Krähen über Königsberg - Ralf Thiesen - E-Book
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Krähen über Königsberg E-Book

Ralf Thiesen

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Beschreibung

Königsberg 1924: In einer bewegten Zeit stößt ein junger jüdischer Kommissar auf eine tödliche Verschwörung ...

Ein hoch spannender historischer Kriminalroman im Königsberg der Goldenen Zwanziger.


Königsberg 1924: In einer Kaserne wird ein junger Soldat erschlagen aufgefunden. Das Brisante: Das Waffenlager, das der Gefreite bewachte, wurde komplett ausgeräumt. Der jüdische Kommissar Aaron Singer und sein Kollege Heinrich Puschkat, preußisches Urgestein, stehen unter großem Druck. Soziale und politische Spannungen drohen Ostpreußen zu zerreißen. Planen die Nationalisten mit dem Diebesgut einen Putsch? Um eine Katastrophe zu verhindern, verfolgen Singer und Puschkat die Spur inkognito bis in ein Seebad an der ostpreußischen Nehrung. Dort stoßen sie auf eine heimtückische Intrige …

Hoch spannend, fesselnd, atmosphärisch – der zweite Fall für Kommissar Aaron Singer!

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Königsberg 1924: In einer Kaserne wird ein junger Soldat erschlagen aufgefunden. Das Brisante: Das Waffenlager, das der Gefreite bewachte, wurde komplett ausgeräumt. Der jüdische Kommissar Aaron Singer und sein Kollege Heinrich Puschkat, preußisches Urgestein, stehen unter großem Druck. Soziale und politische Spannungen drohen Ostpreußen zu zerreißen. Planen die Nationalisten mit dem Diebesgut einen Putsch? Um eine Katastrophe zu verhindern, verfolgen Singer und Puschkat die Spur inkognito bis in ein Seebad an der ostpreußischen Nehrung. Dort stoßen sie auf eine heimtückische Intrige …

Weitere Informationen zu Ralf Thiesen

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Ralf Thiesen

Krähen über Königsberg

Ein Fall für Aaron Singer

Kriminalroman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe Dezember 2024 

Copyright © 2024 by Ralf Thiesen

Copyright © dieser Ausgabe 2024 

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der literarischen Agentur Peter Molden, Köln

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotive: FinePic®, München; Silas Manhood/Trevillion Images; Tim Robinson/Trevillion Images; Hulton Archive/Getty Images

Karte von Königsberg und Umgebung: © Laura Münzer

Redaktion: Heiko Arntz

KS · Herstellung: ik

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-28451-0V003

www.goldmann-verlag.de

Übersicht

Inhaltsverzeichnis

Teil I Schatten der Vergangenheit

1

2

3

Teil II Königsberg

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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14

15

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17

18

19

20

21

Teil III Auf der Nehrung

1

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Teil IV Memelland

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Für Tabea

Sherlock & Watson

Teil I Schatten der Vergangenheit

Berlin-Moabit, Frühjahr 1919 

Die Kälte in der kleinen heruntergekommenen Mansarde hatte ihre Leidenschaft schnell abgekühlt. Nun lagen sie nebeneinander auf dem zerschlissenen Bett, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Draußen in der Ferne fielen Schüsse. Er seufzte und griff über sie hinweg zu den Zigaretten. Sie zog die Decke enger um ihren Oberkörper.

»Mein Gott, das muss doch irgendwann mal aufhören. Der Krieg ist seit mehr als zwei Monaten zu Ende.« Sie klang entnervt. Er zuckte mit den Schultern, er war schließlich Soldat. Noch.

»Freikorpsler gegen Kommunisten wahrscheinlich. Immer das Gleiche.« Er reichte ihr eine der beiden Zigaretten, die er angesteckt hatte. Eine Weile rauchten sie schweigend. Schreie, Kommandos und Schüsse drangen bis zu ihnen herauf. Seit dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kam die Stadt einfach nicht zur Ruhe. In Weimar tagte die Nationalversammlung, und in Berlin war die Lage gelinde gesagt tagsüber unübersichtlich und bei Einbruch der Dunkelheit gefährlich.

Seufzend schwang er die Beine aus dem Bett und zog sich die Unterwäsche an. Er spürte ihren Blick in seinem Rücken. Sie hatten sich vor einigen Wochen in einem Tanzlokal kennengelernt. Sie hatte ihm auf Anhieb gefallen, und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sie in dem zweifelhaften Etablissement zu besuchen. Als der Sold knapp wurde, hatte er sich darauf verlegt, sie zur Sperrstunde abzuholen und mit ihr nach Hause zu gehen. Im Bett kannte sie keine Tabus, was ihm – nach den Jahren der Entbehrung – sehr gefiel. Aber ihre Leidenschaft war nur vordergründig. Es gelang ihm nicht, ihr Herz zu erobern. Er wusste weder, was sie bewegte, noch etwas über ihre Träume oder gar, was sie im Leben noch erreichen wollte. Im Grund war sie ihm jenseits ihrer erotischen Ausstrahlung ein Rätsel geblieben, und so hatte er den Blick allein in die Zukunft gerichtet.

Er hatte Berlin satt. Anfangs war er froh gewesen, dass sie das Baltikum endlich gen Heimat verlassen konnten. Die instabile Lage in der Reichshauptstadt hatte dann dafür gesorgt, dass ihm die direkte Demission erspart blieb. Aus dem regulären Reichswehrverband war ein Freikorps geworden, das auf den Straßen Berlins Spartakisten und Kommunisten bekämpfte. Für einen kampferprobten Leutnant hatte man da sehr gut Verwendung. Der Sold kam pünktlich, die Führung sorgte für Kost und Logis. Das war viel wert in einer Zeit, da die Wirtschaft am Boden lag. Doch nach drei Monaten hatte er genug von sinnloser Gewalt. Seine Zukunft lag nicht in Berlin. Morgen würde er nach Königsberg fahren. Sie würde nicht mitkommen. Er musste gar nicht erst fragen. Das heute war ihr letztes Tête-à-Tête gewesen. Er musste es ihr sagen. Sie hatte die Beine angezogen und beobachtete ihn rauchend.

Wer jetzt Gedanken lesen könnte …

Er drehte sich zu ihr um, während er sich die Jacke anzog. »Ich werde Berlin verlassen. Ich gehe zurück nach Königsberg. Da ist die Revolution schon durch. Es wird Zeit, an die Zukunft zu denken.«

Ihr kühler Blick hatte sich nicht verändert. Sie zog erneut an der Zigarette, inhalierte lange und ließ den Rauch langsam aus dem weit geöffneten Mund entweichen.

»Wenn ich mir sicher wäre, dass du uns eine Chance gibst, würde ich fragen, ob du mitkommst.«

»Was soll ich denn in Königsberg? Das ist doch tiefste Provinz.«

Es ärgerte ihn, dass sie es offensichtlich als ein Eingeständnis seines Scheiterns oder als eine Art Fahnenflucht empfand, nur weil er dem Moloch Berlin den Rücken kehren wollte.

»Wenigstens wird dort nicht mehr nachts auf den Straßen geschossen.« Er warf ihr einen spöttischen Blick zu. Doch sie ließ sich nicht aus der Reserve locken.

»Ich werde es in Berlin schaffen«, erwiderte sie trotzig. »Hier stehen einem alle Türen offen. Es ist eine neue Zeit. Alles ist möglich, wenn man nur daran glaubt.«

Es klang wie das berühmte Pfeifen im Wald. Er schnaubte abfällig. Für ihn war der Weg einer Gelegenheitsprostituierten klar vorgezeichnet. Mittlerweile hatte er seinen Mantel übergezogen. Er holte zwei Geldscheine aus der Tasche und legte sie auf den kleinen Tisch.

»Wenn es dein Gewissen beruhigt«, sagte sie, ohne zu ihm aufzusehen.

»Du kommst wirklich nicht mit?«, unternahm er einen letzten Versuch. Sie schüttelte nur beiläufig den Kopf. Er ärgerte sich, knöpfte den Mantel zu und setzte die Schirmmütze auf.

»Na, dann wünsche ich dir viel Glück und dass deine Wünsche in Erfüllung gehen.«

Sie verzog das Gesicht zu einem müden Lächeln. »Wart’s ab.«

Er warf einen letzten Blick auf ihren nackten Körper, als wollte er sich die Szene für die Ewigkeit einprägen. »Ich denke nicht, dass wir uns wiedersehen«, erwiderte er, während er sich umdrehte und ging. Er ahnte nicht, wie sehr er sich täuschen sollte.

2

Berlin-Wannsee, Sommer 1921 

»Wie bist du doch zu beneiden, Eugen!«

Karl Helders hatte sich ein kühles Bier aus der Eiskiste geangelt, nachdem er bereits zwei Schultheiß an Eugen und Reinhard verteilt hatte. Das Segelboot schnitt pfeilgerade durch das blaue Wasser des Wannsees. Die Wälder am Ufer schwelgten im satten Grün. An den Badestränden drängten sich ausgelassene Besucher. Über ihnen wölbte sich ein makelloser blauer Himmel und dazu eine leichte Brise, die dafür sorgte, dass die Temperaturen erträglich blieben.

Eugen Sattler saß an der Pinne und genoss den freundschaftlichen Neid seiner langjährigen Kameraden. Karl hatte recht. Es ging ihm glänzend. Das Familienunternehmen – die Sattler Emaillewerke – hatte das Kriegsende und die Umstellung von Kriegsproduktion auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung gut überstanden. Er besaß eine Villa mit Seegrundstück direkt am Wannsee und hatte vor gut einem Jahr seinem Ruf als eingefleischter Junggeselle zum Trotz mit Ende vierzig noch geheiratet. Mit seiner wesentlich jüngeren und attraktiven Frau hatte er seine alten Freunde beeindruckt. Das hätten sie ihm nie und nimmer zugetraut. Er lächelte Helders und Braun gönnerhaft zu.

»Auf meine schöne und kluge Frau!«

Seine Freunde prosteten ihm zu.

»Eine junge Frau hält den Gatten ebenfalls jung«, sagte Braun grinsend.

»Unbedingt!«, grinste Sattler zweideutig zurück. Immerhin feierten sie heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Angelika war achtundzwanzig. Sie hatte ihn von Beginn an in ihren Bann gezogen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass Braun oder gar Helders mit ihren Angetrauten ähnlich aufregende Dinge erlebten wie er. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Schon bald mussten sie zurück, denn um sechs hatte er das Büfett zu eröffnen. Sattler blickte in den Himmel, als ihn ein stechender Schmerz zusammenfahren ließ.

Angelika Sattler stand auf der ausladenden Terrasse und blickte auf die lange Tafel. Acht Personen saßen plaudernd am Tisch. Auf einem Grammofon wurden Schellackplatten gespielt. Eine ausgelassene Sommergesellschaft. Einzig Erika Helders stand die Unzufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Angelika sah auf die Uhr. Bald schon würde es so weit sein. Sie ließ ihren Blick über den Wannsee schweifen und sah das Boot ihres Mannes. Alles würde sich fügen. Sie knipste ein Lächeln an und kehrte als gut gelaunte Dame des Hauses an die Tafel zurück.

»Erika, meine Liebe. Darf ich dir noch ein Glas Sekt bringen? Du siehst aus, als könntest du einen Schluck vertragen.«

Erika Helders rang sich ein Lächeln ab und zupfte nervös an ihrem Sommerkleid herum. Sie war gut fünfzehn Jahre älter als Angelika Sattler und fühlte sich neben ihr wie ein Trampel vom Lande.

»Danke, Liebes. Das wäre nett.« Soll das Sattler-Flittchen ruhig springen, wenn sie pfiff, dachte Erika. Glaubte Eugen etwa, dass die Kleine seinem unvergleichlichen Charme verfallen war? Nein, die hatte sich doch hier nur ins gemachte Nest gesetzt. War plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht. Ein knappes Jahr war es her, dass Eugen sie ihr und ihrem Mann als seine zukünftige Braut präsentiert hatte. Seitdem war der bislang biedere Eugen Sattler zum weltläufigen Lebemann geworden, und ihr Karl sah seitdem voller Bewunderung zu ihm auf.

Angelika war gerade wieder mit dem Glas zurückgekehrt, als Renate Braun in Richtung See deutete. »Ich glaube, da stimmt was nicht«, sagte sie beunruhigt.

»Was ist los mit dir, Eugen?«

Braun war aufgesprungen. Sattler stand mitten im Boot und presste die Hand gegen die Brust. Sein Gesicht war rot angelaufen. Er keuchte und taumelte auf Braun zu. Helders saß wie erstarrt daneben. Genau in diesem Moment drehte das Boot in den Wind. Der Baum kam herüber, schlug Helders zu Boden, traf den taumelnden Sattler am Hinterkopf und ließ ihn über die Reling kippen. Braun hatte sich in letzter Sekunde wegducken können. Als er wieder hochkam, lag Helders bewusstlos am Boden, das Segel flatterte im Wind, die Leine war über Bord, und von Sattler war nichts zu sehen. Braun rief um Hilfe, aber andere Boote waren zu weit entfernt. Er schlug Helders auf die Wangen. Es dauerte endlose Sekunden, bis dieser wieder zu sich kam.

»Was … was ist passiert?«

»Los, du musst an die Pinne. Wir müssen das Boot drehen. Eugen ist über Bord gegangen, und ich kann ihn nirgendwo sehen«, rief Braun aufgeregt.

Helders schleppte sich mit schweren Schritten ans Ruder, während Braun versuchte, das Segel in den Griff zu bekommen, und dabei auf der dunklen Wasseroberfläche Ausschau nach Sattler hielt. Doch da war nichts. Eugen Sattler blieb verschwunden.

3

Memel, 14. Januar 1923 

Jean Gabriel Petisné konnte bereits auf eine beachtliche Karriere im französischen Staatsdienst zurückblicken. Mit seinen vierzig Jahren war er der jüngste Präfekt der dritten Republik. Seit fast drei Jahren war er auf Geheiß des Völkerbundes Hochkommissar des Territoire de Memel. Er hatte sich geehrt gefühlt, als Staatspräsident Raymond Poincaré ihm dieses wichtige Amt anvertraut hatte. Mit achthundert Soldaten war er Mitte Februar 1920 in Memel eingetroffen, um einen schmalen, rund hundertvierzig Kilometer langen und maximal zwanzig Kilometer breiten Landstreifen nördlich des gleichnamigen Flusses vom Deutschen Reich zu übernehmen, und hatte sich mit Verve an die Arbeit gemacht. Mit diplomatischem Geschick und der ihm eigenen Hartnäckigkeit war es ihm gelungen, das Vertrauen der dortigen Honoratioren zu gewinnen. In Paris hatte er seitdem schon das ein oder andere Mal für Irritationen und Verärgerung gesorgt, indem er memelländische Interessen über die französischen gestellt hatte. Manch einer der Beamten in der Hauptstadt bezeichnete Petisné spöttisch als den »König von Memel«. Sein beherzter Einsatz und sein ehrliches Interesse an allen Plänen, die eine Verbesserung des Gemeinwohls zum Ziel hatten, hatte schließlich auch die überwiegend deutschstämmige Kaufmannschaft überzeugt. Immerhin erlebte die Stadt Memel als Freihafen einen deutlichen Aufschwung.

Doch der Schein trog. Auch wenn es zwischen deutschen und litauischen Memelländern weitgehend friedlich blieb, nahmen seit einigen Monaten die Spannungen merklich zu. Zuletzt hatte der französische Botschafter in Kaunas Jean Petisné bei einem informellen Besuch in Memel gewarnt: Die Litauer würden eine Annexion des Memelgebiets vorbereiten. Er konnte und wollte das nicht glauben. Als junger Staat sah sich Litauen seit der Unabhängigkeitserklärung von Polen und der Sowjetunion massiv unter Druck gesetzt. Im ebenfalls wiederentstandenen Polen gab es eine größer werdende Bewegung, die sich für ein wiedervereinigtes Polen-Litauen, wie es von 1569 bis 1795 bestanden hatte, einsetzte. Frankreich umwarb Polen als potenziellen Bündnispartner im Rücken des alten Erbfeindes Deutschland. Polen wiederum zeigte unverhohlenes Interesse am Memelgebiet. Während also hinter den Kulissen beim Völkerbund kräftig antichambriert wurde, saß Petisné in Memel und war de facto zur Untätigkeit verdammt.

Erschwerend kam hinzu, dass man das militärische Kontingent mittlerweile auf zweihundert Mann reduziert hatte. Auch die Zivilverwaltung bestand zu Jahresbeginn nur noch aus acht Beamten. Die neue Garnison war erst im November aus den Seealpen hierher verlegt worden.

In der Stadt ging indes alles seinen gewohnten, winterlichen Gang. Nach den Weihnachtsferien kehrte der Alltag langsam zurück. Gaststätten, Gewerbe und Geschäfte hatten wieder geöffnet. Und morgen, am Montag, würde an den Schulen auch wieder der Unterricht beginnen. Am Freitag hatte er noch einmal nach Paris kabeln lassen und um eine aktuelle Einschätzung der Lage gebeten. Doch Paris hüllte sich in Schweigen.

Petisné stand am Fenster seines im französischen Empire-Stil gehaltenen Arbeitszimmers und sah hinunter auf die verschneite Luisenstraße vor dem Rathaus, in dem sich seine Dienstwohnung befand. Auf der Dange trieben Eisschollen träge dahin. Es hatte auch wieder zu schneien begonnen. Die Standuhr schlug zehn. Er seufzte. Wahrscheinlich machte er sich zu viele Gedanken. Immerhin repräsentierte er nicht nur die Französische Republik, sondern den Völkerbund. Mit einem Angriff auf das Territoire de Memel würde das kleine Litauen die internationale Staatengemeinschaft brüskieren.

»Ach, hier bist du. Ich habe dich schon vermisst.«

Petisné fuhr herum. Odette, seine Frau, stand in der Tür. Er machte eine verlegene Geste, die so viel bedeutete wie: erwischt.

»Du arbeitest zu viel, mein Lieber.«

»Ich weiß, mein Herz. Ich hatte gehofft, es gibt endlich Nachricht aus Paris.«

»Keine Nachricht ist bestimmt eine gute Nachricht«, erwiderte sie.

Petisné betrachtete seine Frau. Sie war eine klassische Schönheit. Fünf Jahre jünger als er. Wie er stammte sie aus Bordeaux. Sie hatten sich kurz vor dem Krieg in Biarritz kennengelernt. Seit sieben Jahren waren sie verheiratet. Das verflixte siebte Jahr, schoss es ihm durch den Kopf. Petisné wusste, dass es seiner Frau zunehmend schwerer fiel, hier in dieser Kleinstadt am Ende der Welt nicht zu verzweifeln. Das Land war ihr fremd geblieben. Allein die Ortsnamen auszusprechen, war für einen Franzosen fast unmöglich – Schwentwokarren, Coadjuthen, Szameitkehmen … Odette konnte kein Deutsch, geschweige denn Litauisch und war darauf angewiesen, dass sie auf jemanden traf, der noch des Französischen mächtig war. So blieben ihre sozialen Kontakte auf die Damen der Offiziere und einige wenige gebildete Damen der Memeler Bürgerschaft beschränkt. Sie machte keinen Hehl aus der Tatsache, dass sie auf eine baldige Demission und die damit verbundene Rückkehr nach Frankreich hoffte.

»Bestimmt hast du recht. Lass uns in den Salon gehen. Ich könnte noch einen Digestif vertragen. Es ist so furchtbar kalt hier.«

In diesem Moment war draußen ein lauter Knall zu hören. Dann folgten weitere. Petisné erstarrte. Seine Frau sah ihn erschrocken an.

Es hatte begonnen.

Nicht weit vom Dienstsitz des Hochkommissars entfernt in der Libauer Straße lag die Gaststätte »Zum Franzl«. Am späten Sonntagabend saßen nur ein paar Stammgäste und eine Gruppe junger Männer vor ihren Bierkrügen. Gorny, der Wirt, warf den Jungs einen ernsten Blick zu, während er leere Gläser und Krüge polierte. In der Ecke der Gaststube bullerte der prachtvolle Kachelofen. Albin Taundler, Student der Agrarwissenschaft an der Albertus-Universität zu Königsberg, sah auf die Uhr und dann in die Runde.

»Leute, ich mach mich auf den Heimweg. Muss morgen früh raus.«

»Dass ich nicht lache«, schnaubte Bruweleit. »Da wärst du ja der erste Student, der früh aufsteht.«

Schindler und Grenda lachten und hoben die Krüge, während Taundler sich den Mantel überzog und den Schal umwickelte. Die Kameraden hatten gut reden. Alle gingen hier am Ort in die Lehre, während er am nächsten Morgen wieder zurück an die Albertina musste. Die Weihnachtsferien waren leider vorbei. Nun hieß es wieder, beim ollen Mitscherlich Pflanzenlehre und Bodenkunde zu pauken. Im Hinausgehen legte er Gorny das Geld für seine Zeche auf den Tresen.

Draußen war es frostig. Ein eisiger Wind schlug ihm ins Gesicht. Der Schnee fiel wieder in dichten Flocken. Albin brauchte einige Anläufe, bis er sein Motorrad in Gang hatte. Er setzte die Brille auf und fuhr leicht schlingernd auf der glatten Schneedecke die Libauer Straße entlang Richtung Norden. Kurz vor dem Hauptbahnhof trat plötzlich ein französischer Soldat direkt vor ihm auf die Fahrbahn. Albin hatte Mühe, den Mann nicht zu überfahren. Er bremste reflexartig, das Hinterrad rutschte weg, und er konnte den Sturz nur mit großer Not vermeiden. Der Soldat trug eine Pelerine als Schutz gegen den Schnee und hatte das Gewehr mit dem Lauf nach unten über der Schulter hängen. Sein Kamerad stand einige Schritte entfernt und hatte die Szene mit seinem Gewehr griffbereit im Blick. Beide schienen kaum älter als Taundler.

»Halte! Vos papiers, s’il vous plaît!«

Das hatte ihm gerade noch gefehlt: Jetzt filzten ihn die Froschfresser auch noch! Der Soldat machte eine fordernde Geste. Albin zog die Handschuhe von den klammen Fingern.

Ein Schupo kam fluchend um die Ecke gelaufen.

Der zweite Franzose lachte. »Allez, dépêche-toi, Erwin.«

»Immer mit der Ruhe, Jungche. Man wird ja wohl mal pissen dürfen.« Und an Albin gewandt: »Keine Sorge, der will nur Ihre Papiere sehen, junger Mann.«

Albin verdrehte die Augen. Was sollte das Theater? Er würde Ärger bekommen, wenn er bis elf nicht zu Hause war, und bis Tauerlaucken hatte er noch gut und gerne neun Kilometer vor sich. Er reichte dem Franzosen das Schriftstück. Der Schupo schaute seinem Kollegen über die Schulter, um den Vorgang zu beschleunigen.

»Äh, pappjeh bjeng, oui?«

In diesem Moment fiel ein Schuss. Albin fuhr zusammen. Die Soldaten rissen die Karabiner hoch. Am Bahnhofsgarten tauchte ein Trupp bewaffneter Männer auf. Der zweite Franzose feuerte. Die Männer erwiderten das Feuer und kamen näher.

»Los, verschwinde!«, schrie der Schupo.

Hektisch startete Albin die Brennabor und schlingerte im Kugelhagel über die Kreuzung. Als er sich umsah, lag ein Angreifer blutend im Schnee. Albin hörte noch Kommandos auf Litauisch, dann hatte er sich vom Ort des Geschehens entfernt und konzentrierte sich auf die Straße. Er holperte heftig über die Bahngleise und befand sich kurz darauf auf der Nimmersatter Chaussee. In seinem Rücken peitschten weitere Schüsse.

Im Kaminzimmer auf Gut Tauerlaucken erhob sich Hermann Warthun schwerfällig aus dem Ohrensessel. »Vielen Dank für den vorzüglichen Portwein, mein lieber Ernst. Es war wieder einmal ein denkwürdiger Abend in deinem Hause.«

Dr. Ernst Taundler schnaubte und winkte ab. »Lass gut sein, Hermann. Alles in allem war es einmal mehr eine Enttäuschung.«

Warthun breitete die Arme aus. »Du darfst ihnen ihren Standpunkt nicht verübeln, Ernst. Wir stehen rein ökonomisch gesehen besser da als vor dem Krieg. Das Freihafenstatut für das Memelgebiet hat immerhin dafür gesorgt, dass wir gegenüber den Gütern in Ostpreußen wirtschaftlich mithalten können. Dazu kommt der Handel mit Litauen …«

»Erspar mir das, Hermann! Galland und Dressler bewerten die aktuelle Lage rein aus kommerzieller Sicht. Aber hier geht es um das große Ganze! Der Heimatschutzbund wurde gegründet, damit das Memelgebiet deutsch bleibt.«

Taundler hatte sich einmal mehr über seine Vorstandskollegen Max Galland, einen Gutsbesitzer aus Plaschken, und Gernot von Dressler, seines Zeichens Sägewerksbesitzer aus Heydekrug, geärgert. Gemeinsam mit den beiden und Hermann Warthun, dem Gutsbesitzer aus Prökuls, hatte Taundler 1919 den Heimatschutzbund aus der Taufe gehoben und damit ein Zeichen gegen das Diktat von Versailles und die Beschwichtigungs- und Erfüllungspolitik der neuen Republik setzen wollen. Mittlerweile schrieb man das Jahr 1923, und Taundler hatte ernüchtert feststellen müssen, dass man sich in Berlin anscheinend sehr schnell mit der ungerechtfertigten Abtrennung des Memelgebietes vom Reich arrangiert hatte. Was ihn allerdings fast noch mehr aufregte, war die Tatsache, dass er mit seiner konsequenten Linie im Vorstand des Heimatschutzbundes fast allein dastand. Galland und Dressler hatten sich offensichtlich trefflich mit der französischen Bevormundung arrangiert. Taundler hasste diese Gemengelage, und am heutigen Abend hatte er daher erneut versucht, seine Kollegen zu einer härteren Gangart gegen die Besatzer zu bewegen. Doch weder Galland noch Dressler und am Ende noch nicht einmal der ihm treu ergebene Warthun sahen sich zu irgendetwas verpflichtet. Seinen Rehrücken, den Rigaer Butt und den alten, gereiften Burgunder hatten sich die Herren selbstverständlich schmecken lassen.

»Die werden sich noch umschauen, wenn sich hier erst der Pole breitmacht.«

Warthun blickte seinen alten Freund milde an, während er sich den Schal um den Hals wickelte. »Aber, Ernst, du musst selbst zugeben, dass sich der kleine Napoleon für memelländische Interessen einsetzt und das sogar gegenüber Paris. Petisné ist zwar Franzose, aber er wird die Polen hier sicher nicht in den Sattel heben.«

Taundler war Warthun missmutig in die Halle gefolgt. Dort stand bereits der Kutscher, der seinen Herrn erwartete. Warthun reichte Taundler die Hand.

»Noch einmal vielen Dank für alles, Erwin, und gute Nacht.«

Taundler deutete in das Schneegestöber. »Seid bloß vorsichtig bei diesem Schietwetter.«

In diesem Moment fiel ein Lichtschein auf den Hof. Taundler erkannte das Motorengeräusch der Brennabor. Er warf einen ernsten Blick auf die große Standuhr, die kurz nach elf anzeigte. »Na endlich! Das wurde auch höchste Zeit.«

Verwundert sahen die Männer, wie der junge Mann das Motorrad achtlos in den Schnee fallen ließ und aufgeregt in die Halle stürzte.

»Die Litauer sind auf der Straße! Santaras-Schützen überall! In Memel wird geschossen«, japste Albin Taundler, während er sich um Atem ringend an die Eingangstür lehnte.

Warthun warf dem alten Taundler einen entgeisterten Blick zu.

Der runzelte die Stirn. »Ich weiß noch nicht, was das bedeutet, aber eins dürfte klar sein. Wir werden als Heimatschutzbund eine angemessene Antwort finden müssen.«

Teil II Königsberg

Und sollte es hier einen Sarg, So krumm, wie ich bin, geben, So möcht ich gern in Königsbarg Begraben sein und leben.

Joachim Ringelnatz

1

Königsberg, Juli 1924 

Das Telefon klingelte. Aaron Singer schlug die Augen auf. Nur schwach drang das Licht der frühen Morgendämmerung durch die geschlossenen Läden. Er spürte ihren warmen Körper neben sich. Behutsam schob er Ellas Arm beiseite und stieg aus dem Bett.

So rasch es ging, tastete er sich durch die dunkle Wohnung bis zur Kommode in der Diele, wo der Telefonapparat stand. Er warf einen Blick auf die Uhr: Viertel vor sechs. Seufzend nahm er den Hörer ab.

»Kommissar Singer?«, ertönte eine muntere Stimme.

»Hm«, brummte er.

Ein verlegenes Räuspern am anderen Ende der Leitung. »Ja, ähm, verzeihen Sie die Störung zu dieser Stunde … aber es gibt einen Toten. Kommissar Puschkat ist bereits informiert und wird Sie in einer Viertelstunde abholen.«

»Er holt mich ab?«

»Kommissar Puschkat meinte, Ihre Wohnung läge auf dem Weg zum Tatort.«

Singer brummte erneut und legte auf. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ganze zwei Stunden Schlaf! Er hatte gestern einen langen Abend in Königsbergs legendärem Nachtklub Bel Ami verbracht, bevor er dann gegen zwei Uhr früh zusammen mit Ella in seine neue Wohnung gefahren war. Sie hatten sich leidenschaftlich geliebt. Nun war die Nacht rum.

Wenig später stand Singer im Morgendunst vor seinem Haus in der Wartenburgstraße. Einer großbürgerlichen Wohngegend. Es wurde bereits hell. Die Blätter in den Bäumen raschelten sacht. Die kühle Luft weckte seine Lebensgeister.

Gedankenverloren blickte er zum nahen Oberteich. Mit der Wohnung im Obergeschoß eines schönen Bürgerhauses aus der Gründerzeit hatte er einen guten Griff getan. Seit Mai war er nun offiziell im Königsberger Kommissariat angestellt. Nach der erfolgreichen Aufklärung der Blutgericht-Morde war er nur für wenige Wochen nach Berlin zurückgekehrt, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Zuvor hatte er ein langes Gespräch mit seinem Chef, Hauptkommissar Ernst Gennat – dem wohl berühmtesten Kriminaler Deutschlands – geführt. Dieser hatte ihm geraten, die Stelle in Königsberg anzunehmen. Dort wäre er auf einer mittels Geld aus den Fördertöpfen der Osthilfe eigens für ihn geschaffenen Planstelle willkommen. In Berlin dagegen würde der drohende Personalabbau auch vor Beamten nicht haltmachen.

Welche Alternative hätte er gehabt? Sein Vater wartete schon seit Jahren darauf, dass er seinen vermeintlichen Platz im Bankhaus Singer & Salomon einnehmen würde. Die Karriere bei der Kriminalpolizei hielt Singer senior lediglich für eine vorübergehende Verirrung seines Sohnes.

Wenige Tage später war auch Ella – nach einem amourösen Intermezzo in Danzig – wieder nach Königsberg zurückgekehrt, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie wieder gemeinsam im Bett gelandet waren.

Doch bevor Singers Gedanken sich auf seine Beziehung zu Ella richten konnten, hörte er den Phaeton der Fahrbereitschaft die Straße heraufkommen.

Als Singer die Beifahrertür öffnete, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Kollege Heinrich Puschkat war und blieb ein Automobilist alter Schule. Obwohl der Wagen über ein Verdeck und eine Windschutzscheibe verfügte, trug Puschkat Autofahrerbrille und Handschuhe. Mit seinen siebenundfünfzig Jahren war Puschkat genau zwanzig Jahre älter als Aaron Singer. Darüber hinaus war es fast so, als entstammten die beiden Kriminalbeamten unterschiedlichen Kulturkreisen. Auf der einen Seite der weltläufige Berliner Aaron Singer als Großstadtkind aus großbürgerlichem Hause und auf der anderen Seite der traditionsbewusste, konservative ostpreußische Beamte Heinrich Puschkat, den es nie aus seiner Provinz fortgezogen hatte und der jedweden Neuerungen grundsätzlich skeptisch gegenüberstand. Beide Männer einte dennoch ein kompromissloses Rechtsempfinden. Trotz aller Gegensätze und regelmäßiger Differenzen wusste jeder mittlerweile die Qualitäten des anderen zu schätzen.

»Was gibt’s denn da zu grinsen am frühen Morgen?«, fragte Puschkat argwöhnisch.

»Oh, nichts«, sagte Singer, während er sich auf dem Sitz einrichtete. Brille und Handschuhe am Lenkrad, noch dazu im Hochsommer, wirkten auf Singer geradezu grotesk.

Puschkat setzte den Wagen in Gang. »Wir haben einen Todesfall draußen in Kalthof.«

»Wissen wir schon Näheres?«

»Ein toter Soldat. Wurde vor gut einer Stunde von der Patrouille in einem entlegenen Gebäude innerhalb der Artilleriekaserne gefunden.«

»Na, das ist doch schon ein Fortschritt. Es ist schließlich noch nicht so lange her, da war der Tod eines einzelnen Soldaten beileibe kein Grund für ernsthafte Ermittlungen.«

Sie passierten das mittelalterliche Königstor und bogen auf die Labiauer Straße ein, die zunächst durch ein kleines Wäldchen führte. Kurz hinter den Friedhöfen wies ein Wegweiser in Richtung Schießstände, Reichswehrübungsplatz und Kaserne.

Singer war überrascht, wie groß das Areal war. Am Kasernentor wurden sie bereits erwartet. Ein Offizier kam aus dem Wachlokal gelaufen und bedeutete dem Posten, die Schranke zu öffnen. Der Mann schlug die Hacken zusammen und grüßte militärisch, während er sich in den Wagen beugte. Puschkat und Singer hielten ihm ihre Marken entgegen.

»Singer und Puschkat von der Kripo Königsberg. In Kürze werden noch weitere Kollegen kommen«, sagte Singer.

Der Offizier nickte. »Ihr Pathologe ist bereits vor Ort. Gestatten – Hauptmann von Breskow, diensthabender Offizier der Führungsbereitschaft. Meine Männer haben den Toten entdeckt. Werde vorfahren. Wenn Sie mir einfach folgen wollen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, lief von Breskow mit großen Schritten zu einem Dixi-Wagen. Hintereinander fuhren sie ein gutes Stück durch das Kasernengelände. Der Weg führte an großen Mannschaftsunterkünften, der Funkstelle, an Schießständen und Fahrzeughallen vorbei.

»Ganz schön weitläufig hier«, sagte Singer beeindruckt.

»War schon immer ein großer Militärstützpunkt. Nach dem Krieg wurde Königsberg Sitz der neu formierten 1. Reichswehrdivision. Drei Infanterieregimente, das 1. Artillerieregiment mitsamt dem Artillerieführer I und einem Pionierbataillon mit zwei Kompanien inklusive Brückenkolonne, Scheinwerferzug und Kraftfahrabteilung sind hier stationiert. Hinzu kommen noch einige Stabsstellen, die in der neuen Kommandantur im Hinter-Rossgarten keinen Platz gefunden haben«, erklärte Puschkat mit sichtlichem Stolz. Singer nickte nur anerkennend.

Schließlich hielten sie vor einem großen roten Backsteingebäude, das auf den ersten Blick wie ein normales Mannschaftsquartier wirkte. Allerdings waren die Fenster im Erdgeschoß vergittert. Im Obergeschoss war alles dunkel. Licht fiel nur aus dem Treppenhaus auf die Straße. Puschkat parkte hinter dem Dixi.

Die Kommissare folgten dem Hauptmann in das Gebäude. Eine Treppe führte vor die Loge des diensthabenden Gefreiten. Hier hatten sich mehrere Uniformierte versammelt.

Von Breskow zeigte der Reihe nach auf die Anwesenden. »Das sind die Gefreiten Sammer und Wilkat, die den Toten entdeckt haben. Oberleutnant Maguniak hier hat als Offizier vom Wachdienst aktuell das Kommando über die Torwache und die Bereitschaftssoldaten.«

Der Vorgestellte war eins neunzig groß, schmales Gesicht, rotes Haar, abschätziger Blick, in Singers Augen der Inbegriff des arroganten, von Standesdünkeln geprägten ostelbischen Junkers. Singer verabscheute solche Menschen.

Dann fiel sein Blick auf einen Mann, den von Breskow nicht vorgestellt hatte. Als Einziger machte er einen deutlich aufgewühlten Eindruck. »Und Sie sind?«

»Oberleutnant Freymann«, antwortete der Angesprochene, schlug die Hacken zusammen und deutete eine Verbeugung an. Welche Funktion er innehatte, blieb unklar. Freymann war einen halben Kopf kleiner als Maguniak, trug aber wie dieser einen schmalen Schnauzbart. Beide Männer waren ungefähr in Singers Alter, Mitte bis Ende dreißig, und sein Eindruck war, dass die beiden die Kriminalbeamten am liebsten stante pede wieder aus der Kaserne geworfen hätten.

Singer hatte wenig für die Reichswehr übrig. Gerade einmal sechs Jahre war es her, dass Deutschland einen Weltkrieg verloren hatte, der unvorstellbares Leid über unzählige Familien gebracht hatte, und hier gebärdeten sich die Herren Offiziere schon wieder so, als hätte es den Krieg nie gegeben. Hinzu kam, dass sich die Reichswehr nach außen hin konsequent abschottete. Ihr Verhältnis zur jungen deutschen Republik war gelinde gesagt diffus.

»Wo ist der Tote?«, fragte Puschkat.

»Sammer, zeigen Sie den Kommissaren, wo Sie den Scheruleit gefunden haben«, sagte Maguniak.

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.« Erneutes Hackenschlagen.

Der Gefreite Sammer machte auf dem Absatz kehrt und ging den Gang hinunter. Vor einer Tür mit der Aufschrift Waschraum blieb er stehen.

»Melde gehorsamst – habe zusammen mit dem Kameraden Wilkat hier den Toten gefunden.«

Dr. Johann Caillé, der Pathologe, steckte seinen Kopf aus der Tür. »Ja, nu stehense man bequem. Is ja jut und macht den Mann och nich wieder lebendig.« Er wedelte ungeduldig mit der Hand. »Nu kommse ruhig durch, meine Herren. Der Anblick ist durchaus erträglich.«

Hinter den Kommissaren drängten auch Maguniak, Freymann und von Breskow in den Waschraum.

Unter den Duschen lag, in voller Montur, ein junger Mann auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt, die Augen weit aufgerissen. Zwei junge Männer in weißen Kitteln, die aussahen wie studentische Hilfskräfte, knieten neben der Leiche.

»Genickbruch«, konstatierte Caillé. »Er hat wahrscheinlich einen heftigen Schlag erhalten. Möglicherweise mit einem Gewehrkolben.« Der Pathologe rückte sein Monokel zurecht.

»Was hat der Mann mitten in der Nacht im Waschraum zu suchen gehabt?«, wollte Puschkat wissen.

Die Offiziere wechselten Blicke.

Wilkat räusperte sich. »Sammer und ich, wir waren auf der üblichen Runde. Dazu gehört, dass wir auch in der Mottenburg nach dem Rechten sehen.«

»Mottenburg?«, fragte Puschkat.

»So nennen wir scherzhaft dieses Gebäude hier«, erklärte Freymann. »Im hinteren Trakt befinden sich mehrere Magazine, unter anderem für Matratzen, Wäsche und Uniformteile. Daher der Name.«

»Normalerweise sitzt der Gefreite vom Dienst vorne im Wachlokal«, fuhr Wilkat fort, »doch als wir kamen, brannte dort Licht, aber der Posten war nicht besetzt. Wir haben gerufen. Als keine Antwort kam, beschlossen wir, zunächst auf der Toilette nachzusehen, und da haben wir ihn im Waschraum gefunden. Danach ist Sammer sofort los, um Oberleutnant Maguniak zu alarmieren.«

»Wie spät war es da?«, fasste Puschkat nach.

»Kurz nach vier.«

»Haben Sie oder Ihr Kamerad etwas Auffälliges bemerkt?«

Die beiden Soldaten schüttelten die Köpfe.

Caillé drängte sich vor. »Wir haben Schleifspuren ausgemacht. Ich gehe davon aus, dass der Mann draußen auf dem Gang erschlagen wurde. Ich zeige Ihnen die Stelle.«

Während sie dem Pathologen auf den Gang hinaus folgten, bemerkte Singer die Kollegen Maag und Lippert, die gerade ankamen. Kriminalassistent Maag schleppte den schweren Koffer mit den Utensilien, die zur Spurensicherung benötigt wurden, während Kriminalinspektor Lippert betont leichtfüßig die Treppenstufen nahm.

»Sehen Sie hier. Schuhwichse«, Caillé deutete auf einige schwache Streifen, die auf dem Steinboden zur erkennen waren. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es an dieser Stelle zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. Dazu passt auch der Fettfleck hier an der Wand.« Er wies auf die Stelle. »Sehr wahrscheinlich ist er dort mit dem Kopf angeschlagen, bevor er dann endgültig zu Boden ging.«

»Haben Sie eine Erklärung dafür, was hier passiert ist?«, wandte sich Singer an den Offizier vom Wachdienst.

Maguniak verzog den Mund, schüttelte den Kopf. »Bedaure. Der Gefreite Scheruleit war ein treuer Kamerad und in der Truppe beliebt. Ich wüsste nicht …«

»Was befindet sich hinter dieser Tür?«, fiel Singer ihm ins Wort.

»Das ist die Waffenkammer des Pionierbataillons«, sagte von Breskow. »Die ist natürlich unter Verschluss. Es gibt nur zwei Schlüssel. Der eine befindet sich im Stabsgebäude und der andere vorne im Wachlokal am Tor, damit die Bereitschaft jederzeit Zugriff hat. Es ist daher ausgeschlossen, dass …«

Doch Singer hatte bereits die Klinke heruntergedrückt und die Stahltür aufgezogen.

Von Breskow verstummte.

»So viel dazu«, sagte Puschkat.

Als sie den Raum betraten, wurde schnell klar, dass mehrere Regale leer geräumt waren. Von Breskow wies seine Männer sofort zu einer Bestandsaufnahme an.

»Damit hätten wir auf jeden Fall ein Motiv.« Die Bemerkung kam von Lippert. Der Kriminalinspektor deutete auf die klaffenden Lücken in den Regalen.

»Ich kann mir das nicht erklären«, sagte von Breskow aufgebracht. »Das ist ein Riesenskandal. Wenn das an die Öffentlichkeit gerät …«

»Könnten die Waffen auch schon vor dieser Nacht verschwunden sein?«, fragte Puschkat.

»Auf keinen Fall!«, sagte von Breskow. »Der jeweilige Offizier vom Wachdienst macht jeden Morgen vor der Ablösung einen Kontrollgang. Dabei werden auch die Magazine überprüft.«

Maguniak hob die Hand. »Mit Verlaub, Herr Hauptmann, gestern hatte ich diese Aufgabe, und da war noch alles vollständig.«

Freymann sah Maguniak ernst an, wandte sich dann aber an die Gefreiten. »Wie sieht es aus, Gefreiter Sammer?«, fragte er.

Sammer stand stramm und sagte: »Grob geschätzt fehlen rund zweihundert Karabiner und fünf von den neuen Maschinengewehren. Dazu mehrere Kisten Munition.«

Singer bemerkte erneut, wie Freymann und Maguniak Blicke austauschten. Unterdessen hatte von Breskow die Dienstmütze aufgesetzt und nickte knapp in Richtung der Kommissare.

»Meine Herren, Sie entschuldigen mich. Regimentskommandeur Oberst Trenck erwartet meinen Bericht. Die Herren Offiziere stehen Ihnen selbstverständlich weiter zur Verfügung.«

Der Hauptmann verschwand eiligen Schrittes Richtung Ausgang.

Dafür erschien Dr. Caillé mit gepackter Tasche. Zwei Träger hatten den toten Scheruleit auf eine Bahre gelegt und mit einem Tuch zugedeckt.

»Wir sind hier fertig. Ich werde noch eine ordentliche Obduktion durchführen, aber ich denke nicht, dass wir mit Überraschungen zu rechnen haben. Der Rest ist dann Ihre Aufgabe«, sagte er an Puschkat gewandt. »Empfehle mich.« Der Pathologe tippte an die Hutkrempe und trieb dann seine Assistenten zur Tür hinaus.

Puschkat wandte sich an Maguniak. »Hatte der Gefreite Scheruleit Angehörige? War er verheiratet?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich kannte den Mann nicht näher«, antwortete Maguniak lapidar.

»Ich hätte erwartet, dass sich ein Offizier für seine Männer interessiert.«

Maguniak sah Singer kühl an. »Der Gefreite gehörte nicht zu meiner Truppe. Die Wach- und Bereitschaftssoldaten werden in dieser Woche aus Freymanns Kompanie gestellt. Der Wachdienst wird immer von einem Offizier aus einer anderen Kompanie geleitet.«

Freymann schaltete sich ein. »Der Gefreite Scheruleit war nicht verheiratet. Lebte bei seinen Eltern. Ich lasse die Adresse in der Schreibstube heraussuchen. Sammer!« Freymann nahm den angesprochenen Gefreiten in den Blick und nickte knapp Richtung Flur.

Sammer schlug die Hacken zusammen. »Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«

2

Als Singer und Puschkat wieder im Auto saßen, war es noch nicht einmal acht Uhr. Bevor sie die Kaserne verließen, hatten sie Lippert und Maag angewiesen, sich nach Abschluss der Spurensicherung umzuhören, ob irgendjemand etwas Verdächtiges bemerkt habe. Dazu sollten alle Soldaten der Bereitschaft vernommen werden. Jetzt waren die beiden Kommissare auf dem Weg zu Scheruleits Eltern, um ihnen die Nachricht vom gewaltsamen Tod ihres Sohnes zu überbringen. Dies war mit Abstand die schlimmste Aufgabe, die der Beruf für Singer bereithielt.

Die Scheruleits wohnten im Stadtteil Haberberg am Südufer des Pregels, einer Gegend, in der sich zahlreiche Gewerbebetriebe und kleinere Ladengeschäfte befanden. Auf dem Haberberg lebten die kleinen Angestellten und Beamten. Viele gepflegte Mehrfamilienwohnhäuser zeugten von bescheidenem Wohlstand. Die Scheruleits wohnten in einem kleinen Haus Ecke Artilleriestraße im ersten Stock. Puschkat parkte den Wagen direkt vor dem Hauseingang. Sie zögerten nicht lange. Bevor neugierige Nachbarn aufmerksam werden konnten, hatten sie bereits das Haus betreten.

Eine Frau um die fünfzig öffnete die Wohnungstür. Frau Scheruleit trug die Haare hochgesteckt, wie es zu Kaisers Zeiten Mode gewesen war. Sie hatte eine Kittelschürze umgebunden und sah den fremden Männern skeptisch entgegen.

»Frau Scheruleit?« Puschkat lüpfte höflich den Hut.

»Ja, bitte? Was wünschen Sie? Mein Mann ist nicht zu Hause«, erwiderte die Angesprochene, während ihr Blick zwischen Singer und Puschkat hin und her ging.

»Ich bin Kommissar Puschkat, und das ist mein Kollege Singer. Wir sind von der Kriminalpolizei.«

»Mein Mann ist bei der Reichsbahn …« Irene Scheruleits Miene nahm einen verängstigten Ausdruck an.

»Wir sollten vielleicht lieber drinnen reden, Frau Scheruleit.« Singer warf einen Blick hinter sich ins Treppenhaus.

»Natürlich, kommen Sie bitte herein.«

Puschkat und Singer betraten eine kleine, sehr gepflegte Wohnung. In der Stube tickte eine alte Standuhr. Über dem Sofa hing ein billiger Motivdruck von Spitzweg. Häkeldeckchen lagen auf Büfett und Kommode. Unbeholfen blieb Irene Scheruleit mitten im Raum stehen. Puschkat drehte den Hut in den Händen.

»Ist etwas mit unserem Sohn? Er hat doch nichts verbrochen, oder? Er ist Soldat, und er hält auf seine Ehre …«

»Frau Scheruleit, Ihr Sohn ist tot«, unterbrach Singer den Redefluss der Frau.

Irene Scheruleit starrte die beiden Männer fassungslos an. Sie schlug eine Hand vor den Mund. »Tot? Was sagen Sie denn da? Das ist unmöglich. Paul hat Bereitschaftsdienst. Er … er ist die ganze Woche in der Kaserne. Das muss ein Irrtum sein.« Sie stützte sich auf der Lehne eines Sessels ab.

»Leider nein«, erwiderte Singer.

Die Frau ließ sich in den Sessel fallen. Tränen liefen über ihre Wangen. »Aber, das kann doch unmöglich wahr sein …«, sagte sie mit brechender Stimme.

Puschkat und Singer schwiegen betroffen, obwohl sie als Kriminalbeamte diese Art einer menschlichen Tragödie nicht zum ersten Mal erlebten.

Singer räusperte sich. »Frau Scheruleit, wir wissen, es muss schrecklich für Sie sein, aber fühlen Sie sich in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?«

Sie nickte schwach und mit leerem Blick.

Puschkat reichte ihr ein Taschentuch, das sie nahm, um die Tränen abzutupfen.

»Ihr Sohn hat sein Leben in Erfüllung seiner Pflicht für das Vaterland hingegeben«, sagte Puschkat mit fester Stimme.

Singer warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Feld der Ehre. Für Kaiser und Vaterland. Man konnte gar nicht zählen, wie viele verblendete junge Menschen in den Mahlstrom des Krieges gerissen worden waren, und Puschkat fiel nichts Besseres ein, als einmal mehr das Vaterland zu bemühen?

Doch auf Irene Scheruleit hatten die Worte eindeutig eine wohltuende Wirkung. Sie sah Puschkat mit großen Augen an.

»Ihr Sohn Paul ist gestorben, nachdem er sich entschlossen einem feigen Saboteur entgegengestellt hat.«

Erneutes Nicken und Schniefen.

Singer meldete sich zu Wort: »Frau Scheruleit, hat Ihr Sohn Ihnen womöglich von besonderen Vorkommnissen in der Kaserne erzählt? Hat er vielleicht etwas beobachtet, was ihm verdächtig vorgekommen ist? Oder hatte er Probleme mit den Kameraden oder dem ein oder anderen Offizier?«

Irene Scheruleit sah Singer verwundert an und schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Paul ist gut mit seinen Kameraden ausgekommen und hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Das kann Ihnen sein Kompaniechef bestätigen.«

Singer nickte. »Frau Scheruleit, wann kommt Ihr Mann denn nach Hause?« fragte er.

»Gegen sieben, mit dem Abendzug aus Berlin. Er hat dann seinen freien Tag.«

»Sollen wir jemanden benachrichtigen, der Ihnen so lange beisteht?«

Sie schüttelte den Kopf. Eine Weile sah sie starr zu Boden. Dann hob sie den Kopf, sah Singer an. »Herr Kommissar, versprechen Sie mir, dass Sie seinen Mörder finden werden?«

Mit dieser Art Versprechen war es so eine Sache, dachte Singer. Dennoch sagte er laut: »Aber ja, Frau Scheruleit, das versprechen wir Ihnen.«

Im Polizeipräsidium teilte ihnen die Schreibkraft Henny Hübner mit, dass sich die Kommandantur gemeldet hatte. Generalleutnant Heye, ranghöchster Militär der Provinz Ostpreußen, erwartete die Ermittler kurzfristig zu einem Gespräch. Puschkat und Singer machten daraufhin auf dem Absatz kehrt und fuhren auf die gegenüberliegende Seite des Schlossteichs, in den Stadtteil Rossgarten.

Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel. Es versprach, ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch zu werden. Singer genoss die kurze Fahrt durch die von Platanen beschatteten Straßen mit ihren vornehmen Patrizierhäusern. Das gute Wetter vertrieb auch die trüben Gedanken an das Leid der Familie Scheruleit.

Puschkat parkte den Phaeton vor dem Eingang zur Kommandantur. Das Generalkommando Königsberg residierte in einem alten Adelspalais. Die Kommissare wurden von einem schneidigen Adjutanten in Empfang genommen. Singer und Puschkat folgten dem goldbetressten Leutnant durch ein beeindruckendes Treppenhaus in den ersten Stock. Vor einer großen Flügeltür bedeutete der Mann ihnen zu warten. Dann klopfte er und trat, nachdem »Herein« gerufen worden war, allein in den Raum. Die Tür wurde halb geschlossen.

»Herr General, die Herren Kommissare sind da«, war zu vernehmen. Erneutes Hackenschlagen, dann wurde den Besuchern die Tür ganz geöffnet.

»Der Herr General lässt bitten«, sagte der Adjutant und entfernte sich mit einer knappen Verbeugung.

Singer und Puschkat betraten einen prachtvollen Raum, der in früheren Zeiten zweifellos als eine Art Empfangssaal gedient hatte. Nun war er offenbar das Dienstzimmer von Generalleutnant Wilhelm Heye. Neben dem General befand sich noch ein weiterer ranghoher Offizier im Raum.

Singer wollte Puschkat den Vortritt lassen, was das Reden anging, doch der hatte sich unwillkürlich versteift und schien kein Wort herauszubringen.

Singer sah keinen Grund, sich vom Habitus der Militärs beeindrucken zu lassen. Sie hatten einen Mord aufzuklären – nicht mehr, aber auch nicht weniger. »Singer, Kripo Königsberg und das ist mein Kollege Puschkat. Sie wollen, wie wir hören, eine Aussage machen?«, eröffnete Singer das Gespräch.

Die beiden Offiziere sahen ihn erstaunt an.

»Eine Aussage? Wie soll ich das verstehen?« fragte der General verblüfft.

Singer spürte Puschkats nervösen Blick. »Sie haben uns hierhergerufen, Herr General. Ich nehme doch an, um eine Aussage im Mordfall Scheruleit zu machen«, erwiderte Singer.

Heye, ein Mann von Mitte fünfzig, untersetzt, mit Glatze und einem mächtigen Kaiser-Wilhelm-Bart, holte hörbar Luft. Bevor der General jedoch etwas entgegnen konnte, meldete sich der zweite Mann zu Wort.

»Gestatten! Oberst von Trenck. Ich bin der Regimentskommandeur.« Er deutete auf den Besprechungstisch. »Bitte nehmen Sie doch Platz, meine Herren. Wir sind Ihnen außerordentlich dankbar, dass Sie unserer Einladung so rasch gefolgt sind.«

Sie setzten sich an den Tisch, der General mit demonstrativ grimmiger Miene.

»Dieser Waffendiebstahl ist eine Katastrophe«, begann der Regimentskommandeur. »Ich erwarte von Ihnen eine unverzügliche und vollständige Aufklärung. Es versteht sich von selbst, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, um Sie dabei zu unterstützen.«

»Gibt es wenigstens schon erste Erkenntnisse?« Heye musterte die Kommissare mit ernstem Blick.

»Nun, dafür ist es noch zu früh, Herr General, aber wir werden uns natürlich bemühen …«, erwiderte Puschkat.

Singer gefiel dessen defensive Art ganz und gar nicht. »Was mein Kollege meint«, fiel er ihm daher ins Wort, »ist, dass wir es hier zunächst einmal mit einem Mord zu tun haben. Wir werden selbstverständlich alles unternehmen, um den Mörder zu fassen. Und wenn wir den Täter haben, werden wir vermutlich wissen, was mit den Waffen geschehen ist. Aber bis es so weit ist …«

Von Trenck hob beschwichtigend die Hand. »Sie haben natürlich recht, Herr Singer. Es sollte nicht so aussehen, als läge uns der tote Soldat nicht am Herzen.«

»Das ist gut und wir können Unterstützung wahrlich gebrauchen. Von daher wäre es hilfreich, wenn Sie uns – da wir schon einmal hier sind – ein paar Fragen beantworten könnten.«

Von Trenck willigte mit einer generösen Geste ein.

Singer holte sein Notizheft hervor. »Wir halten es für wahrscheinlich, dass die Täter Unterstützung aus dem Führungskreis innerhalb der Kaserne erhalten haben.«

Heye stemmte die Hände auf den Tisch. »Das ist eine ungeheuerliche Unterstellung. Für mein Offizierskorps lege ich die Hand ins Feuer«, empörte er sich.

Singer blieb ungerührt. »Mit Verlaub, Herr General, aber wie sollte jemand ohne Hilfe von innen in eine Ihrer Kasernen hineinkommen, eine Waffenkammer ausräumen und dann unbemerkt verschwinden können? Wirft das vielleicht ein besseres Bild auf Ihre Truppe?«

Von Trenck warf dem General einen beschwörenden Blick zu. Dessen Unterkiefer mahlte. Der Bart zuckte vor Empörung.

Puschkat wandte sich an von Trenck. »Haben Sie eine Idee, wer die Waffen gebrauchen könnte?«

»Wir leben in unruhigen Zeiten, das muss ich Ihnen nicht erzählen. Völkische Gruppen hätten sicherlich ebenso dafür Verwendung wie die Bolschewiken. Die hoffen doch immer noch auf eine deutsche Oktoberrevolution nach sowjetischem Vorbild.«

Heye schüttelte missmutig den Kopf. »Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass in unserer Truppe solche vaterlandslosen Gesellen dienen. Die Truppe steht geschlossen zum Reich, das sag ich Ihnen, meine Herren«, erklärte er.

»Wie steht es mit ehemaligen Freikorpskämpfern? Viele von denen verrichten mittlerweile wieder regulären Dienst im Offizierskorps«, warf Singer ein.

»Sie denken an einen möglichen Militärputsch?« Von Trenck war das Unbehagen deutlich anzumerken.

Heye schüttelte erneut den Kopf. »Nein und nochmals nein! Kommen Sie mir nicht mit der Sozi-Propaganda von der ominösen Schwarzen Reichswehr. Das sind doch alles Hirngespinste!«

»Und was war mit Kapp und Lüttwitz?«, gab Singer zurück. »Sie glauben nicht, dass sich so etwas wiederholen könnte?« Der von mehreren Freikorps getragene Putsch des Wolfgang Kapp war gerade einmal vier Jahre her. Damals hatte es auch in der Reichswehr viele Sympathien für den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Kapp gegeben, der während des Krieges immer wieder als Scharfmacher aufgetreten war. General Walther von Lüttwitz hatte dem Reichspräsidenten Ebert ein Ultimatum gesetzt und sich anschließend mit der Marinebrigade »Erhardt« an die Spitze des sogenannten Kapp-Putsches gesetzt. Nur ein konsequenter Generalstreik von Beamten, Arbeitern und Angestellten hatte dem Spuk ein Ende gesetzt und den Fortbestand der jungen Republik gesichert.

Heye seufzte und nahm Singer fest in den Blick. »In meiner Truppe wird keine Politik gemacht. Wir stehen hier in Ostpreußen mehr denn je auf vorgeschobenem Posten, meine Herren. Das Diktat von Versailles lässt uns nur wenig Handlungsspielraum. Nicht nur Polen bedrängt uns, sondern seit letztem Jahr auch noch Litauen, das nicht nur dreist das Memelgebiet annektiert hat, sondern auch schon Ansprüche auf den halben Regierungsbezirk Gumbinnen angemeldet hat.« Er holte tief Luft, bevor er in ruhigerem Ton fortfuhr. »Finden Sie heraus, wo die Waffen abgeblieben sind, aber seien Sie um Himmels willen diskret. Nächsten Monat wird es hier in der Kommandantur einen Festakt anlässlich des zehnten Jahrestages der Tannenberg-Schlacht geben. Mit Ausnahme von Ludendorff werden alle Generäle erwartet, die an diesem historischen Sieg über die Armee des Zaren beteiligt waren. Allen voran natürlich Hindenburg und Mackensen. Wenn dieser Diebstahl publik wird, wird das Ansehen der Reichswehr schwer beschädigt. Von den persönlichen Konsequenzen für meine Person will ich gar nicht erst reden. Ich müsste meine Demission anbieten.«

Singer stöhnte innerlich. Als wenn der Fall nicht schon brisant genug gewesen wäre, wurde ihnen jetzt auch noch ein Ultimatum gestellt. »Wann soll die Feier stattfinden?«, fragte er schließlich, und bekannte damit freimütig, dass ihm das historische Datum nicht geläufig war.

»Am 24. August werden die Herren hier erwartet«, erwiderte von Trenck.

»Sie haben also noch fast einen Monat«, stellte der General fest.

Puschkat meldete sich zu Wort. »Was ist mit Freymann und Maguniak? Stehen diese Männer loyal zur Republik? Haben die beiden eventuell eine Freikorps-Vergangenheit?«

Heye blickte zu von Trenck.

Der Regimentskommandeur straffte sich. »Das sind fähige Offiziere. Wie kommen Sie auf Maguniak?«

»Nun, als Führer der Bereitschaft hatte er Zugang zu den benötigten Schlüsseln. Und bei Freymann stellt sich die Frage, warum er überhaupt vor Ort war, selbst wenn die Männer aus seiner Kompanie stammten. Immerhin war schon lange Dienstschluss.«

»Dafür wird es sicherlich eine plausible Erklärung geben. Dass Maguniak diesen Raub organisiert und sich dann bereitwillig Ihrer Befragung stellt, das ist doch absurd.«

»Dennoch benötigen wir Einblick in die Personalakten des Offizierskorps, die Unteroffiziersdienstgrade eingeschlossen«, legte Singer nach.

»Das ist doch unerhört …« Der General schnappte nach Luft.

Singer wandte sich an von Trenck. »Ich nehme Sie nur beim Wort, Herr Oberst. Sie haben uns jedwede Unterstützung zugesagt. Wir müssen uns schnell ein Bild machen. Jemand aus Ihren eigenen Reihen hat den Dieben im wahrsten Sinne Tür und Tor geöffnet.«

Wenige Minuten später saßen Singer und Puschkat wieder im Phaeton. In Puschkat brodelte es.

»Dass Sie das Datum der Tannenberg-Schlacht nicht kennen, ist Ihrer Berliner Ignoranz geschuldet, aber mussten Sie dem General derart auf die Füße treten? Was, wenn die beiden sich postwendend beim Polizeipräsidenten beschweren?«

»Ich wollte den Herren nur klar machen, dass dies unsere Ermittlung ist und wir uns nicht vor deren Karren spannen lassen«, erwiderte Singer.

»Abgesehen davon, können wir jetzt ein paar hundert Personalakten durcharbeiten …«

»Angst vor Überstunden, Puschkat?«

Puschkat warf seinem Kollegen einen finsteren Blick zu und wedelte mit dem Zeigefinger. »Die Suppe sollte ich Sie ganz alleine auslöffeln lassen, Singer!«

»Wir werden das Maag und Lippert erledigen lassen. Notfalls kann Henny den beiden zur Hand gehen«, lenkte Singer ein.

3

Die Abfahrt der Kommissare blieb nicht unbeobachtet. Von Trenck und Heye standen am Fenster und sahen dem Wagen nach.

»Mit Verlaub, Herr General, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war, die Akteneinsicht zu ermöglichen.«

Heye wandte sich seufzend vom Fenster ab und ging zurück zu seinem Schreibtisch. »Mein lieber von Trenck. Ich hätte es wohl kaum ablehnen können. Dieser Singer hätte uns glatt in die völkische Ecke gestellt. Ich kann – für Sie – nur hoffen, dass wir damit keine böse Überraschung erleben.« Der General musterte seinen Regimentskommandeur mit einem durchdringenden Blick, der dazu führte, dass dieser unwillkürlich Haltung annahm.

»Für mein Offizierskorps lege ich die Hand ins Feuer, Herr General.«

Dem war nichts hinzuzufügen.

In der knapp sechshundert Kilometer entfernten Reichshauptstadt war Oberstleutnant Kurt von Schleicher in bester Stimmung, als er um kurz vor neun nach seinem allmorgendlichen Ausritt im Tiergarten das Reichswehrministerium im Bendlerblock betrat. In seiner Funktion als Leiter des politischen Referats im Truppenamt – dem verkappten Generalstab – war er der engste Vertraute von Generaloberst Hans von Seeckt, dem Chef der Heeresleitung. Schleichers größtes Talent war zweifelsohne das Knüpfen von vertraulichen Verbindungen in die Politik und zu den Wirtschaftsbaronen der jungen Republik. Während die Militärs alter Prägung die Truppe gegen Einflüsse von außen weitgehend abzuschotten versuchten, war der mit beiden Seiten vertraute und akzeptierte Leiter des Truppenamts ein Wandler zwischen den Welten. Von Seeckt, der die Reichswehr mit eiserner Hand führte, ließ sich für gewöhnlich nicht in die Karten schauen und nur höchst ungern beraten. Von Zivilisten schon einmal gar nicht. Wenn er auf jemandes Rat hörte, dann auf den Schleichers. Leichtfüßig betrat dieser den Bürotrakt des Truppenamts.

»Guten Morgen, meine Herren!«, rief er aufgeräumt in die Runde seiner sechs Stabsoffiziere.

Winzer passte ihn ab, bevor er sein Büro betreten konnte.

»Herr Oberstleutnant, das Generalkommando Königsberg hat ein vertrauliches Gespräch angemeldet. Es scheint dringend zu sein.«

Schleicher zog die Augenbrauen hoch. »Heye? Was kann der wollen? Haben die nichts gesagt?«

Winzer zuckte die Schultern. »Scheint vertraulich zu sein.«

»Na schön, dann sehen Sie mal zu, dass ich eine Leitung zu Heye bekomme.«

Schleicher schloss die Bürotür hinter sich. Er hatte gerade an seinem Schreibtisch Platz genommen und die Dienstmütze abgelegt, als bereits das Telefon klingelte.

»Herr General, was verschafft mir die Ehre?«

Heye verschwendete keine Zeit mit Höflichkeitsfloskeln und setzte Schleicher sofort ins Bild.

Als der seinen Bericht beendet hatte, stieß Schleicher einen leisen Pfiff aus. »Das ist in der Tat eine ernste Situation, Herr General. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Nun, um es freiheraus zu sagen – mir gefällt es ganz und gar nicht, dass diese Kriminalpolizisten sich in unsere Angelegenheiten einmischen. Ich hatte gehofft, dass Sie mit Ihren Verbindungen in der Lage wären, herauszufinden, wer hinter dieser Aktion steckt. Sie könnten uns eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen.«

Schleicher wusste, an wen Heye dachte – an ihren gemeinsamen Dienstherrn von Seeckt. In diesen Zeiten war vieles möglich. Die Schwarze Reichswehr? Schleicher wusste nur zu gut, dass diese Armee im Schatten tatsächlich existierte. Allerdings bestand diese Truppe aus fronterprobten Kämpfern aus diversen Einheiten und nicht alle wurden diskret aus dem Reichswehrministerium geführt und unterstützt. Einige ließen sich nur mit Mühe im Zaum halten. War hier womöglich jemand eigenmächtig aktiv geworden? Vielleicht sogar mit von Seeckts Segen?

»Nun, was sagen Sie, Schleicher?« Heyes schnarrende Stimme riss den Oberstleutnant aus seinen Überlegungen.

»Sie haben gut daran getan, mich zu informieren. Geben Sie mir ein paar Tage Zeit, damit ich Erkundigungen einholen kann.«

»Wir haben alles, nur keine Zeit, Schleicher. In gut einem Monat findet hier das Tannenberg-Treffen statt. Hindenburg wird kommen.«

»Schon verstanden. Und was werden Sie tun? Sie werden doch wohl nicht untätig bleiben. Sind Sie nicht gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten Mitglied in einem informellen Zirkel, in dem über die Geschicke der Stadt entschieden wird?«

Dass Schleicher das wusste, verblüffte Heye. Er konnte sich nicht erinnern, ihn über die Königsberger »Montagsgesellschaft« informiert zu haben. Das war in der Tat eine Möglichkeit, um Einfluss zu nehmen. Diese Runde, zu der seit 1815 immer nur zwölf Mitglieder berufen wurden. traf sich an jedem ersten Montag im Monat.

»Ich werde mit Giersching reden. Dieser Kommissar Singer macht mir Sorgen. Der Mann wurde erst vor Kurzem aus Berlin hierher versetzt und scheint der Reichswehr kritisch gegenüberzustehen. Würde dem glatt zutrauen, dass er etwas an die Journaille durchsticht.«

»Herr General, machen Sie sich keine Sorgen. Geben Sie mir achtundvierzig Stunden, dann sehen wir klarer. Ich werde mich bei Ihnen melden.«

»Halten Sie es für möglich, dass die Aktion ihren Segen von ganz oben erhalten haben könnte, Schleicher?«

Das war die Frage, die der Oberstleutnant gefürchtet hatte. Wenig bis nichts geschah in der auf hunderttausend Mann begrenzten Reichswehr, von dem der Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt nichts wusste oder was er nicht befohlen hatte. Schleicher beschlich ein ungutes Gefühl. Etwas Großes ging offenbar vor sich. Er musste dringend ein paar Gespräche führen. Das erste würde ihn auf die andere Seite des Ganges führen. Dort hatte die Abteilung Abwehr unter Oberstleutnant Friedrich Grenz ihre Büros. Den Namen Singer hatte er sich bereits notiert.

4

Als die Kommissare zum zweiten Mal an diesem Morgen ihr Büro im zweiten Stock des Königsberger Polizeipräsidiums betraten, wurden sie von Henny Hübner bereits ungeduldig erwartet.

»Gut, dass Sie endlich da sind. Die Jaroschke hat schon zweimal angerufen. Der Polizeipräsident wünscht Sie zu sprechen.«

Puschkat warf Singer einen missmutigen Blick zu. Der zuckte resigniert die Schultern. Ohne ein Wort machten sie kehrt, stiegen die Treppe nach oben und begaben sich in die »Bel Etage«, wie sie im Kollegenkreis genannt wurde. Hier residierte seit dem gescheiterten Kapp-Putsch Peter Giersching als oberster Dienstherr der Königsberger Polizei.

Als die Jaroschke, seine Sekretärin, sie sah, kam sie sofort hinter ihrem Schreibtisch hervor.

»Da sind sie ja endlich. Der Herr Polizeipräsident erwartet sie bereits.«

Sie öffnete ihnen dienstbeflissen die Tür.

Puschkat deutete ein säuerliches Lächeln an, dann traten sie ein.

Der Polizeipräsident saß kerzengerade hinter seinem imposanten Schreibtisch. Der Raum mit seiner Holzvertäfelung, dem Kamin, dem Ensemble aus Sesseln und Sofa, dem großen Besprechungstisch und der modernen Anrichte hätte einem Minister zur Ehre gereicht. Von einem großen Bild hinter dem Schreibtisch blickte Reichspräsident Friedrich Ebert würdevoll in den Raum.

Für Singers Geschmack war Giersching zu sehr Politiker und an seiner eigenen Karriere interessiert, als an Überlegungen, wie er den städtischen Polizeiapparat weiter entwickeln könnte. Allerdings war Giersching auch viel zu sehr Pragmatiker, als dass er sich von erzkonservativen Gutsherren oder völkischen Republikfeinden vereinnahmen ließ. Giersching war auch kein Antisemit, auch wenn er während der entscheidenden Phase der Ermittlungen im Fall der Blutgericht-Morde Singer schon als Bauernopfer ins Visier genommen hatte. Das war zwar unschön, hatte aber nichts mit Judenhass, dafür umso mehr mit einem ausgeprägten Opportunismus zu tun.

Giersching wies wortlos auf die Besucherstühle vor seinem Schreibtisch. Puschkat und Singer setzten sich. Ihr Vorgesetzter kam gleich zur Sache.

»Das ist ja ein Riesenschlamassel, meine Herren.« Er sah vom einen zum andern. »Und? Wie gedenken Sie vorzugehen?«

»Nun, die Kollegen Lippert und Maag befragen zur Stunde die Soldaten in der Kaserne, die Bereitschaft hatte …«, begann Singer.

Doch Giersching verzog gequält das Gesicht. »Sie müssen diesen Totschläger schnellstens finden. Wenn uns das gelingt, dann sind wir aus dem Schneider. Die Waffen sind schließlich Sache der Reichswehr.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Da sollten wir uns tunlichst raushalten, auch wenn dem Heye das nicht passen wird …«

»Wenn ich unterbrechen darf, Herr Giersching«, wandte Singer ein. »Ich … wir denken, dass der Mord an dem Gefreiten Scheruleit und der Raub der Waffen ganz unmittelbar zusammenhängen. Dr. Caillé hat bereits bestätigt, dass der Mann direkt vor der Waffenkammer erschlagen wurde. Wir werden die Dinge wohl kaum voneinander trennen können.«

»Singer, es muss dem General klar sein, dass wir für die Aufklärung des Mordes verantwortlich sind. Unsere Stadt – unsere Verantwortung! Wenn wir im Rahmen unserer Ermittlungen über die verschwundenen Waffen stolpern sollten – auch gut! Wenn nicht, ist das ein Problem, das die Reichswehr zu lösen hat. Es gibt hier klare Verantwortlichkeiten und ich möchte, dass Ihnen beiden das klar ist.« Giersching sah seine Untergebenen an. Puschkat nickte, Singer nicht. »Ich will nicht, dass meine Behörde am Ende mit dem Schwarzen Peter dasteht. Ich hoffe, dass ich mich da klar ausgedrückt habe.«

»Sehr klar, Herr Polizeipräsident«, kam es prompt von Puschkat.

»Halten Sie vor dem Kasino, Stemmler!«, wies Freymann seinen Fahrer an. Es war kurz vor zwei. Die Kompanie war soeben vom Übungsgelände in die Kaserne zurückgekehrt. Vor dem Eingang sprang der Oberleutnant aus dem Wagen. »Lassen Sie Essen fassen, danach Waffen reinigen. Leutnant Sonnleitner hat das Kommando. Ich bin in einer halben Stunde zurück.«

Während sich der Wagen entfernte, betrat Freymann das Offizierskasino. Er warf einen Blick in den Speisesaal, in dem man um diese Zeit nur wenige Gäste antraf. Ein wenig abseits in einem Klubsessel saß Maguniak, rauchend, in eine Zeitung vertieft. Zielstrebig durchquerte Freymann den Saal, orderte bei der Ordonnanz ein Glas Rotwein und ließ sich neben Maguniak in den freien Sessel fallen.

»Ich verlange eine Erklärung!«

Maguniak sah vom Alldeutschen Blatt auf. »Was gibt’s, Freymann? Nervös wegen den Kriminalern?«

»Scheruleit ist tot! So hatten wir nicht gewettet! Hast du davon gewusst?« Freymann konnte sich nur mit Mühe beherrschen.

Maguniak blieb gelassen. »Na, und wenn schon?«

»Und wenn schon?«, zischte Freymann und riss Maguniak die Zeitung aus der Hand. »Einer unserer eigenen Männer ist erschlagen worden! Und dich lässt das kalt, Maguniak? Ich will wissen, was da passiert ist!«

Maguniak warf einen verstohlenen Blick in den Speisesaal. »Ich habe keine Ahnung, warum der Kerl erschlagen wurde. Warum hat der sich überhaupt gewehrt?«

»Es hieß, wir sollen wegschauen! Aber das hier ist Mord! Mord an einem aufrechten deutschen Soldaten, Maguniak! Damit will ich nichts zu tun haben.«

»Dafür ist es aber zu spät, Freymann. Du steckst da mit drin, ob es dir passt oder nicht«, entgegnete Maguniak scharf. »Das Geld hast du schließlich genommen, oder etwa nicht?«

Freymann schnaubte verächtlich. Dann ließ er sich in den Sessel sinken. Er schloss für einen Moment die Augen. Maguniak hatte recht. Sie hatten ihn überredet. Es sei für eine gute Sache. Todsicher und ohne Risiko hatte es geheißen. Sie mussten nur wegsehen und dafür sorgen, dass die Luft rein war. Dafür hatte Freymann zweitausend Reichsmark bekommen. Viel Geld. Geld, das er dringend gebrauchen konnte.

»Was haben wir getan, Maguniak?«, sagte er mit gepresster Stimme. »Das ist Vaterlandsverrat!« Er klang verzweifelt.

»Reiß dich zusammen, Freymann«, sagte Maguniak verärgert und nahm die Zeitung wieder auf. »Wenn wir dichthalten, wird uns nichts passieren. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es immer noch diesen Befehl aus Berlin«, erwiderte Maguniak gelassen.

»Es gab einen Befehl aus Berlin?«, fragte Freymann. Überrascht beugte er sich vor. »Was für einen Befehl?«

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