Klimawandel - Klimakrise - Klimakollaps -  - E-Book

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Beschreibung

Dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, der dramatische Auswirkungen auf Natur und Umwelt hat, kann nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Bisher wenig untersucht sind jedoch die tiefgreifenden gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen des Klimawandels. Die auf Konsens basierte Demokratie scheint dem durch die Klimakrise entstehenden Handlungsdruck nicht gerecht zu werden. Zugleich wird die Klimakrise aller Evidenz zum Trotz von Teilen der Gesellschaft bestritten oder verharmlost. Dringende Maßnahmen zum Klimaschutz werden folglich nur langsam umgesetzt. Die Diskrepanz zwischen Dringlichkeit des Problems und Behäbigkeit der Gesellschaft wirft eine Reihe wichtiger Fragen auf. Daniela Winkler hat Experten unterschiedlicher Disziplinen versammelt, die diesen Fragen gut lesbar und fundiert aus unterschiedlichen Perspektiven nachgehen.

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Perspektiven auf Gesellschaft und Politik

Herausgegeben von Thomas Hauser, Prof. Dr. Tanjev Schultz, Prof. Dr. Guido Spars und Prof. Dr. Daniela Winkler

Bisher in der Reihe erschienen:

Tanjev Schultz (Hrsg.):Was darf man sagen? Meinungsfreiheit im Zeitalter des Populismus; 2020, 176 Seiten, € 17, ISBN: 978-3-17-038304-3

Stefan Iskan (Hrsg.):Corona in Deutschland. Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik; 2020, 174 Seiten, € 18, ISBN: 978-3-17-039608-1

Tanjev Schultz (Hrsg.):Auf dem rechten Auge blind? Rechtsextremismus in Deutschland; 2021, 148 Seiten, € 17, ISBN: 978-3-17-040064-1

Guido Spars (Hrsg.):Wohnungsfrage 3.0; 2021, 217 Seiten, € 19, ISBN: 978-3-17-040176-1

Thomas Hauser/Philippe Merz (Hrsg.):Vom Bürger zum Konsumenten. Wie die Ökonomisierung unser Leben verändert; 2021, 172 Seiten; € 17; ISBN: 978-3-17-038300-5

Daniela Winkler (Hrsg.)

Klimawandel – Klimakrise – Klimakollaps

Verlag W. Kohlhammer

Ein Teil des Beitrags »Anpassung an den Klimawandel in Deutschland« entstand im Rahmen des Projektes »Urbane Resilienz gegenüber extremen Wetterereignissen – Typologien und Transfer von Anpassungsstrategien in kleinen Großstädten und Mittelstädten« (ExTrass), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird (Förderkennzeichen: 01LR1709A, 01LR1709A1).

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

 

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038312-8

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-038313-5

epub:     ISBN 978-3-17-038314-2

kf8:        ISBN 978-3-17-038315-9

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

Umgang mit einer Menschheitskrise. Zur Einführung

Daniela Winkler

Klimawandel: Fakten und Ursachen Eine naturwissenschaftliche Perspektive

Reinhard Zellner

Anpassung an den Klimawandel in Deutschland

Philip Bubeck, Annegret H. Thieken

Klimawandel, Umweltzerstörung und Migration

Jochen Oltmer

Die gesellschaftliche Resonanz auf den Klimaschutz: Von der Akzeptanz zur bürgerschaftlichen Mitwirkung

Ortwin Renn

Lobbying und Politikwandel in der Klimapolitik

Maximilian Schiffers

Verfassungsrechtliche Herausforderungen der Klimakrise

Marc Zeccola

Fazit

Daniela Winkler

Autorenverzeichnis

Umgang mit einer Menschheitskrise. Zur Einführung

Daniela Winkler

Dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, der in näherer oder fernerer Zukunft in einem heute vermutlich noch nicht vorstellbaren Ausmaß auf die Lebensverhältnisse der Menschen einwirken wird, kann nicht mehr ernsthaft bestritten werden – und doch wird diese Entwicklung bestritten oder zumindest verharmlost, ignoriert oder relativiert. Und dies sowohl von Bürgern, die eine Beeinträchtigung ihrer Freiheitsrechte, ihres ökonomischen Status oder ihres Weltbildes befürchten, als auch von Politikern, die sich diese abwehrende Haltung aus verschiedensten Zwecken zu eigen machen. Auf den ersten Blick überrascht diese Erkenntnis, nicht jedoch bei näherer Analyse der verschiedenen soziologischen, politikwissenschaftlichen und demokratietheoretischen Hintergründe, die der vorliegende Band beleuchtet.

Über die wissenschaftlichen Hintergründe und die Reichweite der aufziehenden Klimakrise ist nur eine Minderheit umfassend informiert. So werden nach dem 5. Weltklimabericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) die Folgen des Klimawandels deutlich schlimmer ausfallen als noch vor kurzem befürchtet: »Continued emission of greenhouse gases will cause further warming and long-lasting changes in all components of the climate system, increasing the likelihood of severe, pervasive and irreversible impacts for people and ecosystems« (IPCC 2015, 56). Nach allen zugrunde gelegten Szenarien wird die Durchschnittstemperatur im Laufe des 21. Jahrhunderts erkennbar ansteigen. Hitzewellen und Extremwetterereignisse werden hierdurch häufiger und intensiver auftreten. Hinzu tritt eine kontinuierliche Erwärmung der Ozeane und ein Anstieg des Meeresspiegels. Diese Auswirkungen können nur durch substanzielle und nachhaltige Reduktionen der Treibhausgasemissionen begrenzt werden. Auch wenn die menschlichen Treibhausgasemissionen auf Null reduziert würden, werden sich die Auswirkungen der bisherigen Emissionen noch über Jahrhunderte manifestieren (zu den Hintergründen und Auswirkungen noch ausführlich der Beitrag von Reinhard Zellner).

Ein Ende des vergangenen Jahres veröffentlichter Bericht der renommierten naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature beschreibt eindringlich, welche Folgen das Erreichen globaler Kipppunkte mit sich bringen wird. Unter Kipppunkten (»tipping points«) versteht man jene klimarelevanten Veränderungen, welche – unabhängig von menschlicher Einflussnahme – die globale Erwärmung unumkehrbar vorantreiben werden. Kipppunkte sind insbesondere das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes, die Verlangsamung des Golfstroms, die Zerstörung der borealen Wälder, das Absterben der Korallenriffe, der Rückgang des arktischen Meereises, das Abschmelzen des Eisschilds Grönlands, der West- und Ost-Antarktis sowie das Auftauen der Permafrostböden. Jede dieser Veränderungen zieht unabweisbar andere – die Klimakrise anheizende – Entwicklungen nach sich. Sollten also einzelne Kipppunkte überschritten werden, könnte das nicht nur ganze Ökosysteme zerstören, sondern auch andere gefährdete Systeme zum Kippen bringen und hierdurch die Erde in eine Heißzeit überführen, deren Temperatur um mehrere Grad über der heutigen Temperatur liegen würde.

Aktuelle Messungen haben ergeben, dass das arktische Polareis in einer Geschwindigkeit schmilzt, dass die Arktis voraussichtlich nicht – wie bislang vermutet – 2050, sondern schon ab 2035 im Sommer komplett eisfrei sein wird. Hierdurch gelangen große Mengen Süßwasser in den Nordatlantik. Die daraus resultierende Senkung des lokalen Meersalzgehalts und die Abkühlung des Atlantiks verlangsamt das atlantische Strömungssystem. Zu diesem System zählt auch der Golfstrom, der für das ausgeglichene Klima in Kontinentaleuropa verantwortlich ist. Seit den 1950er-Jahren hat sich dieser bereits um 15 % verlangsamt, was sich wiederum auf die Regenhäufigkeit im Amazonasregenwald auswirkt. Eine Austrocknung des Regenwaldes könnte die Folge sein.

Nach heutigem Wissensstand könnte eine Beschränkung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C die globalen Veränderungen abbremsen und so größere Anpassungschancen für menschliche und ökologische Systeme bieten. Das Pariser Klimaabkommen, welches von 196 Staaten und der Europäischen Union unterzeichnet wurde, sieht daher die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten vor. Ob diese Begrenzung ausreicht, um irreversible Rückkopplungen durch Kippelemente im Erdsystem sicher zu verhindern, ist allerdings fraglich: Einzelne wissenschaftliche Studien bezweifeln dies bereits. Auch der Sonderbericht des IPCC von 2018 warnt in diesem Zusammenhang vor irreversiblen Folgen, namentlich vor der weiteren Zunahme von Hitzeextremen, Starkniederschlägen und Dürren sowie einer zusätzlichen Erhöhung des Meeresspiegels. Zugleich wurde durch menschliche Aktivitäten schon jetzt eine Erwärmung von 1,0 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau verursacht. Bereits 2030 kann bei derzeitiger Entwicklung eine globale Erwärmung von 1,5 °C erreicht werden. Die Einhaltung des (möglicherweise ohnehin unzureichenden) 1,5 °C-Ziels ist daher bereits heute mehr als fraglich.

Dass der menschliche Raubbau an der Natur nicht unendlich fortzuführen ist, zeichnet sich schon seit Jahrzehnten ab. Bereits 1972 erklärte der Club of Rome (ein 1968 gegründetes interdisziplinäres Expertengremium), dass eine weiter fortschreitende Ausbeutung der Natur diese im Laufe der kommenden hundert Jahre an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen würde. Welche Folgen der übermäßige CO2-Ausstoß für Klima und Temperaturen haben wird, haben große Energiekonzerne schon in den 80er-Jahren weitgehend richtig vorhergesagt. So gesehen stellt sich die Frage, warum der nahenden Katastrophe in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft ungerührt ins Auge geblickt wird. Warum ist bis heute nichts Entscheidendes geschehen? Warum basiert unser Wirtschafts- und Lebenssystem immer noch weitgehend auf Erdöl und Erdgas? Warum üben sich Politiker eher im Nichtstun, in der Hoffnung auf »technische Innovationen«, als nachhaltig auf die anstehenden Herausforderungen zu reagieren? Warum lassen sich die Menschen mit vielfältigen Versprechen und Ausflüchten abspeisen?

Angesichts der potenziell existenzbedrohenden Auswirkungen mag diese Beobachtung überraschen. Im Folgenden wird daher der Versuch unternommen, mögliche Gründe hierfür zu identifizieren:

Die konkreten Auswirkungen der Klimakrise werden von Politik und Gesellschaft weitgehend verdrängt: »Es wird künftig ein bisschen wärmer. Na und? Ich mag laue Sommernächte.« Was aber mit der globalen Erwärmung an konkreten Auswirkungen – und zwar nicht nur meteorologisch und ökologisch, sondern auch ökonomisch oder sozial (zum Thema »Klimaflüchtlinge« noch der Beitrag von Joachim Oltmer in diesem Band) – verbunden ist, wissen die wenigsten. Klimaschutz wird immer noch als »Nischenthema« verstanden. Die Forderung, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Rahmen einer Sendung »Klima vor acht« verstärkt Hintergründe und Folgen der Klimakrise zu thematisieren, wird u. a. von Christoph Schmidt, Geschäftsführer Vorabend bei @ARD_Presse, mit dem Hinweis abgelehnt, dass Klimaschutz zwar »ein hehres und richtiges Ziel« sei, aber ein solches Programm dennoch »erstmal eine parteiische Interessengruppe« bediene.

Diese Verdrängung der Thematik an die Randbereiche des öffentlichen Diskurses begründet sich nicht nur mit fehlendem Interesse, sondern auch mit der Komplexität der Materie. Wie Ortwin Renn in seinem Beitrag belegen wird, handelt es sich bei der Klimakrise um eine systemische Krise, die sich schleichend entwickelt und dennoch fundamental in unsere Lebenswirklichkeit eingreift. Gerade der Umstand, dass sich die Wissenschaft aufgrund der komplexen Wechselwirkungen hinsichtlich einzelner konkreter Auswirkungen im Unklaren ist oder bisher gefundene Ergebnisse aufgrund neuerer Erkenntnisse revidiert, wird von den Zweiflern zur Untermauerung der eigenen Position herangezogen. Mögliche Auswirkungen lassen sich leicht verdrängen, da diese vermeintlich weit weg oder erst in vielen Jahrzehnten spürbar auftreten werden, sodass es an der eigenen Betroffenheit zu fehlen scheint.

Mehr und mehr muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die notwendige Reduktion der Emission schädlicher Treibhausgase nur durch eine radikale Veränderung unserer Lebensgewohnheiten möglich ist. Ob man dabei so weit gehen muss wie die Fridays for Future-Bewegung, die »System Change, not Climate Change« fordert, mag an dieser Stelle dahinstehen; sicher ist jedoch, dass eine unreflektierte weitere Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen schnellstmöglich beendet werden muss. Damit stellen sich – auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene – eine Vielzahl von Fragen, für die bisher noch keine Antworten bereitstehen: Wie kann ökonomisches Wirtschaften in Zukunft aussehen? Wie können die Auswirkungen ökologischer Umwälzungen gerecht gehandhabt werden? Wie sind (grundrechtliche) Freiheiten künftig auszugestalten? Wie sind Verteilungskonflikte (hinsichtlich der dann verknappten Ressourcen) zu lösen? Es zeigt sich bereits jetzt, dass jene Menschen, die am wenigsten zum globalen Treibhausgasanstieg beitragen, am stärksten von diesem betroffen sein werden. Vor diesem Hintergrund erscheint verständlich, dass Politiker vor einer offenen Debatte dieser ganz grundsätzlichen Fragen zurückschrecken, zumal die auf periodische Wiederwahl ausgerichteten Politiker aus der Thematisierung solcher langfristigen Fragen und der Umsetzung unpopulärer Maßnahmen nichts gewinnen können (hierzu der Beitrag von Maximilian Schiffers).

Zugleich wird die Klimadebatte zum Schauplatz systemischer Konflikte und politischer Grabenkämpfe. So wird der Umgang mit der Klimakrise in den USA – neben der Regulierung des Waffenbesitzes und der Gewährung von Krankenversicherungsschutz – zu einem weiteren fundamentalen Unterscheidungsmerkmal zwischen Demokraten und Republikanern. Hierzulande leugnen insbesondere (rechts-)populistische Parteien einen menschengemachten Klimawandel. Eine solche »Politik der einfachen Lösungen« ist der Komplexität einer systemischen Krise jedoch nicht gewachsen. Als (vermeintlich) volksnahe Bewegung bemüht sich der Populismus zudem, Klimaschutz als ein »Elitenprojekt« zu brandmarken, dass auf dem Rücken der »kleinen Leute« umgesetzt wird.

Aus verschiedenen politischen Richtungen wird daher »Sturm« auf grundlegende klimapolitische Änderungen »geblasen«. Aus liberaler Perspektive wird eine Beschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Freiheiten als »Ökodiktatur« gegeißelt. Aus ökonomischer Sicht werden – unterstützt von der Lobbyarbeit großer Unternehmen, wie ebenfalls der Beitrag von Maximilian Schiffers erläutert – Wirtschaftsstandort und Arbeitsplätze hervorgehoben. Die ökonomischen Folgen mangelnden Klimaschutzes bzw. der erforderliche Klimawandelanpassung (hierzu der Beitrag von Philip Bubeck und Annegret Thieken) werden hingegen zumeist ignoriert. Zu den grundsätzlichen Fragen, die zur Bewältigung der Klimakrise beantwortet werden müssen, gehört daher auch: Wie viel Staat ist nötig, um die anstehenden Herausforderungen zu regeln? Oder kann man dies getrost dem Markt überlassen? Staaten, die grundsätzlich stärker auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes vertrauen, tun sich in der Regel schwerer damit, politische Einschränkungen zu erwirken. Zugleich erfordert eine erfolgreiche globale Klimapolitik eine Verständigung zwischen den internationalen Akteuren über die Ziele ihrer Politik, was sich insbesondere im internationalen Staatenwettbewerb als schwierig erweist. Hier wird vornehmlich eine Verschiebung von Verantwortlichkeiten propagiert, häufig mit Verweis auf den eigenen (vermeintlich: unmaßgeblichen) Beitrag zu den globalen Treibhausgasemissionen.

Verallgemeinernd kann man davon sprechen, dass die Bewältigung der Klimakrise unter einem Demokratiedilemma leidet (hierzu der Beitrag von Marc Zeccola). Demokratische Prozesse verlaufen regelmäßig langwierig, da sie auf die Berücksichtigung und Einbindung verschiedenartigster Interessen und Bedürfnisse ausgerichtet sind. Maßgeblich ist schließlich der Mehrheitsentscheid, auch wenn dieser im Ergebnis unrichtig oder unvernünftig ist. Die Klimakrise verlangt hingegen rasches und konsequentes Handeln, kurzfristige und zugleich tiefgreifende Entscheidungen, die schwerlich konsensual durchsetzbar sind. Das erklärt auch das (in dieser Stärke wohl unerwartete) Erstarken zivilgesellschaftlicher Gruppen (wie Fridays for Future, Extinction Rebellion etc.), die nicht nur zur allfreitäglichen Klimademo aufrufen, sondern sich auch Formen des zivilen Widerstandes zu eigen machen beim Versuch, konkrete klimaschädliche Projekte zu verhindern – die Besetzung des Hambacher Forstes und des Dannenröder Waldes sind aktuelle Beispiele.

Die Komplexität der Klimakrise, die in sämtliche Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Systems hineinstrahlt, überfordert letztlich auch die Berufspolitiker, welche zunehmend (Klima-)Experten und sonstige private Akteure einbinden müssen. Auch hier entstehen Reibungen mit dem Prinzip demokratischer Repräsentation. Gerade die zunehmend politische Rolle der Klimaforscher findet nicht überall Anklang. Wählen Forscher drastische Worte, um die Menschen aufzurütteln, wird oft ihr »Alarmismus« beklagt. Konkrete politische Vorschläge werden als Kompetenzüberschreitung betrachtet (vgl. etwa die Debatte zwischen Thea Dorn und Stefan Rahmsdorf, Die Zeit vom 3.6. bzw. 24.6.2020).

Davon ausgehend entwickelt sich die Überzeugung, dass eine erfolgreiche Klimapolitik nicht ohne die Unterstützung und damit Einbindung der Bürger möglich ist. An einer Unterstützung fehlt es jedoch, soweit den Bürgern die Reichweite der drohenden Veränderungen und die Dringlichkeit politischer Maßnahmen nicht bewusst ist. In erster Linie geht es daher um die Information der Bürger, welche zunächst einmal über den Stand der Krise in Kenntnis gesetzt werden müssen. Dies wird nicht nur durch die oben beschriebene Komplexität des Themas erschwert, weshalb auch weitreichende einzelne Umweltereignisse die Aufmerksamkeit nicht insgesamt auf das Klimathema zu lenken vermögen; auch eine fortschreitende Heterogenisierung des Mediensystems steht dem entgegen. Gerade soziale Medien sorgen dafür, dass Nutzer nur noch Informationen ihrer eigenen »Blase« zur Kenntnis nehmen, wodurch bestehende Überzeugungen bestätigt werden und Anregungen, diese zu überdenken, wegfallen. Auch eine Privatisierung des Mediensystems (wie in den USA bekannt) verstärkt diesen Prozess.

Kommunikation über die Klimakrise wird daher zu einem entscheidenden Faktor erfolgreicher Klimapolitik. Besonders das sprachliche Framing übt daher wesentlichen Einfluss auf das Verständnis der klimatischen Bedrohung und die daraus resultierende Klimaschutzpolitik aus (vgl. Nisbet 2009). Bereits während der Regierungszeit von George W. Bush wurde innerhalb der republikanischen Partei der öffentlichkeitswirksame Begriffswechsel von »global warming« zu »climate change« propagiert, da »climate change« eine neutralere wissenschaftliche Position vermitteln und sich harmloser anhören sollte (vgl. Villar/Krosnick 2011). Diese Bezeichnung wurde dann u. a. auch durch die Forschungspolitik unter Bush (Ausschreibungen, Drittmittel, behördliche Forschungseinrichtungen, Universitätsbeziehungen etc.) übernommen und auch von Donald Trump zum (vermeintlichen) Nachweis herangezogen, eine Klimaerwärmung gebe es nicht. Auch die Frage, ob man von »Klimawandel«, »Klimakrise« oder bereits »Klimakollaps« spricht, verdeutlicht, dass der sprachliche Umgang mit den anstehenden Herausforderungen einen großen Anteil an der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung hat.

Auch wenn sich eine Vielzahl von (rationalen) Gründen für das Zaudern und Zögern in der Klimakrise heranziehen lassen: Vielleicht liegt es doch zuletzt an der narzisstischen Natur des Menschen, der die Bedrohung durch die Klimakrise nicht erkennen will. Schon Immanuel Kant hat herausgearbeitet, dass es Erkenntnisse gibt, deren sich der Mensch zum Schutz des eigenen Weltbildes verweigert: sog. narzisstische Kränkungen. Die globale Veränderung des Klimas wäre dann die vierte narzisstische Kränkung seit Kopernikus’ Erkenntnis der Rotation der Erde um die Sonne, Darwins Evolutionstheorie und Freuds Entdeckung des Unterbewusstseins (so in durchaus pointierter Überzeichnung Ferdinand Otto, Die Zeit vom 29.7.2019)

Ausgehend von diesem Ausflug zu Narziss und zur griechischen Mythologie mag es auch naheliegen, vom »Ikarus-Moment« der menschlichen Geschichte zu sprechen. Bekanntlich flog Ikarus – ausgestattet mit Flügeln aus gewachsten Vogelfedern – trotz der Warnrufe seines Vaters zu nahe an der Sonne, die das Wachs zum Schmelzen und ihn zum Abstürzen brachte. Durch den Gebrauch künstlicher Federn konnte Ikarus zwar die Regeln der Natur aushebeln, und dennoch scheiterte er an den Grenzen der Natur. Seine Hybris beruht auf dem Eindruck der eigenen Unbesiegbarkeit und der grenzenlosen Beherrschbarkeit der Natur. Der Umgang der Menschheit mit der Klimakrise lässt eine solche Hybris ebenfalls erahnen. Es ist eine Überzeugung, die ihre Grundlage bereits im biblischen Auftrag an den Menschen, sich die Erde »untertan zu machen«, zu finden scheint. Und sie findet ihr modernes Pendant in einer Technikgläubigkeit, die in der Annahme gipfelt, die Klimakrise könne durch neue technische Innovationen gelöst werden – so etwa der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kürzlich im Deutschen Fernseh-Rundfunk. Im Englischen wird dieses unendliche Vertrauen in die Allmacht der Technik mit dem Begriff des »solutionism« beschrieben. Vielleicht schließt sich an dieser Stelle aber auch nur der Kreis, indem eine hochkomplexe gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf diesem Weg wieder zu einem (in diesem Fall: technischen) »Nischenthema« degradiert wird.

Nach dieser einleitenden Skizze einiger der vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen beim Umgang mit der Klimakrise hoffe ich, dass Sie neugierig auf die folgenden Beiträge geworden sind, die einzelne dieser Aspekte aufgreifen und näher analysieren.

Literatur

IPCC (2015): Climate Change 2014. Synthesis Report. Genf: IPCC. https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/SYR_AR5_FINAL_full.pdf [Zugriff: 15.03.2021].

IPCC (2018): Global Warming of 1.5 °C. An IPCC Special Report on the Impacts of Global Warming of 1.5 °C Above Preindustrial Levels. https://www.ipcc.ch/sr15/ [Zugriff: 15.02.2021].

Nisbet, Matthew C. (2009): Communicating Climate Change: Why Frames Matter for Public Engagement. In: Environment: Science and Policy for Sustainable Development 51 (2), S. 12–23. DOI: 10.3200/ENVT.51.2.12-23.

Villar, Ana/Krosnick, Jon A. (2011): Global Warming vs. Climate Change, Taxes vs. Prices: Does Word Choice Matter? In: Climatic Change 105, S. 1–12. DOI: 10.1007/s10584-010-9882-x.

Klimawandel: Fakten und Ursachen Eine naturwissenschaftliche Perspektive

Reinhard Zellner

Das Klima der Erde ist nicht konstant. Es hat sich in der Erdgeschichte vielfach geändert und wird sich weiter ändern. Allerdings sind die Zeiträume, über die sich solche Änderungen vollziehen, extrem unterschiedlich und die Ursachen verschieden. Unter den natürlichen Ursachen dominieren die zyklischen Änderungen der Erdbahnparameter, die sog. Milankovic-Zyklen, die uns alle 40.000–100.000 Jahre eine Eiszeit beschert haben und die uns sicherlich in ca. 10.000 Jahren in eine neue Eiszeit führen werden. Diese Zyklen erzeugen eine Änderung der Sonneneinstrahlung um ±100 W/m2. Mit etwa +2,3 W/m2ist der heute beobachtete menschengemachte Beitrag zu den Klimaänderungen klein im Vergleich zu dem durch die Erdbahnparameter. Was ihn aber bedrohlich macht, ist die Geschwindigkeit des heutigen Wandels. Seit Ende der letzten Eiszeit, dem Holozän, vor gut 10.000 Jahren hat sich die globale Temperatur der Erde praktisch nicht verändert. Allein erkennbar war ein moderates mittelalterliches Klimaoptimum, gefolgt von einer sog. kleinen Eiszeit im 16. und 17. Jahrhundert. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts aber wächst die globale Temperatur ständig an. Was ist passiert?

Das Wachstum der Weltbevölkerung

Der vielleicht wichtigste Grund ist das Wachstum der Weltbevölkerung. Die Spezies Mensch existiert auf der Erde seit etwa 200.000 Jahren, also erst seit sehr kurzer Zeit im Vergleich zum Alter der Erde von ca. 5 Mrd. Jahren. Vor etwa 10.000 Jahren, dem Ende der letzten Eiszeit, lebten auf der Erde erst ca. 1 Mio. Menschen. Mit den lebens- und siedlungsfreundlicheren Bedingungen der beginnenden Warmzeit nahm die Weltbevölkerung langsam aber – abgesehen von Kriegen, größeren Naturkatastrophen oder Pandemien – stetig zu; um 1800 waren es bereits 1 Mrd. Menschen. Mit den zivilisatorischen Ereignissen der landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen bzw. medizinischen Revolution sowie der beginnenden Industrialisierung setzte sich das Wachstum der Weltbevölkerung fort. Um 1960, einer Zeit also, die viele der heute Lebenden noch persönlich kennen, waren es bereits 3 Mrd. Bis heute (2020) hat sich die Bevölkerung auf 7,5 Mrd. erhöht, sich also während der Lebenszeit eines Menschen mehr als verdoppelt. Jährlich wächst die Weltbevölkerung heute um etwa 80 Mio. Menschen, die Gesamteinwohnerzahl Deutschlands. Der positive Trend hält weiter an. 2050 werden wir vermutlich bereits 9 Mrd. sein. D. h. wir erleben seit einigen Jahrzehnten einen starken und ungebrochenen Bevölkerungszuwachs, wobei sich die besonders hohen Wachstumsraten von ehemals Südostasien nunmehr auf Afrika verlagert haben. Der Bevölkerungsdruck löst auch einen enormen Nachfrageprozess aus, in dem immer mehr Menschen den Bedarf an Wasser, Nahrungsmitteln, Landoberfläche, Transport und Energie erhöhen und damit die natürlichen Ressourcen unserer Erde, seine geologischen Energiereserven, seine natürliche Produktivität, aber auch die Aufnahmefähigkeit für unsere zivilisatorischen und industriellen »Abfälle« strapazieren. Bereits in den 1960ern hat der Club of Rome erstmals mit dem Buch über »Die Grenzen des Wachstums« auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Allerdings hatten die damaligen Autoren mehr das Ende der Ressourcenverfügbarkeit bei Wasser und den fossilen Energieträgern im Blick als z. B. den Klimawandel. Heute wissen wir, dass aufgrund der gestiegenen Emissionen von CO2 und anderen Klimagasen die Menschheit eher durch den Klimawandel bedroht wird als durch die Endlichkeit unserer fossilen Energieträger. Wir dürfen es uns längst nicht mehr leisten, alle verbliebenen Energiereserven zu explorieren, zu fördern oder jemals zu nutzen.

Die Veränderung der globalen Lufttemperaturen

Die Temperatur der bodennahen Luft hat sich seit Beginn der Industrialisierung, also seitdem Menschen fossilen Kohlenstoff in verstärktem Maß verbrennen, erhöht – in Deutschland z. B. um 1,3 °C. Ähnlich stark wie in Deutschland sieht der Temperaturtrend auch im global gemittelten Maßstab aus, nämlich +1,2 °C seit Ende des 19. Jahrhunderts. Allerdings verläuft die Temperaturzunahme nicht linear mit der Zeit oder mit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre, da sich natürliche Phänomene und anthropogene Ursachen überlappen, und sie ist auch nicht gleich über Land- und Ozeanflächen ( Abb. 1).

Abb. 1: Entwicklung der globalen Lufttemperaturen über Land- und Ozeanflächen seit 1860 (Quelle: nach BerkeleyEarth.com 2020).

Natürliche Effekte, wie etwa der Vulkanismus, modifizieren die Temperaturentwicklung und auch deren Zuwachs. So wird der Anstieg in den Jahren 1900–1950 im Wesentlichen auf den Rückgang des globalen Vulkanismus zurückgeführt. Besonders stark ist die Erwärmung seit den 60er-Jahren des vorangehenden Jahrhunderts. Die seither beobachtete Temperaturzunahme übersteigt die Erwartungen bekannter natürlicher Effekte. Dies gilt u. a. für den Beitrag durch die variierende Leuchtkraft der Sonne, die sich periodisch im 11-jährigen Zyklus der Sonnenflecken ändert, deren Auswirkung auf die langfristige Temperaturänderung aber nur gering ist. Seit 1990 häufen sich darüber hinaus Jahre mit immer höherer Jahresmitteltemperatur. Während diese z. B. in Deutschland vor 100 Jahren noch bei 8,5 °C lag, erleben wir seit gut 20 Jahren mittlere Temperaturen von 9,5–10,5 °C. Mit 10,5 °C war das Jahr 2018 das bisher wärmste in Deutschland in dieser Dekade, gefolgt von 2014 und 2019 mit je 10,3 °C.

Der Temperaturanstieg wird von der Klimawissenschaft eindeutig auf die zunehmende CO2-Konzentration in der Atmosphäre zurückgeführt. Damit verbunden sind Folgeeffekte wie das Schmelzen der Kontinentalgletscher, der Rückgang des arktischen Polareises, die Änderung und Verteilung der Niederschlagsintensität oder die Zunahme der Wirbelstürme. Hinzu kommt der Anstieg des Meeresspiegels. Dieser steigt heute mit einer Rate von 3,3 mm pro Jahr und hat sich seit Beginn der 1990er um etwa 8 cm erhöht. Davon ist etwa ⅓ auf die thermische Ausdehnung und ⅔ auf das Schmelzen von Gletschern und Eisschilden zurückzuführen.

Es steht deshalb außer Zweifel, dass sich unser Klima ändert, und zwar menschengemacht. Eine solche Änderung nimmt der Einzelne allerdings vor allem durch die indirekten Folgeeffekte wahr, etwa durch Überschwemmungen, Hitzewellen oder Dürren. Der Temperaturanstieg selbst bleibt praktisch unbemerkt. Je nach persönlicher Befindlichkeit mindert oder verstärkt dies das Problembewusstsein gegenüber dem Klimawandel und manchmal auch das Vertrauen in die Klimaforschung sowie die Glaubwürdigkeit ihrer z. T. unbequemen Voraussagen.

Klimaänderung ist keine regionale Besonderheit, sondern es ändert sich überall. Regional differenzierte Analysen haben jedoch gezeigt, dass sich der Globus keinesfalls einheitlich erwärmt. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Erwärmungsraten besteht zwischen Land- und Ozeanoberflächen. Die Kontinente erwärmen sich schneller als die Ozeane. Dies wird im Wesentlichen verursacht durch die hohe Wärmekapazität und die Dynamik der Ozeane, die dafür sorgen, dass die Erwärmung der Luft gedämpft und verzögert wird. Besonders auffällig ist dieser Effekt in Regionen mit bekannter Tiefenwasserbildung wie im Nordatlantik, wo sich die Luft deutlich weniger stark erwärmt hat als in der Umgebung.

Ein weiterer Unterschied besteht zwischen den Polarregionen. Während sich die Südpolarregion kaum von dem globalen Temperaturtrend unterscheidet, zeigt die Nordpolarregion mit etwa +2,5 °C einen etwa doppelt so hohen Temperaturzuwachs wie der Globus insgesamt. Dies hatte bedeutende Auswirkungen auf die Kryosphäre, also das Vorkommen von Schnee und Eis, in der Nordhemisphäre. Das Meereis der Arktis ist in relativ kurzer Zeit geschwunden, und zwar sowohl in den Wintern (–8 %), besonders stark aber in den Sommern (–40 %) der letzten 40 Jahre. Größere Eisverluste werden auch bei den kontinentalen Gebirgsgletschern und beim grönländischen Eisschild, die gemeinsam mit der Antarktis 99 % der globalen Süßwasserreserve darstellen, beobachtet. Eine besondere Besorgnis stellen die sog. Permafrostböden dar, die sich in Nordamerika (Kanada, Alaska) und im gesamten Norden Russlands einschließlich Sibiriens befinden. Diese Böden sind u. a. Speicher von Methan, das im Falle des Abtauens aufgrund der Temperaturerhöhung freigesetzt wird und den Klimawandel verstärkt.

Das Klimasystem und seine Subsysteme