Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Kleine Feuer überall E-Book

Celeste Ng  

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E-Book-Beschreibung Kleine Feuer überall - Celeste Ng

Der zweite unvergessliche Roman der internationalen Bestsellerautorin Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, »dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer«. Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch?

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E-Book-Leseprobe Kleine Feuer überall - Celeste Ng

Celeste Ng

Kleine Feuer überall

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Für alle, die eigene Wege gehen und überall kleine Feuer legen

Wenn Sie ein Grundstück in der School Section kaufen, einen großzügigen Wohnsitz in den Shaker Country Estates oder eines der von uns in den verschiedenen Vierteln angebotenen Häuser, so stehen Ihnen damit auch die Golf-, Reit- und Tennisanlagen zur Verfügung, der Segelclub, die ausgezeichneten Schulen sowie ein dauerhafter Schutz vor Wertverlust und unliebsamen Veränderungen.

Werbeanzeige, The Van Sweringen Company, Planer und Bauherren von Shaker Village

Alles in allem unterscheiden sich die Menschen in Shaker Heights nicht groß von den Menschen anderswo in Amerika. Sie besitzen vielleicht drei oder vier Autos statt einem oder zwei, sie haben vielleicht zwei Fernseher statt nur einen, und wenn eine junge Frau aus Shaker Heights heiratet, gibt es vielleicht einen Empfang für achthundert Gäste, zu dem die Meyer Davis Band aus New York eingeflogen wird, statt eines Hochzeitsempfangs mit hundert Gästen und einer örtlichen Band, doch sind das nur Unterschiede in der Größenordnung und nicht wirklich entscheidend. »Wir sind freundliche Menschen, und es geht uns wunderbar!«, sagte kürzlich eine Frau im Shaker Heights Country Club, und sie hat recht, denn die Bewohner von Utopia führen anscheinend wirklich ein ziemlich glückliches Leben.

»Das gute Leben in Shaker Heights«, Cosmopolitan, März 1963

1

In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte. Während das ganze Frühjahr über die kleine Mirabelle McCullough Gesprächsthema gewesen war – beziehungsweise, je nachdem, auf welcher Seite man stand, May Ling Chow –, gab es endlich neuen aufregenden Gesprächsstoff. Kurz nach zwölf Uhr mittags an jenem Samstag im Mai hörten die Käufer, die bei Heinen’s ihre Einkaufswagen vor sich herschoben, plötzlich Sirenen aufheulen und die Feuerwehrwagen in Richtung Ententeich rasen. Um Viertel nach zwölf standen vier von ihnen in einer roten Linie am Parkland Drive, wo alle sechs Schlafzimmer der Richardsons in Flammen standen, und den Rauch konnte jeder im Umkreis von achthundert Metern wie eine dichte schwarze Gewitterwolke über den Bäumen aufsteigen sehen. Später sagten die Leute, das habe sie nicht überrascht. Izzy sei leicht gestört, und überhaupt seien die Richardsons schon immer etwas daneben gewesen, und sobald sie an jenem Morgen die Sirenen gehört hätten, sei klar gewesen, dass etwas Furchtbares passiert war. Da war Izzy aber natürlich schon lange verschwunden, und es gab niemanden, der sie verteidigt hätte. Die Leute konnten also sagen, was sie wollten – und taten es auch. Beim Eintreffen der Feuerwehr jedoch, und auch noch eine ganze Weile danach, wusste erstmal niemand etwas Genaues. Die Nachbarn drängten sich so nahe wie möglich an die provisorische Absperrung – hundert Meter vom Feuer entfernt stand quer geparkt ein Streifenwagen – und beobachteten, wie die Feuerwehrleute angesichts des hoffnungslosen Unterfangens ihre Schläuche entrollten. Auf der anderen Straßenseite tauchten die Gänse im Wasser nach Gräsern, der Tumult ließ sie völlig kalt.

Mrs Richardson stand auf dem Grünstreifen und hielt oben am Hals ihren hellblauen Bademantel fest zu. Obwohl es schon mitten am Tag war, hatte sie beim Alarm der Rauchmelder noch geschlafen. Sie war spät ins Bett gegangen und wollte ausschlafen, was sie, wie sie fand, nach einem ziemlich schweren Tag auch verdient hatte. Am Abend zuvor hatte sie von einem Fenster im oberen Stock aus beobachtet, wie ein Auto vor dem Haus vorgefahren war. Die lange Auffahrt erstreckte sich in einem hufeisenförmigen Bogen vom Gehsteig zur Eingangstür und wieder zurück – die Straße war also gut dreißig Meter entfernt, sie hatte nicht viel sehen können, zumal es selbst im Mai schon um acht Uhr dunkel wurde. Doch hatte sie den kleinen hellbraunen VW Golf ihrer Mieterin Mia Warren erkannt. Die Beifahrertür wurde geöffnet, eine schlanke Gestalt stieg aus und ließ die Tür angelehnt: Mias Teenager-Tochter Pearl. Die Beleuchtung erhellte das Wageninnere wie einen Schaukasten, doch das Auto war fast bis oben hin mit Taschen bepackt, und Mrs Richardson erkannte gerade so eben die Silhouette von Mias Kopf mit dem unordentlichen Haarknoten. Pearl beugte sich über den Briefkasten, und Mrs Richardson stellte sich das schwache Quietschen beim Öffnen und Schließen vor. Dann hüpfte Pearl wieder ins Auto und schloss die Tür. Die Bremslichter leuchteten rot auf, erloschen wieder, und das Auto fuhr in die dunkle Nacht davon. Erleichtert war Mrs Richardson nach unten zum Briefkasten gegangen und hatte einen Schlüsselbund an einem schlichten Ring herausgeholt, ohne irgendeine Nachricht. Sie nahm sich vor, am Morgen zum Haus an der Winslow Road zu fahren und nachzusehen, auch wenn sie bereits wusste, dass Mia und Pearl nicht mehr dort sein würden.

Wegen dieses Zwischenfalls hatte sie ausschlafen wollen, und jetzt war es halb eins, sie stand im Bademantel und einem Paar Tennisschuhen ihres Sohnes Trip auf dem Grünstreifen und musste mitansehen, wie ihr Haus abbrannte. Nachdem das Schrillen der Rauchmelder sie geweckt hatte, war sie von Zimmer zu Zimmer gerannt, um nach Trip, nach Lexie, nach Moody zu sehen. Izzy hatte sie ganz vergessen, fiel ihr plötzlich auf, als hätte sie schon geahnt, dass Izzy schuld war. In den Schlafzimmern war niemand, es hing nur Benzingeruch in der Luft und auf jedem Bett knisterte in der Mitte ein kleines Feuer, als hätte eine verrückte Pfadfinderin dort gezeltet. Als sie im Wohnzimmer, im Wintergarten, im Freizeitraum und in der Küche nachsah, hatte sich der Rauch bereits ausgebreitet, und sie rannte schließlich nach draußen, wo sie die durch das Haussicherheitssystem alarmierte Feuerwehr anrücken hörte. In der Einfahrt sah sie weder Trips Jeep noch Lexies Explorer noch Moodys Fahrrad, und natürlich auch nicht die Limousine ihres Mannes. Gewöhnlich ging er am Samstagmorgen ins Büro, um Liegengebliebenes zu erledigen. Jemand würde ihn dort anrufen müssen. Dann fiel ihr ein, dass Lexie zum Glück bei Serena Wong übernachtet hatte. Sie fragte sich, wo Izzy wohl steckte. Und wo ihre Söhne waren, die sie finden und über das Geschehene informieren musste.

Nachdem die Löscharbeiten abgeschlossen waren, konnte man sehen, dass das Haus nicht, wie Mrs Richardson befürchtet hatte, bis auf das Fundament abgebrannt war. Die Fenster waren alle zerborsten, aber das Mauerwerk stand noch, feucht und rußig und dampfend, ebenso wie das Dach, dessen dunkle Schieferschindeln vom Löschwasser schimmerten wie Fischschuppen. Die Richardsons durften erst wieder hinein, wenn die Ingenieure der Feuerwehr die Statik geprüft hatten, doch selbst vom Grünstreifen aus – näher kam sie wegen des gelben Absperrbands nicht ran – war offensichtlich, dass im Inneren nicht viel zu retten war.

»Ich fasse es nicht«, sagte Lexie. Sie hockte auf der Motorhaube ihres Autos, das auf der anderen Straßenseite im Gras am Ententeich geparkt war. Sie und Serena hatten Rücken an Rücken in Serenas Doppelbett geschlafen, als Dr. Wong sie kurz nach eins an der Schulter geschüttelt und geflüstert hatte: »Lexie. Lexie, Liebes. Wach auf. Deine Mutter hat eben angerufen.« Sie waren bis nach zwei aufgeblieben und hatten – wie schon seit Monaten – über die kleine Mirabelle McCullough geredet und ob die Entscheidung des Richters richtig gewesen war, ihren neuen Eltern das Sorgerecht zu übertragen, oder ob man sie ihrer Mutter hätte zurückgeben sollen. »Eigentlich heißt sie doch nicht einmal Mirabelle McCullough«, hatte Serena schließlich gesagt, und sie waren in düsteres, verstörtes Schweigen verfallen und dann eingeschlafen.

Lexie sah den Rauch aus dem Zimmerfenster qualmen, das noch vorne zum Vorgarten rausging, und dachte an alles, was jetzt verbrannt war. Jedes T-Shirt in ihrer Kommode, jede Jeans in ihrem Schrank. Die vielen Briefchen, die Serena ihr seit der sechsten Klasse geschrieben hatte und die sie immer noch zu kleinen Dreiecken gefaltet in einem Schuhkarton unter ihrem Bett aufbewahrte – dem Bett, das jetzt samt Laken und Tagesdecke verbrannt war. Das Anstecksträußchen aus Rosen, das ihr Freund Brian ihr an Homecoming geschenkt hatte und das zum Trocknen an ihrem Toilettentisch hing, die Blütenblätter mittlerweile von Rubinrot zu dunklem Braun verfärbt. All das war jetzt nur noch Asche. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie wegen der Wechselwäsche, die sie zu Serena mitgenommen hatte, besser dran war als der Rest ihrer Familie: Auf dem Rücksitz lag eine Reisetasche mit Jeans, Zahnbürste und Schlafanzug. Sie schaute zu ihren Brüdern, ihrer Mutter, die immer noch im Bademantel auf dem Grünstreifen stand, und dachte: Sie haben buchstäblich nur noch ihre Kleider am Leib. Buchstäblich war eins von Lexies Lieblingswörtern, das sie selbst dann benutzte, wenn es überhaupt nicht passte. In diesem Fall war es ausnahmsweise angebracht.

Trip, der neben ihr saß, fuhr sich gedankenverloren durchs Haar. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel, und seine verschwitzten Locken standen ihm verwegen zu Berge. Er hatte im Gemeindezentrum Basketball gespielt, als er das Heulen der Feuerwehrwagen hörte, sich aber nichts dabei gedacht. Um eins, als alle hungrig waren und Schluss machen wollten, war er nach Hause gefahren. Trotz der offenen Wagenfenster hatte er die riesige, ihm entgegenwehende Rauchwolke nicht bemerkt. Erst als er die abgesperrte Straße sah, ahnte er, dass etwas nicht stimmte. Nach minutenlanger Erklärung durfte er schließlich seinen Jeep gegenüber dem Haus parken, wo Lexie und Moody bereits warteten. Zu dritt saßen sie auf der Motorhaube, nach Alter geordnet wie auf sämtlichen Familienfotos, die im Treppenhaus gehangen hatten und jetzt zu Asche verbrannt waren. Lexie, Trip, Moody: Zwölftklässler, Elftklässer, Zehntklässler. Sie spürten die Lücke, in die Izzy, die Neuntklässlerin, das schwarze Schaf, der Joker, gehörte – doch im Augenblick gingen sie alle drei davon aus, dass diese Lücke nicht für immer war.

»Was hat sie sich bloß dabei gedacht?«, murmelte Moody, und Lexie sagte: »Selbst ihr dürfte klar sein, dass sie diesmal zu weit gegangen ist, deshalb ist sie weggelaufen. Wenn sie zurückkommt, bringt Mom sie um.«

»Wo sollen wir jetzt hin?«, fragte Trip. Es folgte ein längeres Schweigen, in dem sie ihre Lage überdachten.

»Wir nehmen uns ein Hotelzimmer oder so«, sagte Lexie schließlich. »Ich glaube, das hat Josh Trammells Familie auch gemacht.« Jeder kannte die Geschichte: Ein paar Jahre zuvor war Josh Trammell bei brennender Kerze eingeschlafen, und das Haus seiner Eltern war abgebrannt. An der Highschool ging jahrelang das Gerücht, dass es gar keine Kerze gewesen war, sondern ein Joint, aber das Haus war so gründlich ausgebrannt, dass man es einfach nicht herausfand, und Josh war bei seiner Geschichte mit der Kerze geblieben. Für alle war er immer noch der Vollidiot, der das Haus abgefackelt hat, auch wenn es schon lange her war und Josh vor Kurzem sein Studium an der Ohio State mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. Ab jetzt war Josh Trammells Feuer natürlich nicht mehr das berühmteste in Shaker Heights.

»Ein Hotelzimmer? Für uns alle?«

»Was weiß ich. Zwei Zimmer. Oder wir übernachten in den Embassy Suites. Keine Ahnung.« Lexie klopfte mit den Fingern auf ihr Knie. Sie hätte gern eine Zigarette geraucht, aber angesichts der Lage – und vor den Augen ihrer Mutter und von zehn Feuerwehrmännern – wagte sie es nicht, sich eine anzuzünden. »Mom und Dad wird schon was einfallen. Und die Versicherung wird für alles aufkommen.« Obwohl sie nur eine vage Vorstellung von der Funktionsweise einer Versicherung hatte, schien ihr das plausibel.

Die letzten Feuerwehrleute kamen aus dem Haus und zogen sich die Masken vom Gesicht. Der Rauch hatte sich größtenteils verzogen, aber überall hing noch etwas Dunst, er war ein bisschen wie die Luft im Bad nach einer langen, heißen Dusche. Das Autodach wurde langsam heiß, und Trip streckte die Beine aus und stieß mit seinem Flipflop gegen die Scheibenwischer. Dann fing er an zu lachen.

»Was ist denn so lustig?«, fragte Lexie.

»Ich stell mir gerade vor, wie Izzy durchs Haus rennt und überall Streichhölzer anzündet.« Er schnaubte verächtlich. »So eine Irre.«

Moody trommelte mit dem Finger auf den Dachgepäckträger. »Wieso seid ihr alle so sicher, dass sie es war?«

»Na, hör mal.« Trip sprang vom Auto. »Wir reden hier immerhin von Izzy. Und außerdem sind wir alle da. Mom ist da. Dad ist unterwegs. Wer fehlt?«

»Und nur weil Izzy nicht da ist, soll sie für alles verantwortlich sein?«

»Verantwortlich?«, warf Lexie ein. »Izzy?«

»Dad war im Büro«, sagte Trip. »Lexie war bei Serena. Ich war in Sussex beim Sport. Und du?«

Moody zögerte. »Ich bin mit dem Fahrrad zur Bibliothek gefahren.«

»Na bitte.« Für Trip lag die Antwort auf der Hand. »Nur Izzy und Mom waren da. Und Mom hat geschlafen.«

»Vielleicht gab es irgendwo einen Kurzschluss. Oder jemand hat den Herd angelassen.«

»Der Feuerwehr zufolge waren es kleine Feuer überall«, sagte Lexie. »Mehrere Brandherde. Möglicherweise wurde Brandbeschleuniger verwendet. Das war kein Unglück.«

»Wir wissen alle, dass sie spinnt.« Trip lehnte sich an die Autotür.

»Ihr hackt immer auf ihr rum«, sagte Moody. »Kein Wunder, dass sie sich immer so aufführt.«

Auf der anderen Straßenseite rollten die Feuerwehrleute die Schläuche auf. Die drei Richardson-Kinder sahen zu, wie die Männer ihre Äxte ablegten und sich aus ihren verqualmten gelben Jacken schälten.

»Jemand sollte zu Mom gehen und bei ihr bleiben«, sagte Lexie, aber niemand rührte sich.

Wenig später sagte Trip: »Wenn Mom und Dad Iz finden, sorgen sie dafür, dass sie den Rest ihres Lebens in der Psychiatrie verbringt.«

Keiner dachte daran, dass Mia und Pearl nur Stunden zuvor das Haus in der Winslow Road verlassen hatten. Mrs Richardson, die zusah, wie der Brandmeister peinlich genaue Notizen auf sein Klemmbrett schrieb, hatte ihre Ex-Mieter vollkommen vergessen und deren Auszug ihrem Mann und den Kindern gegenüber noch nicht erwähnt; Moody hatte ihre Abwesenheit erst am Morgen entdeckt und wusste noch nicht, was er davon halten sollte. Weit hinten auf dem Parkland Drive näherte sich ein kleiner blauer Punkt, der BMW ihres Vaters.

»Was macht dich eigentlich so sicher, dass man sie findet?«, fragte Moody.

2

Im Juni des Vorjahres, als Mia Warren und ihre Tochter Pearl in das kleine Haus an der Winslow Road eingezogen waren, hatten sich weder Mrs Richardson (der das Haus eigentlich gehörte) noch Mr Richardson (der die Schlüssel überreichte) besonders mit ihnen befasst. Sie wussten, dass es keinen Mr Warren gab und Mia laut der von ihr vorgelegten und in Michigan ausgestellten Fahrerlaubnis sechsunddreißig Jahre alt war. Ihnen fiel auf, dass sie keinen Ehering, aber jede Menge andere Ringe trug: einen großen Amethyst am Zeigefinger, einen aus einem silbernen Löffelstil geformten Ring an ihrem kleinen Finger und einen am Daumen, der für Mrs Richardson verdächtig nach einem Stimmungsring aussah. Aber sie schien ganz nett zu sein, ebenso wie ihre Tochter Pearl, eine stille Fünfzehnjährige mit einem langen dunklen Zopf. Mia zahlte zwei Monatsmieten sowie die Kaution mit einem Bündel Zwanzigdollarscheine, dann fuhr der hellbraune VW Golf, der schon damals ziemlich ramponiert war, auf dem Parkland Drive in Richtung südliches Ende von Shaker, wo die Häuser dichter standen und die Gärten kleiner waren.

Die Winslow Road bestand aus einer Reihe von Zweifamilienhäusern, die vom Gehsteig aus aber nicht als solche zu erkennen waren. Von außen sah man nur eine Eingangstür, ein Haustürlicht, einen Briefkasten, die Hausnummer. Vielleicht fielen dem einen oder anderen die beiden Stromzähler auf, die jedoch – gemäß Stadtverordnung – ebenso wie die Garage hinter dem Haus versteckt waren. Erst in der Diele sah man die beiden Innentüren, von denen eine in die obere, die andere in die untere Wohnung führte, sowie den Zugang zu dem darunterliegenden Keller, den die Mieter sich teilten. Jedes Haus an der Winslow Road beherbergte zwei Parteien, doch von außen schien es nur eine zu sein. Genau das hatte man bei der Bauplanung beabsichtigt. Die Bewohner entgingen auf diese Weise dem Stigma, in einem Zweifamilienhaus zu leben – als Mieter, nicht als Eigentümer –, und den Stadtplanern gelang es, das Erscheinungsbild der Straße zu wahren, denn allen war klar, dass Viertel mit Mietshäusern zu den weniger begehrten zählten.

So war das in Shaker Heights. Es gab Regeln, viele Regeln, was man tun und nicht tun durfte, wie Mia und Pearl nach dem Einzug in ihr neues Heim schnell begriffen. Sie lernten, ihre neue Adresse zu schreiben: Winslow Road 18434(1. St.), der kleine Zusatz in Klammern stellte sicher, dass ihre Post bei ihnen und nicht im Erdgeschoss bei Mr Yang landete. Sie lernten, dass sich das schmale Rasenstück mit dem jungen Spitzahorn – vor jedem Haus einer – zwischen Bürgersteig und Straße Zierstreifen nannte und dass man am Freitagmorgen die Mülltonnen nicht dorthin zerrte, sondern sie auf der Rückseite des Hauses stehen ließ, damit niemand ihren hässlichen Anblick auf dem Gehsteig ertragen musste. Große Motorroller, gesteuert von einem Mann in orangefarbenem Overall, sausten die Einfahrt entlang, um den Müll diskret auf der Rückseite einzusammeln und zum großen, auf der Straße wartenden Wagen zu transportieren. Mia würde sich monatelang an ihren ersten Freitag in der Winslow Road erinnern, an ihre Angst, als der Motorroller wie ein hochtouriges flammendrotes Golfmobil unter dem Küchenfenster vorbeiflitzte. Mit der Zeit gewöhnten sie sich daran ebenso wie an die frei stehende Garage – ebenfalls auf der Rückseite gelegen, um das Straßenbild nicht zu stören –, und sie machten es sich zur Gewohnheit, immer einen Schirm dabeizuhaben, damit sie an Regentagen auf dem Weg vom Auto zum Haus nicht nass wurden. Als Mr Yang im Juli zwei Wochen verreist war, um seine Mutter in Hongkong zu besuchen, lernten sie, dass ein ungemähter Rasen einen höflichen, aber strengen Brief von der Stadt zur Folge hatte, in dem darauf hingewiesen wurde, dass ihr Gras höher als fünfzehn Zentimeter sei und die Stadt, sollte dieser Zustand nicht binnen drei Tagen behoben werden, den Rasen mähen und dafür hundert Dollar berechnen würde. Es gab viele Regeln, die man lernen musste.

Und es gab noch viele weitere Regeln, von denen Mia und Pearl erst im Laufe der Zeit erfuhren. Regeln, die beispielsweise festlegten, in welcher Farbe ein Haus gestrichen werden durfte. Eine hilfreiche Grafik der Stadt stufte jedes Haus als Tudor, im Französischen oder Englischen Stil ein und gab für Architekten und Hausbesitzer die Farben vor. Häuser im Englischen Stil durften nur blaugrau, moosgrün oder in einem bestimmten Beigeton gestrichen werden, um die harmonische Ästhetik in einem Straßenzug sicherzustellen; Tudor-Häuser erforderten einen besonderen Cremeton auf dem Putz und ein besonderes Dunkelbraun für das Fachwerk. In Shaker Heights gab es für alles einen Plan. Als die Stadt 1912 als eine der ersten Plangemeinden im Land entworfen wurde, hatte man die Schulen so platziert, dass kein Kind eine große Straße überqueren musste; Nebenstraßen mündeten auf große Alleen mit strategisch gelegenen Schnellbahnstationen, die Pendler ins Zentrum von Cleveland brachten. Tatsächlich lautete das Motto der Stadt »Die meisten Gemeinden entstehen einfach; die besten sind geplant«. Dahinter stand die Überzeugung, dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte.

Doch in diesen ersten paar Wochen gab es auch andere, angenehmere Dinge zu entdecken. Zwischen putzen, neu streichen und auspacken lernten sie die Straßennamen ihrer neuen Umgebung kennen: Winchell, Latimore, Lynnfield. Sie lernten, sich im hiesigen Supermarkt Heinen’s zu bewegen, in dem man, wie Mia sagte, wie eine Königin behandelt wurde. Man schob seinen Einkaufswagen nicht selbst zum Parkplatz, sondern ein Junge in einem gebügelten Popelinhemd hängte eine Nummer dran und überreichte einem ein farblich dazu abgestimmtes rot-weißes Schildchen. Dann befestigte man das Schildchen an seiner Autoscheibe und fuhr vor den Supermarkt, wo ein anderer Junge mit dem Einkaufswagen herauskam, die Sachen ordentlich in den Kofferraum packte und jedes Trinkgeld ablehnte.

Sie lernten, wo die billigste Tankstelle war – Ecke Lomond und Lee Roads –, die immer einen Cent weniger verlangte als alle anderen; wo sich die Drogeriemärkte befanden und welche doppelte Gutscheine ausgaben. Sie lernten, dass die Bewohner im nahe gelegenen Cleveland Heights und Warrensville und Beachwood ihre ausrangierten Sachen wie normale Menschen auf den Bürgersteig stellten und an welchen Tagen der Sperrmüll in welchen Straßen abgeholt wurde. Sie lernten, wo man einen Hammer, einen Schraubenzieher, einen Eimer Farbe und einen Pinsel kaufte: Das alles bekam man bei Shaker Hardware, aber nur zwischen halb zehn und sechs Uhr abends, dann schickte der Besitzer seine Angestellten zum Essen nach Hause.

Und für Pearl gab es ihre Vermieter und die Richardson-Kinder zu entdecken.

Moody war der erste Richardson, der sich zu dem kleinen Haus an der Winslow traute. Er hatte mitgehört, wie seine Mutter die neuen Mieter seinem Vater beschrieb. »Sie ist irgendeine Künstlerin«, hatte Mrs Richardson gesagt, und als ihr Mann gefragt hatte, was für eine, antwortete sie scherzhaft: »Eine, die am Hungertuch nagt.«

»Das geht schon in Ordnung«, beruhigte sie ihn. »Sie hat mir die Kaution gleich im Voraus gezahlt.«

»Das heißt nicht, dass sie die Miete zahlt«, sagte Mr Richardson, doch sie wussten beide, dass sie auf die Miete – nur dreihundert Dollar pro Monat für die obere Wohnung – nicht angewiesen waren, um über die Runden zu kommen. Mr Richardson war Jurist, und Mrs Richardson arbeitete für die Lokalzeitung, die Sun Press. Das Haus an der Winslow war abbezahlt; Mrs Richardsons Eltern hatten es als Wertanlage gekauft, als sie noch ein Teenager war. Die Miete hatte ihr durchs Studium an der Denison University geholfen und war dann in ihrer Anfangszeit als Jungreporterin eine monatliche »Finanzspritze« gewesen, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Nachdem sie Mr Richardson geheiratet hatte und Mrs Richardson wurde, kauften sie ein eigenes schönes Shaker-Haus, ebenjenes Haus am Parkland Drive, das sie Jahre später abbrennen sah. Als Mrs Richardsons Eltern vor fünf Jahren im Abstand von nur wenigen Monaten gestorben waren, hatte sie auch das Haus an der Winslow geerbt. Ihre Eltern hatten damals schon seit einiger Zeit in einem Heim für betreutes Wohnen gelebt und das Haus, in dem sie aufgewachsen war, bereits verkauft. Doch das Haus an der Winslow hatten sie behalten, und Mrs Richardson behielt es nun ebenfalls, auch aus Nostalgie.

Nein, es ging nicht ums Geld. Die monatliche Miete – insgesamt fünfhundert Dollar – floss jetzt in die Urlaubskasse der Richardsons. Im vergangen Jahr hatten sie damit ihren Ausflug nach Martha’s Vineyard bestritten, wo Lexie ihr Rückenschwimmen perfektioniert, Trip alle einheimischen Mädchen bezaubert, Moody sich einen schlimmen Sonnenbrand geholt und Izzy schließlich unter Druck eingewilligt hatte, mit zum Strand zu gehen – mit finsterer Miene und in Straßenkleidung samt ihren Doc Martens. Aber eigentlich wäre auch so jede Menge Geld für einen Urlaub vorhanden gewesen. Und gerade weil sie das Geld vom Haus nicht brauchten, suchte Mrs Richardson stets eine bestimmte Art von Mietern aus. Sie wollte das Gefühl haben, dass sie etwas Gutes tat, dazu hatten ihre Eltern sie erzogen. Jahr für Jahr hatten sie für UNICEF und die Humane Society gespendet, jede hiesige Wohltätigkeitsveranstaltung besucht und einmal bei der stillen Auktion im Rotary Club einen fast einen Meter großen Teddybär gewonnen. Mrs Richardson betrachtete die Vermietung als eine Form der Nächstenliebe. Sie hielt die Miete niedrig – in Cleveland waren Immobilien günstig, aber Wohnungen in guten Vierteln wie Shaker konnten ziemlich teuer sein –, und sie vermietete nur an Leute, die es verdienten, und aus irgendeinem Grund keine faire Chance im Leben gehabt hatten. Ihr gefiel es, diese Ungerechtigkeit auszugleichen.

Mr Yang war der erste Mieter gewesen, den sie in dem geerbten Haus aufgenommen hatte; er war aus Hongkong in die Vereinigten Staaten eingewandert, kannte niemanden und sprach nur ein bruchstückhaftes Englisch mit schwerem Akzent. Sein Akzent hatte sich im Lauf der Jahre kaum gebessert, und wenn sie sich unterhielten, konnte sie manchmal nur nicken und lächeln. Aber sie fand, Mr Yang war ein guter Mann; er arbeitete viel, fuhr einen Schulbus zur Laurel Academy, einer nahe gelegenen Privatschule für Mädchen, und arbeitete als Handwerker. Von seinem mageren Gehalt hätte er nie in einem so schönen Viertel leben können. Er wäre in einer beengten grauen Einzimmerwohnung irgendwo an der Buckeye Road gelandet oder noch wahrscheinlicher in dem heruntergekommenen Dreieck Ostcleveland, eine Art Chinatown, wo die Mieten verdächtig niedrig waren, jedes zweite Haus leer stand und mindestens einmal pro Nacht die Sirenen heulten. Außerdem hielt Mr Yang das Haus in tadellosem Zustand, reparierte undichte Wasserhähne, besserte vorne den Beton aus und verwandelte den handtuchgroßen hinteren Garten in ein üppiges Treibhaus. Jeden Sommer brachte er ihr selbst gezüchtete Wachskürbisse, und obwohl Mrs Richardson nichts damit anzufangen wusste – sie waren jadegrün, verschrumpelt und unangenehm faserig –, schätzte sie seine Aufmerksamkeit. Mr Yang war genau der Mieter, den sie sich wünschte: ein netter Mensch, dem sie etwas Gutes tat und der es ihr dankte.

Mit der oberen Wohnung hatte sie nicht so viel Glück gehabt; dort hatten die Mieter fast jedes Jahr gewechselt: ein Cellist, der gerade eine Stelle als Lehrer am Musikinstitut bekommen hatte, dann eine geschiedene Frau in den Vierzigern, ein frisch verheiratetes Paar, das gerade sein Studium an der Cleveland State University abgeschlossen hatte. Sie alle hatten in ihren Augen ein wenig Unterstützung verdient. Aber keiner blieb lange. Dem Cellisten hatte man den ersten Stuhl im Cleveland Orchestra verwehrt, und er verließ verbittert die Stadt. Die geschiedene Frau heiratete nach einer viermonatigen stürmischen Romanze erneut und zog mit ihrem neuen Gatten in ein nagelneues McMansion in Lakewood. Und das junge Paar, das so ernsthaft, hingebungsvoll und verliebt gewirkt hatte, war nach nur eineinhalb Jahren hoffnungslos zerstritten und trennte sich, hinterließ einen nicht erfüllten Vertrag, mehrere zerbrochene Vasen und drei Dellen in der Wand auf Kopfhöhe, wo die Vasen zersplittert waren.

Das war eine Lektion, entschied Mrs Richardson. Diesmal wäre sie aufmerksamer. Sie bat Mr Yang, den Putz auszubessern, und ließ sich Zeit, einen neuen Mieter zu finden, die richtige Art von Mieter. Winslow Road 18434(1. St.) stand fast ein halbes Jahr leer, bis Mia Warren und ihre Tochter kamen. Eine alleinerziehende Mutter, wortgewandt, künstlerisch begabt und mit einer Tochter, die höflich, ziemlich hübsch und wahrscheinlich hochintelligent war.

»Angeblich sind Shaker-Schulen die besten in Cleveland«, hatte Mia gesagt, als Mrs Richardson fragte, warum sie nach Shaker gezogen waren. »Pearl bewegt sich schon auf College-Niveau. Aber eine Privatschule kann ich mir nicht leisten.«

Sie schaute kurz zu Pearl, die still im leeren Wohnzimmer stand, die Hände vor sich gefaltet. Das Mädchen lächelte schüchtern. Etwas an diesem Blick zwischen Mutter und Kind rührte Mrs Richardson bis ins Herz. Sie versicherte Mia, dass Shaker-Schulen wirklich ausgezeichnet seien – Pearl könne sich in jedem Fach für Kurse auf College-Niveau anmelden, und es gebe Physiklabore, ein Planetarium, fünf Fremdsprachen, die sie lernen könne.

»Und sie haben ein wunderbares Theaterprogramm, falls sie sich dafür interessiert«, fügte sie hinzu. »Im letzten Jahr war meine Tochter Lexie die Helena im Mittsommernachtstraum.« Sie zitierte das Motto der Shaker-Schulen: Eine Gemeinde erkennt man an ihren Schulen. Die Grundsteuern in Shaker waren höher als überall sonst, doch die Bewohner bekamen etwas für ihr Geld. »Aber Sie sind ja Mieterin und genießen sämtliche Vorteile ohne die Last«, setzte sie lachend hinzu. Sie gab Mia ein Bewerbungsformular, hatte sich aber schon entschieden. Es machte sie überglücklich, sich diese Frau mit ihrer Tochter in der Wohnung vorzustellen: Pearl würde am Küchentisch Hausaufgaben machen, Mia in der eingefassten Veranda mit Blick auf den Garten vielleicht an einem Bild oder einer Skulptur arbeiten – ihre genaue Richtung hatte sie nicht erwähnt.

Moody, der seine Mutter die neuen Mieter beschreiben hörte, interessierte weniger die Künstlerin als die »hochintelligente« Tochter in seinem Alter. Ein paar Tage nach Mias und Pearls Einzug gewann seine Neugier die Oberhand. Wie immer nahm er sein Fahrrad, ein altes Schwinn ohne Gangschaltung, das sein Vater vor langer Zeit in Indiana benutzt hatte. In Shaker Heights fuhr niemand Fahrrad, so wie auch niemand mit dem Bus fuhr: Entweder man fuhr selbst oder wurde gefahren; die Stadt war für Autos gebaut und für Menschen, die Autos besaßen. Moody fuhr Rad. Er wurde erst im kommenden Frühjahr sechzehn, und er vermied es tunlichst, Lexie oder Trip zu bitten, ihn irgendwohin zu kutschieren.

Er fuhr los und folgte dem Bogen des Parkland Drive, vorbei am Ententeich, in dem er noch nie eine Ente gesehen hatte, nur Schwärme von großen, frechen Kanadagänsen, über den Van Aken Boulevard und die Schnellbahngleise zur Winslow Road. Er kam nicht oft hierher – keines der Kinder hatte viel mit dem vermieteten Haus zu tun –, aber er wusste, wo es lag. Als er jünger war, hatte er ein paarmal in der Einfahrt im Auto gesessen, den Pfirsichbaum im Garten angestarrt und die Radiosender durchsucht, während seine Mutter rasch hineinging und etwas abgab oder überprüfte. Es kam nicht oft vor, denn abgesehen von der Mietersuche musste man sich nicht um das Haus kümmern. Während seine Reifen über die Fugen zwischen den großen Sandsteinplatten der Gehwege holperten, wurde ihm klar, dass er es noch nie betreten hatte. Und er wusste auch nicht, ob eins seiner Geschwister je dort war.

Vor dem Haus legte Pearl sorgfältig die Einzelteile eines alten Holzbettes auf den Rasen. Moody, der das Rad auf der anderen Straßenseite sanft zum Stehen brachte, sah ein schlankes Mädchen in einem langen, zerknitterten Rock und einem weiten T-Shirt mit einer Aufschrift, die er nicht genau entziffern konnte. Ihr langes, lockiges Haar hing ihr in einem dicken, sich auflösenden Zopf über den Rücken. Das Kopfteil hatte sie flach vor die ans Haus grenzenden Blumenbeete gelegt, darunter die Seitenteile und auf beiden Seiten ordentlich aufgereiht die Latten. Es sah aus, als hätte das Bett tief eingeatmet und sich dann anmutig im Gras ausgestreckt. Halb verborgen hinter einem Baum beobachtete Moody, wie sie zu dem Golf ging, der mit weit geöffneten Türen in der Einfahrt stand, und das Fußteil von der Rückbank holte. Er fragte sich, wie sie es angestellt hatten, ein ganzes Bett in einem so kleinen Auto zu verstauen. Barfuß überquerte sie den Rasen und legte das Fußteil an seinen Platz. Dann stieg sie in die Mitte des leeren Rechtecks, wo die Matratze hingehörte, und legte sich rücklings ins Gras.

Im ersten Stock wurde scheppernd ein Fenster geöffnet, und Mia streckte den Kopf heraus. »Alles da?«

»Zwei Latten fehlen«, rief Pearl zurück.

»Die ersetzen wir. Nein, warte, bleib so. Nicht bewegen.« Mias Kopf verschwand und erschien wenig später mit einer Kamera, einer echten Kamera mit einem Objektiv, groß wie eine Blechdose. Pearl rührte sich nicht von der Stelle und starrte in den leicht bewölkten Himmel, während Mia sich fast bis zur Hüfte hinauslehnte, um den richtigen Blickwinkel zu finden. Moody hielt die Luft an, aus Angst, die Kamera könnte ihr aus den Händen und auf das vertrauensvoll nach oben blickende Gesicht ihrer Tochter fallen oder sie könnte womöglich selbst über den Sims stürzen und unten im Gras landen. Nichts davon geschah. Mia neigte den Kopf hierhin und dorthin, fing die Szene in ihrem Sucher ein. Die Kamera verdeckte ihr Gesicht, verdeckte alles, bis auf das Haar, das sich in einem wuscheligen Wirbel um ihren Kopf türmte wie ein Heiligenschein. Als Moody später die fertigen Fotos sah, erinnerte ihn Pearl im ersten Moment an ein zartes Fossil, etwas, das seit Jahrtausenden im Skelettbauch eines prähistorischen Tiers gefangen war. Dann fand er, dass sie wie ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln aussah. Und dann sah sie schlicht wie ein Mädchen aus, das in einem üppigen grünen Bett schlief und darauf wartete, dass ihr Liebster sich zu ihr legte.

»Alles klar«, rief Mia hinunter. »Ich hab’s.« Sie verschwand aus dem Fenster, und Pearl richtete sich auf und schaute über die Straße direkt zu Moody, dessen Herz vor Aufregung hüpfte.

»Willst du helfen?«, rief sie. »Oder bloß da rumstehen?«

Moody erinnerte sich später nicht daran, wie er die Straße überquert, sein Fahrrad angelehnt und sich vorgestellt hatte. Er hatte das Gefühl, dass er schon immer ihren Namen und sie schon immer seinen gekannt hatte, dass er und Pearl sich irgendwie schon immer gekannt hatten.

Zusammen trugen sie die Teile des Bettgestells die schmale Treppe hinauf. Das Wohnzimmer war leer, nur ein Stapel Kartons stand in einer Ecke, und in der Mitte des Bodens lag ein großes rotes Kissen.

»Da lang.« Pearl führte Moody in das größere Schlafzimmer, in dem nur eine verblichene, aber saubere Matratze an der Wand lehnte.

»Hier«, sagte Mia und stellte Pearl eine Werkzeugkiste aus Metall vor die Füße. »Die wirst du brauchen.« Sie lächelte Moody zu, als wäre er ein alter Freund. »Ruft mich, wenn ihr Hilfe braucht.« Dann trat sie in den Flur zurück, und kurz darauf hörten sie, wie ein Karton aufgeschlitzt wurde.

Pearl war eine geschickte Handwerkerin. Sie hebelte die Seitenteile in die Aufhängung am Kopfteil und schraubte sie fest. Moody saß neben der offenen Werkzeugkiste und beobachtete sie ehrfürchtig. Wenn bei ihm zu Hause etwas kaputt war – Herd, Waschmaschine, Müllvertilger –, rief seine Mutter einen Handwerker, oder die Dinge wurden gleich ersetzt. Alle drei, vier Jahre, wenn die Federung nachließ, suchte seine Mutter eine neue Wohnzimmergarnitur aus, die alte wanderte in den Freizeitraum im Keller und die noch ältere aus dem Freizeitraum wurde dem Kinderheim für Jungen auf der West Side gespendet oder dem Frauenhaus in der Stadt. Sein Vater schraubte nicht in der Garage an seinem Auto herum; wenn etwas klapperte oder quietschte, brachte er es zu Lusty Wrench, wo Luther sich seit zwanzig Jahren um die Autos der Richardsons kümmerte. Moody wurde klar, dass sich seine diesbezügliche Erfahrung auf den Werkunterricht in der achten Klasse beschränkte: Dort hatte man sie in Gruppen eingeteilt – eine nahm Maß, die andere sägte, die dritte schmirgelte –, und am Ende des Schuljahrs schraubte jeder seine Teile zu einem kleinen kastenförmigen Süßigkeitenspender zusammen, der drei Kaudragees ausspuckte, wenn man am Griff zog. Im Jahr davor hatte Trip im Werkunterricht genau so einen gebaut, im Jahr davor Lexie, und Izzy baute im kommenden Jahr noch einen, aber trotz des Werkunterrichts, trotz der irgendwo im Haus verstauten vier identischen Süßigkeitenspender war sich Moody nicht sicher, ob jemand in seiner Familie mehr als den Akkuschrauber von Philips bedienen konnte.

»Wer hat dir das alles beigebracht?«, fragte er und reichte Pearl noch eine Bettlatte.

Pearl zuckte die Schultern. »Meine Mom«, sagte sie, hielt die Latte mit einer Hand und nahm eine Schraube vom Haufen auf dem Teppich.

Das zusammengebaute Bett entpuppte sich als altmodisches Einzelbett mit Bettpfosten, ein Bett, in dem auch Goldlöckchen hätte schlafen können.

»Woher habt ihr das?« Moody schob die Matratze in den Rahmen und ließ sich probehalber darauffallen.

Pearl legte den Schraubenzieher in die Werkzeugkiste zurück und verriegelte sie. »Gefunden.«

Sie lehnte sich mit dem Rücken ans Fußende, streckte die Beine aus und schaute an die Decke, als teste sie etwas. Moody setzte sich neben ihre Füße ans Kopfende. Grashalme klebten an ihren Zehen, Waden und dem Saum ihres Rocks. Sie roch nach frischer Luft und Pfefferminzshampoo.

»Das ist mein Zimmer«, sagte Pearl plötzlich, und Moody sprang erschrocken auf. »Entschuldige«, sagte er und wurde puterrot.

Pearl blickte auf, als hätte sie ihn kurz vergessen. »Oh«, sagte sie. »So war das nicht gemeint.« Sie zupfte einen Grashalm zwischen ihren Zehen heraus und schnipste ihn weg; sie beobachteten, wie er auf dem Teppich landete. Dann sagte sie verwundert: »Ich hatte noch nie ein eigenes Zimmer.«

Moody überdachte ihre Bemerkung. »Du meinst, du musstest dir immer eins teilen?« Er versuchte sich ein Leben vorzustellen, in dem so etwas möglich war. Er versuchte sich vorzustellen, er müsste sich ein Zimmer mit Trip teilen, der seine dreckigen Socken und Sportzeitschriften auf dem Boden liegen ließ, der beim Nachhausekommen als Erstes das Radio einschaltete – immer auf »Jammin« 92,3 –, als könnte sein Herz ohne das geistlose Basswummern nicht schlagen. Im Urlaub buchten die Richardsons immer drei Zimmer: eins für Mr und Mrs Richardson, eins für Lexie und Izzy, eins für Trip und Moody – und beim Frühstück machte sich Trip über Moody lustig, weil er manchmal im Schlaf redete. Dass Pearl und ihre Mutter so arm waren, dass sie sich ein Zimmer hatten teilen müssen – Moody konnte es kaum fassen.

Pearl schüttelte den Kopf. »Wir hatten noch nie ein eigenes Haus«, sagte sie, und Moody verkniff sich zu sagen, dass dies kein Haus war, sondern nur eine Haushälfte. Mit der Fingerspitze umkreiste sie die Knöpfe in den Mulden der Matratze.

Moody, der sie beobachtete, konnte nicht ahnen, woran Pearl sich erinnerte: den kniffligen Herd in Urbana, der mit einem Streichholz angezündet werden musste, die Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug in Middlebury, den von Unkraut überwucherten Garten in Ocala, die verräucherte Wohnung in Muncie, wo das Kaninchen des Vormieters im Wohnzimmer frei herumlaufen durfte und angeknabberte Löcher und fragwürdige Flecken hinterlassen hatte. Und die Untermietwohnung in Ann Arbor, aus der sie vor einigen Jahren nur äußerst ungern ausgezogen war, weil die Leute dort eine Tochter hatten, die nur ein oder zwei Jahre älter war, und sie in dem halben Jahr, das sie mit ihrer Mutter dort gelebt hatte, jeden Tag mit den Pferdefiguren dieses glücklichen Mädchens gespielt, in seinem Kindersessel gesessen und in seinem weißen Himmelbett geschlafen hatte, und sie manchmal, wenn ihre Mutter schlief, die Nachttischlampe angeschaltet, den Schrank des Mädchens geöffnet und die Kleider und Schuhe anprobiert hatte, auch wenn ihr alles etwas zu groß war. Überall im Haus gab es Fotos von dem Mädchen – auf dem Kaminsims, auf den Beistelltischen im Wohnzimmer, im Treppenhaus ein großes, schönes Studioporträt, auf dem das Mädchen das Kinn in die Hand stützte –, und Pearl hatte sich mühelos vorstellen können, dass es ihr Haus und ihre Sachen, ihr Zimmer, ihr Leben war. Als das Paar mit seiner Tochter aus dem Sabbatjahr zurückkehrte, konnte Pearl das braun gebrannte, drahtige und inzwischen für die Kleider im Schrank viel zu große Mädchen nicht einmal ansehen. Auf dem Weg nach Lafayette, wo sie die nächsten acht Monate blieben, hatte sie die ganze Zeit geweint, und selbst der gestohlene Porzellan-Palomino aus der Sammlung des Mädchens tröstete sie nicht, denn obwohl sie angespannt darauf wartete, wurde der Verlust nie beklagt, und was machte weniger Spaß, als ein so reich beschenktes Mädchen zu bestehlen, dem gar nicht auffiel, dass ihm etwas fehlte? Ihre Mutter hatte das offenbar verstanden, denn danach wohnten sie nie wieder möbliert. Und Pearl hatte sich auch nie darüber beklagt, weil sie jetzt wusste, dass sie lieber in einer leeren Wohnung lebte als in einer mit fremden Sachen.

»Wir ziehen oft um. Immer, wenn es meine Mom packt.« Pearl sah ihn durchdringend an, fast schon böse, und Moody stellte fest, dass ihre Augen, die er anfangs für haselnussbraun gehalten hatte, in Wirklichkeit dunkelgrün waren. Im selben Moment wurde ihm schlagartig klar, was an diesem Vormittag geschehen war: In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen.

»Was machst du morgen?«, fragte er.

3

In den nächsten paar Wochen zählte für Moody immer nur der nächste Tag. Sie fuhren zu seiner alten Grundschule, wo sie auf die Rutsche stiegen und die Stange hochkletterten und von der Brücke auf den Rindenmulch hinunterhüpften. Er lud Pearl auf ein Eis mit Karamellsauce zu Draeger’s ein. Am Horseshoe Lake kletterten sie wie Kinder auf Bäume und warfen den unten schwimmenden Enten alte Brotbrocken zu. Im Yours Truly, dem hiesigen Diner, saßen sie in einer Holznische mit hoher Lehne, aßen mit Käse und Speck überbackene Pommes und warfen 25-Cent-Stücke in die Jukebox, um »Great Balls of Fire« und »Hey Jude« zu hören.

»Zeig mir doch mal die Shaker«, schlug Pearl eines Tages vor, worauf Moody lachte.

»In Shaker Heights gibt es keine Shaker«, sagte er. »Die sind alle ausgestorben. Sie haben nichts von Sex gehalten. Die Stadt wurde nur nach ihnen benannt.«

Moody hatte halbwegs recht, auch wenn weder er noch die meisten Kinder in der Stadt viel über ihre Geschichte wussten. Die Shaker hatten tatsächlich das Land verlassen, das sehr viel später Shaker Heights werden sollte, und im Sommer 1997 gab es noch genau zwölf auf der Welt. Shaker Heights war zwar nicht nach Shaker-Grundsätzen gegründet worden, doch es folgte gleichermaßen der Idee, eine Utopie zu schaffen. Ordnen – und Verordnen, für Ordnung unerlässlich – galt den Shakern als Schlüssel zu Harmonie. Sie hatten alles verordnet: die angemessene Zeit, um morgens aufzustehen, die angemessene Farbe der Vorhänge, die angemessene Haarlänge für Männer, die angemessene Art, wie man die Hände zum Gebet faltet (den rechten Daumen über den linken). Die Shaker waren fest überzeugt, wenn sie jede Kleinigkeit planten, könnten sie ein Stück Himmel auf Erden schaffen, einen kleinen Zufluchtsort, und die Gründer von Shaker Heights hatten genauso gedacht. In Werbeannoncen zeigten sie Shaker Heights hoch oben auf einem Berggipfel am Ende eines Regenbogens, mit Blick auf das schmutzige Cleveland. Perfektion war das Ziel, und vielleicht hatten die Shaker so streng gelebt, dass dieser Geist mit der Zeit sogar die Erde durchdrang und in denen, die dort aufwuchsen, einen Hang zu überdurchschnittlichen Leistungen und eine tiefe Abneigung gegen Fehler hinterließ. Selbst die jungen Leute in Shaker Heights – deren einziger Berührungspunkt mit den Shakern sich auf das Lied »Simple Gifts« im Musikunterricht beschränkte – spürten diesen Drang nach Perfektion noch in der Luft.

Während Pearl mehr über ihre neue Heimatstadt erfuhr, brachte Moody mehr über Mias Kunst und die schwierige, wechselhafte Finanzlage der Warrens in Erfahrung.

Moody hatte sich nie Gedanken über Geld gemacht, er musste es nicht. Licht ging an, wenn er auf den Schalter drückte, Wasser floss, wenn er den Hahn aufdrehte. Im Kühlschrank fanden sich in regelmäßigen Abständen frische Lebensmittel, die später als gekochte Mahlzeiten auf dem Tisch standen. Seit seinem zehnten Lebensjahr bekam er ein Taschengeld, das bei fünf Dollar pro Woche angefangen und sich mit Inflation und Alter stetig auf derzeit zwanzig Dollar erhöht hatte. Zwischendurch gab es Geburtstagskarten von Tanten und Verwandten, denen zuverlässig ein gefalteter Geldschein beigelegt war, mit dem er sich bei Mac’s Backs ein gebrauchtes Buch kaufen konnte, hin und wieder eine CD oder neue Gitarrensaiten, was er eben geradeso brauchte.

Mia und Pearl erstanden, so viel sie konnten, gebraucht – oder noch besser, umsonst. Nach nur wenigen Wochen kannten sie jeden Laden der Heilsarmee, jeden St. Vincent Paul’s und Goodwill im weiteren Umkreis von Cleveland. In der ersten Woche hatte Mia einen Job im Lucky Palace gefunden, einem chinesischen Restaurant vor Ort; an mehreren Nachmittagen und Abenden nahm sie am Tresen Bestellungen entgegen und verpackte sie zum Mitnehmen. Zum Essen gingen die Einwohner von Shaker zwar lieber in das nur wenige Straßen weiter gelegene Pearl of the Orient, aber der Lucky Palace machte ein gutes Geschäft mit Essen zum Mitnehmen. Sie bekam einen Stundenlohn, und die Bedienungen gaben ihr einen Anteil vom Trinkgeld ab, und wenn Essen übrigblieb, nahm sie ein paar Tabletts mit nach Hause – nicht mehr ganz frischen Reis, süß-saures Schweinefleisch, leicht angegammeltes Gemüse –, das für sie und Pearl fast immer reichte. Sie hatten nicht sehr viel, aber das war nicht unbedingt spürbar: Mia war ziemlich erfinderisch. An einem Abend gab es Lo mein ohne Sauce, dafür mir Ragout aus dem Glas, und am nächsten Rindfleisch in Orangensauce. Alte Bettlaken, fünfundzwanzig Cent pro Stück im Secondhandladen, wurden umfunktioniert zu Vorhängen, einer Tischdecke, Kissenbezügen. Moody dachte an den Matheunterricht: eine praktische Übung in Kombinatorik. Wie viele Füllungen gab es für Teigtaschen? Wie viele Kombinationen ließen sich aus Reis, Schweinefleisch und Paprika zaubern?

»Warum sucht sich deine Mutter keine richtige Arbeit?«, fragte Moody Pearl eines Nachmittags. »Ich wette, sie könnte mehr Stunden pro Woche arbeiten. Vielleicht könnte sie auch eine volle Stelle im Pearl of Orient oder woanders kriegen.« Diese Frage hatte er sich schon die ganze Woche gestellt, seit er von Mias Job erfahren hatte. Wenn sie mehr arbeiten würde, dachte er, würde sie genug Geld verdienen, und Pearl und sie könnten sich ein richtiges Sofa, richtige Mahlzeiten und vielleicht einen Fernseher leisten.

Pearl starrte ihn mit gerunzelter Stirn an, als würde sie die Frage nicht verstehen.

»Aber sie hat doch einen Job«, sagte sie. »Sie ist Künstlerin.«

Sie lebten seit Jahren so, Mia mit einem Teilzeitjob, mit dem sie gerade so eben über die Runden kam. Solange sie zurückdenken konnte, hatte Pearl die Rangordnung verstanden: Ihre Mutter war eigentlich Künstlerin, und ihr Brotjob diente nur dazu, das zu ermöglichen. Ihre Mutter arbeitete jeden Tag mehrere Stunden – allerdings hatte Moody es anfangs nicht als Arbeit gedeutet. Manchmal war sie unten in der provisorischen Dunkelkammer, die sie in der Waschküche im Keller installiert hatte, entwickelte Filme oder machte Abzüge. Manchmal las sie die ganze Zeit – Sachen, die Moody nicht viel sagten, Essenszeitschriften aus den 1960ern oder Autohandbücher oder eine dicke, gebundene Biografie über Eleanor Roosevelt aus der Bibliothek –, oder sie starrte aus dem Wohnzimmerfenster auf den Baum davor. Als er eines Morgens kam, um Pearl abzuholen, spielte Mia mit einer Fadenschlinge das Hexenspiel, und als sie zurückkamen, war sie immer noch dabei und spann noch kompliziertere Netze zwischen ihren Fingern, die sie dann plötzlich zu einer einzigen Schlinge auflöste, um von vorne anzufangen. »Das gehört dazu«, erklärte ihm Pearl beim Durchqueren des Wohnzimmers mit der lässigen Miene einer Einheimischen, die sich von den seltsamen Bräuchen des Landes unbeeindruckt zeigt.

Manchmal zog Mia mit der Kamera los und fotografierte spontan, aber meistens verbrachte sie Wochen oder gar Tage mit der Vorbereitung eines Motivs, das aufzunehmen dann nur ein paar Stunden dauerte. Denn Mia sah sich selbst, wie Moody mit der Zeit feststellte, nicht als Fotografin. Bei der Fotografie ging es im Grunde um Dokumentation, und er begriff, dass die Kamera für Mia nur ein Werkzeug war, das sie benutzte wie ein Maler einen Pinsel oder ein Messer.

Später bearbeitete sie das Foto dann vielleicht: verdeckte die Gesichter darauf mit Karnevalsmasken oder schnitt die Figuren wie Papierpuppen aus und zog ihnen Kleider aus Modezeitschriften an. Für eine Fotoserie unterzog Mia die Negative einer Spezialbehandlung, bevor sie seltsam verfremdete Abzüge machte – ein Foto von einer sauberen Küche, gesprenkelt mit Limonadespritzern; ein Foto von gespenstisch wehender, von Bleiche entstellter Wäsche auf einer Leine. In einer anderen Serie belichtete sie jedes Bild doppelt und legte etwa einen weit entfernten Wolkenkratzer über ihren Mittelfinger; sie platzierte einen toten, mit gespreizten Flügeln auf dem Gehsteig liegenden Vogel auf einem blauen Himmel, sodass es aussah, als würde er fliegen, wenn man von den geschlossenen Augen absah.

Sie arbeitete eigenwillig und hob nur die Fotos auf, die ihr gefielen, den Rest warf sie weg. Wenn eine Idee ausgeschöpft war, behielt sie einen Abzug von jeder Aufnahme und vernichtete die Negative. »Ich halte nichts von Mehrfachverwertung«, sagte sie leichthin zu Moody, als er sie fragte, warum sie nicht mehrere Abzüge mache. Menschen fotografierte sie nur selten – hin und wieder machte sie ein Bild von Pearl, wie das mit dem Bett auf dem Rasen, benutzte sie aber nie für ihre Arbeit. Und auch sich selbst verwendete sie nur bedingt als Modell: Einmal, erzählte Pearl Moody, hatte sie eine Serie von Selbstporträts gemacht, bei denen sie verschiedene Objekte als Maske trug – ein Stück schwarze Spitze, fünffingrige Rosskastanienblätter, einen feuchten, biegsamen Seestern –, sie hatte einen Monat darauf verwendet und die Serie schließlich auf acht Bilder reduziert. Sie waren wunderschön und gespenstisch gewesen, und Pearl sah sie noch jetzt deutlich vor sich: Das leuchtende Auge ihrer Mutter blitzte wie eine Perle durch zwei Seesternarme. Doch aus Gründen, die Pearl nie verstand, hatte Mia sämtliche Abzüge und Negative verbrannt. »Du hast so viel Zeit darauf verwendet«, hatte sie gesagt, »und jetzt pfft« – sie schnippte mit den Fingern – »einfach so?«

»Sie haben nicht funktioniert«, war Mias einziger Kommentar gewesen.

Doch die Bilder, die sie behielt und verkaufte, waren erstaunlich.

In der luxuriösen Untermietwohnung in Ann Arbor hatte Mia mehrere Möbel auseinandergenommen und die Einzelteile – fingerdicke Bolzen, nicht lackierte Querbalken, abgeschraubte Füße – zu Tieren arrangiert. Ein klobiger Schreibtisch aus dem neunzehnten Jahrhundert verwandelte sich in einen Bullen, die Seitenteile der zerlegten Schubladen wurden zu muskulösen Beinen, die gusseisernen Knöpfe an den Schubladen dienten als Nase, Augen und schimmernde Hoden, und eine Handvoll Stifte fächerte sich zu sichelförmigen Hörnern auf. Mit Pearls Hilfe hatte sie die Teile auf dem cremefarbenen Perserteppich ausgelegt, der als Hintergrund aussah wie ein vernebeltes Feld, und dann war sie auf einen Tisch gestiegen, um das Ganze von oben zu fotografieren, ehe sie alles wieder auseinanderpflückten und zu einem Schreibtisch zusammenbauten. Ein alter chinesischer Vogelkäfig, zerlegt in ein Netz von gewölbten Drähten, wurde ein Adler, die messingfarbenen skelettartigen Flügel ausgebreitet, als würde er sich gleich in die Lüfte erheben. Ein dick gepolstertes Sofa war ein Elefant geworden, der den trompetenförmigen Rüssel zum Brüllen erhoben hatte. Die aus diesem Projekt entstandene Fotoserie war zugleich faszinierend und beunruhigend, die Tiere wirkten unglaublich kompliziert und lebensnah, und dann schaute man genauer hin und sah, woraus sie gemacht waren. Von diesen Fotos hatte sie über ihre Galeristin Anita in New York – eine Person, der Pearl nie begegnet, ein Ort, an dem sie nie gewesen war – ziemlich viele verkauft. Mia hasste New York und mochte nicht mal hinfahren, um für ihre Arbeit zu werben. »Anita«, hatte sie einmal am Telefon gesagt, »ich mag dich wirklich, aber ich kann nicht wegen einer Ausstellung nach New York kommen. Nein, selbst wenn ich hunderte Arbeiten verkaufen würde.« Pause. »Ich weiß, und du weißt es auch, dass ich nicht kann. Na schön. Du tust, was du kannst, und das genügt mir.« Anita war es dennoch gelungen, ein halbes Dutzend Bilder aus der Serie zu verkaufen, was zur Folge hatte, dass Mia im folgenden halben Jahr nicht putzen gehen musste, sondern sich einem neuen Projekt widmen konnte.

So arbeitete ihre Mutter: vier bis sechs Monate für ein Projekt, dann weiter zum nächsten. Sie arbeitete pausenlos, und aus den so entstehenden Serien verkaufte Anita meist einige Bilder. Zuerst waren die Preise so niedrig – ein paar Hundert Dollar pro Bild –, dass Mia manchmal zwei oder gar drei Jobs annehmen musste. Doch im Lauf der Zeit fand ihr Werk Beachtung in der Kunstwelt, und Anita verkaufte mehr Arbeiten für mehr Geld: genug, um Mias und Pearls laufende Kosten für Essen, Miete und Benzin für den Golf zu decken, selbst nach Anitas fünfzigprozentigem Anteil. »Manchmal zwei- oder dreitausend Dollar«, erzählte ihm Pearl stolz, und Moody rechnete schnell im Kopf nach: wenn Mia zehn Bilder im Jahr verkaufte …

Manchmal verkauften sich die Fotos auch nicht. Von einem Projekt mit skelettartigen Blättern ging nur ein einziges Bild weg, und Mia nahm über Monate hinweg etliche merkwürdige Jobs an: Putzen, Blumenbinden, Tortendekoration. In allem, was man mit den Händen tat, war sie gut, und sie arbeitete lieber in Bereichen, wo sie allein sein und nachdenken konnte und nicht als Kellnerin, Sekretärin oder Verkäuferin. »Bevor du auf der Welt warst, war ich mal Verkäuferin«, erzählte sie Pearl. »Ich hab einen Tag durchgehalten. Einen einzigen. Meine Chefin sagte mir ständig, wie ich die Kleider auf die Bügel zu hängen hatte. Die Kunden rissen Pailletten und Knöpfe von den Sachen und wollten dann einen Preisnachlass. Lieber putze ich Böden allein in einem Haus, als mich mit so was rumzuschlagen.«

Andere Projekte hingegen verkauften sich gut und fanden Beachtung. Von einer Serie, die Mia nach einer kürzeren Phase als Näherin begann, konnten sie fast ein Jahr lang leben. Sie ging in Secondhandläden und kaufte alte Kuscheltiere – verblichene Teddybären, schäbige Plüschhunde, fadenscheinige Kaninchen, je billiger, umso besser. Zu Hause trennte sie die Nähte auf, wusch ihr Fell, lockerte die Füllung, polierte die Augen. Dann nähte sie sie wieder zusammen, Innenseiten nach außen, und das Ergebnis war wunderschön. Das struppige umgedrehte Fell sah jetzt aus wie geschorener Samt. Das Tier hatte noch die gleiche Form, aber eine andere Haltung, Rücken und Hals gerader, die Ohren gespitzter, die Augen hatten jetzt einen wissenden Schimmer. Es war, als wäre das Tier wiedergeboren, älter und mutiger und weiser. Pearl hatte ihrer Mutter gern zugesehen, wie sie über den Küchentisch gebeugt mit der Präzision einer Chirurgin arbeitete – Skalpell, Nadel, Stecknadeln –, um diese Spielsachen in Kunst zu verwandeln. Anita hatte jedes Foto dieser Serie verkauft; eins davon, berichtete sie, hatte es sogar ins MOMA geschafft. Sie hatte Mia angefleht, noch eine Runde zu machen oder die Serie nachzudrucken, aber Mia hatte sich geweigert. »Die Idee ist durch«, sagte sie. »Jetzt arbeite ich an was anderem.« Und das tat sie dann auch, wieder etwas anderes, etwas, das sie gerade reizte. Eines Tages würde sie berühmt sein, da war Pearl sicher; eines Tages würde ihr Name bekannt sein wie der von de Kooning, Warhol oder O’Keeffe. Das war zumindest teilweise der Grund, warum ihr die bisherige Lebensweise nichts ausmachte, die Second-handkleider, die Sperrmüllbetten und -stühle, die ständige Unsicherheit. Eines Tages würde die Welt erkennen, wie genial ihre Mutter war.

Moody konnte sich diese Lebensweise überhaupt nicht vorstellen. Das Leben der Warrens kam ihm vor wie ein Zaubertrick – die Verwandlung einer leeren Limodose in einen silbernen Krug oder das Hervorzaubern eines frisch gebackenen Kuchens aus einem Zylinder. Nein, es war, dachte er, wie bei Robinson Crusoe, der seinen Lebensunterhalt aus nichts hervorzauberte. Je mehr Zeit er mit Mia und Pearl verbrachte, umso mehr faszinierten sie ihn.

Während der Nachmittage mit Pearl begriff er allmählich, wie ihr unstetes Leben ausgesehen hatte. Sie reisten mit leichtem Gepäck: zwei Teller, zwei Tassen, eine Handvoll bunt zusammengewürfeltes Besteck, jeder einen Seesack mit Kleidern und natürlich Mias Kameras. Im Sommer fuhren sie mit offenen Fenstern, weil der Golf keine Klimaanlage hatte; im Winter fuhren sie nachts bei aufgedrehter Heizung und parkten tagsüber an einer sonnigen Stelle, wo sie im gemütlich aufgewärmten Auto schliefen, bei Sonnenuntergang ging es dann wieder weiter. Abends packte Mia die Taschen in den Fußraum und legte eine gefaltete Armeedecke über sie beide und die Rückbank, ein Bett, in das sie gerade so passten. Um die Privatsphäre zu wahren, hängten sie ein Laken von der Hecktür über die Kopfstützen der Vordersitze wie ein Zelt. Zum Essen hielten sie am Straßenrand und aßen, was sie hatten, aus der Papiertüte: Brot und Erdnussbutter, Obst, manchmal Salami oder ein Peperoniwürstchen, wenn es gerade im Angebot war. Manchmal waren sie nur ein paar Tage unterwegs, dann wieder eine Woche, bis Mia einen passenden Ort fand, an dem sie eine Weile blieben.

Sie suchten sich eine Mietwohnung: meist ein kleines Apartment, manchmal nur ein Zimmer, was sie sich gerade leisten konnten und ihnen die Möglichkeit bot, jederzeit wieder aufzubrechen, denn Mia legte sich nicht gern fest. Wie in Shaker richteten sie ihre Wohnung ein mit ausrangierten Sachen und Fundstücken aus Secondhandläden, die sie aufmöbelten. Dann meldete Mia Pearl in der Schule an und suchte sich eine Arbeit. Sie begann ein neues Projekt, an dem sie drei, vier oder sechs Monate herumtüftelte, und schließlich schickte sie Anita eine Fotoserie nach New York.

Sobald Pearl schlief, baute sie ihre Dunkelkammer im Bad auf. Nach den ersten paar Umzügen hatte sie das Ganze perfektioniert: Schalen zum Wässern der Abzüge in der Badewanne, eine an der Duschstange befestigte Wäscheleine zum Trocknen, ein zusammengerolltes Handtuch entlang dem unteren Türschlitz, um das Licht auszusperren. Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, stapelte sie die Schalen, klappte das Vergrößerungsgerät zusammen, versteckte die Behälter mit den Chemikalien unter dem Waschbecken und schrubbte die Badewanne, damit sie am nächsten Morgen für Pearl wieder blitzte. Sie kippte das Badfenster auf, legte sich schlafen, und wenn Pearl aufwachte, war der säuerliche Geruch des Entwicklers verschwunden. Hatte Mia die Fotos erst abgeschickt, wusste Pearl, dass sie das Auto wieder packen würden und der ganze Ablauf von vorn begann. Eine Stadt, ein Projekt, dann war es Zeit weiterzuziehen.

Diesmal jedoch sollte es anders sein. »Wir bleiben hier«, sagte Pearl zu Moody, und er fühlte sich plötzlich überaus beschwingt, wie ein übervoller Ballon. »Das hat meine Mom mir versprochen. Diesmal bleiben wir für immer.«

Ihr vagabundierender, unkonventioneller Lebensstil gefiel ihm, denn im Inneren war Moody ein Romantiker. Er schaffte es jedes Jahr auf die Liste der besten Schüler, träumte aber davon, von der Schule abzugehen und durchs Land zu ziehen wie Jack Kerouac – nur wollte er Songs schreiben und keine Gedichte. Mac’s Backs versorgte ihn mit gebrauchten Exemplaren von Unterwegs und Gammler, Zen und hohe Berge, den Gedichten von Frank O’Hara, Rainer Maria Rilke und Pablo Neruda, und zu seiner übergroßen Freude fand er in Pearl eine verwandte poetische Seele. Wegen der häufigen Umzüge hatte sie natürlich nicht so viel gelesen wie er, aber sie hatte einen Großteil ihrer Kindheit in Bibliotheken verbracht und als das neue Mädchen, das von Schule zu Schule hüpfte, Zuflucht zwischen den Regalen gesucht und Bücher nur so verschlungen – und eigentlich, gestand sie ihm befangen, wollte sie Dichterin werden. Sie schrieb ihre Lieblingsgedichte in ein abgegriffenes Spiral-Notizbuch, das sie immer bei sich trug. »So habe ich sie immer dabei«, sagte sie, und als sie Moody schließlich erlaubte, ein paar zu lesen, war er sprachlos. Am liebsten hätte er sich in die winzigen Schnörkel ihrer Handschrift geschmiegt. »Schön«, sagte er seufzend, und Pearls Gesicht leuchtete auf. Am nächsten Tag kam Moody mit seiner Gitarre, brachte ihr drei Akkorde bei und sang ihr verschämt einen seiner Songs vor, den er noch niemandem vorgesungen hatte.

Pearl hatte, wie er bald feststellte, ein fantastisches Gedächtnis. Sie merkte sich Stellen, die sie nur einmal gelesen hatte, sie hatte das Datum der Magna Charta im Kopf, die Namen der englischen Könige und der amerikanischen Präsidenten und zwar in der richtigen Reihenfolge. Moody hatte seine guten Noten fleißigem Lernen und jeder Menge Karteikarten zu verdanken, Pearl hingegen schien alles zuzufallen: Sie schaute sich kurz eine Matheaufgabe an und wusste intuitiv die Lösung, während er die Aufgabe pflichtbewusst Zeile für Zeile abarbeitete; sie konnte einen Essay lesen und erkannte sofort die entscheidende Stelle oder den entscheidenden logischen Fehler. Es war, als entstehe nach einem einzigen Blick auf einen Haufen Puzzleteile vor ihren Augen sofort das ganze Bild, ohne dass sie auf die Schachtel schauen musste. Pearl, so viel stand fest, war außergewöhnlich, und Moody bewunderte unwillkürlich, wie schnell und mühelos ihr Verstand arbeitete. Zu sehen, wie es bei ihr klick machte, war die reinste Freude.

Wenn sie zusammen waren, hatte Moody immer öfter das Gefühl, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. So oft er es einrichten konnte, saß er mit Pearl in einer Sitzecke im Diner, auf der Astgabel eines Baums und beobachtete, wie sie alles ringsum aufsaugte. Er riss dumme Witze, erzählte Geschichten und gab Belanglosigkeiten zum Besten, nur um ihr ein Lächeln zu entlocken. Gleichzeitig streunte er in Gedanken durch die Stadt und suchte verzweifelt nach dem nächsten Ort, an den er sie mitnehmen könnte, das nächste Wunder im vorstädtischen Cleveland, das er ihr zeigen könnte, denn wenn ihm die Orte ausgingen, da war er sicher, würde sie verschwinden. Manchmal sah er sie schon über ihren Fritten verstummen und im letzten erstarrten Käseklumpen herumstochern, oder er nahm wahr, dass ihr Blick über den See zum anderen Ufer schweifte.

Aus diesem Grund traf Moody eine Entscheidung, die er für den Rest seines Lebens infrage stellen würde. Bisher hatte er Pearl und ihre Mutter seiner Familie gegenüber nicht erwähnt und ihre Freundschaft beschützt wie ein Drache einen Schatz: stumm, habgierig. Tief im Inneren hatte er das Gefühl, es würde alles verändern, so wie im Märchen der Zauber verflog, wenn man das Geheimnis preisgab. Wenn er sie für sich behalten hätte, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. Pearl hätte seine Eltern und Geschwister gar nicht kennengelernt, und wenn doch, dann höchstens flüchtig. Sie und ihre Mutter hätten, wie geplant, für immer in Shaker bleiben können, und das Haus der Richardsons hätte elf Monate später vielleicht noch gestanden. Aber Moody hielt sich nicht für interessant genug, um Pearls Aufmerksamkeit auf Dauer zu fesseln. Wäre er ein anderer Richardson gewesen, vielleicht wäre dann alles anders gelaufen. Seine Geschwister machten sich nie Sorgen, ob andere sie mochten. Lexie hatte ihr strahlendes Lächeln und ihr leichtes Lachen, Trip sein Aussehen und seine Grübchen – warum sollte man sie nicht mögen, warum sollte ihnen überhaupt daran gelegen sein? Für Izzy war es noch leichter: Es kümmerte sie nicht, was die Leute von ihr dachten. Aber Moody besaß weder Lexies Herzlichkeit noch Trips spitzbübischen Charme oder Izzys Selbstbewusstsein. Er hatte ihr nur zu bieten, dachte er, was seine Familie zu bieten hatte, seine Familie an sich, und das veranlasste ihn eines Nachmittags Ende Juli zu der Bemerkung: »Komm mal vorbei. Dann lernst du meine Familie kennen.«

Als Pearl zum ersten Mal zu den Richardsons kam, hielt sie mit dem Fuß auf der Schwelle inne. Es ist nur ein Haus, sagte sie sich. Moody wohnt hier. Doch selbst dieser Gedanke kam ihr leicht surreal vor. Auf dem Gehsteig hatte Moody fast verschämt darauf gezeigt und gesagt: »Das ist es«, und sie hatte geantwortet: »Da wohnst du?«