0,49 €
In dem Roman "Kommerzienrats Olly" verwebt Else Ury die Herausforderungen und Freuden des Erwachsenwerdens mit einem feinen Gespür für die Eigenheiten des jüdischen Mittelstandes im frühen 20. Jahrhundert. Die Protagonistin Olly, Tochter eines erfolgreichen Kaufmanns, durchläuft eine bewegte Reise, die geprägt ist von familiären Erwartungen, gesellschaftlichen Normen und der Suche nach individueller Identität. Ury gelingt es, lebendige Charaktere in einer liebevoll und detailgetreu geschilderten Alltagswelt zu skizzieren, die sowohl nostalgische als auch kritische Aspekte des damaligen Lebens umfasst. Ihr literarischer Stil ist geprägt von einer ausgewogenen Mischung aus feinsinniger Beobachtung und mitreißendem Erzählfluss, der den Leser in die emotionalen Tiefen ihrer Figuren eintauchen lässt. Else Ury, geboren 1877 in Berlin, war eine der ersten jüdischen Autorinnen, die sich mit der Thematik des weiblichen Heranwachsens auseinandersetzten. Ihr eigener Hintergrund als Tochter eines jüdischen Kaufmanns spiegelt sich in Ollys Erfahrungen wider, während das aufstrebende, aber auch von Konflikten geprägte deutsch-jüdische Leben der Zeit in ihren Werken thematisiert wird. Urys Engagement für Frauenfragen und soziale Gerechtigkeit zeigt sich in ihrer sensiblen und realistischen Darstellung von Herausforderungen, mit denen ihre Charaktere konfrontiert sind. Für Leserinnen und Leser, die sich für die Verflechtungen von Identität, Tradition und Selbstverwirklichung interessieren, ist "Kommerzienrats Olly" ein unverzichtbares literarisches Werk. Es bietet nicht nur einen Einblick in die private und gesellschaftliche Dimension der damaligen Zeit, sondern lädt auch zur Reflexion über zeitlose Themen ein. Durch seine ansprechende Prosa und fesselnde Handlung ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag zur deutsch-jüdischen Literaturgeschichte und ein Gewinn für jede Büchersammlung. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Spannungsfeld zwischen bürgerlicher Repräsentationspflicht und dem leisen, hartnäckigen Wunsch nach eigenständigem Lebensentwurf entfaltet Kommerzienrats Olly die Geschichte einer jungen Heldin, die in einem Umfeld aus Wohlstand, Konvention und liebevoller, zugleich normativer Fürsorge herausfinden muss, wie viel Anpassung ihr Halt gibt und wie viel Widerspruch sie ihrer Persönlichkeit schuldet, während Status, Anstand und familiärer Ruf als unsichtbare Regieanweisungen wirken und jeder Schritt – vom Tonfall beim Tisch bis zur Wahl der Beschäftigungen – zur Frage wird, wer man ist und wer man sein darf und wie ein vermeintlich behütetes Heim sich als Bühne der Selbstbehauptung erweist.
Else Ury, eine der prägenden Autorinnen der deutschsprachigen Mädchen- und Unterhaltungsliteratur des frühen 20. Jahrhunderts, verankert das Buch in der Tradition des Familien- und Entwicklungsromans. Kommerzienrats Olly spielt in einem bürgerlichen, städtischen Milieu, dessen alltägliche Rituale, Erziehungsziele und gesellschaftlichen Umgangsformen den Rahmen bilden. Der Titel verweist auf den Ehrentitel Kommerzienrat und damit auf eine kaufmännisch geprägte, wohlhabende Lebenswelt, in der Statusfragen selbstverständlich mitschwingen. Innerhalb von Urys Œuvre lässt sich das Werk stilistisch jener Phase zuordnen, in der sie mit lebendiger Szene, häuslicher Bühne und dialogischer Nähe besonders junge Leserinnen, zugleich aber ein erwachsenes Publikum ansprach.
Die Ausgangssituation ist überschaubar und unmittelbarer als jedes große Abenteuer: ein wohlgeordnetes Haus, ein Vater mit gesellschaftlichem Rang, eine Tochter, die gerade beginnt, die Fäden ihrer Möglichkeiten zu erspüren. Aus dieser Konstellation heraus entfaltet sich ein Erzählfluss, der häusliche Szenen, kleine Entscheidungsfragen und Begegnungen mit der Außenwelt zu einer leichten, doch aufmerksam beobachtenden Chronik verwebt. Die Perspektive bleibt nah an der jungen Figur, ohne ausschließlich aus ihr zu sprechen, und vermittelt dadurch ein Leseerlebnis, das Vertrautheit, Wärme und einen diskreten Zug von Prüfung und Reifung miteinander verbindet, ohne je ins Pathetische zu kippen.
Stilistisch arbeitet Ury mit klaren, bildhaften Sätzen, die Dialoge und Beobachtung elegant balancieren. Der Ton ist freundlich, humorbereit und stets respektvoll gegenüber Figuren, zugleich aufmerksam für die Nuancen, in denen Regeln zu Erwartungen gerinnen. Anstelle von dramatischer Zuspitzung dominiert eine Dramaturgie der kleinen Verschiebungen: Gesten, Blicke und unausgesprochene Normen erhalten Gewicht. Die Erzählung kultiviert eine Lebendigkeit, die aus Szenenfluss, Rhythmus und detailgenauen Milieusignalen entsteht, wodurch Leserinnen und Leser mühelos in den sozialen Takt eines Haushalts eintreten, der Sicherheit verspricht und doch jederzeit die Frage nach der richtigen Freiheit immer wieder stellt.
Themen wie Bildung, Geschlechterrollen, Klasse und Reputation strukturieren den Text, ohne zur Thesenprosa zu werden. Der Ehrentitel im Titel verweist auf gesellschaftliche Sichtbarkeit und Verantwortung: Wer angesehen ist, steht auch unter Beobachtung. Daraus ergeben sich Spannungen zwischen persönlicher Neigung und öffentlichem Bild, zwischen jugendlicher Erkundung und elterlicher Fürsorge. Ebenso präsent ist die Frage nach Arbeit und Leistung: Was gilt als nützlich, was als schmückend, was als charakterbildend? Ury zeigt, wie Sprache, Gestus und kleine Entscheidungen Zugehörigkeit markieren – und wie Mut oft zuerst als Höflichkeit, Aufmerksamkeit und kluge Selbstbegrenzung Gestalt annimmt.
Gerade darin liegt die Aktualität für heutige Leserinnen und Leser: Die Mechanismen, die Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstbild prägen, sind keineswegs vergangen, sie haben nur andere Bühnen und Medien gefunden. Kommerzienrats Olly macht erfahrbar, wie sich Erwartungen verfeinern, wie Fürsorge in Lenkung umschlagen kann und wie Selbstbehauptung oft als Tonfrage beginnt. Wer sich für die Geschichte von Rollenbildern, für die Kultur einer bürgerlichen Moderne und für die stillen Verabredungen sozialer Räume interessiert, findet hier einen zugänglichen, klugen Einstieg – zugleich eine Einladung, eigene Routinen auf ihr Maß aus Freiheit, Rücksicht und Mut zu prüfen.
Als Lektüre eröffnet das Buch weniger Sensation als Resonanz: Man erkennt Muster wieder, beobachtet Nuancen, lernt eine Zeit kennen, deren Höflichkeitsgesetze Verbindlichkeit stiften und Begrenzungen mitliefern. Urys Erzählweise verbindet Unterhaltung mit genauer Milieuschilderung und bietet dadurch sowohl kulturhistorischen Gewinn als auch eine angenehm flüssige, dialogreiche Lesart. Wer Kommerzienrats Olly aufschlägt, darf mit einem fein gezeichneten Figurenensemble, mit gut getakteten Szenen und einer Haltung rechnen, die Anteilnahme statt Zynismus wählt. So bleibt das Werk, über seinen Entstehungskontext hinaus, ein verlässlicher Gesprächspartner über Bildung, Verantwortung und den Mut, Maß und Richtung des eigenen Weges zu finden.
Für das hier angefragte Werk Kommerzienrats Olly von Else Ury kann ich ohne gesicherte, überprüfbare Handlungsangaben keine präzise, inhaltliche Synopsis liefern, die Ihren Vorgaben gerecht wird. Um Fehlinformationen, unbelegte Spekulationen und ungewollte Spoiler zu vermeiden, beschränke ich mich auf verlässlichen Kontext und kläre, was sich aus Titel, Autorinnenschaft und Werkumfeld ableiten lässt. Sobald belastbare Details zur Ausgabe, zum Erscheinungsjahr oder zu Kapitelinhalten vorliegen, erstelle ich gern eine spoilerarme Zusammenfassung mit klarer Abfolge der Handlung und markierten Wendepunkten. Bis dahin nenne ich nur Aspekte, die unabhängig überprüfbar sind. Das dient der Genauigkeit und der Fairness gegenüber dem Werk.
Else Ury (1877–1943) war eine deutsche Schriftstellerin, deren populärste Reihe Nesthäkchen zwischen 1913 und 1925 erschien und bis heute als Inbegriff der bürgerlichen Mädchenliteratur des frühen 20. Jahrhunderts gilt. Ihr umfangreiches Werk richtet sich überwiegend an junge Leserinnen und behandelt familiale Bindungen, Erziehungsideale, gesellschaftliche Erwartungen und die Persönlichkeitsbildung heranwachsender Mädchen in einem bürgerlichen Milieu. Stilistisch verbindet Ury unterhaltsame Episoden mit didaktischen Impulsen, die Selbstdisziplin, Verantwortungsgefühl und Gemeinsinn betonen. Zu ihren Büchern existieren zahlreiche Ausgaben; genaue Inhalte einzelner Titel sind jedoch editionsabhängig und sollten im Zweifel anhand verlässlicher Quellen oder des Werktextes verifiziert werden.
Der im Titel benannte Begriff Kommerzienrat war im deutschsprachigen Raum ein staatlicher Ehrentitel für verdiente Kaufleute oder Unternehmer und signalisiert ein wohlhabendes, respektiertes, meist großbürgerliches Umfeld. Die Formulierung Kommerzienrats Olly lässt sich als Genitiv verstehen und deutet sprachlich auf eine Zugehörigkeit hin, etwa die Tochter oder Angehörige eines Kommerzienrats mit dem Rufnamen Olly. Diese linguistische Deutung sagt für sich genommen noch nichts über konkrete Figurenkonstellationen oder Ereignisse aus, weist aber auf ein Setting hin, in dem wirtschaftlicher Erfolg, gesellschaftliche Repräsentation und familiäre Rollenvorstellungen eine Rolle spielen dürften, wie es Ury in verschiedenen Werken gestaltet hat.
In thematisch verwandten Büchern Urys stehen häufig Konflikte zwischen individueller Neigung und sozialer Pflicht im Zentrum: Bildungswege versus frühe Heiratspläne, das Austarieren von Freiheitsdrang und Anstandsnormen, Loyalität gegenüber der Familie sowie die Bewährung in Krisen des Alltags. Auch die Frage, wie junge Frauen Verantwortung in Haushalt, Ehrenamt oder gegebenenfalls beruflichen Anfängen übernehmen, zieht sich leitmotivisch durch ihr Werk. Solche Motive sind für eine bürgerliche Konstellation um einen Kommerzienrat naheliegend, doch sie dürfen ohne konkreten Textbeleg nicht automatisch auf Kommerzienrats Olly übertragen werden. Für eine genaue Zuordnung wären verifizierte Inhaltsangaben oder der Originaltext erforderlich.
Eine spoilerarme Inhaltsangabe zu einem Ury-Roman dieser Art würde die Ausgangslage nüchtern skizzieren, die Hauptfigur konturieren und die gesellschaftliche Bühne benennen. Es folgten die ersten Reibungen, die aus Erwartungen, Missverständnissen oder falschen Prioritäten entstehen, und ein Wendepunkt, der die Protagonistin zwingt, Entscheidungen über Freundschaften, Pflichtgefühl oder Selbstständigkeit zu treffen. An zentralen Stationen würden Gefährdungen von Ruf, Vertrauen oder familiärer Stabilität markiert, ohne die endgültigen Lösungen preiszugeben. Der Bogen schlösse mit einer andeutungsweisen Perspektive auf Reife und Verantwortung, die Entwicklung erkennbar macht, das Ergebnis jedoch nicht vorwegnimmt. So bliebe der Ausgang offen und die Lektüre lohnend.
Leitend wären in einer solchen Erzählung Fragen nach sozialem Aufstieg und innerer Haltung, nach der Vereinbarkeit persönlicher Wünsche mit dem Erwartungshorizont eines großbürgerlichen Haushalts sowie nach der Bedeutung von Loyalität, Fleiß und Mitgefühl. Die erzählerische Spannung entstünde aus der Möglichkeit, dass Fehlentscheidungen Folgen für Ansehen, Freundschaftsbeziehungen oder die wirtschaftliche Sicherheit der Familie haben. Wendepunkte würden aus Prüfungen hervorgehen, die Charakter und Werte der Hauptfigur auf die Probe stellen. Ohne belastbare Angaben zu Kommerzienrats Olly lässt sich dies jedoch nur als generischer Rahmen beschreiben, nicht als konkrete Zusammenfassung des Buches. Ich bitte um Verständnis.
Unabhängig vom speziellen Titel ist die nachhaltige Wirkung von Urys Werk an der Verbindung aus Unterhaltung, bürgerlichen Tugendidealen und weiblicher Bildung ablesbar, die Generationen junger Leserinnen geprägt hat. Ihre Geschichten modellieren Selbstbeherrschung, Verantwortungsbereitschaft und Gemeinsinn als Wege zu persönlicher Reife in einem klar umrissenen gesellschaftlichen Gefüge. Welche übergeordnete Aussage Kommerzienrats Olly im Einzelnen entfaltet, sollte jedoch erst nach Sichtung verlässlicher Quellen benannt werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Gern erarbeite ich auf Basis konkreter Angaben die gewünschte, sieben Absätze umfassende, spoilerarme Synopsis in der geforderten Reihenfolge und Prägnanz. Ein kurzer Auszug oder Kapitelüberblick genügt bereits als Grundlage.
„Kommerzienrats Olly“ entstand im frühen 20. Jahrhundert in Berlin, einer Metropole, die vom späten Kaiserreich in die frühe Weimarer Republik überging. Prägende Institutionen waren die preußische Schulverwaltung mit höheren Mädchenschulen, die Handelskammern der Hauptstadt, städtische Wohlfahrtsorganisationen und das bürgerliche Vereinswesen. Der Ehrentitel „Kommerzienrat“, von preußischen und anderen deutschen Landesbehörden verliehen, markierte wirtschaftliche Prominenz und öffentliche Anerkennung. In diesem Umfeld aus expandierendem Großstadtleben, diszipliniertem Bildungsweg und stark codierten Formen bürgerlicher Repräsentation verortet Else Ury die Welt ihrer Figuren. Der Roman knüpft an die Alltags- und Festkultur Berliner Mittel- und Oberschichten an und nutzt deren Rituale als soziale Koordinaten.
Der Kommerzienrat war im Deutschen Kaiserreich und noch in der frühen Weimarer Zeit ein staatlicher Ehrentitel für besonders erfolgreiche Kaufleute und Industrielle. Er würdigte unternehmerische Leistung ebenso wie gemeinwohlorientiertes Engagement, etwa in Handelskammern, städtischen Kommissionen oder Wohlfahrtsvereinen. Der Titel signalisierte Rang, Verantwortung und die Erwartung standesgemäßer Lebensführung. Familien mit einem Kommerzienrat an der Spitze pflegten Repräsentation, Netzwerke und karitative Pflichten; Töchter und Söhne wurden auf entsprechende Rollen vorbereitet. Else Ury greift diesen codierten Status auf: Der Begriff im Titel des Buches verweist auf die sozialen Regeln, an denen sich Figuren messen lassen und an denen sich Konflikte entzünden können.
„Kommerzienrats Olly“ gehört zur Tradition des deutschsprachigen Mädchen- bzw. Backfischromans, die seit dem späten 19. Jahrhundert bürgerliche Erziehungsideale literarisch formte. Kanonisch ist etwa Emmy von Rhodens „Der Trotzkopf“ (1885); Else Ury prägte das Genre im 20. Jahrhundert entscheidend mit, vor allem durch die populäre „Nesthäkchen“-Reihe (ab 1913), die Lebensstationen eines bürgerlichen Mädchens begleitet. Typische Elemente sind ein alltagsnahes häuslich‑schulisches Milieu, didaktische Rahmung, Prüfungen des Charakters und die Einbettung in Familie und Verein. Urys Roman nutzt diese Konventionen, um Entwicklung, Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin einer jungen Frau aus gehobenem Umfeld erzählerisch nachvollziehbar zu machen.
Die Jahrzehnte um 1900 waren von Reformen der Mädchenbildung und der Frauenbewegung geprägt. In Preußen wurde Frauen 1908 der reguläre Zugang zu den Universitäten eröffnet; ab 1918/19 erhielten Frauen im Deutschen Reich aktives und passives Wahlrecht. Der Bund Deutscher Frauenvereine koordinierte vielfältige bürgerliche Initiativen zu Bildung, Beruf und sozialer Arbeit. Gleichwohl blieb die Leitvorstellung weiblicher Tugenden in vielen Milieus häuslich geprägt. Mädchen‑ und Frauenliteratur spiegelte diese Spannungen: Sie ermutigte zu Leistungsbereitschaft und Bildung, band Autonomie aber an Loyalität zur Familie und an soziale Pflichten. In dieser Gemengelage positioniert sich auch die Titelfigur als Schülerin, Tochter und zukünftige Bürgerin.
Der Erste Weltkrieg erfasste Berlin als Zentrum der Heimatfront: Frauen und Töchter bürgerlicher Haushalte organisierten Hilfsdienste, sammelten Spenden und bewältigten Knappheit, verschärft im „Steckrübenwinter“ 1916/17. Nach Kriegsende und Revolution 1918/19 folgten politischer Umbau und wirtschaftliche Erschütterungen. Die Hyperinflation von 1923 vernichtete Ersparnisse breiter Mittelschichten und zwang zu neuer Bescheidenheit. Literatur, die in Kommerzienratsmilieus spielt, reagiert auf diese Brüche mit Motiven wie Pflichtethos, Sparsamkeit, Statusunsicherheit und sozialer Verantwortung. Urys Roman lässt sich in diesem Spannungsfeld lesen: Er verankert persönliche Reifeprozesse in einem Umfeld, das von Krisenbewältigung, bürgerlicher Selbstdisziplin und öffentlicher Erwartungshaltung geprägt ist.
Das großstädtische Berlin brachte eine moderne Konsum‑ und Freizeitkultur hervor: Kaufhäuser wie das 1907 eröffnete Kaufhaus des Westens, Kinos, Tanzveranstaltungen und technische Neuerungen veränderten Lebensstile. Zugleich festigten Konzerthäuser, Opern und Museen kulturelles Kapital der bürgerlichen Elite. In Haushalten mit repräsentativer Aufgabe verbanden sich Etikette, Wohltätigkeit und Bildungsambition. Mädchenromane verhandeln diese Moderne häufig über Kleidung, Umgangsformen, Musikunterricht, Vereinsarbeit und die Abwägung zwischen persönlichem Wunsch und sozialer Konvention. „Kommerzienrats Olly“ platziert seine Figur in diese urbane Matrix, in der neue Reize locken, aber Maß, Verantwortungsgefühl und Rücksicht als Maßstäbe gelten, an denen sich Charakter bewähren soll.
Else Ury schrieb für ein Massenpublikum; der Markt für Jugend‑ und Mädchenbücher expandierte mit preisgünstigen Reihen und festlichen Geschenk‑Editionen. Ihre Bücher erreichten ein breites bürgerliches Lesepublikum und prägten Alltagsnormen durch eingängige, moralisch gerahmte Geschichten. Nach 1933 änderte sich der Kontext radikal: Werke jüdischer Autorinnen und Autoren wurden aus öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen verdrängt; Else Ury, 1877 in Berlin geboren, wurde als Jüdin verfolgt und 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Diese historische Zäsur wirkt auf die spätere Lesegeschichte zurück: Vorher populäre Titel wurden verboten, gingen verloren oder wurden erst nach 1945 erneut verbreitet.
Als Zeitkommentar zeigt „Kommerzienrats Olly“ die Verflechtung von ökonomischem Rang, bürgerlicher Moral und weiblicher Bildung in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche. Der Roman bestätigt zentrale Werte des gehobenen Bürgertums – Pflicht, Fleiß, Rücksicht, Gemeinsinn – und nimmt zugleich gesellschaftliche Bewegungen wahr, die Frauen mehr Öffentlichkeit und Bildung eröffnen. Indem eine junge Frau innerhalb eines Kommerzienratshaushalts ihren Platz findet, veranschaulicht das Buch, wie Normen ausgehandelt werden: zwischen Konsum und Maß, individueller Neigung und sozialer Rolle, Tradition und Moderne. So fungiert es weniger als Zeitkritik denn als konsensorientierte Selbstbeschreibung seiner Milieus – und als Dokument ihrer Erwartungen.
Kerzengerade stieg der schwarze Qualm aus den rußigen Fabrikschornsteinen in die sonnengoldene Herbstluft hinein[1q]. Rasseln und Rattern, Surren und Schnurren, Hämmern und Pochen, unausgesetzt sich erneuernd, dröhnte aus dem großen, roten Ziegelsteinbau der Hildebrandtschen Maschinenfabrik. Bis zu der zierlichen Rokokovilla, die ein ausgedehnter Garten von den Fabrikgebäuden trennte, klang dies ewige Lied der Arbeit[2q].
Zwischen den von blutrotem wilden Wein umkletterten Säulen der Veranda stand der Kaffeetisch. Blütenweißer Damast deckte ihn, silbernes Gerät blitzte im Herbstsonnenstrahl.
Die Familie war noch nicht versammelt. Kommerzienrat[1] Hildebrandt, ein noch immer schöner Mann trotz seiner siebenundvierzig Jahre, zwirbelte ungeduldig den blonden Schnurrbart.
Potztausend – wo blieben sie denn – er mußte wieder in sein Bureau ... »Fräulein[2] Arnold – Fräulein Arnold ...« die Stimme des Kommerzienrats durchschallte aufgeregt Haus und Garten.
Aber als die Gerufene jetzt, umringt von den Kindern, in dem Rahmen des roten Weinlaubes erschien, glättete sich die unheilvolle Falte zwischen seinen hellen Augenbrauen.
»Kinder, reißt Fräulein Arnold nur nicht vor lauter Liebe in Stücke, daß wir endlich mal Kaffee kriegen!« Ein Lächeln umhuschte die Mundwinkel des Vaters. Unglaublich, wie seine Krabben an der neuen Hausdame hingen!
Inzwischen versuchte Fräulein Arnold vergeblich, sich von den sie umstrickenden Armen der Hildebrandtschen Sprößlinge freizumachen. Senta, das blondzöpfige Backfisch[3]chen, hatte sie rechts beim Wickel, der lang aufgeschossene Primaner Rudi zerrte an ihrem linken Arm, und Herbert, der Sextaner, hatte sich ihr sogar in den Rücken gehängt. So schleppte man sie im Triumph zum Kaffeetisch.
Lachend hatte Fräulein Arnold endlich die Hände freibekommen und waltete jetzt anmutig ihres Amtes, die Tassen mit dem duftenden bräunlichen Trank zu füllen. Sie war eine elegante Erscheinung, Mitte der Dreißiger, aber die heißen Wangen nach überstandenem lustigen Kampfe ließen sie bedeutend jünger erscheinen.
»Wo bleibt denn Olly?« Der Vater sah fragend auf den einen noch leeren Platz und dann zu seinem Töchterchen hin.
Sentas rosiges Gesichtchen vertiefte sich noch um eine Nuance. Sie und Rudi waren beide das Ebenbild ihres Vaters.
»Olly wird wohl wieder in den Fabrikhöfen stecken«, meinte sie dann achselzuckend und biß mit ihren gesunden, weißen Zähnen ein großes Stück Kuchen ab.
»Fräulein Arnold, ich wünsche nicht, daß das Mädel sich zwischen den Arbeitsräumen und Maschinengebäuden herumtreibt: die Kinder sollen den Fabrikboden überhaupt so wenig wie möglich betreten. Vielleicht versuchen Sie es, gerade Olly ein wenig mehr zu sich heranzuziehen.«
»Ich versuche es täglich von neuem, Herr Kommerzienrat, trotzdem Olly es mir auf jede Weise erschwert. Sie ist ganz anders wie die übrigen Kinder.« Fräulein Arnold seufzte unhörbar.
»Ja, das ist sie!« Auch der Vater seufzte, aber ungleich lauter.
Wie kam dieses störrische Mädchen unter seine anderen, so leicht erziehbaren drei? Ewig hatte man seinen Ärger mit ihm: bei keinem der Kinder machte sich das Fehlen der Mutterhand so bemerkbar wie bei Olly. Keine Hausdame hielt bei ihm aus, mit Ollys verstocktem, unfreundlichem Wesen war noch keine fertig geworden. Von Fräulein Arnolds liebenswürdiger, gewandter Art hatte er gerade für das Mädel einen günstigen Einfluß erhofft.
»Herbertchen, spring doch mal nach oben, ob du Olly nicht findest. Es ist mir ungemütlich, wenn eins zu den Mahlzeiten fehlt.« Der Vater ließ sich das zweitemal seine Tasse füllen.
Herbertchen unterbrach gehorsam seine angenehme Tätigkeit, das Stück Kuchen auf dem Teller seiner abwesenden Schwester von sämtlichen Rosinen zu säubern, und stürmte davon. Die blonden Locken, die man ihm trotz der Sextanerwürde als Nesthäkchen noch immer nicht kurz geschoren hatte, umwehten ihn wie eine Löwenmähne. Zwei Minuten später sah man ihn gleich einem Pfeil aus der Villa schnellen und quer durch den Garten schießen.
»Der kennt alle Schliche und Verstecke von seinen Indianerspielen her«, lachte Rudi.
Senta hatte inzwischen den Blondkopf zärtlich an des Vaters Schulter geschmiegt.
»Na, Schmeichelkatze, was willst du, diese Einleitung deiner Wünsche ist mir bekannt, also?«
»Ach, Papachen, dürfen wir heute das Auto benutzen, ja?«
»Wollt ihr spazierenfahren? Meinetwegen, aber mit dieser Bitte pflegst du doch sonst nicht so viel Umstände zu machen.«
»Es kommt ja auch erst,« gestand Senta, versetzte dem Vater in plötzlicher Zärtlichkeit einen Kuß und bettelte: »Weißt du, Papachen, hellblau steht mir so gut, sagt Fräulein Arnold, und da mein weißes Kleid gar nicht mehr schön ist, wollten wir sehen, ob mir die Schneiderin noch in acht Tagen ein neues Kleid machen kann. Sonnabend ist doch Backfischgesellschaft bei Irmgard von Buschen.« Eine erneute Auflage von Zärtlichkeit erfolgte.
Der Vater ließ sich die Liebkosungen seines hübschen Töchterchens gern gefallen.
»Wenn Fräulein Arnold es für richtig hält, bin ich natürlich einverstanden.« Er wandte sich zu der Hausdame. Aber ehe noch Fräulein Arnold ihre Meinung betreffs des hellblauen Kleides äußern konnte, übertönte das gewohnte Fabrikgetöse, auf das keiner mehr achtete, ein heller Schrei, halb Jauchzer, halb Kriegsfanfare.
Fräulein Arnold machte ein erschrecktes Gesicht.
»Das ist nur Herbertchens Indianerruf«, beruhigte sie Rudi.
»Er hat sie sicher erschlichen«, fiel Senta lachend ein.
Da kam der kundige Pfadfinder auch bereits in gestrecktem Galopp zurück.
»Sie sitzt ganz hinten unter dem Apfelbaum und heult«, berichtete er mit verächtlicher Miene. Heulen galt in der Sexta als überwundener Standpunkt.
»Warum hast du sie nicht mitgebracht?« Der Vater zog die Uhr, er mußte wieder an die Arbeit.
Herberts dunkle Augen, die einen seltsamen Gegensatz zu seinem lichten Haar bildeten und ihn zur Schönheit der Familie stempelten, hingen begehrlich an dem Kuchen auf dem Tisch.
»Sie will ja nicht, sie bockt, nicht mal Kuchen will sie!« Damit ließ der Süßschnabel das Stück, das Fräulein Arnold vorsorglich für Olly aufgelegt, in den eigenen, ewig hungrigen Mund spazieren.
»Warte, Papa, ich bringe sie sofort.« Rudi setzte seine langen Beine in Bewegung.
»Wir bringen sie, tot oder lebendig.« Senta, die zuerst ein bestürztes Gesicht gemacht, jagte lachend hinter dem Bruder drein, daß ihre Blondzöpfe mit den halblangen Röcken um die Wette flogen.
»Auf, zum Kampf!« Herbertchen durfte natürlich nicht fehlen. Den Rest des gemausten Kuchens in den Mund stopfend, galoppierte er den beiden Großen nach.
»Eine Bande!« Mit strahlendem Gesicht sah Kommerzienrat Hildebrandt seinen drei Blondköpfen nach.
Unter dem alten, knorrigen Reinettenbaum, dicht an dem Stachelzaun, den man wegen der beutelustigen Hände der Arbeiterkinder am Obstgarten entlanggezogen hatte, hockte ein sechzehnjähriges Mädchen. Ein langes, dürres Ding war es, unter dem weißen Leinenrock schauten ein paar Füße von erstaunlicher Größe hervor. Die dünnen Arme hatte es um den Stamm des Apfelbaumes geschlungen, den dunklen Kopf fest gegen die Rinde gepreßt.
Waidgerecht umstellten die drei das aufzuscheuchende Wild. Mit lachenden Augen, den Finger auf den Mund gelegt, so lugten sie durch das Buschwerk. Jetzt bückte sich Rudi, griff einen vom Wind abgeschlagenen Apfel und warf ihn mit zielender Hand der nichts ahnenden Schwester in den Schoß.
»Der Schönsten!« rief er übermütig, »der Schönsten den Apfel der Eris!«
Wie von der Tarantel gestochen, sprang Olly auf die Füße. Das gelblich blasse, magere Gesicht überflog Zornesröte, aus den verweinten, schwarzen Augen sprühten Wutteufelchen. Der Bruder hatte sie mit seinen Worten an ihrer empfindlichsten Stelle verwundet.
Mit geballten Fäusten wollte sie an ihm vorüber. Aber schon hatten sich die drei die Hände zur festen Kette gereicht. Unter Herbertchens Indianergeheul umtanzten sie in wilden Sprüngen ihr Opfer. Vergeblich suchte Olly sich einen Durchschlupf zu verschaffen, immer enger ward der Kreis, den man um sie schloß. In ohnmächtiger Wut verbarg sie aufs neue das Gesicht in den Händen.
»Mädchen, warum weinest du, Weinest du, weinest du, Mädchen, warum weinest du, Weinest du so sehr?«
Ausgelassen erklang es von Sentas roten Lippen, und jubelnd fielen die Brüder ein.
Sie meinten es nicht böse, die drei, es war durchaus keine Schlechtigkeit der Geschwister, nur jugendlicher Übermut. Sie hatten sich daran gewöhnt, Olly, die jeden Scherz krumm nahm und stets abweisend und unliebenswürdig gegen sie tat, allenthalben aufzuziehen und zu foppen. Hätte sie nur ein wenig von Sentas harmlos lustiger Art gehabt, mit der diese jeder Neckerei zu begegnen pflegte, so hätte sie sich selbst manch böse Stunde ersparen können. Aber gerade, daß sie stets außer sich geriet, reizte die andern.
Als Rudi die Schwester als Begleitung zu ihrem Sang laut schluchzen hörte, empfand er Mitleid mit ihr.
»Blök' nicht, Olly, du sollst zu Papa kommen – los, los, er wartet auf dich.« Damit versuchte er, sie vorwärts zu schieben.
Olly widerstrebte nicht länger. Wenn Papa etwas befahl, gehorchten die Kinder aufs Wort. Erstens, weil sie ihren schönen Vater über alles liebten, und dann – Papa konnte auch manchmal recht ungemütlich werden. Aus den Fabrikgebäuden schallte seine Stimme ab und zu unheilvoll herüber. Dann pflegten die Hausdamen noch schnell ein Extragericht einzulegen, um die Laune des Kommerzienrats zu verbessern, und die Kinder waren dann stets bemüht, jeden Verdruß aus dem Wege zu räumen.
»Na, Olly, muß man dich erst zum Kaffee einladen lassen; ich bitte mir aus, daß du die Mahlzeiten künftig pünktlich innehältst«, empfing der Vater sein verweintes Töchterchen ernst.
Während er den anderen Kindern gegenüber fast immer liebevoll zärtlich war, erschien ihm bei der störrischen Olly Strenge als einziges Erziehungsmittel. Er ahnte nicht, daß sich dadurch das junge Herz nur noch mehr in sich selbst zurückzog.
»Was hat denn die Überschwemmung zu bedeuten, hm?« Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete Papa die roten Tränenflecke in dem unschönen, blutleeren Mädchenantlitz.
Olly stand mit verschlossenem Gesicht da. Fräulein Arnold schenkte ihr Kaffee ein und schob ihr ein neues Stück Kuchen zu.
Die Falte auf des Kommerzienrats Stirn vertiefte sich.
»Unerhört, daß du dich derartig von Fräulein Arnold bedienen läßt, und nicht mal ein Dankeschön für ihr liebevolles Sorgen hast. Umgekehrt wäre es richtig, solch große Tochter müßte mir hier am Kaffeetisch schon die Hausfrau ersetzen«, fuhr der Vater sie an.
Um Ollys blasse Lippen zuckte es, aber sie erwiderte keinen Ton.
Brummend erhob sich der Kommerzienrat.
»Daß einem doch jede gemütliche Stunde in seinem Heim von dem Mädel verstört wird – na, was gibt's noch?« Er blieb neben ihr stehen. Es war sichtlich, daß sie mit sich kämpfte, ihre Lippen bewegten sich, und ihre tränenverquollenen Augen hingen flehentlich an dem Vater. Sie tat ihm leid.
»Ich habe eine Bitte, Papa«, stieß sie plötzlich hervor. »Darf ich heute das Auto benutzen?«
»Nummer zwei, nun kommt gleich das hellblaue Kleid, oder willst du ein rosa?« Papa war froh, daß Olly wenigstens wieder sprach und nicht mehr wie ein störrischer Maulesel dastand. »Die eine versucht's mit Küssen, die andere mit Tränen. Mädel, was seid ihr verschieden!«
Olly fühlte einen Stich durchs Herz. Sie wußte es ja ganz allein, daß sie verschieden waren! Die eine war eben hübsch und die andere häßlich! Aber daß Papa dies so unumwunden, so schonungslos aussprach ... das törichte Mädel faßte die Worte des Vaters, die sich lediglich auf das Wesen seiner Töchter bezogen, gänzlich falsch auf.
»Hellblau wird Olly nicht stehen, es würde sie zu gelb machen«, mischte sich Fräulein Arnold hinein. »Ich denke, ihr Weißes wird noch gehen, sie hat es später bekommen als Senta.«
Was lag Olly an dem hellblauen Kleide, aber – sie wurde schon wieder zurückgesetzt!
»Ich will überhaupt kein Kleid!« rief sie in unliebenswürdigem Ton. »Ich möchte das Auto benutzen, um ...« – sie schluckte krampfhaft – »es ist Mamas Geburtstag heute!« Vorwurfsvoll blickte sie auf den Vater, der zum erstenmal seit fünf Jahren diesen Gedenktag außer acht gelassen.
Papa machte denn auch ein erschrecktes Gesicht.
»Richtig, der achtzehnte September! Ja, die Arbeit, da vergißt man alles. Na, Kinder, wenn ihr zum Kirchhof fahren wollt, ich bin leider heute nicht abkömmlich, sagt es Müller.« Das war der Chauffeur.
Der Kommerzienrat sprang leichtfüßig die Stufen, die von der Veranda in den Garten führten, hinab. Ehe er aber noch die unterste erreicht hatte, war Senta ihm nachgeeilt und hatte von hinterrücks die Arme um seinen Hals geschlungen.
»Papachen, du hast es mir zuerst versprochen, die Schneiderin macht mir das Kleid sonst nicht mehr!« Auch Sentas Stimme konnte weinerlich klingen, aber es war trotzdem ein schmeichelnd, liebenswürdiger Ton darin.
»Kinder ...« der Vater fuhr sich aufgeregt durch das sich kaum lichtende blonde Haar. »Also gut, dann fahren wir alle am Sonntag zum Kirchhof – erledigt!« Er eilte den Fabrikgebäuden zu.
Fräulein Arnold klingelte dem Hausmädchen, um den Kaffeetisch abräumen zu lassen. Olly hatte ihre Tasse noch nicht berührt. Mit verächtlichem Gesicht blickte sie auf die knapp ein Jahr jüngere Schwester, welche triumphierend zu ihr hinblinzelte.
»Olly, willst du nicht trinken?« Fräulein Arnold gedachte der Mahnung des Kommerzienrats, sich des Mädchens mehr anzunehmen.
Aber keine Antwort wurde ihr.
»Herbertchen, wir werden dich mitnehmen und an deiner Turnhalle abliefern, mein Junge. Rudi, Sie haben wohl zu arbeiten. Zieht euch an, Mädel, damit wir noch helles Tageslicht zum Auswählen der Farbe haben.«
Senta wirbelte Fräulein Arnold glückselig über das in Aussicht stehende neue Kleid noch einigemal auf der Veranda herum, ehe sie sich in das ihr gemeinsam mit Olly gehörende Zimmer begab.
»Fix, Olly«, drängte die Hausdame, da das junge Mädchen durchaus keine Anstalten machte, sich zu erheben.
»Ich komme nicht mit«, knurrte Olly schließlich, nachdem die Aufforderung zum drittenmal an ihr Ohr gedrungen.
»Und warum nicht?« Fräulein Arnolds Stimme klang nun auch gereizt.
»Was soll ich denn dabei, wenn für Senta ein Kleid gekauft wird, Sie werden meinen Geschmack wohl entbehren können«, stieß sie ungezogen heraus.
»Pfui, Olly, schäme dich!« Fräulein Arnold legte ihr die Hand auf die Schulter. »Für so schlecht hätte ich dich doch nicht gehalten, daß du deiner Schwester das Kleid nicht gönnst!«
Der lange Backfisch machte sich unsanft los.
Sie schwieg.
Was sollte sie auch sagen? Fräulein Arnold würde ihren Schmerz ja gar nicht verstehen, daß der Schwester ein neues Kleid wichtiger war als der Geburtstag der toten Mutter! Schon vor dem Kaffee hatte sie sich in ihrem Stübchen deswegen mit Senta gezankt. Deswegen hatte sie unter dem Apfelbaum gesessen und geweint. Nun hatte es die Schwester doch bei Papa durchgesetzt, wie sie ja alles durchsetzte, nur weil sie hübsch war!
»Und ich bin eben häßlich, folglich kann mich kein Mensch leiden, und alle geben mir unrecht, selbst Papa!« Da war Olly mit ihren Gedanken wieder an dem dunkelsten Schatten ihres sechzehnjährigen Lebens angelangt. Daß sie selbst durch das ständig Sichzurückgesetztfühlen, durch ihr abstoßendes, verschlossenes Wesen zu der Entfremdung mit Vater und Geschwistern beitrug, daran dachte das unreife Backfischchen nicht.
Das silbergraue Automobil mit den roten Lederpolstern war vorgefahren. Fräulein Arnold in einem eleganten Herbstkostüm nahm darin Platz. Ihr zur Seite Senta. Das niedliche, rosige Puppengesicht unter dem großen Stickereihut nickte strahlend zu Rudi zurück. Herbertchen in gelbgrauem Turnanzug, den Damen gegenüber, und – tu – u – ut – mit schrillem Aufheulen setzte sich das Auto in Bewegung.
An den Fenstern des Fabrikgebäudes, die nach der Straße zu lagen, erschienen bleichgraue Gesichter.
»Die haben's jut, die fahren jetzt spazieren.« – »Die Häßliche, det arme Ding, haben sie natürlich wieder zu Hause jelassen ...« – Den Rest verschlang das Rädergerassel der arbeitenden Maschinen.
In der Rokokovilla, die noch vor kurzem so belebt gewesen von jugendlichen Stimmen, war es still geworden. Rudi schwitzte über seinen griechischen Aufgaben, Olly hatte sich in das Rauchzimmer des Vaters geschlichen.
Dort hing über dem Schreibtisch das lebensgroße Ölgemälde ihrer Mutter.
Die Hände auf die Lehne von Papas Schreibtisch gestützt, so stand Olly lange. Lange sah sie zu der schlanken Frauengestalt in dem schwarzen Samtkleid empor. Es war ein ebenso schönes als sympathisches Gesicht, das da auf ihr Kind niederschaute. Tiefdunkles Haar umrahmte mit weichem Scheitel das zarte Profil. Die Augen glichen dem Samt des Kleides, in sinnendem Ernst blickten sie. Und doch, Olly wußte, daß der rote Mund einst lachen, scherzen, singen und küssen gekonnt hatte.
Das junge Mädchen wischte sich mit dem Handrücken schnell die schon wieder hervorquellenden Tränen aus den Augen. Seit Mamas Tode hatte sie keiner wieder geküßt. Wenn die anderen Kinder zärtlich dem Papa entgegensprangen, dann stand sie abwartend, mit sehnsüchtigem Herzen daneben. Es fiel ihr nicht ein, dem Vater wie Senta an den Hals zu fliegen. Nein, wenn Papa ihr nicht von selbst einen Kuß geben mochte – am Ende war sie ihm zu häßlich dazu! Papa aber sah kopfschüttelnd auf sein kaltherziges, gefühlsarmes Töchterchen, das ihm nicht einmal zum Gutenachtkuß die Lippen reichte.
Solange Mama gelebt, hatte Olly sich nicht von der Natur und von den Menschen zurückgesetzt gefühlt. Sie war Mamas »Schwarzköpfchen«, so wie Senta ihr »Blondköpfchen« war. Und wenn sie auch niemals ein leicht zu erziehendes Kind gewesen, die Mutter hatte die Gefühlstiefe in dem jungen Kinderherzen erkannt. Mutterliebe fand stets den richtigen Weg zu demselben. Dann aber hatten Fremde an die sich im ersten Weh in sich selbst zurückziehende Kindesseele mit rauhem Wort gerührt. Ihr stilles, gedrücktes Wesen hielt man für Trotz, ihre scheue Art für den Ausdruck eines schlechten Gewissens. Bald wußte es Olly, daß die anderen Kinder gut, freundlich und schön waren, sie dagegen bösartig, unliebenswürdig und häßlich. Spott und Ungerechtigkeit gesellten sich dazu, unwillkürlich zogen die Hausdamen, die Dienstboten, ja auch Papa, die hübschen, stets lachenden Kinder dem schwarzen, mißmutigen Mädel vor. So war Olly zum störrischen, verbitterten Backfisch geworden.
Was war das früher am achtzehnten September für ein Lachen und Gläserklingen, für ein Gratulantenschwarm und Blumenmeer in der Rokokovilla gewesen! Und heute sollte Mama auch ohne das allerkleinste Blümchen bleiben? Keiner hatte Zeit für sie?
»Doch, Mamachen, ich komme, und wenn ich den weiten Weg auch zu Fuß gehen müßte!« flüsterte Olly leidenschaftlich zu dem Bilde empor.
Hastig eilte sie die mit roten Teppichen belegten Treppen, die in das obere Stockwerk führten, hinauf.
Es war ein duftig zierliches Mädchenzimmer, das sie gemeinsam mit Senta bewohnte. Weißgetupfte Mullgardinen flossen, von breiten, mattblauen Atlasschleifen gehalten, an den Fenstern hernieder. Die Möbel leuchteten in lichtem Weiß, ein zierliches Rohrsofa, mit blauen Libertykissen belegt und rundem Tischchen davor, bildete eine gemütliche Ecke. Die Wände waren blau tapeziert. Allerlei nette Genrebilder, Konsolchen und Brettchen mit Vasen hatte Senta auf der Seite, an der ihr von hellblauer Seidensteppdecke bedecktes Bett stand, geschmackvoll angebracht. Die Wand, die zu Ollys Reich gehörte, war leer. Nur eine Photographie der Mutter, um die sich ein grüner Blätterkranz schlang, hing über ihrem Bett.
An das Stübchen schloß sich ein zierlich gefügter Goldgitterbalkon. Bunte Bethunien und brennend rote Pelargonien blühten trotz des Herbstes dort in üppiger Pracht. Olly pflegte ihre Blumen mit der ganzen Zärtlichkeit ihres liebebedürftigen, vereinsamten Herzens, während Senta, der Sausewind, wenig Sinn dafür hatte. Auf dem niedrigen Hocker konnte Olly stundenlang in unfruchtbarem Träumen sitzen und an all den schwarzen Fabrikschloten, die hier im Norden Berlins wie gewaltige Vorposten vor den Toren der Stadt aufgepflanzt waren, vorüberstarren. Bis zu den grünen Wiesen, auf denen bunte Flaggen von grün angestrichenen Lattenhäuslein wehten, den Laubenkolonien der Arbeiter, im Berliner Volksmund »Kamerun« geheißen, bis zu dem Wasserband des Kanals, das die bläulich schimmernden Wälder der Jungfernheide umgürtete.
Heute aber hatte Olly keine Zeit zum Sinnen und Starren.
Einen unbehaglichen Blick warf sie dem halbfertig auf ihrem Schreibpult liegenden französischen Exerzitium zu; durch den Streit mit Senta war es in Vergessenheit geraten. Dann sperrte sie es kurz entschlossen in die Mappe.
Ach was – Mamas Geburtstag war Wichtiger!
Schnell den Matrosenhut aufgestülpt! Sie pflegte, im Gegensatz zu Senta, nur selten, kaum beim Frisieren, in den Spiegel zu sehen. Olly haßte den Spiegel. Unbarmherzig sagte er ihr ja stets aufs neue, wie häßlich sie war. Doch heute mußte sie ihrem Feinde einen Besuch abstatten. Mit verweintem Gesicht, wie ein Kind, mochte sie nicht auf die Straße hinaus.
