Kolfinnas Traum - Lilja Hindahl - E-Book

Kolfinnas Traum E-Book

Lilja Hindahl

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Beschreibung

Die junge Islandponystute Kolfinna träumt vom Fliegen, seit sie denken kann. Als sie von den fliegenden Rentieren des Weihnachtsmannes erfährt, begibt sie sich kurzentschlossen ins Weihnachtsreich. Dort darf sie tatsächlich Flugstunden nehmen! Doch die Rentiere sind alles andere als begeistert von Kolfinnas Plänen. Die Plätze vor dem Weihnachtsschlitten sind hart umkämpft und sie versuchen mit allen Mitteln, Kolfinna aufzuhalten. Bald ist ihr Traum in großer Gefahr. Nur Rentier Schneeflocke und Trollfrau Yuma stehen Kolfinna zur Seite. Gemeinsam fassen sie einen hochgeheimen und gefährlichen Plan. Wird ihr fester Glaube an das Unvorstellbare dafür sorgen, dass Kolfinnas Herzenswunsch in Erfüllung geht?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zum ersten Mal nach unzähligen stürmischen und bitterkalten Wintertagen stand die Sonne am Himmel über Nordisland und ließ ihre Strahlen auf eine große Ponyherde fallen. Kolfinna, eine junge Rappstute mit eisblauen Augen, genoss die milde Luft und die friedlich-schläfrige Atmosphäre um sich herum. Zufrieden rupfte sie büschelweise dunkelgrünes Gras aus der feuchten Erde. Die meisten anderen Ponys grasten ebenfalls oder machten ein Vormittagsschläfchen. Nur in der Ferne tobten ein paar Fohlen. Erst wenige Tage zuvor war die Herde von ihren Menschen in die Berge gebracht worden, wo sie die helle Jahreszeit wie jedes Jahr frei und wild verleben durfte. Mit einem warmen Gefühl dachte Kolfinna an die Kaisers zurück. Ihre Menschenfamilie hatte ihnen zum Abschied liebevoll die Hälse getätschelt und jedem von ihnen einen saftigen Apfel gegeben. Wie köstlich dieser Apfel gewesen war …

Fast wäre Kolfinna eingedöst, da zupfte sie etwas am Schweif. Vor Schreck sprang sie in die Luft.

»Snegla!«, rief Kolfinna erleichtert, als sie den Grund für das Zupfen erkannte. Hinter ihr standen Brella und Snegla, ihre besten Freundinnen.

»Spielst du mit uns Fangen?«, quiekte Brella und scharrte übermütig mit dem Huf.

Kolfinna ließ ihren Blick zwischen dem Gras und ihren Freundinnen hin- und herwandern. »Na gut«, seufzte sie und warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Gras, in dem die Tautropfen verlockend glitzerten. Wie winzige Diamanten hafteten sie an den grünen Halmen.

»Fang mich doch!«, rief Snegla, keilte prustend und schnaubend nach hinten aus und buckelte los.

Brella lief in eine andere Richtung. Kolfinna überlegte kurz, dann folgte sie Snegla, die in einem wilden Zickzack über die Wiese jagte. Eine unbändige Freude über die Bewegung durchströmte ihren Körper. Schließlich versperrte ein Felsbrocken Snegla den Weg und sie musste einen Umweg nehmen.

Das war die Gelegenheit. Kolfinna holte auf. »Gefangen!«, rief sie und stupste Snegla leicht in die Kruppe.

Auch Brella kam angetrabt. Glücklich ließ sich Kolfinna zwischen ihren Freundinnen ins Gras plumpsen und stieß ein Wiehern aus.

Es war Frühling und Kolfinna liebte den Frühling. In dieser Jahreszeit blühte alles und das saftige grüne Gras wuchs und wuchs. Sie sah in den blauen Himmel und stellte sich vor, wie es wäre, diese farbenfrohe Pracht von oben zu betrachten.

»Wenn ich doch nur fliegen könnte!«, sagte sie leise zu sich selbst. Sehr leise. Niemand sollte es hören. Aber Brellas Ohren entging nichts.

»Du weißt doch, dass Ponys nicht fliegen können«, seufzte sie. »Das haben wir dir schon hundert Mal erklärt.«

»So? Dann werde ich einfach das erste fliegende Pony sein«, flüsterte Kolfinna. Und diesmal hörte Brella sie nicht.

Kolfinna träumte vom Fliegen, solange sie sich erinnern konnte. Die anderen Ponys der Herde belächelten sie oft deswegen, sogar ihre besten Freundinnen Brella und Snegla.

Auch jetzt, als die Herde sich am Abend im Schatten eines riesigen Felsens versammelte, dachte Kolfinna daran, wie schön es sein musste, den Felsen und die hügeligen Wiesen weit unter sich zu lassen. Wie ihre Herde wohl von dort oben aussehen würde? Kolfinna blickte sich um.

Ein wenig entfernt von den anderen stand der Eigenbrötler Kinnar. Kolfinna fragte sich, was ihn dazu brachte, sich so oft abseits der Herde aufzuhalten. Rechts von ihr hatten sich die älteren Pferde versammelt und erzählten den Jungpferden gruselige Geschichten aus ihrem Leben. Kolfinna ging zu ihnen hinüber, legte sich zu ihrer schneeweißen Schwester Perla und hörte gespannt zu.

»Es war eine tiefschwarze Nacht. Ich war damals noch ein Fohlen, so wie ihr«, begann Blár, eine uralte blaugraue Stute. »Bevor ich schlafen ging, wollte ich noch einen Spaziergang machen. Ich kannte jeden Hügel und jeden Stein in der Umgebung, doch an diesem Abend verlief ich mich trotzdem. Der Mond schien nicht. Es war neblig. Doch das war nicht das Schlimmste: Es war ein scheußliches Geheul und Gewimmer zu vernehmen. Nachdem ich eine ganze Weile nach der Quelle dieser grausigen Geräusche Ausschau gehalten hatte, trat hinter einem großen Findling eine blasse Gestalt hervor – eine Gestalt ohne Kopf! Den hielt der Geist, oder was immer das für ein Wesen war, in der einen Hand, in der anderen hielt er ein Messer! Die Klinge glänzte im Mondlicht …«

»Der Mond schien doch gar nicht!«, rief ein kleines Fohlen vorwitzig.

Doch die anderen Jungpferde, die Blár gespannt an den Lippen hingen, straften es mit mörderischen Blicken.

»Ihr wisst ja: Ich kenne keine Angst, und so griff ich an. Schon bald floh die gehetzte Seele!«, beendete Blár ihre Geschichte mit einem zufriedenen Blick in die Runde.

Kolfinna spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Mit einem kräftigen Schnauben schüttelte sie ihn ab. Natürlich wusste sie, dass Blár leidenschaftlich übertrieb, und doch zogen ihre Geschichten sie in ihren Bann.

»Mir ist etwas viel Spannenderes passiert«, sagte da die nebelweiße Hula lässig. Doch als Kolfinna genau hinsah, erkannte sie an Hulas Fell, dass sie zitterte. Mit geheimnisvoller Stimme begann Hula zu erzählen: »Ich trabte eines Nachts durch eine Vulkanlandschaft, als ein Troll mir den Weg versperrte …«

»Pfff … das soll schauderhaft sein?!«, unterbrach Blár sie verächtlich.

»Ich war doch noch gar nicht fertig!«, protestierte Hula.

Kurze Zeit später waren die beiden in einen heftigen Streit verstrickt. An Geschichten war nicht mehr zu denken.

Kolfinna war ohnehin müde. Sie lauschte Perlas gleichmäßigem Atem und schlief dabei rasch ein. In ihren Träumen begegnete ihr ein kopfloser Geist mit einem Troll unter dem Arm. Doch Kolfinna fürchtete sich nicht. Denn sie wusste, dass sie nur zu fliegen brauchte, um jeder Schreckensgestalt zu entkommen. Sie galoppierte an und schwang sich in die Lüfte. Immer höher und immer weiter flog sie – bis sie schließlich den Mond erreichte.

Am nächsten Morgen war Kolfinna bester Laune. Sie fühlte sich glücklich und frei – beinahe so, als würde sie immer noch durch die Nacht schweben.

»Guuuten Mooorgen!«, rief sie überschwänglich.

»Muss das sein?«, keifte Lumbra, die immer etwas zu nörgeln hatte.

Auch die anderen Ponys sahen genervt auf, grunzten, drehten sich um und schliefen weiter.

Doch nicht lange. Als Kolfinna gerade ihr zweites Frühstücksgrasbüschel verspeiste, erhob Leitstute Blunda ihre Stimme: »Guten Morgen«, wieherte sie und auf einen Schlag war die ganze Herde hellwach.

Eigentlich passten die Namen, die die Menschen in Island ihren halbwilden Pferden gaben, gut zu den Ponys, aber Blunda bildete eine Ausnahme. Ihr Name bedeutete so viel wie »die Schläfrige«. Doch die Leitstute war ganz besonders wachsam. Und obwohl sie eine große Gelassenheit ausstrahlte und immer die Ruhe bewahrte, war sie ganz bestimmt nicht schläfrig.

»Es ist an der Zeit, den Frühlingshügel zu besuchen«, verkündete Blunda nun feierlich. »Das Gras ist dort nun besonders schmackhaft und ich werde mir diese Köstlichkeit auf keinen Fall entgehen lassen.«

Vorfreude auf den Ausflug erfüllte Kolfinnas Brust. An Brellas und Sneglas Seite galoppierte sie mitten in der aufgeregten Herde zum Frühlingshügel. Dort angekommen, verbrachten die Freundinnen den Tag damit, das Gelände zu erkunden. Brella entdeckte einen Bach mit klarem Wasser, dem sie auf der Suche nach seiner Quelle immer höher hinauf folgten. Sie waren gerade dabei, den Gipfel des Hügels auszukundschaften, als die Sonne als orangefarbene Kugel am Horizont unterging. Der Himmel färbte sich in einer wunderbaren Mischung aus Hellrosa, kräftigem Orange und Glutrot. Es sah so wunderschön aus, dass Kolfinna sich nicht losreißen konnte.

Glücklich sah sie zu dem orangefarbenen Ball und dachte wieder ans Fliegen. Sie stellte sich vor, wie sie neben Snegla und Brella in Richtung Sonnenuntergang schwebte.

»Wir müssen uns auf den Rückweg machen«, unterbrach Brella ihren Tagtraum.

»Meinst du, Blunda würde uns erlauben, die Nacht hier zu verbringen?«, überlegte Snegla.

»Eine herrliche Idee«, begeisterte sich Kolfinna.

»Sicher dürfen wir das nicht«, zweifelte Brella, vernünftig, wie sie war.

»Ich überzeuge Blunda schon«, versicherte Snegla.

Und was Snegla sich in den Kopf setzte, erreichte sie für gewöhnlich auch.

Kolfinna kam ein glücklicher Gedanke: »Hier oben bin ich dem Himmel ein Stückchen näher.«

»Geht doch ein bisschen langsamer«, bat Hula und versuchte schnaufend, mit Kolfinna, Brella und Snegla Schritt zu halten.

Blunda hatte ihnen die Übernachtung auf dem Frühlingshügel nur unter der Bedingung erlaubt, dass eines der erwachsenen Pferde bei ihnen blieb. Hula liebte Abwechslung und hatte sich gern bereit erklärt, die drei Jungpferde zu begleiten.

»Blunda hatte recht!«, schmatzte Brella. »Hier schmeckt das Gras wirklich besonders gut.«

Sie waren mittlerweile wieder bei der kleinen Wiese auf der Spitze des Hügels angelangt.

Während Hula, Brella und Snegla über das köstliche Gras plauderten, stand Kolfinna am Rande des Hügels und blickte sehnsüchtig zum Himmel hinauf. Der volle Mond sah aus wie ein aus glitzerndem Silber gegossener Taler.

Wenn ich erstmal fliegen kann, sehe ich den Mond ganz aus der Nähe, dachte Kolfinna und versank in den schönsten Träumen.

Mitten in der Nacht schreckte Kolfinna hoch. Neben ihr lagen Brella und Snegla im Tiefschlaf. Die Nacht war beinahe sternenklar. Nur wenige Wolken zogen über den Himmel und das leise Schnarchen ihrer Freundinnen war das einzige Geräusch weit und breit.

Kolfinna lauschte. Fast das einzige Geräusch. Ganz in der Nähe war leises Hufgetrappel zu hören. Dumpf hallte es durch die stille Nacht. Jetzt war Kolfinna endgültig wach. So leise es ging, sah sie sich auf der Kuppe des Hügels um. Am anderen Ende der Wiese reihten sich einige Felsbrocken aneinander. Hinter dem größten dieser Felsen vernahm sie nun ein Murmeln. Vorsichtig trat Kolfinna näher heran. In diesem Moment wurde das schimmernde Licht des Mondes von einer großen Wolke verschluckt. Es war so düster, dass sie ihren eigenen Huf nicht erkennen konnte. Dafür hörte sie die Stimme jetzt ganz deutlich: »Der Biss des Dämons hatte deutliche Spuren hinterlassen. Die Wunde war groß und das Blut lief in breiten Rinnsalen mein Fell hinunter. Mir blieb nur eine Möglichkeit: Ich musste den finsteren Wald durchqueren, um an die seltene Heilpflanze zu kommen … mhm … mhm … Das klingt wohl zu ausgeschmückt. Was meinst du?«

Kolfinna lugte hinter den Felsen, aber es war so dunkel, dass sie nur den Umriss eines Pferdes erahnen konnte. Mit wem unterhielt es sich? Kolfinna wartete, bis die Wolke mehr Mondlicht durchließ, und sah noch einmal hinter den Felsen.

»Hula!«, stieß sie überrascht aus, und noch im selben Moment biss sie verärgert die Zähne zusammen. Jetzt hatte sie sich verraten!

Hula hob erschrocken den Kopf und kam hinter dem Felsen hervor. Kolfinna drückte sich so eng es ging an das Gestein, aber Hula entdeckte sie trotzdem.

»Kolfinna, was machst du denn hier?«, fragte sie ertappt.

»Was machst du hier?«, fragte Kolfinna zurück.

»Das geht dich nichts an. Außerdem bist du doch bestimmt müde. Schlaf noch eine Runde«, sagte Hula.

»Mit wem denkst du dir eigentlich deine Geschichten aus?«, erwiderte Kolfinna. »Hier ist doch niemand!«

»Hmmpf«, brummte Hula und wisperte dann leise: »Ich erzähle sie dem Mond …«

Jetzt erschien Kolfinna Hula noch verschrobener als zuvor. Mitten in der Nacht versteckte sie sich hinter Felsen, um sich mit dem Mond Gruselgeschichten auszudenken. Aber sie hatte auch Mitgefühl mit der älteren Stute. Sicher übte Hula heimlich, um die anderen Pferde mit ihren Geschichten zu beeindrucken.

»Wenn du nicht der ganzen Herde verrätst, was ich dir jetzt erzähle, erkläre ich dir alles. Komm mit.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand Hula wieder hinter dem Felsen. Kolfinna folgte ihr.

»Mein ganzes Leben lang wollte ich ein Abenteuer erleben, bei dem ich meinen Mut beweisen kann. Ich habe mich sogar absichtlich nachts in finsteren Schluchten verlaufen. Doch auch dort ist nie etwas passiert, das spannend genug für eine Geschichte war. Also denke ich mir Abenteuer aus. Das geht am besten an unheimlichen Orten wie diesem hier, da werden sie am gruseligsten. Ich muss einfach eine bessere Geschichte als Blár haben«, gestand Hula. Sie senkte den Kopf. »Und weißt du, was das Ärgerlichste daran ist? Ich habe wirklich mal etwas richtig Spannendes erlebt.« Hulas Stimme wurde zu einem Flüstern. Verschwörerisch rückte sie etwas näher an Kolfinna heran. »An Heiligabend vor 16 Jahren bin ich dem Weihnachtsmann begegnet. Nur glaubt mir das keiner.« Hula seufzte traurig.

»Wer ist der Weihnachtsmann?«, fragte Kolfinna. Von den Kaisers wusste sie, dass in der Winterzeit dreizehn Weihnachtstrolle in Island ihr Unwesen trieben. Sie stibitzten Leckereien und ließen im Gegenzug kleine Geschenke für die Menschen da. Von einem Weihnachtsmann hatte Kolfinna noch nie gehört.

Hula holte tief Luft. Dann erklärte sie: »Der Weihnachtsmann verteilt an Weihnachten in vielen Ländern der Welt Geschenke an die Kinder. Er trägt einen roten Mantel und eine rote Hose. Sogar seine Mütze ist rot, mit einem weißen Bommel obendrauf.«

Kolfinna dachte nach. »Ich habe letzten Winter kein Geschenk von ihm bekommen!«, stellte sie empört fest. »Dabei bin ich doch auch ein Jungpferd!« Mit einem wütenden Schnauben schüttelte sie den Kopf.

»Nun ja, soweit ich weiß, bekommen nur Menschenkinder Geschenke vom Weihnachtsmann«, sagte Hula.

Kolfinna ärgerte sich noch eine kleine Weile. Dann fragte sie, wie der Weihnachtsmann die Geschenke verteile.

»Als ich ihm begegnet bin, machte er gerade eine kurze Pause auf seinem Weg Richtung Süden. Er saß in seinem Rentierschlitten, wünschte mir frohe Weihnachten und überreichte mir einen ganzen Sack voller Äpfel. Er machte wohl eine Ausnahme, indem er mich als Pferd beschenkte. Wir unterhielten uns eine Weile. Anders als andere Menschen, kann der Weihnachtsmann jedes Tier verstehen. Dasselbe gilt für seine Wichtel, die mir neugierige Fragen stellten.

---ENDE DER LESEPROBE---