Kleines Mädchen aus Texas - Judith Parker - E-Book

Kleines Mädchen aus Texas E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Regine Nielsen blickte mit stiller Wehmut auf das ungefähr dreijährige Mädchen mit den großen blauen Augen und den hellblonden Haaren, das zwischen den Schwestern Angelika und Vicky Langenbach am Abendbrottisch saß. Die Anwesenheit der kleinen Heidi Holsten, die seit dem tragischen Tod ihrer Eltern zu den Dauerkindern von Sophienlust gehörte, war für die Kinderschwester in gewisser Weise ein großer Trost. Doch der Anblick des Kindes rief auch schmerzliche Erinnerungen in ihr wach. Denn Heidi Holsten glich ihrem verstorbenen Töchterchen Elke in vielen Dingen. Wäre ihr eigenes Kind noch am Leben, würde es im gleichen Alter wie die Kleine sein. Krampfhaft schluckte Schwester Regine die Tränen hinunter, die heiß unter ihren Lidern brannten. Nein, damals hätte sie allein bestimmt nicht den Mut gefunden, weiterzuleben. Damals, als das Schicksal so hart zugeschlagen und ihr den über alles geliebten Mann durch einen Betriebsunfall geraubt hatte. Später war auch noch ihre kleine Elke gestorben. Dass sie wieder zum Leben zurückgefunden hatte, verdankte sie nur der Güte Denise von Schoen? eckers, die sie damals als Kinderschwester eingestellt hatte, nachdem Schwester Gretli geheiratet und Sophienlust verlassen hatte. Hier, in diesem Kinderparadies, hatte Regine Nielsen wieder zu sich selbst gefunden. Mit der ganzen Kraft ihres einsamen Herzens widmete sie sich den zahlreichen Kindern und schenkte ihnen ihre Liebe. In der kleinen Heidi aber sah sie ihr verlorenes Töchterchen. Auch Heidi hing innig an Schwester Regine, die viel dazu beigetragen hatte, dass das Kind den Verlust seiner geliebten Mutti ohne seelischen Schaden überwunden hatte. Schwester Regine wandte sich nun den Kindern am Abendbrottisch zu. Wie stets bei den Mahlzeiten ging es auch an diesem Abend sehr lebhaft zu. Es gab so vieles zu besprechen. Man musste doch seine Meinungen und Erlebnisse des Tages austauschen. Auch Nick war anwesend.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sophienlust Bestseller – 235 –Kleines Mädchen aus Texas

Wirst du deine Mami je wiedersehen?

Judith Parker

Regine Nielsen blickte mit stiller Wehmut auf das ungefähr dreijährige Mädchen mit den großen blauen Augen und den hellblonden Haaren, das zwischen den Schwestern Angelika und Vicky Langenbach am Abendbrottisch saß. Die Anwesenheit der kleinen Heidi Holsten, die seit dem tragischen Tod ihrer Eltern zu den Dauerkindern von Sophienlust gehörte, war für die Kinderschwester in gewisser Weise ein großer Trost. Doch der Anblick des Kindes rief auch schmerzliche Erinnerungen in ihr wach. Denn Heidi Holsten glich ihrem verstorbenen Töchterchen Elke in vielen Dingen. Wäre ihr eigenes Kind noch am Leben, würde es im gleichen Alter wie die Kleine sein.

Krampfhaft schluckte Schwester Regine die Tränen hinunter, die heiß unter ihren Lidern brannten. Nein, damals hätte sie allein bestimmt nicht den Mut gefunden, weiterzuleben. Damals, als das Schicksal so hart zugeschlagen und ihr den über alles geliebten Mann durch einen Betriebsunfall geraubt hatte. Später war auch noch ihre kleine Elke gestorben. Dass sie wieder zum Leben zurückgefunden hatte, verdankte sie nur der Güte Denise von Schoen?eckers, die sie damals als Kinderschwester eingestellt hatte, nachdem Schwester Gretli geheiratet und Sophienlust verlassen hatte.

Hier, in diesem Kinderparadies, hatte Regine Nielsen wieder zu sich selbst gefunden. Mit der ganzen Kraft ihres einsamen Herzens widmete sie sich den zahlreichen Kindern und schenkte ihnen ihre Liebe. In der kleinen Heidi aber sah sie ihr verlorenes Töchterchen.

Auch Heidi hing innig an Schwester Regine, die viel dazu beigetragen hatte, dass das Kind den Verlust seiner geliebten Mutti ohne seelischen Schaden überwunden hatte.

Schwester Regine wandte sich nun den Kindern am Abendbrottisch zu. Wie stets bei den Mahlzeiten ging es auch an diesem Abend sehr lebhaft zu. Es gab so vieles zu besprechen. Man musste doch seine Meinungen und Erlebnisse des Tages austauschen.

Auch Nick war anwesend. Eigentlich wohnte er ja bei seinen Eltern in Schoeneich. Aber als zukünftiger Herr von Sophienlust hatte er auch hier ein Zimmer, in dem er ganz nach Belieben übernachten konnte. Meist geschah dies dann, wenn er sich nicht von den Sophienluster Kindern trennen mochte. Wie an diesem Abend.

Die alte Lena brachte nun die Nachspeise. Die Kinder unterbrachen ihre lebhafte Debatte sofort. Ihre Blicke richteten sich voller Neugier auf die Schälchen.

Heidi fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und klopfte sich auf den Bauch. »Fein!«, rief sie. »Heute gibt es rote Grütze!«

»Ich weiß, die magst du am liebsten.« Pünktchen lächelte nachsichtig. Eigentlich hieß sie Angelina Dommin. Ihren Spitznamen hatte sie von Nick bekommen, der sie wegen ihrer vielen Sommersprossen auf der kecken Stupsnase so getauft hatte.

»Ich esse sie auch liebend gern«, mischte sich jetzt die rundliche Vicky vergnügt in das Gespräch ein.

»Ich glaube, das tun wir alle«, meinte Dominik, genannt Nick. »Deshalb macht Magda sie ja auch so oft. Und so gut.«

»Ja, das stimmt«, pflichtete Fabian Schöller ihm bei, ein hübscher, ungefähr zehnjähriger Junge, der dem zukünftigen Gutsherrn Dominik von Wellentin-Schoenecker nacheiferte.

»Schwester Regine, das Telefon läutet!«, rief das Hausmädchen Ulla von der Tür her. »Ich kann Frau Rennert nirgends finden. Soll ich rangehen?«

»Lassen Sie nur, Ulla, ich gehe schon.« Schwester Regine verließ schnell den Speisesaal und eilte ins Büro, wo das Telefon anhaltend läutete. Sie hob ab und meldete sich.

»Endlich!«, rief Andrea am anderen Ende der Leitung aufgeregt. »Ich dachte schon, ihr sitzt alle auf den Ohren. Mit wem spreche ich?«

»Schwester Regine. Wir waren gerade im Speisesaal und deshalb …«

»Ist schon gut!«, unterbrach Andrea von Lehn sie ungeduldig. »Ich war soeben im Tierheim. Als ich einen Blick zum Garten warf, sah ich etwas Braun-Weißes daran vorbeiflitzen. Zuerst dachte ich, es sei ein Hund. Dann aber war ich sicher, dass ich mich getäuscht hatte. Ich rannte zum Tor und erspähte ein winziges Pferdchen. Ein so kleines Pferd habe ich in meinem ganzen Leben noch niemals gesehen. Ich rief, und das Pferdchen blieb kurz stehen. Meiner Meinung nach ist es ein Liliput-Pferdchen. Schon glaubte ich, ich könnte es einfangen, da galoppierte es plötzlich weiter. Ich rannte hinterher, aber ich konnte es nicht einholen. Dass ein so kleines Tier so schnell rennen kann, habe ich nicht geahnt. Schließlich musste ich einsehen, dass ich es nicht einholen konnte.« Ein tiefer Seufzer folgte. »Das Liliput-Pferdchen läuft die Straße nach Sophienlust entlang. Schwester Regine, ich flehe Sie an, veranlassen Sie, dass alles, was Beine hat, auf die Straße läuft, um das Pferdchen einzufangen.«

Andrea hatte ihre Worte so schnell hervorgesprudelt, dass die Kinderschwester Mühe hatte, ihr zu folgen. »Frau von Lehn, ich …«

»Ich komme gleich mit dem Wagen rüber«, fiel die junge Frau des beliebten Tierarztes Dr. Hans-Joachim von Lehn ihr wieder lebhaft ins Wort.

»Gut, Frau von Lehn.« Regine Nielsen lächelte. Deutlich sah sie das bildhübsche Gesicht der jungen Frau, der Stieftochter Frau von Schoeneckers vor sich.

»Aber die Kinder müssen sich beeilen, damit das Pferdchen nicht am Hoftor vorbeiläuft.«

»Gut, Frau von Lehn.« Schwester Regine legte auf, als es in der Leitung knackte, und kehrte in den Speisesaal zurück.

Gespannt richteten sich alle Blicke auf sie. »Was ist los?«, fragte Nick als Erster, denn er witterte wieder einmal eine Sensation. Für so etwas hatte er eine Nase, und er irrte sich höchst selten. Dass Schwester Regine ziemlich durcheinander war, war ihm deshalb auch nicht entgangen.

»Kinder, stellt euch vor, soeben hat Frau von Lehn angerufen. Sie war sehr aufgeregt. Sie …«

»Andrea?«, rief Nick. »Warum war sie aufgeregt? Reden Sie doch schon, Schwester Regine!«

»Du hast mich ja nicht ausreden lassen, mein Junge. Deine Schwester sagte mir, dass ein Liliput-Pferdchen vor ein paar Minuten an ihrem Grundstück vorbeigelaufen ist und die Straße nach Sophienlust eingeschlagen hat.« Schwester Regine erzählte rasch alles Wissenswerte.

»Ein Pferdchen!« – »Ein Liliput-Pferdchen!« – »Wie sieht es denn aus?« – »Warum ist es fortgelaufen?« – »Wem gehört es nur?« – »Ist es denn bei meinem Schwager in Pflege?« – »Ist es im Tierheim?« – »Seit wann?«, riefen die Kinder durcheinander und sprangen so heftig auf, dass einige Stühle krachend umfielen.

Doch damit nicht genug. Pünktchen fegte in ihrer freudigen Erregung mit dem Ärmel ihrer weiten Wolljacke über eine Tischecke und riss ein Schälchen herunter. Das Glas zersplitterte, die rote Grütze klatschte auf den Teppich. Heidi aber stolperte über ihre eigenen Beine und schlug hin. Zu jeder anderen Zeit wäre sie in Weinen ausgebrochen, doch diesmal rappelte sie sich auf und lief hinter den anderen Kindern her, die wie eine wilde Horde aus dem Speisesaal stürmten.

Die alte Lena schlug beide Hände über dem Kopf zusammen und stieß einen Entsetzensschrei aus. Doch Schwester Regine unterließ jede Ermahnung. Sie hatte Verständnis für die freudige Erregung der Kinder. Als sie jedoch aufräumen wollte, rief Ulla: »Lassen Sie nur, Schwester Regine, ich mache das schon. Ich glaube, Sie müssen den Kindern folgen.«

Regine Nielsen nickte und verließ ebenfalls den Raum.

Frau Rennert kam eilig die Treppe herunter. »Was ist denn los?«, fragte sie kopfschüttelnd, denn nun begannen auch noch der Bernhardiner Barri und Fabians Dogge Anglos draußen laut zu bellen.

Mit wenigen Worten unterrichtete die Kinderschwester die Heimleiterin.

Da kam Nick zurück. Er führte die beiden Hunde am Halsband. »Die beiden müssen im Haus bleiben, sonst kriegen wir das Pferdchen nie. Wenn es die großen Hunde sieht, läuft es bestimmt davon!«, rief er mit blitzenden Augen.

Jetzt erschien auch Wolfgang Rennert, der einzige Sohn der Heimleiterin, der als Zeichen- und Musiklehrer eine Anstellung in Sophienlust gefunden hatte, mit seiher Frau Carola. Der ungewöhnliche Lärm um diese Tageszeit hatte die beiden aus ihrer Wohnung gelockt, die sich in einem Anbau des Herrenhauses befand.

Wolfgang Rennert übersah die Lage sofort und kümmerte sich um die Hunde, die sich nur widerwillig in den Wintergarten einsperren ließen.

Aufgeregt kratzten sie von innen an der Tür, sehr zur Freude des Papageis Habakuk, der sogleich eine Schimpfkanonade losließ.

Frau Rennert rief inzwischen in Schoeneich an, um Frau von Schoen?ecker über die jüngsten Ereignisse in Sophienlust zu informieren.

Währenddessen liefen die Kinder über den Hof. Niemand konnte sie zurückhalten. Die Kleineren waren sogar flinker als die Großen. Erst auf der Straße wurden sie von den größeren Kindern wieder eingeholt.

Nick befahl den Kindern, quer über die Straße eine Mauer zu bilden. Er selbst und Angelika sicherten die Straße gegen Autos ab.

»Aber wenn das Pferdchen abgezweigt ist?«, rief Pünktchen aufgeregt, als nichts von dem Liliput-Pferd zu sehen war.

»Das wäre fatal!«, rief Nick zurück. »Doch ich nehme an, dass es den weniger schwierigen Weg wählen und direkt auf uns zukommen wird.«

»Bestimmt kommt das Pferdchen«, piepste die kleine Heidi mit hochroten Wangen. Man sah ihr an, wie glücklich sie sich in Sophienlust fühlte. Schwester Regine und Carola Rennert, die sich zu den wartenden Kindern gesellten, dachten beide dasselbe. Wie schnell ein Kind doch vergaß! Dabei war es noch gar nicht so lange her, dass ihr Vater ihre Mutter erschossen hatte und wenig später mit dem Auto verunglückt war. Natürlich wusste das Kind keine Einzelheiten über den tragischen Tod seiner Eltern. Vielleicht glaubte es sogar, dass sie eines Tages wiederkommen würden. Oft war es nicht einfach, sich in einem Kinderherzen auszukennen.

»Es kommt!«, schrie Nick jetzt so laut, dass seine Stimme überkippte.

»Wo?«, riefen die anderen Kinder wie aus einem Mund.

»Dort hinten!« Nick deutete aufgeregt in die bewusste Richtung.

»Aber das ist doch kein Pferd«, widersprach Fabian. »Das ist doch ein Hund!«

»Es ist ein Pferd!«, schrie Vicky und sprang vor Freude in die Höhe. »Und was für ein süßes Pferdchen!«

»Passt auf«, rief Nick, »sonst entwischt es uns noch! Fasst euch ganz fest bei den Händen! Und bückt euch, damit es nirgends durchschlüpfen kann.« Nick war in seinem Element. Er war sich seiner Stellung als Anführer voll und ganz bewusst.

Wie meist in solchen Fällen, gehorchten die Kinder dem großen Jungen. Sie taten das, worum er sie gebeten hatte.

Wenige Meter vor den Kindern blieb das Liliput-Pferdchen mit einem Ruck stehen. Verwundert schaute es die lebendige Mauer an und hob sein Köpfchen. Die rosa Nüstern bebten. Schließlich kam es langsam auf die entzückten Kinder zu und beschnupperte sie. Es machte keinerlei Anstalten, wieder fortzulaufen.

Zuerst blieben die Kinder wie gebannt stehen. Sie wagten kaum zu atmen. Pünktchen streichelte zuerst über das struppige Fell des Pferdchens, das kaum einen halben Meter hoch war. Nun wagten auch die anderen, das seltene Tier zu betasten.

»Seid vorsichtig«, mahnte Schwester Regine. »Sonst läuft es wieder fort.«

Genauso wie die Kinder war sie sicher, noch niemals in ihrem Leben ein so schönes Tier wie das Liliput-Pferd?chen gesehen zu haben. Das Ponyköpfchen war goldbraun mit einer weißen Blesse, die Nüstern waren hellrosa und vibrierten erregt.

Mit seinen zierlichen Hufen stampfte das Pferdchen jetzt auf den Boden und wieherte dann leise.

»Es hat gar keine Angst vor uns!«, freute sich Pünktchen und fuhr fast ehrfürchtig über die dichte Mähne.

»Es ist kaum zu glauben, dass es ein Pferdchen ist«, staunte ein ungefähr zwölfjähriger Junge.

»Du hast recht, Fred«, stimmte ihm der dreizehnjährige Walter bei. Beide Buben waren nur für einige Wochen in Sophienlust.

»Wir werden das Liliput-Pferdchen in den Park locken«, bestimmte Nick. »Auf die Dauer können wir nicht hier auf der Straße stehen bleiben.«

»Komm, mein Pferdchen«, lockte Angelika.

Das Tierchen sah sie aus seinen klugen Augen an und nickte. Es schien auf diese Einladung geradezu gewartet zu haben.

»Es hat uns verstanden«, kreischte Vicky aufgeregt. »Fast könnte man diesen Eindruck gewinnen«, meinte Nick erfreut und rief: »Komm weiter!«

Willig folgte das winzige Pony den Kindern in den Park. Inzwischen begann es zu dämmern. Gerade, als die Kinder und Erwachsenen überlegten, was sie mit dem Pferdchen anfangen sollten, kam Andrea von Lehn mit ihrem Wagen angebraust.

Kaum stand das Auto, sprang sie auch schon heraus. Sie trug hellbraune Jeans, einen weißen Pulli mit Rollkragen und eine hellgrüne Wildlederjacke. Das lange dunkle Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Frau Rennert, die aus dem Haus kam, stellte wieder einmal fest, dass die junge Frau nach wie vor wie ein junges Mädchen aussah.

»Tante Ma!«, rief Andrea und warf ihren Kopf nach hinten, ein Zeichen ihrer starken Erregung. »Habt ihr das Pferdchen eingefangen?«

»Ja, Andrea, es befindet sich mit den Kindern im Park. Ach, da kommt ja auch deine Mutter. Sie hat sogar Henrik noch mitgebracht. Verständlich«, meinte sie schmunzelnd.

Henrik stieg als Erster aus und kam angestürmt. »Wo ist das Pferdchen, Andrea?«

Andrea nickte ihrer Mutter zu, fasste ihren kleinen siebenjährigen Bruder bei der Hand und lief mit ihm in den Park.

»Wir haben es!«, rief Nick begeistert. »Schau, es ist überhaupt nicht ängstlich. Weißt du schon, wem es gehört?«

»Nein, Nick. Ich werde euch nie vergessen, dass ihr das Liliput-Pferdchen gefangen habt. Wie süß es ist. Und so klein!«, rief sie immer wieder. »Ich nehme es mit.«

»Oh!«, rief Angelika enttäuscht.

»Kann es denn nicht hierbleiben?«, fragte Fabian kummervoll.

»Ja, es könnte doch bei uns bleiben«, meinte nun auch Pünktchen.

»Das ist unmöglich«, erwiderte An?drea. Sie war entschlossen, das Pferd?chen keinesfalls herzugeben, und hob das kleine Tier auf ihre Arme, um es zu ihrem Auto zu tragen. »Ihr müsst doch einsehen, dass es erst einmal gründlich untersucht werden muss. Außerdem hat es bei uns im Tierheim eine ganz andere Pflege. Wir sind ja auf derartige Sonderanfertigungen spezialisiert«, scherzte sie. »Morgen könnt ihr das Pferd?chen schon besuchen«, versprach sie.

»Glaubst du denn, dass du es für immer behalten kannst?«, fragte Nick. »Es muss doch jemandem gehören.«

»Das wird sich finden, Nick.« Begleitet von der Kinderschar, schlug Andrea die Richtung zum Gutshof ein, wo sie ihren Wagen geparkt hatte. Dort wurde sie von ihrer Mutter erwartet.

»Hast du eine Ahnung, woher das Pferdchen kommen könnte?«, fragte Denise. »Frau Rennert und ich haben inzwischen herausbekommen, dass kein Zirkus in der Nähe gastiert. Das Pferd?chen muss jemandem gehören, der noch nicht lange in dieser Gegend ist.«

»Das glaube ich auch«, gab Andrea widerwillig zu. Der Gedanke, das allerliebste Liliput-Pferdchen wieder hergeben zu müssen, behagte ihr nicht sonderlich.

»Mutti, darf ich mit Andrea mitfahren?«, bettelte Henrik.

»Das ist unmöglich, mein Kleiner.« Denise fuhr ihrem Jüngsten liebevoll über den Haarschopf. »Morgen früh musst du doch in die Schule. Ich habe ja schon eine Ausnahme gemacht, als ich dich hierher mitnahm. Eigentlich solltest du längst im Bett liegen.«

Henrik zog einen Schmollmund.

»Schrecklich, dass es noch so lange dauert, bis ich so groß bin wie Nick«, stellte er mit einem herzerweichenden Seufzer fest, sodass seine Mutter und Andrea sich ein Lächeln verkniffen.

»Henrik, steig schon ein«, forderte Denise ihren widerstrebenden jüngsten Sohn jetzt energisch auf.

»Ja, Mutti.« Seufzend verabschiedete sich das Kind von seiner großen Schwester und stieg dann in das Auto seiner Mutter ein.

»Ich rufe dich heute Abend noch an, Mutti«, versprach Andrea und öffnete das Türchen des kleinen Käfigs, den sie für den Transport des Pferdchens mitgebracht hatte. Das kleine Tier ließ alles mit sich geschehen.

»Es scheint so etwas gewöhnt zu sein«, stellte Nick fest.

»Das glaube ich auch.« Andrea verabschiedete sich von den Kindern und den Erwachsenen.

»Schade!«, rief Pünktchen, als das Auto aus dem Gutshof fuhr.

Doch Nick meinte: »Andrea hat schon recht. Das Pferdchen ist im Tierheim Waldi & Co. viel besser aufgehoben als bei uns.«

*

Andrea konnte es kaum erwarten, wieder daheim zu sein. Sie hoffte, dass ihr Mann inzwischen von seinem Krankenbesuch zurückgekommen sei.

Als Andrea durch das Tor fuhr, stand Hans-Joachim schon vor der Haustür. Die vier Dackel Waldi, Hexe, Pucki und Purzel liefen dem Auto voller Freude entgegen. Die Dogge Severin jedoch erwartete ihr Frauchen auf der Treppe vor der Tür.

»Hans-Joachim! Schau nur!«, rief Andrea und nahm das Pferdchen wieder auf die Arme. »Hast du schon so etwas gesehen?«

»Betti erzählte mir etwas von einem Liliput-Pferdchen, das nicht größer als ein Schäferhund sei. Ich habe das für ein Hirngespinst gehalten.« Der junge Tierarzt meinte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er das kleine Pferd?chen erblickte.

In Andreas Augen blitzte es kriegerisch auf. »Ich gebe es nie mehr her«, erklärte sie fest. »Ich …«

»Typisch!«, rief der junge Tierarzt lachend. Dann bat er lächelnd. »Gib mir das Pferdchen mal.«

»Ich trage es ins Haus.« Andrea glich in diesem Augenblick einem trotzigen Kind, dem man ein liebes Spielzeug wegnehmen wollte.

»Schon gut«, erklärte er sich einverstanden. »Trage es in das Sprechzimmer.« Dabei dachte er gerührt, wie jung Andrea noch ist!

Sie nickte eifrig. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrer nach hinten gekämmten Frisur gelöst. Sie blies sie immer wieder weg, als sie ihrem Mann mit ihrer leichten Last folgte.

Betti kam aus der Küche. »Oh, wirklich, es ist ein Pferdchen«, stellte sie fest. »Soll ich Herrn Koster Bescheid sagen?«

»Bitte, Betti, das wäre nett. Er soll eine der Boxen vorbereiten«, erwiderte Hans-Joachim.

»Am besten wäre es, wenn das Pferd?chen bei dem Esel Benjamin bleiben würde«, schlug Andrea vor. »Der gute alte Benjamin hat doch eine Vorliebe für verirrte kleine Tiere.«

»Das stimmt, Andrea.« Hans-Joachim öffnete die Tür zur Ordination.

Das Liliput-Pferdchen schaute sich erstaunt in dem Raum um. Hans-Joachim nahm es seiner Frau nun doch ab. Dabei meinte er: »Jetzt fällt mir wieder ein, dass ich vor gar nicht zu langer Zeit gelesen habe, dass es einem Züchter in Texas gelungen sein soll, durch immer neue Kreuzungen eine so kleine Pferderasse zu züchten. Aber wie kommt das Pferdchen aus Texas zu uns?«

»Ja, wie kommt es in diese abgelegene Gegend?«, überlegte auch Andrea. Da sie Angst hatte, dass sie das Pferd?chen wieder hergeben müsste, fügte sie hinzu: »Ich werde das Pony verstecken. Der Besitzer wird dann wohl bald die Suche aufgeben, sofern er es überhaupt sucht. Vielleicht hat er es laufen lassen.«

»Andrea, verrenne dich nicht wieder in Hirngespinste«, bat Hans-Joachim amüsiert angesichts des ungezügelten Temperaments seiner Frau. »Vermutlich ist das Pferdchen fortgelaufen und wird bereits gesucht. Aber heute Abend können wir nichts mehr unternehmen. Ich bin mit der Untersuchung fertig. Das Pferdchen ist gesund. Wir bringen es jetzt zum Tierheim hinüber.« Er lachte. »Ich sehe es dir an der Nasenspitze an, dass du es am liebsten mit ins Bett nehmen würdest.«

»Allerdings.« Auch Andrea lachte plötzlich hellauf. »Na ja, das werde ich dir nun doch nicht antun. Komm, du Kleines«, wandte sie sich dem Pferd?chen zu und hob es zärtlich vom Untersuchungstisch. Die Miniaturausgabe eines Pferdes beschnupperte sie eingehend und schmiegte dann seinen kleinen Kopf an ihre Brust.

Helmut Koster, der junge Tierpfleger des Tierheimes Waldi & Co., war inzwischen von dem Hausmädchen Betti informiert worden. Vorsichtig stellte An?drea das Liliput-Pferdchen zu dem halbblinden Esel Benjamin in die Box.

Gespannt beobachteten nun alle die beiden Tiere. Benjamin wendete seinen dicken Kopf und leckte dann kurz über den Rücken des Minipferdchens, das daraufhin ein leises Wiehern hören ließ.

»Es ist alles okay«, erklärte der Tierpfleger zufrieden. »Es wäre ja auch ein Wunder, wenn unser guter Benjamin einmal eines der Tiere, die bei ihm Schutz suchen, ablehnen würde.«

Nur ungern trennte sich Andrea von ihrem neuen Liebling.

Selbstredend sprach das Ehepaar an diesem Abend fast nur über das Liliput-Pferdchen. Bevor Andrea schlafen ging, rief sie noch in der Wohnung des Tierpflegers an, um sich nach dem neuen Pflegling zu erkundigen.