Tödliche Erkenntnis - Toby Martins - E-Book

Tödliche Erkenntnis E-Book

Toby Martins

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Beschreibung

Amos Dystwater, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg und gelegentlich Amateur-Detektiv, wohnt nach dem Tode seiner Frau Pat in Hamburg Eppendorf und erfährt vom merkwürdigen Selbstmord eines alten Bekannten, Tobias. Er sucht dessen letzte Arbeitsstelle auf, wird dort aber unwirsch behandelt und zurück gewiesen. Er fährt nach Bremen, wo Freunde und die Familie des Toten leben. Dort lernt er auch eine Studienfreundin von Tobias, Adriana van den Aak, näher kennen. Sie und Tobias standen sich sehr nahe. Amos begleitet sie nach Delft in den Niederlanden, wo sie in einem Genforschungslabor arbeitet. Nach Mordanschlägen auf ihn keimt in Amos der Verdacht auf, dass Tobias sich genauer mit der Arbeit von Adriana beschäftigt hat und dahinter gekommen ist, dass dieses Labor daran arbeitet, Menschen zu klonen. Doch erst in Hamburg kommt er zu der bestürzenden Erkenntnis, dass Tobias Tod ein Mord war, weil er seinem alten Arbeitgeber, "Power Pixels" auf die Schliche gekommen war. Denn dort wurden die Einstufungen der Ratingsagenturen manipuliert und der Börsen-Crash vorbereitet.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tödliche Erkenntnis

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Donnerstag

Freitag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Sonntag

Dienstag

Freitag

Samstag

Montag

Epilog

Impressum neobooks

Donnerstag

Die Hubschrauber flogen niedrig über die Gebirgslandschaft. Die Verwundeten hingen in den Außentragen und versuchten, zu überleben. Ihre blutverschmierten und verkrusteten Bandagen flatterten im Wind. Jeden Augenblick konnten sie wieder abgeschossen werden. Gleichzeitig hing ein Dunst über den Bergen und das Knattern der Rotorblätter gab nur das Hintergrundgeräusch ab. Denn diese Bilder, die ich immer wieder und wieder sah, stellte nur die Kulisse für den Titel dar, sollten auf den Film einstimmen und wurden überlagert, dominiert durch das Lied, die Titelmelodie, die ich ständig von Neuem anhörte. "MASH" von Robert Altmann war schon für sich ein toller Klassiker und einer meiner Lieblingsfilme. Aber zur Zeit konnte ich nicht genug von dem Titelsong bekommen: "Suicide is painless, it brings on many changes." Ich würde mich deswegen nicht morbide oder selbstmordgefährdet nennen, aber ich konnte mich der Faszination der Worte auch nicht entziehen. Auf eine merkwürdige Weise hatte es für mich etwas beruhigendes, zu wissen, ich könnte jederzeit Schluss machen, wenn mir alles zuviel werden würde, wenn ich es auf dieser Welt nicht mehr aushalten könnte.

So saß ich in meinem Wohnzimmer vor dem großen Fernseher und wiederholte mir auf dem Video eins ums andere Mal die Eingangssequenz dieses Filmes. Ich griff nach den Zigaretten und zündete mir eine an; die erste heute früh. Gleich beim ersten Zug musste ich husten. Das war jetzt seit ein paar Wochen schon so. Meinen Bronchien schien mein Rauchen nicht mehr sonderlich zu gefallen. Ich inhalierte noch einmal tief und diesmal meldete sich mein Körper nicht. Der Rauch schmeckte gut. Ich schloss die Augen und lauschte der Melodie. Natürlich kam meine Affinität zu diesem Lied zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht von ungefähr. Das war mir durchaus klar. Und kokettieren konnte ich mit dem Gedanken an Selbstmord, an den Tod auch nur, weil ich wusste, dass ich meinem Leben - zumindest im Moment - eben kein Ende setzen würde. Vielleicht war ich einfach nur neugierig, was der nächste Tag bringen würde oder schlichtweg zu feige, diesen Akt durchzuziehen. Mir gingen die Überlegen von Jean Améry in seinem umstrittenen Buch „Diskurs über den Freitod“ durch den Kopf. In seinem Essay hatte er den Suizid – ein Wort das er ablehnte – als einen langen Prozess des „Sich-Hinneigens“ und der seelischen Annäherung an das Ende eines Lebens beschrieben. Das traf auf mich nun nicht unbedingt zu, ebenso wenig wie die Ausführungen des amerikanischen Psychiaters Edwin Fuller Torrey, den ich einmal auf einem Kongress in Boston getroffen hatte. Ich war nicht krank, nicht am Ende mit dem, was ich wollte, auch wenn ich manchmal zweifelte, ob ich das ereichen würde, was ich wollte. Womöglich war dieses Spielen mit den Selbstmordgedanken ein Hinweis, dass ich mein Leben, so wie es jetzt verlief, beenden und etwas völlig neues anfangen wollte. In gewisser Weise hatte ich wohl immer noch nicht überwunden, dass mein Versuch, ein glückliches Familienleben zu führen – ein Leben, das ich als Kind nicht erlebt hatte – mit dem Zerbrechen unserer Ehe und dem Tod meiner Frau vor vielen Jahren grausam gescheitert war. Ich suchte einen Menschen, der mich liebte und vor allem wollte ich diese Liebe dann halten. Das war mir bislang noch nie gelungen. Und wenn ich mich so umsah, die Welt, die wir unseren Kindern hinter ließen - eine Welt kurz vor der völligen Umweltzerstörung, der Auflösung einer, wie auch immer gearteten, solidarischen Gesellschaft, des immer unverhohleneren Raubtierkapitalismus, der scheinbaren Sinnlosigkeit aller Versuche einer politischen, gesellschaftlichen Veränderung, dann war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Wir hatten unseren Kindern keine viel versprechende, positive Zukunft mitgegeben. Damit musste ich fertig werden.

Eigentlich sollte ich mir statt „MASH“ einen ganz anderen Film ansehen, aber nachdem ich mitten rein geschaut hatte, war mir auch schon die Lust vergangen. Halbnackte Bardamen mit großen, tanzenden Brüsten, die sich plötzlich in ekelhafte Vampire verwandelten und dem geilen, männlichen Publikum die Köpfe abbissen, waren nicht unbedingt mein Fall, auch wenn es sich um einen Kultfilm handelte, wie man mir versichert hatte. Zu Anfang hatte mir ja Tarantinos Spiel gefallen. Aber nachdem die beiden im "Titty Twister" in eine Vampir-Hölle geraten waren - was zugegebenermaßen der Clou des Films sein sollte - wurde es mir doch zu wild. Aber ein Student hatte mir "From Dusk till Dawn" in die Hand gedrückt und wollte unbedingt darüber seine Arbeit schreiben.

Es ging im Grunde gar nicht so sehr um diesen oder ähnliche Filme, sondern nur das Gruppenverhalten Jugendlicher, wenn sie sich solche Filme auswählten und zusammen ansahen. Das Seminar im Wintersemester hatte mir viel Spaß gemacht und die Studenten waren gut bei der Sache gewesen. Es gab bereits Untersuchungen aus den USA zu diesem Thema, aber ich wollte in diesem Oberseminar, das sich über zwei Semester erstreckte, die Studenten auch zu empirischen Untersuchungen anregen. Das war ein Teil meiner Arbeit, die mir in der Regel immer noch richtig Freude bereitete – zumindest dann, wenn wenigstens ein Teil der Studenten mitmachte. Auch dass mein letztes Buch vor einem Jahr zwei prestigeträchtige Preise gewonnen hatte, war schön. Aber der Institutsalltag ging mir mehr und mehr auf die Nerven und verleidete mir mein Berufsleben. Vielleicht sollte ich doch endlich kündigen und mich als Therapeut niederlassen, auch wenn ich das immer strikt von mir gewiesen hatte, da ich das nicht gelernt hatte. Ich war Sozialpsychologie im Bereich Kleingruppenforschung und müsste eine Menge Ausbildungen über mich ergehen lassen, bis ich es mir zutraute, als Therapeut auf die Menschheit loszugehen.

Gedankenverloren trank ich einen Schluck Kaffee. Mich fröstelte. Aus Faulheit hatte ich die Heizung nicht angedreht. Dabei wäre das überhaupt kein Luxus gewesen, denn es war immer noch recht kalt - zu kalt für Anfang April. Wir hatten nur etwa 8 Grad in Hamburg und es versprach auch nicht, absehbar besser zu werden. Das Tief „Quirin“ hatte uns wieder winterliche Temperaturen beschert. Außerdem musste ich bald los, denn um neun Uhr hatte ich bereits meine erste Sitzung in der Uni. Wir hatten eine so genannte Frühbesprechung im psychologischen Institut und ich sollte da etwas zu neuen Buchbestellungen für unsere Seminarbibliothek sagen. Semesterferien bedeuteten eben leider nicht freie Zeit für uns Lehrende - nur Vorlesungs-freie Zeit, dafür aber voll mit anderen Terminen.

"Hast du meine Socken gesehen?"

Sandras Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich öffnete die Augen und sah mich reflexartig um.

"Du hast sie in der Küche gelassen, glaub' ich."

Es war immer das gleiche mit ihr. Ständig verlegte sie irgendwelche Kleidungsstücke, derer sie sich spontan entledigt hatte.

Im Bad rauschte das Wasser. Sandra brauchte immer eine Ewigkeit unter der Dusche. Vor einem Jahr hatten wir uns kennen gelernt, als sie bei uns eine C1-Stelle bekam, um sich zu habilitieren. Ziemlich schnell hatte es zwischen uns gefunkt. Ich liebte sie nicht, war aber verliebt genug, ein Verhältnis mit ihr anzufangen. Sie betonte in einem fort, wie herrlich sie mich fand, wie glücklich sie mit mir war und wie fasziniert sie von meinen Augen sei. Das hatte sich mir zwar nie erschlossen, da meine grauen Augen für mich ziemlich tot wirken, aber ich empfand ihre zärtlichen Schmeicheleien als wohltuend. Lange würde das sicher nicht so weitergehen, denn ich hatte gelernt, dass auch das größte Glück nur von kurzer Dauer ist, aber im Moment genoss ich Sandras Nähe, fühlte mich geborgen, wenn ich an ihren Körper geschmiegt einschlafen und mit ihrem Körpergeruch in der Nase aufwachen konnte. Was das Morgen bringen würde, stand absolut in den Sternen.

Nur mit einem Sweatshirt bekleidet und einem Becher Kaffee in der Hand erschien sie im Wohnzimmer und setzte sich mir auf den Schoß. Bis vor ein paar Monaten hatte mich das jedes mal ungeheuer erregt. Vor kurzem hatte ich jedoch festgestellt, dass ich innerlich von ihr abzurücken begann. Und dazu war es jetzt noch für mich früh am Morgen und ich in Gedanken bereits halbwegs auf der Institutssitzung. Oft übernachtete sie nicht bei mir, aber jedes Mal war es morgens wie ein frischer Wind, wenn sie neben mir zu sich kam. Ihr dunkelblondes Haar fiel ihr in kleinen Locken auf die Schultern, ihre braunen Augen blitzten und so wirkte sie auch immer morgens viel frischer als ich. Ihr breiter Mund lächelte oft und ihre Stupsnase verstärkte ihr jugendliches Aussehen. Ihre Hüften waren schmal und ihre Brüste etwas zu klein für meinen Geschmack, aber sie konnte sich so weich und eng an mich schmiegen, dass es mir wohlige Schauer über den Rücken jagte. Und dazu roch sie immer so wundervoll nach einem Hauch Lavendel mit ein bisschen Limone. Auch wenn ich die Ahnung hatte, dass meine Gefühle langsam am Abflauen waren, so fühlte ich mich immer noch wohl bei und mit ihr. Wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt hatte, dann, dass man nur den Augenblick genießen konnte - die nächsten Stürme kamen sicher.

"Hey, was kuckst du so ernst? Hast du wieder schlecht geschlafen?"

"Ich schau überhaupt nicht ernst. Ich sehe dich an und freue mich - und ich spüre deinen wundervollen Körper!"

Ich streichelte ihren Rücken und ihre nackten Beine.

"Und dann schaust du morgens schon fern.“

Sie griff sich die Hülle von „From Dusk till Dawn“.

„Wie kann man sich nur so einen Scheiß ankucken?!"

"Da hast du Recht. Aber ich konnte dieses merkwürdige Gewaltvideo nicht ertragen und hab mir was anderes reingelegt. Ich muss mir diesen Film aber heute noch ansehen. Morgen kommt dieser Peter Dimonti in meine Feriensprechstunde und will meine Meinung dazu wissen."

Sie kitzelte mich.

"Oh, du armer! Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich denken, es geht dir wirklich schlecht."

"Es geht mir schlecht - vor allem, wenn du morgens früh so kiebig bist."

Ich kitzelte Sandra und sie entwand sich lachend meinem Griff.

"Du bist ein Spinner, aber ein süßer Spinner. Und jetzt muss ich auch los! Stell dir vor, ich muss auch arbeiten!"

Sandra warf mir eine Kusshand zu und verschwand in Richtung Schlafzimmer. Ich sah ihr nach und seufzte. Dann machte ich den Videorecorder aus, nahm die Kassette von "From Dusk till Dawn" und packte sie in meine Tasche. Ich zündete mir noch eine Zigarette an und inhalierte tief. Wieder musste ich husten. Ich sollte wirklich bald damit aufhören. Sandra hatte schon recht. Sie rauchte schon seit zwei Jahren nicht mehr, gehörte aber - Gott-sei-Dank - nicht zu den militanten Nichtrauchern. Mir fiel ein, dass ich heute noch Klaus anrufen wollte. Wir hatten verabredet, heute noch mal miteinander zu telefonieren, ob wir die Zeit hatten, gegen 20.00 Uhr in den Film "Das siebente Siegel" in einem Programmkino um die Ecke zu gehen, der da gerade in einer Ingmar Bergmann Retrospektive lief. Jetzt würde ich Klaus jedoch nicht erreichen. Das musste ich später vom Institut aus erledigen - wenn ich es nur nicht vergaß! Mein Kaffee war inzwischen kalt geworden und außerdem war es Zeit zu gehen.

Sandra hatte sich fertig gemacht und wir verließen zusammen das Haus in der Dill-Strasse. Sie gab mir einen flüchtigen Kuss und schnappte sich ihr Rad. Es war eigentlich überhaupt nicht weit zum Psychologischen Institut und so zogen wir uns regelmäßig damit auf: ich Sandra, dass sie überhaupt ein Rad für die kurze Strecke nahm und sie mich, dass ich so stur laufen wollte. Es war noch dunkel und mich fröstelte, wahrscheinlich weil ich noch müde war. Die Straßenlaterne warf einen orange farbenen Lichtkreis auf die Straße und verstärkte damit nur die Stimmung der Leere und Einsamkeit. Überall war es noch ruhig. Der Winter zeigte sich dieses Jahr als besonders hartnäckig und wollte dem Frühling nicht weichen. Der Monat März war um und der April begann auch nicht besonders viel versprechend. Ich zog an meiner Zigarette und blickte zu den kahlen Ästen der Bäume hoch. Ich ärgerte mich selbst, dass ich dieses Gefühl einfach nicht los wurde, mein Leben, meine Chancen vertan zu haben. Immer häufiger kamen jetzt diese Anwandlungen, dass mein Leben in dieser Gesellschaft mir ziemlich sinnlos vorkam, vertan, verpfuscht. Ich zuckte mit den Schultern und ging die Straße hinunter. Mit einem Mal beschlich mich das seltsame Gefühl, dass etwas nicht stimmte, dass mich jemand beobachtete, mir folgte. Ich blieb abrupt stehen und sah mich um. Doch ich entdeckte niemanden. Litt ich nun auch bereits unter Verfolgungswahn? Innere Stimmen vernahm ich glücklicherweise nicht, die mich - wie in der Vergangenheit - vor Gefahren warnten. Es war schon lange her, dass ich sie vernommen hatte. Oder mir Haiisse erschienen war, mein schwarzes Alter Ego aus den Jugendtagen in Südafrika. Ich ging weiter. Als ich im Institut ankam, hatte ich den seltsamen Moment bereits wieder vergessen.

"Nur weil du diese Mädchen fickst, kannst du ihnen keine guten Zensuren geben!!" Anne-Kathrins Stimme bebte vor Zorn. Ich musste mich beherrschen, ruhig zu bleiben, konnte mir aber eine Bemerkung nicht verkneifen.

"Seit dich Frederick verlassen hat, bist du zickig und prüde geworden."

Kaum hatte ich das gesagt, tat es mir auch schon leid. Ich kannte sie schon so lange und in gewisser Weise auch so gut, dass ich die tiefe Verletztheit in ihrem Blick deutlich wahrnahm. Unsere Diskussion durfte jetzt nicht eskalieren. Ich brauchte ihre Stimme für eine Anschaffung und verletzen wollte ich sie sowieso nicht. Vielleicht hatte sie wirklich nur einen wunden Punkt in mir berührt.

"Entschuldige. Aber du weißt genau, dass das nicht stimmt. Ich war mit Margret nicht im Bett. Nur weil sie mir schöne Augen macht - was ich durchaus erkenne, ich bin ja nicht blind! - und weil ihr methodischer Ansatz auf den ersten Blick unorthodox wirkt, ist sie keine schlechte Studentin. Sie hat die Note verdient. Sie macht sich eigene Gedanken und bereichert unser Feld."

Anne-Kathrin sah mich wütend an. So leicht ließ sie sich leider nicht beruhigen. Das wusste ich aus Jahren intensiver Zusammenarbeit.

"Du kannst versuchen, das zu entschuldigen, wie du willst. Ich bleibe dabei; sie hat diese Zensuren in keiner Weise verdient. Bei mir ist sie einfach nur eine Null. Im letzten Seminar bei mir kam sie auch im Winter in den kürzesten Miniröcken, die ich schon fast als Gürtel bezeichnen würde und achtete darauf, dass Mann alles sah - mit beachtlichem Erfolg! Bei Thorsten und Bernd ist sie jedenfalls gelandet - weich gelandet!"

"Gut, sei es wie es sei, Kathrin. Mit mir hatte sie jedenfalls nichts. Ich teile deine Meinung nicht und wäre dir nur dankbar, wenn wir diese Auseinandersetzung auf der fachlichen Ebene halten könnten."

"Bei Margret gibt es überhaupt keine fachliche Ebene - nur die Horizontale. Und seit deine Frau tot ist und du als glückloser Casanova durch die Lande ziehst, bist du solchen Mädchen einfach nicht mehr objektiv gegenüber. Nein - jetzt reg' dich nicht auf. Meinetwegen sprechen wir nur über ihren methodischen Ansatz, wie du das so blumig ausgedrückt hast. Sie hat nämlich gar keinen methodischen Ansatz. Das machen wir aber nach der Sitzung. Jetzt hab' ich dafür keine Zeit. Und meine Stimme bekommst du auch nicht. Wir sehen uns!"

Sprach's und verschwand aus meinem Büro. Ich seufzte tief auf und lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. Der Tag fing ja heiter an. Ihre Bemerkung über meine Frau Pat, die vor vielen Jahren gestorben war, hatte einen wunden Punkt berührt. Ich ließ all die Frauen Revue passieren, die mir viel bedeutet hatten und die wieder aus meinem Leben verschwunden waren. Einige Gesichter fingen an, zu verschwimmen, auch wenn ich wusste, dass mein Leben durch diese oder jene Begegnung eine neue Wendung erfahren hatte. Nur halten hatte ich keine Beziehung vermocht. Und jetzt das Verhältnis mit Sandra, in dem ich keine große Zukunft sah. Ich teilte Anne-Kathrins Meinung nicht, dass Margret dumm war, aber ich hatte natürlich bemerkt, dass sie wirklich fast jedes männliche Wesen anzumachen versuchte. Nur, sie war überhaupt nicht mein Typ und reizte mich in keiner Weise. Ihre gute Note beruhte tatsächlich darauf, dass ich sicher war, sie verfügte über eine hohe Intelligenz und hatte vielleicht eine Zukunft im diagnostischen Bereich.

Wenn ich Anne-Kathrins Stimme für mein Vorhaben nicht bekam, dann besaß ich kaum Chancen, damit durchzukommen. Trotzdem, ich würde es versuchen. Mehr als hier auch zu verlieren konnte ich nicht. Immer noch leicht müde, kramte ich in meinen Papieren, um alle Unterlagen zusammen zu sammeln, die ich gleich brauchen würde. Das Telefon klingelte. Zuerst wollte ich nicht dran gehen, weil ich gleich in die Sitzung musste, dann aber griff ich doch beinahe automatisch nach dem Hörer.

"Professor Dystwater?"

Die junge, weibliche Stimme war mir nicht bekannt und klang gehetzt.

"Ja, am Apparat."

"Tobias ist tot! Man hat ihn umgebracht."

Ihre Stimme brach am Schluss und ich hörte ihr Weinen. Was war das denn für ein merkwürdiger Anruf? Ein Tobias war nicht in meinem Seminar gewesen. Ich war vollkommen verwirrt.

"Wer sind Sie bitte - und wer ist Tobias?"

"Ich bin Clarissa, Clarissa Meyer, die Freundin von Tobias. Er war doch mal bei Ihnen im Seminar und Sie haben ihn öfter besucht. Er hat dann lange für COMtech, diese Software Firma, gearbeitet."

Es dauerte einen Moment, bis bei mir der Groschen fiel. Natürlich kannte ich Tobias. Befreundet war sicher ein zu großes Wort, aber wir waren eine Zeit lang in engem Kontakt gewesen, vor allem, als er mir vor vielen Jahren in einem Fall etwas geholfen hatte. Ich weiß noch, dass ich vor nicht allzu langer Zeit vergeblich versucht hatte ihn zu erreichen, als ich seine Hilfe beim Entschlüsseln einer Datei benötigt hätte. Danach wurde unser Kontakt dünner. Im vergangenen Jahr hatten wir noch ein paar wenige Mal miteinander telefoniert, uns aber nicht mehr getroffen. Ich wusste dann nur noch, dass er von COMtech weggegangen und zu einer Multimedia Firma gewechselt war.

"Tobias ist ermordet worden? Davon habe ich nichts gehört."

Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, etwas im Hamburger Abendblatt oder der Morgenpost gelesen zu haben.

"Nein, nein - offiziell haben es die Bullen als Selbstmord behandelt. Aber ich weiß genau, dass das nicht stimmt. Sie müssen mir helfen, bitte! Ich weiß nicht, zu wem ich sonst gehen soll."

Wieder hörte ich, wie sie anfing, zu schluchzen. Ich war immer noch benommen. Das alles schien so irreal, war so ein plötzlicher Einbruch in mein Leben. Außerdem musste ich jetzt wirklich dringend in die Sitzung.

"Gut, haben Sie heute Nachmittag, so um 17:00 Uhr Zeit? Nein - besser: 17:20 Uhr? Dann könnten Sie mich im Büro abholen und wir gehen irgendwo hin, wo wir Ruhe haben. Dann erzählen Sie mir alles."

"Ja, ich komme. Das ist unheimlich toll von Ihnen, dass ich kommen kann."

"Wissen Sie, wo ich sitze?"

Als sie verneinte, erklärte ich ihr den Weg und sie legte auf. Völlig verwirrt starrte ich auf den Hörer in meiner Hand und ließ ihn dann auf die Gabel sinken. Ich nahm meine Unterlagen und zwang mich, dieses eigentümliche Telefonat erst einmal in den Hintergrund zu drängen. Jetzt galt es zuerst einmal, mich in der Sitzung zu behaupten.

Wir saßen an einem Tisch im "Arkadasch" direkt am Uni-Campus, schräg gegenüber vom "Abaton"-Kino. Früher ging ich fast regelmäßig nebenan ins "Abaton-Bistro", aber seitdem sie renoviert und modernisiert haben, ist der alte, nostalgische Reiz dahin und ich bin nicht mehr häufig zum Essen dort, obwohl es wirklich nicht schlecht ist. Clarissa saß mir gegenüber und neben ihr eine ehemalige Studienfreundin von Tobias, die sie mitgebracht hatte: Adriana van den Aak, eine Niederländerin. Clarissa machte einen fahrigen Eindruck auf mich. Sie war ziemlich groß, schlank und hager. Schon im Büro hatte sie wie wild auf mich einzureden begonnen und ich hatte nur mit Mühe ihren Redefluss stoppen können. Nun saß ich vor meinem Salat und trank einen trockenen Rotwein, während sie nur ab und zu an ihrem Bier nippte und mich mit ihrer Geschichte bestürmte. Ständig strich sie sich dabei eine Strähne ihres dünnen, dunkelbraunen Haares aus der Stirn. Sie hatte durch Tobias immer mal wieder von mir gehört. Er hatte unser gutes Verhältnis betont und so war sie in ihrer Not zu mir gekommen. Wenn man all die vielen Einschübe über ihr Verhältnis zu dem jungen Mann, wie sehr sie sich geliebt und wie sie sich kennen gelernt hatten, weg ließ, blieb nicht viel übrig.

Vor zwei Monaten war Tobias tot in einem Ruderboot im Südkanal gefunden worden. Im März vor einem Jahr hatte er bei einer neu gegründeten Medien-Firma, "Power Pixels", angefangen, die sich mit digitalen Multi-Media Projekten befasste. Tobias' Aufgabe war es offenbar gewesen, eingekaufte Software auf die Bedürfnisse der Firma hin umzuformatieren und umzugestalten, sowie die Hardware zu warten. Die Firma lag in der Nähe, wo er auch gefunden wurde, an der Ecke Ausschläger Weg / Süderstrasse. Ungefähr drei Monate vor seinem Tod hatte Tobias angefangen, hin und wieder bei Clarissa merkwürdige Bemerkungen fallen zu lassen, auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Näherem Nachfragen war er jedoch stets ausgewichen. Irgend etwas hatte ihn jedenfalls beschäftigt, wenn nicht sogar - wie sie meinte - bedrückt. Aber an Selbstmord hatte er nie gedacht, da war sie sich absolut sicher. Sie hatten noch im Oktober vergangenen Jahres einen längeren Sommerurlaub in der Karibik geplant, von dem Tobias wiederholt gesprochen hatte. Wie er in das Boot gekommen war, konnte sie nicht sagen. Gerudert hatte er jedenfalls nie. Die Polizei stützte ihre These des Selbstmordes damit, dass bei der Autopsie eine hohe Konzentration an Schlafmitteln und Alkohol gefunden worden war. Eine Spur von Fremdeinwirkung sei nirgends zu finden gewesen. Und die Sache mit dem Boot hätten sie nur lakonisch mit der Bemerkung abgetan, dass es immer wieder verwunderlich sei, was für Lokalitäten Selbstmörder sich für diesen letzten Schritt aussuchten. Das war's. Jedenfalls für die Bullen, wie sie verbittert hervorstieß. Und nun sollte ich doch bitte helfen.

Ich gebe zu, ich war ziemlich ratlos. Es war jetzt einige Jahre her, dass ich mich mit einem Kriminalfall beschäftigt hatte, beziehungsweise in einen hineingezogen worden war. Und auch wenn ich mein Privat-Leben nicht unbedingt als aufregend und prickelnd beschreiben würde, so war ich's doch inzwischen zufrieden. Denn in all den Kriminalgeschichten, in die ich verwickelt worden war, hatte ich zu irgend einem Zeitpunkt Gebrauch von jenen magischen Kräften und Mitteln gemacht, die während meiner Jugendjahre in Südafrika entdeckt und gefördert worden waren. Und dies hatte mich immer an jene furchtbare Grenze gebracht, an der ich zum Tier zu werden, meine Menschlichkeit zu verlieren drohte. Auf einen erneuten Ausbruch dieser "Wildheit" legte ich überhaupt keinen Wert mehr, wollte nie wieder in so eine Situation kommen. Von daher schreckte ich bei der Geschichte Clarissas - trotz aller aufkeimenden Neugier - zurück. Sie schmeckte nach Gefahr. Und eine neue Gefahr konnte mich wieder zu jener Scheidelinie führen.

Und doch - ich war in gewisser Weise mit Tobias befreundet gewesen. So spürte ich schon auch eine gewisse Verpflichtung, selbst wenn ich mich vor möglichen Konsequenzen fürchtete.

"Wenn die Polizei einen Fall zu den Akten gelegt hat, dazu einen Fall, der schon etwas zurück liegt, dann kann ich eigentlich nichts tun. Aber ich will mir die Sache mal durch den Kopf gehen lassen - vielleicht sogar ein paar Erkundigungen anstellen, nichts Wildes - aber, mal sehen. Mehr kann ich einfach - so leid mir das tut - nicht tun."

Schon während ich redete, fand ich, dass meine Worte ziemlich dünn und hohl klangen. Aber mehr konnte ich dem Mädchen wirklich nicht anbieten. Doch ihre Reaktion war übertrieben euphorisch - so, als hätte ich bereits die Lösung des Falles (wobei ich gar nicht wusste, ob es da überhaupt einen "Fall" gab) präsentiert. Sie lachte und fing gleichzeitig an, zu weinen und bedankte sich in einem fort. Die Studienfreundin von Tobias machte bei all dem einen freundlichen, gelassenen Eindruck auf mich, so dass ich mich fragte, ob sie überhaupt genügend deutsch verstand, um unserer Unterhaltung gefolgt haben zu können. Doch mit einem Mal lächelte sie mich an. Ihre Stimme klang weich und hatte fast keinen Akzent.

"Dass ist wirklich toll, Professor Dystwater, dass Sie uns da helfen wollen. Wenn ich auch was dazu beitragen kann, mache ich das gerne. Tobias war ein guter Freund von mir. Hier ist meine Handy-Nummer, wenn Sie mich erreichen möchten."

Sie reichte mir eine Karte. Ich musste mich zusammenreißen, sie nicht anzustarren. Mit Dank nahm ich ihre Karte entgegen. Dann bat ich Clarissa noch, mir doch, sobald sie Zeit dazu hatte, ein paar Angaben zu Tobias aufzuschreiben - wo und wann geboren, wo zuletzt gewohnt, Namen und Anschriften der Eltern, von Freunden und Bekannten - was ihr eben so dazu einfiel. Sie versprach, das alles gleich morgen im Institut vorbei zu bringen. Ich musste jetzt aber wirklich los, wenn ich noch pünktlich im Kino sein wollte.

Als wir aufstanden, fiel mir zum ersten Mal bewusst die Figur der Niederländerin auf. Diese Adriana van den Aak war von eher kleiner Statur und recht kräftig gebaut, ohne prall oder gar dick zu wirken. Sie trug Jeans und darüber einen eng anliegenden Pullover mit weitem Ausschnitt, der ihre großen Brüste betonte. Das blonde Haar hatte sie hinten zu einem Knoten zusammengebunden. Ihre Lippen wirkten voll und sinnlich. Ich schätzte sie auf Mitte/Ende zwanzig. Sie besaß eine auf mich ganz eigentümliche Ausstrahlung: eine Mischung von Distanz und gleichzeitig starker Erotik. Und sie bewegte sich äußerst anmutig. Ich verabschiedete mich von beiden und ging nach Hause.

Freitag

Ich wachte auf und hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Mühsam wälzte ich mich herum und schwang meine Beine aus dem Bett. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits halb neun war. Aber ich hatte Zeit. Heute musste ich erst am Nachmittag zu meiner Sprechstunde ins Institut, hatte sonst keine Sitzungstermine und mir den restlichen Tag für die Arbeit in Ruhe zu Hause reserviert. Zudem war ich ja ständig erreichbar, da ich an dem Tag keine Ausflüge zu machen pflegte, sondern tatsächlich an meinem Schreibtisch saß und schrieb. Sandra war nicht da - sie hatte bei sich schlafen wollen, oder bei anderem, ich wusste es nicht. Und ich merkte, dass es mir fast schon egal war, ob sie ein weiteres Verhältnis hatte oder nicht. Schlurfenden Schritts verzog ich mich ins Badezimmer und putzte die Zähne. Einen Spiegel hatte und brauchte ich auch nicht, um zu wissen, wie ich aussah. Das kalte Wasser in der Dusche tat mir gut und erfrischte mich halbwegs. Meine blonden Locken mit den inzwischen immer deutlicher hervor tretenden grauen Strähnen musste ich anschließend nicht föhnen, da ich sie immer von alleine trocknen ließ.

Der Abend mit Klaus war schön gewesen. Der Film hatte uns beiden wieder sehr gut gefallen und war zugleich Anregung für eine lange Diskussion nachher im "Dieze" bei mir um die Ecke am Rapp-Platz gewesen. Immerhin hatten wir den Film nicht zum ersten Mal gesehen, waren aber jedes mal fasziniert von seiner Vielschichtigkeit. Von der Virtuosität des Schauspielers Max von Sydow waren wir auf die Themen Tod und Vergänglichkeit gekommen und hatten uns die Köpfe heiß geredet. Dabei hatte ich einige Gläser Wein gekippt - was ich gut abkann - aber auch viel zu viel geraucht. Von daher der schlechte Geschmack beim Aufwachen. Jedes mal dachte ich nach so einem Abend und dem morgendlichen trockenen Bellen, das leider auch zunehmend weh tat, dass ich nun wirklich mit dem Rauchen aufhören sollte, aber ich wollte es wohl nicht wirklich, nicht ernsthaft genug, denn gleich beim Kaffee kochen zündete ich mir die erste am Morgen an, was zwar gut schmeckte, aber gleich wieder zu einem Hustenkrampf führte. Mit dem Kaffeebecher in der Hand stand ich dann am Küchenfenster und starrte in den neblig-trüben Morgen. Für einen kurzen Moment hatte ich nach dem Film auch an meine Söhne denken müssen, die bei meiner Schwägerin Susan aufwuchsen. Hoffentlich war ihnen ein besseres Leben als mir vergönnt, konnten sie eines Tages hoffnungsvoller in die Zukunft blicken als ich. Aber solche Überlegungen waren müßig. Auf mich wartete der Schreibtisch - und nur der. Zuerst sollte ich mich an meine Korrespondenz machen. Mein alter Freund Douglas wartete schon eine Weile auf Antwort von mir. Sein letzter Brief vor einem Monat hatte ziemlich deprimierend geklungen. Es ging ihm körperlich nicht so gut - ein Bandscheibenvorfall plagte ihn. Seine Bilder verkauften sich zur Zeit nicht besonders und anstatt die neue Ausstellung im Dezember vorzubereiten, hockte er oft vor dem großen Panorama Fenster in seinem Haus in St. Ives und starrte hinaus auf die See. Das hatte nicht gut geklungen. Vielleicht sollte ich ihn einfach wieder einmal besuchen. Auf alle Fälle musste ich ihm dringend schreiben. Aber ich hatte keine Lust. Auch die anderen Arbeiten, wie das Korrekturlesen zweier Artikel von mir und eine Buchrezension reizten mich nicht. Das unfreundliche Wetter verfehlte seine Wirkung auf mich nicht. Jetzt nur nicht durchhängen, redete ich mir selbst gut zu. Ich musste mich ablenken. Und schon wusste ich, womit ich das konnte.

Ich zog mir meinen dicken Parka an und ging von der Dillstraße, in der ich in Hamburg Eimsbüttel wohnte, hoch zum Grindelhof und zur Bushaltestelle der Linie 102. Normalerweise nehme ich keine öffentlichen Verkehrsmittel. Das liegt einfach daran, dass ich mich in meinem Viertel, wo es alles gibt, was ich brauche - inklusive Kneipen und Kinos - zu Fuß bewegen kann und für weitere Strecken das Auto verwende, auch wenn es nachher jedes Mal ein Akt sondergleichen ist, einen Parkplatz zu finden. Heute wollte ich aber nicht mit dem Rolls Royce fahren, den mir mein Schwiegervater einmal geschenkt hatte und den ich immer noch nicht verkauft habe, obwohl ich das eigentlich schon eine Weile wollte. Der Wagen war mir einfach zu auffällig und kostete mich zuviel. Heute musste ich den Bus und danach, vom Hauptbahnhof aus, die U-Bahn zum Berliner Tor benützen. Der Wagen verbot sich völlig, denn ich wollte mich höchst unauffällig umschauen, den Ort des angeblichen Verbrechens in Augenschein nehmen. Da das Wetter so schlecht und es noch früh am Vormittag war, platzte der Bus fast aus den Nähten. In der Hauptsache schienen es Studenten zu sein. Und ständig klingelte irgendwo ein Handy. Das war ungeheuer lästig. Ich besaß noch immer keines von Dingern und hatte auch nicht vor, mir so ein Gerät anzuschaffen. Manche Kollegen zogen mich damit auf oder versuchten, mir diese moderne Art der Kommunikation schmackhaft zu machen. Aber ich brauchte so ein piepsendes Etwas nun mal nicht.

Nicht nur der Bus, auch die U-Bahn war voll und ich atmete richtiggehend auf, als ich endlich aussteigen konnte. Auf dem Umgebungsplan am Ausgang orientierte ich mich, welche Richtung ich einzuschlagen hatte. Dafür musste ich noch einmal ganz durch die Station und unter den Gleisen durch. Ich sah an der Bushaltestelle des "160", dass er mir gerade davon gefahren war und der nächste erst in zehn Minuten fuhr. Also lief ich. Die Gegend war unwirtlich, hässlich. Das Berliner Tor, überbaut von S-Bahn-Gleisen war ein Verkehrsknotenpunkt mit mehrspurigen Straßen inmitten eines Industriegebietes. Man konnte sich nicht vorstellen, dass inmitten dieser Ansammlung von alten bis hin zu futuristisch anmutenden Bürohochhäusern auch noch vereinzelt Menschen lebten. Ich überquerte den Ankelmannplatz und ging die Eiffestraße hinunter bis zum Ausschläger Weg. Immer mehr Autohäuser und Betriebe, die Autozubehör anboten, säumten die Straße, ab und zu etwas "aufgelockert" durch nicht sehr einladend wirkende Imbissbuden, die bereits ab sechs Uhr früh Frühstück anboten. Was Wunder - am Ende des Ausschläger Wegs, an der Ecke zur Süderstraße, befand sich die KFZ-Zulassungsstelle für Hamburg-Mitte. Der Wind pfiff kalt durch die Straßen und erhöhte in mir nur das Gefühl der Trostlosigkeit. Auch die noch kahlen, dürren Äste der Bäume am Straßenrand verstärkten das Gefühl der Leblosigkeit, einer metallenen Kälte. Ich überquerte erst auf der ersten Ausschläger Brücke den Mittel Kanal und kam dann zum Südkanal. Hier musste es sein. Zumindest hatte ich Clarissa so verstanden.

Direkt an der Ecke Süderstraße / Ausschläger Weg dehnte sich der Parkplatz eines Autohändlers aus. Aber davor, direkt am Kanal, erhoben sich zwei alte Büro-/Lagergebäude. Das erste war offenbar vor nicht allzu langer Zeit gelb angestrichen worden und beherbergte - seiner Aufschrift nach - die Firma "Carl Buch - Elektro-Anlagen". Das Gebäude daneben, größer und braun/dunkelrot verputzt, schien von verschiedenen Firmen belegt zu sein. Ich stand da und überlegte, wie man wohl in das Gebäude kam. Der Zugang schien um die Ecke, von der Süderstraße her, zu sein. Ein Geländejeep fuhr sehr langsam an mir vorbei und ich bemerkte, dass der Fahrer mich eingehend musterte. Mir kam der Gedanke, ob dieser Mann mich vielleicht beobachtete. Ich war nicht zügig gegangen, sondern stehen geblieben und hatte mir die Gebäude betrachtet. Der Wagen war schwarz und mir fiel das Logo an der Beifahrertür auf: ein Löwenkopf mit zwei gekreuzten Krummsäbeln. Darunter stand ein Name, den ich aber auf die Entfernung nicht identifizieren konnte. Vielleicht gehörte das Auto zu einem Wachdienst. Mich focht das nicht weiter an. Und tatsächlich fand ich den Eingang von der anderen Straße aus. Es ging die paar Stufen einer Rampe hoch und dann stand ich vor der großen, hölzernen Eingangstür. Daneben, an der Mauer, waren zahlreiche Schilder mit den Namen der verschiedenen Firmen angebracht. In der Mitte etwa entdeckte ich auf einem glänzend polierten, silberfarbenen Schild den Namen "Power Pixels". Das also war Tobias' letzter Arbeitgeber gewesen. Mal sehen, ob jemand da war, der mit mir zu sprechen bereit war.

Das Treppenhaus war hell und roch nach frischer Farbe. Eine Tafel klärte mich auf, dass sich „Power Pixels“ im dritten Stock befand. Den Aufzug wollte ich nicht benutzen – Treppensteigen würde mir gut tun. Oben angelangt, musste ich erst einen Moment nach Luft schnappen. In letzter Zeit war ich schon verdammt kurzatmig geworden, stellte ich fest. Die massiv wirkende Stahltür mit dem Guckloch machte keinen einladenden Eindruck. Aber das kleine Schild rechts neben der Tür zeigte mir, dass ich richtig war. Ein Klingelknopf war weit und breit nicht zu entdecken. Also klopfte ich beherzt an. Eine Weile tat sich gar nichts. Ich befürchtete schon, die Firma würde heute gar nicht arbeiten. Erst als ich meine Fingerknöchel ein zweites Mal gegen das Metall schlug, wurde die Tür geöffnet. Vor mir stand ein großer Mann, der mich kritisch musterte. Der grau melierte Schnurrbart in dem braungebrannten Gesicht verlieh ihm etwas distinguiertes und freundliches zugleich. Sein Gesicht kam mir bekannt vor, aber vielleicht lag das nur daran, dass er mich ein klein wenig an einen Professor erinnerte, bei dem ich als Student ein mal Vorlesungen besucht hatte. Seine Stimme war tief und hatte keinen hörbaren Akzent.

„Was kann ich für Sie tun?“

Das wusste ich ja selbst nicht genau. Um mir keine Blöße zu geben, stellte ich mich vor und erzählte, ein alter Freund des toten Tobias Schimkel und länger im Ausland gewesen zu sein. Nun hatte ich davon gehört und wollte einfach nur sehen, ob er für mich was dagelassen hatte. Die dunklen Augen musterten mich verwundert und mit einem gewissen unverhohlenen Misstrauen. Ich gab ihm meine Visitenkarte, die er zögernd annahm. Dann schloss der Mann einfach die Tür. Völlig verdattert starrte ich auf die glatte, graue Metallfläche vor meiner Nase. Das war’s dann wohl. Zwar war mir vollkommen schleierhaft, warum der Mann auf diese Weise reagiert hatte, aber hier war ich offensichtlich am Ende meiner Nachforschungen angelangt. Doch gerade als ich mich umdrehte, um wieder die Treppe hinunter zu steigen, ging die Tür erneut auf. Und diesmal lächelte mich der große Mann freundlich an.