeckung markiert einen Wendepunkt, der das Kräfteverhältnis zwischen Bedürftigkeit und Ansehen verschiebt. Dickens nutzt die Wendung, um zu zeigen, wie Zufall, Pflicht und Systemfehler Biographien umformen können – und wie Charaktere unter veränderten Vorzeichen reagieren.

Mit der Veränderung der Lage lösen sich äußere Fesseln, doch innere Bindungen bleiben. Die Dorrits verlassen die Enge des Gefängnisses und betreten eine Welt aus Repräsentation, Etikette und Reisekulissen, die sie auf dem Kontinent zu verfeinern suchen. Eine Anstandsdame wacht über Manieren, während William Dorrit zwischen Stolz und Scham hin und her gerissen ist. Amy bleibt der leise, fürsorgliche Mittelpunkt, dem Glanz und Titel wenig bedeuten. Dickens entfaltet Komik und Melancholie: die komödiantischen Verrenkungen des gesellschaftlichen Aufstiegs stehen neben Momenten echter Unsicherheit. Der Wechsel der Kulisse zeigt, wie hartnäckig Herkunft, Erwartungen und Selbsttäuschung an den Figuren haften.

Parallel verdichtet sich eine düstere Linie. Ein undurchsichtiger Abenteurer, der unter wechselnden Namen auftritt, knüpft Beziehungen zu Menschen am Rand, nutzt Verletzlichkeiten und tastet sich an die Clennams heran. Miss Wade und andere, von alten Kränkungen geprägte Figuren, geraten in seinen Umkreis. Im Haus der Clennams halten stumme Rituale, verschlossene Schränke und der doppelbödige Diener Jeremiah Flintwinch eine angespannte Ordnung aufrecht, die von Mrs. Clennams Starrheit zusammengehalten wird. Das Motiv eines verborgenen Unrechts, das in die Gegenwart ausstrahlt, wird stärker. Die Handlung arrangiert so moralische und kriminalistische Elemente, ohne sie zu einem offenen Skandal explodieren zu lassen.

Der gesellschaftliche Hintergrund wird von einer Verehrung für Finanzzauberer geprägt, die scheinbar mühelos Reichtum erzeugen. Der hochgejubelte Mr. Merdle steht für diese Gläubigkeit an große Namen und leere Garantien. Arthur arbeitet inzwischen mit Daniel Doyce zusammen, doch das System schiebt die Anerkennung des Erfinders weiter hinaus. Auf der Suche nach Stabilität verknüpfen sich bürgerliche Ersparnisse mit modischen Anlagen. Als das Vertrauen reißt, geraten Status, Sicherheit und Gewissheiten ins Wanken. Dickens schildert die plötzliche Umkehr der öffentlichen Meinung und die Kettenreaktion eines wirtschaftlichen Schocks, der nicht nur Vermögen, sondern auch Selbstbilder und Beziehungen ins Trudeln bringt.

Die Folgen treffen Figuren, die sich ohnehin zwischen Pflicht und Selbstbehauptung bewegen. Arthur wird mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen ebenso konfrontiert wie mit den undurchsichtigen Geschäften anderer. Seine moralische Grundhaltung wird in einer existenziellen Bewährungsprobe sichtbar, die ihn direkt an die Funktionsweise des Schuldenwesens heranführt. Die Dorrits ringen derweil mit der Frage, wer sie ohne die alten Rollen sind und wessen Erwartungen sie erfüllen wollen. Amy bleibt ein Maßstab der Menschlichkeit, doch Zuneigung, Dankbarkeit und Stolz geraten in feine Unordnung. Dickens belässt zentrale Fragen nach Schuld, Verantwortung und Vergebung lange in der Schwebe, um Spannungen produktiv zu halten.

Am Ende steht weniger eine simple Auflösung als eine vielstimmige Bilanz über sichtbare und unsichtbare Gefängnisse. Little Dorrit verbindet Gesellschaftssatire, Familiengeheimnis und Gefühlsgeschichte zu einer Kritik an Institutionen, die niemandem wirklich dienen. Der Roman stellt die Frage, was echte Freiheit sein kann, wenn Herkunft, Bürokratie und Geldströme Menschen lenken, und bekräftigt zugleich die leise Kraft von Rücksicht, Arbeit und Loyalität. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Verbindung von Empathie und Strukturkritik: Dickens zeigt, dass Systeme nur so menschlich sind wie die Entscheidungen der Personen, die sie tragen – und dass Mitgefühl eine politische Dimension hat.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Klein-Dorrit spielt vor dem Hintergrund des viktorianischen Großbritanniens der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem in London, wo Industrialisierung, Imperium und eine wachsende Bürokratie den Alltag prägen. Dominante Institutionen sind das Gefängniswesen für Schuldner, der expandierende Staatsdienst, sich rasch entwickelnde Finanzmärkte und ein dichtes Netz privater Wohltätigkeit. Die Stadt wächst in einem Tempo, das Armut ebenso sichtbar macht wie neuen Reichtum. Die Handlung greift diese Kontraste auf: Eingeschlossenheit und Mobilität, alte Rechtspraktiken und moderne Verkehrswege, traditionelle Moral und spekulative Ökonomie. Dickens nutzt diesen Rahmen, um Machtverhältnisse und soziale Abhängigkeiten in einer sich beschleunigenden Gesellschaft zu vermessen.

Der Entstehungskontext des Romans liegt in den Jahren 1855 bis 1857, als Dickens die Geschichte in monatlichen Lieferungen veröffentlichen ließ, begleitet von Illustrationen H. K. Brownes („Phiz“). Die seriellen Erscheinungsformen prägten die Lektürepraxis eines stark anwachsenden bürgerlichen Publikums und förderten öffentliche Diskussionen über soziale Missstände. Durch die Staffelform konnte Dickens aktuelle Themen laufend einarbeiten und Spannungsbögen so gestalten, dass moralische und gesellschaftliche Fragen im Gespräch blieben. Der Modus des Fortsetzungsromans – mit Cliffhangern, Kontrasten und wiederkehrenden Motiven – passt zur hektischen, fragmentierten Erfahrung der modernen Metropole, die der Text kritisch spiegelt.

Zentral ist das System der Schuldnergefängnisse, insbesondere das Marshalsea in Southwark. Diese Institutionen dienten bis in die 1840er Jahren der Inhaftierung von Menschen, die zivilrechtliche Schulden nicht begleichen konnten. Das Marshalsea wurde 1842 geschlossen, doch seine kulturelle Präsenz blieb stark – nicht zuletzt, weil Charles Dickens’ Vater 1824 dort einsaß, eine prägende Erfahrung für den Autor. Reformen hatten bis zur Mitte des Jahrhunderts zwar Erleichterungen gebracht, doch willkürliche Haft, familiäre Mitbetroffenheit und das moralische Stigma blieben. Der Roman verwebt diese Geschichte der Verschuldung mit Fragen von Verantwortung, Scham und gesellschaftlicher Ausgrenzung.

Ebenso stark spiegelt das Buch die Transformation der britischen Ökonomie in eine kreditgetriebene Finanzgesellschaft. Nach der Joint Stock Companies Act von 1844 und dem Limited Liability Act von 1855 wuchs die Zahl von Aktiengesellschaften. Das Klima der Spekulation folgte auf den Eisenbahnboom der 1840er und bereitete den Boden für Skandale. Die spektakuläre Entlarvung des Politikers und Bankiers John Sadleir 1856 und die internationale Finanzkrise von 1857 prägten die Zeit. Dickens’ Figur eines gefeierten Finanzmannes verweist auf solche Exzesse, ohne einen einzelnen Fall zu kopieren, und kritisiert eine Kultur, die Ruf und Rendite über Substanz und Prüfung stellt.

Die satirische „Circumlocution Office“ im Roman spiegelt die Debatten über Effizienz und Patronage im Staatsdienst. Die desaströse Verwaltungspraxis während des Krimkriegs (1853–1856) hatte öffentliche Empörung ausgelöst; Berichte über Versorgungsmängel und bürokratische Starrheit beschädigten das Vertrauen. Der Northcote–Trevelyan-Report von 1854 empfahl ein meritokratisches Prüfungssystem und den Abbau von Vetternwirtschaft. Dickens bündelt diese Reformimpulse zu einer scharfen Diagnose staatlicher Untätigkeit („how not to do it“), die weniger einzelne Behörden als eine Kultur des Ausweichens und der Verantwortungsdiffusion kritisiert – ein Kernproblem moderner Verwaltung.

Sozialpolitisch ist der Roman in die Nachwirkungen des „New Poor Law“ von 1834 eingebettet, das auf Abschreckung und Arbeitshaus setzte. Zwar thematisiert Klein-Dorrit vornehmlich Verschuldung statt Armenrecht, doch die Grenzen zwischen Armut, Schuld und moralischer Bewertung verschwimmen. Wohltätigkeit, oft religiös motiviert, füllt Lücken staatlicher Fürsorge. Evangelikale Strömungen fördern persönliche Besserungsideen und strenge Selbstprüfung, was Dickens in Gestalten strenger, aber widersprüchlicher Frömmigkeit reflektiert. Neben institutionalisierter Hilfe treten private Almosen und Netzwerke auf – mit ambivalenten Wirkungen zwischen echter Sorge, sozialer Kontrolle und Selbstdarstellung.

Die rasante Urbanisierung Londons verschärfte Wohnungsnot, Krankheit und soziale Fragmentierung. Choleraepidemien 1848/49 und 1853/54 sowie die Debatten um Hygiene mündeten in den Public Health Act von 1848. Kurz nach der Veröffentlichung des Romans kam 1858 die „Great Stink“, die die unzureichende Kanalisation dramatisch vor Augen führte. Dickens nutzt enge Gassen, beengte Quartiere und labyrinthische Wege, um den physischen Druck der Stadt und die moralische Verwirrung auszudrücken. Das Gefängnis – real und sinnbildlich – verbindet sich mit der Topographie der Metropole: Ein Ort ständiger Bewegung, in dem viele dennoch gefangen bleiben.

Im Zentrum der sozialen Beobachtung steht die prekäre Arbeit, besonders die von Frauen im Niedriglohnbereich. Das Bild der Näherinnen und Dienstmädchen – durch zeitgenössische Untersuchungen, etwa Henry Mayhews Studien über Londoner Erwerbsleben, dokumentiert – prägte die Wahrnehmung von Ausbeutung und Unsicherheit. Unregelmäßige Beschäftigung, geringe Bezahlung und Abhängigkeit von Auftraggebern bestimmten den Alltag. Dickens’ Darstellung weiblicher Fürsorgearbeit und stiller Pflichterfüllung verweist auf diese ökonomische Lage, ohne sie auf reine Opferrollen zu reduzieren. Sie zeigt eine Gesellschaft, die auf unsichtbare, schlecht entlohnte Arbeit angewiesen ist, während sie deren Würde oft verkennt.

Rechtlich gehörte die Mitte des Jahrhunderts zu einer Phase inkrementeller Reformen im Insolvenz- und Schuldenwesen. Zwischen früheren Insolventenregimen und umfassenderen Änderungen, die erst 1869 mit dem Debtors Act die Inhaftierung für zivilrechtliche Schulden weitgehend beendeten, lag ein Flickwerk teils widersprüchlicher Regelungen. Unterschiede zwischen Handels- und Privatinsolvenz blieben scharf; viele kleine Schuldner hatten kaum Zugang zu geordneten Verfahren. Der Roman verschärft den Blick auf diese Lücken: Er zeigt, wie rechtliche Strukturen soziale Ungleichheit reproduzieren und wie moralische Urteile – Fleiß, Charakter, „Respektabilität“ – rechtliche Chancen faktisch mitbestimmen.

Technologische Neuerungen veränderten Mobilität und Wahrnehmung. Eisenbahnen verkürzten Reisezeiten, Dampfschiffe verbanden britische Häfen mit dem Kontinent, und der elektrische Telegraph beschleunigte Nachrichtenflüsse seit den 1840ern. Klein-Dorrit nutzt diese Beschleunigung: Handlungsorte wechseln zwischen London und Kontinent, insbesondere Südfrankreich und Italien. Dickens kannte diese Räume aus eigenen Reisen, und britische Touristen prägten dort wachsende Kolonien. Die Verfügbarkeit schnellerer Verbindungen intensivierte transnationale Netzwerke – kommerziell, kriminell, mondän – und erzeugte zugleich ein Gefühl der Desorientierung, das der Roman atmosphärisch einfängt.

Der imperiale Handel bildet einen weiteren Resonanzraum. Der Protagonist, der aus Geschäften in Ostasien nach London zurückkehrt, verweist auf die Verflechtung britischer Häuser mit dem Chinahandel. Nach dem Ende des Ostindienkompanie-Monopols 1833 expandierten private Firmen; die Opiumkrise und der Erste Opiumkrieg (1839–1842) hatten die moralische Debatte über Formen des Gewinns verschärft. Dickens spürt dem Nachhall solcher ökonomischer Beziehungen nach, ohne sie zu einem politischen Traktat zu machen: Das Spannungsfeld zwischen Geschäftsethos, familialer Pflicht und Gewissensprüfung steht stellvertretend für eine Handelsnation, deren Wohlstand auf fernen, ambivalenten Märkten ruht.

Auch innenpolitisch markiert der Roman eine Übergangszeit zwischen alten Patronagenetzen und reformorientierter Rhetorik. Nach der Reform Bill von 1832 blieb das Wahlrecht begrenzt; lokale und familiäre Einflusskartelle dominierten viele Behörden. Dickens karikiert diese Verflechtungen, indem er eine dynastische Amtselite zeigt, die Verfahren verlangsamt und Verantwortung abschiebt. Diese Kritik zielte nicht auf die Abschaffung staatlicher Institutionen, sondern auf deren öffentliche Rechenschaft und Zweckmäßigkeit. Der Roman stimmt damit in einen breiteren Chor ein, der Effizienz, Transparenz und die Abkehr von Nepotismus forderte – eine Debatte, die die spätere Professionalisierung des Dienstes vorbereitete.

Das Gefängniswesen durchlief im viktorianischen Zeitalter eine doppelte Bewegung: Während Schuldnergefängnisse kritisch hinterfragt und schrittweise reduziert wurden, setzten neue Strafanstalten auf Disziplin und Isolation. Pentonville Prison (1842) stand für das „separate system“, das Reform durch Überwachung versprach. Der Roman kontrastiert solche modernen Einrichtungen mit älteren Haftpraktiken und zeigt zudem kontinentale Gefängnisse als Orte der Willkür und Fremdheit. Diese Vielfalt verweist auf Europas heterogene Strafkulturen. In literarischer Funktion wird Haft zur Metapher für soziale Verstrickungen: Schulden, Pflichten, Geheimnisse und Abhängigkeiten bilden unsichtbare Zellen.

Kulturell steht Klein-Dorrit in der Tradition des sozialkritischen Romans, wie er in den 1840er und 1850er Jahren florierte. Autorinnen und Autoren wie Elizabeth Gaskell oder William M. Thackeray erkundeten ebenfalls Klassengegensätze, städtische Milieus und die moralischen Folgen von Industrie und Handel. Die Verbindung von erzählerischer Spannung und Reportageelementen entsprach einer Leserschaft, die Unterhaltung und Erkenntnis verlangte. Illustrationen rahmten die Rezeption visuell, Leihbibliotheken wie Mudie’s prägten Markt und Tonlage. Dickens’ Werk behauptet in diesem Umfeld eine klare Position: Literatur soll Missstände sichtbar machen und zugleich die Empathiefähigkeit des Publikums erweitern.

Die europäischen Revolutionsjahre 1848 und ihre Niederschlagung wirkten als politischer Hintergrund, obwohl Großbritannien vergleichsweise stabil blieb. Die britische Presse beobachtete Unruhen und Gegenrevolutionen aufmerksam; zugleich wuchs Skepsis gegenüber radikalen Bewegungen und eine gewisse Furcht vor „Anarchie“. Der Roman greift solche Stimmungen indirekt über Figuren internationaler Herkunft und transnationaler Verbindungen auf, die faszinieren und beunruhigen. Dabei zeichnet Dickens kein politisches Panorama der Revolutionen; vielmehr spiegelt er eine verbreitete Empfindung: Ordnung und Fortschritt scheinen fragil, wenn Institutionen schwach reagieren und private Interessen öffentliche Güter überlagern.

Wohltätigkeit und moralische Ökonomie gehören zu den Prüfsteinen der Zeit. Zahlreiche freiwillige Gesellschaften, kirchliche Vereine und philanthropische Kreise suchten Armut zu lindern, aber auch Verhalten zu normieren. Der Roman stellt echte Fürsorge neben ostentative Spendenpraxis, in der Wohltätigkeit Reputation mehrt, ohne Ursachen anzugehen. Parallel kursiert eine Tugendethik der Selbstverbesserung, die später mit dem Namen Samuel Smiles verknüpft wurde (sein Bestseller erschien 1859), deren Vorformen jedoch bereits verbreitet waren. Dickens zeigt die Spannungen zwischen strukturellen Barrieren und individuellen Appellen – ein Spannungsfeld, in dem Schuld schnell personalisiert wird.

Schließlich kommentiert Klein-Dorrit die riskante Verschmelzung aus Finanzkult, Bürokratieträgheit und sozialer Härte, die die 1850er Jahre kennzeichnete. Der Zusammenbruch großer Vertrauensfiguren der City, die Debatten um Kriegsverwaltung und die Trägheit gegenüber urbanen Missständen erzeugten eine Atmosphäre des Misstrauens. Dickens’ Roman antwortet mit einer vielstimmigen Allegorie von Gefangenschaft und Befreiung: Er macht sichtbar, wie Systeme Menschen einschließen und Verantwortlichkeit zerstreuen. Ohne die Komplexität seiner Epoche zu verflachen, insistiert das Buch darauf, dass öffentliche Institutionen dem Gemeinwohl dienen müssen – und dass Fortschritt ohne Mitgefühl inhaltslos bleibt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Charles John Huffam Dickens (1812–1870) gehört zu den prägenden Stimmen der viktorianischen Literatur. Aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen, wurde er durch die Seriendrucke seiner Romane zum ersten wirklich globalen Bestsellerautor des 19. Jahrhunderts. Werke wie The Pickwick Papers, Oliver Twist, David Copperfield, Bleak House, A Tale of Two Cities, Great Expectations und A Christmas Carol vereinen erzählerischen Schwung, scharfe Satire, einprägsame Figuren und soziale Beobachtung. Er gilt als Chronist der rasch urbanisierenden Industriegesellschaft und als Meister der Figurenschöpfung, deren Namen und Redensarten in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen. Sein Werk prägte Lesegewohnheiten, Verlagswesen und Populärkultur gleichermaßen.

Sein Weg führte vom Zeitungsreporter zum Romancier, Herausgeber und Vortragskünstler. Durch die Veröffentlichung im Fortsetzungsformat band Dickens ein breites Publikum und experimentierte mit Spannungsbögen, Cliffhangern und lebendigen Nebenfiguren. Die Weihnachtsgeschichte erneuerte das Fest als bürgerliches Ritual der Wohltätigkeit und Innerlichkeit. Neben seinen Romanen publizierte er Reiseskizzen, Essays und journalistische Kampagnen. Öffentliche Lesungen, die er ab den 1850er Jahren intensivierte, machten ihn zu einer europa- und später auch in Nordamerika gefeierten Persönlichkeit. Zeitgenössische und spätere Kritik würdigten seine Verbindung aus Humor und moralischer Ernsthaftigkeit, während spätere Generationen seine formalen Innovationen und psychologische Tiefe neu bewerteten.

Bildung und literarische Einflüsse

Geboren in Portsmouth und aufgewachsen teils in Chatham, erlebte Dickens früh die Prekarität der unteren Mittelschicht. Als sein Vater 1824 wegen Schulden in der Londoner Marshalsea einsaß, musste der Zwölfjährige in einer Schuhpoliturfabrik arbeiten – eine Demütigung, die sein Bewusstsein für Kinderarbeit, Armut und institutionelle Härte dauerhaft prägte. Nach der Entlassung des Vaters konnte er seine ordentliche Schulbildung zeitweise fortsetzen, unter anderem an der Wellington House Academy, blieb jedoch weitgehend Autodidakt. Anschließend arbeitete er als Kanzleischreiber und wurde ein versierter Stenograf, der Parlamentsdebatten und Gerichtsverfahren berichtete – eine Schule der Beobachtung, Genauigkeit und Sprachwahrnehmung.

Seine literarische Bildung speiste sich aus intensiver Lektüre englischer Klassiker und populärer Unterhaltung. Besonders prägend wirkten die picaresken Romane Henry Fieldings und Tobias Smolletts, die Bühne des Londoner Theaters mit ihren Melodramen und Farcen sowie die immense Präsenz Shakespeares. Auch die Topografie der Großstadt – Straßen, Höfe, Gassen, Kneipen und Gerichte – wurde zur ästhetischen Ressource. Als Reporter lernte er, Stimmen zu imitieren, soziale Dialekte zu notieren und Beobachtungen in Szenen zu verdichten. Das Fortsetzungswesen der Presse formte seinen Sinn für Rhythmus, Episodik und die kunstvolle Verzahnung paralleler Handlungsstränge, die er später in den Romanen meisterhaft ausspielte.

Literarische Laufbahn

Seine ersten literarischen Erfolge erzielte Dickens unter dem Pseudonym Boz mit den Sketches by Boz (1836), lebhaften Stadtbildern aus dem Londoner Alltag. Der sensationelle Durchbruch gelang mit The Pickwick Papers (1836–1837), dessen humorvolle Episoden und liebenswerte Figuren eine beispiellose Leserschaft gewannen. Schon der nächste Roman, Oliver Twist (1837–1839), schlug einen ernsteren Ton an und konfrontierte das Publikum mit Armenhauswesen, Kinderbande und Kriminalität. Die frühe Phase festigte seinen Ruf als Autor, der Komik und Moralkritik vereint, soziale Milieus plastisch zeichnet und die Möglichkeiten der seriellen Publikation – Leserbindung, Cliffhanger, Rückkopplung mit Publikum – virtuos nutzt.

In den 1840er Jahren erweiterte Dickens seine thematische und formale Bandbreite. Nicholas Nickleby, The Old Curiosity Shop und Barnaby Rudge verbanden Schauergestik, Sentimentalität und Gesellschaftssatire. Eine Reise in die Vereinigten Staaten 1842 mündete in American Notes und beeinflusste Martin Chuzzlewit (1843–1844), der Gier, Spekulation und nationale Selbstgefälligkeit aufs Korn nahm. Mit A Christmas Carol (1843) schuf er eine moralische Erzählung von Mitleid und Umkehr, die zu einem kulturellen Fixpunkt der Wintersaison wurde. Dombey and Son (1846–1848) vertiefte seine Auseinandersetzung mit kapitalistischer Effizienz, Familiendynamik und der Dehumanisierung durch ökonomische Rationalität.

David Copperfield (1849–1850) verband Entwicklungsroman und Künstlerbiografie und gilt vielen als persönlicher Lieblingsroman des Autors. Parallel profilierte sich Dickens als Herausgeber von Household Words und später All the Year Round, wo er Reportagen, Feuilletons und Fortsetzungsromane orchestrierte. Bleak House (1852–1853) experimentierte mit einer Doppelperspektive und übte scharfe Kritik am zähen Kanzleigericht Chancery. Hard Times (1854) komprimierte die industrielle Moderne zur exemplarischen Stadtlandschaft, während Little Dorrit (1855–1857) die Lähmung durch Bürokratie und Schuldenhaft blosslegte. A Tale of Two Cities (1859) verknüpfte private Schicksale mit der Dramatik der Französischen Revolution.

In den 1860er Jahren schrieb Dickens mit Great Expectations (1860–1861) einen konzentrierten Roman über Ambition, Herkunft und Selbsttäuschung, dessen straffes Erzählen und Ironie hoch geschätzt werden. Our Mutual Friend (1864–1865) kreiste bitter und bildreich um Geld, Abfall und soziale Zirkulation. Zugleich intensivierte er seine öffentlichen Lesungen, die seine Popularität weiter steigerten, aber seine Gesundheit beanspruchten. Sein letztes Projekt, The Mystery of Edwin Drood (1870), blieb unvollendet und deutet eine Wendung zum kriminalistischen und psychologischen Roman an. Die späte Phase ist dunkler, montagehafter, zugleich formal kühn und getragen von kompakter Motivführung.

Überzeugungen und Engagement

Dickens’ Überzeugungen speisten sich aus konkreter Anschauung sozialer Not. Er wandte sich gegen die Härten des New Poor Law, prangerte die Demütigungen in Armenhäusern und die Zynismen einer auf Nützlichkeit reduzierten Moral an. Seine Romane und journalistischen Texte insistieren auf kindlichem Schutz, Bildung als Aufstiegschance und menschenwürdigen Lebensbedingungen. Immer wieder thematisierte er Hygiene, Wohnraum, Verwaltungsträgheit und die Blindstellen eines Rechtswesens, das den Schwächsten kaum dient. Die literarische Gestaltung – sprechende Namen, überzeichnete Bürokraten, quälende Institutionen – verband Unterhaltung mit einer beharrlichen Agenda bürgerlicher Reform und menschlicher Anteilnahme.

Sein Engagement blieb nicht bei der Darstellung stehen. In Zusammenarbeit mit der Philanthropin Angela Burdett-Coutts unterstützte Dickens das Projekt Urania Cottage, ein Reformhaus für gesellschaftlich marginalisierte Frauen. Er setzte sich in Essays gegen öffentliche Hinrichtungen und für Zivilisierung des Strafvollzugs ein und kritisierte Missstände, die er auf Reisen beobachtete, darunter die Sklaverei in den USA. Zugleich spiegeln seine Texte zeittypische Spannungen, etwa zwischen Mitgefühl und moralischer Strenge. Sein Publikum gewann er, weil er Empörung in Geschichten übersetzte, die Mitleid mobilisieren, ohne die Ansprüche an Eigenverantwortung, familiäre Bindung und bürgerliche Solidarität preiszugeben.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Die späten Jahre standen im Zeichen intensiver Arbeit und persönlicher Umbrüche. 1858 trennte sich Dickens von seiner Ehefrau Catherine; beide führten fortan getrennte Haushalte. Eine enge, diskret gehaltene Verbindung zur Schauspielerin Ellen Ternan ist zeitgenössisch belegt. 1865 überstand er den Eisenbahnunfall von Staplehurst, litt jedoch an Spätfolgen und Erschöpfung. Auf einer zweiten großen Lesereise in den Vereinigten Staaten 1867/68 feierte er enorme Erfolge. Am 9. Juni 1870 starb Dickens nach einem Schlaganfall in Gad’s Hill Place, seinem Haus in Kent. Er wurde in der Poets’ Corner der Westminster Abbey beigesetzt.

Dickens’ Nachruhm blieb ungebrochen. Kaum ein Autor hat Figuren hervorgebracht, die so rasch zu kulturellen Archetypen wurden, von Ebeneezer Scrooge bis Fagin. Seine Erzählverfahren – serielle Spannung, multiperspektivisches Erzählen, die Inszenierung urbaner Räume – prägen Roman- und Fernsehserien bis heute. Unzählige Bühnen-, Film- und Hörspieladaptionen halten sein Werk präsent; A Christmas Carol hat das moderne Verständnis des Weihnachtsfestes mitgeprägt. In der Literaturwissenschaft gilt Dickens als zentraler Innovator der Realismus- und Gesellschaftsprosa des 19. Jahrhunderts, dessen Beobachtungsgabe, Sprachwitz und moralische Sensibilität die Vorstellung sozialer Gerechtigkeit nachhaltig erweitert haben.

KLEIN-DORRIT

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch. Die Armut
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Zweites Buch. Der Reichtum
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel

Erstes Buch. Die Armut.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.

Sonne und Schatten.

Inhaltsverzeichnis

Vor dreißig Jahren lag Marseille eines Tages im glühenden Sonnenbrand da.

Eine helleuchtende Sonne an einem sengend heißen Augusttag war im südlichen Frankreich damals keine größere Seltenheit als zu jeder andern Zeit, vor-und nachher. Alles in und um Marseille starrte zu der glühenden Sonne empor, die wiederum auf Marseille und seine Umgebung herabstarrte, bis zuletzt alles weit und breit ein starrendes Aussehen annahm. Die starrend weißen Häuser, starrend weißen Wände, starrend weißen Straßen, starrend weißen dürren Landwege und die starrenden Hügel, deren Grün die Sonne versengt – machten auf den Fremden den quälendsten Eindruck. Das einzige, was nicht dieses unbeweglich starre und grelle Aussehen hatte, waren die Weinranken, die unter der Last ihrer Trauben herabhingen und bisweilen ein wenig glitzerten, wenn die heiße Luft ihre schlaffen Blätter flüchtig bewegte.

Kein Wind kräuselte das trübe Wasser im Hafen oder die schöne weite See draußen. Die Grenzlinie zwischen den beiden Farben Schwarz und Blau zeigte den Punkt, den die reine See nicht überschreiten wollte. Aber sie lag so ruhig da wie der häßliche Pfuhl, mit dem sie sich nimmer vermischte. Boote ohne Zeltdach waren zu heiß, um sie zu berühren. Die Anker der Schiffe bedeckten sich mit Bläschen. Die steinernen Quader der Kais waren seit Monaten weder bei Tage noch bei Nacht kühl geworden. Hindus, Russen, Chinesen, Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, Genuesen, Neapolitaner, Venezianer, Griechen, Türken, kurz Abkömmlinge von allen Erbauern Babels, die handelshalber nach Marseille gekommen, suchten einer wie der andere den Schatten und bargen sich in irgendeinem Winkel vor einer See, die zu grell blau war, um lange ihren Anblick ertragen zu können, und vor einem glühroten Himmel, in dem ein großes, flammendes Feuerjuwel funkelte.

Der über alles verbreitete grelle Glanz tat den Augen weh. An der fernen Linie der italienischen Küste milderte sich diese Glut etwas durch leichte Nebelwölkchen, die langsam aus dem Dunst des Meeres aufstiegen. Sonst trug alles den Stempel starrer Sonnenhitze. Aus der Ferne starrten die tiefbestaubten Straßen von den Hügelabhängen, von den Hohlwegen, von der endlosen Ebene dem Wanderer entgegen. Weit in der Ferne ließen die staubigen Weingelände bei den Landhäusern am Weg und die ausgedorrten Bäume in den müden Alleen im grellen Licht von Erd’ und Himmel die Blätter hängen. Gesenkten Hauptes gingen die Pferde mit ihren schläfrigen Glöckchen an den langen Reihen von Karren einher, die sie landeinwärts zogen. Auch die müd’ zurückgelehnten Fuhrleute ließen die Köpfe hängen, wenn sie wachten, was selten der Fall war. Die Schnitter im Felde beugten sich gleichfalls unter der Last und Hitze. Alles, was lebte und webte, drückte die Sonnenglut zu Boden, nur nicht die Eidechse, die hurtig über die rauhen, steinernen Mauern hinhuschte, und die Heuschrecke, die ihr trocken heiseres Gezirp, das wie eine Rassel klang, im Felde ertönen ließ. Der Staub selbst war von der Hitze braun gesengt, und in der Atmosphäre war ein Zittern, als ob die Luft sogar nach Luft schnappte.

Läden, Jalousien, Vorhänge, Markisen waren alle geschlossen oder herabgelassen, um das blendende und heiße Sonnenlicht abzuhalten. Wo sich eine Ritze oder ein Schlüsselloch zeigte, schoß es wie ein weißglühender Pfeil hinein. Die Kirchen waren noch am meisten davon verschont. Trat man aus dem Zwielicht von Pfeilern und Bögen, die träumerisch von blinzelnden Lampen beleuchtet und träumerisch mit häßlichen alten Schatten von Schlummernden, Spuckenden und Bettelnden angefüllt waren, so war es, als ob man sich in einen glühenden Strom stürzte und nur mit Lebensgefahr nach dem nächsten Streifen Schatten schwimmen könnte. Das Volk lungerte dort umher, wo nur irgendein Schatten vorhanden war. Gespräch und Gebell waren beinahe verstummt; nur dann und wann hörte man in der Ferne das Geläute disharmonischer Glocken und den Lärm schlechter Trommeln –, so lag Marseille – eine deutlich zu riechende und zu fühlende Tatsache – alltäglich im glühenden Sonnenbrand da.

Es gab zu jener Zeit in Marseille ein elendes Gefängnis. In einem seiner Gemächer, die so abstoßend finster waren, daß selbst die zudringliche Sonne nur hineinzublinzeln wagte und ihnen den Abfall von Lichtreflexen überließ, den sie erhaschen konnten, saßen zwei Männer. Außer diesen befanden sich darin eine vielbekerbte und verunstaltete Bank, die sich nicht von der Wand bewegen ließ und in die ein Damenspielbrett roh eingeschnitzt war, ein Damenspiel aus alten Knöpfen und Knöcheln, ein Domino, zwei Matten und zwei bis drei Weinflaschen. Das war alles, was der Kerker enthielt, mit Ausnahme von Ratten und anderem unsichtbaren Geziefer, nebst dem sichtbaren Geziefer, den beiden Männern.

Das Gefängnis erhielt sein dürftiges Licht durch ein eisernes Gitter, das wie ein ziemlich großes Fenster aussah und durch das man es immer von der dunklen Treppe aus übersehen konnte, auf die das Gitter hinausging. An diesem Gitter befand sich eine breite, starke, steinerne Bank, da wo jenes drei oder vier Fuß über dem Boden in die Mauer eingelassen war. Auf dieser Bank lungerte einer der beiden Männer halb sitzend, halb liegend, die Knie an sich gezogen und Füße und Schultern an die gegenüberliegenden Seiten der Nische gestemmt. Das Gitter war weit genug, um ihm zu erlauben, seinen Arm bis zum Ellbogen hindurchzustecken; und er tat dies auch, um sich bequemer zu stützen.

Alles ringsum trug das Gepräge des Gefängnisses. Die gefangene Luft, das gefangene Licht, die gefangenen Dünste, die gefangenen Männer – alles war durch die Gefangenschaft verdorben. Wie die Gefangenen bleich und hager, so war das Eisen rostig, der Stein schleimig, das Holz faul, die Luft dumpf, das Licht matt. Wie ein Brunnen, ein Keller, eine Gruft ahnte das Gefängnis nichts von dem Glanz, der draußen über alles ergossen war, und würde selbst mitten auf einer der Gewürzinseln des Indischen Ozeans seine verdorbene Atmosphäre unberührt behalten haben.

Der Mann, der in der Nische am Gitter lag, fror sogar. Er zog mit ungeduldiger Bewegung der einen Schulter seinen großen Mantel fester um sich und murmelte: »Zum Teufel mit diesem Straßenräuber von Sonne, der nicht auch hier hereinscheinen will.«

Er wartete auf das Essen und schielte mit dem Ausdruck eines wilden Tieres in ähnlicher Lage seitwärts durch das Gitter, um mehr von der Treppe zu sehen. Aber seine zu nahe aneinanderstehenden Augen blickten nicht so stolz wie die des Königs der Tiere und waren mehr scharf als glänzend, – spitze Waffen mit geringer Fläche, die sie leicht verraten könnten. Sie besaßen weder Tiefe noch Lebhaftigkeit des Ausdrucks: sie blitzten, öffneten und schlossen sich. Was diese Funktionen betrifft, so hätte, abgesehen von ihrem Nutzen für ihn, ein Uhrmacher ein paar bessere machen können. Er hatte eine gebogene Nase, die in ihrer Art schön war, aber zu hoch zwischen seinen Augen stand, gerade wie diese zu nahe aneinander lagen. Im übrigen war er von großem und breitem Körperbau, hatte dünne Lippen, soweit sie sein dicker Bart sehen ließ, und straffes, zottiges Haar, dessen Farbe schwer zu unterscheiden war, nur eine rötliche Mischung konnte man erkennen. Die Hand, mit der er das Gitter festhielt (auf dem Rücken ganz mit häßlichen, kaum geheilten Schrammen bedeckt), war ungewöhnlich klein und fleischig und wäre ohne den Gefängnisschmutz auch ungewöhnlich weiß gewesen.

Der andere Mann kauerte auf dem steinernen Fußboden und war in einen braunen Mantel gehüllt.

»Steht auf, Ferkel!« brummte der erstere. »Schlaft nicht, wenn ich hungrig bin.«

»Es ist alles einerlei, Herr«, sagte das Ferkel unterwürfig und nicht ohne freundliche Miene, »ich kann wachen, wenn ich will, und kann schlafen, wenn ich will, es ist alles einerlei.«

Während er das sagte, stand er auf, schüttelte sich, kratzte sich, band seinen braunen Mantel mittels des Ärmels leicht um seinen Hals (er hatte ihn zuvor als Decke benutzt) und setzte sich gähnend, den Rücken an die Wand gegenüber dem Gitter gelehnt, auf den Fußboden. »Sagt, wie spät ist es?« brummte der erste.

»Die Mittagsglocke schlägt – in vierzig Minuten.«

Bei der kleinen Pause sah er sich im Gefängnis um, als wollte er sich seiner Sache vergewissern.

»Ihr seid eine Uhr. Wie könnt Ihr das nur immer wissen?«

»Wie soll ich’s sagen? Ich weiß immer, was die Uhr ist und wo ich bin. Ich wurde bei Nacht hier eingebracht und zwar auf einem Boot, aber ich weiß, wo ich bin. Seht hier den Hafen von Marseille.« Auf dem Boden kniend, zeichnete er nämlich die Karte mit seinem gebräunten Zeigefinger. »Toulon (wo die Galeeren[1] sind). Spanien hier drüben. Algier dort oben. Hier nach der Linken liegt Nizza. Am Bogen weiter fort Genua. Mole und Hafen von Genua. Die Quarantäne[2]. Dort die Stadt: terrassenförmige Gärten von blühender Belladonna gerötet. Hier Porto Fino. Seewärts gesteuert nach Livorno, weiter nach Civitavecchia. Und so fort bis – hm! da ist kein Platz mehr für Neapel«; er war inzwischen bis zur Mauer gekommen, »aber es tut nichts; es ist eben da drinnen.«

Er blieb auf seinen Knien liegen und sah seinen Mitgefangenen mit einem für einen Gefangenen ziemlich muntern Blicke an. Es war ein sonnverbrannter, rühriger, geschmeidiger, kleiner Mann von gedrungenem Körperbau. Er trug Ohrringe in seinen braunen Ohren, hatte weiße Zähne, die sein wunderliches braunes Gesicht etwas erhellten, tiefschwarzes Haar, das von seinem braunen Hals büschelartig herabhing, und ein zerlumptes rotes Hemd ließ die braune Brust vorn sehen. Weite Seemannshosen, bescheidene Schuhe, eine lange, rote Mütze, eine rote Binde um seine Hüften und ein Messer darin bildeten die Vervollständigung seines Anzugs.

»Seht, ob ich wohl von Neapel mich zurückfinde, wie ich dahin gelangte. Seht, hier, Herr, Civitavecchia, Livorno, Porto Fino, Genua, der Meerbusen, dann Nizza (das dort drinnen liegt), Marseille – Ihr und ich. Die Wohnung des Gefängniswärters und seine Schlüssel sind da, wo ich den Daumen hinsetze, und hier an meinem Handgelenk bewahren sie das Nationalrasiermesser[3] – die Guillotine in ihrem Kasten auf.«

Der andere spuckte plötzlich auf den Boden und brummte etwas in seinen Hals hinein.

In diesem Augenblick brummte aber auch ein Schloß unten etwas in seinen Hals hinein, und eine Tür rasselte. Langsame Tritte kamen die Treppe herauf, das Geplauder einer sanften kleinen Stimme mischte sich in ihr Geräusch, und der Gefängniswärter erschien mit seiner Tochter, die drei bis vier Jahre alt sein mochte, auf dem Arm, während er in der Hand einen Korb trug.

»Wie geht es heute morgen in der Welt zu, meine Herren? Meine Kleine da, wie Sie sehen, hat mich begleitet, um sich mal die Vögel ihres Vaters zu betrachten. Na! sieh sie dir an! Sieh dir die Vögel an!«

Er betrachtete selbst die Vögel mit scharfem Blick, während er das Kind an das Gitter emporhielt. Namentlich warf er ein Auge auf den kleinen Vogel, dessen Rührigkeit ihm Mißtrauen einzuflößen schien. »Ich habe Euer Essen gebracht, Signor Johann Baptist«, sagte er (sie sprachen alle französisch, aber der kleine Mann war ein Italiener), »und wenn ich Euch empfehlen dürfte, nicht zu spielen –«

»Ihr empfehlt’s dem Herrn nicht!« sagte Johann Baptist und zeigte lachend die Zähne.

»O, der Herr gewinnt«, entgegnete der Gefängniswärter mit einem flüchtigen, nicht besonders freundlichen Blick auf den andern, »und Sie verlieren. Das ist ganz etwas anderes. Sie bekommen dadurch rauhes Brot und sauren Wein, während er Lyoner Wurst, Kalbsbraten mit würziger Farce, weißes Brot, Strachino und guten Wein gewinnt. Sieh dir die Vögel an, liebe Kleine!«

»Die armen Vögel!« sagte das Kind.

Das hübsche kleine Gesicht, von göttlichem Mitleid bewegt, glich, wie es so bange durch das Gitter sah, einer Engelserscheinung in dem Gefängnis. Johann Baptist stand auf und trat zu ihm, als ob es eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausübte. Der andere Vogel blieb sitzen, nur warf er zuweilen einen ungeduldigen Blick nach dem Korbe.

»Halt!« sagte der Gefängniswärter, indem er seine kleine Tochter auf den äußersten Sims des Gitterfensters stellte, »sie soll die Vögel füttern. Dieses Gerstenbrot ist für Signor Johann Baptist. Wir müssen es entzweibrechen, um es durch das Gitter zu bringen. So, der Vogel ist zahm, er küßt dir die Hand. Diese Wurst in einem Traubenblatt ist für Monsieur Rigaud: ferner dieses Kalbfleisch in würziger Farce ist für Monsieur Rigaud; – ferner diese drei kleinen weißen Brote sind für Monsieur Rigaud; – ferner dieser Käse, der Wein – und endlich der Tabak – alles für Monsieur Rigaud. Glücklicher Vogel!«

Das Kind steckte alle diese Sachen durch das Gitter in die sanfte, weiche, wohlgeformte Hand, aber nicht ohne einen Schauer; denn mehr als einmal zog es seine Händchen zurück und sah den Mann mit ihrem schönen Gesichtchen, in dem sich Furcht und Angst mischten, fragend an. Dagegen legte es mit einem gewissen Vertrauen das Stück schlechten Brotes in die dicken, schmierigen und knorrigen Hände Johann Baptists (der kaum soviel Nägel an seinen acht Fingern und zwei Daumen hatte, wie Monsieur Rigaud an einem einzigen); und als er des Kindes Hand küßte, strich sie ihm sogar schmeichelnd über das Gesicht. Monsieur Rigaud, gleichgültig gegen eine solche Auszeichnung, gewann den Vater für sich, indem er der Tochter zulachte und zunickte, sooft sie ihm etwas gab, und sobald er alle die Speisen an geeigneten Plätzen um sich her aufgestellt, begann er mit Appetit zu essen.

Wenn Monsieur Rigaud lachte, trat eine Veränderung in seinem Gesicht ein, die mehr merkwürdig als einnehmend war. Sein Schnurrbart bäumte sich unter seiner Nase, und seine Nase zog sich auf höchst unheimliche und schauerliche Weise über seinen Schnurrbart herab.

»So!« sagte der Gefängniswärter, indem er den Korb umkehrte, daß die Brosamen herausfielen; »ich habe alles Geld ausgegeben, was ich empfing: hier ist die Rechnung, und damit wäre die Sache abgemacht. Monsieur Rigaud, wie ich gestern erwartete, will der Präsident heute nachmittag um zwei Uhr das Vergnügen Ihrer Gegenwart genießen.« »Um mich zu verhören«, sagte Rigaud, indem er, das Messer in der Hand und ein Stück Fleisch im Munde, einen Augenblick innehielt.

»Ganz recht. Um Sie zu verhören.«

«Nichts Neues für mich?« fragte Johann Baptist, der zufrieden sein Brot zu kauen begonnen.

Der Gefängniswärter zuckte die Achseln.

»Heilige Jungfrau! Soll ich denn mein ganzes Leben lang hier liegen, Vater?« »Was weiß ich?« rief der Gefängniswärter, indem er sich mit südlicher Lebendigkeit nach ihm umwandte und mit beiden Händen und allen Fingern gestikulierte, als ob er ihm drohen wollte, er werde ihn in Stücke zerreißen. »Mein Freund, wie ist es möglich, daß ich Euch sagen könnte, wie lange Ihr noch hier liegen werdet? Was weiß ich, Johann Baptist Cavaletto? Tod und Leben! Es gibt bisweilen Gefangene hier, die es nicht so verteufelt eilig mit dem Verhör haben.«

Er schien bei dieser Bemerkung auf Monsieur Rigaud hinzuschielen. Aber Monsieur hatte bereits wieder sein Mahl in Angriff genommen, wenn auch nicht mehr mit so gutem Appetit wie zuvor.

»Auf Wiedersehen, meine Vögel!« sagte der Gefängniswärter, nahm sein artiges Kind auf den Arm und sagte ihm die Worte mit einem Kusse vor.

»Auf Wiedersehen, meine Vögel!« wiederholte das hübsche Kind.

Sein unschuldiges Gesichtchen sah so freundlich über die Schulter des Alten, während dieser mit ihm wegging und das Lied aus dem Kinderspiele sang:

»Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Compagnon de la Majolaine! Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Immer froh!«

daß Johann Baptist es für eine Ehrensache hielt, durch das Gitter in gleichem Rhythmus und Ton, wenn auch mit etwas rauher Stimme, darauf zu antworten:

»Die Blüte aller Ritterschaft, Compagnon de la Majolaine! Die Blüte aller Ritterschaft, Immer froh!«

Und dieser Gesang begleitete sie so lange über die steinerne Treppe hinab, daß der Gefängniswärter zuletzt stehenbleiben mußte, damit sein Töchterchen das Lied aushören konnte. Dann verschwand der Kopf des Kindes und der Kopf des Gefängniswärters, aber die kleine Stimme setzte das Lied fort, bis die Tür ins Schloß fiel.

Monsieur Rigaud, dem Johann Baptist in die Quere kam, ehe das Echo verstummt war (selbst dieses schien in dem Gefängnis schwächer und langsamer), erinnerte ihn mit einem Fußtritt, daß er besser tun würde, seinen alten dunklen Platz wieder einzunehmen. Der kleine Mann setzte sich mit einer Gleichgültigkeit auf den Boden, die deutlich zu erkennen gab, daß er auf Stein zu sitzen gewohnt war: und drei Stücke des rauhen Brotes vor sich hinlegend und über ein viertes herfallend, begann er sich zufrieden einen Weg durch diesen Vorrat zu bahnen, als ob mit ihnen aufzuräumen eine Art Spiel wäre.

Vielleicht schielte er nach der Lyoner Wurst, vielleicht sah er nach dem Kalbfleisch mit der würzigen Farce, aber sie blieben nicht lange sichtbar und konnten ihm den Mund auch nicht lange wässerig machen. Monsieur Rigaud erledigte sie gründlich trotz Präsident und Tribunal, leckte dann seine Finger, so rein er konnte, und wischte diese zuletzt mit dem Weinlaub ab. Als er mitten im Trinken aufhörte, um seinen Mitgefangenen zu betrachten, bäumte sich sein Schnurrbart und seine Nase senkte sich herab.

»Wie schmeckt das Brot?«

»Ich finde es ein wenig trocken, aber ich habe meine alte Tunke hier«, entgegnete Johann Baptist, indem er sein Messer in die Höhe hielt.

»Inwiefern Tunke?«

»Ich kann mein Brot so schneiden – wie eine Melone. Oder so – wie eine Omelette. Oder so – wie einen gebratenen Fisch. Oder so – wie eine Lyoner Wurst«, sagte Johann Baptist, die verschiedenen Schnitte an dem Brot demonstrierend, das er in der Hand hielt, und ruhig kauend, was er im Munde hatte.

»Hier!« rief Monsieur Rigaud. »Da trinkt. Leert die Flasche!«

Es war kein großes Geschenk; denn es war ungemein wenig Wein übrig. Aber Signor Cavaletto sprang auf die Füße und nahm dankbar die Flasche, die er umgestürzt an den Mund setzte worauf er laut zu schmatzen begann.

»Stelle die Flasche mit dem übrigen beiseite«, sagte Rigaud.

Der kleine Mann gehorchte seinen Befehlen und stand mit einem angezündeten Schwefelhölzchen bereit; denn der andere rollte seinen Tabak mit Hilfe von Papierstreifen, die dabei gelegen, zu Zigaretten.

»Hier! Da habt Ihr eine.«

»Tausend Dank, Herr!« Johann Baptist sagte diese Worte in seiner Muttersprache und mit der lebhaften gewinnenden Weise, die seinen Landsleuten eigen. Monsieur Rigaud stand auf, zündete eine Zigarette an, steckte den Rest seines Vorrats in eine Brusttasche und streckte sich der Länge nach auf eine Bank. Cavaletto setzte sich auf den Boden, indem er in jeder Hand einen von seinen Knieknöcheln hielt und ruhig fortrauchte. Rigauds Augen schienen von irgend etwas in der unmittelbaren Nähe des Punktes auf dem Boden, wo der Daumen früher geruht, unangenehm berührt zu werden. Sie sahen so stier nach dieser Richtung, daß der Italiener mehr als einmal verwundert seinen Blicken auf dem Boden hin und her folgte, um zu sehen, was das bedeuten sollte.

»Ein höllisches Loch fürwahr!« sagte Monsieur Rigaud, eine lange Pause abbrechend. »Seht mal dieses Tageslicht! Tag? Das Licht von gestern vor acht Tagen, das Licht von vor sechs Wochen, das Licht von vor sechs Jahren. So matt und farblos!«

Es kam durch eine viereckige trichterförmige Öffnung, die sich an einem Fenster in der Treppenmauer befand und durch das man weder den Himmel noch sonst etwas sehen konnte.

»Cavaletto«, sagte Monsieur Rigaud und wandte plötzlich seinen Blick von jener Öffnung ab, auf die sie beide unwillkürlich ihre Augen gerichtet, »Sie kennen mich als Kavalier.«

»Gewiß, gewiß!«

»Wie lange sind wir jetzt hier?«

»Ich morgen um Mitternacht elf Wochen. Sie heute nachmittag um fünf Uhr neun Wochen und drei Tage.«

»Habe ich je hier etwas getan? Je den Besen berührt, oder die Matten ausgebreitet, oder sie aufgerollt, oder das Damespiel geholt, oder die Dominosteine gesammelt, oder Hand an irgendeine Arbeit gelegt?«

»Nie.«

»Habt Ihr je auch nur erwartet, ich könnte mich zu irgendeiner Art von Arbeit herablassen?”

Johann Baptist antwortete mit jenem eigentümlichen Schütteln des verkehrten rechten Zeigefingers, das die ausdrucksvollste Verneinung der italienischen Sprache ist.

»Nein! Ihr wußtet vom ersten Augenblick, als Ihr mich hier sähet, daß ich ein Kavalier bin?«

»Altro!« entgegnete Johann Baptist, indem er seine Augen schloß und den Kopf heftig schüttelte.

Dieses Wort, das je nach der Betonung der Genuesen eine Bejahung, eine Verneinung, eine Bestätigung, einen Einwand, einen Spott, ein Kompliment, einen Scherz und fünfzig andere Dinge bedeuten kann, war im gegenwärtigen Augenblick bezeichnender als jedes geschriebene Wort und mit dem deutschen »Selbstverständlich!« gleichbedeutend.

»Haha! Ihr habt recht! Ich bin ein Kavalier! Und als Kavalier will ich leben und als Kavalier will ich sterben. Ich bin in Scherz und Ernst ein Kavalier. Ich werde es zeigen, wo ich stehe und gehe, so wahr ich selig werden will.« Er änderte seine Lage in eine sitzende und rief mit triumphierender Miene:

»Hier bin ich. Seht mich an! Aus dem Würfelbecher des Schicksals in die Gesellschaft eines bloßen Schmugglers geschleudert; – eingeschlossen mit einem armen kleinen Schmuggler, dessen Papiere nicht in Ordnung, und den die Polizei packte, weil er sein Boot (als Mittel, über die Grenze zu kommen) andern kleinen Leuten zur Verfügung stellte, deren Papiere nicht besser sind; und dieser Mensch erkennt meine Stellung an, selbst bei dieser Beleuchtung und an diesem Ort. Gut! Beim Himmel, ich gewinne, wie das Spiel auch fällt.«

Wiederum bäumte sich der Schnurrbart, und die Nase senkte sich.

»Was ist jetzt die Uhr?« fragte er mit einer trocken-heißen Blässe auf den Wangen, zu der der scherzende Ton wenig paßte.

»Eine kleine halbe Stunde nach Mittag.«

»Gut! Der Präsident wird bald einen Kavalier vor sich haben. Wohlan! Soll ich Euch sagen, wessen ich beschuldigt bin? Ich müßte es jetzt tun, sonst wäre es zu spät, denn ich komme nicht mehr hierher zurück. Entweder werde ich freigesprochen oder ich muß mich zum Rasieren vorbereiten. Ihr wißt, wo sie das Rasiermesser verborgen halten?«

Signor Cavaletto nahm seine Zigarre aus dem Munde und zeigte sich für den Augenblick verdrießlicher, als man hätte erwarten sollen.

»Ich bin ein« – Monsieur Rigaud stand auf, um es zu sagen – »ich bin ein Kavalier und Kosmopolit. Ich gehöre keinem Lande an. Mein Vater war Schweizer – aus dem Waadtland. Meine Mutter war Französin dem Blute, Engländerin der Geburt nach. Ich selbst bin in Belgien geboren. Ich bin ein Weltbürger.«

Seine theatralische Haltung, wie er so dastand, den einen Arm an der Hüfte in den Falten seines Mantels, und seine Art, den Mitgefangenen unbeachtet zu lassen, während er seine Worte an die gegenüberstehende Mauer richtete, schienen weit eher zu erkennen zu geben, daß er seine Rolle für den Präsidenten studierte, dessen Verhör er sich demnächst unterziehen sollte, als daß er sich die Mühe nehme, eine so unbedeutende Persönlichkeit wie Johann Baptist Cavaletto über den Stand der Dinge aufzuklären.

»Ich bin fünfunddreißig Jahre alt. Ich habe die Welt gesehen. Ich habe hier gelebt und dort gelebt und überall wie ein Kavalier gelebt. Ich bin von aller Welt als Kavalier behandelt und geehrt worden. Wenn Sie mich dadurch benachteiligen wollen, daß Sie herausbringen, ich habe durch meinen Esprit mir den Lebensunterhalt erworben – so frage ich, wodurch leben denn Ihre Advokaten – Ihre Staatsmänner – Ihre Intriganten – Ihre Börsenmänner?«

Er hielt seine kleine weiche Hand ständig in Bereitschaft, als wenn sie ein Zeuge seiner Vornehmheit wäre, der ihm oft schon gute Dienste geleistet.

»Vor zwei Jahren kam ich nach Marseille. Ich gebe zu, daß ich arm war; ich war krank gewesen. Wenn Ihre Anwälte, Ihre Staatsmänner, Ihre Intriganten, Ihre Börsenmänner krank werden und nicht vorher Geld zusammengescharrt haben, so werden auch sie arm. Ich mietete mich im goldenen Kreuz ein – damals im Besitz des Herrn Henri Barronneau –, der wenigstens sechsundfünfzig Jahr alt und noch dazu von sehr schwacher Gesundheit war. Ich hatte vier Monate in dem Hause gewohnt, als Herr Henri Barronneau das Unglück hatte zu sterben: jedenfalls kein seltenes Unglück! Es geschieht häufig, sehr häufig, ohne mein Zutun.«

Da Johann Baptist seine Zigarette bis an die Finger geraucht, hatte Monsieur Rigaud die Großmut, ihm eine zweite zu geben. Er zündete die letztere an der Asche der ersteren an und rauchte fort, indem er seitwärts nach seinem Mitgefangenen blickte, der, nur mit seiner Sache beschäftigt, ihn kaum ansah.

»Monsieur Barronneau hinterließ eine Witwe. Sie war vierundzwanzig Jahre alt. Sie galt für schön und (was oft ein ganz anderer Fall) war schön. Ich blieb im goldenen Kreuz wohnen. Ich heiratete Madame Barronneau. Es ist nicht meine Sache zu entscheiden, ob diese Verbindung glücklich war. Hier stehe ich mit der Schmach des Gefängnisses auf mir; es ist jedoch möglich, daß sie mich besser für sie taugend gefunden als ihren früheren Mann.

Er hatte, obenhin betrachtet, das Aussehen eines schönen Mannes – war es aber in Wirklichkeit nicht; und trug das oberflächliche Gepräge eines vornehmen Mannes – was er gleichfalls nicht war. Es war bloße Prahlerei und Anmaßung. Aber darin wie in manchen andern Dingen ersetzt die polternde Behauptung den Beweis – und das in der halben Welt!

Sei dem, wie ihm wolle, Madame Barronneau fand an mir Gefallen. Das wird mir hoffentlich nicht zum Nachteil gereichen?”

Sein Auge fiel zufällig bei dieser Frage auf Johann Baptist, der verneinend den Kopf schüttelte und unzählige Male mit seinem bündigen altro, altro, altro diese Ansicht bekräftigte.

»Nun kamen die Schwierigkeiten unserer gegenseitigen Stellung. Ich bin stolz. Ich sage nichts zur Verteidigung des Stolzes, aber ich bin stolz. Auch liegt es in meinem Charakter, zu herrschen. Ich kann nicht gehorchen; ich muß herrschen. Unglücklicherweise ruhte das Vermögen von Madame Rigaud in ihren Händen. Das war die wahnsinnige Verfügung ihres verstorbenen Mannes. Noch unglücklichererweise hatte sie Verwandte. Wenn die Verwandten einer Frau sich gegen einen Gatten ins Mittel legen, der ein Kavalier, der stolz ist und der herrschen muß, so sind die Folgen für den Frieden immer sehr gefährlich. Madame Rigaud war unglücklicherweise etwas gewöhnlich. Ich suchte ihren Formen einen feinen Schliff zu geben und ihren Ton im allgemeinen etwas zu verbessern; sie nahm (auch darin von ihren Verwandten unterstützt) meine Bemühungen übel auf. Es entstanden Streitigkeiten zwischen uns; die Nachbarn bekamen durch die verleumderischen Zungen der Verwandten von Madame Rigaud übertriebene Kunde davon. Man sagte, ich behandle Madame Rigaud grausam. Man wollte gesehen haben, wie ich ihr ins Gesicht geschlagen – nichts weiter. Ich habe eine leichte Hand, und wenn man mich Madame Rigaud in dieser Weise zurechtweisen sah, so konnte es ihr wenigstens nicht sehr weh tun: denn es geschah ja nur auf scherzhafte Art.«

Wenn die scherzhafte Art des Herrn Rigaud in seinem Lächeln bei diesen Worten einen entsprechenden Ausdruck fand, so würden die Verwandten von Madame Rigaud ohne Zweifel es weit vorgezogen haben, wenn er die unglückliche Frau ernsthaft zurechtgewiesen.

»Ich bin feinfühlig und mutig. Ich will es nicht für ein Verdienst ausgeben, feinfühlig und mutig zu sein, aber es ist mal mein Charakter. Wären die männlichen Verwandten von Madame Rigaud offen gegen mich aufgetreten, würde ich gewußt haben, was mit ihnen anzufangen ist. Sie merkten das und setzten ihre Wühlereien im stillen fort, dadurch gerieten Madame Rigaud und ich häufig in die unglückseligste Kollision. Selbst wenn ich einer kleinen Summe Geldes zu meinen persönlichen Ausgaben bedurfte, konnte ich sie nicht ohne Streit bekommen – und das ich, ein Mann, in dessen Charakter es liegt, zu herrschen? Eines Abends gingen Madame Rigaud und ich freundschaftlich – ich darf sagen wie Liebende – auf einem über die See hinaushängenden Felsenweg spazieren. Ein Unstern ließ Madame Rigaud das Gespräch auf ihre Verwandten bringen. Ich sprach verständig mit ihr über diesen Gegenstand, machte ihr Vorhaltungen über den Mangel an Pflichtgefühl und Hingebung, den sie dadurch an den Tag lege, daß sie sich von der eifersüchtigen Gesinnung ihrer Verwandten gegen den Gatten beeinflussen lasse. Madame Rigaud antwortete etwas derb, ich nicht minder. Madame Rigaud wurde warm, ich wurde gleichfalls warm und reizte sie. Ich gestehe es zu. Offenheit ist eine Seite meines Charakters. Endlich warf sich Madame Rigaud in einem Anfall von Wut, den ich ewig beklagen werde, mit leidenschaftlichem Geschrei auf mich, ohne Zweifel dasselbe Geschrei, das man in der Ferne gehört, zerriß meine Kleider, zerraufte mein Haar, zerkratzte mir die Hände, stampfte mit den Füßen, daß der Staub hoch aufflog, und sprang zuletzt über den Felsen hinab, wo sie sich an den Riffen unten zerschmetterte. Das ist die Kette von Ereignissen, durch die die Bosheit mich zuerst dazu gebracht, von Madame Rigaud das Aufgeben ihrer Rechte gebieterisch zu verlangen und, als sie darein zu willigen sich standhaft weigerte, handgemein mit ihr zu werden – sie zu ermorden!«

Er trat an den Fenstervorsprung, wo das Weinlaub noch herumlag, nahm zwei oder drei Blätter und wischte, mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, sich die Hände daran ab.

»Nun«, fragte er nach einer Pause, »habt Ihr auf alles das nichts zu sagen?«

»Es ist schändlich«, entgegnete der kleine Mann, der aufgestanden war und sein Messer an dem Schuh wetzte, während er sich mit einem Arm gegen die Wand stemmte. »Was soll das?«

Johann Baptist wetzte schweigend weiter.

»Glaubt Ihr, daß ich die Sachlage nicht streng nach der Wahrheit dargestellt?«

»Altro!« entgegnete Johann Baptist. Das Wort war diesmal eine Rechtfertigung und sollte soviel bedeuten als: »O, durchaus nicht.«

»Was denn?«

»Präsident und Tribunal haben gewöhnlich ihre vorgefaßte Meinung.«

»Wohlan!« rief der andere, nicht ohne Unruhe und mit einem Fluch den Zipfel seines Mantels über die Schulter werfend, »so mögen sie ihr Schlimmstes tun!«

»Das werden sie sicher auch«, murmelte Johann Baptist vor sich hin, während er sich bückte, um sein Messer in die Binde zu stecken.

Man sprach von keiner Seite mehr, obgleich beide auf und ab zu gehen begannen und sich natürlich bei jedem Umdrehen begegnen mußten. Monsieur Rigaud blieb bisweilen einen Augenblick stehen, als ob er seine Sache in ein neues Licht stellen oder eine gereizte Entgegnung machen wollte. Da aber Signor Cavaletto seinen Spaziergang in einem wunderlich aussehenden stoßweisen Trott gemächlich fortsetzte und die Augen beständig zu Boden senkte, so blieb es auf der andern Seite bei der Absicht.

Kurz darauf veranlaßte das Klirren eines Schlüssels im Schlosse, daß die beiden stehenblieben. Man hörte ein Geräusch von Stimmen und Tritten. Die Tür rasselte auf; die Stimmen und die Tritte kamen näher, und der Gefängniswärter stieg in Begleitung von einer Wache Soldaten die Treppe herauf.

»Nun, Monsieur Rigaud«, sagte er, indem er mit den Schlüsseln in der Hand vor dem Gitter stehenblieb, »haben Sie die Güte herauszukommen.«

»Ich soll, wie ich sehe, in feierlichem Zuge abgeholt werden?«

»Wenn das nicht der Fall wäre«, entgegnete der Gefängniswärter, »so dürften Sie in vielen Stücken Ihren Kerker verlassen, daß es schwer wäre, sie wieder zusammenzulesen. Draußen steht eine Volksmasse, Monsieur Rigaud, die Ihnen nicht besonders gewogen zu sein scheint.« Mit diesen Worten verschwand er und schloß und riegelte eine kleine Tür in der Ecke des Kerkers auf. »Nun kommen Sie«, sagte er, während er öffnete und eintrat.

Es gibt keine Art von Weiß zwischen allen Farben unter der Sonne, die im entferntesten Ähnlichkeit mit dem Weiß von Monsieur Rigauds Gesicht in diesem Augenblick gehabt. So gibt es auch entfernt keinen Ausdruck im menschlichen Antlitz, der diesem Ausdruck ähnlich gewesen, in dessen kleinstem Zug man das furchterfüllte Herz pochen sah. Man vergleicht beide gewöhnlich mit dem Tod. Aber der Unterschied ist so groß, wie die tiefe Kluft zwischen dem ausgerungenen Kampf und dem Streit in seiner verzweifeltsten Wut. Er zündete eine zweite Zigarette an der seines Mitgefangenen an, steckte sie zwischen die verbissenen Zähne, bedeckte den Kopf mit einem weichen, über die Augen hängenden Hut, warf den Zipfel seines Mantels wieder über die Schulter und trat auf die Seitengalerie hinaus, zu der die Tür führte, ohne weitere Notiz von Signor Cavaletto zu nehmen. Was den kleinen Mann selbst betrifft, so war sein ganzes Bestreben nur darauf gerichtet, der Tür nahe zu kommen und hinauszusehen. Ganz wie ein wildes Tier sich der geöffneten Tür seines Käfigs nähern und gierig nach der Freiheit draußen blicken würde, so verbrachte er die wenigen Augenblicke mit lauerndem Hinausschauen, bis die Tür sich vor ihm schloß.