Kongo Blues - Jonathan Robijn - E-Book

Kongo Blues E-Book

Jonathan Robijn

0,0

Beschreibung

"Mit leiser Traurigkeit und fesselnder Empathie führt uns Kongo Blues direkt in das schmerzvolle Innere des Kolonialismus." Francesca Melandri Morgan ist Jazzpianist und verdient sein Geld mit gelegentlichen Konzerten in Brüsseler Bars. An seine Kindheit in den Tropen kann er sich kaum erinnern. Als er am ersten Tag des Jahres 1988 von einem Silvesterkonzert nach Hause kommt, findet er eine elegante junge Frau im schwarzen Abendkleid schlafend in der Nähe seines Hauses liegen. Sie würde erfrieren, wenn er sie liegenließe, also denkt er nicht lange nach und trägt sie vorsichtig in seine Wohnung. Sie schläft tief und fest, und als er sie vorsichtig ablegt, fällt ein Umschlag mit einer Million Belgischer Franc aus ihrer Tasche. Als sie am nächsten Morgen zu sich kommt, verrät sie nicht, wer sie ist. Sie geht, aber sie kommt wieder und zieht mit zwei Koffern bei ihm ein, angeblich, weil in Brüssel alle Hotels ausgebucht sind. Ist ihr Zusammentreffen womöglich gar nicht so zufällig, wie es schien? Morgan beginnt, Erkundigungen über Simona einzuholen …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jonathan Robijn

KONGO BLUES

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen übersetztvon Jan-Frederik Bandel

Die Originalausgabe des vorliegenden

Buches erschien unter dem Titel Congo Blues bei Uitgeverij Cossee, 2017

Dieses Buch wurde mit Unterstützung von Flanders Literature herausgegeben.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2018

Deutsche Erstausgabe März 2019

Umschlaggestaltung:

Maja Bechert, Hamburg

www.majabechert.de

ePub ISBN 978-3-96054-187-5

für Karine, Ani, Lisa, Nina und Eva

»Die Zeit ist ein gefährlicher Feind.«

Imre Kertész

»Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.«

Simone Weil

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Teil II

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

I

1

Als Morgan am Neujahrsmorgen gegen sieben Uhr von der Bäckerei De Graaf heimging, sah er sie, zusammengesackt an der Wandbegrünung vor Smolders’ Fahrradwerkstatt. Sie hatte die Knie angezogen, die Arme über Kreuz, ihr Kopf ruhte darauf. Sie trug ein kurzes Kleid und schwarze Nylonstrümpfe, hochhackige Riemenschuhe, einen dicken Mantel und eine schwarze Mütze mit einem Wort darauf, es endete mit »-onix«. Trotz der Kälte hatte sie keine Handschuhe an. Angela. Er erkannte sie sofort, wie sie da zwischen den Kletterpflanzen saß und auf ihn wartete. Ihre Schultern, ihre Hände, in all den Jahren hatte sie sich kaum verändert.

Die Straße, die parallel zur Bahnstrecke verlief, war zu dieser frühen Stunde wie leergefegt, die eine Hälfte der Stadt feierte noch den Beginn des neuen Jahrs, die andere Hälfte schlief bereits. In der Ferne konnte man Rangierarbeiten im Bahnhof hören und das Geräusch eines Generators, der eine Wasserpumpe antrieb. In der Luft hing, wie stets, nur der Gestank von Braunkohle, in den sich der Geruch nächtlicher Vergnügungen mengte.

Morgan war überrascht, aber er ging weiter, ohne sich nach ihr umzusehen, er nahm an, dass sie in der Silvesternacht zu viel getrunken hatte, was ihr ähnlich sah, doch nach fünfzig Metern drehte er um und lief zurück. Man las in der Zeitung immer wieder von Alkoholikern, die auf einer Parkbank der Kälte zum Opfer gefallen waren. Jedes Jahr gab es einige Betrunkene, die erfroren. Er beugte sich zu ihr herab und berührte ihre Schulter. Zarte, herabhängende Schultern, die traurig wirkten, trotz des dicken schwarzen Mantels, der sie umhüllte. Mit einer Hand umklammerte sie das Knie, die andere Hand war geschlossen, als verstecke sie etwas vor ihm. Wollte sie ihn überraschen? Versteckte sie den Fingerhut, den sie manchmal nachts sein Rückgrat hatte entlanggleiten lassen? Oder die Stimmgabel, die sie an Stellen zum Schwingen gebracht hatte, wo nur er sein Ohr haben durfte? Sie reagierte nicht. Aus der Mütze lugten ihre kornblonden Locken hervor, durch die er so häufig mit den Fingern gefahren war.

»Hallo?« Sie atmete ruhig.

Es begann zu schneien. »He«, sagte er mit der beruhigenden Stimme eines Mannes, der sich durch nichts und niemanden aus der Fassung bringen lässt, »soll ich einen Krankenwagen rufen?«

Keine Reaktion. Er wohnte ein paar Häuser weiter, hundert Meter von der Stelle, wo sie saß, zusammengekauert. Er hatte im ersten Stock eines alten Stadthauses ein Zimmer gemietet, das so klein war, dass er nur selten Gäste empfing. Schon die Vorstellung, »Gäste zu empfangen«, musste einen zum Lachen bringen. Er hatte alles Stück für Stück in Sozialkaufhäusern und auf Trödelmärkten zusammengekauft: einen niedrigen Couchtisch aus Plastik, einen gelben Kunstledersessel, das Bett hatte ein buntes Untergestell, wie man es vielleicht aus Filmen kennt, einen Esstisch, von dem die Farbe abblätterte, vier unterschiedliche Stühle, einen Schrank. Und neben dem Klavier ein Regal mit Schallplatten, die die gesamte Musikgeschichte der letzten zwanzig Jahre umspannten. In dieser Gegend waren die Häuser noch bezahlbar, zweifellos wegen des Lärms der nahe gelegenen Eisenbahn, dieses typischen Denggg, Denggg, Denggg der Reisenden. Smolders behauptete immer, es sei etwas ruhiger geworden in der Gegend, seit die Fabrik geschlossen war, es führen weniger Züge und die größte Plage seien nun die streunenden Katzen und die Junkies, die sich das Areal teilten.

Die Nachbarn kannten einander mit Namen, außer Morgan, ihm waren die Nachbarn egal, er kannte nur Herrn Vermeersch, den Hausbesitzer, dessen wichtigste Eigenschaft darin bestand, seine Mieter in Ruhe zu lassen, solange sie regelmäßig bezahlten und es auf seinem Grund nicht zu gröberen Gesetzesverstößen kam. Den jungen Mann, der unten ein regelrechtes Bordell betrieben hatte, hatte er mit einigen knappen, wohlgewählten Worten vor die Tür gesetzt. Herr Vermeersch duldete alles, solang es die Grenzen des Anstands nicht verletzte, er stellte keinerlei Fragen. Er war wohl dreißig, vielleicht sogar jünger, Ende zwanzig, immer sportlich gekleidet, unrasiert und mit einem Haarschnitt, von dem die Prinzen nur träumen konnten. Er stand nie unangemeldet vor der Tür, grüßte freundlich, wenn er Morgan im Treppenhaus begegnete, und klagte nur selten über die schwindelerregende Menge von Gerümpel, das sich im Hof hinter dem Haus stapelte, wenn der Sommer zu Ende ging, oder die gelegentlich recht ausschweifenden nächtlichen Aktivitäten einiger Mieter. Manche davon lebten über Jahre im selben Zimmer, andere blieben nur ein paar Wochen.

»Hallo?«, sagte er jetzt etwas lauter. »Es schneit. Du kannst hier doch nicht sitzen bleiben.«

Immer noch keine Reaktion. Sie ihrem Schicksal überlassen? Das brachte er nicht übers Herz. Er sah es schon in der morgigen Zeitung stehen: »Junge Frau erfroren. Nachbarn haben angeblich nichts gesehen.« »Und Sie, mein Herr?« Das rote Lichtchen oben an der Kamera, das Mikrofon in Brusthöhe, er sah es schon vor sich.

Er stellte die Tüte mit dem Brot ab, packte die junge Frau unter den Armen und richtete sie auf. Ungeachtet der frühen Morgenstunde rief sie in ihm die Erinnerung an einen Stapel an der frischen Luft getrockneter Wäsche hervor, derselbe Geruch wie damals. Sie war schlank und etwas größer als er, und als sie seinen Griff um ihre Taille spürte, schlang sie die Arme um ihn. Es war wohl ein Reflex, unwillkürlich, wie wenn das Knie sich streckt, weil der Arzt mit einem Hämmerchen dagegenschlägt.

Mit viel Mühe gelang es ihm, sie die Treppe hinaufzuschleppen, ohne sie oder das Brot fallen zu lassen und ohne die anderen Bewohner des Hauses aufzuwecken. Als er den Zimmerschlüssel suchte, entglitt ihm die junge Frau beinahe doch noch. Kurz darauf lag sie auf dem Bett. Wenige Augenblicke später drehte sie sich auf die Seite und zog die Beine an. Er nahm ihr Schuhe und Mütze ab. Ihre Widerspenstigkeit – da war sie wieder, er bemerkte sie in ihren blonden Haaren, die viel länger waren, als es unter der Mütze den Anschein gehabt hatte, an der makellosen weißen Haut, den dünnen Augenbrauen, den feinen Lippen mit Resten von Lippenstift in den Mundwinkeln, der spitzen Nase und dem Streifen auf der linken Wange, offensichtlich ein Abdruck des Mantels, auf dem ihr Kopf gelegen hatte. Auf ihren Wangen hatte die Kälte einen blassroten Ton hinterlassen, und auch ihre zarten Finger waren rot von der Kälte, die Klavierfinger, die so oft über die höchsten Akkorde geglitten waren, während er sich der unteren Oktaven angenommen hatte. Was ihn aber am meisten erstaunte, war die Sorglosigkeit, mit der sie dort auf dem Bett lag. Ein junger Vogel, der eben etwas verfrüht seiner Mutter aus dem Nest gepurzelt war, das war’s, woran sie ihn erinnerte. Sie atmete tief ein und aus. Kein Alkoholgeruch. Er fand im Schrank eine Decke und breitete sie über sie.

Gerade als er sich abwenden wollte, um endlich zu frühstücken oder den Rettungsdienst anzurufen oder aus dem Fenster zu schauen, den Schneeflocken zuzusehen und dabei zu überlegen, was er mit ihr anstellen sollte, fiel ein Briefumschlag auf den Boden. Ein einfacher, länglicher weißer Umschlag ohne Briefmarke, ohne Empfänger oder Absender, aber viel dicker als die Briefe, die er bekam. Eigentlich bekam er nie Briefe, nur Rechnungen. Er bückte sich, um den Umschlag aufzuheben. Er war nicht zugeklebt. Es waren 10.000-Franc-Scheine darin, vier Bündel, auf der Banderole eines Bündels las er: 25 x 10.000 Bfr. Vier Bündel, hundert 10.000-Franc-Scheine, eine Million, in einem weißen Briefumschlag, in der Manteltasche eines Mädchens, das vielleicht zwanzig war und am Neujahrstag an einer Mauer eingeschlafen war, während es zu schneien begann. Na klar, dachte er, Silvester, da braucht man Geld. Sie bemerkte nichts, sie schlief. Er sah, dass die Manteltasche, in der sich das Geld befunden hatte, mit einem Knopf verschlossen wurde, und ihm war klar, dass der Knopf auf dem Weg von Smolders’ Fahrradwerkstatt zu seinem Zimmer aufgegangen sein musste. Er verschloss den Umschlag wieder, steckte ihn in die Manteltasche und schob den Knopf durch das Knopfloch.

Es war schon beinahe Mittag, als sie endlich aufwachte. Sie setzte sich auf und schüttelte, wie es sich für einen Jungvogel gehört, mit einem unwillkürlichen Schauder das Gefieder aus. Morgan hatte den ganzen Vormittag dagesessen und sie genau angesehen, hatte Züge an ihrem Körper und in ihrem Gesicht wahrgenommen, die ihm auf den ersten Blick entgangen waren, hatte andächtig ihrem Atem gelauscht und sich gefragt, wie es möglich war, dass jemand, der Angela so ähnlich sah, auf einmal in seinem Bett gelandet war. Sie hatte tief geatmet, ruhig und unbesorgt. Ein- oder zweimal hatte sie ein Geräusch gemacht, ein sanftes, klägliches Geräusch, ein Stöhnen, aber nicht beunruhigend oder erschreckend, wahrscheinlich hatte sie von ihrer Vogelmama geträumt. Die blassrote Färbung war von ihren Wangen gewichen, sie hatte eine leicht gebräunte Haut, die die hohen Wangenknochen unterstrich. Eine Hand hatte sie unter das Kopfkissen geschoben, die andere ruhte zwischen den Knien. Ihre Haare hatten sich auf der Stirn verteilt. Der Ausdruck in ihrem Gesicht hatte sich im Laufe des Vormittags kaum verändert, sie hatte noch immer die Sanftheit eines Kükens.

Sie wachte auf, blinzelte, versuchte, einen neuerlichen Schauder zu unterdrücken, der ihr den Rücken hinunterlief, machte eine Vierteldrehung und sah sich um. Morgan saß am Tisch und las eine Billie-Holiday-Biografie, vor sich eine Tasse Kaffee, er schaute so unbeteiligt wie möglich. Sie schlug die Decke auf, und er bemerkte, dass sie unauffällig mit der Hand über die Manteltasche strich, so unauffällig, dass er fast Lust bekam, eine Anspielung auf die Bedeutung von Geld zu machen, auf das letzte Mal, dass er im Lotto gewonnen hatte. Nichts verriet, ob das, was sie fühlte, sie beruhigte. Ihre Augen waren klug, dunkelbraun, der Blick war grob und etwas schlicht, aber doch ungewöhnlich und ehrlich. Darin unterschied sie sich von Angela, die hatte auch ehrliche Augen, aber sie waren graublau. Sie setzte sich aufrecht hin, schaute ihn abwartend an, ohne ein Wort zu sagen, schob mit den Fingern ihre Haare zurück, rieb erst ihre Augen, dann ihre Schultern, als wäre ihr kalt. Es war warm im Zimmer, er hatte die Heizung ihretwegen ein paar Grad höher gestellt. Die Wettervorhersage hatte richtig gelegen, es hatte den ganzen Vormittag heftig geschneit, und die Stille draußen machte es drinnen ruhig und gemütlich.

Das Erste, was sie sagte, war: »Spiel mal was«, sie wies auf das Klavier, das neben dem Regal mit den Schallplatten stand. Ihre Stimme passte zum Ausdruck in ihrem Gesicht, sie war forsch, aber auch warm, sanft, fast schon lieb.

Er setzte sich ans Klavier und begann, ein Stück von Thelonious Monk zu spielen, ruhiger Jazz, die ideale Musik, um das neue Jahr einzuleiten. Und außerdem Musik, zu der man gut aufwachen konnte – oder sich umdrehen und noch einmal einschlummern. Er hatte dieselbe Nummer gestern am Silvesterabend gespielt, und der Beifall war so groß gewesen, dass er sie nach dem Jahreswechsel – es war wohl schon drei Uhr morgens – noch einmal spielen musste.

Sie stand auf und setzte sich zu ihm an den Tisch. Als sie saß, öffnete sie die Knöpfe ihres Mantels, und er sah, dass sie darunter eine graugrüne Bluse trug, die vom Schlafen ziemlich zerknittert war. Er hörte kurz auf zu spielen, nahm eine Tasse von der Anrichte, schob sie in ihre Richtung und wies auf die Kaffeekanne. Dann bewegten sich seine Finger erneut von Akkord zu Akkord. Sie schob die Tasse von sich weg, verschränkte die Hände, legte sie vor sich auf den Tisch und sah sich, während sie der Musik lauschte, die Fotos an, die zu Dutzenden an der Wand neben ihr hingen. Fotos von Auftritten in Paris, London, Brüssel, Amsterdam, Fotos, die noch einige Jahre älter waren und auf denen er gemeinsam mit Berühmtheiten wie Jef Gilson und Pierre Michelot spielte, Fotos vom bescheidenen Erfolg, den er einmal gehabt hatte. Sie waren alles, was davon geblieben war, sogar sein wildes Haar war verschwunden, und jedes Mal, wenn er einen Blick auf die Fotos warf, wurde er schwermütig. Sie betrachtete die Bilder mit oberflächlichem Interesse, und er bemerkte in ihrem Blick eine Selbstgewissheit, die zu ihrem Alter nicht passen mochte.

Als die letzte Note verklungen war, zog sie die Tasse mit einer wehmütigen Bewegung wieder zu sich heran, nahm die Kaffeekanne und schenkte sich ein. Einen Augenblick lang blieben ihre Augen an Morgans Händen hängen, als wäre sie fasziniert vom Anblick seiner schwarzen Finger auf den elfenbeinernen Tasten. Sie erzählte nicht viel an diesem Morgen, nur dass sie Simona hieß. Sie erkundigte sich, wie sie in seinem Bett gelandet sei, und er erklärte ihr, wie er sie vor Smolders’ Fahrradwerkstatt gefunden hatte, in der Wandbegrünung. Sie konnte sich, wie sie einräumen musste, nicht erinnern, wie sie am Morgen dorthin gekommen war. Die hundert 10.000-Franc-Scheine erwähnte sie nicht, und er fragte auch nicht danach.

Als sie eine halbe Stunde später aufstand, dankte sie Morgan für die Hilfe und setzte lächelnd – zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte sie – hinzu, dass der Neujahrsmorgen für sie von nun an stets mit dieser merkwürdigen Erinnerung verbunden bleiben werde.

Als er ihr die Tür aufhielt, fragte er wie nebenbei, als interessiere es ihn nicht wirklich: »Hast du’s weit?«

»Kapellekerk, am Ende der Hoogstraat«, antwortete sie und wies mit ihrer Mütze in Richtung Stadt. »Und dann zum Flughafen. Heute Abend nehme ich den Flieger.«

Er zweifelte nicht daran, dass es eine der vielen zufälligen Begegnungen gewesen war, an denen sein Leben so reich war, Menschen kreuzten seinen Weg und verschwanden ebenso unerwartet wieder, flüchtig wie der Anschlag einer Taste auf dem Klavier. Zugleich schwindelte ihn leicht, wenn er daran dachte, dass er wohl jemanden vor dem Erfrieren bewahrt hatte. Als er abends im Licht der Straßenlaternen und der Stille der verschneiten Straße am Klavier saß, staunte er noch immer über ihren Besuch, ihren jugendlichen Übermut, den sie selbst gar nicht zu bemerken schien, und über die forsche Art, wie sie, bevor sie ging, die Riemen ihrer Schuhe geschlossen hatte, und er versuchte, nicht daran zu denken, wie ähnlich sie Angela war. Angela, die ungeachtet all der Schwierigkeiten, in die sie gerieten, immer ihre Sorglosigkeit bewahrt hatte, verbunden mit dieser Widerspenstigkeit – ihr Charakter erinnerte ihn an einen Irrgarten, voller unerwarteter Winkel und Abzweigungen. Fast täglich musste er an die Prognose des Arztes denken, der sie untersucht hatte: zwei Monate noch, höchstens drei. Eine Blutkrankheit, die man damals noch nicht behandeln konnte. Er hatte sie versorgt, er hatte sie geliebt, ihr Kampf dauerte nur ein paar Wochen, viel kürzer, als der Arzt es vorhergesagt hatte, zu kurz, um ihn anzustecken.

Gegen neun Uhr war ihm klar, dass jeder Versuch, an etwas anderes zu denken, zum Scheitern verurteilt war, er zog seinen Mantel an und spazierte durch den Schnee zu Pierres Café an der Ecke der Rue de la Roue, das Lokal lief gut, jeder in der Gegend kam hier wohl einmal in der Woche vorbei. Nach dem dritten Glas Wein verschwand sie allmählich aus seinen Gedanken.

Bis sie ein paar Tage später wieder vor der Haustür stand, diesmal in jeder Hand einen Koffer. Sie hatte dreimal kurz geklingelt, als hätten sie einen Code verabredet, und sie sagte, alle Hotels in der Stadt seien ausgebucht. Ob sie vielleicht bei Morgan übernachten könne? Sie sah ihn an, bemerkte sein Zögern und setzte hinzu: »Nur ein, zwei Nächte.« Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, das erkennen ließ, wie unangenehm es ihr war, ihn darum zu bitten.

Es war noch nicht einmal sechs Uhr abends, aber schon dunkel, die Straßen waren weiß vom Schnee, der seit zwei Tagen liegen blieb. Er hatte schon einige Tage niemanden mehr im Haus gehört. An den Fußspuren konnte er erkennen, dass sie von rechts gekommen war, aus der Richtung von Smolders’ Fahrradwerkstatt. Die Farbe ihrer Wangen und der Schnee an ihren Schuhen ließen ihn vermuten, dass sie einen ziemlichen Fußmarsch hinter sich hatte. Im Schein der Straßenlaternen bemerkte er wieder, wie elegant sie trotz ihrer Jugend war.

Er ließ sie rein und spürte die Kälte, die sie mit ins Zimmer brachte, als zerre sie einen unwilligen Hund hinter sich her. Sie hängte ihren Mantel an den Kleiderständer bei der Tür, zog die Schuhe aus, schob die Koffer zum Bett und setzte sich an den Tisch. Die Knöpfe ihrer Manteltaschen waren geöffnet, die Taschen schienen leer zu sein. Sie dankte ihm für die Gastfreundschaft. Morgen, spätestens aber Donnerstag habe sie ein wichtiges Treffen im Außenministerium, und alle Hotels schienen ausgebucht zu sein. Wahrscheinlich der Jahreswechsel, vielleicht fand auch irgendein wichtiger Kongress statt?

Auf dem Tisch lagen die Notenblätter für ein Stück, das er gerade einstudierte, ein Stück, das, wie er wusste, trotz seiner seriellen Komposition sehr eingängig war. Der Komponist – ein junger amerikanischer Jazzmusiker, dem nach allgemeinem Urteil eine glänzende Karriere bevorstand – hatte sich entschieden, den Klang bewusst zu zersetzen. Morgan wollte die Blätter wegräumen, aber Simona hielt ihn zurück.

»Spiel«, sagte sie. »Mach einfach weiter, als wäre ich gar nicht da.«

»Verstehst du etwas von Musik?«

»Ich höre manchmal Radio.«

»Radio? Dann hast du noch niemals Musik gehört.«

Er spielte das erste Blatt, eine Folge von Glissandi und Kontrapunkten, und improvisierte einen Abschluss. Anders als ein paar Tage zuvor sah sie ihm jetzt interessiert zu, sie folgte seinen Fingern und achtete nicht darauf, wie er auf den Riss über dem Klavier blickte, auch nicht auf die Fotos, die neben ihr an der Wand hingen.

Als er fertig war und sich zu ihr wendete, klatschte sie dreimal fast unhörbar. Sie bat ihn, ihr etwas über die Musik zu erzählen. Den restlichen Abend über versuchte er, sie einzuweihen in die unergründliche Essenz des Jazz, darüber konnte er begeistert sprechen, ohne selbst viel davon zu verstehen, über das Jazz Age, die Hochzeiten von Charleston und Black Bottom, den Cool Jazz eines Chet Baker, von dem es im Rolling Stone hieß, er werde nach Amsterdam kommen, um ein Konzert zu geben, über die ersten Erfolge von Louis Armstrong und Coleman Hawkins, das raue Miteinander von Menschen, die keinen Zweifel hatten, dass sie weniger bedeuteten als Luft, die geblasen wird, weniger als eine Klaviertaste, die vorsichtig gedrückt wird, Frauen, denen klar war, dass sie nur einander hatten, dass niemand sie je verstehen würde. Nur wenn es um das ging, was die Musik in ihm weckte, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Eigentlich wollte er vermeiden, dass sie über Simona redeten oder, schlimmer noch, über ihn.

Mit dem Wenigen, das er in seinem Kühlschrank auftreiben konnte, machten sie Rührei und Gemüse, und über diesem einfachen Mahl leerten sie eine Flasche Bordeaux. Auch wenn er in dieser Nacht nicht in seinem Bett schlief, hatte er das Gefühl, dass das Jahr vielversprechend begann, dass wieder frischer Wind durch sein Leben zog, ein Wind, bei dem man sich eine Winternacht mit knisterndem Kaminfeuer vorstellte. Einige schlaflose Stunden später dachte er darüber ganz anders: Er würde sich nie wieder den Gefühlen für eine Frau hingeben. Am nächsten Tag würde er freundlich bleiben, ihr getrost alles erzählen, was sie wissen wollte, vielleicht auch gemeinsam mit ihr kochen, aber jedes Aufkommen von Lust und Liebe musste er im Keim ersticken. Niemand konnte Angelas Platz einnehmen. Ihre Doppelgängerin konnte ein, zwei Nächte in seinem Bett schlafen und sich dann verziehen.

»Hast du nie Angst?«, fragte sie am nächsten Morgen beim Frühstück.

Sie hatte erst gegen elf die Augen geöffnet. Er war wie immer schon um halb sieben aufgestanden, hatte sich gewaschen und einen Kaffee gemacht, war zum Bäcker gegangen und hatte die Zeitung schon mehr als einmal durch, als sie endlich aufwachte. Es hatte dann noch eine halbe Stunde gedauert, bis sie geduscht und sich fertig gemacht hatte, Augen, Lippen, Wangen, Nägel. Als wäre sie im Marriott abgestiegen.

»Angst? Nein. Wovor?«

»Angst halt.«

»Hast du Angst?«

»Ja, schon, manchmal. Hast du keine Angst, wenn du einen Auftritt hast? Kein Lampenfieber?«

»Es ist gefährlicher, die Straße zu überqueren, als auf eine Bühne zu gehen.«

»Dass du die Noten plötzlich vergisst?«

»So was passiert mir nicht.«

Sie schien nicht überzeugt.

»Eine Freundin meiner Mutter hat immer gesagt, ich soll Aspirin nehmen, wenn ich Angst habe.«

»Eine Freundin deiner Mutter?«

»Lilly. Sie war quasi meine Adoptivmutter«, sagte sie.

Er hatte an diesem Tag mehrere Verabredungen, unter anderem mit dem Betreiber eines Nachtclubs in der Innenstadt, und als sie endlich gegessen hatte, entschuldigte er sich und sagte, er habe es eilig. Er gab ihr die Schlüssel für das Haus und das Zimmer und zeigte ihr, wie sie rein und raus kam. Das Zimmer selbst war dermaßen rudimentär eingerichtet, dass er in fünf Minuten alles erklärt hatte, was irgend zu erklären war.

»Wenn Herr Vermeersch klopft, sag ihm einfach, dass wir alte Bekannte sind und ich bald zurückkomme.«

Als er seinen Mantel anzog, stellte sie sich neben ihn.

»Ich muss heute Nachmittag ins Ministerium. Ich hab mich gefragt, ob du mich danach begleiten könntest? Um fünf rum.«

»Begleiten? Wohin?«

»Zum Bahnhof.«

»Und da?«

»Ich muss jemanden treffen, aber ich wäre lieber nicht allein.«

Er überlegte kurz, erinnerte sich an die hundert 10.000-Franc-Scheine und fragte sich, ob die Verabredung damit zusammenhing, aber seine Diskretion, die Achtung, die er ihr inzwischen entgegenbrachte, und der Respekt, den er vor jeder Frau hatte, hielten ihn zurück, weiter zu fragen oder gar an der Lauterkeit ihrer Absichten zu zweifeln.

»Was soll ich denn tun?«

»Das sage ich dir dann noch.«

Sie vereinbarten, dass er sie gegen zehn nach fünf am Bahnhof treffen würde. Er nahm seine Notenblätter und machte sich auf den Weg zu seinem Gespräch mit dem Betreiber des Nachtclubs, einem überaus langweiligen Menschen, der ihm versicherte, dass er kein Rassist sei, und die ganze Zeit von seinen Hunden sprach. In Hinblick auf einen möglichen Auftritt konnte er nichts versprechen.

Den restlichen Nachmittag nutzte Morgan, um in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum Besorgungen zu machen, dann nahm er eine Straßenbahn zum Hallepoort, kaufte neue Hammernussfedern am Waterloosesteenweg und trank in der Gegend einen Kaffee. Schließlich nahm er wieder die Straßenbahn, die ihn direkt zum Bahnhof brachte. Er kam ein paar Minuten zu spät. Simona stand auf dem Bahnhofsvorplatz am Kiosk und wartete auf ihn.

Trotz des Feierabendgedränges entdeckte er sie sofort, und als sie ihn sah, winkte sie. Sie sah aus wie jemand, der einen wichtigen Termin im Außenministerium gehabt hatte, sie trug einen langen schwarzen Mantel, darunter eine lange Hose und dieselben hochhackigen Schuhe, deren Riemen er am Neujahrsmorgen geöffnet hatte. Obwohl es schon fast dunkel war, trug sie eine Brille mit getönten Gläsern. Neben ihr stand einer der beiden Koffer, die sie tags zuvor mitgebracht hatte, einer dieser typischen Koffer, mit denen damals so ziemlich jeder reiste, praktisch, geräumig und auffällig rot.

»Danke, dass du gekommen bist. Ich dachte schon …«

»Ich bin da.«

»Wir müssen zu Gleis 11. Der Zug kommt aus Lüttich und fährt weiter nach Ostende. Die Reisenden haben etwa drei Minuten Zeit, ein- und auszusteigen.«

»Was soll ich tun?«

»Ich werde mich in Abschnitt A auf die Bank setzen. Es wäre nett, wenn du eine Bank weiter Platz nehmen würdest. Ansonsten musst du nur aufpassen, dass mir nichts passiert.«

»Und was wird geschehen?«

»Wirst du ja sehen. Wahrscheinlich gar nichts.«

Obwohl sie die dunkle Brille trug, bemerkte er, wie aufmerksam sie ihn die ganze Zeit ansah, und zum ersten Mal, seit er sie am Neujahrsmorgen von der Straße aufgeklaubt hatte, klang ihre Stimme unsicher, sogar etwas verkrampft.

Sie liefen gemeinsam zu Gleis 11, nahmen die Rolltreppe zum Bahnsteig, oben ging sie dann weiter, während er sich neben dem Aquarium niederließ, in dem Reisende geschützt vor Wind und Regen auf ihren Zug warten konnten. Trotz der vielen Menschen, die um diese Uhrzeit unterwegs waren, konnte er sie von dort aus gut im Blick behalten, auch wenn er keine Ahnung hatte, worauf er überhaupt achten sollte. Gegenüber an Gleis 12 fuhr ein Zug in den Bahnhof ein, und es wurde noch voller. Aus der Entfernung sah sie ziemlich geheimnisvoll aus in ihrem schwarzen Mantel, den hochhackigen Schuhen und der Sonnenbrille. Man merkte ihr an, dass sie ein Jahr an der Modeakademie studiert hatte, wie sie ihm am Abend zuvor erzählt hatte, auch, dass sie nicht brav genug gewesen war, ihre Tage auf einer Schulbank zu verbringen. Sie hatte es mit dem verstörenden Selbstvertrauen der Jugend erzählt, die glaubt, sich alles erlauben zu können.

Wie immer, wenn er irgendwo auf einer öffentlichen Bank saß, dauerte es ziemlich lang, bis jemand sich neben ihn setzte. Bei ihr waren es nur wenige Augenblicke. Sofort drängte sich ein junger Mann neben sie auf die Bank und versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Man konnte an seinen Mundwinkeln erkennen, dass er einen Scherz machte, erfolglos. Sie lachte nicht, gab nur eine kurze Antwort und blickte weiter geradeaus. Der Koffer stand neben ihr. Sie wirkte wie eine Frau, die geschäftlich ein paar Tage in der Stadt war und sich mental auf nervenzehrende Verhandlungen vorbereitete, die vielleicht bis tief in die Nacht dauern würden. Die Türen des Zugs an Gleis 12 wurden geschlossen, dann setzte er sich in Bewegung.

Die Lautsprecher kündigten die Einfahrt des Zugs auf Gleis 11 an. Der junge Mann, der neben Simona gesessen hatte, stand auf und begab sich ans Ende des Bahnsteigs, offenkundig, um in den letzten Wagen einzusteigen. Gerade als sich die übrigen Reisenden in Bewegung setzten, schaute sie in Morgans Richtung, suchte ihn zwischen den sich bewegenden Körpern und sah ihn kurz an, als wollte sie sich vergewissern, dass er nicht eingeschlafen war, sondern sie aufmerksam beobachtete. Vielleicht wollte sie auch einfach sichergehen, dass er noch dasaß und nicht abgehauen war. Sie war zu weit weg, und es war zu viel los, als dass er den Ausdruck in ihrem Gesicht erkannt hätte, die dunkle Brille tat ein Übriges, doch es schien, als fühle sie sich unbehaglich. Er wollte ihr ein Zeichen geben, um sie zu beruhigen, ihr zunicken oder mit dem Daumen nach oben zeigen, aber er hielt sich zurück. Wenn sie gewollt hätte, dass er ihr ein Signal gab, hätte sie gewinkt.