Königsmord - Marius del Mestre - E-Book

Königsmord E-Book

Marius del Mestre

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Beschreibung

Es ist wie immer. Nordfriesland im Dämmerschlaf seiner ländlichen Abgeschiedenheit. Das Land liegt platt und windgebeutelt. Man sieht schon heute, wer morgen zum Kaffee kommt. Alles hat seinen geregelten Gang. Ebbe und Flut kommen und gehen seit ewigen Zeiten, genauso wie Saat und Ernte, Güllewagen und Mähdrescher und, dem Herrn sei's gedankt, auch die Touristen. Doch jäh wird dieser Dornröschenschlaf gestört. Der König wird ermordet. Kein wirklicher König, sondern der Ringreitkönig von Hattstedt. Und der Hauptverdächtige ist samt seinem Pferd wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich tut sich in der vermeintlichen Idylle ein Abgrund auf, ein Sündenpfuhl aus Unmoral und Heimtücke, Missgunst, Betrug und organisierter Kriminalität. Nicht einmal der ehrwürdige Theodor Storm, gehätschelter Dichtervater der "grauen Stadt am Meer", bleibt davon verschont und sorgt mit einem bisher unbekannten, geheimnisvollen Gedicht für den Schlüssel zur Auflösung. Ausgerechnet einem abgehalfterten , in der Einöde der Bedeutungslosigkeit gestrandeten Großstadt-Journalisten ist es vergönnt, im Zentrum des Geschehens herumzustolpern. Zum Schrecken von Polizei, organisierter und unorganisierter Verbrecherschaft, missgünstig sich belauernder Verdächtiger, ertappter Liebhaber und schließlich auch des Täters selbst, wird er zur Hauptfigur der Fahndung. Marius del Mestre ist es wunderbar gelungen, augenzwinkernd sowohl wunderliche einheimische Kommunikationsrituale wie auch die gesellschaftliche Brisanz plötzlicher Aufbrüche in der Langeweile geregelten Landlebens unterhaltsam darzustellen.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Marius del Mestre

Königsmord

Print 5. Auflage 2016

E-Book 1. Auflage 2016

© Ahead and Amazing Verlag, Ostenfeld 2003

erschienen in der Edition Leuchtfeuer

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Titelseite:

Zeichnung: Manfred Nestler

Gestaltung: Sundance

Layout: Indigo Kid

Druck und Bindung: PRESSEL Digitaler Produktionsdruck, Remshalden

ISBN (Print): 978-3-933305-51-8

ISBN (E-book): 978-3-933305-42-8

Ahead and Amazing Verlag, Jelinski GbR, Magnussenstr. 8, 25872 Ostenfeld

www.aheadandamazing.de

Inhaltsverzeichnis
Königsmord
Widmung
Disclaimer
Das Gedicht
eins
zwei
drei
vier
fünf
sechs
sieben
acht
neun
zehn
elf
zwölf
dreizehn
vierzehn
fünfzehn
sechzehn
siebzehn
achtzehn
neunzehn
zwanzig
einundzwanzig
nachwort
Spielregeln für ‚Albanisches Poker'
Danke
Widmung

Für Schneckelein, auch

wenn sie leider nicht mehr mein

Schneckelein ist

Disclaimer

Die folgende Handlung und ihre Protagonisten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden oder schon toten Personen ist rein zufällig.

Das Gedicht

In der Gruft bei alten Särgen

Zu des Klosters kühlen Stufen

Ein vergessenes Geheimnis

Das niemand sollte jemals suchen

Hüte, hüte Fuß und Hände

Eh sie berühren das ärmste Ding

Denn du zertrittst eine hässliche Raupe

Und tötest den schönsten Schmetterling

eins

“Moin!“, grüßte mich Clausen, der Hattstedter Bürgermeister und streckte mir seine breite Bauernhand entgegen.

„Moin, Moin!“, erwiderte ich mechanisch das nordfriesische Begrüßungsmantra und schüttelte sie.

„Nu is die Presse auch da, dann solln wir ja mal anfangen und sehn, wer dies Jahr König wird...“ Ein breites offenes Lächeln zog sich über Clausens gesunde rote Wangen.

Ich nickte und sah mich um: auf dem abgezäunten Feld in der Hattstedter Marsch standen sich etwa dreißig Pferde und die dazugehörigen Reiter in Reih und Glied die Beine in den Bauch. Sie warteten darauf, dass das Kommando zum Aufsitzen aus den Lautsprechern tönen und das diesjährige Amtsringreiten beginnen würde.

Im Hintergrund sah man die B 5, auf der sich, wie jeden Sommer, eine unendliche Kette von Urlaubern in ihren Autos gen Norden kämpfte. Ein immer wiederkehrender Pilgerzug an die Gestade der Nordsee, wo man früher unter anderem von der Strandräuberei gelebt hatte und jetzt im Grunde immer noch – nur dass die Methoden, den Fremden das Geld aus der Tasche zu ziehen, verfeinert worden waren. Die Opfer gaben es freiwillig heraus, indem sie Fremdenzimmer und Kurtaxen bezahlten; ganz ohne dass man ihnen erst die Kehlen durchschneiden musste.

Sowohl Menschen als auch Tiere auf dem Reitplatz waren festlich herausgeputzt an diesem diesigen Sommermorgen. Die Pferde hatten zu kunstvollen Zöpfen eingeflochtene Mähnen und Schweife und ihr Fell glänzte wie frisch gefettet. Die Reiter trugen weiße Reithosen unter blank gewienerten Stiefeln, dunkle Jacken und darüber gelbe und rote Schärpen, an denen man sehen konnte, wer aus Hattstedt selbst und wer aus „der Stadt“ Husum kam.

Clausen befand sich in Begleitung eines Mannes in ‚städtischer’ Kleidung, den er mir als Dr. Hans Brix, den neuen Leiter des Theodor-Storm-Hauses und des dazugehörigen Archivs vorstellte. Wir grüßten uns freundlich, wechselten ein paar Worte und waren uns auf Anhieb sympathisch. Brix war Ende vierzig, mittelgroß, hatte seine gepflegten langen, grauen Haare hinten zu einem Zopf zusammengebunden, wirkte wie ein alt-68er Bilderbuchintellektueller und hatte die auffallende Angewohnheit, seine Augen ständig seltsam zusammenzukneifen. Ich wusste, dass er seit etwa zwei Monaten die Leitung des Storm-Hauses übernommen hatte und vorher als Literaturwissenschaftler an der Uni Kiel tätig gewesen war. Als Einstand hatte er in Rekordzeit ein großes Storm-Festival in Form eines publikumswirksamen Multimedia-Projektes aus dem Boden gestampft, dessen Premiere schon dieses Jahr stattfand. Die Husumer Zeitung plante eine große Sonderausgabe zu diesem Anlass, an deren stormspezifischen Inhalten ich allerdings nicht übermäßig stark beteiligt war. Dafür waren meine Kollegen Irene Tudsen und Herman Erlmeier, mit dem mich eine herzliche Abneigung verband, zuständig. Deshalb hatten Brix und ich uns noch nie persönlich getroffen. Die Veranstaltungen sollten am folgenden Wochenende beginnen und dementsprechend nervös war Brix: „Wirklich schön, Sie kennen zu lernen, Herr Ritter. Ein paar Ihrer Kollegen hab ich ja schon getroffen – aber die hatten eine andere ... na ja, Wellenlänge.“

Ich ahnte, wovon er sprach.

„Ich weiß wirklich nicht, wo mir der Kopf steht“, fuhr er fort. „Dieses Storm-Festival frisst mich regelrecht auf. Und heute hab ich auch noch meine Brille zu Hause liegen lassen. Es ist einfach grauenhaft!“

Deshalb also das seltsame Zusammenkneifen der Augen.

„Ja, das glaub ich Ihnen gerne“, erwiderte ich. Wenn ich irgendwas für Sie tun kann – pressemäßig ...“

„Das können Sie ganz sicher – und ich wäre Ihnen sehr dankbar – wir sollten uns unbedingt mal in Ruhe zusammensetzen. Am besten noch die Tage.“

„Jederzeit – rufen Sie mich einfach an.“

Ich gab ihm meine Karte. Er suchte umständlich in seiner Tasche, wobei er sich – immer wieder die Augen zusammenkneifend – nach irgendetwas umzusehen schien, fand schließlich ein hübsches, altes, silbernes Zigaretten-Etui, dem er eine Karte und einen Zigarillo entnahm. Er bot mir auch einen an.

„Nein, danke“, sagte ich. Er zündete sich den Zigarillo mit einem Streichholz an und wollte gerade noch etwas sagen, aber da kam schon Bürgermeister Clausen, nahm Brix am Arm und zog ihn mit friesischer Vertraulichkeit von mir fort: „Komm, Herr Brix – ich muss Dir da unbedingt noch wen vorstellen.“

„Ich ruf Sie an!“, verabschiedete sich Brix.

Ich winkte: „Tun Sie das.“

Die Sonne hatte es noch nicht ganz geschafft, den Morgendunst, der über der tellerflachen Landschaft lag, verdampfen zu lassen. Aber sie schien wunderschön blassgelb hindurch, tauchte das Land in ein verwunschenes, märchenhaftes Licht, und aus den Nüstern der Pferde stiegen, wenn sie schnaubten, kleine Wölkchen nebelgewordenen Lebens. Einige der Tiere zappelten nervös herum, scharrten mit den Hufen oder fingen aus lauter Langeweile eine kleine Beißerei mit dem Nachbarpferd an; andere standen stoisch und abgeklärt. Sie wussten, was auf sie zukam: in der Reihe der Artgenossen warten, abwenden, angaloppieren, zwischen den beiden knapp vier Meter hohen Stangen, dem „Galgen“ hindurch, zwischen denen an einer aufgespannten Schnur mittels eines Magneten ein eiserner Ring befestigt war. Diesen musste der Reiter mit einer spitzen, etwa einen Meter langen Lanze aus Holz oder Aluminium zu „stechen“ versuchen. Drei Galoppsprünge vor dem Galgen, drei dahinter, durchparieren zu Trab und Schritt, einreihen, warten bis zum nächsten Durchgang. Von halbstündigen Mittags- und Kaffeepausen unterbrochen, würde das bis zum Nachmittag so gehen, bis der Reiter, der die meisten Ringe und schließlich auch die meisten (viel kleineren) Königsringe gestochen hatte, die Königsschärpe und sein Pferd einen Eichenkranz umgelegt bekommen würde und wieder einmal festgestellt war, welcher der umliegenden Orte die besten Ringreiter hatte.
Schleswig Holstein ist wahrscheinlich das einzige deutsche Bundesland, in dem sich der Überrest eines ritterlichen Reiterspiels als Nationalsport so unverfälscht erhalten hat, und Nordfriesland ist die Hochburg. Das Ringreiten im Allgemeinen und das Amtsringreiten im Besonderen haben hier einen ähnlich hohen Stellenwert wie, sagen wir, Sumo-Ringen in Japan – es ist ein Ritual, es ist wichtig; es geht um Ruhm und Ehre, und König zu werden zählt etwas. Interessanterweise gibt es Ringreiten auch auf Mallorca, wo es eine ebenso lange Tradition hat wie im äußersten Norden Deutschlands. Ob die Bewohner der Balearen friesische Vorfahren haben und die Geschichte des Ballermanns neu geschrieben werden muss oder umgekehrt, bleibt allerdings im historischen Dunkel verborgen.

Tatsache ist, dass das nordfriesische Ringreiten nicht nur ein sportliches, sondern auch und insbesondere ein gesellschaftliches Ereignis ist. Und ebenso wie es darum geht, möglichst viele Ringe auf die Lanze zu bekommen, wird – ähnlich wie am Ballermann – registriert, wie viele „Kleine Feiglinge“ ein Reiter zu sich nehmen kann, ohne alkoholbenebelt vom Pferd zu fallen. Offiziell wurde das exzessive Trinken zu Pferd vor einigen Jahren zwar verboten, nachdem es zu unschönen Unfällen gekommen war, wenn sich die fröhliche Reiterschar nach der Krönung sturzbetrunken reitend vom Festplatz auf den Heimweg begeben hatte, aber der Nordfriese an sich ist beharrlich im Festhalten an Traditionen und so hat sich dieser Brauch – wenn auch abgeschwächt – erhalten.

Ich unterdrückte ein Gähnen. Acht Uhr war am Sonntag nicht wirklich meine Zeit und ich hatte mich auch nicht wirklich darum gerissen, den Bericht über dieses Ereignis zu schreiben, handelte es sich doch nicht gerade um eine journalistische Herausforderung. Im Grunde musste ich nur den Textbaustein „Ringreiten“ abrufen und die entsprechenden Namen einsetzen. Vielleicht nicht einmal das, denn Kai Petersen, der Besitzer eines Reitstalles in Horstedt, einem Nachbarort Hattstedts, war schon zwei Jahre hintereinander König geworden und alles sah danach aus, als würde er dieses Jahr den Pokal endgültig mit nach Hause nehmen können. Im Moment stand er etwas abseits und unterhielt sich mit ein paar südländisch aussehenden Männern.
Berichte über das Ringreiten waren immer gleich: zahlreiches Publikum, rege Teilnahme der örtlichen Reiter, spannende Entscheidung, König wurde. .., Dank an den Veranstalter und die lokalen Geschäftsleute, die das Ganze sponserten.

Ich unterdrückte ein weiteres Gähnen. Obwohl ich nun schon seit gut drei Jahren hier lebte und arbeitete, musste ich mir immer mal wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich nicht mehr für ein weltweit beachtetes Hamburger Nachrichtenmagazin arbeitete und eine glänzende Karriere als investigativer Journalist ausbaute, sondern als Lokalreporter für die „Husumer Zeitung“ tätig war, einem soliden seriösen Kleinstadtblatt, das allerdings in keinem Londoner Presseclub diskutiert wurde und in keinem New Yorker Village-Coffeeshop auslag. Um ehrlich zu sein, rief ich mir das auch eher ungern ins Gedächtnis. Ich war dumm gewesen, ich hatte den falschen Leuten vertraut, ich hatte mich zu weit aus dem Fenster gelehnt, und niemand hatte mich festgehalten, als ich herausgefallen war. Ziemlich zur selben Zeit war meine damalige Beziehung in die Brüche gegangen, genauer – ich war wegen eines anderen verlassen worden und zwar auf sehr unfaire Art. Tough luck.

Nun hatte ich mich hier ins äußerste nördliche Ende des Landes zurückgezogen und wartete darauf, dass ... – tja – worauf wartete ich eigentlich? Ich wusste es nicht so genau. Ich bildete mir stattdessen lieber ein, dass es mit Ende Dreißig in Ordnung war, ein ruhiges, relativ angenehmes Leben auf dem Land zu führen und dass mir der Rest der Welt im Grunde eher egal wäre. Meistens funktionierte das ganz gut; und es stimmte ja auch: Ich lebte in einer hübschen Wohnung in einem hübschen Häuschen im Grünen am Rande Husums, Theodor Storms Grauer Stadt am Meer, und hatte es beruflich mit überschaubaren Ereignissen, wie beispielsweise dem Hattstedter Amtsringreiten, zu tun ... War das alles? Ja. Das war alles. Ich begann, schlechte Laune zu bekommen.

Glücklicherweise rissen mich Dörte und Udo aus diesem unangenehmen Gedankengang:

„Moin, Adrian!“, flötete Dörte und drückte mir ein Küsschen auf.

„Hi, Alter!“ Udo grinste und nickte mir zu „Was machst du denn hier?“

„Ich arbeite“, antwortete ich und versuchte, motiviert zu lächeln.

„Du weißt doch gar nicht, was arbeiten ist!“ Dörte stupste mich kumpelhaft.

Sie hatte den drallen blonden Charme des friesischen Landmädchens und man konnte ihr nicht böse sein. Bevor sie mich weiter mit pointierten Frechheiten bedenken konnte, musste sie ihrem dreijährigen Sohn Morris nachjagen, der gerade mitten zwischen die Pferde gerannt war und einen kleinen Tumult unter den wartenden Ringreitern ausgelöst hatte.

Udo lächelte und klopfte mir auf die Schulter: „Sie meint’s nicht so.“

„Ich weiß“, gab ich versöhnlich zurück. „Wie weit seid ihr mit dem Haus?“

„Hab letzte Woche bei drei Zimmern und der Küche erstmal die Fußböden reingesemmelt – Schweinearbeit. Na ja, jetzt noch Fußleisten und ein paar tausend Kleinigkeiten, dann sind wir fertig. In jeder Beziehung.“

Er sah etwas abgearbeitet, aber stolz aus.

„Prima“ sagte ich, weil mir plötzlich nichts Besseres einfiel. Ich bewunderte Dörte und Udo insgeheim. Sie waren jünger als ich, hatten es aber schon sehr viel weitergebracht: Heirat, Kind, Haus – alles verlief in beneidenswert geordneten Bahnen. Und tief drinnen wusste ich, dass ich nie so leben würde. Nicht mehr in diesem Leben jedenfalls, und ich war nicht immer sicher, ob mich das störte oder nicht.

Dörte kam zurück, etwas außer Atem, aber unerschütterlich gut gelaunt: „Hast du Lust, kurz auf Morris aufzupassen? Dann können wir uns mal umsehen...“ Morris grinste mich an, hielt sich einen Fotoapparat verkehrt herum vor die Augen und drückte den Auslöser. Es blitzte direkt in sein Gesicht. Ich wollte mich schon breitschlagen lassen, aber zum Glück rief genau in diesem Moment Bürgermeister Clausen die Reiter zu den Pferden und eröffnete das neunundsiebzigste Hattstedter Amtsringreiten.

„Tut mir leid – würd ich gerne machen, aber ich muss arbeiten – wir sehn uns!“ Ich grinste Dörte an, zwinkerte Udo zu und ging nach vorne an den Turnierplatz.

Inzwischen hatte sich das übliche zahlreiche Publikum eingefunden und ländliche Feststimmung manifestierte sich in fröhlichen Schnackrunden, in denen man sich begrüßte und Neuigkeiten aus dem Dorfleben austauschte. Auch ein paar Touristen hatten sich auf den Platz verirrt. Man erkannte sie an ihren bunten Plastikregenjacken – gerne im Partnerlook getragen – und am interessierten, stets irgendwie suchenden Blick. In Zelten am Rand des Platzes gab es Kaffee, Bier und kleine Schnäpse; auf einem großen runden Schwenkgrill brutzelten die ersten Würstchen und Nackensteaks. Inzwischen hatte es auch die Sonne geschafft, den Morgendunst zu vertreiben. Die Reiter hatten Aufstellung genommen, ebenso wie die Helfer, die rechts und links an den Galgen dafür sorgten, dass die Ringe in der richtigen Höhe für das jeweilige Pferd-Reiterpaar hingen, die sie aufsammelten und für die folgenden Reiter wieder anbrachten. Der Bürgermeister hatte seine Eröffnungsrede beendet und alles wartete ungeduldig darauf, dass es losgehen würde, aber eins der Pferde stand noch ohne Reiter da. Es war die weiße Holsteiner Stute von Kai Petersen, dem amtierenden König aus Horstedt. Schimmel sind selten unter Holsteinern – sie gelten als Fehlfarbe und sind in der Zucht nicht erwünscht. Holsteiner Warmblüter sind fast immer braun, mit wenigen weißen Abzeichen. Aber Kai Petersen ritt ein Ausnahmepferd, das überall auf den ländlichen Turnieren Schleifen und Pokale sammelte. Ich ließ meinen Blick in die Runde schweifen und fand Petersen immer noch im Gespräch mit den südländisch aussehenden Männern, und jetzt heftig gestikulierend. Offensichtlich stritt man sich. Auch Hans Peter Petersen, sein jüngerer Bruder, ritt einen Schimmel aus derselben Zuchtlinie, von dem er jetzt abstieg, um Kai zu holen. Verwunderte Blicke aus dem Publikum folgten ihm. Jetzt merkte Kai, dass er beobachtet wurde. Er war ein großer, schlaksiger Mann, Mitte Dreißig, gut aussehend, aber sein Gesicht verriet, dass er vermutlich zu wenig schlief und zu viel trank. Mit einer heftigen Geste beendete er die Diskussion und ließ seine Gesprächspartner stehen.
Ungewöhnliches Publikum für ein Ringreit-Turnier, dachte ich, denn eigentlich sieht man diese Sorte Jungs eher auf der Husumer Neustadt als auf dörflichen Festen, verfolgte den Gedanken aber nicht weiter. Die Brüder Petersen saßen jetzt auf und das Turnier begann.
Reiter um Reiter galoppierte unter dem Galgen durch, erwischte den Ring oder verfehlte ihn und löste damit bewundernde „Ah“- oder bedauernde „Oh“-Rufe aus. Pauschal kann man sagen, dass derjenige die besten Chancen hat, dessen Pferd in der Lage ist, langsam zu galoppieren. Je schneller das Pferd ist, desto weniger Zeit hat der Reiter zum Zielen – ein gutes Ringreitpferd weiß das und so kommt es, dass man nicht unbedingt gut reiten können muss, um am Ringreiten teilzunehmen – gesetzt den Fall, man hat ein Pferd, das weiß, worum es geht. Deshalb werden gute Ringreitpferde auch oft verliehen und „machen“ während einer Saison perse Könige in verschiedenen Gemeinden. Die Holsteiner Stute von Kai Petersen war ein hervorragendes Ringreitpferd und konnte geradezu in Zeitlupe galoppieren, wenn es sein musste. Deshalb war es auch kein Wunder, dass er vor dem entscheidenden Königsreiten, dem Höhepunkt der Veranstaltung, mit der mit Abstand höchsten Anzahl von möglichen Ringen weit vorne lag.
Vor das Königsreiten hat die nordfriesische Tradition allerdings die Mittagsstunde gestellt: Während die Pferde getrenst und gesattelt von meist jugendlichen Helfern betreut wurden, stärkten sich die Reiter und Reiterinnen und tranken sich noch ein letztes Mal Mut an, bevor sich entscheiden würde, wer von ihnen heute als König heimreiten durfte.

Ich saß mit Udo und Dörte auf einer Campingbank an einem der langen Tische und hatte gerade einen Sekundenbruchteil zu spät reagiert, um Morris daran zu hindern, meine helle Hose mit Ketchup zu besudeln, das sich jetzt wie ein zähflüssiger Blutfleck auf meinem Oberschenkel ausbreitete. „Scheiße.“ Ich verzog das Gesicht.

„Ach Mensch, Morris!“ sagte Dörte und klang dabei nicht besonders autoritär. Morris fand die Intervention seiner Mutter offenbar eher spaßig und ließ ein routiniertes, herzzerreißend süßes Kleinkinderlächeln sehen, das ihm, wie er ganz sicher wusste, vollkommene Absolution garantierte.

„Tut mir leid“, wandte sich Dörte an mich und wischte mit einer Serviette erst Morris’ Mund und dann meine Hose ab, was den Fleck unauslöschbar machte.

„Schon gut, danke“, wehrte ich ab, stand auf und versuchte außer Reichweite zu kommen und irgendwo Wasser zu finden, um die Katastrophe einzudämmen.

Leider war auch mit Wasser nichts mehr zu machen. Ich würde für den Rest des Tages aussehen, als hätte ich mich bekleckert und ich konnte schlecht jedem, mit dem ich sprach, erklären, wie es zu dem Fleck auf meiner Hose gekommen war. Dieser Tag war ganz offensichtlich nicht mein Tag. Ich würde das Ergebnis des Ringreitens abwarten, in die Redaktion am Marktplatz in Husum fahren, meinen Artikel in den Computer hämmern und mich dann in die ländliche Beschaulichkeit meiner vier Wände zurückziehen. Das dachte ich jedenfalls, während das Publikum sich zurück zum Turnierplatz bewegte, wo die Reiter schon wieder auf ihren Pferden saßen. Bis auf einen:

Kai Petersens Pferd stand wieder ohne Reiter da, und diesmal war der letztjährige – und vermutlich auch zukünftige König nirgendwo zu sehen. Es wurde gemurmelt, man sah sich nach dem Vermissten um und wahrscheinlich hätte man Petersen noch eine ganze Weile vergeblich gesucht, wenn Kinder nicht neugieriger wären als Erwachsene.

„Dü, Müddie, dor hinden liescht äinor!“ sagte ein etwa zwölfjähriger Junge außer Atem zu seinen Eltern, die in schreiend gelb-lila Regenkombis ein paar Meter neben mir standen und so nicht einmal ihren sächsischen Dialekt hören lassen mussten, um sich als Touristen zu outen. „Sö? – Lossn lieschen“ erwiderte der Vater gleichgültig und wandte sich wieder dem Turnierplatz zu.

„Obber isch glöb, der is död!“, insistierte der Junge.

„Blödsinn – schlöfen wirdder“, kanzelte ihn seine Mutter ab.

Abgesehen davon, dass Kinder allgemein neugieriger sind als Erwachsene, sagen sie auch eher die Wahrheit. So auch in diesem Fall: Im Graben hinter einem Gebüsch, etwa fünfzig Meter vom Festgeschehen entfernt, lag Kai Petersen, den Körper unnatürlich verdreht und er schlief nicht. Sein Gesicht war starr, die Augen weit geöffnet und er war so tot, dass die sofort herbeigeeilten Rettungskräfte nicht mal mehr den Versuch machten, ihn wieder zu beleben.

Aus seiner Brust ragte, wie ein dünner, blau-weiß geringelter Leuchtturm, seine eigene Ringreitlanze. Sein Mörder musste ihn beim Pinkeln erwischt haben, denn Petersen hatte offensichtlich nicht mal mehr Zeit gehabt, sein bestes Stück zu verstauen und sich den Hosenstall wieder zuzumachen, bevor sein Schicksal ihn ereilte. Es war kein schöner Anblick.

zwei

“Das sieht nicht gut aus...“, bemerkte einer der Uniformierten mit der den Einheimischen eigenen präzisen Nüchternheit.

„Is wohl was für die Mordkommission in Flensburg“, sekundierte der zweite und ging zurück zum Funkwagen, um zu telefonieren. Kai Petersens Leiche war vorübergehend mit einer Abschwitzdecke für Pferde bedeckt worden. Ich hatte mit meiner Digitalkamera ein paar Fotos vom Tatort gemacht und beobachtete nun, was weiter geschehen würde. Gerade schickten sich die Rettungsassistenten an, die sterblichen Überreste des toten Königs zu bergen, aber der verbliebene Polizist stoppte sie: „Nee, nee – lasst den man liegen. Da muss sich die Spurensicherung erst noch ’n Bild moken!“

Husum ist nicht Chicago, obwohl es auch mal einen großen Viehmarkt hatte. Die einzige wirkliche Verbindung zwischen den beiden Städten findet man im Tabakmuseum (1), wo Helmut Schwermer, ein Husumer Original, mit einem riesigen Bernstein um den Hals auf Besucher wartet und ihnen gerne von der amerikanischen Metropole erzählt, in der er einen Teil seines Lebens verbracht hat. Jedenfalls erregt ein Mord hier bei weitem mehr Aufsehen als dort und man ist weniger routiniert im Umgang damit. Der Festplatz war in heller Aufregung. Niemand kümmerte sich mehr um die Pferde, die nervös an ihren Anbindern standen. Der Tatort war notdürftig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt und von einer Menschenmenge umringt, in der aufgeregt durcheinander geredet wurde. Die wildesten Spekulationen machten die Runde und nicht alles, was gesagt und geflüstert wurde, war abwegig oder uninteressant. Kai Petersens Lebenswandel war anscheinend nicht ganz so untadelig gewesen, wie man vermutet hätte. Ich hörte heraus, dass der Reiterhof so gut wie pleite und dass Petersen in dunkle Geschäfte verwickelt gewesen sei. Im Übrigen habe er wohl auch perse Damenbekanntschaften gepflegt ... Nun sind solche Gerüchte – wie in jeder ländlichen Gegend – auch hier mit Vorsicht zu genießen. Das „Schnacken“ ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Friesen, es funktioniert so ziemlich wie das Kinderspiel „Stille Post“. Jemand erzählt eine harmlose Begebenheit und auf dem Weg über die Gartenzäune wird daraus ein skandalöser Vorgang.

Kai Petersen war wohl öfter in der Nähe einschlägiger Etablissements auf der Neustadt gesehen worden und das reichte, um ihn zu einem Spieler und gewohnheitsmäßigen Puffgänger zu machen, der am Rande des Ruins stand. Alles hinter vorgehaltener Hand natürlich. Aber selbst wenn – war das ein Grund, ihn umzubringen? Und noch dazu auf eine so plakative Art?

Die Neustadt ist eine Straße in Husum, die etwa einen Kilometer lang ist, ziemlich schnurgerade vom alten Wasserturm am nördlichen Ende der Stadt ins Zentrum führt und als die Husumer Vergnügungsmeile gilt. Zum Hafen hin ist ihre Verlängerung die Hohle Gasse, die zur Altstadt gehört und nicht dieselbe ist, in der Wilhelm Tell den tyrannischen Landvogt Geßler erschoss. Dafür spielte dort einst der kleine Theodor Storm und bekam deshalb vermutlich öfter mal Ärger mit seinem Vater, dessen Anwaltskanzlei sich in der Hohlen Gasse Nr. 3 befand.

Im letzten und vorletzten Jahrhundert, als die Stadt noch ein pulsierendes Zentrum des Viehhandels war, befanden sich auf dem nördlichen Teil der Neustadt die Kaschemmen, in denen sich Aufkäufer und Rinderzüchter, die Cowboys des Nordens gewissermaßen, einfanden, um ihre Geschäfte zu feiern, die das Land bis weit nach Süden und Norden mit Fleisch versorgten. Wheelin’ and dealin’. Am Fuß des Wasserturms, wo heute ein ziemlich unansehnlicher Parkplatz ist (2), waren damals die großen Viehgatter, in die die Herden aus der Umgebung zum Verkauf getrieben wurden. Aber diese Zeiten sind vorbei und die Ställe und Pferche hinter den Häusern der Neustadt sind verfallen oder abgerissen, genauso wie die große Viehhalle und die Verladeanlagen am alten Güterbahnhof, die im Vergleich zu früher kaum noch in Betrieb sind.

Heute ist die Neustadt gesäumt von einigen Läden und einer Reihe von Lokalen mit mehr oder weniger zweifelhaftem Ruf. Immerhin befindet sich dort, in einem für Husumer Verhältnisse imposanten klassizistischen Gebäude aber auch das Theodor-Storm-Hotel, mit dem Husumer Brauhaus, wo es sich, vor allem abends, bei hausgebrautem Bier sehr gemütlich sitzen lässt; außerdem einer der vier Husumer Döner-Imbisse, das ‚Husum Hus’, das einzige Reitsport-Fachgeschäft Husums und am oberen Ende der Straße, ungefähr gegenüber vom Wasserturm, das sehr empfehlenswerte Kinocenter, eines der letzten Lichtspielhäuser, in dem man während des Films per Klingel Getränke bestellen kann.

Wenn man den Einheimischen Glauben schenkt, ist die in den Kneipen der Neustadt brodelnde kriminelle Energie ähnlich virulent wie auf der Reeperbahn in Hamburg. Man erkennt unschwer, dass das eine maßlose Übertreibung ist. Wer die eher unscheinbare Straße, die zu einer der am wenigsten ansehnlichen Husums gehört, gesehen hat, wird zugeben, dass sie nicht nach einem Hort des internationalen Verbrechens aussieht. Andererseits täuscht die Beschaulichkeit einer Kleinstadt leicht darüber hinweg, dass auch hier alle Abgründe menschlichen Handelns vorkommen. Tatsächlich sieht man auf der Neustadt zuweilen Leute, mit denen man freiwillig nicht unbedingt etwas zu tun haben wollen würde, wie beispielsweise die, mit denen Kai Petersen vorhin verhandelt hatte und die im Übrigen vom Festplatz verschwunden waren.

Vermutlich gehörten sie zu den jungen Männern aus Albanien und dem ehemaligen Jugoslawien, die im Zentrum Husums allgegenwärtig unauffällig herumstehen und -laufen und von denen man munkelte, sie hätten mit Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel zu tun. Ich hatte das, immer wenn es jemand behauptete, als rassistisches Vorurteil zurückgewiesen, um meine unzweifelhafte politische Korrektheit zu unterstreichen. Aber wenn ich ehrlich war, sahen die Jungs genauso aus, als würden sie sich den ganzen Tag mit Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel beschäftigen. Trotzdem war es mir jetzt unangenehm mitzubekommen, wie man sich allgemein darauf einschoss, „die Albaner“ hätten Petersen auf dem Gewissen. So gut wie jeder der Umstehenden hatte den Streit vorhin zur Kenntnis genommen und es kam eine Stimmung auf, als würde man jeden Moment einen Trupp zusammenstellen, um die verdächtigen Ausländer zu greifen und sie für alle sichtbar an den Laternenmasten am Binnenhafen aufzuhängen.

„Wir gehen dann – das ist nichts für den Kleinen“, sagte Dörte neben mir. Morris zerrte an ihrer Hand, wollte zu dem zugedeckten Leichnam und sagte abwechselnd „Der is tot, ne?“ und „Muss Papa reparieren, ne?“

„Ruf mal an, wenn du was weißt. Oder komm einfach vorbei ...“, verabschiedete sich Udo und klopfte mir auf die Schulter. „Ja, klar – mach ich ...“, nickte ich abwesend. Sie gingen – ganz heile Familie.

Ich sah hinüber zu Hans Peter Petersen, der mit gesenktem Kopf dastand und von einigen bestürzten Männern und Frauen aus seinem Bekanntenkreis umringt war, die versuchten, ihm Trost zuzusprechen. Der jüngere der Petersens war von ähnlicher Statur wie sein ermordeter Bruder, hatte einen wilden, rotblonden Haarschopf, aber die gleichen markanten Gesichtszüge wie Kai. Er wirkte nervös, sah sich immer wieder suchend, beinahe ängstlich um, fasste sich an die Stirn, so als versuche er, mit den Händen das Geschehene in seinem Kopf zu verstauen. Anders als im Fernsehen brechen die meisten Menschen im wahren Leben nicht schlagartig in Tränen aus und verlieren die Fassung, wenn jemand, der ihnen nahesteht, stirbt. Der Tod schleicht sich langsam ins Herz der Hinterbliebenen.

Ich konnte nicht anders und ging zu dem Grüppchen hinüber. Vielleicht war es pietätlos, aber schließlich war ich Reporter. Ich drückte Petersen mein Beileid aus und meine Karte in die Hand, was er schweigend und mit steinernem Gesicht hinnahm. Auch zu meinen folgenden vorsichtigen Fragen schwieg er. Aber dann sah er mir direkt in die Augen und sagte: „Ich hab nicht gewollt, dass es soweit kommt. Aber ich kann das erklären ...“ Er stockte, schwieg und starrte hinüber zu dem Gebüsch, in dem die Leiche seines Bruders lag.

Die Umstehenden waren sichtbar peinlich berührt von dieser Äußerung und auch ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte.

„Na ja, wenn Sie das mal genauer erklären möchten, rufen Sie mich an ...“ Ich nickte ihm zu und wandte mich wieder dem Tatort zu.

Der Polizeibeamte, der zum Funkwagen gegangen war, kam zurück: „Mordkommission ist unterwegs“, informierte er seinen Kollegen. Dann wandte er sich an die Umstehenden: „So, Herrschaften – am besten, ihr geht jetzt alle nach Hause. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen“. Das war eine glatte Untertreibung – so viel gibt’s in dieser eher ereignisarmen Gegend so gut wie nie zu sehen. Dieser Meinung waren auch die Schaulustigen und machten ihrem Unmut Luft. Ein großer, massiger, rotgesichtiger Mann in Reitkleidung sagte, was wohl die meisten dachten: „Ihr solltet in die Neustadt fahren und euch diese Kanaker schnappen! Das ist doch klar, dass die das waren!“

Der Ausruf wurde mit zustimmendem Gemurmel quittiert. Ich fand es wie schon öfter erstaunlich, wie schnell eine Menge an sich zivilisierter Menschen unter den passenden Umständen zum Mob mutieren kann.

„Wir warten jetzt erstmal auf die Kripo und dann geht das alles seinen Gang,“ beschwichtigte der Polizist.

„... und wer wird jetzt eigentlich König?“, fragte einer der Reiter und sprach damit etwas an, was beinahe noch wichtiger war als die Frage, wer Petersen umgebracht hatte.

„Petersen wohl diesmal nicht!“, bemerkte ein anderer und bewies damit, dass der Nordfriese durchaus einen Sinn für zynischen Humor hat.

Nachdem die Veranstalter und der Bürgermeister kurz darüber diskutiert hatten, verkündete Clausen, dass das Amtsringreiten aus nahe liegenden Gründen abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden würde.

Durch die ganze Aufregung unbemerkt, waren Wolken von der See im Westen heraufgezogen. Graue und schwarze Kolosse aus Wasserdampf türmten sich hoch über der Marsch. Jetzt verdeckten sie die Sonne, es wurde merklich dunkler, ein erster Blitz zuckte aus den Wolken, gefolgt von Donner, einem ohrenbetäubenden trockenen Knall, der klang wie eine Explosion. Hier an der Küste herrscht schnelles Wetter – innerhalb kürzester Zeit kann sich strahlend blauer Himmel in eine undefinierbare düstere Masse verwandeln und umgekehrt. Genauso war es jetzt. Erste dicke warme Regentropfen fielen, und dann brach das Sommergewitter mit voller Kraft los. Der Regen hämmerte wie Trommelwirbel auf die Zeltplanendächer der Buden. Die Pferde wurden noch nervöser, als sie ohnehin schon waren. Einzelne rissen sich los und trabten aufgeregt über den Platz. Helfer liefen ihnen hinterher, um sie einzufangen, die Leute rannten unter die Zeltplanen oder zu ihren Autos, um Schutz zu suchen. Das Unwetter kühlte die Gemüter, die Menge zerstreute sich und man begann hastig, die Pferde abzutrensen, abzusatteln und in die Pferdeanhänger, die rund um den Platz geparkt waren, zu verladen.

Ich rettete mich unter die Plane des Festzeltes. Bürgermeister Clausen gesellte sich zu mir: „Was’n Schlamassel“, seufzte er, und seine Miene war so bekümmert wie die einer Robbe, der man gerade die Sandbank geteert hat. „Ein Mord hier bei uns – und ausgerechnet jetzt in der Saison... Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse.“ Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, beinahe so, als sei ich verantwortlich für das, was passiert war.

„Kannten Sie Petersen gut?

Clausen blickte zu Boden und zögerte einen Moment: „Ich muss ja jetzt aufpassen, was ich sage, ne? – Ich kannte ihn, wie man sich hier so kennt ... Man kann nur hoffen, dass die Polizei die Täter schnell dingfest macht, damit hier wieder Ruhe einkehrt.“

„Ich hab ein bisschen zugehört, was die Leute so reden – man sagt, Petersen habe kurz vor dem Konkurs gestanden ...“

„Davon weiß ich nichts“, antwortete Clausen, aber die Art, wie er das sagte, war nicht sehr überzeugend. „Ich würde Sie übrigens bitten, das Ganze nicht allzu sehr auszuschmücken, wenn Sie Ihren Artikel schreiben...“

„Ich werde schreiben, was passiert ist – nicht mehr und nicht weniger“, antwortete ich und versuchte vertrauenerweckend zu lächeln.

„Ja, ja, natürlich – das wollte ich nicht bezweifelt haben... Entschuldigen Sie mich“, beeilte er sich wegzukommen, um weitere Fragen zu vermeiden.

Clausen drängte sich hinüber zu dem Grüppchen um Hans Peter Petersen. Auch ich hätte mich gerne dazugesellt, um mehr zu erfahren, aber ich wusste, dass ich zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur auf Schweigen stoßen würde und ließ es sein.

Ich sah mich nach Hans Brix um, der wie ich ein zugereister Städter war und mit dem ich mich gerne über die Geschehnisse unterhalten hätte, aber ich konnte ihn nirgendwo entdecken – anscheinend war er schon gegangen. Sein Turnierbesuch war vermutlich nur ein Pflichttermin gewesen. Zwar spielt Theodor Storms berühmtestes Werk „Der Schimmelreiter“, literaturwissenschaftlich erwiesen, genau hier in der Hattstedter Marsch, auch wenn in der Erzählung keine genauen Ortsnamen genannt werden, aber im Moment hatte Brix im Dienste des Meisters sicher wichtigere Dinge zu tun, als sich den Originalschauplatz einer Storm-Novelle anzusehen.

Der Regen trommelte wie afrikanischer Burundi-Beat auf das Planendach über mir.

Mein Blick blieb an dem zugedeckten Leichnam hängen, den jetzt eine Pfütze umgab. An Spuren würde die Kripo nach dem Unwetter wohl nicht mehr viel finden, aber wahrscheinlich war das meiste sowieso schon vorher von den Schaulustigen zertrampelt worden. Vor meinem geistigen Auge erschien der ungläubig entsetzte Ausdruck, den das Gesicht des Toten gehabt hatte. Ich versuchte, für mich nachzuvollziehen, wie sich der Mord abgespielt haben mochte. Ich hatte nicht mitbekommen, wie Petersen in das Gebüsch gegangen war und auch nicht, ob ihm jemand gefolgt war. Vielleicht hatte man ihn auch in den Büschen erwartet, aber das war eher unwahrscheinlich. Jedenfalls musste sich das Ganze während der zwanzig Minuten abgespielt haben, die zwischen dem Absitzen der Reiter und dem Fund der Leiche vergangen waren. Waren die Albaner zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Platz gewesen? Ich hatte nicht darauf geachtet und wenn sie es nicht mehr gewesen waren, hätte das auch wenig bewiesen. Wer auch immer der oder die Mörder waren – er oder sie mussten gute Nerven gehabt haben. Es war schon ausgesprochen gewagt, jemanden am helllichten Tag unter so vielen potenziellen Zeugen auf diese Art umzubringen. Es musste auch sehr schnell gegangen und für das Opfer sehr überraschend gekommen sein; nun ja – jeder, der ermordet wird, ist wahrscheinlich sehr überrascht, besonders wenn er mit seiner eigenen Ringreitlanze erstochen wird – abgesehen von einem Mafioso vielleicht, der sich als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt hat.

Kai Petersen hatte also dagestanden und gemütlich seine Blase entleert. Dann musste jemand von hinten an ihn herangetreten sein, und zwar zunächst unbemerkt, denn sonst hätte sich Petersen nicht in einem so kompromittierenden Zustand umgedreht. Ich erinnerte mich, dass auch er – wie viele Ringreiter – die Angewohnheit hatte, seine Lanze, wenn er sie gerade nicht brauchte, mit der Spitze nach unten in den Schaft des rechten Reitstiefels zu stecken. Der Täter war also unbemerkt von hinten gekommen und hatte die etwa meterlange, besenstieldicke Lanze aus Petersens Stiefel gezogen. In diesem Moment hatte der sich überrascht umgedreht und dann musste derjenige auch schon zugestoßen haben. Es dürfte einen ziemlichen Kraftaufwand erfordern, jemandem eine Ringreitlanze durch die Rippen in die Brust zu rammen – und/oder gute Kenntnisse der menschlichen Anatomie. Der oder die Täter mussten also kräftig, sehr kaltblütig oder sehr wütend gewesen sein. Dass die Lanze überhaupt auf diese Art missbraucht worden war, sprach für mich eher gegen die Albaner, denn solche Leute bringen ihr Werkzeug üblicher- weise selbst mit und bevorzugen traditionelle Stich- und Schusswaffen. Außerdem – hätten professionelle Gewalttäter, die wissen mussten, dass sie gesehen worden und aufgefallen waren, überhaupt zu diesem Zeitpunkt zugeschlagen? – Eher nicht. Aber man konnte nie wissen. Vielleicht hatte man sich spontan entschlossen, ein Exempel zu statuieren und es spektakulär aussehen zu lassen.

All diese Fragen ließen sich schwer beantworten, solange unklar war, wobei es bei dem Streit gegangen war, oder ob Kai Petersen noch aus anderen Gründen Feinde gehabt hatte. Ich beschloss, das möglichst schnell herauszufinden und merkte, wie mir ein wohliger Adrenalinschauer durch die Nervenbahnen rieselte: Das Fieber journalistischer Neugier hatte mich gepackt – ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr gehabt und beinahe vergessen hatte. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich es vermisst hatte und begrüßte es wie einen lieben alten Bekannten.

Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber noch immer blitzte und donnerte es aus schwarzgrauen Wolkenbergen, die schnell über den weiten Himmel zogen.

Plötzlich schoss ein dunkelgrüner 7er BMW mit hoher Geschwindigkeit die Straße zum Festplatz hinauf, bog schleudernd und schlammspritzend in die Einfahrt zum Festplatz und kam, eine lange Bremsspur hinterlassend, zum Stehen. Heraus stürzte eine blasse, dunkelhaarige Frau in roten Reithosen und rannte über den Platz.

„Christine!“ Hans Peter Petersen löste sich aus der Gruppe, in der er gestanden hatte und lief ihr entgegen, aber die Frau ließ ihn einfach stehen und hastete mit entsetztem Gesicht zu der mit Flatterband abgesperrten Stelle am Graben, wo die Polizisten auf die Verstärkung aus Flensburg warteten. Ohne sich von ihnen aufhalten zu lassen, stürzte sie zu dem Leichnam, ging in die Knie, zog dem Toten die Pferdedecke vom Gesicht, hob seinen Kopf auf und brach schluchzend über ihm zusammen. Filmreifer Auftritt einer liebenden Ehefrau. Schließlich richtete sich die Frau auf und wandte sich hysterisch und mit schmerzverzerrtem Gesicht an Hans Peter, der auf sie zuging; aber ihre Reaktion war offensichtlich anders, als er erwartet hatte.

„Du Schwein!!! – Wie konntest du das nur tun?!?“, brüllte sie ihn an.

Hans Peter Petersen blieb stehen, immer noch fassungslos: „Christine, ich...“, sagte er beinahe tonlos und wollte sie am Arm nehmen. Aber die Angesprochene zog sich von ihm zurück, packte einen der Polizisten und schrie mit bebender Stimme: „Nehmen Sie ihn fest! – Er war’s! Er hat ihn umgebracht!!“

Der junge Petersen erstarrte, als sich die Blicke der Polizisten auf ihn richteten. In seinem Gesicht spiegelte sich Fassungslosigkeit, er machte ein paar Schritte rückwärts. Mir war schlagartig klar, dass irgendetwas falsch lief, ich wusste nur noch nicht was.

„Na los – worauf wartet ihr denn!?! – Da steht der Mörder! – Mörder!!!“

Christine Petersen zeigte mit dem Finger auf Hans Peter. Dann ging sie auf ihn los und begann, ihn zu beschimpfen und mit ihren Fäusten zu bearbeiten. Die Polizisten waren für einen Moment so überrascht, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten. Hans Peter versuchte, sich vor Christines Schlägen zu schützen: „Christine, bitte ... ich wollte das nicht, ich ...“

Die Beamten hatten ihre Schrecksekunde überwunden und stürzten auf die beiden im Regen kämpfenden zu. Aber bevor sie sie erreichten, riss Petersen sich von seiner Schwägerin los, drehte sich um und rannte zu seinem Pferd, das zusammen mit dem des Opfers noch gesattelt auf dem Turnierplatz stand. Mit einem gekonnten Satz schwang er sich in den Sattel, rammte dem Schimmel die Sporen in die Seite, so dass das Tier mit einem mächtigen, erschreckten Satz angaloppierte und losstürmte. Die Polizisten waren völlig verblüfft: „Halt! Warten Sie!!“, rief einer dem Flüchtenden hinterher.

„Stehen bleiben!!“, ergänzte der andere.

Aber Hans Peter Petersen achtete nicht darauf – wenn er es überhaupt hörte – sondern trieb sein Pferd in weit ausgreifenden Galoppsprüngen auf die Ausfahrt des Festplatzes zu. Die beiden Polizisten wechselten einen Blick, dann zog einer seine Pistole, schien aber unentschlossen zu sein, ob er schießen sollte. Als er sich dazu durchgerungen hatte, war es zu spät. Im selben Moment, in dem das trockene Bellen des Schusses über die Marsch schallte, setzte Petersen auf dem Schimmel mit einem mächtigen Sprung über die Abgrenzung des Festplatzes und den Graben aufs benachbarte Feld. Das Pferd rutschte bei der Landung auf dem regennassen Boden aus, taumelte, knickte in den Vorderbeinen ein und für einen Moment sah es so aus, als würde es stürzen; aber dann fing es sich und Hans Peter Petersen stob querfeldein unter dräuendem Sturmhimmel in Richtung Deich. Es sah aus, als wäre Storms Schimmelreiter wieder auferstanden. Auch die Polizisten blickten dem Fliehenden verdutzt nach, bevor sie fluchend zu ihrem Wagen rannten.

Fußnoten:
(1) Der Roman spielt 2003. Zum Zeitpunkt der Überarbeitung müssen wir leider mitteilen, dass H. Schwermer verstorben ist und das Tabakmuseum somit nicht mehr existiert.
(2) Stand von 2003. Heute steht hier ein schmuckes Seniorendomizil. Früher hätte man „Altenheim“ gesagt.

drei

Inzwischen war es später Nachmittag geworden. Ich war auf dem Weg nach Husum in die Redaktion, um dort einen Artikel über das diesjährige Amtsringreiten in Hattstedt zu schreiben, der zum ersten Mal anders sein würde als alle anderen zuvor. Ich freute mich darauf, denn eins war klar: dieser Fall würde mein tristes Lokalreporter-Dasein vorübergehend zu einer spannenden Tätigkeit machen.

Nach Hans Peter Petersens spektakulärer Flucht zu Pferd hatten die Polizisten einen kurzen Verfolgungsversuch unternommen, der allerdings erfolglos blieb. Petersen kannte die Gegend. Er war im gestreckten Galopp querfeldein über Felder und Deiche nordwärts geritten und obwohl das Land so flach ist, dass man sehen kann, wer am nächsten Tag zum Kaffee kommt, blieb er unauffindbar verschwunden. Die Beamten hatten etwas zerknirscht eine Fahndung herausgegeben und sich damit zu trösten versucht, dass man des Flüchtigen wohl sehr bald habhaft werden würde.

Etwa drei Stunden nach dem Auffinden der Leiche war schließlich auch ein Team der Mordkommission aus Flensburg eingetroffen. Man hatte die wenigen vom Regen verwischten Spuren gesichert und die widersprüchlichen Zeugenaussagen der noch auf dem Platz Verbliebenen zu Protokoll genommen. Während die meisten Anwesenden nach wie vor die Jugoslawen- und Albaner-Mafia für die Täter hielten und als Motiv Kai Petersens angebliche Spielschulden vermuteten, beschuldigte Christine Petersen unerschütterlich und einem hysterischen Zusammenbruch nahe ihren flüchtigen Schwager, den Mord begangen zu haben. Sein Verhalten legte den Verdacht jedenfalls nahe.

Die sterblichen Überreste des Opfers waren von dezent auftretenden Herren in Schwarz in einen Blechsarg bugsiert und in einen Leichenwagen geladen worden, um ins gerichtsmedizinische Institut der Fördestadt überführt zu werden, und eine sich resolut gebende, gut aussehende blonde Oberkommissarin mit dem schönen Namen Bianca Stehding hatte mir zu verstehen gegeben, dass sie Journalisten nicht besonders mochte und mir prophylaktisch mit Konsequenzen gedroht, falls ich mich in irgendeiner Form in ihre Ermittlungsarbeit einmischen würde. Ich hatte genickt, charmant gelächelt und mir innerlich fest vorgenommen, mich unter allen Umständen in die Ermittlungsarbeit einzumischen. Dann hatte ich mit Heidrun Henkens, der Chefredakteurin der Husumer Zeitung telefoniert, die umgehend eine außerordentliche Redaktionssitzung einberief.

Das Unwetter war vorübergezogen, aber die Straßen und Häuserdächer waren noch nass und die tief stehende Sonne legte einen leuchtend goldenen Schimmer über die Graue Stadt am Meer. Ich bog, von Norden die Bredstedter Straße hinunter fahrend, an der Tankstelle links in die Adolf-Brütt-Straße ab, die rechter Hand von mehrgeschossigen Neubauten gesäumt ist, von denen man denken konnte, sie wären von verdienten Architekten der DDR entworfen worden, so hässlich sind sie – ein Hauch von Karl-Marx-Stadt am Rande Husums. Ohnehin würden die Architekten mit die Ersten sein, die an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt – zusammen mit Anwälten, Politikern, Tarifsystemerfindern, Beamten, Bankern, Börsenmaklern, Werbefachleuten und – Journalisten. Danach würde die Welt ein besserer Ort sein. Leider gab es nur wenig Hoffnung, dass die Revolution je kommen würde.

Am Kreisverkehr fuhr ich rechts und nach ein paar Querstraßen wieder rechts in die Asmussenstraße und hatte so die Husumer Innenstadt umfahren, die von einem Einbahnstraßensystem durchzogen ist, das selbst für den ortskundigen Autofahrer eine stete Herausforderung ist. Man sagt Behörden ja gerne Untätigkeit nach – aber im Falle der Husumer Verkehrsbehörde kann davon keine Rede sein. Dort wird täglich hart daran gearbeitet, die Husumer und ihre Besucher mit neuen Regelungen und ungekannten Straßenführungen zu entzücken: Wo gestern noch eine Einbahnstraße war, ist heute vielleicht schon wieder Gegenverkehr; wo heute noch eine Kreuzung war, ist morgen ein Kreisverkehr und wo vorgestern noch geparkt werden durfte, kann übermorgen schon Fußgängerzone sein.

Schließlich bog ich links auf den Parkplatz der Husumer Zeitung ein und stellte fest, dass die meisten anderen Redaktionsmitarbeiter offensichtlich schon anwesend waren. Millimetergenau klemmte ich meinen alten roten Polo Fox in die letzte Lücke und stand nun so, dass der Fahrer des neben mir parkenden Wagens von der Beifahrerseite aus einsteigen müssen würde, wenn er wegfahren wollte. Da es sich aber um den Lexus von Erlmeier, den Leiter des Ressorts Politik, handelte, hielt sich mein schlechtes Gewissen in engen Grenzen. Erlmeier wusste, wie fast alle Kollegen, was mich zur Husumer Zeitung verschlagen hatte und ließ keine Gelegenheit aus, mich seinen Spott spüren zu lassen. Im Allgemeinen perlte das an mir ab, denn Erlmeier war ein fettighaariger, verkniffener, spießiger Konservativer, dessen politischer Horizont kaum weiter als bis zum nächsten Deich reichte – kurz – Erlmeier war ein Arschloch und es machte Spaß, ihn zuzuparken.

Ich ging über den Hof durch die Glastür und betrat das Großraumbüro der Redaktion. Wiebke, die junge Frau am Empfang, zwinkerte mir zu: „Hi, Adrian! – Da bist du ja endlich. Die warten alle schon sehnsüchtig auf dich!“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen“, erwiderte ich und lächelte. Wiebke war zweiundzwanzig, hatte eine für Husumer Verhältnisse sensationell avantgardistische Bubikopffrisur in Pink und ein sehr süßes Gesicht, und wenn sie nicht viel zu jung und ich aus guten Gründen den Frauen abgeschworen gehabt hätte, wäre ich vielleicht geneigt gewesen, sie näher kennen zu lernen.

„Sonst was Neues?“, fragte ich.

Wiebke grinste: „Na ja, hier haben lauter Leute angerufen und behauptet, sie hätten vorhin im Gewitter den Geist des Schimmelreiters gesehen.“

„Wo?“, fragte ich interessiert.

„Moment ...“, sie wühlte in ihren Zetteln. „Einmal an der Arlau-Schleuse, dann in den Reußenkögen ... Im Cecilienkoog auf dem zweiten Deich und zuletzt im Hauke-Haien-Koog – wo auch sonst?“

„Wie lange ist der letzte Anruf her?“

Sie sah auf ihren Zettel: „’ne gute Stunde ...“

„Und seitdem nichts mehr?“

„Nö...“

„Habt ihr das schon an die Polizei weitergegeben?“

„Nein, wieso?“

„Dürfte die interessieren.“

„Seit wann jagt die Polizei Geister?“, fragte sie und lachte.

„War kein Geist – aber eventuell der Mörder aus der Hattstedter Marsch ...“

„Echt?!“

„Ja, echt.“

„Soll ich die Polizei anrufen und – ?“

„Nee – das erledige ich dann schon. Aber mach mir ’ne Liste von den Anrufen, ja? Mit Nummern, wenn’s geht.“

„Für dich tu ich doch alles“, sagte Wiebke und schenkte mir einen koketten Blick.

„Ach wenn’s doch so wäre“, antwortete ich und lächelte.

„Übrigens – du hast da ’n Fleck.“ Sie wies auf das Ketchupmal auf meinem Oberschenkel.

„Ich weiß“, seufzte ich, „war ’n Arbeitsunfall ...“

Ich ging an den Reihen der Schreibtische vorbei ins Redaktionsbüro. „Moin“, grüßte ich in die Runde der Redakteure, die um den ovalen Tisch versammelt waren, auf dem schon die ersten Druckfahnen für die morgige Ausgabe lagen. Der Gruß wurde allgemein murmelnd erwidert. Der unschätzbare Vorteil an „Moin“ als Begrüßungsformel ist, dass man es zu jeder Tageszeit einsetzen kann, denn es ist nicht – wie fälschlicherweise oft angenommen – eine Abkürzung für „Guten Morgen“, sondern kommt aus dem Dänischen, heißt in etwa „einen schönen ...“ und ist damit universell einsetzbar; der Nachteil ist, dass man, wenn man ‚Moin’ zur ‚falschen’ Tageszeit in anderen Gegenden benutzt, für einen hoffnungslosen Langschläfer gehalten wird.

„Na endlich!“, sagte Heidrun Henkens, die Chefredakteurin „Jetzt aber schnell – wir müssen in Druck.“

Ich setzte mich an meinen Platz. Erlmeier warf mir einen abfälligen Blick zu. Wahrscheinlich ahnte er, dass ich ihn von der Titelseite verdrängen würde, was mir nicht oft gelang und mir deshalb eine ebenso große innere Freude wie ihm ein Ärgernis war. Es kam sehr selten vor, dass die Titelseite der Husumer Zeitung aus aktuellem Anlass geändert werden musste – heute würde es so sein. Ich erzählte kurz, was beim Hattstedter Ringreiten passiert war.

Als ich geendet hatte, stand Heidrun Henkens auf. „Gut“, verkündete sie, „das wird der Aufmacher, keine Frage. Du hast die große Schlagzeile, ein Foto und zwei Spalten à dreißig Zeilen. Wie lange brauchst du, um das zu schreiben?“

„Zwei Stunden ...?“, versuchte ich es.

Henkens sah mich an: „Ich geb dir eine ...“