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Mit Kommissar Biber hat Thilo Illgner einen Ermittler geschaffen, der keine Waffe braucht. Mit Verstand, Beharrlichkeit und Intuition ist er auf seine ganz spezielle Art dem Täter auf der Spur. In seinem ersten Fall führt ihn ein Mord in Biberach bis tief in die menschlichen Abgründe. Doch stellt sich dabei immer die Frage: ist Gesetz und Ordnung auch gerecht? Was ist gut und böse, was ist Recht und Unrecht? Und wie geht man damit um. Kommissar Biber hat dazu seine ganz eigene Sicht auf die Dinge dieser Welt. Wie würden Sie sich entscheiden?
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Thilo Illgner
Kommissar Biber und seine Sicht der Dinge
Ein Badnerkrimi
Kommissar Biber und seine Sicht der Dinge
Ein Badnerkrimi
oder
Kommissar Bibers erster Fall
Thilo Illgner
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2025
ISBN 978-3-96438-061-6
© 2025 Südwestbuch Verlag
SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw
Titelfoto Kinzigtal: Stefanie Faißt
Autorenfoto: Thilo Illgner
Umschlagidee: Stefanie Faißt und Thilo Illgner
Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen
Umschlaggestaltung: Gerd Schweikert, Waiblingen
Satz: Julia Karl, Oberrot
Druck, Verarbeitung: Custom Printing PL
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
Die Protagonisten in der Reihenfolge ihres Erscheinens
Hendrik Biber
Kommissar und Ermittler im Mordfall Heinz Metzger
Lucia Alessio
Mitarbeiterin im Polizeipräsidium Offenburg
Heinz Metzger
Besitzer des Autohauses Renault, Mordopfer
Gernot Winkler
Kriminalrat und Leiter der Kriminalpolizei Offenburg
Anna Schabernack
Eine alte Freundin und Verdächtige
Bäckereifachverkäuferin
Gesprächspartnerin von Kommissar Biber
Heiner Henssler jun.
Forstbesitzer und Jäger
Margaret Henssler
Frau von Heiner Henssler
Maria Katz
Mitarbeiterin im Landratsamt Abteilung Jagd, Waffen und Sprengstoff
Gabriele »Gabi« Himmelsbach
Eigentümerin der Bäckerei in Biberach
Clementia Geppert
Leiterin des Kindergartens in Biberach
Herbert Meyer-Bender
Jäger
Elend
Männle
Cassio
Little Lou
Kommissar Bibers vier Katzen
Dr. Carsten Schilder
Psychologe und Freund von Hendrik Biber
Manfred »Manni« Richter
Kriminaltechniker im Polizeipräsidium Offenburg
Wachtmeister Nedim Sorani
Leiter der Polizeiwache Zell am Harmersbach
Gerhard Schätzle
Inhaber der Firma Schätzle Holzbau
Nadine Schätzle
Frau von Gerhard Schätzle
Ingo Grabovski
Weidebauer
Regina Imhof
Mutter von Henriette Metzger
Zoltan Imhof
Vater von Henriette Metzger
Adolf Helm
Ein Greis
Greta Schlüper
Eine Frau aus Prinzbach
Dr. Helmuth Freihammer
Personalchef bei Porsche in Zuffenhausen
Emilie Hartmann
Eine Frau aus Unterentersbach
Loreena und Rimma
Zwei Mädchen aus Biberach
Bernadette Dietsche
Pfarrsekretärin in Biberach
Gisbert Schwendemann
Pfarrer in Biberach
Henriette Metzger, geborene Imhof
Frau von Heinz Metzger
Isabella Metzger
Tochter von Henriette und Heinz Metzger
Ich verwende in diesem Roman ausschließlich das generische Maskulinum, außer es werden ganz bewusst Frauen oder eine Gruppe angesprochen, in der eine oder mehrere Frauen konkret gemeint sind.
Mir geht es um eine natürliche Sprache, die den Lesefluss nicht beeinträchtigt. Dies hier ist ein Roman und keine soziologische Abhandlung über Gendergerechtigkeit.
T.I.
Kapitelangabe
Prolog
Tag 1
Im Polizeipräsidium
Anna Schabernack
Biberach
Der Hensslerhof
Zu Hause
Ein Traum
Tag 2
Das Landratsamt
Biberach
Frau Himmelsbach
Zu Hause
Resumée
Tag 3
Im Kindergarten
Herr Meyer-Bender
Zu Hause
Ein Traum
Tag 4
Gespräch mit Carsten
Im Polizeipräsidium
Polizeiposten Zell a. H.
Biberach
Anna Schabernack
Zu Hause
Tag 5
Herr Schätzle
Herr Grabovski
Im Polizeipräsidium
Zu Hause
Resumée
Tag 6
St. Georgen
Anna Schabernack
Zu Hause
Sonntag
Tag 8
Im Polizeipräsidium
Das Landratsamt
Biberach
Greta Schlüper
Zu Hause
Tag 9
Im Polizeipräsidium
Zuffenhausen
Zu Hause
Ein Traum
Tag 10
Gespräch mit Carsten
Frau Hartmann
Biberach
Frau Metzger
Im Polizeipräsidium
Resumée
Tag 11
Im Polizeipräsidium
Gisbert Schwendemann
Anna Schabernack
Zu Hause
Tag 12
Gespräch mit Carsten
Zu Hause
Im Polizeipräsidium
Tag 13
Zu Hause
Die Zukunft
Sonntag
Ende
» Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten.
Achte auf deine Taten, denn sie werden
dein Charakter. «
Jüdisches Sprichwort
Kommissar Biber hatte seine ganz eigene Sicht auf die Dinge dieser Welt: sie waren entweder ganz einfach oder schrecklich kompliziert.
Und danach handelte Kommissar Biber.
Das machte es ihm nicht immer leicht; genau genommen bewirkte es genau das Gegenteil. Denn seine Umgebung reagierte oft mit Unverständnis ob der Leichtigkeit, von außen oft auch als Gleichgültigkeit bezeichnet, mit der er Entscheidungen traf. Oder mit Missbilligung und Drängen, wenn sich verschiedene Dinge einfach nicht so schnell entscheiden ließen, wie man es von ihm erwartete.
Aber davon ließ sich Kommissar Biber nicht beeinträchtigen und schon gar nicht entmutigen.
Man sagte ihm nach, er habe einen schwierigen Charakter; und das stimmte sicherlich.
Und man sagte, er sei nicht besonders umgänglich. Auch das stimmte.
Dafür hatte er verschiedene Eigenschaften, die ihn wiederum unter vielen anderen herausstechen ließen: er war erfüllt von einer Art antiquiertem Ehrenkodex, in dem Treue, Loyalität und in gewissem Sinn so etwas wie Wahrhaftigkeit eine große Rolle spielten. Und er lebte danach – so wie ein Mensch mit Fehlern und Schwächen eben danach leben konnte. Er setzte sich mit vollem Engagement für etwas ein und arbeitete bis zum Umfallen, wenn ihm dies wichtig war. Und er half von Herzen – er half immer – solange, bis er merkte, dass er vielleicht ausgenutzt wurde.
Das beinhaltete auch, dass er im Umkehrschluss gar nichts mehr tat, wenn es ihm das nicht wert war. Es beinhaltete, dass er einen anderen Menschen aus seinem Gedächtnis streichen konnte, wenn dieser sich ihm gegenüber illoyal, schäbig oder unehrlich verhalten hatte. Und es beinhaltete, dass er es mit manchen Dingen nicht so genau nahm, wenn er etwas nicht richtig fand. Zumindest wäre das die Bezeichnung gewesen, die man landläufig dafür benutzt hätte. Er selbst würde sagen, dass es seine Art von Gerechtigkeit war.
Überhaupt waren Recht und Gesetz Schwankungen unterworfen und ganz subjektiv je nach Zeit, Region, Gesellschaft oder Religion. Kommissar Biber war das klar. Woran sollte man sich also halten?
Und darum war dies einer der unumstößlichen Grundsätze von Kommissar Biber: die Richtschnur seines Handelns ist seine eigene, in sich ruhende Ethik.
Kurzum: Kommissar Biber war speziell.
Das wiederum mochten manche Menschen an ihm. Denn es machte ihn zu dem, was er war.
Kommissar Biber war 52 und lebte allein. Er war geschieden und hatte zwei Kinder im Alter von 25 und 27 Jahren. Er hatte keine Enkelkinder, und das war auch gut so. Schon die Beziehung zu seinen Kindern stellte sich als überaus schwierig dar. Er fragte sich, wie das wohl geworden wäre, wenn er auch noch Enkelkinder gehabt hätte. Nicht auszudenken. Was hätte er ihnen erzählen sollen? Was hätte er mit ihnen anfangen sollen? Was hätte er tun dürfen? Was tun müssen? Und wie hätte er die Zeit dafür aufbringen sollen?
Es war gut so.
Er war groß und etwas übergewichtig, aber nicht fett. Er war sportlich, aber hatte keine Kondition mehr. Er war gut aussehend, aber nicht attraktiv. Er war anspruchsvoll und doch genügsam. Und so hätte man diese Beschreibung fortsetzen können: nachdenklich, aber auch impulsiv, zielstrebig, doch manchmal faul, gepflegt, aber kein Schönling, charmant, aber nicht immer höflich … und, und, und.
Es kam eben immer darauf an, worum es ging.
Kommissar Biber hatte als Kind schon nicht begreifen können – es waren zwei alte Schwarzweißfilme, die ihn nachhaltig prägten – was die Menschen gemeinhin als Recht, und vor allem, was sie als Unrecht betrachteten beziehungsweise wie die Menschen aus den Handlungen Gut und Böse ableiteten. Das hatte Kommissar Biber schon damals nicht verstanden. Und er verstand es heute noch viel weniger.
Der eine Film war »Frankenstein« gewesen, gedreht 1931 in Schwarzweiß von dem Regisseur James Whale, der darin eher das gleichnamige Bühnenstück von Peggy Webling verarbeitete als die Literaturvorlage von Mary Shelley. Boris Karloff spielte das unglückliche, tragische, bedauernswerte »Monster«, das Dr. Frankenstein erschaffen hatte.
Nicht viel anders empfand es Kommissar Biber als kleiner Junge, als er den ebenfalls in Schwarzweiß gedrehten Film »King Kong und die weiße Frau« das erste Mal sah. Im Original hieß der Film nur »King Kong«. Die beiden Regisseure Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack drehten diesen Film 1933 mit Fay Wray in der Hauptrolle. Die unvergessliche Fay Wray, die selbst in die »Rocky Horror Picture Show« Einzug gehalten hatte in dem wunderschönen Song »Don’t Dream It, Be It«, gesungen von Dr. Frank N. Further alias Tim Curry.
Aber warum wurden diese Kreaturen gehetzt und – von einer dummen Meute verfolgt, von Doppel decker jagd flugzeugen beschossen – in den Tod getrieben? Er erinnerte sich, dass er weinen musste, als King Kong blutend und mit einem so bedauernswerten Erstaunen in den Augen tödlich getroffen vom Empire State Building stürzte. Er hatte einfach nicht verstanden, was ihm widerfuhr. Und auch Kommissar Biber als Kind konnte nicht begreifen, warum man dieses Wesen tötete. Was hatten denn das »Monster« und der riesige Gorilla getan, als einfach nur ihrer Natur entsprechend zu leben, ohne Böses zu tun, in ihrer Umgebung, auf ihre Art, so wie sie geschaffen worden waren?
Vom Herrgott oder der Natur oder einem durchgeknallten Arzt.
Welche Überheblichkeit legte der Mensch an den Tag, zu meinen, er könne über alles richten, insbesondere über das, was ihm missfällt. Gerade das, was ihm missfällt!
Und genau das war der Punkt.
Die Ehe und die Beziehung zweier Menschen zueinander waren gute Beispiele dafür, fand Biber.
»Du sollst nicht ehebrechen« ist eines der zehn Gebote, die Moses auf dem Berge Sinai direkt von Gott empfangen haben soll. Da sollte man doch denken, dass Menschen, die sich in aller Öffentlichkeit zu diesem Gott bekennen, es zumindest schaffen, dieses Gebot auch einzuhalten.
Doch Kommissar Biber kannte einige Ehepaare, die sich vor Gott das Jawort gegeben hatten, die ihre Kinder tauften, sie je nach Konfession die Kommunion oder Konfirmation empfangen ließen, die beteten und sonntags in die Kirche gingen, und trotzdem die Ehe brachen. Der Mann so wie die Frau. Da gab es keinen Unterschied.
Man konnte in die Kirche gehen und trotzdem ein gottgegebenes Gesetz brechen. Man konnte dieses aus dem Judentum ins Christentum und den Islam übernommene Gebot – oder Gesetz – für sich selbst einfach nicht anerkennen oder gar rundweg ablehnen. Heutzutage musste bei uns niemand mehr eine Strafe fürchten.
Früher war das einmal anders. Es war bei uns anders, und es war auch überall woanders anders. Und in manchen Gegenden dieser Welt war es noch immer anders. Wurden zu biblischen Zeiten die Frauen dafür gesteinigt, im Mittelalter dafür im Stadtweiher ertränkt, so werden sie heute in manchen Ländern noch immer – oder wieder – gesteinigt.
Genau dazu passte der Brauch der Verheiratung Minderjähriger. Vor Tausenden von Jahren, als die Menschen nicht älter als 20 oder 30 Jahre wurden und Kinder mit Beginn der Pubertät in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden, mag das richtig gewesen sein. Heute sind Heranwachsende aber noch Kinder, sind angewiesen auf den Schutz der Erwachsenen und besonders ihrer Familie. Sie vertrauen ihnen und darauf, dass ihnen kein Leid geschieht.
Wenn aber in unserer heutigen Zeit junge Frauen, minderjährige Mädchen oder gar Kinder in die Ehe gezwungen wurden, war das einfach nur widerlich, fand Biber. Es war von einer menschenverachtenden Brutalität, wenn man ein neunjähriges Mädchen an einen erwachsenen Mann übergab, der über es verfügen konnte, wie er wollte. Egal was wo geschrieben stand. Egal wie sehr man sich auf Traditionen berief. Es war falsch. Nichts, aber auch gar nichts, konnte das rechtfertigen.
Wenn also eine erzwungene Ehe nicht rechtens ist, so kann der Ehebruch nicht Unrecht sein. Die Ehe an sich war das Unrecht.
Denn das war einer der unwiderruflichen Grundsätze von Kommissar Biber: nur das, was zwei Menschen gemeinsam und einvernehmlich für sich beide wollen, ist rechtens.
An diesen Beispielen zeigte sich die Problematik von Recht und Gesetz in aller Klarheit: Denn es gab kein universelles Gesetz, es gab nicht die eine Wahrheit. Was zu einer Zeit Recht war, war es zu einer anderen nicht mehr – oder umgekehrt. Was dort richtig und rechtens ist, ist es hier nicht. Es war etwas ganz Alltägliches und doch sehr Kompliziertes. Es betraf alle Menschen gleichermaßen, irgendwie oder irgendwann.
Vieles musste beachtet werden.
Vieles wurde übersehen.
Und eine Entscheidung, was nun Gut und was Böse war, was nun Recht und was Unrecht, musste gut durchdacht sein.
»Commissario? Schon gehört?« Lucia arbeitete im Büro für Kapitalverbrechen im zweiten Obergeschoss des Polizeipräsidiums in Offenburg. Sie war eine Italienerin wie sie im Buche stand. Schwarze, gewellte Haare, dunkler Teint. Immer sexy angezogen. Und dabei doch leicht, verspielt und freundlich. Italienerinnen verstanden einfach etwas von Mode. Wie auch die Französinnen. Sie konnten Frau sein ohne Unterwürfigkeit, ohne dieses Puppenhafte oder Überzogene oder Überhebliche, das deutschen Frauen oft in der ein oder anderen Form anhaftete.
Kommissar Biber bewegte sich da auf ganz dünnem Eis, auf ganz dünnem Eis, das wusste er. Aber was sollte er machen. Das war nun einmal seine Meinung. Ein Blick auf die Frauen gab ihm recht. Und Lucia war einfach eine wunderschöne Frau.
»Was meinst du, Lucia?«, fragte er.
»Der Mord in Biberach. Ein Heinz Metzger wurde erschossen. In seinem Geschäft, einem Autohaus. Er hatte Verbindlichkeiten im Rahmen seiner Geschäftstätigkeit. Ansonsten ohne weitere finanzielle Belastung. Die Ehe war in Ordnung, eine Tochter, soweit unsere ersten Recherchen ergaben.
Es gibt da ein ziemlich seltsames Gerücht zu dem Mord.
Eine ältere Frau soll am Tatort gesehen worden sein, wie sie ihn erschoss. Aber keiner hat es wirklich gesehen. Niemand will das bestätigen, alle reden nur davon.
Der Chef will, dass Sie das übernehmen. Sie kennen doch die Gegend dort. Aber das wird er Ihnen noch selber sagen.« Sie blinzelte kokett mit ihren langen schwarzen Wimpern.
Was das nun wieder zu bedeuten hatte. Kommissar Biber konnte nur vermuten: ›Hör auf mich!‹ oder: ›Du bist genau der Richtige!‹ oder irgendetwas anderes. Er wusste es nicht.
»Passen Sie nur auf«, sagte sie, »er hat schlechte Laune. Sie finden ihn hinten in seinem Büro.« Sie drehte sich auf ihren Absätzen um. Den Rücken Kommissar Biber zugewandt hob sie die Hand, bewegte flüchtig ihre Finger und sagte: »Ciao, mein Lieber.«
Er ging nach hinten zum Büro seines Chefs. Die Tür war angelehnt. »Klopf, klopf, klopf«, sagte Kommissar Biber, während er gleichzeitig mit dem Fingerknöchel seiner linken Hand an die Türe klopfte.
»Komm rein, Biber! Hab dich schon erwartet.« Der Leiter der Abteilung Kapitalverbrechen, Kriminalrat Gernot Winkler, stand von seinem Bürostuhl auf, ging um den Schreibtisch, begrüßte Kommissar Biber mit Handschlag und setzte sich wieder. Dies war ein Zeichen seiner Achtung vor der Leistung und der Person, die ihm gegenüberstand. Er schätzte den Kommissar menschlich und fachlich. »Wie geht’s? Hast du viel zu tun?«
Kommissar Biber nahm ebenfalls Platz und zog sich dafür den als Besucherstuhl vorgesehenen Bürostuhl heran.
»Im Moment geht es ganz gut. Ich bin an der rumänischen Autoknackerbande dran, die die Katalysatoren alter Autos ausbaut und mitnimmt.«
»Nett gesagt«, meinte Gernot.
»Seitdem wir einen achtsamen Bürger als Zeugen haben und dank ihm fünf der Diebe in der Lise-Meitner-Straße auf frischer Tat ertappen konnten, ist der Fall mehr oder weniger abgeschlossen.
Jetzt muss ich nur noch die Beweise für die Staatsanwaltschaft aufbereiten und meinen abschließenden Bericht schreiben, damit die sie drankriegen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und erwerbsmäßigem organisiertem Diebstahl.«
»Das trifft sich gut, denn ich habe einen neuen Fall für dich. Sah vor Ort ziemlich hässlich aus. Kopfschuss aus nächster Nähe«, sagte sein Chef und schilderte ihm den Tatort im Detail. »Es war erst nicht klar, ob das die Kripo hier aus Offenburg übernehmen kann oder darf. Denn es ist anscheinend eine Jagdwaffe bei diesem Mord benutzt worden. Aufgrund des Kalibers. Und da ist dann auch ganz schnell der Verfassungsschutz mit im Spiel.« Gernot rümpfte die Nase.
Kommissar Biber wusste, dass Gernot Winkler den Verfassungsschutz nicht sonderlich mochte.
Die Leute dort arbeiteten ausgezeichnet, wenn es ihnen wichtig genug erschien. Allerdings glaubte Kommissar Biber nicht, dass sie wegen eines einfachen Mordes nur wegen einer Jagdwaffe als Tatwerkzeug allzu viel Energie verschwenden würden. Es musste schon staatsbedrohend oder zumindest staatsdelegitimierend sein. Da reichte dann manchmal schon ein einziger Satz. Und er wusste genau, dass Kriminalrat Gernot Winkler ähnlich dachte.
»Nachdem das geklärt ist, übernehmen wir das hier vor Ort in üblich kompetenter Weise.« Gernot zwinkerte ihm zu. Das waren eindeutig Vorschusslorbeeren. Hoffentlich konnte er dem gerecht werden.
»Ich möchte gerne, dass du das übernimmst. Der Mord ist in Biberach geschehen. Wenn ich mich recht entsinne, hast du dort doch mal gelebt, oder nicht? Das hilft uns vielleicht weiter.«
»Klar, gar kein Problem. War lange nicht mehr da, aber das meiste vergisst man nicht«, sagte Kommissar Biber.
»Wen willst du in deiner Soko haben?«, fragte Gernot.
»Du kennst mich doch, lass das bitte mit der Sonderkommission erst mal sein. Ich habe Lucia, die arbeitet mir zu. Meine Informationen über den Mord und den Tathergang bekomme ich auf Anfrage von den Kollegen der Spurensicherung oder von den Kollegen vor Ort. Und das Landratsamt Ortenaukreis, Abteilung Jagd, Waffen und Sprengstoff wird mir in Bezug auf die Tatwaffe und eventuelle Besitzer weiterhelfen, wenn dann Informationen vorliegen. Lass mich das erst mal allein beginnen.«
»Du weißt, dass das nicht üblich ist. Ich bin damit nicht glücklich«, sagte Gernot mit einem mürrischen Gesicht, dessen Mund ganz schmal wurde.
»Hör zu, lass mich einfach auf meine Weise arbeiten. Du weißt, dass ich so am besten vorankomme.«
»Weiß ich, aber …«
»Und wenn ich dir nächste Woche Bericht erstatte, falls der Fall bis dahin nicht gelöst ist …«
»Jetzt übertreib aber mal nicht!«
»Nein, das meine ich doch gar nicht. Ich meine doch nur, wenn ich dir am Montag Bericht erstatte und du solltest nicht zufrieden sein mit der Entwicklung, dann kannst du mir noch ein paar Kollegen zur Seite stellen. Vielleicht brauche ich sie dann wirklich.«
»Ok, das ist ein Wort. So machen wir’s.« Gernot war damit einigermaßen zufrieden. »Ach ja, noch etwas. Da scheint etwas seltsam zu sein. Ich kann es nicht ganz fassen.« Gernot wischte mit der rechten Hand schwungvoll über seinen Schreibtisch, als wolle er gedanklich Platz schaffen.
»Pass auf, Folgendes: die ersten Polizeibeamten, die nach der Meldung des Mordes vor Ort waren, haben gute Arbeit geleistet. Sie haben den Tatort bis zur Ankunft der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners korrekt gesichert und einen klaren, übersichtlichen Bericht geschrieben. Im Anhang dazu, quasi als nicht faktenbasierten Hinweis, führten sie an, dass es ein Gerücht gebe, das seit kurz nach Bekanntwerden des Mordes in Biberach die Runde macht. Eine ältere Frau wäre in das Geschäft gegangen und hätte den Mann einfach erschossen. Aber wir haben absolut nichts. Ob es sich einfach um üble Nachrede handelt, kann ich von hier aus nicht beurteilen. Vielleicht ist die Frau nicht besonders beliebt oder so. Vielleicht redet man deshalb einfach schlecht über sie. Da solltest du unbedingt ran. Ist vielleicht eine heiße Spur; aber eher nicht, schätze ich. Auf jeden Fall musst du dieses Gerücht klären.« Gernot hielt kurz inne. »Die Frau heißt Anna Schabernack.«
Kommissar Biber stand auf, verabschiedete sich von Kriminalrat Gernot Winkler. Er ließ sich nichts anmerken, bis er die Türe geschlossen hatte. Dann musste er stehenbleiben, denn es fröstelte ihn – nicht aus Furcht, nein, Furcht war es überhaupt nicht.
Vielmehr fühlte er sich ertappt und gerade gar nicht gut. Denn wieder einmal bestätigte sich einer der unveränderlichen Grundsätze von Kommissar Biber: man sieht sich immer zweimal im Leben.
Doch hier ging es nicht um eine alte Rechnung oder darum, noch etwas zu klären. Hier ging es um eine alte Freundschaft, die er einst schrecklich vernachlässigt hatte.
Und darum fühlte er sich gerade schlecht.
Sie war schon 83. Kommissar Biber kannte sie bereits seit über drei Jahrzehnten, hatte seinem Chef aber nichts davon gesagt.
Gleich nach seiner Ausbildung kam er zurück nach Offenburg. Seine damalige Freundin stammte aus Biberach – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – und so lernte er die damals 50jährige Nachbarin kennen.
Sie hatte weißes Haar, wie manche Frauen in dem Alter. Aber das Besondere war, dass sie es nicht färbte. Sie trug stolz ihr weiß-silberglänzendes Haar. Sie trug es offen, und sie trug es lang. So lang wie ein junges Mädchen. Und sie sah, so herb ihre Gesichtszüge waren, so streng wie aus Stein gemeißelt, wunderschön aus.
Bibers Freundin lebte in einem Mietshaus in einem Gebiet, das Ende der 80er Jahre und in den 90ern neu gebaut worden war: Eingang in der Mitte, drei Etagen, die dritte unter dem Dach, drei Wohnungen und die Kellerräume. Schmucklos, funktionell, langweilig.
Biber und seine Freundin, damals noch frisch verliebt und voller Hoffnung und Tatendrang, sprachen schon über ihr neues Zuhause, das sie einmal haben wollten. Klar sollte es sein, groß, große Räume, lieber wenig, aber dafür groß, licht und hell. Sie lachten beide über dieses Haus, in dem sie hier wohnten, und ihre Wohnung darin. Ihr Haus sollte einmal anders aussehen. Aber für den Augenblick war diese Wohnung ihr Ein und Alles. Hier lebten sie, hier trafen sie sich, liebten sich und schmiedeten Pläne für die Zukunft.
Dies ehemalige Neubaugebiet lag am Rand von Biberach, erbaut auf einstigen saftigen Kuhweiden. Und hinter den letzten Häusern gingen die nach hinten gerichteten Gärten auch wieder in die letzten verbliebenen Weiden über.
Ganz links, nahe der Kinzig, war ein heruntergekommener Hof zu sehen, den ein alter, alleinstehender Bauer bewirtschaftete.
Aber weit hinter diesen Weiden, leicht rechts, auf der Nordseite des Tals, sah man einen großen, alten Schwarzwaldhof. Morgens fielen die ersten Sonnenstrahlen auf diesen Hof und blitzten in den kleinen Scheiben des Dachgeschosses, senkten sich tiefer, erleuchteten die Fenster der darunterliegenden Stockwerke, bis der ganze Hof von Licht umflutet war. Ein schöner Hof bei Tag.
Wenn aber die letzten Sonnenstrahlen das Tal verließen, lag der Hof schon lange im Dunkeln. Nichts erkannte man mehr. Nicht einmal Frau Schabernack, wenn die abends aus dem Haus ging, um die Hühner in den Stall zu treiben, zumindest diejenigen, die nicht schon von selbst Schutz gesucht hatten. Es war einfach dunkel. Nur dunkel. Genau genommen war es schwarz. Es hätte sich sonst wer auf diesem Hof herumtreiben können, hätte in bösen Absichten danach suchen können, was es zu stehlen gab. Sei es ein Fuchs oder ein Mensch. Und wenn in der großen Stube dann eine Kerze angezündet wurde, fragte man sich, wer denn dort nur leben könne, ohne Strom und ganz allein.
Aber Frau Schabernack betrachtete ihr Daheim und ihr Leben völlig anders. Sie war so zufrieden, wie man nur sein konnte. Sie stand mit den Hühnern auf, also bei den ersten Sonnenstrahlen, oder, bei schlechtem Wetter, mit der ersten Helligkeit, die sich in das Tal schob.
Sie hatte ihre Katzen. Einen Kater von einem Bauernhof aus dem Schuttertal. Der Bauer meinte, er sei zu schwach, der würde nicht durchkommen. Aber er kletterte ihr sofort auf die Schenkel, als sie sich neben den Wurf kauerte, drückte seine kleinen Krallen in ihre Haut und schaute sie mit großen runden Augen an. »Der ist es«, sagte sie. »Ich komme in drei Wochen wieder und hole ihn ab.« Der Bauer war froh, dann musste er sich nicht um dieses schwache Geschöpf kümmern.
Sie nannte ihn Django. Und er wurde ein prächtiger Kater. Ganz und gar nicht war er schwach, wie es zuerst schien.
Und sie hatte Murmel, einen großteils weißen Straßenkater mit getigerten Flecken. Er war ihr zugelaufen, saß einfach eines Tages vor ihrer Türe. Woher er kam hatte sie nie herausfinden können. Sie hatte ihn aufgenommen, ein wundervoll lieber Kater, dessen Schnurrhaare, so geknickt und verbogen wie sie waren, wild in alle Richtungen abstanden. Sein Schwanz war nicht richtig gewachsen. Die letzten Schwanzwirbel waren nur ganz klein, weshalb er mit dem buschigen Schwanzende aussah wie ein Luchs. Sein Fell war wunderbar weich, wie seine Seele, und von einem Weiß, wie man es nicht besser malen konnte.
Sie hatte ihre Hühner, sie hatte zwei Ziegen, Kleiner Donner und Zartes Horn, in einem extra Gehege neben und hinter dem Hof mit einem extra hohen Zaun zum Schutz all ihrer Pflanzen, und zwei Schäfchen, Prinzessin Dingelstein und Räuber Hotzenplotz, die sie einfach Prinzessin und Räuber nannte. Die hielten ihr die Wiese um das Haus herum kurz und leisteten ihr Gesellschaft, wenn sie an ihrem kleinen runden Tisch im Garten vor dem Haus in einem Meer aus Blumen einen Kräutertee trank.
Sie hatte ihre Gemüsebeete und Obstbäume, die ihr gutes, gesundes Essen gaben, die ihr eine Beschäftigung gaben, und auf die sie stolz war. Denn die Apfelbäume waren eine alte Sorte, die in der modernen Landwirtschaft nicht mehr angebaut wurde: zu wenig Ertrag. Aber die Brettacher hatten den gleichen Geschmack wie Äpfel ihn eben hatten, wenn man sich an die Äpfel seiner Kindheit zurückerinnerte: eine erfrischende Säure, fest im Biss, süß und mit einer feinen Würze, wie sie nur Äpfel haben. Mit einer Note Zitrone, Kandis, Orange und Zimt, dass einem das Wasser im Munde zusammenlief.
Sie hatte ein paar wenige Freunde, zu denen sie einen liebevollen und innigen Kontakt pflegte. Und sie hatte ihre Aufgabe.
Sie war eine Hexe. Ein böses Wort, von den Menschen gebraucht, die meinten, sie allein hätten die Welt verstanden. Andere nannten sie eine weise Frau, eine Heilerin. Sie wusste um die Kraft der Pflanzen, sie wusste, welche Mittel gegen welche Krankheit helfen, Beinwell bei Prellungen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Echinacea bei Erkältung, es wirkt antibakteriell und antiviral, Quarkwickel bei Fieber, entzündungshemmend und schmerzlindernd.
Und sie konnte sehen; eine Seherin war sie. Die Menschen kamen zu ihr und fragten alle möglichen Dinge. Die Menschen wollten wissen, wollten begreifen, brauchten Hilfe.
Daran erinnerte sich Kommissar Biber selbst nach so langer Zeit noch recht gut. Damals hatte es ihn nicht interessiert. Er war dem gegenüber nicht ablehnend, konnte aber auch nichts damit anfangen. Damals.
Was sie sah, war nicht immer gut. Es waren Krankheit, Trennung und manchmal auch Tod. Es war nicht immer schön. Aber oft eben doch. Und so half sie den Menschen. Zumindest denen, die das glaubten, was Anna sah.
Viele glaubten es nicht und machten sich lustig über diese alte Frau, mit ihren langen weißen Haaren, der man unterstellte, sie wolle in ihrem Alter noch immer die Aufmerksamkeit der Männer erregen.
Unverstand, wohin man blickte.
Nun musste er sich damit auseinandersetzen, ob Anna Schabernack, die Frau, die er schon so lange kannte, tatsächlich einen Mord begangen hatte. Es gab nicht den geringsten Beweis. Sein Chef, Gernot Winkler, sprach von einem Gerücht. Die Leute redeten darüber, dass sie ihn erschossen hätte: den Metzger Heinz.
Also machte er sich auf, denn das war seine Aufgabe.
Er wollte nicht gleich als allererstes zu Anna Schabernack auf den Hof fahren, wo er so oft mit ihr im Garten an dem kleinen runden Tisch gesessen hatte. Kommissar Biber hatte diesbezüglich richtiggehend Hemmungen. Er konnte nach so langer Zeit nicht einfach dort auftauchen und sie zu dem Mord und diesem Gerücht befragen. Denn sie hatten sich lange nicht mehr gesehen. Nach der Trennung von seiner Freundin war der Kontakt von Kommissar Biber und Anna mit der Zeit immer weniger geworden. Keiner der beiden hatte das gewollt. Die Arbeit und ein neuer Lebensweg hatten dies bewirkt.
Aber nach Biberach sollte er trotzdem fahren, an den Ort des Geschehens. Irgendwo musste er ja anfangen.
Gemütlich fuhr er die B33 südlich von Offenburg das Kinzigtal hinauf nach Biberach. Er hatte das Album »200 km/h in the wrong lane« von t.A.T.u eingelegt, fuhr aber auf der richtigen Spur und nur 100 km/h, und hörte »Nas Ne Dagoniat«. Die englische Version des Songs hieß »Not gonna get us«, gefiel Kommissar Biber aber weit weniger. Die Vokale werden im Russischen kurz gesprochen und bewahren ihre volle Klangfarbe nur in den betonten Silben. Dadurch hat der Gesang mehr Härte und Prägnanz. Er mochte das russische Gesangsduo mit seinen leicht rockigen und manchmal tranceartigen Popsongs. 2003 gehörte diese CD zu den erfolgreichsten Alben des Jahres.
Auf halber Strecke lag links Gengenbach und rechts Berghaupten. Wenn man bei Gengenbach die Ausfahrt Süd nahm, dann aber entgegengesetzt über die B33 fuhr, kam man durch Strohbach und fuhr das Strohbachtal hinauf bis zum Strohhof. Von dort aus hatte Biber schon schöne Wanderungen unternommen. Und bei seiner Rückkehr war er eingekehrt. Denn der Strohhof hatte leckere Wildschweinwürstchen und hervorragenden Heidelbeerwein zu bieten. Die Würstchen waren aus eigener Schlachtung mit einer feinen Würzung.
Als Kommissar Biber seine Gedanken über Heidelbeerwein und Wildschweinwürstchen beendet hatte, war er auch schon bei der Ausfahrt Biberach. Er fuhr die Hauptstraße in Richtung des alten Ortskerns und hielt dort vor einer kleinen Bäckerei, die ihm einladend erschien.
»Kennen Sie Frau Schabernack?«, fragte Kommissar Biber die Bäckereifachverkäuferin in der kleinen Bäckerei, nachdem er die Auslage ausgiebig studiert hatte. Sollte er sich so ein Puddingteilchen nehmen? Oder doch lieber eine Brezel mit Butter?
»Schlimm, was da passiert ist!«, sagte die Bäckereifachverkäuferin.
»Was ist denn passiert?«, fragte Biber.
»Ach, die Anna. Man hört, das ist aber nur ein Gerücht«, sagte sie einschränkend, »dass sie den Metzger Heinz erschossen hat. Mitten in den Kopf. Mit einem Jagdgewehr. Einfach so – ging auf ihn zu und hat geschossen. Die ist doch nicht mehr ganz dicht.«
»Wenn aber jemand auf einen anderen Menschen zugeht, um ihn dann einfach zu erschießen, muss das doch einen Grund haben«, sagte Kommissar Biber. »Da hatte sie doch einen Plan. Spricht eigentlich nicht dafür, dass sie nicht ganz dicht ist, oder?«
»Ich weiß nicht, einfach jemanden umbringen …« Sie wurde still, dachte nach und sprach leise weiter: »Andererseits … wissen Sie, man sagt hier im Dorf, die Schabernack hat Dinge gesehen. Die wusste Dinge, die andere Menschen einfach nicht wussten und die man auch nicht wissen konnte.«
»Was denn zum Beispiel?«
»Also, vor ein paar Jahren, da ging die Margaret, vom Hensslerhof, also da ging die Margaret zu ihr und fragte sie, was sie denn tun solle. Sie sei immer so müde.« Sie machte ein nachdenkliches Gesicht. »Die Anna soll ihr die Hand auf den Bauch gelegt haben und sagte dann: ›Du musst zum Doktor‹. Doktor hat sie gesagt, sie sagte immer Doktor, nie Arzt. ›Warum denn?‹, habe sie gefragt, also die Margaret. ›Wenn du nicht zum Doktor gehst, wirst du sterben.‹«
Kommissar Biber schaute sie an und wartete auf die Fortsetzung.
»Das hat mir die Gabi erzählt, also die Frau hier vom Bäcker. Die war ganz aufgeregt, als sie darüber sprach.«
»Was ist denn dann passiert?«, wollte Biber wissen. »Ist sie gestorben?«
»Eben nicht«, sagte die Bäckereifachverkäuferin sichtlich ungehalten, »das ist es ja! Die Margaret ging zum Arzt. Der entdeckte ein Krebsgeschwür im Darm. Hat ein Ultraschallgerät in der Praxis. Tolles Gerät, sowas gab es früher nicht. Da sind die Leute halt gestorben. Sie wurde dann sofort operiert und ist seitdem kerngesund.«
»Wer hat denn gesehen, dass die Frau Schabernack geschossen haben soll?«, fragte Biber scheinbar ohne großes Interesse.
Das wisse sie nicht, sagte sie, man erzähle sich die Geschichte eben so hier im Ort, meinte sie. »Wirklich wissen tut das wohl keiner«, endete sie ihre Ausführungen.
»Geben Sie mir doch bitte eine Brezel mit Butter und dieses Puddingteilchen da, das vordere mit der dicken Zuckerglasur.«
Kommissar Biber setzte sich in seinen Jaguar XJ8 und fuhr zum Hensslerhof. Er wusste wo der war. Vor drei Jahren war er dort einmal zur Jagd gewesen. Der alte Henssler hatte ein schönes Schalenwildrevier und vergab gegen Bezahlung eine Tagesjagd an interessierte Jäger. Biber hatte dort einen wunderschönen Tag im Wald verbracht. Allein auf dem Hochsitz, kein Geräusch außer dem Wind in den Blättern und ab und zu ein Knarzen oder Quietschen von aneinander reibenden Ästen. Ein kleiner Vogel lief immer einen Stamm hoch und wieder runter. Er hatte ihn durch sein Zielfernrohr beobachtet. Er wollte sein Gewehr nicht gegen sein Fernglas tauschen, damit er sich im Falle sich zeigenden Wildes nicht zu viel bewegen musste. Als dann zwei Rehe, ein Schmaltier und eine Ricke, aus dem Dickicht traten, war der Tag perfekt. Langsam, vertraut und ab und zu in seine Richtung schauend, zogen sie in ungefähr 30 Meter Entfernung an ihm vorbei. Biber hatte nicht geschossen.
Aber seitdem war er nicht mehr dort gewesen. Durch diese vielen Tagesjagden, wann immer sich jemand dafür interessierte, war das Wild verunsichert. Es hatte enormen Stress. Und das wollte Kommissar Biber nicht unterstützen.
Wenn ein Jäger in seinem Revier ansitzt, dann weiß er, was er tut, kennt jeden Baum, jeden Strauch, ist vorsichtig und leise. Wenn sich aber immer wieder Fremde durch das Dickicht einen Weg bahnen, um zu einem Hochsitz zu kommen, so wird das Wild ständig aufgeschreckt.
Biber fuhr die in leichten Kurven ansteigende Straße Richtung Zell am Harmersbach. Der Ort war im Heiligen Römischen Reich die kleinste Freie Reichsstadt, hatte damals jedoch mehr Fläche als die damalige Reichsstadt Offenburg. Der Storchenturm im Stadtinnern war hübsch anzusehen und immer eine Ausflugsfahrt zu einer Tasse Kaffee wert. Dort angekommen fuhr er links Richtung Nordrach und nach zwei Kilometern rechts einen schmalen Weg in den Wald hinauf. Oben lag auf einer Kuppe der Hensslerhof.
Herr Henssler jun. kam ihm in einem Deutz 7807 Allrad mit Frontlader entgegen. Er kam aus dem Wald gefahren. Am Heck hatte er eine Tiger Dreipunktseilwinde für acht Tonnen Zugkraft montiert. Sicher hatte er geschlagene Stämme zum Ladeplatz gezogen. Die vielen Sägewerke im Kinzigtal brauchten ständig Nachschub.
Kommissar Biber winkte ihm zu und gab ihm mit Handzeichen zu verstehen, dass er zum Hof weiterfuhr. Herr Henssler jun. winkte auch dorthin und gab Biber wiederum zu verstehen, dass er ihm gleich folgen werde.
Biber hielt neben der Scheune, in der auch die Wildkammer untergebracht war, ein kleiner Kühlraum sowie ein klinisch sauberer Raum zum Verarbeiten des aufgebrochenen Wilds. Das Tor, eigentlich ein modernes Schiebetor, aber außen mit Brettern verkleidet, stand offen. Auf der rechten Seite befanden sich zwei Edelstahlwaschbecken, auf dem Tisch lag ein Kasten mit extrem scharfen Messern in verschiedenen Formen und Klingenlängen, daneben ein Wasserkocher zum Erhitzen des Wassers, um die Messer wieder zu reinigen. Von der Decke hingen verschiedene Ketten. Eine Seilwinde ließ sich über einen Schalter linker Hand bedienen. Er stieg aus und schaute sich um. Alles so, wie er es kannte, seit er zuletzt hier gewesen war.
Frau Henssler kam aus dem Haus und begrüßte Kommissar Biber mit Handschlag und einem fröhlichen Lachen. »Hallo, Herr Biber! Sie waren lange nicht mehr hier. Wie geht es?«
»Bestens, kann nicht klagen. Nur mein Anlass zum Besuch bei Ihnen ist nicht so schön. Ich komme wegen des Mordes an Herrn Metzger aus Biberach.«
»Dachte ich mir schon«, sagte sie und lachte wieder.
Der Traktor kam den Weg heraufgefahren. Herr Henssler jun. stellte ihn neben der Scheune ab und stieg aus. »Hallo, wie geht’s?«, fragte er. Er trug eine rot-schwarze Schnittschutzhose mit schwarz aufgesetzten Taschen für Werkzeug, die zu seiner Sicherheit mit einem 6-lagigen Schnittschutz aus Kevlar versehen war. Eine sinnvolle Maßnahme für Holzarbeiten.
»Wie geht’s, Herr Biber?«, wiederholte er.
»Prächtig, danke. Wie geht es Ihrem Herrn Vater? Geht er noch zur Jagd? Ich war ja lange nicht mehr hier.«
Frau Henssler sagte: »Ich lass euch mal allein«, und ging zurück zum Haus; nicht ohne einen Kuss der Begrüßung von ihrem Mann. Dann wandte sich Herr Henssler jun. wieder Kommissar Biber zu.
»Mein Vater ist ziemlich gebrechlich geworden.« Er schaute nachdenklich, als wäre ihm gerade ein Gedanke gekommen. »Wie sein Wachtel, die Lisa. Werden jetzt zusammen alt.«
»Und was macht die Jagd?«, fragte Biber interessiert.
»Das kann er nicht mehr. Und sein Wachtelmädchen auch nicht. Hat aufgehört. Auch die Tagesjagden hat er beendet. Ich bejage jetzt das Revier zusammen mit dem Inhaber des Hotels ›Sonnenblick‹ oben auf den Schottenhöfen.«
»Das finde ich beides sehr gut«, sagte Kommissar Biber ernst und schaute Herrn Henssler jun. direkt an. »Diese Tagesjagden waren nicht wirklich schön. Und dass Sie jetzt die Jagd übernommen haben freut mich für Sie!«
»Ich gebe Ihnen recht.« Henssler bewegte sich leicht von einem Bein auf das andere. Vielleicht war ihm das lange Sitzen auf dem Traktor in die Knochen gefahren. »Das brachte einfach zuviel Unruhe in den Wald. Das Wild verlor so seine gewohnten Einstände und wurde zu oft beunruhigt.« Kurze Pause. »Was möchten Sie denn wissen? Hat ja sicher einen Grund, dass Sie hier sind.«
»In der Tat, das hat es. Ich möchte eigentlich mit Ihrer Frau sprechen. Ich hatte gehört, dass sie etwas über Frau Schabernack weiß, das mich interessiert. Aber bei der Gelegenheit: Kannten Sie Herrn Metzger?«
»Ich kannte ihn nicht, nicht persönlich. Und bin auch froh darüber. Er hatte ja das Autohaus in Biberach. Da wusste man schon, wer er ist. Ein sehr unangenehmer Mann, was man so hört.«
Ein fragender Blick von Kommissar Biber ließ ihn weiterreden.
»Wir hatten letztes Jahr eine Jagdgesellschaft, bei der auch ein Herr Meyer-Bender anwesend war. War ab und zu mal hier. Der hat dann einen Hund erschossen. Es war eine richtige Bestie. Hat hier ständig gewildert. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Kommissar.« ›Herr Kommissar‹ sagte er jetzt, denn es ging um eine Straftat, und er wollte sich damit wohl in gewisser Weise davon distanzieren. »Natürlich war das total daneben, den Hund einfach zu erschießen. Aber eigentlich hatte er recht. Der hat das junge Wild totgebissen oder schwer verletzt sterbend zurückgelassen. Es war eben nur der falsche Weg. Denn wäre ein entsprechender Antrag korrekt gestellt worden, hätte man durchaus eine Abschussgenehmigung für diesen wildernden Hund erhalten.
Das Tragische war allerdings, dass Herr Metzger dies sah und Herrn Meyer-Bender anzeigte. Und der hat daraufhin seinen Jagdschein und seine Waffenbesitzberechtigung verloren. Ich bin froh, dass ich diesen Metzger nicht persönlich kannte. Das war nicht richtig; man hätte darüber reden müssen. Und man hätte damals hier vor Ort darüber reden können. Schließlich gab es Gründe, gute Gründe für den Abschuss. Aber das interessierte ihn überhaupt nicht.« Kurzes Innehalten. »Natürlich war der Abschuss nicht rechtens, keine Frage. Aber der Meyer-Bender war ein guter Jäger, er war umsichtig, schoss nur, wenn er das Wild auch erlegen konnte – waidmännisch eben. Das hat er für ein einmaliges Fehlverhalten absolut nicht verdient. Und das sage ich nicht, weil ich auch Jäger bin.«
»Wo wohnt denn dieser Herr Meyer-Bender?«
»In Reichenbach. Ich meine, in der Alten Landstraße – Hausnummer 17, wenn ich mich recht erinnere. Habe ihn seitdem nie wieder gesehen.«
»Danke, Herr Henssler. Darf ich Sie noch etwas fragen?«
»Natürlich.«
»Haben Sie eine Büchse Kaliber 8x57IS?«
Herr Henssler jun. schmunzelte. Er nahm die Frage nicht böse auf, sondern wusste, dass dies von Kommissar Biber gefragt werden musste. »Die Mordwaffe, oder? Da kann ich leider nicht mit dienen. Ich jage Schalenwild mit meiner Blaser R8 Kaliber .308 Winchester. Wollen Sie jetzt noch zu meiner Frau und sie fragen, ob sie vielleicht eine 8x57IS hat?« Er schmunzelte wieder. »Ich habe noch zu tun, Herr Biber. Hat mich wirklich gefreut, Sie wiederzusehen. Auf bald.« Er drehte sich um und ging zum Traktor.
»Bis bald«, rief Kommissar Biber ihm nach. Dann drehte auch er sich um und ging zum Haus. Er klopfte und wartete.
»Kommen Sie rein, ich bin in der Küche«, rief Frau Henssler mit lauter, klarer Stimme.
Kommissar Biber betrat die Küche, in der es nach süßem Teig roch. »Ich möchte Sie kurz sprechen, wenn ich Sie stören darf?«
»Dürfen Sie, Herr Biber. Nur zu!«
»In der Bäckerei in Biberach erzählte man mir, dass Sie geheilt wurden bzw. wie aufgrund der Diagnose – kann man das so sagen? – von Frau Schabernack Ihr Leben gerettet werden konnte.«
»Das kann man so sagen. Ohne ihre Weitsicht, ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll«, sagte Frau Henssler vorsichtig, »war es vielleicht so etwas wie Hellsicht? – wäre ich heute tot. Sie hatte nur ihre Hand auf meinen Bauch gelegt und war sich absolut sicher. So etwas habe ich selten erlebt. Sie konnte das ja eigentlich gar nicht wissen. Aber aus ihr sprach die absolute Gewissheit, dass ich sterben würde, ginge ich nicht sofort zum Arzt.«
Kommissar Biber war sich sicher, dass es genau so gewesen war. Warum sollte Frau Henssler diese Geschichte erfinden? Dennoch kam ihm keine Erklärung in den Sinn. »Wie kann denn das geschehen sein? Was meinen Sie?«, fragte Kommissar Biber.
»Ich habe nur eine Erklärung. Sie wusste, was passieren würde.«
»Sie meinen, sie hat es gesehen?«
»Ja, genau. Genau das meine ich. Ich glaube, dass sie die Hand nur aufgelegt hat, damit es wie eine ärztliche Untersuchung aussah. Ich glaube, das hätte sie mir auch einfach so sagen können. Wissen Sie ...«, sie rang sichtlich nach den richtigen Worten, »Herrn Grabovski, also dem Ingo, in Wittelbach, dem erging es genauso. Und da hatte sie den Mann nicht einmal berührt.«
»Können Sie sich vorstellen, dass die Frau Schabernack den Metzger Heinz erschossen hat? Im Ort, im Tal unten in Biberach, erzählt man sich das wohl.«
»Die Leute reden viel, besonders, wenn sie jemanden nicht mögen«, sagte Frau Henssler.
»Welchen Grund sollten die Leute denn haben, die Frau Schabernack nicht zu mögen? Sie lebt ruhig und zurückgezogen auf ihrem Hof mit ihren Tieren und tut keinem was zuleide«, stellte Biber fest.
»Das ist wohl wahr, da haben Sie recht. Aber wenn ein Mensch anders ist, zieht er die Blicke und die Missgunst auf sich. Viele mögen sie, denn sie hat vielen Menschen geholfen. Von Herrn Grabovski weiß ich es genau. Und schauen Sie mich an. Aber anderen ist sie ein Dorn im Auge«, sagte Frau Henssler mit zusammengekniffenen Mundwinkeln. Sie knetete weiter den Teig für die Scherben.
»Möchten Sie welche mitnehmen? Sie schauen so fasziniert auf den Teig. Ich habe noch von den gestern gebackenen.«
»Gerne, Frau Henssler. Gut gemachte Scherben sind ein Leckerbissen.«
Frau Henssler schmunzelte leicht. Sie verstand, was der Mann vor ihr meinte. Dann sagte sie: »Vielleicht sollten Sie mal mit diesen Leuten reden.«
Es wurde dunkel. Es war zwar noch früh, erst 18 Uhr.
Aber für Kommissar Biber war das immer das Zeichen, dass der Tag sein Ende fand, in dieser Jahreszeit eben etwas früher, im Sommer erst sehr spät. Darum war es Zeit nach Hause zu fahren. Die B33 war frei. Und überholte man auf den zweispurigen Abschnitten die langsameren Fahrzeuge, war man in weniger als 20 Minuten zu Hause. Ein schöner Gedanke.
Biber fuhr schnell. Er fuhr gerne schnell. Überhaupt fuhr er gerne Auto. Früher mussten die Menschen alles zu Fuß erledigen. Fast alle Menschen mussten fast alles zu Fuß erledigen. Nur wenige hatten das Privileg, ein Pferd zu besitzen. Dementsprechend klein war die Welt, die Möglichkeit der Betrachtung der Dinge und deren Verständnis. Und dementsprechend eingeengt war der Mensch. Mit der Kutsche, dann dem Zug und zuletzt mit dem Auto bekam der Mensch eine Freiheit geschenkt, die bis dato unerreichbar war. Man konnte jederzeit überall hin. Die Wege wurden weit, die Welt immer weiter. Dieses Gefühl liebte Biber.
Natürlich konnte man Sprit sparen. Natürlich konnte man CO2 einsparen. Man konnte auch weniger essen, denn so verbrauchte man weniger Ressourcen. Man konnte aufhören Musik zu hören, denn das verbrauchte Energie. Man sollte aufhören, sich zu lieben, denn daraus entstanden Kinder.
Und was die an Ressourcen und Energie verbrauchten … am besten keine Kinder mehr haben. Am besten aufhören zu leben.
Sprit sparen, Blödsinn.
15 Minuten brauchte Biber, bis er zu Hause war.
Musikalisch begleitet wurde er dabei von Placebo. Besonders »Space Monkey« und »Because I want You« der CD »Meds« waren die richtigen Songs für diese Fahrt. Es schien, als ob es die Snare wäre, die den Jaguar XJ8 vorantrieb.
Seine Katzen warteten schon auf dem Parkplatz auf ihn. Zuerst alle füttern, etwas schmusen, nicht weil Biber das wollte, nein, weil seine Katzen das wollten und auch von ihm forderten. Da gab es einfach kein Entkommen. Biber wollte jetzt etwas ganz anderes. Er wollte lesen: wie verhielt es sich mit dem Phänomen der Hellseherei, der Clairvoyance, des zweiten Gesichts, der Wahrsagerei? Biber würde sich einen Jameson einschenken – seit seiner Reise nach Irland mochte er Whiskey, besonders in Kombination mit einem Guinness.
