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Beschreibung

Warum braucht es Kooperation in der Stadt- und Regionalentwicklung? Welche Kompetenzen werden für ein Berufsfeld der Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung benötigt? Ausgehend von diesen zentralen Fragestellungen reflektieren zahlreiche erfahrene Autor:innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Beratung und Projektpraxis dieses Themengebiet, greifen neue Entwicklungen in raumrelevanten Veränderungsprozessen auf, um deren Beitrag zu Kooperation auf unterschiedlichen Ebenen darzustellen und bieten gleichzeitig neue methodische Zugänge für Ausbildung und Berufspraxis an.

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Seitenzahl: 769

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2. Auflage 2025

© 2025 Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas, 1050 Wien

www.facultas.at, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlag: Agentur Siegel

Coverabbildung: © Adobe Stock/dreamscape

Satz: K. Strobl, Satz·Grafik·Design, Neunkirchen

Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

UTB-Band-Nr.: 5880

ISBN 978-3-8252-6363-8

E-ISBN 978-3-8385-6363-3

E-PUB 978-3-8463-6363-8

Inhaltsverzeichnis

Yvonne FRANZ, Martin HEINTEL, Carina WEISER

Vorwort

Yvonne FRANZ, Martin HEINTEL

Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung – die zweite Einleitung

TEIL 1: KONZEPTION_KOOPERATIV

Daniel BARBEN

Stadt-Land-Gegensatz, urbanisierte Gesellschaft, nachhaltige Siedlungsentwicklung

Roland ARBTER

Die Bedeutung vertikaler Governance für die Umsetzung regionalpolitischer Strategien und Programme

Elisabeth STIX

Kooperative Raumentwicklung – das ÖREK 2030

Konstantin MELIDIS, Markus GRUBER

Transformative Innovationspolitik in der Regionalentwicklung: Kooperation und Koordination in neuer Qualität

Wolfgang BERGER

Potenziale smarter Regionen – Wie soziale Innovationen die gesellschaftliche Relevanz regionaler Entwicklungsstrategien stärken

Julia DAHLVIK, Potjeh STOJANOVIĆ, Martina KOLLEGGER

Gemeinwohlfördernde Stadt- und Regionalentwicklung

Andreas EXNER

Solidarische Ökonomien in der Stadt- und Regionalentwicklung – Wirtschaftsdemokratie, Partizipation und sozial-ökologische Transformation

Alexandru BRAD, Alistair ADAM HERNÁNDEZ, Annett STEINFÜHRER

Governance der Daseinsvorsorge

Stefanie DÖRINGER

Schlüsselakteur*innen und Netzwerke: Kooperatives Handeln in der lokalen Wirtschaftsentwicklung

TEIL 2: METHODE_KOOPERATIV

Sonja RUBE

Die Relevanz tiefenintegrierter Partizipation als Fundament kooperativer Stadt- und Regionalentwicklung

Alexander HAMEDINGER, Christoph STOIK

Sozialraumanalyse in der Stadtentwicklung: eine transdisziplinäre und kooperative Aufgabe

Jakob EDER

Grundlagen der Datenvisualisierung: Daten und Diagramme für eine evidenzbasierte Stadt- und Regionalentwicklung

Eva Franziska MICHLITS

Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg – Warum Strategische Kommunikation in der Stadt- und Regionalentwicklung ihren Platz gefunden hat

Michael FISCHER, Martin HEINTEL

Framing und Reframing in einer kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung

Harald PAYER

Agile Arbeitsweisen in Stadt- und Regionalentwicklung – Potenziale und Perspektiven

Herwig LANGTHALER

Design Thinking in der Stadt- und Regionalentwicklung

TEIL 3: IMPLEMENTIERUNG_KOOPERATIV

Tanja SPENNLINGWIMMER

Interkommunale Kooperation: Ein Beitrag zur gewerblichen Standortentwicklung

Volkmar PAMER

Niederschwellige Kooperation in städtebaulichen Projekten – ein möglicher Weg Erfahrungen aus 20 Jahren Planung

Georg TRIMMEL

Kooperatives Stadtmarketing – Stadtmarketing als Akteur und Ansatz kooperativer Stadtentwicklung

Martina SCHORN

Jugendabwanderung in ländlichen Räumen kooperativ begegnen

Michaela KAUER

Multilevel Governance der Wohnungspolitik – die europäische Dimension

Irina KOLLER-MATSCHKE

Mobilität kooperativ implementieren

Christian BAUMGARTNER

Kooperation als Erfolgsmodell – Tourismus jenseits des klassischen Destinationsmanagements

Nina KOVACS, Norbert WEIXLBAUMER

Partizipation in der Gebietsschutzpolitik

Christina HOLWEG, Eva LIENBACHER

Initiativen kooperativer Stadt- und Regionalentwicklung im Lebensmittelbereich

Elisabeth GRUBER

Rural Coworking Spaces: Wie kollaborative Arbeitsorte in ländlichen Räumen entstehen

Elisabeth MERK, Karla SCHILDE

Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung: Das Beispiel München

Jutta KLEEDORFER, Angelika SCHMIED

Mehrfach- und Zwischennutzung als methodischer Beitrag zur Sharingdebatte

Daniel DUTKOWSKI, Markus STEINBICHLER

Der Weg von der DIY-Stadt zur „Do-it-together-Stadt“

Brigitte VETTORI

Platz da! – Das öffentliche Wohnzimmer vor der eigenen Haustüre

Autor*innenverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende zweite Auflage der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ ist eine erweiterte und aktualisierte Ausgabe der ersten Auflage aus dem Jahr 2022. Innerhalb von nur zwei Jahren ist es gelungen, eine entsprechende Aufmerksamkeit für dieses Thema zu schaffen. Dies ist aus der Sicht der Herausgeber*innen und Mitautor*innen sehr erfreulich, allerdings keineswegs selbstverständlich: Das Medium Buch gerät zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Auch in der Wissenslandschaft steht es mit zahlreichen anderen Medien in Konkurrenz. Dieses Lehrbuch stellt gewissermaßen eine Ausnahmeerscheinung dar. Darauf bauen wir auf, halten thematisch fest, erweitern und überarbeiten. Das Buch als Medium, als Nachschlagewerk, aber auch als vielverwendetes Lehrmittel zu Ausbildungszwecken ist lebendig.

Warum braucht es (noch immer) ein Lehrbuch zur „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“?

Diese Frage stellten wir uns als Herausgeber*innen und Initiator*innen dieser Publikation zugegebenermaßen ursprünglich nur sehr kurz, denn der Bedarf lag und liegt nach wie vor auf der Hand. Im Rahmen vielfältiger Aktivitäten, Arbeiten und Austausche im Themenfeld der Stadt- und Regionalentwicklung zeigt sich laufend: Es bedarf einer Sprache, die Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Beratung, Stakeholder und Gesellschaft miteinander verbindet. Dies klingt zunächst profan und wird an unterschiedlichen Stellen des Austauschs und der Kooperation gefordert. Die Praxis zeigt jedoch, dass diese Forderung leichter gesagt, als unmittelbar getan ist. Die Perspektiven im Kontext der Stadt- und Regionalentwicklung sind so vielfältig wie spannend zugleich. Allerdings besteht stets die Herausforderung, nicht „aneinander vorbeizureden“.

Aktuelle raumrelevante Handlungsfelder wie beispielsweise Klima- und Ressourcenkrisen, Resilienz, Digitalisierung oder gesellschaftliche Teilhabe finden schnell Zugänge des Austauschs zwischen unterschiedlichsten Akteur*innengruppen. Doch nicht immer gelingt dieser Austausch auf Augenhöhe. Von Marginalisierung betroffene Akteur*innen bleiben viel zu oft unverstanden und unberücksichtigt. Oder es wird schlicht ein nur scheinbar ähnliches Vokabular verwendet, dessen Bedeutungen, Interpretationen und Limitationen in unterschiedlichen Settings jedoch missverständlich ist. Bevor die Bereitschaft zur Kooperation und Kooperation an sich überhaupt gemeinsam entwickelt werden kann, bedarf es also noch immer Leistungen der (nicht nur sprachlichen) Übersetzung. Hier setzt dieses Buch auch in der zweiten Auflage konkret an und liefert Beiträge zu vielfältigen und aktuellen Perspektiven einer „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“.

Mehr als Stadt- und Regionalentwicklung: „Kooperation“ als zentrale Aussage dieses Lehrbuchs

Fragestellungen, Wissen, Methoden und Herangehensweisen in der Stadt- und Regionalentwicklung sind so etabliert wie vielfältig. In Ergänzung zu bereits bekannten und neueren Fachbüchern aus dem deutschsprachigen Kontext, die Regionalentwicklung nicht separat von Stadtentwicklung verstehen (siehe bspw. Bauer-Wolf et al. 2008, Chilla et al. 2016, Ermann et al. 2022, Franz und Strüver 2022, Heinrich et al. 2021, Kühne und Weber 2015, Priebs 2019) stellen wir konzeptionell für die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ die erweiternden Fragen:

• Warum braucht es Kooperation und wie kann diese in der Stadt- und Regionalentwicklung gelingen?

• Welche Kompetenzen werden für ein Berufsfeld der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ benötigt?

Ausgehend von diesen zentralen Fragestellungen reflektieren in diesem Buch erfahrene Autor*innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Beratung und Projektpraxis unterschiedlichste raumrelevante Themengebiete und bieten gleichzeitig vielfältige neue methodische Zugänge an.

Der konzeptionelle Rahmen dieses Buchs ist eingebettet in einem Verständnis von Transdisziplinarität, Interdisziplinarität, Ko-Kreation sowie der Erfüllung eines gesellschaftspolitischen Bildungsauftrags. Neue inhaltliche Themenfelder im Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung wie u.a. „Kooperative Raumentwicklung“ oder verschiedene Formen der Governance werden daher in diesem Buch ebenso aufgegriffen wie neue Methoden, die an diesen Schnittstellen zunehmend wirksam werden. Das vorliegende Buch erfüllt dann eines seiner Ziele, wenn die Leser*innenschaft zahlreiche (noch) unbekannte Themen, Begriffe oder Fallbeispiele entdeckt.

Kooperation ist im Kontext der Stadt- und Regionalentwicklung sowohl gängige Praxis als auch Notwendigkeit. Schlagwortartig seien hier Governance, Partizipation, Teilhabe, kooperative Planungsprozesse, interkommunale Zusammenarbeit, Transformationsmanagement u.v.m. angeführt. Doch wie gelingt Kooperation auf allen Ebenen, nämlich räumlich wie institutionell? Welche Kompetenzen sind hierfür in der Berufspraxis notwendig? Welche Qualifikationen gilt es hierfür in der universitären Ausbildung wie auch in der berufsbegleitenden Weiterbildung und Wissensvermittlung zu

erwerben?

Eine umfassende Antwort darauf – in Lehrbuchform – fehlte bislang. Hier schließt das konzipierte Buch auch in der zweiten Auflage an und verbindet damit die vielbemühte „Wissenschaft mit Praxis“ gerade auch im Hinblick auf Wissensvermittlung. Begleitend und ergänzend zum erfolgreich etablierten berufsbegleitenden Weiterbildungsprogramm „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“1 (vgl. Franz und Heintel 2021a, 2021b, 2022, 2023) am Postgraduate Center der Universität Wien2, vermittelt dieses Lehrbuch innovative Zugänge, Anforderungen und methodische Umsetzungen zur „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“.

Die inhaltliche Fokussierung auf das kooperative Element in der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ erweitert den etablierten theoretischen wie methodischen Diskurs im deutschsprachigen Kontext. Durch die Verknüpfung von theoretischen wie methodischen Ansätzen der Kooperation in der Planungspraxis gelingt es dem Lehrbuch, das Konzept der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ in der Fachcommunity sichtbar zu besetzen. Es unterscheidet sich von bisherigen Publikationen vor allem in der konzeptionellen Metareflexion (= Wissenschaftsperspektive) sowie der methodischen Weiterentwicklung kooperativer Praktiken (= Praxisperspektive) in der Stadt- und Regionalentwicklung. Das Buch soll somit seine Verwendung, neben dem klassischen Ausbildungsbereich im Regelstudium, als auch seine Anwendung in der beruflichen Weiterbildung bzw. der Berufspraxis finden.

Dieses Buch der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ lädt in drei Teilen zur Lektüre, Wissensaneignung und Reflexion ein. Teil 1: Konzeption_Kooperativ umfasst grundsätzliche Beiträge zur Raumentwicklung mit einer thematischen Klammerbildung durch Perspektiven aus der Governance. Teil 2: Methode_Kooperativ widmet sich auch neueren methodischen Zugängen, die im speziellen Kontext hier zum Teil erstmals für den Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung adaptiert und publiziert werden (siehe beispielsweise „Design Thinking“, „Agile Stadt- und Regionalentwicklung“, „Framing und Reframing“). Teil 3: Implementierung_Kooperativ greift aktuelle inhaltliche Themenstellungen der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ exemplarisch auf und arbeitet aus der Perspektive der Umsetzungspraxis den kooperativen Aspekt unterschiedlicher Zugänge heraus.

Teamwork is dream work: Wir danken!

Das vorliegende Lehrbuch ist ein Spiegelbild für Kooperationen auf unterschiedlichen Ebenen der Wissensproduktion. Daher ist auch Dank im Versuch einer chronologischen Ordnung angesagt.

Unser Dank gilt der Universität Wien mit allen ihren Organen und dem Postgraduate Center der Universität Wien, die allesamt das Thema der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ als eigenes neues Weiterbildungsprogramm, in der vorliegenden Form einmalig im deutschsprachigen Raum, in der Implementierung von Beginn an unterstützen. Der institutionelle Rahmen ermöglicht nicht nur die Themensetzung an der Forschungs- und Praxisfront. Vielmehr ist der Aufbau eines umfassenden Wissensnetzwerks an Kooperationspartner*innen in diesem Themenbereich das tragende Fundament, auf das Wissensprodukte wie das vorliegende Lehrbuch aufbauen.

Ebenso gilt Dank dem facultas Verlag, als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der UTB-Verlage, der die Idee, zur „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ ein Buch herauszugeben, sofort aufgriff und engagiert umsetzte. So war es auch eine rasche gemeinsame Entscheidung, nur zwei Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage in eine Neuauflage zu investieren. Hierbei gilt unser Dank insbesondere Frau Barbara Culik, Frau Katharina Fischer und Herrn Peter Wittmann, die uns verlagsseitig über die Zeit betreuten. Es ist uns gemeinsam mit unseren Autor*innen gelungen, innerhalb eines Jahres die Neuauflage vorzulegen.

Anknüpfend daran danken wir allen unseren Autor*innen. Wir kennen uns bereits als engagierte Akteur*innen, die für die Sache einstehen. Nichtsdestotrotz ist eine sofortige Zusage zur Mitwirkung an einem Buch beziehungsweise dessen Überarbeitung nicht selbstverständlich. Die vorliegenden Beiträge geben allesamt wertvolle Einblicke in die Perspektiven der jeweiligen Expert*innen, die alle für sich einen Beitrag zu (mehr) Kooperation in der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ leisten.

Der abschließende Dank gilt jener Lerncommunity, die letztendlich den Ideenpool und die Inspiration zu diesem Buch geboten hat. Dazu zählen alle bisherigen Kooperationspartner*innen3 und mehr als 100 Lehrbeauftragte4 des Weiterbildungsprogramms zur „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ am Postgraduate Center der Universität Wien, sowie die bisherigen Absolvent*innen des Programmes mit all ihren Anregungen, kritischen Fragen und Erfahrungen aus den eigenen Berufswelten, die in dieses Buch mit eingeflossen sind.

Dieses Buch soll nicht nur eine Lücke im konkreten Feld der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ identifizieren. Vielmehr soll diese Lücke aktiv durch Kooperation geschlossen werden, indem es den Impuls setzt, die Aspekte der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ in Wissenschaft wie auch Gesellschaft hineinzutragen und wechselseitig in den Austausch zu bringen. Dieses Buch wendet sich somit an Studierende wie Praktiker*innen aus raumrelevanten Berufsfeldern. Es eignet sich für das Regelstudium ebenso wie für die berufliche Weiterbildung, als Inspirationsquelle oder Nachschlagewerk in der unmittelbaren Berufspraxis.

Für Anregungen zum Buch sowie für weitere Themen- und Kooperationsvorschläge zu einer „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ sind wir offen und freuen uns auf die Weiterführung eines ergiebigen Diskurses.

Yvonne Franz, Martin Heintel und Carina Weiser

Wien, im August 2024

Literaturverzeichnis

Bauer-Wolf, Stefan, Payer, Harald und Scheer, Günter (Hg.) (2008): Erfolgreich durch Netzwerkkompetenz; Handbuch für Regionalentwicklung. Wien – New York: Springer.

Chilla, Tobias, Kühne, Olaf, Neufeld, Markus (2016): Regionalentwicklung. Stuttgart: Eugen Ulmer (= utb 4566).

Ermann, Ulrich, Höfner, Malte, Hostniker, Sabine, Preininger, Ernst Michael und Danko Simić, (Hg.) (2022). Die Region – eine Begriffserkundung. Bielefeld: Transcript.

Franz, Yvonne und Heintel, Martin (2023): Zusammen_wirken? Vision einer raumsensiblen „Unternehmerischen Region“. In: zoll+ I Landschaft und Freiraum, 33 Jg., Nr. 43, S. 4–7. Wien: ÖGLA.

Franz, Yvonne und Heintel, Martin (2022): „Was macht die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ kooperativ? In: Standort 46, S. 39–41. Berlin: Springer.

Franz, Yvonne und Heintel, Martin (2021a): „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“: Anforderungen und Einblicke in ein postgraduales Weiterbildungsangebot an der Universität Wien. In: Fritz, Judith und Tomaschek, Nino (Hg.): Konnektivität. Über die Bedeutung von Zusammenarbeit in der virtuellen Welt, S. 193–212. Münster – New York: Waxmann. (= University – Society – Industry, Band 10).

Franz, Yvonne und Heintel, Martin (2021b): Themen setzen und kooperativ weiterentwickeln: Zur Etablierung der „unternehmerischen Region“ im postgraduierten Weiterbildungsprogramm „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ an der Universität Wien. In: PlanerIn; 6_21, S. 53–54. Berlin: SRL.

Franz, Yvonne und Strüver, Anke (Hg.) (2022): Stadtgeographie. Aktuelle Themen und Ansätze. Berlin: Springer Spektrum.

Heinrich, Anna Juliane, Marguin, Séverine, Million, Angela und Stollmann, Jörg (Hg.) (2021): Handbuch qualitative und visuelle Methoden der Raumforschung. Bielefeld: transcript Verlag (= utb 5582).

Kühne, Olaf und Weber, Florian (Hg.) (2015): Bausteine der Regionalentwicklung. Wiesbaden: Springer VS.

Priebs, Axel (2019): Die Stadtregion. Stuttgart: Eugen Ulmer (= utb 4952).

Website des Weiterbildungsprogramms „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ am Postgraduate Center der Universität Wien: www.postgraduatecenter.at/kooperativregion (Zugriff: 14.08.2024)

1 Siehe: Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung: www.postgraduatecenter.at/kooperativregion (Zugriff: 14.08.2024).

2 Siehe: www.postgraduatecenter.at (Zugriff: 14.08.2024).

3 Siehe: www.postgraduatecenter.at/kooperativregion (Zugriff: 14.08.2024).

4 Siehe: www.postgraduatecenter.at/kooperativregion-lehrende (Zugriff: 28.08.2024).

Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung – die zweite Einleitung

Yvonne FRANZ, Martin HEINTEL

„Beginnen wir mit einigen allgemeinen Fragestellungen, die uns in dieser Einleitung zur Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung begleiten: Wie wird ein neues Themenfeld erschlossen?“ (Franz und Heintel 2022, 15)

Dieses Zitat stand als Einleitung zur ersten Auflage dieses Buches. Es war ursprünglich auch das Motiv zur Auseinandersetzung mit diesem komplexen Themenfeld innerhalb der Raumentwicklung. Zwischenzeitlich ist viel passiert, die Erstauflage wurde in Fachzeitschriften (Dollinger 2023, Kunzmann 2023) sowie in Special Interest Magazinen (Gruber 2024, Lütke 2023, ÖGZ 2023) sehr positiv besprochen und auch medial rezipiert (Regionalmedien 2023, Urban Sustainability Living Lab 2022). Darüber freuen wir uns und bedanken uns herzlich.

Gleichzeitig ist doch auch nicht so viel Zeit vergangen. Demgemäß werden in der zweiten Auflage viele Fragestellungen weiterverfolgt und aktualisiert; zusätzlich sind Neue hinzugekommen. Das Thema der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ gewann insgesamt jedenfalls deutlich an Dynamik. Das zeigen auch zahlreiche weitere Publikationen, die zwischenzeitlich im Themenfeld der Stadt- und Regionalentwicklung erschienen sind (vgl. Ebenstreit et al. 2024, Ermann et al. 2022, Gruber et al. 2024, Zhang et al. 2022). Um dieser Entwicklungsdynamik Rechnung zu tragen, wurden weitere Beiträge in dieser zweiten Auflage integriert. Dieses Buch ist somit auch inhaltlich gewachsen (s.u.).

Die inhaltliche Herangehensweise an die Publikation behalten wir somit bei und übernehmen im Folgenden (fast) wortwörtlich aus Franz und Heintel (2022, 15 ff.): Gehen bei der Erschließung des Themenfeldes der Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung interessierte Lernende, Lehrende, Herausgeber*innen, Forschende und viele weitere Leser*innen ähnlich oder unterschiedlich vor? Wie unterscheiden sich ihre Vorgehensweisen in der Themenerarbeitung – und führen diese Unterschiedlichkeiten zu anderen Ergebnissen? Auf diese Fragen gibt es (glücklicherweise) keine standardisierte Antwort oder Handlungsanleitung. Ansonsten bräuchte es kein einführendes Lehrbuch in die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ wie dieses, das breit in der Themenvielfalt und tief in den jeweiligen Themeninhalten angelegt ist. Das vorliegende Lehrbuch präsentiert das Ergebnis, ein neues Themenfeld ko-kreativ mit einer Vielzahl an Autor*innen aus Forschung und Praxis zu erschließen.

Zu unserer Überraschung war zu Beginn unserer Lehrbuchüberlegungen die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ als Konzept keineswegs explizit etabliert. Das ist sie auch noch nicht zum Zeitpunkt der Bucherscheinung der zweiten Auflage. Damit postulieren wir nicht, dass Netzwerke, Zusammenarbeit, Kommunikation, Partizipation und viele weitere Dimensionen der Kooperation noch nicht in der theoretischen und praxisorientierten Diskussion der Stadt- und Regionalentwicklung ausführlich behandelt wurden oder werden. Neben zahlreichen deutschsprachigen Publikationen älteren und jüngeren Erscheinungsdatums sowohl auf städtischer (Hübel et al. 2020, Räuchle et al. 2021) als auch auf regionaler raumordnungsorientierter Ebene (Bauer-Wolf et al. 2008, Cepiku et al. 2020, Danielzyk 1999, Diller 2003, Fürst 1999, Knieling 1994, Knieling et al. 1999, Kopatz 2021, Kuhn und Milstrey 2015), zeigt dies auch eine schnelle Abfrage mit Hilfe einer allseits bekannten Internetsuchmaschine. Diese Abfrage lieferte im Jahr 2022 für „Kooperation+Region“ knapp 67 Millionen, 2024 nur mehr ca. 55 Millionen Suchergebnisse. Hingegen stiegen die Suchtreffer für „Kooperation+Stadt“ von 11 auf knapp 62 Millionen Suchergebnisse. Verlor „die“ Region in nur zwei Jahren an Wichtigkeit, während „die“ Stadt dynamisch dazugewann – zumindest in der Wissensabfrage? Für die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ sind es immerhin rund 45.000 Treffer und damit im Vergleich zu 2022 (32.000 Treffer) ein Zugewinn von circa 35 Prozent1. Wir halten fest: „Kooperation“, wörtlich als „Mitwirkung“ verstanden2, ist nach wie vor präsent. Die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ etabliert sich weiter in Hinblick auf raumrelevante Fragestellungen, Zugänge und Umsetzungsbeispiele.

Das vorliegende Lehrbuch ist somit ein aktualisierter Beitrag zu einer dynamisch diskutierten Themenlücke und versteht sich weiterhin auch als vehementer Impuls zur Etablierung der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ als wissenschaftliches und raumplanerisches Konzept. Die dahinterliegende These lautet: Zukünftige Gestaltung und Entwicklung im Kontext einer Stadt- und Regionalentwicklung kommt nicht ohne Kooperation aus, wenn es um das Aufgreifen und den Umgang mit raum- und gesellschaftsrelevanten Herausforderungen geht.

Eine weitere Veränderung seit 2022 wollen wir in dieser zweiten Auflage deutlich benennen: Die Zeit drängt für Veränderungen im Kleinen (Transition) wie im Großen (Transformation) hin zu gerechteren und nachhaltigeren Nutzungen unseres Raumes. Kurzschlusshandlungen sollten dennoch vermieden werden, denn die gegenwärtigen Herausforderungen erfordern vielfältige Zugänge und Kompetenzen, Widerspruchsmanagement sowie Inter- als auch Transdisziplinarität.

Kooperation kann nicht vorausgesetzt, jedoch gelernt werden (siehe Ausführung weiter unten). Das trägt nicht unbedingt zu schnellen Lösungen bei, wenngleich diese – verständlicherweise – vehement von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eingefordert werden. Kooperation kann jedoch auch in ihrer Schnelligkeit überraschen, denn sie erfolgt häufig auch reaktiv und gezwungenermaßen, wenn „der Hut brennt“ oder das Geld ausgeht. Entwicklungsdynamik ist auch erkennbar, wenn Anreizsysteme geschaffen und Budgets bereitgestellt werden. All das ist geeignet, um ins Handeln zu kommen. Es bietet aber in der Regel nicht jene Lösungen und Perspektiven, die notwendig wären, um Krisen vorzubeugen, vorbereitet zu sein und strategische Resilienz wie Robustheit zu entwickeln. Eine vorausschauende Kooperation ist daher (noch immer) vonnöten.

Exemplarisch für die vielfältigen Lern- und Umsetzungsbeispiele aus der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“, die wir im gleichnamigen Weiterbildungsprogramm3 vermitteln, stellen wir der vorliegenden zweiten Auflage elf Thesen als zukunftsgerichtete Handlungsfelder voran. Sie greifen Themen auf, die aktuelle Diskurse der Raumentwicklung bestimmen und Kooperationen auf unterschiedlichen Ebenen erfordern. Warum? Um vom (krisenhaften) Ausgangszustand zu einem – im räumlichen Sinne – ressourcenschonenden, solidarischen, gerechten, leistbaren oder schlicht „guten Leben“ zu gelangen.

1.Bodenverbrauch: Gemeindeübergreifende Flächenwidmung und -planung sowie gemeindeübergreifende Kommunalsteuern wirken dem Flächenverbrauch entgegen.

2.Leerstand: Kürzlich mancherorts eingeführte Leerstandsabgaben sind weniger lenkungswirksam als kollektive Organisationspraktiken wie z.B. Geschäftsstraßenmanagements, Co-Working-Spaces, Zwischennutzungen, Public-Private-Partnerships oder neue Formen des Wohnens wie Generationen-Wohnen oder kollektive Wohnprojekte.

3.Energiewende: Raus aus nicht erneuerbaren Energiequellen kann nicht individuell, auch nicht als einzelnes Wohnhaus, organisiert werden. Es bedarf einer Stakeholder-Organisation zwischen Gebietskörperschaften wie Planung, Wirtschaftsförderung, Haus- oder Wohnungseigentümer*innen, Energieanbieter*innen etc. Zusätzlich braucht es simple Anreize oder Besteuerung – ohne überfordernder (Förder-)Bürokratie.

4.Öffentliche Räume: Beteiligungsverfahren ermöglichen eine höhere Nutzungsvielfalt des öffentlichen Raums. Raumgerechtigkeit, Begegnung und Teilhabemöglichkeiten werden dadurch erhöht.

5.Mobilitätswende: Sharing ist ein zukunftsfähiges Konzept. Es verringert Energieproduktion und CO2–Ausstoß, bringt Menschen zusammen und reduziert Stellplätze in öffentlichen Räumen.

6.Daseinsvorsorge: Lebensqualität – und damit auch das „gute Leben“ – ist abhängig von robusten, verfügbaren und bezahlbaren Infrastrukturen. Schwimmbäder, öffentlicher Personennahverkehr, Energieversorgung etc. Gemeinsam müssen wir hierbei langfristig vorsorgen, Alleingänge gehören der Vergangenheit an.

7.Wohnen: Die klimaangepasste Aufwertung von öffentlichen Räumen in der Bestandsstadt durch öffentliche Mittel ist wichtig, darf jedoch nicht dazu führen, dass Einzelne (z.B. Wohnungs- und Hausbesitzer*innen) davon überproportional monetär durch indirekte Aufwertung profitieren, während einkommensschwächere Haushalte nicht partizipieren können. Abstimmungen zwischen Eigentumsrechten und öffentlichen Interessen gehören neu verhandelt, nicht zuletzt, um bezahlbares Wohnen zu unterstützen und Verdrängungseffekte zu vermeiden.

8.Gemeindegrenzen: Die Handlungszusammenhänge unserer modernen Gesellschaft werden im räumlichen Kontext durch Verflechtungen geprägt. Pendelwesen, Freizeitmobilität, Multilokalität etc. gehen über kommunale Grenzen hinweg. Abstimmungen zwischen den Gebietskörperschaften sind das Gebot der Stunde, jedoch bislang nicht adäquat abgebildet – siehe Parkpickerl4 oder Pendler*innenpauschale.

9.Regionale Wirtschaftskreisläufe: Kurze Wege und die Abstimmung von Produzent*innen, Logistiker*innen, Abnehmer*innen und Endverbraucher*innen sichern geringere Transportkosten, kurze Lagerzeiten, Frischequalität, Nahversorgung – und die Stärkung regionaler Wirtschaftsstrukturen.

10.Kohäsion: Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhalt kann innerhalb der Europäischen Union, eines Landes bzw. einer Gemeinde nur dann dauerhaft gesichert werden, wenn es eine Grundeinigkeit des Miteinanders, der Solidarität und auch, wo notwendig, zu Transfers und Ausgleichsziele gibt.

11.Bildung: Aus- und Weiterbildung steigert die kollektive Handlungsfähigkeit. Ein niederschwelliger Zugang für Aus- und Weiterbildung für Alle, unabhängig der räumlichen Verortung und des sozialen Status, muss wieder mehr im Interesse aller sein.

Diese elf Thesen basieren auf zwei Grundlagen: Einerseits einem räumlichen Kontext, andererseits der Kooperation als Handlungsvoraussetzung. Raum ist eine endliche Ressource, sie ist nicht vermehrbar. Die Gestaltung des Raumes liegt jedoch in individueller wie auch kollektiver, in Hinblick auf Governance in nationaler bzw. föderaler Kompetenz. Die Komplexität und Verschränkung von Voraussetzungen, Fragestellungen und Inhalten machen einzelfallspezifische Silolösungen ineffektiv.

Gelingt die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache (nicht nur) entlang der elf Thesen, nämlich eine gemeinsame Sprache zwischen Politik, Verwaltung, Stakeholdern und Zivilgesellschaft begleitet von Wissenschaft, so ist ein wichtiger Schritt zu Kooperation und Lösungskompetenz gelegt. Bleibt dies aus, werden am Ende des Tages die Folgekosten höher und – einfach gesagt – die gesellschaftlichen Probleme größer. Das Lernen der gemeinsamen Sprache, sowie Kooperation als „praktische“ Lösungskompetenz zu verinnerlichen, kann als Bedingungsvoraussetzung für zukünftige Gestaltung räumlicher Entwicklung gesehen werden.

Wer trägt zu diesem Lehrbuch bei?

Dieses Lehrbuch umfasst die Expertise von mehr als 40 Autor*innen, die in Österreich, Deutschland, Belgien, Schweiz – und wohl in vielen weiteren Ländern – im Kontext ihrer Berufspraxis wirken. Sie sind erfahrene Praktiker*innen oder Forschende, Vortragende, Wissensgenerator*innen, Vernetzer*innen und Vieles mehr. Sie sind vor allem auch Lehrende im Universitätslehrgang „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ am Postgraduate Center der Universität Wien und damit in der postgradualen Weiterbildung aktiv.

Welche kooperativen Themen finden sich in diesem Lehrbuch?

Entlang der Expertise und Beiträge der Autor*innen leiten wir als Herausgeber*innen nachfolgend die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ als zukunftsorientiertes, gestaltendes und innovierendes neues Konzept in der Stadt- und Regionalentwicklung her. In dieser Einleitung geben wir einen thematischen Überblick anhand der räumlichen Effekte, normativen Ziele sowie der aus der Kooperation resultierenden Strategien und Impulse.

1. Räumliche Effekte, normative Ziele sowie Politiken und Strategien der Kooperation

Kooperation in der „Stadt- und Regionalentwicklung“ kann und soll die komplexen Herausforderungen wie die des Klimawandels im Hinblick einer nachhaltigen Zukunftssicherung auf der regionalen wie globalen Ebene bearbeitbar und veränderbar machen (siehe Beiträge Barben; Stix). Im Sinne normativer (Wert-)Maßstäbe wie demokratische Teilhabe, Gemeinwohlorientierung oder auch Ressourcengerechtigkeit gilt es nicht nur, den gesellschaftlichen Wohlstand der Regionen, die in diesem Lehrbuch als Beispiele dienen, fortzuschreiben (siehe Beiträge Barben; Brad et al.; Dahlvik et al.). Eine kooperativ angelegte Stadt- und Regionalentwicklung ist kontext- und bedürfnisorientert, erzeugt flachere Hierarchien und damit auch ein vielfältigeres Netzwerk an (überregional) kooperierenden Akteur*innen. Gesamt kann dies in einer erhöhten sozialen Inklusion und positiven Beschäftigungswirkung münden (siehe Beiträge Brad et al.; Döringer; Exner).

Methodisch erfordert dies neue Zugänge, die auch ergebnisoffen, niederschwellig(er) und kreativ(er) als etablierte Methoden angelegt sind, wie beispielsweise agile Arbeitsweisen oder auch Design Thinking (siehe Beiträge Payer; Langthaler). Projekte, die nahe an den betroffenen Beteiligten angelegt sind, benötigen zur Organisation der zahlreichen Vor-Ort-Komplexitäten vermittelnde Akteur*innen, sogenannte „Intermediäre“, die die Prozesse überblicken, begleiten und auch an unterschiedlichsten Stellen vernetzen und vermitteln (siehe Beiträge Berger; Dutkowski und Steinbichler; Kleedorfer und Schmied; Vettori).

Diese Effekte gilt es nicht nur in supranationalen Agenden (siehe Beitrag Barben), sondern auch in regionalpolitischen Systemen zu verankern, um Aufmerksamkeit für eine „Energie- und Gefühlssituation“ zu generieren (siehe Beitrag Arbter), Bedürfnisse zu beachten und letztendlich die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse zu ermöglichen (siehe Beiträge Brad et al.; Döringer). Es bedarf hier einer „kooperativen vertikalen Governance“ mit Plattform- und Impulsfunktion, die über Silos hinweg agiert und die nicht formale (Nicht-)Zuständigkeiten in das Zentrum von Politiken und Praktiken stellt (siehe Beitrag Arbter).

Diese neuen Kooperationsformen können sich interkommunal über Gemeindegrenzen hinweg manifestieren, erstrebenswerte Standortstärkungen und (soziale) Innovationen unterstützen (siehe Beiträge Berger; Gruber; Spennlingwimmer) sowie etablierte Tourismusmarketingansätze hinterfragen (siehe Beiträge Baumgartner; Trimmel). Auch unerwünschte Prozesse, wie anhaltende Jugendabwanderung, können verhindert werden (siehe Beitrag Schorn). Aber auch innerhalb der Kommune unterscheidet sich das Ergebnis von abgestimmten Kooperationen in der daraus resultierenden Qualität von Maßnahmen (siehe Beiträge Koller-Matschke; Pamer). Bestimmte Problemlagen, wie beispielsweise eine europäische Wohnungsmarktkrise, benötigen allerdings mehr als das: Aktive Kooperation und Gestaltung sind auf supranationaler Ebene gefragt (siehe Beitrag Kauer).

2. Praktiken der Kooperation

Welche Praktiken charakterisieren nun eine „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“? Die Beiträge dieses Lehrbuchs zeigen diesbezüglich notwendige Eigenschaften in Bezug auf politische Praxis, Akteur*innentypen und deren Charakteristika, prozessorientierte Herangehensweise und Wissensproduktion auf. Oftmals ergeben sich aus bereits bestehenden politischen Kooperationen weitere Kooperationsprojekte, gerade auch zwischen internationalen Organisationen (siehe Beitrag Barben). Doch abseits einer politischen Absicht benötigt Kooperation vor allem auch Ressourcen in Form von Zeit und Kapital (siehe Beitrag Dahlvik et al.), weswegen auf der regionalen Ebene die Bewusstseinsbildung für Kooperation auch mit Ressourcenausstattung (und Förderungen) einhergeht. Dies ermöglicht die Einbindung neuer Schlüsselakteur*innen (siehe Beitrag Döringer), das wiederum in einer Neujustierung gewohnter Machtpositionen in Ausverhandlungsprozessen münden kann.

Kooperationspartner*innen vielfältiger Art zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine vernetzte Zusammenarbeit und Koordination praktizieren (siehe Beitrag Brad et al.). Es handelt sich allesamt um Praktiken, die vor allem Durchhaltevermögen fordern (siehe Beitrag Dahlvik et al.). Ein Gelingensfaktor liegt in der Komplementarität bei gleichzeitiger Kohärenz der kooperierenden Partner*innen (siehe Beitrag Arbter). Zudem steht das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt der Kooperation. Dies umfasst sowohl größere Raumeinheiten mit vielfältigen Interessenslagen, wie beispielsweise im Gebietsschutz (siehe Beitrag Kovacs und Weixlbaumer), als auch kleinere Raumeinheiten, wie beispielsweise die Quartiersebene im vorwiegend urban geprägten Raum (siehe Beiträge Dutkowski und Steinbichler; Kleedorfer und Schmied; Pamer; Vettori). Die Problemstellungen sind jedoch komplex und können auch in kleineren Räumen große Fragen wie beispielsweise nach einem gerechten Nahrungsmittelzugang oder der Vermeidung von Lebensmittelabfall behandeln (siehe Beitrag Holweg und Lienbacher).

Es empfiehlt sich, Kooperationspraktiken als Prozess zu verstehen. Praktiken einer „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ sind allerdings kein linearer Prozess, sondern vielmehr ein „[…] selektives schrittweises Vorgehen entlang sich ergebender Gelegenheitsfenster […]“ (Arbter in diesem Band, S. 63). Idealerweise gelingt eine akteursübergreifende Kooperation zwischen Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft (siehe Beiträge Brad et al.; Döringer). Der Kooperationsprozess ist geprägt von einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber den Bedürfnislagen und der Motivation verschiedener Akteur*innen (siehe Beitrag Exner), basierend auf einem offenen und kritischen Diskurs (siehe Beitrag Stix). Geeignete Formate, die ein solchen Ebenen übergreifendes Zusammenwirken ermöglichen, können so genannte Reallabore oder Implementation Labs sein, die auch eine kritische Evaluierung und damit Weiterentwicklung prozessorientierter kooperativer Herangehensweisen inkludieren (siehe Beiträge Pamer; Stix).

In der Stadt- und Regionalentwicklung steht die Wissensproduktion und -weitergabe bereits seit langem im Mittelpunkt des Handelns. Allerdings sollte die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ hier einen Schritt weitergehen und auch die Wissensorganisation berücksichtigen (siehe Beitrag Barben). Aufbauend auf wissenschaftlichen Methoden der Datenvisualisierung und Sozialraumanalyse (siehe Beiträge Eder; Hamedinger und Stoik) können hier auch Universitäten mit ihren raumwissenschaftlichen Aus- und Weiterbildungsformaten eine wichtige Rolle spielen (siehe Beitrag Stix). Doch vor allem sollten kooperative Entwicklungsprozesse als wechselseitiger Lernprozess verstanden werden, der Wissensvermittlung auch als Element einer Strategischen Kommunikation versteht (siehe Beitrag Michlits). Kein Ergebnis zu erzielen oder in der Zielerreichung zu scheitern benötigen hier ebenfalls „Raum“ (siehe Beitrag Brad et al.).

3. Impulse der Kooperation

Was ist nun der Mehrwert der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“? Worin liegt der Ausgleich zu den aufwändige(re)n Diskussions-, Abstimmungs-, Koordinierungs- und Aushandlungsbedarfen, die unweigerlich mit Kooperation einhergehen? Einerseits gibt es konkrete Beiträge und Umsetzungen in komplexen Fragestellungen, um ökologische Anliegen, eine nachhaltige Bodenstrategie, Daseinsvorsorge u.v.m. als notwendige Handlungsfelder auch tatsächlich „ins Tun“ zu bringen (siehe Beiträge Brad et al.; Exner; Stix). Die akteurs- und ebenenübergreifende Kooperation ist nicht nur kreativ (siehe Beitrag Döringer), sondern ermöglicht auch aktive Bürger*innenmitgestaltung und damit eine vielfältigere Repräsentanz in Entscheidungsfindungsprozessen (siehe Beitrag Brad et al.) inklusive Transformation (siehe Beitrag Melidis und Gruber) und Transformationsmanagement (siehe Beitrag Rube). Die Schwerpunktverschiebung auf das gemeinsame Tun als Praxis einer kooperativen Entwicklung im Raum benötigt oftmals eine gemeinsame Geschichte oder Lesart, die im Sinne eines gemeinsamen Bedeutungsrahmens im Zuge des Framens und Reframens alte Handlungsmuster aufbrechen und neue Entwicklungsdynamiken entstehen lassen kann (siehe Beitrag Fischer und Heintel).

Nichtsdestotrotz liegt die Herausforderung weiterhin darin, über Impulssetzungen hinaus in die Verstetigung von Kooperationen in der Stadt- und Regionalentwicklung zu kommen und damit auch die Rahmenbedingungen für die regionale Handlungsebene weiterzuentwickeln (siehe Beiträge Arbter; Merk und Schilde). Denn letztlich ist Kooperation kein Selbstläufer, sondern benötigt Anstrengungen auf allen räumlichen und politisch-planerischen Ebenen, um gesellschaftliche Entwicklung zu gestalten (siehe Beitrag Barben).

Konzeptionelle Essenz des Begriffs „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ Eine „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ geht davon aus, dass Kooperation den wesentlichen Schlüsselfaktor für eine zukunftsfähige Entwicklung darstellt. In unserem Themenkontext betrifft das sowohl die räumliche, politisch-planerische als auch die gesellschaftliche Ebene. Weder machen Probleme vor kommunalen Grenzen halt, noch gelingt es einzelnen Expert*innen, Politiker*innen, Unternehmer*innen etc. allein aus der jeweiligen Kompetenz und Expertise heraus darauf zu antworten.

Kooperation kann einfach gesagt reaktiv, programmatisch-konzeptionell oder antizipativ eingesetzt werden. Von einer reaktiven Kooperation, aus einem Handlungsdruck heraus, kann dann gesprochen werden, wenn beispielsweise finanzielle Zwänge vorliegen. Gewisse technische wie soziale Infrastrukturen oder auch Dienstleitungen sind im Sinne einer gemeinwohlorientierten Daseinsvorsorge derzeit und künftig wohl nur noch kooperativ zu errichten und zu führen. Eine programmatisch-konzeptionelle Kooperation hingegen ist in der Regel in diversen Projektförderungsausschreibungen vordefiniert. Begünstigungen fließen nur dann, wenn sie kooperativ eingeworben werden. Eine antizipative Kooperation ist in dieser Logik die einzige Form, die einen hohen Grad der Freiwilligkeit aufweist und mit qualitätsvollem Gestaltungsanspruch in die Zukunft gerichtet ist.

Mit dem vorliegenden Lehrbuch verfolgen wir die These, dass die Bereitschaft zur Kooperation nicht vorausgesetzt, Kooperation jedoch als Kompetenz in einem gemeinsamen Handlungs- und Verständigungsfeld „gelernt“ werden kann. Der Handlungsimpuls, der durch eine Notlage oder eine geforderte Projektlogik gegeben wird, ist für sich alleine noch kein Garant zur Etablierung von Kooperation in einer „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“. Gelingt es, Kooperation intrinsisch motiviert und über sämtliche Akteur*innennetze auf der Ebene der Städte und Regionen zu vergesellschaften, ließe sich ein signifikanter Mehrwert für die regionale Handlungsebene etablieren – so eine weitere These. Diesen Mehrwert aufzuzeigen und zu vermitteln, ist diesem Lehrbuch als Motivation inhärent.

Wohin entwickelt sich die „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ weiter?

In die Zukunft geblickt werden wir – Autor*innen, Herausgeber*innen, aber auch die interessierte Leser*innenschaft – das Thema der „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ in all ihren Facetten und Fragestellungen weiter verfolgen und bearbeiten. Zukünftig wird es hier notwendig sein, Weiterbildung und Kompetenzvermittlung reflektiert und kritisch fortzuschreiben. Dies nicht zuletzt, um ein gemeinsames Verständnis einer „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ zu etablieren, das tendenziell antizipativ angelegt ist, um die komplexen Fragestellungen von heute und der Zukunft lösen zu können. Dieses Lehrbuch lädt zu dieser Verständnisschaffung ein. Wir wünschen eine inspirierende Lektüre und freuen uns auf neue Kooperationen.

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https://www.arl-net.de/de/blog/neu-im-fachbuchhandel-kooperative-stadt-und-regionalentwicklung (zuletzt aufgerufen am 28.08.2024)

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http://www.zeitkultur.at/zeitbibliothek/regionalentwicklung/kooperative-stadt-und-regionalentwicklung.de.html (zuletzt aufgerufen am 28.08.2024)

1 Darunter erscheint als Ersttreffer erfreulicherweise noch immer das Weiterbildungsprogramm „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ an der Universität Wien, sowie an zweiter Stelle die vorliegende Publikation als Erstauflage (Zugriff: 28.08.2024).

2 Pons Online-Abfrage: (Zugriff: 24.6.2022).

3 Siehe www.postgraduatecenter.at/kooperativregion (Zugriff: 28.08.2024)

4 Parkschein

TEIL 1: KONZEPTION_KOOPERATIV

Stadt-Land-Gegensatz, urbanisierte Gesellschaft, nachhaltige Siedlungsentwicklung

Daniel BARBEN

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Stadt-Land-Gegensatz und moderne Gesellschaft

III. Urbanisierte Gesellschaft und Stadt-Land-Kontinuum

IV. Globalisierung und städtische Hierarchisierungen

V. Siedlungsentwicklung: Kooperation und Nachhaltigkeit

VI. Resümee und Ausblick

VII. Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Dieser Beitrag widmet sich Fragen der räumlichen Organisation und Dynamik von Gesellschaft. Dafür werden Erkundungen in die Geschichte sozialwissenschaftlicher Theorien mit Beobachtungen empirischer Wirklichkeit gesellschaftlichen Lebens verbunden. Den Ausgangspunkt bildet der Stadt-Land-Gegensatz, anhand dessen oft Entwicklungs- und Vergesellschaftungsformen vor und nach der Herausbildung moderner Gesellschaften thematisiert wurden. Aber trägt diese Unterscheidung auch heute noch, wo einerseits Kontraste zwischen städtischen und ländlichen Räumen nach wie vor erfahrungsprägend sind, andererseits aber in dem, was manche „urbanisierte Gesellschaft“ nennen, aufgelöst worden zu sein scheinen? Hinzu kommt, dass es auch gegenwärtig noch eine bemerkenswerte Vielfalt an Definitionen von Stadt als Siedlungsform gibt, was sowohl als Hinweis für Klärungs- und Verständigungsbedarf als auch als Anzeichen für empirische Vielfalt verstanden werden könnte. Zu dieser Vielfalt gehören etwa Konzepte wie wachsende und schrumpfende Städte, Megacities und Megaregions, Global Cities, urbane und ländliche Räume sowie deren Beziehungen. Den Fluchtpunkt der Argumentation in diesem Beitrag bilden Fragen nach nachhaltiger, zukunftsfähiger Stadt- und Regionalentwicklung einschließlich der dafür notwendigen Formen von Kooperation und Governance.

Keywords

Stadt-Land-Beziehungen, Siedlungsformen, Urbanisierung, moderne Gesellschaft, Global Cities, Megacities, Megaregions, Governance, Kooperation, Nachhaltigkeit

I. Einleitung

Wenn von „Stadt- und Regionalentwicklung“ die Rede ist – wie im Titel dieses Handbuchs –, klingt dies zunächst selbstverständlich, legt dieser Ausdruck doch nahe, sich auf den gesamten gesellschaftlichen Raum zu beziehen. Also Städte, große wie kleine, sowie Regionen aller Art. Diese hier in Pluralform formulierten Differenzierungen, die raumbezogene Verdichtungen und Entwicklungen betonen, lassen keinen Raum offen bzw. nicht abgedeckt. Allerdings fällt nun auch auf, was ausgespart bleibt: das Land und, dort angesiedelt, Dörfer und weitere Siedlungsformen (wozu es freilich auch gegenwärtig ein recht reges Forschungsinteresse gibt, vgl. etwa Nell und Weiland 2019). Das heißt, das Land und dessen Siedlungen werden unter Region subsumiert, die Unterscheidung zu Stadt entfällt. Anders und etwas zugespitzt formuliert: Die Unterscheidung zwischen Stadt- und Regionalentwicklung spart das „Land“ als ihren blinden Fleck aus.

„So what?“, mag man sich als kritische/r Leser*in fragen. Wieso ist es wichtig, was ein Ausdruck ins Blickfeld rückt und thematisiert oder umgekehrt vernachlässigt, gar ausblendet? Die Ausgangsannahme der einleitenden Anmerkungen besagt, dass Begriffe und Unterscheidungen grundlegend dafür sind, was wir wie sehen und verstehen. In Bezug auf die „Stadt- und Regionalentwicklung“ soll demnach folgende These formuliert werden: Dieser Begriff verleiht der historischen Tatsache Ausdruck, dass die Stadtentwicklung in Bezug auf die räumliche Dimension gesellschaftlicher Entwicklung vorrangig geworden ist – und somit eine urbanisierte Gesellschaft. Dies heißt zugleich, dass die über lange Zeiträume vorherrschende Unterscheidung zwischen Stadt und Land in den Hintergrund gerückt ist und an Selbstverständlichkeit dabei eingebüßt hat, räumliche Strukturierungen gesellschaftlicher Entwicklung zu fassen. Dies gilt erst recht für die Bestimmung des Stadt-Land-Verhältnisses als Gegensatz.

Soll das nun heißen, dass die Stadt-Land-Beziehungen in einer urbanisierten Gesellschaft bedeutungslos geworden sind – oder vielmehr einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren haben? Dies würde auch Kooperationen als eine Dimension im Stadt-Land-Verhältnis betreffen. Vor diesem Hintergrund gilt es also, begriffliche und empirische Klarheit anzustreben. In diesem Beitrag sollen solche Klärungen insbesondere im Hinblick auf folgende Gesichtspunkte vorgenommen werden:

1) Entstehung und Entwicklung des Stadt-Land-Gegensatzes: Welche Rolle spielt der Stadt-Land-Gegensatz in der geschichtlichen Entwicklung? Ist er heutzutage obsolet geworden?

2) Urbanisierung der Gesellschaft und Marginalisierung des ländlichen Raumes: Führen die Prozesse der Verstädterung zum Verschwinden oder doch zumindest zum Relevanzverlust ländlicher Räume?

3) Stadt- und Regionalentwicklung als Gesellschaftsentwicklung: Welche Differenzierungen, einschließlich Hierarchisierungen, bewirken neben der Urbanisierung die Metropolisierung und die Globalisierung? Worin bestehen Perspektiven nachhaltiger, zukunftsfähiger Entwicklung?

Die genannten Fragen gelten dem Versuch, die Thematik des Stadt-Land-Verhältnisses sozio-historisch zu kontextualisieren und in Bezug auf dessen gegenwärtige Ausgestaltung sozialwissenschaftlich zu bestimmen. Dabei sollen sowohl empirischen Entwicklungen als auch deren Analyse in der Stadt- und Regionalforschung (vor allem soziologischer Provenienz) Rechnung getragen werden.

II. Stadt-Land-Gegensatz und moderne Gesellschaft

Unter den soziologischen Klassikern untersuchten vor allem Karl Marx und Max Weber die Entwicklung des Stadt-Land-Gegensatzes eingehend. Das zentrale Erkenntnisinteresse beider Forscher bildet die Frage, welche Rolle der Stadt-Land-Gegensatz – und allgemeiner: die Stadtentwicklung – bei der Entstehung der kapitalistischen Moderne spielen. Ferdinand Tönnies und Georg Simmel wiederum thematisierten die unterschiedlichen Lebensweisen in der Stadt und auf dem Land.

Anhand des Stadt-Land-Gegensatzes macht Marx Umbrüche der gesellschaftlichen Entwicklung fest. So behauptet er in seinem erstmals 1867 erschienenen Hauptwerk „Das Kapital“, „dass die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümiert“ (Marx 1979, 373). In verschiedenen Epochen sieht er mal die Stadt, mal das Land als Schwerpunkt gesellschaftlicher Entwicklung. Für Marx spitzt sich im Feudalismus der Stadt-Land-Gegensatz zu, der hier mit dem Gegensatz zwischen Kapital und feudalem Landbesitz zusammenfalle. Ein dynamisches Moment hin zu neuen gesellschaftlichen Verhältnissen erblickt er in der Kaufmannsklasse, die sich in den Städten des Mittelalters gebildet hatte. Jedoch sei das in den Städten gebildete Geldkapital durch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Stadt und auf dem Land an seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert worden, d.h. „durch die Feudalverfassung auf dem Land“ und „durch die Zunftverfassung in den Städten“ (Marx 1979, 778). Erst mit der Beseitigung dieser Verhältnisse konnte die kapitalistische Produktionsweise entstehen. Marx beobachtet, dass die neuen Manufakturen in See-Exporthäfen oder „auf Punkten des flachen Landes, außerhalb der Kontrolle des alten Städtewesens“ errichtet wurden, woraus dann die großen Städte der industriellen Revolution wuchsen (Marx 1979, 778). So bestimmt er in den „Grundrissen“ die moderne Geschichte als „Verstädtischung des Landes“ – im Unterschied zur „Verländlichung der Stadt“ bei den Antiken, die auf der Landwirtschaft und keiner eigenen städtischen Produktionsweise gründete (Marx 1983, 391).

Auch Weber sieht in der mittelalterlichen Stadtentwicklung wichtige Impulse für die Herausbildung der modernen Gesellschaft. In „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Weber 1972) unternimmt er eine große begriffliche Anstrengung zur typologischen Bestimmung von Städten. Weber kritisiert diejenigen Definitionen von Stadt als ungenügend, die Stadt als relativ geschlossene und große Ansiedlung verstehen. Damit wendet er sich gegen eine, auch in der späteren Stadtsoziologie teilweise weit verbreitete Definitionsweise. Anstelle der Unterscheidung von Siedlungstypen anhand ihrer Größe widmet sich Weber einer ökonomischen Definition von Stadt, die im Weiteren durch eine politische Definition ergänzt wird. Im Zentrum des ökonomischen Begriffs von Stadt steht, dass sie „Marktort“ bzw. „Marktansiedlung“ ist (728). Zum politisch-administrativen Begriff von Stadt gehört „ein besonderes Stadtgebiet“ (732). Als entscheidend sieht Weber folgendes Merkmal: „dass die Stadt im Sinn der Vergangenheit, der Antike wie des Mittelalters, innerhalb wie außerhalb Europas, eine besondere Art von Festung und Garnisonort war“ (733). Entsprechend gehört zum Begriff solcher Städte „die Burg oder Mauer“ (733). Aus dem Zusammenhang der beiden Begriffsdimensionen ergibt sich laut Weber die Bedeutung von Stadt als Gemeinde. Deren Eigenschaften resümiert Weber als „Siedlungen mindestens relativ stark gewerblich-händlerischen Charakters“, für die auch zutrifft: „1. die Befestigung, 2. der Markt, 3. eigenes Gericht und mindestens teilweise eigenes Recht, 4. Verbandscharakter und damit verbunden 5. mindestens teilweise Autonomie und Autokephalie“ (736). Solche Stadtgemeinden im vollen Wortsinn kannte „als Massenerscheinung“, so Weber, nur der Okzident.

Wie Marx versteht auch Weber die mittelalterliche Stadtentwicklung „zwar keineswegs (als) allein ausschlaggebende Vorstufe und gar (…) Träger“ des „modernen Kapitalismus“, doch als „ein(en) höchst entscheidende(n) Faktor“ seiner Entstehung (788). Des Weiteren betont Weber die Bedeutung der mittelalterlichen Städte für die Entwicklung des modernen Staates, da sich in ihnen nicht nur rationales Wirtschaften, sondern auch Berufsbeamtentum, juristische Verwaltung und bürgerliche Freiheitsrechte herausbilden konnten. In Webers Darstellung drückt sich der Stadt-Land-Gegensatz in den mittelalterlichen Stadtmauern aus. Diese Mauern werden mit der kapitalistischen Entwicklung geschleift (vgl. III zur folgenden Neugestaltung der Stadt-Land-Beziehungen).

Neben gesellschaftsstrukturellen Aspekten bietet es sich an, die Unterscheidung von Stadt und Land auch unter Aspekten der Lebensweise zu untersuchen. In seinem Hauptwerk von 1887 verbindet Tönnies den Gegensatz von Gemeinschaft und Gesellschaft mit dem von Stadt und Land. „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ stehen für zwei strikt voneinander unterschiedene Normaltypen kollektiver Gruppierungen mit entsprechend divergenten Formen sozialer Beziehungen (Tönnies 2017). Entweder sind Akteure Teil eines größeren sozialen Ganzen, deren Gemeinschaft sie sich unterordnen, oder sie haben an einer Gesellschaft teil, in der sie ihre individuellen Zwecke durchzusetzen trachten. Tönnies behauptet nun, dass dörfliche Lebensweisen im Allgemeinen dem Begriff der Gemeinschaft und städtische dem der Gesellschaft entsprechen. Diese Lebensweisen unterscheidet er danach, wie die emotionalen und rationalen, persönlichen und vertraglichen, gemeinschaftlichen und individuellen Aspekte menschlicher Interaktion ausgeprägt sind. Allerdings bietet Tönnies’ Text weniger eine Typologie von Siedlungsformen als vielmehr eine Theorie sozialen Wandels von gemeinschaftlichen hin zu gesellschaftlichen Beziehungsformen. Da Tönnies die Seite der Gemeinschaft positiv und die der Gesellschaft negativ besetzt, schlägt er vor, als Gemeinschaftsform unter modernen Bedingungen Genossenschaften zu fördern. Die Entgegensetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft ist vielfach kritisiert worden, etwa im stadtsoziologischen Kontext dahingehend, dass sich Formen von Gemeinschaft auch in Städten finden oder Städte neue Grundlagen für Gemeinschaftsbildung bieten. Empirische Studien wiesen auch Formen dörflichen Lebens in der Großstadt nach (wie Gans 1982).

Wohl am wirkungsvollsten thematisierte Georg Simmel großstädtische im Unterschied zu anderen Lebensweisen. Im Vortrag „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 sieht er den „Typus großstädtischer Individualitäten“ in der „Steigerung des Nervenlebens (begründet), die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“. (Simmel 1984, 192) Da der Mensch ein „Unterschiedswesen“ sei, dessen Bewusstsein „durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt“ (192) werde, bewirkten die rasch wechselnden Rhythmen der Großstadt „einen tiefen Gegensatz“ (193) gegen die gemächlichen Rhythmen in Kleinstadt und Landleben. Mit diesem Gegensatz verbindet Simmel den „intellektualistische(n) Charakter des großstädtischen Seelenlebens (…) gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist“ (193). Als besondere Eigenschaften des Großstadtbewohners diskutiert Simmel die „Blasiertheit“ gegenüber den Unterschieden der Dinge (196) sowie die „Reserviertheit“, „Gleichgültigkeit“ und „leise Aversion“ anderen gegenüber (197). Aus der Schwierigkeit, „die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen“, leitet er die „spezifisch großstädtischen Extravaganzen des Apartseins, der Kaprice, des Pretiösentums“ ab (202). Positiv hebt er das historisch einmalige Ausmaß an persönlicher Freiheit hervor (198), die freilich auch als Einsamkeit und Verlassenheit erlebt werden kann (200). Simmels Begrifflichkeit gibt seine Distanz und Ambivalenz gegenüber dem großstädtischen Leben wieder, das er mitunter heftig kritisiert. Um es ertragen zu können, zieht er sich besonders gerne in die Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen zurück. Allerdings muss er auch da erleben, wie immer mehr Stadtmenschen den Weg in die Berge finden, um alpinistischen Abenteuern wie der Kletterei zu frönen. Dieser Betrieb stört sein intensives Naturerleben empfindlich, entsprechend verärgert zeigt er sich über die Konsumkultur bloßen Genusses (vgl. „Alpenreisen“ (1895) und „Die Alpen“ (1918), zit. in: Jazbinsek 2001, 12 f.).

Diese vier frühen Soziologen erfuhren die Verstädterung ihrer Gesellschaft unmittelbar. Während Marx und Weber die Bedeutung der Stadtentwicklung bei der Herausbildung der neuen Gesellschaft analysierten, untersuchten Tönnies und Simmel die Folgen der Verstädterung für die Lebensweise und die sozialen Beziehungen. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist, war es im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht. Dass für die vier der Gegensatz von Stadt und Land noch sehr präsent war, liegt zeitgeschichtlich nahe. Trotzdem liegen die Damaligen nicht so weit von uns entfernt, wenn wir die Tatsache bedenken, dass sich gegensätzliche Haltungen zur Großstadt und das Suchen nach Kontrasterfahrungen bis heute fortgesetzt haben.

III. Urbanisierte Gesellschaft und Stadt-Land-Kontinuum

Marx’ Hinweis auf die „Verstädtischung des Landes“ und Webers Stadtbegriff – insbesondere dessen Betonung des vormaligen Festungscharakters – deuteten bereits an, dass der Stadt-Land-Gegensatz zukünftig seine Schärfe verlieren würde. Unter den heutigen Stadt- und Regionalsoziologen besteht weitgehender Konsens, dass sich der Stadt-Land-Gegensatz aufgelöst hat. Anstelle seiner diagnostizieren sie ein „Stadt-Land-Kontinuum“ oder eine „urbanisierte Gesellschaft“, in der sich Stadt und Land kaum mehr sinnvoll abgrenzen lassen. Drei gesellschaftliche Entwicklungen haben diese veränderte Sichtweise empirisch veranlasst: erstens Verstädterungs- bzw. Urbanisierungsprozesse, zweitens Suburbanisierungsprozesse und drittens die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur.

Zunächst zum begrifflichen Zusammenhang dieser drei Entwicklungen. Der Begriff der Verstädterung – oder Urbanisierung – bezeichnet üblicherweise „die fortschreitende Konzentration der Bevölkerung eines Landes in städtischen Siedlungen“ sowie „das Wachstum und die Ausdehnung dieser Siedlungen“ (Hamm 1982, 60). Das Wachstum der Städte und ihrer Bevölkerung wird vor allem durch die Industrialisierung vorangetrieben. Der Begriff der Suburbanisierung bezieht sich speziell auf das spätere Wachstum der Städte an ihrem Rand ins Umland hinein. Insgesamt ist Verstädterung bzw. Urbanisierung der allgemeine Prozess und Suburbanisierung ein besonderer Aspekt hiervon. Das Wachstum von Städten und ihrer Bevölkerung einschließlich der Suburbanisierung erfordern den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, damit die steigenden Transport- und Mobilitätsbedürfnisse etwa im Zusammenhang von Arbeiten und Wohnen erfüllt werden können. Angesichts dieser drei Entwicklungstendenzen wird plausibel, wieso Stadtsoziologen die Auflösung des Stadt-Land-Gegensatzes konstatieren: Erstens bedeutet das in den Städten konzentrierte Bevölkerungswachstum rein quantitativ eine Gewichtsverschiebung zugunsten der Stadt, weil immer mehr Menschen in Städten wohnen; zweitens führt die suburbane Ausdehnung der Stadt aufs Land dazu, dass die Siedlungsgrenzen verschwimmen; drittens bewirken die mit öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln bewegten Pendler- und Reiseströme eine Erweiterung des Bewegungsradius der Individuen, die regelmäßige Ortswechsel und Erfahrungen zwischen Stadt und Land beinhalten.

Im Hinblick auf den Stand der weltweiten Urbanisierung ergeben Daten aktuellerer Untersuchungen ein beeindruckendes Bild der Verstädterung im Sinne des Bevölkerungs- und Städtewachstums. Das Jahr 2007 markiert einen geschichtlich bemerkenswerten Sachverhalt, indem erstmalig global mehr Menschen in einem städtischen Raum statt in einem ländlichen leben, zwei Drittel davon in sog. Entwicklungsländern (UN-Habitat 2008). Prozentual gemessen lebten zu der Zeit ca. 75% der Bevölkerung in Industrieländern und ca. 45% der Bevölkerung in Entwicklungsländern in städtischen Räumen. Dabei ist nach UN-Angaben unstrittig, dass die Stadtbevölkerung der Erde prozentual erheblich schneller wächst als die Weltbevölkerung. Einigkeit besteht darin, dass der Verstädterungsprozess bei nur leichter Abschwächung anhalten wird. Der historische Kontrast zu vorindustrieller Zeit ist besonders beeindruckend, lebten doch vor zwei Jahrhunderten lediglich 3% der Weltbevölkerung in Städten (Sjoberg 1965) und am Anfang des 20.

Jahrhunderts knapp 15%.

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht übertrieben, von der Verstädterung als einem universalen Phänomen zu sprechen (so z.B. Hamm 1982, 63). Der universale Charakter der Urbanisierung schränkt sich aber ein, wenn man die quantitative um eine qualitative Betrachtung ergänzt. Demnach setzt nicht nur die Verstädterung in den einzelnen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein, abhängig vom Beginn der Industrialisierung, also etwa zuerst in Großbritannien um 1820 oder in Deutschland um 1870, sondern die Verlaufsformen sowie bestimmenden Faktoren können erheblich divergieren. Hinsichtlich des frühen Urbanisierungsverlaufs weist Detlev Ipsen darauf hin, dass das von Marx analysierte „Englische Modell“, wonach die großen Städte auf der Zerstörung des Landes aufbauten, indem die Bauern enteignet und vom Land vertrieben wurden, für Deutschland nicht zutraf (Ipsen 1992, 137). Nach Ipsen entwickelte sich die Urbanisierung in Deutschland zunächst als balancierter Prozess zwischen Stadt und Land, sodass das Neue entstand, „ohne das Alte zu zerstören“ (137). Deshalb schlägt er vor, grundsätzlich von politisch und ökonomisch bedingten nationalen Unterschieden auszugehen. So lautet Ipsens Schlussfolgerung, dass es „nicht ein Verhältnis zwischen Stadt und Land“ gibt, „nicht eine Form von Beziehung“, sondern „wechselnde Verhältnisse und Beziehungsmuster, die für eine bestimmte historische Konstellation besonders kennzeichnend sind“ (118). Auf wechselnde Verhältnisse und Beziehungsmuster trifft man umso mehr dann, wenn man als weitere Einflussfaktoren der Urbanisierung Wanderungsbewegungen und Geburtenentwicklung oder auch wirtschaftlichen Strukturwandel berücksichtigt. Diese Faktoren tragen zu unterschiedlichen Urbanisierungsverläufen und Ausprägungen im Verhältnis von Kernstädten und suburbanen Gebieten, Primärstädten oder Mittelstädten bei. Das schließt nicht aus, dass die verschiedenen Faktoren letztlich in dieselbe Richtung – d.h. Städtewachstum – weisen, doch dies von vornherein anzunehmen wäre problematisch, da zeit-räumliche Besonderheiten vernachlässigt werden.

Die Auffassung, dass wir in einer urbanisierten Gesellschaft leben, führt bei manchen Autoren zu folgender Konsequenz: „Die Stadt wird zur universellen Lebensform, alle sozialen Phänomene sind auch Stadtphänomene.“ (Hamm 1982, 21) Das prinzipielle Problem dieser Behauptung liegt darin, dass Verstädterung und Stadt als Lebensform miteinander kurzgeschlossen werden. Zudem wird die Unterscheidung zwischen Stadt und Land ganz aufgegeben. Um diesbezügliche Unterscheidungsmöglichkeiten nicht vorschnell aufzugeben, lautet der Vorschlag, die Existenz und Bedeutung von städtischen und ländlichen Siedlungsformen und Lebensweisen als eine empirische Frage zu behandeln, die nicht bereits mit dem Hinweis auf universale Trends der Urbanisierung beantwortet ist. Schließlich leben erstens auch in stark urbanisierten Gesellschaften noch mindestens 20% der Bevölkerung auf dem Land, auch gibt es weiterhin ländliche Lebensweisen. Ländliche Lebensweisen sind vor allem in den weniger entwickelten Ländern noch ausgeprägt; zudem ist der Verstädterungsprozess da noch in vollem Gange. Zweitens bietet eine Stadt nicht bereits dadurch, dass sie als Stadt gilt, die Grundlage für eine universelle Lebensform. Zu groß, das dürfte offenkundig sein, sind die Unterschiede in der urbanen Qualität von Städten. Mit anderen Worten: Es sind nicht bloß spitzfindige Differenzen, die wir bei Überlegungen und Erfahrungsberichten finden, worin denn die Unterschiede bestehen zwischen einem Leben nicht nur in Brandenburg und Berlin, sondern auch in Klagenfurt und Wien oder Zürich und New York. Daraus folgt, klarer zu unterscheiden zwischen Stadt und Urbanität.

Für das Stadt-Land-Kontinuum kann man festhalten, dass dieser in den 1950er Jahren eingebürgerte Begriff auf fließende Übergänge zwischen den Siedlungsgebilden verweist. Demgegenüber wurde eingewandt, dass die Abgrenzungen oft nur willkürlich möglich seien und dass die gewählten Indikatoren der Größe, Dichte und Heterogenität nur zum Teil miteinander variierten (Saunders 1987, 105–109). Da Größe, Dichte und Heterogenität Definitionsmerkmale des in der Soziologie gängigsten Begriffs von Stadt sind – der von Louis Wirth geprägt wurde, einem Vertreter der Chicago School (Wirth 1938) –, kommt auch die Definition von Stadt als räumlich oder sozial abgrenzbarer Entität in die Krise. In der soziologischen Subdisziplin Stadtsoziologie ist dies als ernsthaftes Problem vermerkt worden. Da der Vorstellung eines Stadt-Land-Kontinuums allenfalls deskriptive Bedeutung zugestanden wird, wird vorgeschlagen, Stadt-Land-Beziehungen im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zu untersuchen – eine m.E. sinnvolle Weiterung (so z.B. Hamm 1982; Saunders 1987; Pahl 1966). Gegenüber dem genannten amerikanischen, quantitativ orientierten Stadtbegriff formulieren viele Stadtsoziolog*innen einen qualitativ alternativen Stadtbegriff, der insbesondere auf gebaute Umwelt und städtische Lebensweisen fokussiert. Ausführungen dazu finden sich etwa im Kontext der Thematisierung der amerikanischen und europäischen Stadt (Häußermann 2001).

IV. Globalisierung und städtische Hierarchisierungen

In der neueren interdisziplinären Stadt- und Regionalforschung gibt es v.a. zwei Entwicklungen, die in Bezug auf die gegenwärtige Konfiguration von Stadt und Land besonders bemerkenswert sind. Erstens, (trans-)nationale Dynamiken der Globalisierung und der Urbanisierung, die zu einem rasanten Wachstum von Stadträumen einschließlich eines besonderen Typs von Stadt geführt haben, für die sich die Bezeichnungen als Megacities bzw. als Global Cities eingebürgert haben. Zweitens, gleichsam im Kontrast dazu, das Phänomen schrumpfender Städte („shrinking cities“), die durch grundlegenden gesellschaftlichen Wandel etwa in Folge von Restrukturierungsprozessen bedingt werden. Im Folgenden werden v.a. die erstgenannten Phänomene thematisiert.

Bei Megacities handelt es sich um enorm ausgedehnte und zugleich verdichtete Stadträume. Eigentümlicherweise werden sie in der Regel quantitativ bestimmt. Zunächst war dafür die Größe von 5 Mio., später (und heute immer noch) 10 Mio. Einwohner*innen üblich. Die Zunahme der Anzahl solch großer Städte, und deren weiteres Wachstum, sind atemberaubend. Gab es in den 1950er Jahren erst zwei Städte über 10 Mio. Einwohner*innen – New York und Tokio –, so waren es 1970 17, davon eine knappe Mehrheit in Entwicklungsländern, und gegenwärtig 34, davon in Asien 21, in Lateinamerika sechs und in Afrika drei. Dabei leben bereits knapp 15% der weltweiten städtischen Bevölkerung in Megacities (UN-Habitat 2020b). Die seit längerem weltweit größte Megacity ist Tokio mit aktuell über 39 Mio. Einwohner*innen.

Somit stellen sich Megacities als geschichtlich junges Phänomen dar, das eine historisch neuartige Form der Verstädterung darstellt, und zwar im Hinblick auf die jeweiligen nationalen wie auch globalen Kontexte. Festzuhalten ist dabei, dass zwar die außerordentliche Größe eine besondere Eigenschaft darstellt, diese aber gleichwohl v.a. quantitativ bemessen ist. Während Megacities oft pauschalisierend als Orte massiver sozialer und ökologischer, in Entwicklungsländern auch ökonomischer Problemverdichtungen thematisiert werden, gibt es aber zunehmend Stimmen, die auch die Nachhaltigkeitspotentiale von Megacities betonen – und sie damit als Laboratorien zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklung vorstellen (Kraas 2007). Neben diesen grundsätzlichen Überlegungen liegt es aus sozialwissenschaftlicher Sicht nahe, jede Megacity – wie freilich auch jeden Stadtraum – als empirisch besondere Konfiguration zu untersuchen. Sei es im Hinblick auf einen gesellschaftlichen Entwicklungszusammenhang, in den sie jeweils eingebunden ist, sei es im Hinblick auf den jeweiligen Lebens- und Erfahrungsraum für Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Prägung und Positionierung.

In den letzten drei Jahrzehnten bildete „Globalisierung“ einen herausragenden Bezugspunkt der wissenschaftlichen Diskussion in verschiedenen Disziplinen wie auch der politischen Auseinandersetzung. In diesem Zusammenhang erlangten insbesondere sog. „Global Cities“ besondere Aufmerksamkeit. Diese werden als Resultat und weitere Voraussetzung von Globalisierungsprozessen verstanden, wie sie in ökonomischer Hinsicht v.a. in den 1990er Jahren – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit dem Ende der globalen Systemkonkurrenz zwischen „Ost“ und „West“ – forciert wurden, allerdings bereits entscheidende Impulse in den 1980er Jahren, insbesondere der divergenten Entwicklung von Real- und zunehmend dominanter Finanzwirtschaft erfahren hatten. Global Cities wurden vornehmlich von Saskia Sassen prominent thematisiert. Deren vieldiskutierte These besagt, dass mit ökonomischen Globalisierungsprozessen subnationale Entitäten wie Städte und Regionen größere Bedeutung erlangen. Als Orte der Konzentration insbesondere finanzieller, aber auch anderer, Dienstleistungsfunktionen diagnostiziert sie einen neuen Typ globaler Städte, die als Knotenpunkte eines entstehenden transnationalen Städtesystems fungieren: New York, London, Tokio (Sassen 1991). „The massive expansion of international financial transactions, the integration of stock markets into a global network, and the growth of international markets for producer services have become part of the economic base of many major cities. But New York, London, and Tokio concentrate a disproportionate share of these transactions and markets. […] The magnitude and composition of this concentration of transactions and markets in New York, London, and Tokio is to a large extent an occurrence of the 1980s. And it is also, to some extent, built on debt and speculation, which raises a question about the durability of this form of growth.“ (Sassen 1991, 190 f.) Gegenüber Sassen unterscheidet Peter Hall, Pionier der Erforschung von Megacities und Megaregions, genauer zwischen drei Hierarchieebenen von Städten: globale, sub-globale und regionale Zentren (Hall 1997). Neben ökonomischen berücksichtigt er auch politische und kulturelle Funktionen. Insgesamt bezieht Hall den Stellenwert von Städten und deren Beziehungen untereinander auf Prozesse gesellschaftlichen Wandels, woraus sich Einblicke in die Konkurrenz zwischen Städten, deren innere Struktur und deren Auf und Ab ergeben. Eine der Schlussfolgerungen der Diskussion um „Global Cities“ liegt darin, dass die Entwicklungsdynamik von Städten in erster Linie nicht aus deren Beziehung zum Umland resultiert, sondern aus ihrer Position im nationalen und transnationalen Netzwerk von Städten. Die lokalen Ressourcen dieser Städte liegen in dem für sie funktionalen metropolitanen Raum. Auf die dezidiert transnationale Statusbestimmung von Global Cities bezieht sich die Kritik des Konzepts „staatenloser Städte“ (Therborn 2011).

So wie nicht alle Megacities als Global Cities fungieren, so besitzen nicht alle Global Cities die Größe von Megacities. In Bezug auf Megacities schlugen Zhao et al. in ihrer Untersuchung der globalen Triebkräfte von Stadtentwicklungen die Unterscheidung von mega-global und mega-local cities vor (Zhao et al. 2017). Letztere können für eine Nation oder Makroregion von herausragender Bedeutung sein, sind dies aber nicht im globalen Zusammenhang. Neuerdings ist auch von sog. Megaregions die Rede, die aus einem Konglomerat von Städten und Regionen bestehen können (vgl. dazu unter V.).

Eine noch kurz zu erwähnende weitere Form der Hierarchisierung unter Städten und Regionen im nationalstaatlichen Bezugsrahmen, die sich schon vor Prozessen der Globalisierung beobachten lässt, stellt die Metropolisierung dar. Dabei handelt es sich um die hervorgehobene Strahlkraft von Städten und Regionen aufgrund der darin vorfindlichen besonderen Konzentration wirtschaftlicher, politischer, kultureller Funktionen.

Während sich die Untersuchung städtischer Entwicklungen und deren Rolle für gesellschaftlichen Wandel in der Regel mit geschichtlichen Wachstumsprozessen befasste, sollte aber nicht unterschätzt werden, dass gesellschaftlicher bzw. globaler Wandel auch bedeuten, dass Städte und Regionen an Stellenwert verlieren können. Etwa durch den Niedergang von Branchen und Standorten in Folge industriellen Strukturwandels und der Verlagerung unternehmerischer Aktivitäten, sei es innerhalb von Ländern, sei es über Landesgrenzen hinweg. Dies stellt ganz eigene Herausforderungen: zu versuchen, eine wirtschaftliche Revitalisierung vor Ort anregen und umsetzen zu können und damit die Grundlagen für zukünftige Prosperität zu legen; Verfallsprozessen wie der Abwanderung gerade junger, hochqualifizierter Bevölkerungsgruppen oder dem Funktionsverlust von Infrastrukturen entgegenzuwirken; oder wenigstens den Rückbau von Siedlungen und Infrastrukturen so zu gestalten, dass Städte und Regionen als lebenswerte Räume erhalten werden und nicht der Anomie anheimfallen. Reiches Anschauungsmaterial mitsamt konzeptionellen Reflexionen zu transnational sehr unterschiedlich gelagerten Problemen von schrumpfenden Städten bzw. Regionen bietet ein internationales Ausstellungsprojekt (Oswalt 2004).

V. Siedlungsentwicklung: Kooperation und Nachhaltigkeit

Vor dem Hintergrund der geschichtlichen, theorieorientierten wie empirischen Ausführungen zu Veränderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Stadt und Land lässt sich vermuten, dass die Idee einer „kooperativen“ Stadt- und Regionalentwicklung neueren Datums ist. Die Rede von Kooperation setzt nämlich voraus, dass sich städtische und regionale Entwicklungen nicht einfach so vollziehen oder zentral gesteuert werden, sondern einen Gegenstand des Zusammenwirkens verschiedener Akteure darstellen. Kooperativ angelegte raumbezogene Entwicklungen werden, um exemplarisch zwei gegensätzliche Dynamiken zu nennen, also weder vornehmlich marktvermittelt noch staatlich-autoritativ vorangetrieben. Grundlegende Voraussetzungen kooperativer Stadt- und Regionalentwicklung bilden somit Konstellationen der Governance, d.h. der gesellschaftsbereichs- und ebenenübergreifenden Einbeziehung von Akteuren. „Governance“ wiederum ist ein neueres Konzept, das in sozialwissenschaftlichen wie öffentlich-politischen Diskussionen seit den 1990er Jahren intensiv diskutiert worden ist, angesichts der sich damals abzeichnenden grundlegenden Veränderungen im staatlichen Regieren und in der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung (Chhotray/Stoker 2014).

Dafür waren die Prozesse der Globalisierung, und speziell für die Länder Europas die Prozesse der europäischen Integration, prägend, indem sie zu neuen Kompetenzverteilungen und Arrangements führten, wie Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Bezogen auf die Stadt- und Regionalentwicklung heißt das, dass Governance in der „horizontalen“ Verflechtung ökonomischer, politischer, administrativer, rechtlicher und kultureller Prozesse wie auch in der „vertikalen“ Verflechtung lokaler, regionaler, nationaler, supra- und internationaler Prozesse stattfindet, wobei das „kooperative“ eine besondere Charakteristik von Governance betrifft (in Unterscheidung zu „nicht-kooperativen“ Governance-Ansätzen). Aufgrund der verschiedenen nationalen Traditionen und institutionellen Arrangements gibt es jeweils unterschiedliche Voraussetzungen dafür, wie sehr und auf welche Art und Weise kooperative Formen der Governance entwickelt und praktiziert werden können. Dabei haben wir es mit historisch und gesellschaftlich unterschiedlich dimensionierten und strukturierten Räumen zu tun. Dies betrifft auch ihre transregionale und transnationale Situierung in vielschichtigen ökonomischen, politischen, administrativen etc. Beziehungsgeflechten.

Anders formuliert, scheinbar klare Begriffe wie Stadt, Land, Dorf, Region, urbaner Raum u.a.m. bedeuten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten mitunter ganz Unterschiedliches. Interessanterweise, und vielleicht überraschenderweise, ist dies bis zum heutigen Tag der Fall. Dies kann dann zum Problem werden, wenn Entwicklungen in transnationaler Perspektive in den Blick genommen werden oder zum Gegenstand internationaler Kooperation werden. Denn unterschiedlich definierte Begriffe erschweren das Ordnen von Wahrnehmungen und das Organisieren von aufeinander abgestimmten Aktivitäten – also Kooperation in einer ihrer vielfältigen Formen.

Angesichts dessen ist es ebenso bemerkenswert wie naheliegend zu beobachten, dass gegenwärtig im Kontext internationaler Bemühungen zur Beförderung nachhaltiger Entwicklung ganz grundlegende Fragen aufgeworfen werden wie die, was denn eine Stadt sei (UN-Habitat 2020a). Die Behandlung dieser scheinbar einfachen Frage dient nicht schlicht der Aufklärung schlecht informierter Interessierter, sondern betrifft mögliche Hindernisse gesellschaftlicher Entwicklung, insbesondere einer auf politische