Kleine Morde unter Freinden: Wien-Version - Dietmar Koschier - E-Book

Kleine Morde unter Freinden: Wien-Version E-Book

Dietmar Koschier

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Beschreibung

Wer ein Fan von Danny Boyles Krimi-Satire von 1994 - Shallow Grave/Kleine Morde unter Freunden - ist, wird mit dieser auf Wiener Verhältnisse übertragenen Nacherzählung einen Heidenspaß haben. Die fragile Freundschaft einer WG aus Zynikern und Egoisten zerbricht vollends an Geldgier und Eitelkeit.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dietmar Koschier

Kleine Morde unter Freinden: Wien-Version

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kleine Morde unter Freinden: Wien-Version

Vorwort

Hauptwort

Nachwort

Impressum neobooks

Kleine Morde unter Freinden: Wien-Version

Vorwort

„Diese Geschichte könnte überall spielen“ lässt Danny Boyle im Vorspann zu seiner 1994 erschienen Krimi-Komödie Shallow Grave (Kleine Morde unter Freunden) sagen, und sämtliche Großstädte mit ihrem kommerziellem Einheitsbrei und zugemüllten Straßen sind haargenau gleich, heißt es sinngemäß in Easy Rider 1969.

Also warum nicht auch in Wien spielen lassen? Immerhin Welt-Hauptstadt der falschen Freunde und folkloristisch betonten goldenen Herzen, die sich bei näherem Hingucken jedoch oft genug als aus Katzengold entpuppen.

Hauptwort

Julia, Alex und Christoph wohnen als WG in einer Eigentumswohnung, die Christoph von seiner Großmutter vererbt worden ist, im obersten Stockwerk mitsamt Dachbodenzugang in einem adretten Jugendstilbau aus der Jahrhundertwende in einem noblen Teil des 13. Wiener Gemeindebezirks.

Julia ist eine junge Frau Ende 20 mit drallen Brüsten und kessen Blicken. Sie ist weder auffallend groß noch auffallend klein, sondern weist eine solide Durchschnittsgröße auf und ist angenehm mollig an den richtigen Stellen ihres weiblich gerundeten Körpers. Sie kokettiert gern und stellt ihr brünettes Haar flott nach einer Seite gekämmt zur Schau.

Alex ist Anfang 20 – 22, um genau zu sein –, schlank, hat schulterlanges flachsblondes, wallendes und vor allem volles Haar, auf das er sehr stolz ist und hingebungsvoll pflegt. Charakteristisch für ihn sind die zahlreichen Varianten seines Grinsens: von schelmisch über betörend (vor allem in Verbindung mit seinen blitzblauen Augen) bis hinterlistig und verschlagen. Insgesamt ein recht gutaussehender Bursche von mittelmäßiger Statur.

Christoph ist mit Mitte 30 der Älteste von den dreien. Seine Körpergröße liegt etliche Zentimeter über dem Durchschnitt, doch da er dünn und schlaksig ist, wirkt er oftmals umso größer. Er trägt sein exakt geschnittenes, dunkelbraunes Haar in der Regel gescheitelt. Nickelbrille. Hakennase. Zudem legt er Wert auf stilvolle und seriöse Kleidung. Flapsige Jacken zum Beispiel sind ihm ein Gräuel; er trägt, sobald die Witterung dies erlaubt, Mäntel, die außerdem seine Schulterpartie breiter erscheinen lassen.

Julia, Alex und Christoph unternahmen, obwohl sie ohnehin zusammenwohnten und tagtäglich mehrere Male aufeinander trafen, relativ viel miteinander. Ob sie wirkliche Freunde waren, hätte vermutlich keiner der drei auf Anhieb eindeutig bejahen können, doch was sie auf alle Fälle einte, war ihr grenzenloser Zynismus.

Christophs Wohnung war äußerst großzügig dimensioniert. Während sich die Parteien unter ihnen ihre jeweiligen Stockwerke zu dritt oder viert teilen mussten, stand dem Trio die Wohnfläche ihrer Etage praktisch alleine zur Verfügung. Der Zugang zum nicht ausgebauten Dachboden war zudem nur ihnen möglich, durch eine ausklappbare Luke in der Decke ihres Vorraums.

In ihrer Wohnung gab es ein Zimmer, das sie eigentlich nie benutzten, höchstens ab und zu als vorübergehende Abstellkammer. Ansonsten befand sich nicht viel darin außer ein Bett mit Nachtkästchen und Lampe, eine Kommode, ein Kasten sowie ein Bild von Albrecht Dürers berühmtem Hasen, rot gerahmt.

Auf der online-Plattform job&wohnen.at hatten sie ebendieses Zimmer beständig zur Vermietung inseriert, obwohl sie es gar nicht vermieten wollten. Julia, Alex und Christoph wollten innerhalb ihrer Wohnung eigentlich unter sich bleiben, aber sie machten sich einen Spaß daraus, Interessenten anzulocken, um diese dann in ihren vier Wänden mit einem Stakkato an dämlichsten oder intimsten Fragen Verhören zu löchern oder sie mit absurden Aktionen zu verunsichern und zum Narren zu halten.

„Was sind deine Hobbys“, „Warum willst du ausgerechnet dieses Zimmer hier?“, „Rauchst du?“, „Rauchst du Gras?“, „Bist du geschieden?“, „Hattest du schon mal gleichgeschlechtlichen Verkehr? Wenn ja, warum; wenn nein, warum nicht?“, „Warum ist deine letzte Beziehung in die Brüche gegangen?“, „Bist du gegangen oder er?“, „Magst du Pizza?“, „Würdest du in der Wohnung Fahrrad fahren?“, „Klaust du manchmal was im Supermarkt?“, „Ganz kurz nur zur Tagespolitik: Was hältst du von der Pensionsrechtsreform?“, „Staatsanleihen mit hundertjähriger Laufzeit: Gut oder schlecht?“, „Wer von euch hat auf der Scheidung bestanden?“, „Haben deiner Meinung nach die Dadaisten den Kunstmarkt ruiniert?“, „Wann hat jemand zum letzten Mal folgende Worte an dich gerichtet: Du bist der Sonnenschein meines Lebens?“. Besonders wenn Alex jene letzte Frage mit betörender Stimme stellte, mussten viele schlucken oder blickten drein wie ertappt.

Manchen Interessenten drehten sie durch die Mangel, indem sie ihnen eine schier endlose Reihe von aus dem Internet gesaugten Katzen- und Babyfotos unter die Nase hielten, die sie als ihre eigenen oder aus ihrer Verwandtschaft stammend ausgeben und Bewunderung dafür kassieren wollten, oder sie präsentierten grässlich hingeschmierte Bilder, die jedes Kleinkind besser hingekriegt hätte, und heischten aufdringlich um Applaus. Rang sich jemand Worte des Lobes ab, fragten sie diesen jemand daraufhin erst recht, ob er denn gar keinen Geschmack habe.

Kam ihnen jemand sittsam, religiös vor, versuchten sie diejenigen mit abstrusen ketzerischen Fragen aus der Fassung zu bringen. „Wenn du eine Ziege opferst und ihr das noch schlagende Herz herausreißt, beschwörst du damit einen Dämon herauf?“, „Wie würdest du reagieren wenn du herausfindest, dass ich der Antichrist bin?“ Oder sie spielten lärmenden Death Metal vor und fragten, ob es für die Person in Ordnung sei, dass Christophs Band Unsensibles Draufspucken zweimal in der Woche zur Probe käme. Oder Julia tat, als leide sie an Tourette: „Nun, was – Arschfick-Fotze! – stellst du dir – Satanshurenkind! – unter einem harmonischen Zusammenleben denn vor? – blöder Scheißeschwengel, arschblöder!“

Hatten die drei es mit einem Gruftie oder Emo – schwarzer Lippenstift, schwarze Haare, schwarze Kleidung, schwarze Schuhe, blass geschminkt – zu tun, legten sie geheucheltes Mitgefühl an den Tag. „Wenn du in der Früh aufwachst und einen weiteren beschissenen Tag zu bewältigen hast, woher weißt du dann, für welches Schwarz du dich entscheiden sollst?“

Einfachen Arbeitern, die das Zimmer als Pendlerwohnung unter der Woche nutzen wollten, die den Attacken gebildeter Rhetorik wenig intellektuelle Bollwerke entgegenzusetzen hatten, entlockte das Trio perfid deren Lebensbeichte, und so manches gestandene Mannsbild hatte auf ihrer Couch zu flennen begonnen wenn es zugeben musste, seine Frau wegen eines anderen Mannes verlassen zu haben, oder dass die Affäre, die ein treusorgender Familienvater aus den Vororten selbstverständlich niemals gehabt hatte, keineswegs beendet war wie er seiner Gattin gegenüber behauptet hatte.

Manches Gespräch lief auch völlig normal und manierlich ab, bis Alex etwa plötzlich Tröte blies, Julia unentwegt Purzelbäume schlug als wäre dies das Normalste auf der Welt und Christoph den Interessenten ohne Grund voller Verachtung anvisierte als hätte dieser soeben den Hitlergruß gemacht oder sich als Tierquäler erwiesen.

Sobald die drei merkten, dass jemand auf persönliche Distanz bedacht war, drängten sie darauf, ein Erinnerungsfoto zu machen, das sie dazu nutzten, auf der Couch ganz nah an die Person heranzurücken und zu doofen Grimassen zu zwingen. Mit säuerlichem Lächeln machten die allermeisten Interessenten gute Miene zum bösen Spiel, denn alle wollten ja das vermeintliche freie Zimmer zugesprochen bekommen.

In diesen fingierten Gesprächssituationen legten Julia, Alex und Christoph eine bemerkenswerte Sensibilität an den Tag und schienen stets genau zu spüren, wo sie bei ihrem jeweiligen Gegenüber den Hebel ansetzen mussten. Das war bei ihrem jüngsten Opfer keineswegs anders gewesen:

„Wie lautet gleich nochmal sein Name?“

„Ich weiß nicht mehr. Hugo, oder etwas in der Art?“

„Bruno.“

„Ach ja, richtig, Aber ich meine nicht seinen Vornamen, sondern seinen Nachnamen.“

„Tja, mal nachsehen … ah ja, hier haben wir’s: Kaminski.“

„Kaminski?“

„Mhm, ja – Kaminski.“

„Kaminski also. So, so. Das klingt osteuropäisch, findet ihr nicht?“

„Doch, ja, ich glaube schon.“

„Ich glaube auch, osteuropäisch … polnisch vermutlich?!“

„Ist ja toll, man hört gar keinen Akzent?!“

„Seine Vorfahren sind vermutlich schon zu Zeiten der Monarchie eingewandert.“

„Glaubst du?“

„Das ist richtig“, meldete sich Bruno Kaminski, der Julia, Alex und Christoph die ganze Zeit, in der sie über ihn und seinen Familiennamen geplaudert hatten, persönlich gegenübergessen war, auch einmal selbst zu Wort. Daraufhin blickten ihn die drei überrascht an, als hätten sie die Möglichkeit, dass er der deutschen Sprache mächtig sei, noch gar nicht in Betracht gezogen. Bruno grinste sie aus seiner Strickweste und seiner Cordhose heraus mit harmloser Freundlichkeit, die Alex sofort überschwemmt hat als er die Tür geöffnet hatte, geduldig und nichts Böses ahnend an.

Julia, Alex und Christoph wandten sich ihm zu, und Alex ergriff das Wort:

„Gefällt’s dir hier bei uns in der WG, Bruno?“

„Ja, schon. Danke sehr.“

„Ist wirklich toll hier bei uns, nicht wahr? Wir alle wohnen gern hier. Schöne Aussicht, fairer Preis, gute Verkehrsanbindung, ruhige Lage und der ganze komfortable Larifari, nicht?

Bruno nickte stumm und lächelte.

„Das Zimmer ist auch schwer in Ordnung. Gerade richtig für eine nette, sympathische Person wie dich, findest du nicht auch? Der schöne Teppichboden, genügend Stauraum,… “

„O ja. Wirklich großartig.“

Alex fuhr fort in kühlem, fast vorwurfsvollem Tonfall: „Leider haben wir das Gefühl, du passt ganz und gar nicht hier herein!“

Brunos bislang hoffnungsfrohes Lächeln entwich langsam, aber sicher seinem Gesicht.

„Siehst du, es gibt zwei Arten von Menschenaffen, die mit uns 99,5 Prozent des Erbguts gemeinsam haben: Schimpansen und Bonobos. Schimpansen greifen an, wenn sie in Gefahr geraten, töten mitunter sogar Artgenossen, während die Bonobos, du kennst sie, diese kleinen niedlichen Fellknäuel, man nennt sie auch Zwergschimpansen, bei Gefahr nichts anderes tun können als davonzulaufen oder, na ja, zu bumsen. Die Bonobos sind vom Aussterben bedroht, die Schimpansen hingegen nicht. Und machen wir uns vor: Du bist ein Bonobo, mit deiner Strickweste, deiner Cordhose, deinen Sommersprossen und deinen abstehenden Ohren! Du bist ein Bonobo! Aber das Leben ist kein Honiglecken! Wenn man in dieser Stadt überleben will, muss man das Raubtier in sich entdecken!“ – Alex ballte die Hand zu einer festen Faust – „Denk doch nur mal an die ständig steigende Verbrechensrate. Fressen oder gefressen werden! Und wir haben die Befürchtung, wenn wir uns deinem Einfluss aussetzen, würden wir verweichlichen und bei nächster Gelegenheit von einem Alkolenker überfahren oder von einem Handtaschenräuber erschlagen werden! Sieh dir zum Beispiel Christoph hier an: So ein langer, dünner Lulatsch schreckt fürs erste bestimmt keinen Angreifer ab, aber er versucht wenigstens, kein fremdbestimmtes Opfer zu sein, sich zur Wehr zu setzen. Bei dir erkennen wir dieses Bemühen beim besten Willen nicht. Ich rede hier von Qualitäten wie Präsenz, Charisma, Format, Haltung, Alphamännchen-Stil eben; alles Eigenschaften, die dir abgehen…!“

Mit ernsten, nahezu enttäuschten Gesichtern, als hätte er widerrechtlich ihre Zeit gestohlen, bugsierten sie Bruno zur Eile drängend zum Ausgang. Christoph hielt ihm die Tür auf und konnte sich das laute Lachen dahinter nur schwer verkneifen. Alex schob Bruno, der kaum wusste wie ihm geschah, förmlich hinaus, wie um sich einer lästigen Sache zu entledigen und rief ihm ins Stiegenhaus hinterher: „Ach, und Bruno: Viel Glück noch, trotz allem!“ Danach kehrte er zu seinen Spießgesellen zurück, und alle drei bogen sich vor Lachen und konnten kaum mehr an sich halten.

Alex war ein ehrgeiziger, aber unbeliebter Sportler, weil er seinen Gegnern ihre Niederlage mit harschen Worten genüsslich unter die Nase rieb. Im Gegenzug konnte er es nur äußerst schwer verkraften, besiegt zu werden. In den diversen Sportklubs, in denen er Mitglied war, musste er sich stets neue Gegenspieler suchen, weil bald keiner, der ihn näher kannte, sich mit ihm länger abgeben wollte. Aber Alex war das in seiner Kaltschnäuzigkeit egal, Mannschaftssport mochte er sowieso nicht. Er war alles andere als ein Teamspieler, sondern brauchte stets einen eindeutigen, greifbaren Gegner, über den er im Tennis, Squash oder ähnlichen Ballsportarten triumphieren konnte.