Kohlegeier - Ennow Strelow - E-Book

Kohlegeier E-Book

Ennow Strelow

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Beschreibung

Ennow Strelow, Lichtbildner, geb. 1949 in Lübeck lebt in Oldenburg. Arbeitsschwerpunkte Psychogramme & Retard-Bilder Ausstellungen und Projekte (Auswahl) 1982 KEO Hagen / AV Ballettdokumentation 1982 Galerie ZL Paris

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Personen der Handlung

Kommissar Gisbert Domagalla

Hauptkommissar Dr. Gründlich, Ministerialrat Dr. Dürrkopp,

Ministerialrat Dr. Schaafzahn

Die Pokerbrüder: Bohne alias Idi Amin ein Bremer Kaffeeröster, Utze der Hamburger Lude,

Rita der Albaner, Keci der Türke, Uzzi der Israeli, Bokassa der Afrikaner,

El Pueblo Body Builder, Habibi der Tunesier, Ilja Stroganoff alias Kolja der Russe

Frau von Riemenschneider Bohnes Sekretärin

La Porta ein Türsteher

Fifi die Ratte, Massut der Afgahne, Wachmeister Wellmann

Roswitha und Trudi aus der Herbertstraße St. Pauli und ihr Papagei Henry

Tante Käthe die Wirtschafterin aus der Herbertstraße

Parterre der Boxer, Monsieur Ede aus Marseille, Pourquoi der Auftragskiller

Onno Jannsen LKAFahrdienst, Doris der Frisör, Don Alfredo

Restaurantbesitzer

Frau Oberste - Berghaus und ihr nerviger Dackel Falstaff

Envar Hotic Albanischer Banker, Dagobert Bollmann Autoverkäufer

Pretty Boy Neffe von Onkel Bdshebazi Persischer Teppichhändler

Dr. Ochsenknechter Forensiker

Pastor Himmelmann, Käpt`n Lüdewitz- Seebestattung,

* Songtext von Achim Reichel - Kuddel Daddel Du Lyrics

Gisbert Domagalla war alles andere als gut zufrieden! Er schaute sich im Spiegel an und was er sah, war ein menschliches Wrack. In seinem Alter hinterließ eine durchzechte Nacht mehr Spuren, als es einem selbst lieb war. Der gestrige Abend im Hinterzimmer einer angesagten Pizzeria am Stadthafen endete für Kommissar Domagalla im Morgengrauen als Desaster. Er, der im Alleingang Undercover einen albanischen Falschspielerring sprengen sollte, hatte selbst richtig bluten müssen ......

12.000 € Steuergelder hatte Gisbert verzockt. Dazu noch seine private Rolex Daytona für die er gefühlte 3 Jahre gespart hatte. Aber mit einem Full House gewinnt doch normalerweise jeder Schwachkopf. Wer konnte schon ahnen, das ausgerechnet “Idi Amin“ einen Royal Flush in seinen Wurstfingern hielt. Natürlich war das nicht der richtige Name des fetten Glückspilzes, der im letzten Spiel alles abgeräumt hatte. Viel Schmalz für eine Nacht. Er war auch kein Albaner! Nein, es war “Bohne“ ein Bremer Kaffeeröster, der ohnehin schon im Geld schwamm. Alle die am Spieltisch saßen, kannten den bürgerlichen Namen ihres Gegenübers nicht. Sie benutzen allesamt einen Decknamen. Gisbert hatte sich trotz seiner stattlichen 192 cm Körpergröße und seiner 120 Kilo mit Alberich vorgestellt. Nur Utze der Hamburger Lude verzichtete auf eine Tarnung, er lebte sowieso am Rande der Gesellschaft. Auch “Rita“ der Albaner, “Uzzi“ der Israeli, “Keci“ der Türke und “Habibi“ die tunesische Schwuchtel hatten kräftig Federn gelassen. Aber immerhin, sie hatten ihre Armbanduhren noch. In diesem Moment der frustrierenden Bestandsaufnahme klingelte das Telefon. Hauptkommissar Dr. Gründlich aus Düsseldorf war am Apparat. Er bellte ins Telefon: „Wie ist es gelaufen, Domagalla ...?“ “Beschissen!“ knurrte Gisbert, ich schreib einen Bericht. Dann drückte er Dr. Gründlich weg und für einen kurzen Moment war es so still wie in der Lambertikirche an einem Sonntagnachmittag. Domagalla holte “Angie“ aus der Minisafe und steckte sie ins Holster.

“Angie“ war noch jungfräulich! Der Kommissar arbeitete lieber mit seinem Groß- und Kleinhirn, als das er mit einer 9 mm durch die Gegend ballerte. Heute morgen war an Schlaf nicht zu denken. Dafür gab es volle Kanne Zynapsenalarm. Wer in diesen Kreisen verkehrte, musste ob er wollte oder nicht, seine Nase pudern, wenn die Schale kreiste. Das war nicht der Dreck von der Strasse! Nein, in diesem Fall waren sich Oberschicht und Unterwelt ausnahmsweise einmal 100% ig einig. Auch der Schnee hatte einen hohen Prozentgehalt. Dafür sorgten Keci und Rita. Vielleicht konnte man auch ihnen ihr schmutziges Handwerk legen.

Gisbert trat auf die Straße, schlug den Mantelkragen nach oben und zog die Schultern hoch. Der leichte Nieselregen hatte etwas Erfrischendes. Dankbar saugte er die frische Morgenluft tief in seine Lungenflügel ein. Was für eine Wohltat nach dieser Nacht voller Zigarren- und Zigarettenqualm in einem stickigen Raum ohne Fenster. Ihm als Nichtraucher machten diese Einsätze immer mehr zu schaffen. Bloody Mary und Becks waren o.k. Auch das Schneegestöber ließ sich noch verkraften. Aber das mit dem Nikotin war echt die Härte. Eine Rauchbelästigungsentschädigung hatten seine Vorgesetzten abgelehnt. Lungenkrebs war Privatsache!

Mühsam versuchte Kommissar Domagalla seine Gedanken zu ordnen. Was wollte Habibi von ihm? Was wusste er? Nach dem letzten Spiel hatte der Araber ihm hastig einen Zettel zugesteckt ... 9.30 im Altera Zimmer 13. Es war nicht weit zum Waffenplatz. Im Gegensatz zu ihnen wußte Gisbert Domagalla viel über die schrägen Vögel aus der gestrigen Pokerrunde. Er kannte sogar ihre Zahnpastamarke. Das BKA hatte gute Arbeit geleistet! Domagalla mochte Habibi, denn er war kein schlechter Kerl! Sein Vater, ein hochrangiger Diplomat, hatte seinem Sohn nie seine Grenzen aufgezeigt und so war aus Habibi der eigentlich Achmed hieß, das geworden was er war. Achmed sammelte Strafzettel für falsches Parken und zu schnelles Fahren. Sonst war er sauber! Seine Wochenenden verbrachte er in Köln oder St. Georg. Berlin war ihm zu heiß! Da er aber nie mit Papas Geld auskam, tauchte er immer öfter an den Spieltischen der Republik auf und versuchte sich mit wechselndem Erfolg im Glücksspiel !

Domagalla betrat das Foyer des Altera. Die Rezeption war verwaist. Aus dem Frühstücksraum von gegenüber klang leicht gedämpfte Musik von Café del Mar. Schwerfällig steuerte Gisbert die Stufen zur ersten Etage an und schon stand er vor der Tür mit der Nr. 13. Eines dieser Pappschilder mit dem internationalen Aufdruck: „Don`t disturb“ am Türknauf signalisierte: Lasst mich in Ruhe! Domagalla ignorierte die Botschaft und drehte am Türknauf. Es war nicht abgeschlossen!

Vorsichtig betrat der Kommissar Zimmer 13. Dem Zeitgeist entsprechend war das Zimmer schlicht eingerichtet und bis auf die Obstschale wirkten das dominante Braunbeige etwas zu kühl. „Habibi, ich bin es Alberich“ ... weiter kam er nicht. Im Badezimmer brannte Licht. Böses ahnend holte er vorsichtig Angie aus dem Holster und verspürte sofort die Rückendeckung, die man in solchen Situationen brauchte. Vorsichtig öffnete er mit dem Fuß die Badezimmertür ......

Er sah das, was er nicht sehen wollte. Auf dem Boden lag seltsam verkrümmt Habibi. Sein Kopf lag in einer frischen Blutlache, die seinen Lockenkopf umrandete wie ein Heiligenschein. Mein Gott! Es gab soviel Schweinebacken, die so ein Ende verdient hätten. Aber warum ausgerechnet Habibi? Auf dem Waschbeckenrand lag noch seine Scheckkarte, ein Plastikröhrchen und ein Häufchen Koks.

Wollte sich Habibi in Stimmung bringen? Aber für wen? Sein Leichnam war noch warm. Grotesk war nur seine Kostümierung. Habibi trug einen seidenen Kimono. Darunter Reizwäsche und Strapse. Seine Füße steckten in sündhaft teuren High Heels. Bei einem dieser Knöchelkiller war der Absatz abgebrochen und lag in einem Winkel von 45° zum Mutterschuh.

Hier war nichts mehr zu machen. Domagalla steckte Angie wieder jungfräulich ins Holster zurück und rief die Oldenburger Kollegen an. Erst dann fiel sein Blick auf den Spiegel. Darauf stand mit Lippenstift geschrieben: „I love Alberich!“ Gisbert schüttelte stumm den Kopf und murmelte „Ach Gott! Armer Habibi!“ Das hatte er nicht verdient! Es war also eine rein private Einladung gewesen und hatte nichts mit seinem Fall zu tun. Beim Verlassen des Tatorts checkte er noch routinemäßig Zimmer 13 ab. Sein Blick fiel unverhofft auf das unberührte Bett. Wie gebannt schaute er auf das Kopfkissen. Verdammt noch mal! Da lag seine Daytona. Auf dem Flur waren schon die Stimmen der Kollegen zu hören. Ohne zu überlegen griff Gisbert nach seiner Rolex und drückte die Faltschließe zu. Danke Habibi! Das vergesse ich dir nie!

Wie sich nach der Obduktion herausstellte war Habibi beim Linie ziehen auf seinen High Heels umgeknickt, war gestürzt und hatte sich am Beckenrand der Nasszelle seinen Schädel eingeschlagen und sich ein Schädel - Hirn -Trauma mit tödlichem Ausgang zugezogen. Kommissar Domagalla schrieb seinen Bericht an Dr. Gründlich, bedauerte das Verzocken von 12.000 € Steuergeldern mit keinem Wort und bestieg am späten Nachmittag den IC in Richtung Süddeutschland. Am Wochenende trafen sich alle in Wiesbaden und es würde wieder eine harte Nacht. Aber diesmal gehörte der Schmalz ihm! 100 Pro !!!

***

Die Fahrkarte bitte! Gisbert wurde jäh aus dem Schlaf gerissen. Vor ihm stand die diensthabende Zugbegleiterin und wartete ungeduldig darauf, das sie das zu sehen bekam, was sie sehen wollte.

Wortlos reichte ihr Gisbert seinen Fahrschein und zahlte den Aufschlag für die 1. Klasse aus der eigenen Tasche. Dr. Gründlich duldete grundsätzlich keinen Luxus. Die junge Frau bedankte sich, wünschte noch eine gute Reise und verschwand im Großraumwagen der 2. Klasse.

Domagalla schaute aus dem Fenster. Draußen huschte das Münsterland vorbei. Auf den Wiesen lagen schwarzbunte Kühe und kauten gelangweilt vor sich hin. Was für ein friedliches Bild!

Gisbert machte die Augen zu und dachte an seine erste Zugfahrt mit seinem Großvater von Köln nach Travemünde. Damals gab es in der 1. Klasse noch Plüschpolster, richtiges Porzellangeschirr und keine Handys. Das war auch der eigentliche Grund warum er die 2. Klasse mied. Er konnte es nicht ertragen wenn er sich unfreiwillig solch dümmliche Sprüche anhören musste: „Schatz du kannst schon mal die Erbsensuppe aufsetzen, ich bin gleich am Bahnhof. Stell dir vor gestern hatte ich solch einen Durchfall, beinah wäre mein Referat voll in die Hose gegangen.“

Diesem inhaltslosen Gerede zu entgehen, war es schon alleine wert, freiwillig den 1. Klasse Aufschlag zu bezahlen. In seiner Hose vibrierte es. Dr. Gründlich rief an. „Domagala wo stecken sie?“ „Kurz vor Münster, der Empfang ist schlecht!“ „Hören sie mich?“ „Es geht!“ „Im Hotel Kaiserhof an der Rezeption liegen nochmals 15.000 € für sie bereit. Wenn sie das Geld haben rufen sie mich an!“ „Wie heißt das Codewort?“ „Salamanderkot zu verkaufen.“ „Ach du Scheiße!“ „Denken sie an den Steuerzahler, Domagalla! Viel Glück!“

Das war doch mal ein Schritt in die richtige Richtung! Heute hatte Dr. Gründlich mal nicht gebellt!

Langsam wich die Müdigkeit aus seinem Körper. Hoffentlich blieb in Wiesbaden noch genügend Zeit für einen Museumsbesuch. Wenn schon mal in Wiesbaden, dann wollte er sich auch unbedingt die Jawlensky Bilder ansehen. Die Liebe zur Malerei hatte er auch seinem Großvater zu verdanken.

Bei diesen Gedanken an all die wundervollen Portraits von Alexej von Jawlensky tauchte Habibis Gesicht vor seinem geistigen Auge auf. Dieses unverdorbene, herzhafte Lachen, wenn er den Pott gesprengt hatte und ganze die Kohle für sich allein einsacken konnte. Heute abend in der Runde würde ein Stuhl frei bleiben! Dafür würde er, Gisbert Domagalla sorgen! Das war er Habibi schuldig.

Heute war der Zug nur mäßig besetzt. Im Speisewagen saß nur ein älteres Paar, deren Benehmen darauf schließen ließ, das sie sich noch nicht lange kannten. Sie waren ausgelassen wie verliebte Teenager. Gisbert bestellte eine Gulaschsuppe, ein Beck`s und schaute auf die vorbeihuschende Landschaft. Nach der heißen Suppe und dem Bier ging es ihm schon besser und er zog sich in sein Abteil zurück. Bis Wiesbaden war es noch eine Weile hin. Was ihm die Gelegenheit bot sein Schlafdefizit zu reduzieren, denn heute abend durfte nichts schief gehen!

Gerade rechtzeitig, kurz vor Wiesbaden wachte Domagalla auf. Die Mütze Schlaf hatte ihm gut getan. Er war wieder frisch.

Der Nassauer Hof lag abseits vom Hauptbahnhof, doch mit dem Taxi war es ein Katzensprung. Ein Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Gut für die Legende eines Zockers. Die Rezeption war wohl noch im Originalzustand. Dafür war die Frau in ihrem grauen Nadelstreifenkostüm dahinter bedeutend jünger. Domagalla, stellte sich vor. „Für mich ist reserviert.“ „Ja, Zimmer 33 im 3 Stock. Warten sie, hier ist noch ein Päckchen für sie. Wir wünschen ihnen ein schönes Wochenende in Wiesbaden.“ „Danke“, brummte Gisbert. Das kleine braune Päckchen war für ihn die Eintrittskarte in die Blaue Villa, wo in drei Stunden das nächste Schweinebackenspiel stattfand. Zeit genug sich frisch zu machen, endlich wieder einmal ohne Hektik das Abendessen zu genießen und sich in Ruhe auf die kommende Partie vorzubereiten.

Die Speisekarte hatte nicht gelogen. Besonders das Hüftsteak war eine gute Grundlage für all die ungesunden Drogen, die er sich in zwei Stunden mehr oder weniger unfreiwillig reinziehen würde.

Es war der warme Herbstabend der den Kommissar motivierte sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Ein kleiner Spaziergang würde ihm bestimmt gut tun. Wiesbaden hatte was! Kein Wunder das das Kapital sich hier wohl fühlte. Harz IV wohnte woanders.

In Sichtweise der Blauen Villa lag der Kurpark. Gisbert Domagalla fand eine leere Bank und nutzte die restliche Zeit um noch einmal seine Strategie durchzugehen. Sicherlich waren die üblichen Verdächtigen wieder dabei und der Gastgeber Ilja Stroganow, der sich “Kolja“ nannte. Aber wer war der große Unbekannte, der Habibis Platz einnehmen sollte?

Gisbert drückte die Schelle, sagte das Codewort des Abends: „Salamanderkot zu verkaufen“ und schon war er in der Höhle des Löwen. Die Villa war beeindruckend! Wäre da nur nicht dieser erdrückende sündhaft teure Kitsch. Hätte er es vorher nicht gewusst, jetzt wäre er sich sicher, das der Hausherr ein Russe war. Bei soviel Gold war es immer gut eine Sonnenbrille dabei zu haben. Obwohl er nicht zu spät kam waren nur noch zwei Stühle frei. Domagalla nahm Platz und bestellte sich einen Bloody Mary. Der Stuhl neben ihm blieb an diesem Abend leer. Dafür hatte “Bohne“ gesorgt. Er wußte von Habibi’s Schicksal aus dem Weserkurier und der Rest war für alle Ehrensache. Diesmal fehlte Utze! Er war in Santa Fu eingefahren und es würde wohl eine Weile dauern bis er wieder raus kam. Er hatte am helllichten Tage bei einem bekannten Juwelier das Bezahlen vergessen.

Außer “Idi Amin“, “Rita“, “Uzzi“, “Keci“ und “Kolja“ war noch ein baumlanger Afrikaner am Tisch, den Gisbert nicht kannte. Der Schwatte hatte 50 cm Oberarme, eine Cartier Sonnenbrille und Hände wie Bratpfannen. Seine Karten wurden jedes mal von seinen Händen verschluckt. Da alle Akteure sowieso im Halbdunkel um den Tisch saßen und nicht viel geredet wurde, war er praktisch unsichtbar. Nur wenn er mal lachte blitzten für einen Augenblick seine schneeweißen Zähne in der Dunkelheit auf. Der Typ nannte sich “Bokassa“ und somit saßen schon zwei tote Diktatoren in der Runde. Gisbert hatte diesmal ein gutes Bauchgefühl. Es lief prächtig! Er ging mit, wenn es sich lohnte und stieg aus, wenn es nötig war. Nach zwei Stunden lagen vor ihm 36.000 Euro. Drei Spiele noch vor der Pause. Wieder wurde das Kartenspiel ausgetauscht. Neues Spiel neues Glück!

Kommissar Domagalla nahm seine Karten auf und traute seinen Augen nicht! Vier Asse! Was für ein Blatt! Die knisternde Spannung verriet, das er wohl nicht der Einzige war, der gut bestückt war.

Bevor es um den Pott ging wurde schnell noch die obligatorische Schale gereicht. Diesmal war auch die Schale aus purem Gold und das Pulver so weiß wie “Bokassas“ Zähne. Die Linien waren schon gezogen und jeder brauchte seinen Rüssel nur reinhalten. Dann ging es ans Eingemachte ...

Der Pott war voll fett. Inclusive 36.000 Euro Steuergelder. Zähneknirschend nestelte Gisbert schon an seiner Rolex, als “Uzzi“ endlich das erlösende Wort sprach: "Sehen Kollegs!" “Bohne“ und “Rita“ waren längst ausgestiegen. Die andern legten nach und nach ihre Karten auf den Tisch. Ein Drilling, ein Full House und eine Kleine Straße! Mehr war nicht! 333.000 Euro gehörten jetzt Gisbert Domagalla, oder korrekt gesprochen dem Steuerzahler! Viel Schmalz für die Kriegskasse. Dr. Gründlich würde Augen machen!

In diesem Moment sprang die Tür auf ! Drei Maskierte stürmten herein und brüllten „Hände hinter den Kopf!“ Kolja knurrte „Hurensöhne“ und schon hatte er eine Pump Gun im Nacken. Stöhnend sackte er mit dem Kopf auf den Spieltisch. In Windeseile rafften die Einbrecher die ganze Kohle ein und wollten wieder verschwinden, da sah ihr Anführer Domagalla‘s Rolex. ..... Abmachen forderte er drohend. Widerwillig streifte Gisbert seine geliebte Doytona vom Handgelenk. Er war sich sicher, diesmal gab es kein Wiedersehen!

Für einen kurzen Augenblick herrschte gespenstische Stille, selbst Koljas Stöhnen war verstummt. Dann entlud sich die angestaute Wut. Jeder Zocker stieß einen Schwall von derben Flüchen in seiner ihm eigenen Muttersprache aus, die einer guten deutschen Kinderstube nicht würdig waren. Babylon ließ grüßen! Schließlich brüllte Kolja: „Die sind tot!“

Zum Runterkommen wurde wieder die goldene Schale gereicht und selbst Kolja gönnte sich trotz gebrochener Nase eine fette Linie. Danach war er schmerzfrei!

Im Hausflur fand man La Porta, den Türsteher. Ein Elektroschocker hatte ihn außer Gefecht gesetzt. Aber woher kannten die Hurensöhne das Codewort? “Salamanderkot zu verkaufen“, darauf musste man erst einmal kommen! Hatte jemand gesungen? Saß der in ihrer Mitte? Wie ein unangenehmes Geschwür machte sich plötzlich Misstrauen breit! Alle starrten Bokassa an. Schließlich saß er das erste Mal am Tisch und keiner kannte ihn. Allerdings war er noch auf Habibis Empfehlung zu ihnen gestoßen. Bokassas Gesichtsfarbe war nicht mehr schwarz! Irgendwie sah er aschgrau aus und hatte auch nicht mehr diese furchteinflößende Ausstrahlung. Langsam begann die Situation zu eskalieren.

Gisbert war gut genug geschult um so eine Situationen zu deeskalieren. Jungs, stieß er hervor: „Das bringt nichts. Bokassa war es nicht! Gleich beim ersten Mal, so blöde ist keiner! Und außerdem hat er doch am meisten bluten müssen.“ Bokassa nickte erleichtert. Alle wussten das Alberich studiert hatte und das brachte ihm im Milieu einen gewissen Bonus an Respekt ein.

“Aber was ist mit Utze? Wäre er nicht eingefahren, säße er jetzt hier. Unser Freund Utze ist doch immer blank. Wir sollten ihn mal checken! Morgen bin ich in Hamburg und besuche Fifi die Ratte in Santa Fu. Fifi ist ein kleiner Hühnerdieb mit richtig großen Ohren, bei dem ich aber noch was gut habe. Denn zur Polizei können wir ja nicht gehen! Alle lachten!“

Kolja klatschte in die Hände und die Schale machte wieder die Runde. Gisbert blieb diesmal sauber, stand auf und verabschiedete sich unter dem Vorwand, er wäre total im Arsch, denn diesmal war er es ja, der den voll fetten Schmalztopf verloren hatte. Ja dann bis zum nächsten Mal und ruf an alter Schwede, wenn die Ratte gesungen hat!

Gisbert Domagalla trat auf die Straße. Was sollte er bloß Dr. Gründlich sagen? Keine heiße Spur, das Geld war weg und dann noch diese unglaubliche Geschichte mit dem Überfall in der Blauen Villa.

Aber was war all der dienstliche Ärger gegen den erneuten Verlust seiner geliebten Rolex. Wehmütig dachte er an die drei Jahre eisernen Sparens. Und hätte Oma Else ihm damals nicht die noch fehlende Kohle zugesteckt, dann hätte er noch ein Jahr sparen müssen. Als er aber dann das erste Mal das Edelstahlarmband über sein Handgelenk streifte und die Faltschließe mit dem Sicherheitsverschluß schloss ergoss sich ein Strom von Glückshormonen durch seinen Körper, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Endlich gehörte sie ihm: Seine Rolex Daytona! Und nun schmückte die Geliebte das Handgelenk von irgendeinem kriminellen Affenarsch, der weder die Schönheit noch die technische Perfektion je zu schätzen wußte! Gisbert musste kotzen. Stress und der Koks forderten ihren Tribut!

***

Mit einem ekelhaften Geschmack im Mund erreichte Gisbert den Nassauer Hof. Die junge Frau von gestern nachmittag hatte wohl Feierabend. Dafür stand jetzt hinter der Rezeption ein Milchgesicht im Nadelstreifen. Das starrte unentwegt wie gebannt auf sein Smartphone und erschrak als Gisbert ihn ansprach: Einmal die 33! Sofort erwachte der Domestik in ihm: „ Sehr wohl der Herr, kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Wortlos nahm Domagalla den Lift. Auf seinem Zimmer angekommen entnahm er der Minibar ein Perrier und stürzte das eiskalte Wasser fast in einem Zug herunter. Mit dem Rest gurgelte er einmal kräftig nach. Jetzt fühlte er sich schon ein wenig besser. Aber an Schlaf war nicht zu denken. In vier Stunden musste er sich bei Dr. Gründlich melden. Gedankenverloren saß der große schwere Mann auf der Bettkante und starrte auf den toten TV Bildschirm. Wie konnte all das nur passieren?

Wie konnte er Dr. Gründlich davon überzeugen trotz aller Rückschläge den Kampf fortzusetzen? Aber welche Argumente konnte er seinem Dienstherrn noch liefern? Gisbert grübelte und seine Stirn verwandelte sich in ein einziges Faltenmeer. Die nächste Pokerrunde fand in 14 Tagen im Sylter Hof in Westerland auf Sylt statt. Und unter 15.000 € Einsatz brauchte man da gar nicht erst anzutanzen. Kleine Schweißperlen zierten seine Stirn. Immerhin, ein Ass hatte er noch im Ärmel: Fifi die Ratte!

Lange hatte Gisbert eine heiße Dusche nicht mehr so genossen wie an diesem frühen Morgen. Es war ihm als ließe sich mit einem Mal all der Dreck und die Verlogenheit seines Geschäfts abspülen und er starrte auf den Abfluss in dem der Reinigungsprozess vermeintlich sein Ende fand. Nach einer guten halben Stunde fühlte sich Gisbert wieder frisch genug um Dr. Gründlich die Stirn zu bieten.

Er bestellte beim Room Service eine Kanne Kaffee schwarz, einen frisch gepressten Orangensaft, ein Sandwich mit Leberwurst und zog sich schweigend wieder an.

Es klopfte und eine dunkelhäutige Schönheit mit traurigen Augen brachte ihm das, was er vor ein paar Minuten bestellt hatte. Domagalla gab ihr ein großzügiges Trinkgeld, denn er wußte beim Stundenlohn hörte Integration auf. Das Zimmermädchen deutete einen Knicks an, hauchte Merci und verschwand so lautlos wie sie gekommen war.

Der Kaffee tat gut und auch das Sandwich war sein Geld wert. Bevor Gisbert das Zimmer verließ, befreite er “Angie“ aus dem Minisafe und steckte sie in das leere Holster.

Wie ein Tiger im Käfig ging Kommissar Domagalla unruhig in seinem Hotelzimmer auf und ab. Dann blieb er plötzlich stehen, drückte Dr. Gründlichs Düsseldorfer Nummer in sein Handy und war wild entschlossen sich nicht die Butter vom Brot nehmen zulassen. Es dauerte ein paar Sekunden bis abgenommen wurde und das vertraute schnarrende “Gründlich“ an sein Ohr drang.

Domagalla hier, antwortete Gisbert, es ist alles schief gelaufen was nur schief laufen konnte! Am anderen Ende herrschte ungewohnte atemlose Stille. Kurz und präzise, ohne die gestrigen Ereignisse auszuschmücken, schilderte Gisbert seinem Dienstherrn das Geschehene. Es blieb still, als könnte sein Vorgesetzter nicht glauben was er da hörte. Entgegen allen Gepflogenheiten stieß Dr. Gründlich ein eher sanftes „Ach du Scheiße!“ aus und schob ein „Und was nun?“ hinterher. Gisbert´s Plan Fifi die Ratte auszuquetschen klang überzeugend, aber das Sylter Rendezvous erforderte frisches Geld und musste erst von ganz Oben abgesegnet werden. Dr. Gründlich gab das O.K. für Santa Fu und wollte sich um das Geld kümmern. Gisbert verkniff es sich seinem Chef noch einen schönen Tag zu wünschen und beließ es bei einem unverfänglichen „Bis die Tage!“ Einer alten Gewohnheit folgend schaute er auf sein linkes Armgelenk und starrte immer noch ungläubig auf die weiße nackte 40 mm große Stelle, die normalerweise seine Daytona verdeckte. Gisbert Domagalla entfuhr ein tiefer Seufzer, der seinem schmerzlichen Verlust Rechnung trug.

Jetzt galt es schleunigst wieder den Kopf frei zu kriegen. Entspann dich Alter, komm wieder runter motivierte er sich selbst. Es war noch genug Zeit bis zur Abfahrt des ICE nach Hamburg. Das reichte noch für seinen Museumsbesuch. Das Wiesbadener Museum war in der Friedrich Ebert Allee. Dies war der ideale Ort für einen Augenblick abzuschalten und der Realität des Alltags zu entfliehen.

Allein die großen weißen Räume mit den hellen Holzfußboden bildeten einen wohltuenden Kontrast zu all dem Goldprotz der Blauen Villa. Die Arbeiten von Alexej von Jawlensky waren großzügig gehängt, so das jede Arbeit genug Freiraum zum Atmen hatte. Die Ausstellung zeigte einen wirklich gelungenen Querschnitt des künstlerischen Schaffens des russisch-deutschen Meisters. Das Selbstbildnis mit Zylinder von 1904, Helene im spanischen Kostüm, das Stillleben mit bunter Decke und auch sein letztes Selbstbildnis. Es zeigt den Kopf des Künstlers symbolisch so gestaltet, als wäre sein Gesicht die Farbpalette mit all den in seiner Schaffenszeit von ihm verwendeten glutvollen, leuchtenden Farben. Der Museumsbesuch hatte Gisbert gut getan. Er schloss diesen Kunstgenuss mit einem Besuch im Cafe Jawlensky ab. Ein italienischer Kaffee und ein leckerer Imbiss waren genau das, was ihm jetzt noch fehlte. Beides war köstlich. Dabei stellte er sich vor, wie der Meister wohl ein Stillleben von seiner “Angie“ auf dem Nachtisch gemalt hätte. Wäre es wohl ausnahmsweise ein Bild mit schweren Farben geworden? Oder vielleicht doch in bunt? Gisbert tat das, was er lange nicht gemacht hatte: Er musste heimlich schmunzeln. „Na geht doch, alter Junge“, sagte er zu sich im Stillen und zahlte. So wohl hatte sich Kommissar Gisbert Domagalla lange nicht mehr gefühlt.

***

Aus welchen Gründen auch immer, die erste Klasse im ICE nach Hamburg war gähnend leer. Gut dem Dinge, dachte sich Domagalla, dann kann ich mir ja noch eine Mütze Schlaf gönnen.

Als er wieder aufwachte durchfuhren sie gerade das Rheintal. Das Abteil hatte sich inzwischen zur Hälfte gefüllt und die Mehrzahl der Mitreisenden döste vor sich hin oder hackte hektisch die angefallenen Hausaufgaben in ihre Laptops. Gisbert starrte stumm in die rabenschwarze Nacht. Die Dunkelheit wurde nur ab und zu von den Positionslichtern der vorbeifahrenden Lastschiffen aufgehellt, die wie es schien in der Ferne einsam auf den Wellen tanzten. Für die Schärfung der Sinne, war es ein guter Tag gewesen. Doch es fehlte noch das Sahnehäubchen ...

In Oldenburg hatte Gisbert sich einen Krimi gekauft. Jetzt, da es bis Hamburg noch ein paar Stunden dauern würde, war es doch die Gelegenheit wieder einmal entspannt in das literarische Reich des Bösen abzutauchen. Die Kurzbeschreibung auf der Rückseite des Buches „Ladehemmung“ von Karsten Rauchfuß versprach beste Unterhaltung: Ein Fremder taucht auf und behauptet, das sein Vater ein Auftragskiller gewesen sei und das Jan nicht nur das Haus seines Vaters, sondern auch dreiausstehende Auftragsmorde geerbt habe ... Was für ein Erbe!

Mit wachsender Begeisterung las Gisbert den Kriminalroman und kam erst zum Showdown als zu seiner Rechten die Markthallen im Nebel auftauchten. Auf der anderen Seite schimmerte stolz im Licht der aufgehenden Sonne das neue Wahrzeichen der freien Hansestadt Hamburg mit seiner einzigartigen Fassade. Aus dem 750 € Millionengrab sollten in zwei Jahren fröhlichere Töne klingen, als bislang die Kritiker der Elbphilharmonie verlauten ließen.

Lange hatte sich Kommissar Domagalla nicht mehr an einem Morgen so gut gefühlt. Ein Grund mehr den Taxistand links liegen zulassen um am Glockengießerwall vorbei an der Kunsthalle in Richtung Außenalster zu gehen. Nach circa 500 Metern erreichte er sein Ziel. Das Hotel Atlantic war eine vorzügliche Adresse für den, der es sich leisten konnte. Das Personal war absolut diskret! Denn der Direktion war es im Prinzip egal wer im Atlantic wohnte! Wichtig war, das der Gast sich diesen Luxus leisten konnte, bezahlte und möglichst nicht den Lauten machte.

Gisbert steuerte auf die Rezeption zu und erwiderte das freundliche Guten Morgen mit einem nicht minder freundlichen: „Domagalla, für mich ist reserviert.“ Der Empfangschef schaute suchend in seinem Computer nach, runzelte die Stirn und beugte sich leicht dem Kommissar entgegen. Dann flüsterte er: Es tut mir leid, Herr Domagalla! Dr. Gründlich hat die Buchung gestern Abend storniert.

Aber er hat Ihnen diese Nachricht hinterlassen. Etwas verlegen, ohne Hoffnung auf ein Trinkgeld, schob er Gisbert einen gefalteten Zettel über die Theke. Gisbert las: „11 Uhr im Seemannsheim am Michel.“ Gisbert murmelte Danke, schob ein leises kaum vernehmbares „verdammte Dackelkacke“ hinterher und verließ sichtlich verärgert die Lobby der Nobelherberge.

Es tat gut wieder an der frischen Luft zu sein und dieser für ihn so unangenehmen Situation nicht länger ausgesetzt zu sein. Wenn das Geld so knapp ist, dann sparen wir eben konsequent und gehen zu Fuß. Es war noch früh genug. Bis zum Michel, das war locker zu schaffen!

Langsam öffneten die Geschäfte und hanseatische Betriebsamkeit setzte ein. Nach einer Weile entdeckte Domagalla ein An- und Verkaufsgeschäft mit einer bemerkenswerten Uhrenauslage. Einige alte Dugena- und Junghansuhren lagen leicht angestaubt im Fenster. Dazu eine kleinere Kollektion Swatch Uhren älteren und jüngeren Datums. Seit dem Wiesbadener Debakel war Gisbert`s Arm blank. Sicherlich, Uhren standen und hingen überall! Aber seit seiner Konfirmation trug Gisbert ohne Unterbrechung eine Uhr am linken Handgelenk. Neugierig betrat er das Geschäft im Souterrain.

Der Inhaber sah aus wie ein 68 iger, den die Revolution irgendwie vergessen hatte und anscheinend hatte

er ein gestörtes Verhältnis zu Frisören. Er drehte sich wohl gerade die erste Tüte des Tages und begrüßte Gisbert mit einem freundlichen Moin, schauen sie sich ruhig um ...

Unter dem vielfältigen Uhrenangebot war auch eine Swatch Blacky mit einem silbernen Milanese Armband. Das Zifferblatt war in Schwarz gehalten, mit roten und weißen Akzenten und bot alle Chronographenfunktionen. Die Blacky hatte ein maskulines Design und kostete neu 140 €. Wieviel? Der 68iger nahm die Swatch in die Hand, hielt sie unter die Schreibtischlampe, begutachtete das Gehäuse von beiden Seiten und legte sie wieder zurück auf den Tresen. Sie hat zwei kleine Kratzer, aber technisch ist sie o.k. Sagen wir 45 ? 40 wäre für mich o.k.! O.k. machen wir es. Sie gaben sich nach alter hanseatischer Sitte die Hände und Gisbert´s Handgelenk war nicht mehr nackt.

Quittung? Gisbert schüttelte den Kopf und legte die zwei blauen Scheine hin. Sicherlich war die Blacky kein Ersatz für seine geliebte Daytona, aber sie fühlte sich gut an.

Domagalla verließ den kleinen Laden und machte sich wieder auf den Weg. Das Seemannsheim lag in der Krayenkampstraße 5 unterhalb des Michels. Gerade als er den Eingangsbereich betrat, kriegten sich ein Gruppe Phillipinos und Schwarzafrikaner heftig in die Haare. Dank dem Hotelpersonal, das mehrsprachig war wurde es schnell wieder leiser und alle diskutierten in einer angemessenen Lautstärke weiter. Dr. Gründlich saß entnervt im Speisesaal und starrte auf seine leere Kaffeetasse. Seine Miene hellte sich ein wenig auf, als er Gisbert erblickte. Domagalla, da sind sie ja endlich! Reflexartig schaute Gisbert auf seine neue Errungenschaft. Es ist 5 vor 12°°! “Ja, ja ich freue mich ja nur! Hätte sie auch lieber in der Atlantic Bar getroffen und auf Staatskosten mit ihnen einen guten Weinbrand getrunken. Aber das können wir alles in die Tonne kloppen. Wir haben das Geld nicht bekommen. Staatssekretär Dr. Schaafzahn hat mir gesagt, wir sollen uns das Geld im Berg abhacken. Tut mir echt leid!“ “Und nun?“ “Ich könnte noch eines versuchen: Mit dem Minister persönlich zu sprechen. Aber der kommt erst nächste Woche aus Bogota zurück.“ “Verdammte Dackelkacke“ entfuhr es Gisbert schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Dabei hatte er sich in der Silvesternacht fest vorgenommen das mit dem Fluchen nachzulassen. Was sollen die Jungs von mir denken? Freitag ist Rumble in the Jungle auf Sylt. Tja, mein Lieber, ohne Moos nix los! Aber es muss doch eine Lösung geben. “Ich hätte da was ... Sie bekommen Freitagnacht einen Herzinfarkt! Nehmen sie sich hier für lausige 75 Mäuse ein schönes Doppelzimmer mit Blick auf den Michel und ruhen sich erst einmal richtig aus. Die Bibliothek im Haus soll sehr gut sein! Viel Seemannsgarn! Ha ha! Vorher können sie ja noch Fifi besuchen. Dann sehen wir am Montag weiter. Was halten sie davon?“ Gisbert wiegelte ab. Abgesehen davon, das er seinen „Genesungsurlaub“ lieber im Antlantic mit Blick auf die Außenalster verbracht hätte, war der Plan nicht schlecht. Außerdem hätte er dann immer eine gute Ausrede, wenn es darum ging seinen Rüssel nicht in den Schnee zu tauchen.

“So machen wir es! Einen Versuch ist es wert! Wer ruft auf Sylt an? Frau Barkemayer! Die mit den dicken Titten? Ja, die mit den dicken Titten. Grüßen sie sie von mir! Die Barkenmayersche oder die dicken Titten? Alle drei!“ Die beiden Männer lachten, wie Männer eben lachen, wenn sie sich wieder einmal dümmlich benommen hatten. Dann versuchte Dr. Gründlich noch abschließend sein oftmals schroffes Benehmen zu entschuldigen, doch Gisbert meinte nur: „Ist schon o.k, es läuft eben nicht gut für uns!“ Dann musste sich der Doktor sputen, er wollte noch unbedingt den Flieger nach Düsseldorf erwischen.

Jetzt war es Zeit für ein Mittagessen. Wenn schon unter Seemännern, dann musste es auch Fisch sein. Bratkartoffeln, Rollmöpse und ein eiskaltes Astrabier, damit die Rollmöpse gut schwimmen konnten. Das war es, was er jetzt brauchte. Das Essen war so gut, als stände Muttern in der Küche.

Zum Nachtisch gab es leckere grüne Götterspeise. Gisbert war sich ganz sicher: Das stand heute nicht auf dem Speiseplan im Atlantic! Da schon eher so etwas wie: Gedünsteter Seeteufel, mit einem Klacks Soße, deren Name er nicht einmal aussprechen konnte. Es war schon ein großer Spagat zwischen der Welt aus der Gisbert Domagalla kam und der Welt in der er sich jeden Tag bewegte.

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