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Amos Dystwater, 43 Jahre alt, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg und gelegentlich Amateur-Detektiv, besucht einen alten Freund, den Maler Douglas Rankin in Cornwall. Amos ist immer noch nicht über den Tod seiner Frau Patricia vor einem Jahr hinweg gekommen. Um ihn abzulenken, erzählt Douglas ihm von rätselhaften Einbrüchen bei einer Reihe alter Männer in der Umgebung. Doch Amos kann sich nicht für diese Geschichte erwärmen. Etwas später, bei einem Ausflug, meint Amos, in der Ferne einen Mord zu sehen, ist sich aber auf Grund sehr schlechter Wetterverhältnisse nicht sicher. Auf der Rückreise nach Hamburg trifft er eine alte Bekannte wieder, die Malerin Sonja Reynschmitt aus Lübeck. Ein paar Tage später sucht sie ihn überraschend zu Hause in Hamburg auf und bittet ihn um Hilfe. Sie hat den Eindruck, ihr Mann werde erpresst. Neugierig geworden, fährt Amos zu ihr nach Lübeck und kopiert sich eine seltsam verschlüsselte mail auf eine Diskette. Als Sonja Amos erneut in Hamburg aufsucht, weil ihr Mann überstürzt nach Cornwall aufgebrochen ist, können beide nur mit knapper Not einem Anschlag entkommen. Da sie sich nun bedroht fühlen und alle Spuren nach Cornwall führen, kehren sie dorthin zurück. In St. Ives verfolgt Amos beide Geschichten: die Suche nach dem inzwischen verschollenen Mann Sonjas und die Geschichte der alten Männer, von denen einer nun ebenfalls unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. In Gesprächen erfährt Amos schließlich die Geschichte, die die alten Männer verbindet: in ihrer Jugend wurden sie in einem Heim misshandelt. Dabei wird deutlich, dass er zu Beginn tatsächlich einen Mord gesehen hat – den Mord an dem ehemaligen Heimleiter. Es gelingt Amos gleichzeitig, die Diskette aus Reynschmitts Haus in Cornwall entschlüsseln zu lassen. Es stellt sich heraus, dass Sonjas Mann in den Aktivitäten eines Kinderporno-Rings beteiligt war. Verstört reist Sonja daraufhin wieder zurück nach Deutschland.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Toby Martins
Klippen der Angst
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Impressum neobooks
"Ich werfe dich über die Klippen, du Hund!"
Schnaufend trat Douglas neben mich. Unwillkürlich musste ich lächeln, ohne ihn jedoch anzusehen.
"Wenn du dich mehr bewegen und weniger Guinness in dich hinein schütten würdest, kämest du nicht so schnell aus der Puste, Doug."
"Ich lebe wenigstens anständig und genieße meine Tage, was man von dir nicht unbedingt behaupten kann, Amos."
Darauf erwiderte ich nichts, sondern starrte unverwandt aufs Meer.
Die Gischt brach sich an den Klippen. Tief unter mir brandete das grün-blaue Wasser gegen die Steilküste. Vor mir erhob sich ein zerklüfteter Steinkegel aus dem Meer. In dem scharfen Licht zeichnete sich jede Spitze und Kante des Felsblocks deutlich ab. Während die eine Seite des hohen Steins mich durch das grelle Licht fast blendete, wirkte die der Sonne abgewandte Fläche nahezu schwarz. Jahrtausende lange Gezeitenwechsel hatten das Gestein bearbeitet. Ein malerisches, wildes Bild. Keine Wolke trübte das tiefe Blau des Himmels. Zum Horizont hin wurde das Blau immer heller und verschmolz in der Ferne mit dem Meer. Kein Schiff, kein Boot war zu sehen. Es schien, als blickte ich in die Unendlichkeit. Doch dieser grandiose Anblick löste kein erhebendes Gefühl in mir aus. Früher berauschten mich derartige Natur Szenarien. Sie rissen mich mit. Diesmal kam ich mir vor wie ein entrückter Beobachter. Die Leere in mir ließ sich durch nichts füllen. Ich hatte genug damit zu tun, die immer noch ab und zu aufkommenden Anwandlungen von Verzweiflung nieder zu kämpfen. Das allein kostete mich viel Kraft. Zwei Vögel stiegen steil zum Himmel auf und jagten einander.
"Ach, komm schon - "
Douglas packte mich am Arm.
"Nun spiel' nicht das steinerne Bildnis. - Nein - sag' nichts. Wir werden uns doch nicht schon wieder streiten. Das ist heute dein vorletzter Tag hier. Und es ist herrliches Wetter. Riechst du die Luft? Sie macht hungrig! Deswegen werden wir jetzt umkehren und in Boscastle was essen. Dann fahren wir zurück. Heute abend kommen ein paar Freunde vorbei, die dich unbedingt kennen lernen wollen. Sie haben noch nie einen erfolgreichen Privatdetektiv gesehen und brennen schon auf einen Umtrunk mit Sherlock Holmes!"
Bevor ich gereizt reagieren konnte, zerrte er mich unter lautem Lachen von der Steilküste weg.
Das Gras war teils braun, teils grün. Die Natur schien hier direkt an der Küste noch zu schlafen. Nur eine stachelige Buschart trug eine Fülle goldgelber Blüten. Die wärmende Sonne heute konnte einen vergessen lassen, dass wir erst März hatten. Wir gelangten zum Klippenpfad und wandten uns nach links. In ständigem Wechsel ging es mal steil bergab und dann wieder bergauf. Auch wenn er heftig und stoßweise atmen musste, konnte Douglas mein Tempo doch gut mithalten und kletterte auch recht behände über die einzelnen Gatter, die Tiere zurückhalten sollten und kleine Trittstufen für die tapferen Wanderer besaßen. Auf einer Weide starrten uns Kühe nach, als fänden sie uns Menschen völlig verrückt. Wir umrundeten die Felsen, die die alte Hafeneinfahrt von Boscastle verbargen. Ich hatte bereits einiges über diesen malerischen Ort im Norden Cornwalls an der Atlantikküste gehört, war dann aber bei unserer Ankunft heute morgen selbst völlig überrascht von der wilden und geheimnisvollen Schönheit dieses kleinen Städtchens mit seiner natürlichen, langen Hafeneinfahrt gewesen, das sich zwischen schützenden Hügeln versteckt.
Heute früh waren wir ein wenig durch den Ort gelaufen, was auf Grund seiner Lage ein ständiges Bergauf- und Bergab bedeutete. Aber die schmucken Häuschen und die blühenden Kamelien-Büsche hatten uns für die Plackerei reich entschädigt. Wir gingen jetzt an der Mole entlang zur Brücke und die Hauptstrasse hoch in Richtung Parkplatz. Schräg gegenüber stand ein recht wuchtiges und auf den ersten Blick nicht besonders einladend wirkendes Haus aus braun-grauem Stein. Ein schwarzes Holzschild über dem Eingang verkündete: "The Cobweb Inn - Free House, Restaurant". Hier hinein führte mich Douglas. Es war gemütlich und ich fühlte mich sofort wohl. Ich habe die englischen Pubs schon immer geliebt. Spinnengewebe, das dem Inn einmal seinen Namen verliehen hatte, gab es nicht mehr. Es war ein dunkler und behaglicher Raum. Gleich links vom Eingang befand sich der Bartresen. Eine imposante Galionsfigur dahinter fing meinen Blick. Es war noch recht früh am Mittag und nicht allzu viel los. Zwei Männer waren auf ihren Barhockern in ein Gespräch vertieft und ein Paar - offenbar Touristen - nippten schweigend an ihrem Bier. Ich setzte mich an einen Tisch und Douglas steuerte den Tresen an, um für uns zu bestellen. Er kehrte mit zwei Pint Guinness zurück und grinste mich an.
"Das wird dir gut tun, mein Freund. Es kräftigt Leib und Seele."
Die Seeluft hatte mich in der Tat nicht nur durstig, sondern zu meiner eigenen Überraschung auch hungrig gemacht. Ich schloss die Augen und ließ den ersten Schluck dieses samtweichen, dunklen Bieres langsam meine Kehle hinunter rinnen. Ah - war das herrlich. Ich öffnete die Augen, als ich Douglas' Blick forschend auf mir ruhend spürte.
"Komm, spucks aus. Ich werde dich schon nicht fressen. Was hast du auf der Seele?"
Die dunklen Augen in dem breiten, bärtigen Gesicht sahen mich ernst an.
"Findest du nicht, dass ich eigentlich diese Frage stellen müsste? Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Ich glaube, es sind über zwanzig Jahre her, dass du mir in Dublin über den Weg gelaufen bist."
Ich lächelte.
"Du hattest deine erste Ausstellung und ein Kollege hat mich da mitgeschleift."
"Ja, so war's. Du warst damals schon dieses verrückte Arbeitstier. Und du hast gleich - als einer der ersten - ein Bild von mir gekauft."
"Ich hab's immer noch. Es hängt in meinem Schlafzimmer. So werde ich jedes Mal beim Aufwachen an dich erinnert - ob ich will oder nicht."
Wir mußten beide lachen.
"Es tut gut, dich wieder einmal lachen zu hören, Amos. Was ist nur los mit dir? Du warst die ganzen vierzehn Tage hier verschlossen und zugeknöpft wie eine Auster. Ich hab' dich bislang nicht gefragt, weil - na, ja - weil ich dich in Ruhe lassen wollte. Aber so geht das doch nicht weiter, alter Freund. Man könnte meinen, dir macht nichts mehr Spaß. Du hättest damals, nach dem Tod deiner Frau eine Weile zu mir kommen sollen - nein, laß mich jetzt mal ausreden. Ich weiß, daß du dich immer noch schuldig an ihrem Tod fühlst - trotz der vielen Jahre. Das haben deine Briefe und auch ein paar Äußerungen in den letzten Tagen - so ganz nebenbei - ziemlich klar vermittelt. Da muß man kein Psychologe sein, wie du - ja, ja ich weiß, du bist Sozialpsychologe und kein Therapeut - auch wenn du, wie ich dir schon immer gesagt habe, durchaus das Zeug dazu hättest. Aber Pat ist bereits viele Jahre tot und du wirkst immer noch wie die Verkörperung aller Trauer dieser Welt. Dabei war deine Ehe doch schon lange kaputt. Hast du mir zumindest oft erzählt und geschrieben."
Ich trank einen Schluck Bier, sah aus dem Fenster und gab mir schließlich einen Ruck. Douglas hatte Recht. Es ging mir immer noch furchtbar nach.
"Ich glaube, es war einfach zuviel auf einmal. Zuerst hat mich Aviva verlassen. Ich habe sie mehr geliebt, als jemals einen Menschen zuvor. Ich weiß noch, wie ich sie vor vielen Jahren in meinem Seminar über Kleingruppenforschung kennen gelernt hatte. Ihretwegen hätte ich Pat auch verlassen. Aber Aviva verließ mich, kehrte nach Israel zu ihrer Arbeit zurück und ließ mich mit dieser unerfüllten Liebe einfach stehen. Und ich glaube, ich liebe sie heute noch. Ich komme über diesen Verlust einfach nicht weg. Dann litt Pat, hat Tabletten genommen, wurde süchtig und fiel schließlich ins Koma. Schon da habe ich mich entsetzlich gefühlt. Und dann starb sie. Ich habe mit einigen darüber gesprochen, natürlich auch mit Kollegen; wir haben diskutiert und argumentiert und theoretisch ist mir alles klar. Aber es hilft nichts. Ich werde diese Schuldgefühle nicht los."
Douglas schüttelte den Kopf.
"Gut - es ist, wie es ist. Aber ich wollte, du könntest endlich loslassen. Wie du siehst, waren die zwei Wochen hier viel zu kurz. Du solltest mal länger nach Cornwall kommen, dich richtig einfangen lassen von der Gegend und den Menschen hier. Lass die Arbeit doch mal hinter dir! Nur dann kannst du abschalten. Bleib doch einfach noch. Hamburg läuft dir nicht weg. Du solltest sowieso in wärmere Gefilde ziehen. Wenn ich mich recht erinnere, hast du dich nie heimisch in Deutschlands kaltem, nassen Norden gefühlt. Buch' deine Fähre um. Du hast doch Semesterferien."
Ich schüttelte den Kopf.
"Semesterferien sind Vorlesungsfreie Zeit, aber für uns kein Urlaub, wie für viele Studenten. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Buchmanuskript, das ich demnächst abgeben muß und dann sind da auch noch Prüfungen. Ich bin schon froh, daß ich mich überhaupt loseisen konnte. Dazu habe ich immer noch nicht alles ausgepackt und das macht mich auch etwas nervös. Aber du täuschst dich - ich habe mich erholt. Die Tage bei dir haben mir gut getan. Das merke ich - auch wenn ich es dir vielleicht nicht so zeigen konnte."
Douglas nickte.
"Na, das beruhigt mich etwas. Du wohnst doch inzwischen mitten in der Stadt, nicht?"
"Das Haus in Duvenstedt hab' ich endlich verkauft. Da erinnert mich einfach zuviel an die Jahre mit Pat. Und es stand jetzt schon so lange leer. In meiner Wohnung mitten im Uni-Viertel fühl' ich mich sehr wohl. Und ich hab' ein Gästebett, wenn du mich besuchen kommst. Aber das habe ich dir ja schon des Öfteren geschrieben. Wenigstens hab' ich immer genug Arbeit, um mich abzulenken, wenn meine Gedanken wieder zu stark in der Vergangenheit kreisen."
Ein Ruf vom Tresen, daß unser Essen fertig sei, ließ Douglas aufspringen und es holen. Ich war gespannt, was er für mich bestellt hatte. Er kannte mich gut genug, daß ich seiner Wahl vertraute. Er stellte einen großen, dampfenden Teller vor mich. Für sich hatte er offensichtlich das Gleiche genommen. Er funkelte mich erwartungsvoll an. Ich probierte, wobei ich mir fast den Mund verbrannte, und nickte dann zustimmend.
"Das habe ich wirklich vermißt - eine gute Steak and Kidney Pie."
"Wußte ich, mein Freund, wußte ich! Nachdem ich dir alle Arten unserer Cornish Pasties und die Variationen des Seefood-Angebots zugeführt habe, war es jetzt höchste Zeit für Traditionelles."
Wir aßen eine Weile schweigend, bis er sich nach einem Schluck Bier den Mund abwischte und mich wiederum forschend anblickte.
"Was machen deine Söhne? Hast du gestern mit ihnen gesprochen?"
"Ja, ich hab' kurz angerufen. Ich hab' dir doch erzählt, daß Pats Schwester Susan sie seiner Zeit zu sich genommen hat. Wie Susan gestern erzählte, haben sie ihr Häuschen jetzt fertig ausgebaut, so daß ihre drei Töchter und die Jungs endlich Zimmer für sich haben. Ihr Mann arbeitet sowieso meistens in seinem Bremer Büro und hat sich mit einem kleinen Arbeitszimmer zu Hause begnügt. Wenn ich denke, wie lange das schon her ist, daß ich Peter und Paul zu ihr brachte, nachdem Pat in die Klinik kam - meine Güte. Wie es klang, vermissen mich die Jungs nicht sonderlich. Hat mir auch Susan bestätigt. Das ist schon eine Erleichterung, sage ich dir. Und es ist besser so. Als allein erziehender Vater tauge ich nicht. Wenn ich auch noch wegen der Kinder Schuldgefühle haben müßte, könnte ich gleich hier von den Klippen springen. Bei Susan haben die beiden es gut und das ist das Wichtigste für mich. Peter macht die Schule viel Spaß. Ich habe wirklich alles für die Kinder getan, was ich konnte. So, jetzt haben wir aber wirklich genug von mir geredet. Was ist hier eigentlich los? Besonders viel hast du mir bislang auch nicht erzählt, alter Freund. Unsere ganzen Gespräche haben sich um Politik und Malerei gedreht. Als ich gestern aus der Stadt kam, war da doch ein Telefonat, wo du versucht hast, jemanden zu beruhigen. Das klang schon eigentümlich."
Douglas brach wieder in sein volltönendes Lachen aus.
"Du bist und bleibst ein Schnüffler, Amos. Da kannst du noch so indigniert kucken, wenn ich mal einen Witz darüber mache. Aber an dir ist ein Inspektor verloren gegangen. Warte - ich brauche erst noch ein Bier - und du auch, wenn ich mir dein Glas so anschaue!"
Er ging zum Tresen. Ich sah ihm nach und wurde plötzlich der Stimmen am Nachbartisch gewahr. Es lag nicht dran, daß das Pärchen lauter wurde, sondern an der Sprache. Mit einem Mal merkte ich, daß sie Deutsch redeten. Während ich tat, als begutachtete ich mein Glas, linste ich vorsichtig zu dem Paar hinüber. Er wirkte groß und kräftig und schien mir in den Fünfzigern zu sein. Sein breitflächiges Gesicht war leicht gerötet. Die dunklen Haare wurden an den Schläfen grau. Seine Hände waren eher plump mit ihren kurzen, dicken Fingern. Die Frau stellte einen interessanten Kontrast zu ihm dar. Sie schien, soweit man das bei sitzenden Personen beurteilen kann, eher groß zu sein. Ein eng anliegendes, gelbes Sommerkleid betonte ihre schlanke, knabenhafte Figur. Ihre Augen konnte ich nicht sehen, da sie sie hinter einer großen Sonnenbrille verborgen hielt. Das blond gelockte Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Mit ihren langen, dünnen Fingern spielte sie mit einem Bierdeckel. Er beugte sich zu ihr vor und knurrte deutlich vernehmbar:
"Laß mich bloß in Ruhe mit deinen Ahnungen. Du spinnst. Gar nichts rühre ich an. Nur ein paar Nachforschungen. Reg' dich nur nicht auf. Ich habe deine quälenden Vorahnungen satt - sie stehen mir bis hier!"
Da kam Douglas wieder mit zwei frischen Guinness. Die Frau erwiderte gerade etwas, aber so leise, daß ich nichts davon mitbekam. Und dann nahm Douglas mich mit seinen Worten auch gleich wieder in Beschlag, daß ich nicht weiter auf die beiden Deutschen achtete.
"Das war Stephen gestern am Telefon. Ich hab' dir doch schon mal von ihm erzählt. Ein pensionierter Offizier mit erstaunlich liberalen Ansichten für diesen Berufszweig. Hat sich schon über Thatchers Falkland-Krieg und besonders gegen Blairs blinde Unterstützung der USA im Jugoslawien-Krieg aufgeregt. Na, ja - wirst ihn mal kennenlernen. Jedenfalls - bei ihm wurde vor zwei Tagen eingebrochen. Das war - glaube ich - der achte Einbruch in einer Serie innerhalb der letzten vier Wochen."
"Du sagst das so, als hingen die zusammen. Ich meine, eingebrochen wird doch ständig und überall auf der Welt. Was ist da das Besondere - wenn man mal davon absieht, daß es einen Freund von dir getroffen hat?"
Douglas beugte sich verschwörerisch vor und senkte die Stimme.
"Das Muster war immer gleich. Es wurde jedes Mal ganz offensichtlich etwas gesucht, aber dann nichts mitgenommen, nichts gestohlen. Und das macht den Betroffenen inzwischen Angst. Es ist auch eine bestimmte Gruppe - alles ältere Männer zwischen 70 und 85."
Er nahm einen kräftigen Schluck Bier und blickte mich erwartungsvoll an. Ich runzelte die Stirn.
"Wenn du jetzt einen tiefschürfenden Kommentar erwartest, bist du schief gewickelt. Für mich ist das noch kein wirkliches Muster. Meistens werden ältere Leute überfallen, weil die Diebe sich da am wenigsten Gegenwehr ausrechnen. Und woher weißt du, daß tatsächlich nichts geklaut wurde? Vielleicht haben die Alten das nur noch nicht bemerkt."
Ich trank einen Schluck Bier.
"Also - mit so einer Geschichte weckst du meine Neugier bestimmt nicht. Davon haben wir in Hamburg fast täglich was in der Zeitung."
Mein Freund schüttelte heftig den Kopf.
"Genauso hat die Polizei reagiert und nichts weiter unternommen. Aber es gibt da doch noch ein paar Punkte. Die Männer sind alle allein stehend und sie kennen einander, sind alte Bekannte. Und du kannst sicher sein, sie haben alles durchforstet. Es fehlt wirklich nichts. Es wurde nichts gestohlen. Einige haben Wertgegenstände oder Geld zu Hause - alles noch da. Aber ihre Schreibtische wurden durchwühlt und die Papiere, die man so hat, in aller Hast auf dem Boden verstreut. Da hat jemand was gesucht, aber keine Wertsachen. Also, wenn das nicht mysteriös ist!"
Wieder sah er mich voller Spannung an. Ich zuckte mit den Schultern.
"Ok. - da hast du einen Punkt. Geb' ich zu. Aber deswegen werde ich nicht länger hierbleiben, rumlaufen und einen Einbrecher jagen, der nach irgendwelchen Papieren sucht. Vielleicht ist er oder sie ein uneheliches Kind, das seinen Vater ausfindig machen will."
Douglas warf mir einen grimmigen Blick zu.
"Du warst schon mal witziger, alter Kumpel. Nein, da ist mehr dahinter, das spüre ich. Ich hab' jetzt auch keine weiteren Fakten, aber wenn einer wie mein Freund Stephen solche Angst hat, dann handelt es sich bei dem Einbrecher nicht einfach um ein uneheliches Kind auf Vatersuche. O.k., O.k. - Stephen hat mir auch nicht alles gesagt, was ihn umtreibt und wirklich soviel Angst macht - weiß ich. Aber vielleicht kannst du mehr aus ihm rausholen. Er kommt auch heute abend. Bitte, tu' mir den Gefallen und rede mit ihm; einfach so, mir zuliebe."
Ich sah Douglas nachdenklich an. So nachdrücklich hatte er mich noch nie um etwas gebeten. Auch wenn ich das Ganze für die normale Hysterie alter Leute nach einem - leider durchaus nicht ungewöhnlichen - Einbruch hielt, so konnte ich ihm diese Bitte nicht gut abschlagen. Ergeben nickte ich.
"Ist gut, ich rede mit ihm. Aber versprich dir nicht zuviel davon. Vor allem, da ich übermorgen schon abfahre."
Douglas strahlte mich an und hob sein Bierglas. Wir stießen an. Dann begann er, mir von einem neuen Bilderzyklus zu erzählen, zu dem er gestern die Inspiration bekommen hatte und den er bald beginnen wollte.
Ich knöpfte mir den Mantel fest zu. So herrlich das Wetter gestern gewesen war, so schlecht war es heute. Der Himmel schien sich herab gesenkt zu haben. Eine dichte Wolkendecke hing über der Landschaft und ein feiner Nieselregen trübte Sicht und Stimmung. Ein heftiger Wind trieb die anflutenden Wellen gegen die Küste und ließ sie an den Felsen und Klippen aufschäumen. Dies war der letzte Tag meines zweiwöchigen Cornwall-Urlaubs und ich hatte mich entschlossen, trotz des miserablen Wetters noch mal nach Tintagel und der sagenumwobenen Schloßruine zu fahren. Auch wenn die Legende, jener mythische König Arthur wäre hier geboren und hätte auf Schloß Tintagel Hof gehalten, völliger Unsinn ist, da Arthur im 6. Jahrhundert nach Christus lebte und das Schloß zwischen 1233 und 1236 von Richard, Earl of Cornwall, erbaut worden war, regten allein die Namen Arthur und Merlin meine Phantasie an - so wie zahlreicher Besucher aus aller Welt, die hierher kamen. Heute allerdings schien ich allein mit mir und der Landschaft zu sein.
Zum einen würde die Tourismus-Saison erst in ein paar Wochen einsetzen und zum anderen war das Wetter wirklich alles andere als einladend. Den Wagen ließ ich auf dem Parkplatz unterhalb des "The Wootons" Hotels stehen, wo ich mich in gut einer Stunde wieder mit Douglas an der Bar treffen wollte. Ich zog den Reißverschluß meines dunkelgrünen Parkas bis zum Hals hoch, stülpte mir die Kapuze über mein widerborstiges, lockiges Haar und machte mich an den Abstieg zu dem Torhaus des English Heritage, der das Gelände betreute. Der junge Typ, der mir die Eintrittskarte verkaufte, zeigte sich sichtlich überrascht, heute einen Besucher der Anlage zu sehen. Auf der schmalen Landzunge, die die kleine Halbinsel mit dem Festland verband, blieb ich stehen und schaute hinab zu der Bucht, wo zu meiner Linken der Eingang zur sogenannten Höhle Merlins deutlich sichtbar war. Zur Rechten rauschte ein kleiner Wasserfall über die dunklen Felsen hinab zum Strand. Die Wellen des Meeres waren heute grau-grün und verstärkten den Eindruck einer unwirtlichen, feindlichen - fast bedrohlichen - Natur. Es schüttelte mich.
Eigentlich hatte mich gestern abend einer von Dougs Freunden auf die Idee gebracht, heute noch einmal hierher zu fahren. Er käme oft hierher und malte den Felsen, die Klippen, die Insel, die Ruinen aus allen möglichen Blickwinkeln, zu den unterschiedlichsten Tageszeiten und Lichtverhältnissen. Seine Schwärmerei war dann der Auslöser für den heutigen Ausflug gewesen. Überhaupt war die sogenannte Party bei Douglas gestern zu meiner größten Überraschung sehr nett gewesen. Ich hatte mich richtig wohl gefühlt. Zum einen hatte das an der vornehmen englischen Zurückhaltung gelegen, die ich so schätzte, und zum anderen an den Gästen. Mit seiner direkten, für mich typisch irischen Art, war Doug fast so etwas wie eine Ausnahme in jenem Kreis. Keiner hatte mich auf zurückliegende Kriminalfälle angesprochen, in die ich früher mal verwickelt gewesen war. Mal mit diesem, mal mit jenem hatte ich über alle möglichen Themen aus Politik, Geschichte und vor allem über meine Heimat Süd-Afrika geplaudert. Viele wollten wissen, wie ich die Zukunft des ANC einschätzte. Einige der Anwesenden waren schon mal im Süden Afrikas gewesen oder hatten Freunde und Bekannte in Kapstadt, Johannesburg und anderen Orten. Die Atmosphäre war gelassen, entspannt, beinahe heiter gewesen. Eine wirklich schöne Party. Ich hatte irgendwie damit gerechnet, daß mich Douglas' Freund Stephen sofort mit der Einbruchsgeschichte überfallen würde, aber selbst das war nicht geschehen. Im nachhinein kam mir dies sogar fast merkwürdig vor. Dieser Major Stephen Brantworth war mir von Doug vorgestellt worden, aber bevor ich ihn nach den Ereignissen fragen konnte, hatte er sich entschuldigt und war zur Toilette gegangen. Danach hatte ich zwar noch ein paarmal versucht, ihn in ein Gespräch über die Vorkommnisse zu verwickeln, aber jedesmal hatte er sich mir unter allen möglichen Vorwänden entzogen - mal um einen alten Bekannten schnell zu begrüßen, mal um einen neuen Drink zu holen und schließlich war er dann gegangen. Ich gebe zu, daß mir das gestern abend bei all den anderen Gästen und der zwanglosen Unterhaltung nicht weiter aufgefallen war, aber je mehr ich jetzt darüber nachdachte, desto merkwürdiger erschien mir sein Verhalten. Ich mußte nachher unbedingt Douglas darauf ansprechen.
Ich riß mich von meinen Grübeleien los und machte mich über die steile Holztreppe an den Aufstieg zur Burgruine. Der Regen hatte aufgehört. Dafür legte der Wind zu. Es wehte so heftig, daß ich mich am Holzgeländer festhalten mußte, um auf den glitschigen Stufen nicht auszurutschen. Endlich erreichte ich durch ein halbverfallenes Steintor die Reste jener einst so stolzen Burg, den Inner Ward. Ich atmete die frische Meeresluft in tiefen Zügen ein und vermeinte fast, das Gelächter der Hofdamen zu hören, die zwischen den Beeten Fangen spielten. Doch mit einem Mal war mir, als vermischten sich Traum und Realität. Ich hörte plötzlich wirklich etwas, wenn auch kein unbeschwertes Gelächter.
Ich sah auf, konnte aber weit und breit niemanden sehen. Und doch war mir, als wehte der Wind den Klang von Stimmen zu mir herüber. Die Atmosphäre an diesem Ort war eigenartig. Bildete ich mir das alles nur ein? Ich war doch allein hier oben. Immerhin war die Halbinsel an dieser Stelle so flach, daß ich leicht hätte erkennen können, wenn sich noch andere Menschen hier aufhielten. Das mußte an dem guten Wein liegen, dem ich gestern abend mehr als reichlich zugesprochen hatte. Wahrscheinlich hatte ich noch soviel Promille im Blut, daß ich Realität und Traumvorstellungen nicht klar auseinander halten konnte. Mühsam erkämpfte ich mir meinen Weg über das Gras, gegen den Wind, abseits der Touristenpfade. So gelangte ich mit einem Mal an den Klippenrand und wich zurück. Von meiner Position aus, oberhalb des Inner Ward konnte ich zurück aufs Festland blicken und damit auf den korrespondierenden Teil der alten Burganlage, den sogenannten Lower Ward. Um den Naturgewalten zu trotzen, kniete ich mich hin und schaute hinüber. Da, wo ich vom Kartenhäuschen den Aufstieg begonnen hatte, stieg eine weitere Treppe in die andere Richtung hoch, zu eben jenem Lower Ward, dessen Außenmauern noch halbwegs trutzig hochragten. Gleich unterhalb der Mauern fiel an jener Stelle der Felsen steil in die Tiefe ab. Und da sah ich sie.
Zwei Gestalten standen hoch oben auf der Mauerkrone. Ich konnte von der Entfernung und bei dem Licht nicht ausmachen, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Das einzige, was ich erkennen konnte, war daß eine der Figuren kleiner war, als die andere. Sie gestikulierten beide heftig und schienen gleichzeitig gegen den Sturm anzukämpfen. Plötzlich packte die größere Gestalt die kleinere, hob sie hoch und warf sie über den Rand der Klippen in die Tiefe. Mir stockte der Atem. Ich riß die Augen weit auf. Hatte ich das eben wirklich gesehen? War da jemand umgebracht worden? Eine Regenbö zwang mich für einen Moment, die Augen zu schließen und den Kopf zu senken. Als ich wieder aufblickte, sah ich niemanden mehr. Mauern, Steine und Felsen lagen verlassen da wie schon seit Jahrhunderten. Ich kauerte an meinem Platz wie gelähmt. Alles wirkte so unwirklich. Schließlich raffte ich mich auf und ging auf dem Weg zurück, auf dem ich gekommen war. Allerdings bog ich nicht zum Kartenhäuschen ab, sondern stieg die Stufen zur anderen Seite, zum Lower Ward empor, wo ich vor wenigen Augenblicken noch meinte, Zeuge eines Verbrechens gewesen zu sein. Als ich außer Atem oben anlangte, blickte ich mich nach allen Seiten um. Doch da war niemand zu sehen. Ich war offensichtlich allein hier oben. Vorsichtig näherte ich mich jener Außenmauer des Burghofes, auf der ich die beiden Gestalten im Streit zu sehen geglaubt hatte.
Der Wind frischte auf und ich hatte Angst, plötzlich auszurutschen und selbst in die Tiefe zu stürzen. Behutsam kletterte ich die Steinstufen zur Mauerkrone empor und näherte mich dem Rand. Ich ging in die Knie, um nicht von einer plötzlichen Bö erfaßt und in den Abgrund gerissen zu werden. Und da sah ich ihn. Wasser schäumte gegen einen Felsen tief, tief unter mir, wich wieder zurück und gab den Blick auf einen menschlichen Körper frei, der zwischen den Klippen hing. Wie mit einem Pfiff entwich mir der Atem. Hatte ich mich also nicht getäuscht. Ich mußte tief Luft holen. Ich leide nicht unter Asthma, aber in diesem Moment war mir, als bekäme ich keine Luft. Schnell wandte ich mich ab und schloß die Augen. Nur keine Panik jetzt, murmelte ich wie ein Mantra mehrmals vor mich hin. Was ich gesehen hatte, ging niemanden etwas an. Mit etwas Glück würde es mir gelingen, die Bilder des Sturzes und jenes schlaffen Leichnams zwischen den Klippen zu verdrängen. Morgen befände ich mich bereits auf der Heimreise und würde diese Episode tief in meinem Inneren verschließen. Sollten sich andere, Berufenere, darum kümmern.
Als ich mich erhob, merkte ich, wie wackelig meine Knie waren, wie sie zitterten. Mit aller Kraft zwang ich mich zur Ruhe und machte mich an den Abstieg. Da ich jetzt niemandem begegnen wollte, noch nicht einmal dem jungen Karten-Verkäufer, nahm ich den Pfad, der oberhalb des Ticket-Häuschens zu dem Weg führte, auf dem ich - erneut bergauf stapfend - zum Parkplatz gelangte. Es hatte wieder zu regnen begonnen, heftiger als zuvor. Der Boden wurde schlammig und rutschig. Es war empfindlich kalt geworden, doch mein Frösteln hatte andere Ursachen. Endlich erreichte ich meinen Wagen. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, daß Douglas erst in einer Viertelstunde in der Bar erscheinen würde. Aber was sollte ich im Auto warten. Und der Weg zum Hotel war zu kurz, um zu fahren - trotz des miesen Wetters. Also drehte ich mich um, um die paar Meter zum "Wootons" zu laufen. Da stieß ich hart mit jemand zusammen, der plötzlich hinter mir angerannt kam. Meine erste Reaktion war heftiger Schrecken und dann sofort Wut. Konnte diese Person nicht aufpassen und schauen, wohin er oder sie lief? Ohne stehen zu bleiben oder auch nur zu zögern, stürmte der Mann jedoch sofort weiter, an mir vorbei und zu dem Wagen, der neben meinem parkte. Bei meiner Ankunft hatte er noch nicht dagestanden. Ich starrte ihm hinterher. Erst jetzt fiel mir auf, daß es ein Mann gewesen war. Und dazu kam er mir bekannt vor. In dem Auto, einem Golf, saß noch jemand auf dem Beifahrersitz. Kaum war der Mann eingestiegen, ließ er auch schon den Motor an, setzte heftig zurück und fuhr rasch an mir vorbei. Verblüfft schaute ich hinterher. Das Kennzeichen kam aus Deutschland: HL für Lübeck. Und sofort dämmerte mir, woher ich den Mann kannte. Es war jener kräftige Deutsche aus dem Cobweb Inn in Boscastle gestern gewesen, der seine blonde Begleiterin so angeschnauzt hatte. Was sie hier gemacht hatten, war nicht schwer zu erraten - Touristen wie ich eben. Aber warum war er so gerannt, wie von Furien gehetzt? Im Lichte dessen, was ich eben dort oben auf den Klippen erlebt hatte, wollte ich lieber nicht weiter darüber nachdenken. Ich gab mir einen Ruck und hastete zu meinem Treffen mit Douglas.
Die Bar war leer. Nicht nur, daß noch keine Touristensaison herrschte, es war auch recht früh am Tag. Erneut warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Immerhin war es bereits zwölf Uhr dreißig, das heißt, ich konnte schon etwas zu trinken bekommen. Vorsichtig zog ich meinen tropfnassen Parka aus und hängte ihn mehr schlecht als recht über einen Stuhl beim Fenster. Ein freundlich wirkender, junger Mann schien meine Ankunft bemerkt zu haben und trat erwartungsfroh hinter den Bartresen. Ich bestellte mir, ohne groß nachzudenken, einen Lagavulin und war bei der Reaktion des Barkeepers erleichtert, daß das Hotel diese Whisky Marke führte. Es ist einer jener relativ seltenen Single Malt Whiskys von der Insel Islay der Inneren Hebriden, deren rauchig-holzigen Geschmack ich sehr mochte. Mit meinem Glas setzte ich mich an den Tisch, wo ich meinen Parka gelassen hatte und trank einen kräftigen Schluck. Sofort durchströmte mich angenehme Wärme. Mit geschlossenen Augen zog ich den Duft des Getränks ein.
"Meine Güte, du siehst ja blaß aus wie der Tod. Kein Wunder, daß du jetzt schon säufst. So schlimm ist das Wetter nun aber auch wieder nicht."
Ich riß die Augen auf und blickte in Douglas' strahlendes, rundes Gesicht. Er schüttelte den Kopf.
"Du solltest dich mal im Spiegel ansehen, alter Freund - oh, Verzeihung, aber Spiegel sind ja seit kurzem tabu bei dir."
"Hol' dir was zu trinken und quatsch kein krauses Zeug!" knurrte ich ihn an. Sofort tat es mir leid, ihn so angeblafft zu haben und ich rang mir ein Lächeln ab.
"Entschuldige, Doug, aber es war keine besonders gelungene Idee von mir, heute auf dem Felsen in den Ruinen herum zu laufen. Ich hoffe, du hattest eine angenehmere Zeit als ich."
Er blieb vor mir stehen und musterte mich für einen Moment. Ich hatte den Eindruck, daß er mir diese flüchtige Erklärung nicht abkaufte. Aber er wollte jetzt auch nicht insistieren und nickte nur.
"Ich hatte eine gute Zeit, aber jetzt brauch' ich auch erst mal was zu trinken."
Nachdem er sich mit einem Bier zu mir gesetzt hatte, starrten wir eine Weile schweigend vor uns hin. Schließlich wurde Douglas die Stille zuviel.
"Tut mir leid, die Bemerkung mit den Spiegeln. Aber du solltest dich wirklich mal sehen. Als wärst du einem Gespenst über den Weg gelaufen.."
Mühsam unterdrückte ich den Impuls, ihm von meinen Erlebnissen zu erzählen. Aber ich hatte mir geschworen, keine Silbe zu irgendwem auch immer verlauten zu lassen. Also schüttelte ich nur den Kopf.
"Es war wirklich häßlich. Der Regen ging mir fast durch bis auf die Haut und der Sturm machte ein freies Herumlaufen beinahe unmöglich. Da braucht es keine Geister, um so auszusehen wie ich."
Er sah mich an, als ahnte er, daß da mehr dahinter steckte. Dann grinste er.
"Wie kommst du bei mir zurecht, wenn du immer wieder in Spiegel kucken mußt?"
Obwohl meine Reaktion in keiner Weise bewußt war, schien mein Blick so zu sein, daß Douglas erschrocken zusammen zuckte. Ich wischte seine Worte mit einer Handbewegung weg.
"Mach' dir da mal keine Gedanken. Bei dir hängen ja genug davon herum, so daß ich gar nicht darum herum komme, immer mal wieder in einen zu blicken. Und zu Hause brauche ich einfach keinen, bis auf den kleinen Rasierspiegel im Bad. Da gibt es keine geheimnisvollen Gründe!"
Natürlich steckte mehr dahinter, aber darüber wollte ich selbst mit Doug nicht reden. Er ließ das Thema auf sich beruhen. Ich holte mir jetzt auch ein Bier und wir überlegten, was man bei dem miesen Wetter heute noch unternehmen konnte. Wir einigten uns schließlich darauf, nach Penzance zu fahren. Das war nicht so weit von St. Ives und die meisten anderen Örtlichkeiten hier entfalteten ihre malerische Wirkung erst im Sommer bei etwas besserer Witterung als heute. Außerdem verbot sich ein Ausflug zu entfernter gelegenen Zielen im Norden und Osten, da Douglas, wie er mir erzählte, für heute abend noch einen Bekannten eingeladen hatte, der erst kürzlich angefangen hatte zu malen. Jener Nahood MacLugllun - mein Gott, was für ein Name! - war vor nicht allzu langer Zeit nach St. Ives gezogen und ein Freund von Stephen. So hatte Douglas ihn auch kennen gelernt und gleich auf Anhieb gemocht. Jener MacLugllun war nun ein paar Wochen weg gewesen, heute früh zurück gekommen und mein Freund wollte unbedingt, daß ich MacLugllun auch noch kennenlernte. Zuerst aber entschieden wir uns, vor unserer Weiterfahrt schnell etwas essen. Wir wählten beide die Lamb-Pie mit Minze-Sauce, Erbsen und Pommes Frites. Es schmeckte sehr gut; besonders die Erbsen; diese tief-grünen, süßlichen, großen Erbsen liebte ich, die man in England aber nicht in Deutschland bekommt, - während ich unsere verschmähte. Dazu genehmigten wir uns noch ein Bier. Nachdem wir gegessen und ausgetrunken hatten, fuhren wir los. Da es gerade nicht regnete, gelangten wir sogar trocken zum Wagen.
Während der Fahrt hingen wir beide unseren Gedanken nach. In mir hallte dieser eigentümliche Name wieder: Nahood MacLugllun. Ein weiterer Freund von Douglas und diesem eigentümlich zugeknöpft wirkenden Stephen Brantworth. Und dann ging mir mit einem Mal wieder der gestrige Abend durch den Sinn. Ich hatte ihn genossen, aber da war auch etwas gewesen, was mir erst jetzt in der Rückbesinnung auffiel. Außer Douglas und mir waren noch 15 weitere Männer anwesend, wenn ich mich recht erinnerte. Mein erster Eindruck war gewesen, daß sich alle gut kannten und miteinander befreundet waren. Aber das konnte so nicht stimmen. Zwar ließen die Altersspanne von Mitte sechzig bis etwa Mitte achtzig, das Benehmen und die äußere Erscheinung der Anwesenden mich zuerst auf eine mehr oder weniger homogene Gruppe schließen, die sich da versammelt hatte. Je intensiver ich mir jedoch den Abend vergegenwärtigte, desto deutlich wurde mir, daß es sich um zwei Gruppen gehandelt hatte. Sieben der Anwesenden waren Maler und Galerie-Besitzer aus St. Ives gewesen. Die anderen acht, zu denen auch jener Colonel Brantworth gehörte, malten teilweise auch, aber mehr als Hobby. Es handelte sich um Rentner, ehemalige Offiziere, Kapitäne der Handelsmarine und Kaufleute, die sich in und um St. Ives niedergelassen hatten. Gesprächen konnte ich entnehmen, daß einer von ihnen in Newquay und ein anderer sogar noch weiter nördlich aus Port Isaac kam. Obwohl ich es nicht belegen konnte, war diese "Rentner"-Gruppe viel geschlossener aufgetreten, als die andere. Es war deutlich zu spüren gewesen, daß sich diese acht Männer sehr gut kannten und daß sie fast mehr als Freundschaft verband - was allerdings, vermochte ich nicht zu sagen. Hatten die anderen manchmal sogar recht lautstark miteinander und bisweilen auch mit den Rentnern kommuniziert, so hatten sich die älteren Männer streckenweise nur nonverbal ausgetauscht. Ein Wink hier, ein Heben der Augenbrauen da und schon reagierte ein anderer von ihnen - sei es, dem Betreffenden einen Drink zu holen oder sich mit ihm in eine Ecke zu setzen. Während mir das alles durch den Kopf ging, merkte ich, wie wenig faßbar meine Eindrücke waren, wie schlecht ich sie in Worte kleiden konnte und wie das meiste nur auf einem Gefühl beruhte; ein Gefühl aber, das mich aus einem mir unerklärlichen Grund beunruhigte. Ja, es war so gewesen, als verbände diese alten Männer ein Geheimnis - und kein angenehmes. Unwillkürlich mußte ich den Kopf schütteln. Meine Phantasie drohte wieder einmal, mit mir durch zu gehen.
Die Fahrt über Camelford, Wadebridge und Redruth verlief glatt und gemütlich. Douglas besaß nur einen kleinen Toyota und genoß das behagliche Reisen in meinem Luxus-Coupe. Da ich auf den breit ausgebauten Hauptstraßen fuhr, kamen wir auch schnell voran. Die engen Nebenstraßen hier mit ihren hohen Hecken und Erdwällen, die ich schon ein paarmal hatte nehmen müssen, und die so gut wie keine Sicht auf etwaig herannahenden Gegenverkehr ermöglichen, stellten für mich dagegen eine Herausforderung dar. Ich drehte das Radio an und wir ließen uns von irgendwelchen Pop-Songs berieseln. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die Außenbezirke von Penzance. Die Stadt ergoß sich vor unseren Augen hinunter zum Meer. Hier war das Wetter ganz anders als an der Atlantikküste im Westen. Zwischen vereinzelten Wolken am blauen Himmel leuchtete die Sonne auf uns herab. Wir mußten an einer Ampel halten. Im Radio kamen gerade die Nachrichten. Erst das Hupen der Autos hinter mir riß mich aus meiner Erstarrung. Douglas tippte mir auf den Arm.
"Ist dir schlecht, Amos?"
Ich fuhr langsam an und konnte nur den Kopf schütteln.
"Es war kein Unfall, es war Mord."
Ich sah ihn nicht an, aber spürte, wie Douglas mich anstarrte. Ich gab mir einen Ruck und fuhr bei der erstbesten Parkmöglichkeit links ran. Dann atmete ich tief durch. Meinen Vorsatz, mit niemandem über die Geschehnisse sprechen zu wollen, konnte ich einfach nicht mehr aufrecht erhalten. Ich blickte geradeaus. Meine Worte kamen stoßweise.
"Hast du das eben in den Nachrichten gehört?"
"Ja, natürlich - die übliche Scheiße. Wer kümmert sich schon darum?! Was, verdammt, ist los?"
"Ich meine, hast du das am Schluß gehört, die letzte Meldung?"
"Klar, ein alter Mann ist heute tot aufgefunden worden. Irgend so ein blöder Unfall, in - in - oh, mein Gott - in Tintagel. Er ist beim Castle die Klippen hinunter gestürzt. - Ach, du Scheiße - warst du in der Nähe? Hast du ihn gesehen?"
"Es war kein Unfall, Doug. Er ist nicht gestürzt. Ich hab' es gesehen. So deutlich, wie ich die Palmen da vorne erkennen kann. Er wurde hinunter geworfen - von einem anderen."
Für einen Augenblick herrschte Totenstille im Wagen. Es war, als habe Douglas den Atem angehalten. Als er wieder sprach, war seine Stimme ganz leise, seine Worte vorsichtig, zögerlich.
"Das Wetter war dort oben hundsmiserabel. Das hast du mir selbst gesagt. Und ich hab's ja auch bemerkt. Man konnte nicht viel sehen. Ich weiß, wie es dort oben ist, wenn die Elemente losgelassen scheinen. Die Sicht ist schlecht. Der Regen macht einen halb blind. Man hört alles mögliche, merkwürdig klingende Geräusche, die einem manchmal wie Stimmen vorkommen. Versteh' mich jetzt um Gottes Willen nicht falsch, alter Kumpel. Aber bist du dir da wirklich sicher, absolut sicher? Die Winde machen dort oben manchmal Kapriolen, sie spielen deinen Sinnen Streiche. Sie bauschen Mäntel auf, lassen sie flattern und du meinst, du siehst zwei Leute, wo doch nur einer ist. Aber - " er hob abwehrend die Hände " - wenn du absolut sicher bist, daß der alte Mann umgebracht wurde, dann müssen wir jetzt wohl oder übel zur Polizei fahren. Da hilft alles nichts."
"Nein!"
Meine Reaktion fiel offenbar lauter und wilder aus, als ich beabsichtigt hatte. Douglas jedenfalls zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Ich legte ihm eine Hand auf den Arm.
"Entschuldige, Doug. Ich bin überreizt. An sich wollte ich überhaupt nicht darüber sprechen - mit niemandem. Die Nachricht im Radio eben hat mich dann einfach überrumpelt. Es tut mir wirklich leid, daß ich dich angefahren habe. Aber ich werde ganz sicher nicht zur Polizei gehen. Ich weiß, was ich gesehen habe. Aber ich habe keine Beweise. Ich konnte nicht mal erkennen, ob die andere Gestalt ein Mann oder eine Frau - meinetwegen eine besonders kräftige Frau gewesen ist. Und ich weiß doch auch schon, wie die Bullen reagieren werden. Sie werden genauso Zweifel an den Tag legen wie du - nur nicht so zartfühlend und höflich wie du als Freund. Ich mache mich doch nicht lächerlich. Du hast die Meldung selbst gehört. Es gibt für die offensichtlich überhaupt keinen Zweifel an einem Unfall. Und dann kommt so ein Tourist aus Deutschland - egal wo ich geboren wurde - und tischt denen eine wilde Geschichte auf - na, die werfen mich doch hochkant aus der Wache."
Ich mußte plötzlich auflachen. Douglas sah mich von der Seite mit einem Blick an, der zeigte, daß er jetzt um meinen geistigen Gesundheitszustand zu fürchten begann. Ich stieß ihn in die Seite.
"Keine Angst, ich drehe nicht durch. Mir schoß nur der Film »Ladykillers« mit Alec Guinness durch den Kopf. Weißt du noch - die alte Lady am Anfang und am Schluß, die keiner ernst nimmt. Genauso würde es mir ergehen - nur, daß sie mich nicht so höflich anfassen würden, weil ich eben keine alte Lady bin. Und ich habe keinen Koffer mit Geld bei der Sache gefunden."
Nun mußte auch Doug laut lachen. Für einen zufällig vorbei kommenden Passanten haben wir bestimmt wie zwei dumme Schuljungen ausgesehen, wie wir da lachend im Wagen saßen. Aber Lachen befreit. So fühlten wir uns anschließend auch schon etwas besser. Ich nahm ihm noch das Versprechen ab, mit niemandem, wirklich keiner Menschenseele - egal wie gut er sie oder ihn kannte - über das zu reden oder auch nur anzudeuten, was ich ihm eben berichtet hatte. Dann fuhren wir weiter hinunter zum Hafen und parkten an der Ufer-Promenade. Douglas wollte mir unbedingt ein Antiquariat zeigen, daß mir gefallen würde. Allzuviel Zeit hatten wir jedoch nicht, damit sein Gast nachher nicht vor verschlossener Tür stehen mußte.
"Und dann gehen wir aus dem Antiquariat raus und Amos deutet auf den Laden gegenüber und ruft: »da machen sie Würste aus den Kunden!«. Nicht nur ich starre ihn entgeistert an, auch eine Frau bleibt entsetzt stehen. Amos zeigt auf ein Friseurgeschäft: »Sweeney Todd's Barber«."
"Aber ich hab' dich gleich aufgeklärt, Doug. Wissen Sie, ich hab' in New York mal dieses Musical gesehen: »Sweeney Todd« mit dem bezeichnenden Untertitel: »The Demon Barber of Fleet Street«. Angela Lansbury hat die weibliche Hauptrolle gespielt. Sie verkauft unten im Erdgeschoß des Hauses Fleischpasteten, die sie aus den Kunden herstellt, die der Friseur über ihr abmurkst. Ein herrliches Grusical! Na, ja, auf alle Fälle hat mich das Schild über dem Laden heute sofort an dieses Musical erinnert."
