Kreißsaal -  - E-Book

Kreißsaal E-Book

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41,99 €

Beschreibung

Checklisten und Taschenatlas in einem: Dieses Buch, von Hebammen für Hebammen, bietet rasche Hilfe im Kreißsaal. Checklisten, Bilder, Grafiken und verständliche Texte bringen die wichtigsten Informationen schnell, einfach und übersichtlich auf den Punkt. Die Gliederung des Inhalts folgt dabei den Geburtsphasen und erleichtert das rasche Nachschlagen. Durch das handliche Format passt das Buch perfekt in die Kitteltasche und ist so stets griffbereit. - normale und regelwidrige Geburten - geburtshilfliche Notfälle - vielfältige Praxistipps zur Unterstützung einer physiologischen Geburt - psychosoziale Betreuung der Gebärenden - Bondingförderung während der Geburt - Folgen für Mutter und Kind bei allen relevanten Maßnahmen - mögliche Interaktionen im Kreißsaalteam In der 2. Auflage wurden alle Inhalte aktualisiert und auf den neuesten Stand gebracht.

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Deutscher Hebammenverband

Kreißsaaltaschenbuch

Ursula Jahn-Zöhrens, Deutscher Hebammenverband e. V.

Mirjam Fischer, Susanne Hotz, Heike Meinefeld, Andrea Mora, Renate Nielsen, Corina Scheurer, Christalla Christodoulou-Reichel

2., aktualisierte Auflage

88 Abbildungen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

was Sie hier in Händen halten, ist das Ergebnis langer Nächte, vieler Gespräche und Gedanken. Hebammen aus unterschiedlich großen Geburtskliniken haben sich auf den Weg gemacht, aktuelles Wissen, das üblicherweise in dicken Lehrbüchern steht, und eigene praktische Erfahrungen so zusammenzufügen, dass ein handliches Praxisbuch entsteht. Schnell und gut verständlich gibt es Antworten auf alle relevanten Fragen und Themen in der täglichen Kreißsaalarbeit.

Als ich die Druckfahnen zum ersten Mal lesen konnte, war ich gefangen von der Masse an Stichwörtern, welche die Kolleginnen aufgearbeitet haben. Die klare Gliederung in die einzelne Themenblöcke – Anamnese, Geburtsbeginn, Eröffnungsphase, Austrittsphase, besondere Geburten, Nachgeburtsphase und das Neugeborene – zeigt, dass nichts aus der geburtshilflichen Arbeit vergessen wurde. Die Autorinnen haben es auch verstanden, einen guten Mittelweg zwischen „kurzfassen“ und „nichts unberücksichtigt lassen“ zu finden.

Dabei wurden in allen Kapiteln ganz bewusst auch neue Themen berücksichtigt, die so konsequent in keinem anderen Werk zu finden sind. Dazu gehören z. B. die Folgen der einzelnen Maßnahmen für Mutter und Kind, die Förderung des Kontaktes zwischen Mutter und Kind in jeder Phase der Geburt und Fragen der interdisziplinären Zusammenarbeit im Geburtshilfeteam.

Sowohl Hebammen und ÄrztInnen, die mehr oder weniger langjährige Erfahrungen in der Geburtshilfe haben, als auch werdende Hebammen und angehende FrauenärztInnen werden von dem neuen Kreißsaaltaschenbuch profitieren.

Ich möchte mich bei den Autorinnen sehr herzlich bedanken. Ich habe erlebt, wie sie um Themen und Inhalte gerungen haben und wie im Austausch untereinander das Beste erreicht wurde. Sie können sehr stolz auf das sein, was sie hier geleistet haben! Und ich möchte mich auch bei Frau Dr. Reutter vom Hippokrates Verlag bedanken. Ich bewundere ihre Weitsicht und wie sie in dem langen Entstehungsprozess immer den roten Faden behalten hat.

Dieses Praxisbuch hat alle unsere Erwartungen erfüllt bzw. übertroffen. Ich wünsche ihm eine weite Verbreitung.

Ursula Jahn-Zöhrens

Projektleiterin und 1. Vorsitzende der Hebammengemeinschaftshilfe e.V.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I Anamnese

1 Anamnese – geburtshilflich relevante Erkrankungen

1.1 Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft

1.1.1 Definition und klinisches Bild

1.1.2 Folgen für die Geburt

1.1.3 Akuttherapie der schweren SIH/Präeklampsie

1.1.4 Folgen für das Kind

1.1.5 Postpartale Betreuung nach SIH/Präeklampsie

1.2 Eklampsie

1.2.1 Definition

1.2.2 Ursachen

1.2.3 Klinisches Bild

1.2.4 Mögliche Komplikationen

1.2.5 Therapie

1.3 HELLP-Syndrom

1.3.1 Definition

1.3.2 Klinisches Bild

1.3.3 Diagnostik

1.3.4 Differenzialdiagnosen

1.3.5 Mögliche Komplikationen

1.3.6 Therapie

1.4 Diabetes mellitus

1.4.1 Einteilung

1.4.2 Mögliche Folgen für die Geburt

1.4.3 Geburtsbegleitung

1.4.4 Betreuung/Überwachung des Neugeborenen

1.5 Gestationsdiabetes (GDM)

1.5.1 Folgen für die Geburt

1.6 Drogenkonsum

1.6.1 Substanzen und Häufigkeit

1.6.2 Mögliche Komplikationen

1.6.3 Betreuung im Kreißsaal

1.6.4 Entzugssymptome beim Kind

1.7 HIV-Infektion

1.7.1 Definition und Übertragungswege

1.7.2 Risiken und Komplikationen

1.7.3 Präpartale Prophylaxe

1.7.4 Geburtsbegleitung

1.7.5 Erstversorgung des Kindes

1.7.6 Hygieneaspekte

1.8 Hepatitis

1.8.1 Übertragung

1.8.2 Geburtshilflich relevante Risiken

1.8.3 Geburtsbegleitung

1.8.4 Prophylaxe beim Neugeborenen

1.8.5 Prophylaxe beim Kreißsaalteam

1.8.6 Literatur

Teil II Geburtsbeginn

2 Geburtsbeginn

2.1 Definitionen und klinische Zeichen

2.1.1 Vorgeburtliche Phase

2.1.2 Geburtsbeginn

2.1.3 Eröffnungsphase

2.2 Aufnahme in den Kreißsaal

2.2.1 Anamnese und Diagnostik

2.2.2 Erstmaßnahmen und Betreuung

2.2.3 Dokumentation

2.3 Leopold’sche Handgriffe

2.3.1 Ziele der Untersuchung

2.3.2 Durchführung

2.4 Hormone beeinflussen die Geburt

2.4.1 Geburtsrelevante Hormone

2.4.2 Konsequenzen für die Geburtsbegleitung

2.5 Blasensprung

2.5.1 Definition

2.5.2 Klinisches Bild und Diagnostik

2.5.3 Erstmaßnahmen

2.5.4 Risiken des frühen vorzeitigen Blasensprungs

2.5.5 Dokumentation

2.6 Fruchtwasser (FW)

2.6.1 Definition, Menge und Farbe

2.6.2 (Poly-)Hydramnion

2.6.3 Oligohydramnion/Anhydramnion (3–4%)

2.7 Wehenarten

2.7.1 Definitionen

2.7.2 Diagnostik

2.7.3 Betreuung

2.8 Blutungen in der späten Schwangerschaft (Übersicht)

2.8.1 Diagnostik und Differenzialdiagnostik

2.8.2 Erstmaßnahmen

2.9 Placenta praevia

2.9.1 Definition

2.9.2 Klinisches Bild

2.9.3 Erstmaßnahmen: Aktives Vorgehen

2.9.4 Erstmaßnahmen: Abwartendes Vorgehen

2.10 Vorzeitige Plazentalösung

2.10.1 Definition

2.10.2 Klinisches Bild

2.10.3 Diagnostik

2.10.4 Erstmaßnahmen: Aktives Vorgehen

2.10.5 Erstmaßnahmen: Abwartendes Vorgehen

2.10.6 Folgen für die Mutter

2.10.7 Folgen für das Kind

2.11 Vasa praevia/Insertio velamentosa

2.11.1 Definition

2.11.2 Klinisches Bild und Erstmaßnahmen

2.12 Terminüberschreitung/Übertragung

2.12.1 Definition

2.12.2 Risiken/Folgen einer Übertragung

2.12.3 Diagnostik und Erstmaßnahmen (nach DGGG, S1-Leitlinie)

2.12.4 Diagnostik, Differenzialdiagnose und Erstmaßnahmen (nach DGGG, S1-Leitlinie)

2.12.5 Interaktion im Kreißsaalteam

2.12.6 Dokumentation

2.13 Einleitung der Geburt

2.13.1 Definition und Indikationen

2.13.2 Wirksamkeit

2.13.3 Voraussetzungen

2.13.4 Kontraindikationen

2.13.5 Gefahren einer Einleitung

2.13.6 Eipollösung (Membranstripping)

2.13.7 Amniotomie (Fruchtblaseneröffnung)

2.13.8 Cook-Ballon-Katheter

2.13.9 Wehencocktail (Rizinuscocktail)

2.13.10 Nelkentampon

2.13.11 Prostaglandine (PG)

2.13.12 Oxytocin

2.13.13 Unterstützende Maßnahmen bei Übertragung

Teil III Eröffnungsphase

3 Eröffnungsphase

3.1 Geburtsmechanik

3.1.1 Geburtsmechanische Begriffe

3.1.2 Die regelrechte vordere Hinterhauptseinstellung (-haltung)

3.2 Gebärhaltungen

3.2.1 Anamnestisch relevante Aspekte

3.2.2 Gebärpositionen in der Eröffnungsphase

3.2.3 Gebärpositionen in der Geburtsphase (AP)

3.2.4 Gebärpositionen bei Frauen mit PDA (und eingeschränkter Motorik)

3.3 Einstellungsanomalien

3.3.1 Hintere Hinterhauptseinstellung (-haltung)

3.3.2 Hoher Geradstand

3.3.3 Tiefer Querstand

3.3.4 Roederer-Einstellung (-haltung)

3.3.5 Vordere und hintere Scheitelbeineinstellung

3.4 Haltungsanomalien – Deflexionshaltungen (-lagen)

3.4.1 Scheitelhaltung (-lage)

3.4.2 Vorderhauptshaltung (-lage)

3.4.3 Stirnhaltung (-lage)

3.4.4 Gesichtshaltung (-lage)

3.5 Geburtsstillstand

3.5.1 Definition

3.5.2 Klinisches Bild und Diagnostik

3.5.3 Mögliche Ursachen

3.5.4 Differenzialdiagnose

3.5.5 Folgen für den weiteren Geburtsverlauf

3.5.6 Erstmaßnahmen

3.5.7 Therapiemöglichkeiten

3.5.8 Interaktionen im Kreißsaalteam

3.5.9 Dokumentation

3.6 Motivationsprobleme der Gebärenden

3.6.1 Mögliche Ursachen

3.6.2 Klinisches Bild und Diagnostik

3.6.3 Differenzialdiagnosen

3.6.4 Folgen für den Geburtsverlauf

3.6.5 Erstmaßnahmen und psychosoziale Betreuung

3.6.6 Weitere Therapiemöglichkeiten

3.6.7 Interaktionen im Kreißsaalteam

3.6.8 Dokumentation

3.7 Überwachungsmethoden

3.7.1 Auskultation mit Pinard-Stethoskop oder Dopton

3.7.2 (Externes) CTG

3.7.3 (Internes) CTG

3.7.4 Fetal-Blut-Analyse (MBU)

3.8 Schmerzlinderung ohne Medikamente

3.8.1 Physiologie des Schmerzes

3.8.2 Folgen für den Geburtsverlauf

3.8.3 Diagnostik

3.8.4 Therapiemöglichkeiten

3.8.5 Psychosoziale Betreuung

3.8.6 Dokumentation

3.9 Schmerzmittel

3.9.1 Spasmolytika

3.9.2 Lachgasanalgetika

3.9.3 Nichtopioidanalgetika

3.9.4 Opioidanalgetika („Betäubungsmittel“)

3.9.5 Pudendusblock

3.9.6 Folgen für den Geburtsverlauf

3.9.7 Weiterführende Therapie

3.9.8 Psychosoziale Betreuung

3.9.9 Dokumentation

3.10 Spinalanästhesie (SPA)

3.10.1 Single-shot-Spinalanästhesie

3.10.2 Kontinuierliche Spinalanästhesie

3.10.3 Kombinierte Spinal-Epidural-Anästhesie

3.11 Periduralanästhesie (PDA)

3.11.1 Definition

3.11.2 Wirkung

3.11.3 Formen

3.11.4 Indikationen

3.11.5 Voraussetzungen

3.11.6 Kontraindikationen

3.11.7 Folgen für den Geburtsverlauf

3.11.8 Durchführung der PDA

3.11.9 Mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen

3.11.10 Psychosoziale Betreuung

3.11.11 Interaktionen im Kreißsaalteam

3.11.12 Dokumentation

Teil IV Austrittsphase

4 Austrittsphase (Austreibungsphase, AP)

4.1 Definition und klinische Zeichen

4.1.1 Definition

4.1.2 Klinische Zeichen

4.1.3 Frühe AP

4.1.4 Presswehen

4.1.5 Dauer der AP

4.2 Betreuung der Gebärenden während der AP

4.3 Dammschutz

4.3.1 Definition

4.3.2 Folgen für den Geburtsmechanismus

4.3.3 Mögliche Komplikationen

4.3.4 Psychosoziale Betreuung

4.3.5 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.4 Episiotomie

4.4.1 Definitionen

4.4.2 Indikationen

4.4.3 Zeitpunkt der Durchführung

4.4.4 Forensische Aspekte

4.4.5 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.5 Wassergeburt

4.5.1 Indikationen und Vorteile

4.5.2 Kontraindikationen

4.5.3 Durchführung und Betreuung

4.5.4 Abbruchkriterien

4.5.5 Hygiene

4.5.6 Dokumentation

4.6 Amniotomie

4.6.1 Indikationen

4.6.2 Vorbereitung

4.6.3 Durchführung

4.6.4 Mögliche Komplikationen

4.7 Kopf-Becken-Missverhältnis

4.7.1 Definitionen

4.7.2 Risikofaktoren

4.7.3 Diagnostik

4.7.4 Mögliche Komplikationen

4.7.5 Therapiemöglichkeiten

4.7.6 Psychosoziale Betreuung

4.8 Kristeller-Handgriff

4.8.1 Definition

4.8.2 Indikationen

4.8.3 Kontraindikationen

4.8.4 Durchführung

4.8.5 Psychosoziale Betreuung

4.8.6 Komplikationen

4.9 Vakuumextraktion

4.9.1 Definition und Indikationen

4.9.2 Kontraindikationen

4.9.3 Saugglockenarten

4.9.4 Klinischer Befund/Voraussetzungen

4.9.5 Vorbereitung

4.9.6 Durchführung

4.9.7 Mögliche Folgen für das Kind

4.9.8 Mögliche Folgen für die Mutter

4.9.9 Psychosoziale Betreuung

4.9.10 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.9.11 Dokumentation

4.9.12 Vakuum oder Forzeps?

4.9.13 Vaginaloperative Entbindung oder Sectio?

4.10 Forzepsextraktion

4.10.1 Definition und Indikationen

4.10.2 Kontraindikationen

4.10.3 Zangenmodelle

4.10.4 Klinischer Befund/Voraussetzungen

4.10.5 Vorbereitung

4.10.6 Durchführung

4.10.7 Mögliche Folgen für das Kind

4.10.8 Mögliche Folgen für die Mutter

4.10.9 Psychosoziale Betreuung

4.10.10 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.10.11 Dokumentation

4.11 Schulterdystokie

4.11.1 Definition

4.11.2 Einteilung

4.11.3 Mögliche Ursachen

4.11.4 Präventive Maßnahmen

4.11.5 Diagnostik

4.11.6 Erstmaßnahmen

4.11.7 Therapiemöglichkeiten beim hohen Schultergeradstand

4.11.8 Therapiemöglichkeiten beim tiefen Schulterquerstand

4.11.9 Psychosoziale Betreuung

4.11.10 Interaktionen im Kreißsaal

4.11.11 Dokumentation

4.11.12 Mögliche Folgen für das Kind

4.11.13 Mögliche Folgen für die Mutter

4.11.14 Verlauf/Prognose

4.12 Nabelschnurkomplikationen

4.12.1 Vorliegen der Nabelschnur

4.12.2 Nabelschnurvorfall

4.12.3 Nabelschnurknoten und Nabelschnurumschlingung

4.13 Amnioninfektionssyndrom (AIS)

4.13.1 Definition

4.13.2 Ursachen und Risikofaktoren

4.13.3 Klinisches Bild und Diagnostik

4.13.4 Differenzialdiagnosen

4.13.5 Folgen für den Geburtsverlauf

4.13.6 Therapie

4.13.7 Psychosoziale Betreuung

4.13.8 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.14 Uterusruptur

4.14.1 Definition und Einteilung

4.14.2 Risikofaktoren

4.14.3 Klinisches Bild und Diagnostik

4.14.4 Folgen für den Geburtsverlauf

4.14.5 Therapie

4.14.6 Psychosoziale Betreuung

4.14.7 Interaktionen im Kreißsaalteam

4.15 Fruchtwasserembolie

4.15.1 Definition

4.15.2 Risikofaktoren

4.15.3 Klinisches Bild

4.15.4 Differenzialdiagnosen

4.15.5 Therapiemöglichkeiten

Teil V Besondere Geburten

5 Besondere Geburten

5.1 Sectio caesarea

5.1.1 Einteilung

5.1.2 Indikationen

5.1.3 „Normale“ Sectio

5.1.4 Notsectio

5.1.5 Mögliche Komplikationen und Folgen für die Mutter

5.1.6 Mögliche Komplikationen und Folgen für das Kind

5.1.7 Postoperative Überwachung

5.1.8 Psychosoziale Betreuung

5.1.9 Interaktionen im Betreuungsteam

5.2 Beckenendlage

5.2.1 Definition und Einteilung

5.2.2 Prädisponierende Faktoren

5.2.3 Voraussetzungen für eine vaginale Geburt aus BEL

5.2.4 Vaginale Geburt aus BEL im Vierfüßlerstand

5.2.5 Vaginale Geburt einer reinen Steißlage in Rückenlage

5.2.6 Besonderheiten bei spontanen BEL-Geburten

5.2.7 Psychosoziale Betreuung

5.3 Zwillinge (Gemini)

5.3.1 Definitionen und Einteilung

5.3.2 Voraussetzungen für eine vaginale Geminigeburt

5.3.3 Vorbereitung der vaginalen Geburt

5.3.4 Vaginale Geburt bei zwei Schädellagen

5.3.5 Geburt des zweiten Geminus in BEL

5.3.6 Mögliche Komplikationen

5.3.7 Psychosoziale Betreuung

5.3.8 Interaktionen im Betreuungsteam

5.4 Frühgeburt

5.4.1 Definitionen

5.4.2 Mögliche Ursachen

5.4.3 Klinisches Bild

5.4.4 Diagnostik

5.4.5 Therapie bei Frühgeburtsbestrebungen

5.4.6 Tokolyse

5.4.7 Lungenreifeförderung (RDS-Prophylaxe)

5.4.8 Antibiotikatherapie

5.4.9 Geburtsmodus

5.4.10 Geburtsleitung

5.4.11 Psychosoziale Betreuung

5.4.12 Prognosen und Folgen für das Kind

5.5 Spätabort und Totgeburt

5.5.1 Definitionen

5.5.2 Mögliche Ursachen

5.5.3 Klinisches Bild

5.5.4 Diagnostik

5.5.5 Folgen für den Geburtsverlauf

5.5.6 Medikamentöse Abortinduktion

5.5.7 Geburtseinleitung

5.5.8 Postoperative Versorgung nach der Kürettage

5.5.9 Psychosoziale Betreuung

5.5.10 Interaktionen im Kreißsaalteam

5.5.11 Dokumentation

5.5.12 Bestattung des Kindes

5.6 Spätabbruch

5.6.1 Definitionen und Indikationen

5.6.2 Folgen für den Geburtsverlauf

5.6.3 Medikamentöse Abortinduktion

5.6.4 Postoperative Versorgung nach Kürettage

5.6.5 Interaktionen im Kreißsaalteam

5.6.6 Rechtliche Bestimmungen

5.6.7 Dokumentation

Teil VI Nachgeburtsphase

6 Nachgeburtsphase

6.1 Definition und Dauer

6.2 Bonding

6.2.1 Definitionen

6.2.2 Folgen für Mutter und Kind

6.2.3 Bonding nach einer physiologischen Geburt

6.2.4 Bonding nach einer schwierigen Geburt

6.2.5 Bonding nach Sectio in Spinal- oder Periduralanästhesie

6.2.6 Bonding nach Sectio in Vollnarkose

6.2.7 Bonding nach Trennung von Mutter und Kind

6.3 Erstes Stillen

6.3.1 Nach einer physiologischen Geburt

6.3.2 Nach einer pathologischen Geburt

6.4 Plazentagewinnung

6.4.1 Plazentagewinnung bei positiven Lösungszeichen

6.4.2 Plazentainspektion und Dokumentation

6.4.3 Psychosoziale Betreuung

6.4.4 Interaktionen im Kreißsaalteam

6.5 Anomalien der Plazenta und der Nabelschnur

6.5.1 Abweichende Plazentaformen

6.5.2 Anomalien der Nabelschnur

6.6 Plazentalösungsstörungen

6.6.1 Definitionen

6.6.2 Placenta incarcerata

6.6.3 Placenta adhaerens

6.6.4 Unvollständige Plazenta

6.6.5 Implantationsfehler der Plazenta

6.6.6 Psychosoziale Betreuung

6.6.7 Interaktionen im Kreißsaalteam

6.6.8 Dokumentation

6.7 Postplazentarphase

6.7.1 Definition

6.7.2 Überwachung

6.7.3 Psychosoziale Betreuung

6.7.4 Hygieneaspekte

6.8 Nahtversorgung

6.8.1 Klinisches Bild und Diagnostik

6.8.2 Mögliche Folgen

6.8.3 Nähen oder nicht nähen?

6.8.4 Mögliche Analgesien zur Nahtversorgung

6.8.5 Vorbereitung

6.8.6 Praktische Durchführung

6.8.7 Besonderheiten bei einzelnen Verletzungen

6.8.8 Psychosoziale Betreuung

6.8.9 Dokumentation

6.9 Postpartale Blutungen

6.9.1 Uterusatonie

6.9.2 Geburtstraumata

6.9.3 Plazentare Ursachen

6.9.4 Gerinnungsstörungen

6.9.5 Dokumentation

6.10 Disseminierte intravasale Gerinnung

6.10.1 Definition und Pathophysiologie

6.10.2 Klinisches Bild und Diagnostik

6.10.3 Therapie

6.11 Inversio uteri

6.11.1 Definition und Pathogenese

6.11.2 Klinisches Bild

6.11.3 Therapie

Teil VII Das Neugeborene

7 Das Neugeborene

7.1 Erstversorgung und Erstmaßnahmen

7.1.1 Definition

7.1.2 Erstversorgung

7.1.3 Abnabeln

7.1.4 Erstmaßnahmen

7.1.5 Psychosoziale Betreuung

7.1.6 Dokumentation

7.2 APGAR

7.2.1 Durchführung

7.2.2 Psychosoziale Betreuung

7.3 Blutabnahme aus der Nabelschnur

7.3.1 Grundsätze

7.3.2 pH- und Blutgasanalyse

7.3.3 Weitere Blutuntersuchungen

7.3.4 Stammzellenblutabnahme

7.4 Reifezeichen des Neugeborenen und U1

7.4.1 Beurteilung der Reifezeichen

7.4.2 Erste Vorsorgeuntersuchung (U1)

7.4.3 Psychosoziale Betreuung

7.4.4 Interaktionen im Kreißsaalteam

7.5 Geburtsverletzungen

7.5.1 Punktionsverletzungen

7.5.2 Verletzungen nach Vakuumextraktion

7.5.3 Verletzungen nach Forzeps-Entbindungen

7.5.4 Verletzungen nach Sectio

7.5.5 Stauungsverletzung nach BEL

7.5.6 Geburtsgeschwulst (Caput succedaneum)

7.5.7 Kephalhämatom

7.5.8 Subgaleatische Blutung

7.5.9 Intrakranielle Blutungen (allgemein)

7.5.10 Subarachnoidalblutungen

7.5.11 Petechien

7.5.12 Bindehautblutungen (Konjunktivale Blutungen)

7.5.13 Kopfnicker-Hämatom

7.5.14 Klavikulafraktur

7.5.15 Schädelfrakturen

7.5.16 Extremitätenfrakturen

7.5.17 Epiphysenlösung

7.5.18 Faszialisparese

7.5.19 Obere Plexuslähmung (Erb’sche Lähmung)

7.5.20 Untere Plexuslähmung (Klumpke’sche Lähmung)

7.5.21 Folgen für Eltern und Kind

7.5.22 Psychosoziale Betreuung

7.5.23 Interaktionen im Kreißsaalteam

7.6 Anpassungsstörungen

7.6.1 Verlängerte primäre Apnoe

7.6.2 Grünes Fruchtwasser

7.6.3 Weiterführende Therapie bei Anpassungsstörungen

7.6.4 Psychosoziale Betreuung

7.7 Reanimation des gesunden, reifen Neugeborenen

7.7.1 Erstmaßnahmen unmittelbar nach der Geburt

7.7.2 Die wichtigsten Prinzipien bei der Reanimation des Neugeborenen

7.7.3 Weiterführende Therapie

7.7.4 Psychosoziale Betreuung

7.7.5 Interaktionen im Kreißsaalteam

7.7.6 Dokumentation

7.7.7 Wartung und Hygienemaßnahmen

7.8 Neugeborenenprophylaxen

7.8.1 Augenprophylaxen

7.8.2 Vitamin-K-Gabe

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Anamnese

1 Anamnese – geburtshilflich relevante Erkrankungen

1 Anamnese – geburtshilflich relevante Erkrankungen

Heike Meinefeld

1.1 Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft

Häufigkeit: 6 bis 8% aller Schwangerschaften (meistens im letzten Trimenon).

1.1.1 Definition und klinisches Bild

Gestationshypertonie

RR ≥ 140/90 mmHg nach der abgeschlossenen 20. SSW ohne Proteinurie bei zuvor normalen Blutdruckwerten.

Präeklampsie/SIH/Schwangerschaftsinduzierte Hypertonie)

Schwangerschafts-Hypertonie mit Proteinurie ≥ 300 mg/24 Std. nach der abgeschlossenen 20. SSW.

Generalisierte Ödeme sowie starke Gesichtsödeme sind ein zusätzliches Risiko (Gewichtszunahme > 1000 g/Woche in den letzten 3 Monaten).

Periphere Ödeme sind nicht besorgniserregend.

Präeklampsien können aber auch ohne Proteinurie auftreten! Dann mit folgenden zusätzlichen Symptomen:

fetaler Wachstumsverzögerung

Leberbeteiligung

Störungen der Nierenfunktion

neurologischen Störungen

hämatologischen Störungen

Schwere Präeklampsie Eine schwere Präeklampsie erfüllt mindestens eines der folgenden Kriterien:

eingeschränkte Nierenfunktion (Kreatinin ≥ 0,9 g/dl oder Urinausscheidung < 500 ml/24 Std.)

Leberbeteiligung (starke Oberbauchschmerzen, Anstieg der Transaminasen GOT/GPT)

Lungenödem oder Zyanose

hämatologische Störungen (Thrombozytenabfall, Hämolyse mit Anstieg des Serumbilirubins)

neurologische Symptome (starke Kopfschmerzen, Sehstörungen)

fetale Wachstumsretardierung

RR ≥ 160/110 mmHg

Eiweißausscheidung ≥ 5 g/24 Std.

Folgende Laborparameter können erkrankungsbedingt verändert sein ( ▶ Tab. 1.1):

Tab. 1.1

 Mögliche Laborbefunde bei schwerer Präeklampsie.

Laborparameter

Befunde

Hämatokrit

> 38%

Thrombozyten

(Beachte: Ein Abfall der Thrombozyten muss auch im Normwertbereich innerhalb weniger Stunden kontrolliert werden!

Cave: HELLP-Syndrom)

< 100 000/µl

GPT (ALT)

Anstieg über Normbereich (17U/l)

GOT (AST)

Anstieg über Normbereich (15U/l)

LDH

Anstieg über Normbereich

Bilirubin (indirekt)

> 1,2 mg/dl

Harnsäure (früher Hinweis auf SIH)

> 5,9 mg/dl

Kreatinin

> 0,9 mg/dl

Eiweiß im Urin

≥ 300 mg/24 h

Haptoglobin

Abfall unter Normbereich

Fibrinogen

< 150 mg/dl

Andere Blutgerinnungstests (z. B. schneller D-Dimer-Anstieg)

Verlaufsbeobachtung

SFLT-1/PIGF-Quotient (Serummarker mütterliches Blut)

> 85

Chronische Hypertonie: RR ≥140/90 mmHg vor der Schwangerschaft oder in der 1. Hälfte der Schwangerschaft länger als 12 Wochen anhaltend.

Pfropfgestose: Plötzlicher weiterer Anstieg des Blutdrucks/Proteinurie bei schon vorhandener Hypertonie und/oder laborchemische klinische Zeichen der Präeklampsie (s. oben).

1.1.2 Folgen für die Geburt

Stationäre Überwachung/Therapie der Schwangeren in Perinatalzentren (Level 1 oder 2) bei:

RR ≥ 150/100 mmHg oder RR > 140/90 mmHg unter Antihypertensiva

Proteinurie und schnelle Ödembildung, d. h. Gewichtszunahme > 1 kg/Woche

klinischen Symptomen wie Kopfschmerz, Augenflimmern o.Ä.

Hypertonie mit weiteren Risiken wie mütterlicher Erkrankung, Wachstumsretardierung, frühem Schwangerschaftsalter, suspekter oder pathologischer Doppler/CTG

Oberbauchschmerzen

Thrombozyten < 100 000/ μl

Zwischen der vollendeten 24. bis 34. SSW sollte die Behandlung der Schwangeren in einem Level-1-Perinatalzentrum erfolgen:

Primär konservative Therapie, unter engmaschiger Überwachung des fetalen und mütterlichen Zustandes.

Die abgeschlossene RDS-Prophylaxe spielt hier, neben dem Gestationsalter, die entscheidende Rolle für den günstigsten Entbindungszeitpunkt.

In jedem Einzelfall muss der Wert des Abschlusses der Lungenreifebehandlung gegen die Dringlichkeit der Schwangerschaftsbeendigung aus mütterlicher Indikation abgewogen werden.

Cave

Mütterliche Indikationen zur sofortigen Entbindung

therapieresistente Hypertonie

therapieresistente Niereninsuffizienz

akutes Lungenödem/kardiale Dekompensation

disseminierte intravasale Gerinnung

anhaltende Oberbauchschmerzen

neu aufgetretene schwere zentralnervöse Symptome (anhaltende Kopfschmerzen, Hyperreflexie)

Merke

Die Entbindung ist die einzige kausale Therapie bei SIH/Präeklampsie und sollte ab der abgeschlossenen 37. SSW angestrebt werden.

Eine Verlängerung der Schwangerschaft dient ausschließlich der Vermeidung einer Frühgeburt, solange das Kind intrauterin gut versorgt ist.

Bei schwerer Präeklampsie sowie gravierender fetaler Wachstumsretardierung (< 5. Perzentile) mit gleichzeitigem pathologischem Dopplerbefund sollte die Schwangerschaft schon ab der vollendeten 34. SSW möglichst bald beendet werden. Die schwere fetale Wachstumsretardierung allein stellt noch keine klare Indikation zur Entbindung vor der 34. SSW dar. Es muss zusätzlich ein hochpathologischer Doppler-Flow-Befund vorliegen!

Geburtsmodus

Bei stabilem mütterlichem und kindlichem Zustand und unter optimaler Überwachung kann eine vaginale Geburt erfolgen (kein erhöhtes kindliches Risiko unter diesen Bedingungen).

1.1.3 Akuttherapie der schweren SIH/Präeklampsie

Möglichst zügige Geburt anstreben (Einleitung; ggf. Sectio).

Falls das nicht möglich ist, Stabilisierung des mütterlichen Zustands:

durch Antihypertensiva ( ▶ Tab. 1.2) bei RR ≥ 170/110 mmHg unter CTG-Überwachung und engmaschiger RR-Kontrolle

durch ausreichende orale Volumenausgabe

bei Fibrinogen < 120 mg/dl: Gefrierplasmagabe

durch kein Heparin bei Blutungsgefahr

bei schwerer SIH: Diazepam, z. B. Valium 10–20 mg, sehr langsam i. v.

durch evtl. Humanalbumin 3-mal 50 ml/Tag

durch evtl. Gabe von Plasmaexpander bei Zentralvenendruck von < 4cmH2O

Cave

Akute fetale Gefährdung bei plötzlichem, starkem Blutdruckabfall! Optimal ist eine RR-Senkung um 10 mmHg/Std.

Diastolischen Wert von 80–100 mmHg nicht unterschreiten!

Cave

Magnesium muss so dosiert werden, dass der Patellarsehnenreflex noch auslösbar ist.

Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss das Mg reduziert werden.

Als Antidot sollte bei jeder Magnesiumgabe Kalziumglukonat 10% bereitliegen. Davon 10 ml langsam i. v. über 3 Minuten geben.

Tab. 1.2

 Medikamente zur Akuttherapie der schweren SIH/Präeklampsie.

Medikamente

Dosierung

Antihypertensiva

Nifedipin: initial 5 mg oral, ggf. Wiederholung nach 20 min

oder

Urapidil: initial 6,25 mg i. v. als Bolus über 2 min, danach 3–24 mg/h (Perfusor)

oder

Dihydralazin (z. B. Nepresol): 5 mg i. v. alle 20 min oder 5mg i. v. als Bolus und anschl. 2–20 mg/h (Perfusor)

Cave: Off-Label-Use bei Nifedipin und Urapidil

Antikonvulsiva

Magnesiumsulfat: 4–6 g i. v. über 15–20 min, Erhaltungsdosis 1–2 g/h bis 24–48 h post partum

(Cave: Als Antidot Kalziumgluconat 10%)*

Diuretika

Bei Lungenödem/Herzinsuffizienz: Furosemid (z. B. Lasix): 10–20 mg i. v., ggf. Wiederholung mit erhöhter Dosis/vorher 500 ml Volumengabe

1.1.4 Folgen für das Kind

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen wie SIH/Präeklampsie tragen zu 20–25% zur perinatalen Mortalität bei!

Die erheblichsten Auswirkungen für das Neugeborene entstehen durch die daraus folgende Frühgeburt.

Durch den schlechten mütterlichen Allgemeinzustand und als Folge der plazentaren Gefäßveränderungen kommt es gehäuft zu Geburten dystropher/wachstumsretardierter Neugeborener.

Die Anfälligkeit der Säuglinge für Hypoxie/Asphyxie steigt.

1.1.5 Postpartale Betreuung nach SIH/Präeklampsie

Blutdruckkontrolle bis zur Normalisierung der Werte (Selbstmessung), Entlassungswert < 150/100 mmHg.

Antihypertensiva langsam reduzieren (innerhalb von 3 Tagen bis 6 Wochen post partum), ggf. Medikamente umstellen.

Bei schwerer Präeklampsie noch bis 48 Stunden p. p. Magnesiumsulfat i. v. weiterführen.

Stillen ist wegen der großen Auswahl an stillverträglichen Antihypertensiva fast immer möglich und sollte gefördert werden.

Ein ausführliches Beratungsgespräch über die Erkrankung, die Konsequenzen und die Planung weiterer Schwangerschaften sollte unbedingt erfolgen. Dort sollte auch auf die Infomaterialien der Selbsthilfegruppe „Arbeitsgemeinschaft-Gestose-Frauen e.V.“ hingewiesen werden.

Postpartal sollte ein besonderes Augenmerk auf die Förderung des Bondings gelegt werden, da Frauen mit SIH/Präeklampsie oftmals traumatische Geburtserfahrungen machen (Frühgeburt, Einleitung, Sectio u. Ä.).

Besonders wichtig ist hier eine sensible Aufarbeitung der Geburtserfahrung mit der Frau und ihrem Partner in Hinblick auf weitere Schwangerschaften.

1.2 Eklampsie

Häufigkeit: bei 0,03–0,1% aller Schwangeren.

1.2.1 Definition

Lebensbedrohliche tonisch-klonische Krämpfe, meist im Rahmen einer SIH/Präeklampsie mit anschließendem Koma.

Eine Eklampsie kann postpartal (44%), antepartal (38%) sowie intrapartal (18%) auftreten, auch akut ohne jegliche Vorzeichen.

1.2.2 Ursachen

Meist infolge eines SIH/Präeklampsie; aber nur in 50% der Fälle liegt eine schwere Hypertonie vor.

Selbst bei fehlender Hypertonie oder Proteinurie ist eine Eklampsie möglich (14–34% der Fälle).

In 80% der Fälle sind Erstgebärende betroffen.

Bei Mehrlingsschwangerschaften kommt eine Eklampsie 6-mal häufiger vor.

Ursache des Krampfanfalls ist die Spastik der Hirngefäße.

1.2.3 Klinisches Bild

Vorboten eines Anfalls

massiver RR-Anstieg

starke Kopfschmerzen (meist im Stirnbereich)

Augensymptome (Flimmern, Doppelbilder, Nebel, Blindheit)

Ohrensausen

Verwirrtheit/Bewusstseinstrübung

Übelkeit/Erbrechen

motorische Unruhe

Hyperreflexie

Oligurie < 400 ml/Tag

evtl. Thrombozytenabfall

Krampfanfall

Beginn meist an den Extremitäten

oft Schaum vor dem Mund (ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall)

Zungenbiss

Zyanose

Bewusstlosigkeit

Atemstillstand

krampfartige Kontraktion der Kehlkopfmuskulatur

Im Anschluss fallen die Frauen ins Koma.

Differenzialdiagnosen

Epilepsie

Tetanie

Coma diabeticum

Schlaganfall

1.2.4 Mögliche Komplikationen

Die Erkrankung stellt die vierthäufigste Ursache mütterlicher Todesfälle dar.

Die Mortalitätsrate liegt bei einem Anfall bei 5% und steigt mit der Anzahl der Anfälle (> 5) auf über 38%.

Die kindliche Letalität liegt zwischen 8 und 27%.

Es kann zu neurologischen Spätschäden, Nieren-/Herzversagen, Hirn-/Lungenödem, Thrombosen, Netzhautschäden, intraabdominalen/-kraniellen Blutungen, Gewebsnekrosen, vorzeitiger Plazentalösung, intrauteriner Asphyxie und intrauterinem Fruchttod kommen.

1.2.5 Therapie

Intensivmedizinische Betreuung in einem Perinatalzentrum Level 1/2.

Bei noch bestehender Schwangerschaft möglichst sofortige Entbindung (Oxytocintropf, Amniotomie, evtl. VE/Forzepsentbindung).

Bei stabilem mütterlichem und kindlichem Zustand möglichst eine vaginale Geburt anstreben, sonst Sectio.

Bei drohender Eklampsie sollten im Kreißsaal folgende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden:

Reizausschaltung (ruhiges und abgedunkeltes Zimmer, möglichst wenig Geräusche, kein Besuch)

Frei zugängliches Bett, der Kopf sollte für mögliche Intubation gut erreichbar sein.

zerbrechliches Mobiliar aus der Nähe der Frau entfernen (Verletzungsschutz)

Bereitstellung von Notfallutensilien:

Mundkeil oder Guedel-Tubus

aufgezogene Spritze mit 10 mg Valium

Intubationsbesteck/Notfallkoffer

Narkosegerät, Sauerstoffgerät und Absauggerät prüfen und bereitstellen

Notfall-Telefonnummern bereithalten

möglichst Eins-zu-Eins-Betreuung sicherstellen

medikamentöse Behandlung siehe Therapie bei schwerer SIH/Präeklampsie (Kap. ▶ 1.1.3)

Bei Eklampsie intensivmedizinische Überwachung im Kreißsaal oder postpartal (24–48 h) möglichst auf der Intensivstation mit:

RR-Kontrolle alle 5–10 min

EKG-Monitoring

Kontrolle des zentralen Venendrucks (sollte < 5cmH2O sein)

Stunden-Urin (mindestens 100 ml/4 Std.) und Bilanzierung

Herz- und Atemfrequenz (>12 Atemzüge/min)

CTG-Dauerüberwachung

Reflexstatus (Patellarsehnenreflexe sollte noch auslösbar sein)

Anfalls-Behandlung:

stabile Seitenlage

Freihalten der Atemwege, O2-Gabe, Anästhesie (Notfallteam) hinzuziehen

venöser Zugang/evtl. 2 Zugänge

4–6 g Magnesiumsulfat (Mittel der ersten Wahl/Senkung des Anfallsrisikos um 50%!) in verdünnter Form über 15–20 min; danach Dauerinfusion 1 g/Std.

Diazepam (z. B. Valium) 10(–40) mg sehr langsam i. v., evtl. nach 3–4 Std. weitere 20(–40) mg i. v. (max.120 mg/Tag)

Dihydralazin (z. B. Nepresol) 5 mg alle 20 min i. v. oder mittels Perfusor 2 bis 20 mg/h

oder Urapidil 6,25–12,5 mg als Bolus über 2 min i. v.; danach als Perfusor-Dauerinfusion 3 bis 24 mg/h

Low-dose-Heparinisierung

Diuretika und Humanalbumin nach Kontrolle des zentralen Venendrucks

ggf. FFP (fresh frozen plasma), Thrombozytenkonzentrate, AT-III-Substitution

Entbindung oder evtl. Tokolytika

Cave

Rapider RR-Abfall, RR sollte über 149/90 mmHg sein.

Nachuntersuchungen:

Intensivüberwachung für 24–48 h

RR-Einstellung

Magnesiumsulfat für 24–48 h

Flüssigkeitsbilanz

postpartale Abklärung bei peripartalem Krampfanfall: Anamnese, EEG, CT/M, Klinik (RR, Proteinurie, Ödeme), Laborparameter

nach der Schwangerschaft genaue Prüfung auf etwaige Vorschädigungen und neurologische Spätschäden

1.3 HELLP-Syndrom

1.3.1 Definition

Besonders schwere/lebensbedrohliche Verlaufsform des SIH mit typischer laborchemischer Konstellation:

Hämolyse (Hemolysis) mit fallendem Haptoglobin

erhöhte Leberenzyme (Elevated Liver Enzymes) mit Anstieg von GOT/GPT

niedrige Thrombozyten (Low Platelets Count) < 100000/ul

Häufigkeit:

1 von 150–300 Schwangerschaften

4–12% der Frauen mit schwerem SIH entwickeln ein HELLP-Syndrom

Anteil der Erstgebärenden 52–81%

Das Wiederholungsrisiko bei einer erneuten Schwangerschaft liegt bei 12,8%.

Cave

Ein HELLP-Syndrom kann auch ohne Hypertonie (20% der Fälle), ohne Proteinurie (5–15%) und ohne beide Symptome auftreten.

Die genauen Ursachen sind noch nicht bekannt. Möglicherweise wird durch eine Endothel-Schädigung der Gefäße in der Plazenta eine massive Gerinnung des Blutes hervorgerufen, die zum Absinken der Thrombozyten führt. Fibrinogen-Fibrin-Abbauprodukte führen zur Leberschädigung.

1.3.2 Klinisches Bild

Leitsymptom: rechtsseitige Oberbauchschmerzen (Häufigkeit > 90%)

Hypertonie (Häufigkeit 80%)

Proteinurie (Häufigkeit bis 15%)

Übelkeit/Erbrechen

evtl. neurologische Symptome (z. B. Kopfschmerzen, Sehstörungen)

Verlauf

Ein HELLP-Syndrom ist schlecht kalkulierbar und kann in Schüben verlaufen.

Die klinischen Symptome können sich zeitweise sogar verbessern (46% der Fälle), trotzdem kann sich innerhalb weniger Stunden eine schwere Gerinnungsstörung entwickeln.

Im Durchschnitt tritt ein HELLP-Syndrom am häufigsten in der 34. SSW auf.

10–30% der HELLP-Syndrome treten erst in den ersten 6 Tagen post partum auf.

1.3.3 Diagnostik

Laboruntersuchungen zum Nachweis der Hämolyse, der erhöhten Leberenzyme und sinkenden Thrombozyten (mindestens alle 6–8 Stunden):

sinkendes Haptoglobin (bei 95–97% der HELLP-Patientinnen erniedrigt, sensibelster Parameter der Hämolyse)

sinkender Hämoglobin-Wert

erhöhtes Gesamtbilirubin (bei 47–62%)

erhöhtes LDH

Transaminasen GOT (Normwert 15U/l)/GPT (Normwert 17 U/l), um das 2- bis 3-Fache des Normwertes erhöht

Thrombozytenabfall < 100000/mm³

CRP-Anstieg (bei 62% der HELLP-Patientinnen nachweisbar)

evtl. RR-Anstieg > 140/90 mmHg

Oberbauch-Sonografie

Fragmentozyten – Nachweis im peripheren Blutausstrich (54–86%)

1.3.4 Differenzialdiagnosen

Akute Hepatitis

Gallenkolik

Medikamentenintoxikation

Immun-Thrombozytopenie (z. B. Morbus Werlhoff)

Schwangerschaftsikterus

Intrahepatische Schwangerschaft-Cholestase

Akute Schwangerschaftsfettleber

1.3.5 Mögliche Komplikationen

Die mütterliche Mortalitätsrate liegt bei ca. 3,5%, die perinatale Mortalität in schweren Fällen bei über 10%.

Mütterliche Risiken

Leberödem/-ruptur (Häufigkeit 1,5–1,8%, mit Todesfolge in bis zu 35% der Fälle)

Fortschreitende Thrombozytopenie mit Ausbildung massiver Gerinnungsstörungen (DIG/DIC und Hyperfibrinolyse)

Hirnblutungen

Nierenversagen

Lungenödem

Multiorganschaden

Kindliche Risiken

Vorzeitige Plazentalösung

Frühgeburt

Wachstumsretardierung

Asphyxie

Intrauteriner Fruchttod

1.3.6 Therapie

Schwangere mit HELLP-Syndrom sollten wegen des hohen Risikos in Perinatalzentren Level 1 bzw. 2 betreut werden.

Intensivtherapie (siehe Eklampsie Kap. ▶ 1.2.5).

Schwangere mit unklaren Oberbauchschmerzen >18. SSW sollten differenzialdiagnostisch auf HELLP-Symptome untersucht werden.

Zügige Entbindung aus maternaler Indikation unter Intensivüberwachung bei > 34. SSW.

Bei stabilem Gesundheitszustand von Mutter/Kind möglichst vaginale Geburt anstreben.

Sofortige Sectio bei schwerer, therapieresistenter Präeklampsie, DIG, schwerer Niereninsuffizienz und Lungenödem.

Bei Schwangeren < 32.–34. SSW und stabilem Zustand Versuch der konservativen Behandlung zum Abschluss der Lungenreife unter intensivmedizinischer Überwachung.

Ggf. Gabe von Thrombozyten-Konzentraten, bei operativer Entbindung und Thrombozytenzahl < 50000/mm³.

Gabe von Gefrierplasma bei Fibrinogen < 100 mg/dl.

Postpartale Gabe von Heparin erst bei Thrombozyten > 100000/mm³ sowie Fibrinogen > 200 mg/dl.

1.4 Diabetes mellitus

Häufigkeit: 0,76% aller Schwangeren in deutschen Kliniken hatten 2006 einen Diabetes Typ 1 oder Typ 2 vor Eintritt der Schwangerschaft.

1.4.1 Einteilung

Typ-1-Diabetes-mellitus:

Erkrankung meist schon vor dem 10. Lebensjahr

insulinpflichtig

absoluter Insulinmangel infolge von Autoimmunerkrankung/unbekannten Faktoren

Typ-2-Diabetes-mellitus:

sogenannter „Altersdiabetes“ (mit oder ohne Adipositas)

tritt inzwischen vermehrt schon bei Jugendlichen/Kindern auf

relativer Insulinmangel durch falsche Lebensgewohnheiten

hohe Dunkelziffer

weltweit starke Zunahme dieses Diabetes-Typs

Weitere Diabetes-Typen:

Sekundärdiabetes durch Operationen des Pankreas, genetische Defekte, endokrine Erkrankungen u. a.

Gestationsdiabetes/GDM (s. Kap. ▶ 1.5)

1.4.2 Mögliche Folgen für die Geburt

Abort- und Fehlbildungsrisiko steigt.

Das Risiko für Herzhypertrophie, Fehlbildungen herznaher Gefäße, Neuralrohrdefekte und multiple Fehlbildungen ist um das 4-Fache erhöht (ca. 8,8%). Dies gilt für Typ1 und 2 gleichermaßen.

Die postnatale Mortalität bei Neugeborenen diabetischer Mütter ist 3- bis 6-mal höher als in der Normalbevölkerung.

Häufigeres Auftreten von Bluthochdruck (als Folge der Nierenschädigung), mit Gefahr von SIH, Präeklampsie, Pfropfhypertonie, HELLP-Syndrom.

Das Frühgeburtsrisiko steigt deutlich (abhängig von der Stoffwechselführung bis zu 5-fach erhöht, auf ca. 25–58%).

Verschlechterung der Stoffwechselsituation durch die Schwangerschaft (Gefahr schwerer Hypoglykämien/Ketoazidose).

Gefahr der diabetischen Fetopathie (ca. 40%) mit Makrosomie und den sich daraus folgenden geburtsmechanischen Problemen (Missverhältnis, protrahierter Verlauf, Schulterdystokie), Polyhydramnion.

Höhere Raten von Sectiones und vaginal operativen Geburten.

Höhere perinatale Mortalität (2–4%) durch Frühgeburt, Plazentainsuffizienz, Asphyxie, Azidose und intrauterinen Fruchttod.

Höhere Verlegungsraten der Neugeborenen auf Intensivstationen wegen Geburtskomplikation, Anpassungsstörung, Hypoglykämie, Hyperbilirubinämie, Hyperkalzämie, Polyglobulie, Atemstörung und Krämpfen.

Schwangere mit insulinpflichtigem Diabetes sollten wegen der erhöhten Risiken in einem Perinatalzentrum Level 1 (bei präpartal diagnostizierten Fehlbildungen) oder Level 2 mit Kinderklinik betreut werden. Die Vorstellung der Schwangeren sollte spätestens in der 32.–36. SSW erfolgen.

1.4.3 Geburtsbegleitung

Geburtsmodus

Bei guter BZ-Einstellung ist keine vorzeitige Geburtseinleitung vor E.T. nötig.

Einleitung der Geburt am E.T. (Übertragungen sollten vermieden werden!)

Bei Gewicht > 4500 g primäre Sectio

Vaginale Geburt anstreben (mit großzügiger Sectio-Indikation bei Problemen)

Stoffwechselführung sub partu

alle 1–2 Stunden BZ-Kontrolle

Infusion von Glukose 5% mit 100–150 ml/h ab Geburtsbeginn (bis zur ersten Mahlzeit nach der Geburt), wenn die Frau nicht essen kann bzw. niedrige BZ-Werte hat

Kurzwirksames Insulin während der Geburt geben (bessere Steuerbarkeit)

Insulin-Gabe angepasst an BZ-Werte, Insulinpumpe weiterlaufen lassen (auch bei Sectio)

Nach der Geburt Insulingabe anpassen (rasch sinkender Insulinbedarf)

Merke

BZ-Zielwert während der Geburt: 70–110 mg/dl (3,9–6,1 mmol/l)

1.4.4 Betreuung/Überwachung des Neugeborenen

Kapilläre BZ-Bestimmung im Kreißsaal bei unauffälligen Neugeborenen frühestens 2–3 Stunden post partum (physiologisches BZ-Tief 1 Std. postnatal), vor Verlegung auf die Station

Frühes Anlegen 30 Minuten postnatal/unbedingte Stillempfehlung! Nur falls dieses frühe Anlegen nicht möglich ist (z. B. nach OP), sollte mit Formula oder Maltodextrin zugefüttert werden.

Als unauffällig gelten BZ-Werte ab 2–3 Std. postnatal > 45 mg/dl (2,5 mmol/l), Einzelwert von 36–45 mg/dl bei ansonsten unauffälligen Kindern noch in Ordnung.

Bei auffälligen Kindern, nach hypoglykämischen Werten und nach Geburts-Asphyxie mit pH ≤ 7,0 sollte der BZ-Wert > 45mg/dl liegen.

Sofortige Maßnahmen bei niedrigeren Werten: anlegen, ggf. zufüttern (notfalls über Magensonde)

Dokumentation des klinischen Zustands: Hautfarbe, Atemfrequenz und Trinkverhalten

Weitere BZ-Kontrollen auf der Station präprandial nach 6, 12 und evtl. 24 und 48 Std. (bei drei aufeinanderfolgenden Werten > 45 mg/dl ist keine weitere Kontrolle erforderlich!)

Bei Auffälligkeiten/Hypoglykämie-Symptomen (Zittrigkeit, Apathie, Lethargie, Apnoen, Hypothermie, Trinkschwäche, schrilles Schreien, Krampfanfälle) sofortige Kontrolle des BZ, ggf. Neonatologen zuziehen, evtl. Verlegung

Bei anhaltend niedrigen BZ-Werten < 30 mg/dl (1,7 mmol/l) – Verlegung auf die Neonatologie und Gabe von Glukoselösung i. v.

Ggf. Pulsoxymetrie

Kinder von Diabetikerinnen haben ein höheres Risiko, später adipös zu werden. Diabetikerinnen (auch GDM) sollten daher unbedingt zum Stillen ermutigt werden, da dies nachweislich die Gefahr einer späteren Adipositas (mit allen sich daraus ergebenden Folgen) für die Kinder deutlich senken kann!

1.5 Gestationsdiabetes (GDM)

Definition: Gestörte Glukosetoleranz, die erstmals in der Schwangerschaft auftritt.

Häufigkeit: Ca. 3,7% aller Schwangeren (2010) mit hoher Dunkelziffer; kontinuierlich steigende Zahl seit 2002 durch häufigere Untersuchung auf GDM bedingt.

1.5.1 Folgen für die Geburt

Folgen für die Mutter

Höheres Risiko für Harnwegsinfekte, SIH, Präeklampsie/Eklampsie in der Schwangerschaft.

Höhere Rate von vaginal operativen Entbindungen und Sectiones.

Folgen für das Kind

Es können die gleichen Probleme auftreten wie bei Diabetes mellitus Typ 1 und 2 (s. Kap. ▶ 1.4).

Höhere perinatale Mortalität (bis ca. 6%) bei schlecht eingestelltem/unerkanntem GDM; bei behandeltem GDM keine erhöhte Mortalität.

Unbehandelter GDM kann zum intrauterinen Fruchttod führen. (In 28% der präpartalen Todesfälle wird ein unerkannter GDM angenommen!)

Bei schlecht eingestelltem GDM haben diese Kinder ein erhöhtes Risiko für Adipositas (Stillförderung!).

Geburtsbegleitung und Überwachung des Neugeborenen: s. Kap. ▶ 1.4.3 und Kap. 1.4.4.

1.6 Drogenkonsum

1.6.1 Substanzen und Häufigkeit

Alkohol (ca. 10 000/Jahr geschädigte Kinder, davon 4000 mit dem Vollbild des fetalen Alkoholsyndroms)

Heroin (keine genauen Zahlen verfügbar, ca. 120 000 Heroinabhängige, davon etwa 30 000 mit Kindern)

Kokain

Benzodiazepine (z. B. Valium, Rohhypnol, Diazepam)

Cannabis/Marihuana

Synthetische oder „Designerdrogen“ (z. B. Ecstasy, Speed, LSD)

Substitute: Methadon, Polamidon oder Subutex

Merke

Drogenkonsum wird häufig verschwiegen, daher hohe Dunkelziffer. Häufig Misch-Konsum!

1.6.2 Mögliche Komplikationen

Folgende geburtshilflich relevante Komplikationen treten gehäuft auf:

mütterliche Infektionen (z. B. HIV, Hepatitis B, C)

Aborte und intrauteriner Fruchttod

Frühgeburt (2,5-fach höheres Risiko)

vorzeitige Plazentalösung

kindliche Wachstumsretardierung (3,8-fach höheres Risiko)

intrauteriner Fruchttod

Fehlbildungen (Gesichtsdysmorphie, Mikrozephalie, Spaltbildungen, Herz-/Gehirn- und urogenitale Missbildungen)

Entzugssymptome beim Neugeborenen/neonatales Abstinenzsyndrom (NAS) bei 70% der Neugeborenen

Atemstörungen

Fetales Alkoholsyndrom (FAS); häufigste Behinderung bei Kindern in Deutschland!

evtl. schlechte Compliance/Non-Compliance der Gebärenden

Wirksamkeit von Schmerzmitteln beeinträchtigt

CTG-Veränderungen (durch Entzug): Tachykardie, vermehrte Kindsbewegungen

Merke

Entzugssymptomatik der Frau beachten (RR, Temperatur, Tremor, Unruhe, Aggressivität, Agitationstendenzen)

1.6.3 Betreuung im Kreißsaal

Merke

Drogenkonsumentinnen sollten, solange kein negativer Test vorliegt, wie HIV/Hepatitis-Infizierte behandelt werden.

Betreuung in Perinatalzentrum Level 1/2 mit Kinderklinik

Bonding (bei stabilem kindlichem Zustand) fördern

Stillen sollte bei Substitutionstherapie (ohne Beikonsum) gefördert werden, wenn kein HIV o. Ä. vorliegt.

Überwachung des Kindes mit Pulsoxymetrie/Blutzuckerkontrollen wegen Entzugssymptomen

pädiatrische Untersuchung; bei unauffälligen Kindern spätestens 24 Std. nach der Geburt, Verlegung in die Kinderklinik (wegen Entzug/Therapie)

1.6.4 Entzugssymptome beim Kind

Klinisches Bild

Zittrigkeit

schrilles Schreien

Muskelhypertonie

Unruhe

Geräuschempfindlichkeit

Übererregbarkeit, gesteigerte Reflexe

Krämpfe

Beginn in den ersten 24 Std./je nach Substanz bis zu

3 Tage postnatal bei Heroin

ca. 10 Tage bei Benzodiazepinen

4–7 Tage bei Methadon-Substitution

1.7 HIV-Infektion

1.7.1 Definition und Übertragungswege

Infektion mit den Retroviren HIV (human immunodeficiency virus) 1 und 2.

Führt bei Ansteckung, nach einer oft mehrjährigen Latenzzeit, zu AIDS (engl. acquired immunodeficiency syndrome, dt. „erworbenes Immun-Defizienz-Syndrom“).

Unbehandelt kommt es zur Zerstörung der CD4-Helferzellen, mit Schwächung des Immunsystems bis zum Immundefekt.

Schwere bis tödliche (opportunistische) Infektionen und AIDS-definierte Erkrankungen (z. B. maligne Tumoren) kennzeichnen das fortgeschrittene Stadium.

Häufigkeit

2010 lebten ca. 13 000 Frauen in Deutschland mit HIV/AIDS.

Jährlich kommen in Deutschland etwa 350 Kinder HIV-positiver Frauen zur Welt.

Merke

Es besteht eine nicht namentliche Meldepflicht beim Robert Koch-Institut.

Übertragung

Hauptübertragungswege (2010)

Geschlechtsverkehr zwischen Männern 57,7%

heterosexueller Geschlechtsverkehr (9,4% davon aus Ländern mit hoher HIV/AIDS-Rate) 23,5%

intravenöser Drogenkonsum 3,2%

Transmission bei/nach Geburt 0,7%

unbekannt 14,9%

1.7.2 Risiken und Komplikationen

Ansteckung des Kindes mit HIV vor, bei oder nach der Geburt (Transmissions-Risiko ohne Behandlung ca. 20–25%, unter optimalen Bedingungen < 1%)

Erhöhtes Übertragungsrisiko bei Geburten ≥ 33+0 bis 36+6 SSW

Sehr hohes Übertragungsrisiko bei Amnioninfektionssyndrom, vorzeitigem Blasensprung > 4 Stunden und Frühgeburten < 33+0 SSW

Einige Medikamentenkombinationen erhöhen des Frühgeburtsrisiko.

Erhöhtes Risiko genitaler Entzündungen (Chlamydien, Trichomoniasis, bakterielle Vaginose, Kondilome, Soor)

Gestationsdiabetes (3-fach erhöhtes Risiko, unter Einnahme von Protease-Inhibitoren)

1.7.3 Präpartale Prophylaxe

Für HIV-positive Schwangere gelten die gleichen Behandlungsrichtlinien wie für nicht schwangere Erwachsene (spätestens ab CD4-Zell-Zahl < 350 ml Therapie)

Initialtherapie: 2 NRITs + 1 geboosteten PI oder 2 NRITs + 1 NNRTI (empfohlene Substanzen siehe aktuelle Leitlinie)

Transmissionsprophylaxe frühestens 13+0 SSW bis spätestens 24+0 SSW beginnen

Bei Risiko für Frühgeburt Beginn der antiretroviralen Therapie spätestens 20+0 SSW (Gemini/Z.n. Frühgeburt)

1.7.4 Geburtsbegleitung

Geburtsmodus

Transmissions-Prophylaxe sub partu

Medikation 3 Stunden vor der primären Sectio/Geburt beginnen:

Startdosis während der ersten Stunde: 2 mg/kg Zidovudin (Retrovir) i. v.;

danach Dosis verringern auf 1mg/kg bis zur Entwicklung des Kindes.

Bei AIS, vorzeitigem Blasensprung > 4 Std., Frühgeburt < 33+0 SSW und unvollständiger/fehlender präpartaler Prophylaxe: zusätzlich (zur laufenden Zidovudin-Gabe) 1 Dosis 200 mg Nevirapin (NVP).

1.7.5 Erstversorgung des Kindes

Vor dem Abnabeln des Kindes Handschuhe wechseln!

Sterile Handschuhe zur Versorgung des Kindes tragen!

Reinigung von Mund/Nasenhöhle mit sterilen, mit Kochsalzlösung getränkten Tupfern

Danach Absaugen von Fruchtwasser, Blut und Vaginalsekret

Keine Mundabsauger benutzen!

Säuberung aller Körperöffnungen (mit NaCl-Tupfern)

Untersuchung auf kindliche Verletzungen (z. B. Schnittverletzung nach Sectio)

6 h post partum orale Zidovudin-Gabe beginnen (bei Viruslast > 1000 Kopien/ml für 4–6 Wochen)

Sofortige Zidovudin-Gabe und Verabreichung von Lamivudin/Nevirapin bei sehr hoher Gefährdung des Kindes (Viruslast > 10 000 Kopien/ml, AIS, BS > 4 Std., Frühgeburt < 33+0 SSW, Schnittverletzung des Kindes, Absaugen blutigen Fruchtwassers, zu kurze/fehlende präpartale Therapie der Mutter)

Merke

Absolutes Stillverbot (Muttermilch überträgt HIV)!

Bondingförderung

Hautkontakt fördern

Bondingbäder

Babymassage

Eigene Berührungsängste abbauen (Ansteckung im normalen Umgang kaum möglich!)

Kontakt zu Selbsthilfegruppen/Aids-Hilfe anbahnen, um sozialer Isolation der Mütter/Familien vorzubeugen

1.7.6 Hygieneaspekte

Zur Geburt/Sectio: Schutzkittel, -brille, Mundschutz und Handschuhe tragen

Händedesinfektion, Reinigung der Betten/Untersuchungsgeräte, Wäsche-/Müllentsorgung usw. wie bei Hepatitis B (s. Kap. ▶ 1.8). (Gefahr der Übertragung von Hepatitis B ist 40-mal höher als bei HIV!)

Keine Ansteckungsgefahr bei normalem Kontakt (gemeinsamer Toilettenbenutzung, Trinken aus einer Tasse, Händedruck, Massage, Umarmen)

Im Kreißsaal sollte eine Anweisung für das Vorgehen nach HIV-Exposition für das Personal vorhanden sein (Nadelstichverletzungen, Schnittwunden, Schleimhautkontakt mit kontaminiertem Material).

Cave

Besondere Vorsicht bei Gebärenden mit hoher Viruslast!

Praxis

Sofort-Maßnahmen bei Kontakt mit kontaminiertem Material:

Wunde ausbluten lassen und gründlich waschen, anschließend desinfizieren

Schleimhäute gründlich spülen (Mundhöhle 5-mal mit 80% alkoholischer Lösung/notfalls mit Wasser)

Ärztlich klären lassen, ob eine Postexpositionsprophylaxe nötig ist; wenn ja, schnellst möglich durchführen!

Sofortige Meldung beim Betriebsarzt, Impfstatus

HIV-Test (sofort, nach 6 Wochen, 3 Monaten und 6 Monaten)

Dokumentation als Arbeitsunfall, Meldung an das Robert Koch-Institut

Notfallmedikamente zur Postexpositionsprophylaxe:

Lamivudin 2-mal 150 mg oral + Zidovudin 2-mal 300 mg oral (Combivir) oder

Zidovudin (Retrovir) 2-mal 250 mg oral + Lamivudin (Epivir) 2-mal 150 mg oral

Jeweils kombiniert mit:

Nefinavir ( Viracept) 2-mal 1250 mg oral oder

Lopinavir (Kaletra) 2-mal 400 mg oder

Efavirenz (Sustiva) 1-mal 600 mg

1.8 Hepatitis

Häufigkeit

Hepatitis A: 1,5 Fälle/100 000 Einwohner

Hepatitis B: Ca. 0,4–0,8% der Deutschen sind HBsAG positiv (5–8% tragen Anti-HBc).

Hepatitis C: 0,4–0,7%

In der Schwangerschaft haben ca. 1% aller Frauen Virus-Hepatitiden, 50% davon Hepatitis B.

1.8.1 Übertragung

Hepatitis A

Meist oral/fäkale Übertragung (kontaminierte Lebensmittel, Trinkwasser, Muscheln, gedüngtes Gemüse/Salat)

Infektion durch Blut und Sexualkontakte auch möglich

Reiseinfektion/Länder mit niedrigen Hygienestandards

Übertragung sub partu oder durch Stillen ist selten

Inkubationszeit: 4 Wochen (Ansteckungsgefahr: 1–2 Wochen vor, bis 1 Woche nach Ausbruch der Erkrankung)

Merke

Infizierte Kinder können das Virus über mehrere Wochen ausscheiden; Möglichkeit der Infektion nicht immunisierten Personals!

Hepatitis B

Sexuelle/parenterale Übertragung durch Blut, Sperma, Urin, Speichel, Tränen, Muttermilch

Virus-Eintritt über kleinste Haut-/Schleimhautverletzungen (ungeschützter Sex; gemeinsame Benutzung von Rasierern, Zahnbürsten, Nagelscheren, unsaubere Piercing-/Tätowiergeräte; gemeinsame i. v.-Nadel-Benutzung bei Drogenkonsum; verunreinigte Akupunktur-Nadeln u. Ä.)

Infektion des Kindes sub partu (Bei hoher Viruslast, ohne Vorbeugung liegt das Ansteckungs-Risiko bei 80–90%. Bei chronischem Verlauf, wenn nur HBsAG positiv ist, noch bei 10–20%.)

Eine pränatale Infektion des Neugeborenen ist selten (ca. 3–5%).

Inkubationszeit: 2 bis 6 Monate

HBsAG-Screening ab 32. SSW ist Teil der Mutterschaftsvorsorge ( ▶ Tab. 1.3).

Cave

Hohe Ansteckungsgefahr für das Kreißsaalteam beim Kontakt mit infiziertem Blut/Körperflüssigkeiten. Das Infektionsrisiko bei Nadelstich-Verletzungen liegt bei ca.10–30% (abhängig von der Viruslast)!

Tab. 1.3

 Laborbefunde bei Hepatitis B.

Laborwerte

Diagnose

HBsAG

Anti-HBc

Anti-HBc-IgM

negativ

nicht nötig

nicht nötig

keine Infektion

positiv

positiv

negativ

chron. Infektion

positiv

positiv

ggf. quantitativ

HBV-DNA

akute Infektion

Hepatitis C

Ungeklärter Infektionsweg in ca. 30% der Fälle

Erhöhte Infektionsrate bei i. v.-Drogenkonsum

Häufig Infektion durch Verletzung/Kontakt mit kontaminiertem Blut (Dialyse)

Meist parenterale Übertragung, selten Übertragung bei heterosexuellem Kontakt (2,5%)

Infektion des Kindes meist sub partu durch Blutkontakt, selten intrauterin in der Spätschwangerschaft (Transmissionsrate: 4–10%; bei HIV-positiven Müttern mit Hepatitis C steigt die Rate auf 14–22% an.)

Inkubationszeit: 2–24 Wochen

Cave

Bei einer Nadelstichverletzung liegt das Infektionsrisiko, je nach Viruslast der Patientin, bei ca. 3–10%!

Hepatitis D

Übertragung wie Hepatitis B

Kommt selten vor, nur in Kombination mit Hepatitis B

Inkubationszeit: 3–4 Monate

Hepatitis E

Übertragung durch Kontakt- und Schmierinfektion fäkal/oral und über kontaminiertes Trinkwasser (Tropen/Subtropen)

Übertragung von Mensch zu Mensch nicht nachgewiesen

Inkubationszeit: 15–60 Tage

1.8.2 Geburtshilflich relevante Risiken

Hepatitis A

Erhöhtes Risiko vorzeitiger Wehen mit Gefahr der Frühgeburt, besonders bei Infektionen im 3. Trimenon

Kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko

Hepatitis B

Extrem hohes Risiko (ohne Prophylaxe 80–90%) der Mutter-Kind-Übertragung bei positivem HBsAG und hoher Viruslast (HBeAg positiv)

Bei chronischer Hepatitis B (nur HBsAG positiv): Übertragungsrisiko 10–20%

Rate der Chronifizierung ist bei perinatal infizierten Neugeborenen am höchsten (unbehandelt ca. 90–95%) und nimmt mit höherem Lebensalter stetig ab

Erhöhtes Risiko vorzeitiger Wehen mit Gefahr der Frühgeburt (16–29%)

Erhöhte Rate von Totgeburten (ca. 10%)

Frühe Infektion des ungeschützten Kindes durch enge Haushaltskontakte bei infizierten Eltern möglich (Milieugefährdung)

Aufklärung über Hygienestandards (z. B. kein gemeinsamer Gebrauch von Rasierern, Nagelscheren, kontaminierten Handtüchern)

Hepatitis C

Gefahr der perinatalen Infektion des Kindes (1–6%) meist während der Geburt (Blutkontakt), selten intrauterin

Übertragungsgefahr bei zusätzlicher HIV-Infektion 14–36%

Bei Gemini-Geburten ist die Infektionsgefahr für das 2. Kind größer.

Hepatitis E

Schwangere infizieren sich 9-mal häufiger als andere Personen.

Intrauterine Übertragung auf das Kind

Besonders hohe Mortalität von Schwangeren (bis zu 20%)

Hohe Rate von Aborten und Totgeburten

1.8.3 Geburtsbegleitung

Eine Spontangeburt wird in der Regel empfohlen.

Nur bei hoher Viruslast kurz vor E.T. (Hepatitis B/C) und/oder gleichzeitiger HIV-Infektion elektive Sectio

Verletzende geburtshilfliche Interventionen wie Kopfschwartenelektrode, MBU, Amniotomie, Episiotomie vermeiden (Risiko der Transmission)!

1.8.4 Prophylaxe beim Neugeborenen

Hepatitis A: Passivimpfung des Neugeborenen (bei akuter Infektion der Mutter kurz vor E.T.) mit: Immunglobulin 0,02–0,06 ml/kg Körpergewicht i. m.

Hepatitis B/D: Simultan-Impfung des Neugeborenen direkt im Kreißsaal (spätestens 12 Std. p. p.) mit:

Passivimpfstoff: HB-Immunglobulin 1 ml i. m. und

Aktivimpfstoff: HBVAXPRO 0,5 ml i. m. oder Gen-HB-Vax-K 0,5 ml i. m./s. c. (2./3. Dosis nach 4 Wochen/6 Monaten)

Hepatitis C/E: keine Impfung verfügbar

Stillen

Geimpfte Kinder dürfen bei Hepatitis B/C gestillt werden (Verletzungen der Mamillen sollten bei Hepatitis-C-infizierten Müttern durch gute Stillanleitung vermieden werden).

Bei hoher Viruslast von Hepatitis-C-Müttern besteht durch das Stillen eine Infektionsgefahr für das Kind.

Bei Hepatitis E gibt es keine Empfehlungen zum Umgang mit dem Stillen.

1.8.5 Prophylaxe beim Kreißsaalteam

Aktive/Passive Impfung gegen Hepatitis B, mit regelmäßiger Kontrolle des Titers (Anti-HBs-Wert > 100 IU/l)

Beschäftigungsverbot für schwangere Hebammen im Kreißsaal

Praxistipps

Sofortmaßnahmen nach einer Hautverletzung

gründliche Desinfektion der Wunde

sofortige Meldung beim Betriebsarzt

Blutabnahme zur Überprüfung des Impfstatus, HIV-Test, Anti-HBc/Anti-HCV

evtl. Viruslast des Patienten überprüfen

Wenn kein Impfschutz besteht: simultan Hep.-B-Immunglobulin + Impfung

Bei niedrigem Impf-Titer genügt die Impfung.

Bei ausreichendem Titer gilt man als geschützt.

Bei möglicher Hep.-C-Kontamination ist keine Prophylaxe möglich, Antikörperentwicklung wird über Wochen mehrfach überprüft, ggf. Therapie mit Interferon und Ribavirin.

Hygieneaspekte

Bei aktiven Hepatitiden ist das Tragen von Schutzkleidung bei der Geburt (Kittel, Mundschutz, Schutzbrille) empfohlen.

Tragen von Handschuhen bei jeglichem Kontakt mit Körperflüssigkeiten

Sichere Entsorgung von kontaminierten spitzen/scharfen Gegenständen (Container); Nadelstichverletzungen möglichst vermeiden

Cave

Kein „Recapping“ von Spritzen

Gründliche Desinfektion/Reinigung von Händen/Inventar nach Kontakt mit kontaminiertem Material entsprechend der Hygienerichtlinien der Klinik

Getrennte Entsorgung von Müll/Wäsche in fest verschlossenen Säcken; spezielle Entsorgung ist nicht nötig.

Isolierung infizierter Mütter und Kinder ist nicht erforderlich.

Merke

Die gemeinsame Benutzung von Geschirr, Toiletten, Bettwäsche u. Ä. ist unproblematisch, solange diese Gegenstände nicht mit Blut/Körperflüssigkeiten kontaminiert sind.

1.8.6 Literatur

[1] AWMF-Leitlinien (2010), http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021–012_S3_Prophylaxe_Diagnostik_und_Therapie_der_Hepatitis-C-Virus_HCV_-Infektion_09–2009_12–201

[2] AWMF-Leitlinien, http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015–018_S1_Diagnostik_und_Therapie_hypertensiver_Schwangerschaftserkrankungen_2014_verlaengert.pdf

[3] Deutsche Diabetesgesellschaft, http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/redaktion/mitteilungen/leitlinien/Gestationsdiabetes_EbLL_Endfassung_2011_08_11.pdf

[4] DGGG Leitlinien (2010) http://www.dggg.de/fileadmin/public_docs/Leitlinien/3–3–4-sws-hochdruck-2010.pdf

[5] DGGG-Leitlinien (2010) Betreuung von Neugeborenen diabetischer Mütter 024–006 http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/024–006.html

[6] DGGG-Leitlinien (12/2014) www.awmf.org/uploads/tx_szLeitlinien/057_023/_S3_diabetes_und_schwangerschaft_2014_12.pdf

[7] DGGG-Leitlinien (12/2014) www.awmf.org/uploads/tx_szLeitlinien/055_022/_S2k_HIV-Therapie_Schwangerschaft_Neugeborenen_2014_verlaengert.pdf

[8] DGGG-Leitlinien (2010) http://www.dggg.de/fileadmin/public_docs/Leitlinien/3–3–3-gestationsdiabetes-2010.pdf

[9] DGGG-Leitlinien (2010) http://www.dggg.de/fileadmin/public_docs/Leitlinien/4–4–4-partogramm 2010.pdf

[10] Goerke K, Steller J, Valet A. Klinikleitfaden Gynäkologie/Geburtshilfe. 7. Aufl. München: Elsevier; 2008

[11] HGH e.V. Leitfaden Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett; 1999

[12] HIV-Center Universitätsklinik Frankfurt. HIV: Transmissionsrate unter ein Prozent. Hebammenforum 2011; 8: 624

[13] Knoop C. Zwischen Empathie und Kontrolle. Hebammenforum 2010; 9: 735–739

[14] Kortshagen S. Unbezwingbares Verlangen. Hebammenforum 2010; 9: 730–734

[15] Mändle C, Opitz-Kreuter S, Wehling A. Das Hebammenbuch. 3. Aufl. Stuttgart: Schattauer; 1999

[16] Marktplatz: Zu früh, zu klein. Hebammenforum 2010; 9: 755–756

[17] Neugebauer H. Auch HIV-positive Frauen möchten Mütter sein. Hebammenforum 2006; 1: 6–8

[18] Rath W. Das HELLP-Syndrom – eine interdisziplinäre Herausforderung, Deutsches Ärzteblatt 1998, http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=14448

[19] Roos R, Genzel-Boroviczeny O, Proquitte H. Checkliste Neonatologie. 4. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2010

[20] Stanek B. Blutdruckmedikamente in der Schwangerschaft; 2007, http://www.kup.at/kup/pdf/6523.pdf

[21] Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki

Teil II Geburtsbeginn

2 Geburtsbeginn

2 Geburtsbeginn

Susanne Hotz, Mirjam Fischer, Corina Scheurer, Christalla Christodoulou-Reichel

2.1 Definitionen und klinische Zeichen

Susanne Hotz

2.1.1 Vorgeburtliche Phase

Die Vorwehen oder Anfangswehen sind meist unregelmäßig, wenig schmerzhaft und nicht zervixerweiternd. Dauer, Intensität und Frequenz der Kontraktionen steigern sich nicht und können auch wieder abebben. Die Zervix wird dadurch nach vorne ausgerichtet, eine Reifung und Konsistenzveränderung (weicher werden) findet statt und sie verkürzt sich; sie wird „geburtsreif“.

Diese Vorbereitung auf die Erweiterung des Muttermundes ist ein wichtiger und notwendiger Prozess, vor allem bei Erstgebärenden, der meist allmählich und fast unmerklich innerhalb mehrerer Wochen stattfindet, seltener auch über Stunden und Tage andauern und mit starken Wehen einhergehen kann.

Erst wenn die Vorbereitung abgeschlossen ist, beginnt die Eröffnungsphase mit der Latenzphase.

2.1.2 Geburtsbeginn

Der Geburtsbeginn wird definiert als Beginn einer regelmäßigen, zervixwirksamen Wehentätigkeit.

Der Zeitpunkt ist nicht immer exakt bestimmbar. Da es sich um einen Prozess handelt, gibt es hier einen fließenden Übergang von Vorwehen zu Eröffnungswehen. Außerdem kann die Wahrnehmung der Frau sich von der der Hebamme/Ärztin unterscheiden.

Die Zeichen der beginnenden Geburt sind wirksame Wehen mit:

Zunahme der Intensität der Kontraktionen

länger werdenden Kontraktionen

Frequenzsteigerung der Kontraktionen

Weitere Anzeichen der beginnenden Geburt sind:

Blasensprung

Zeichnen, Abgang von blutigem Schleim

vermehrter Scheidenausfluss

Veränderung im Allgemeinbefinden, Unruhe der Schwangeren

Erbrechen und Durchfall

Praxistipps

Meist bleiben die Frauen in der vorgeburtlichen Phase und beginnenden Geburt zu Hause oder es genügt ein Rat am Telefon. Einige kommen in die Klinik und gehen bereitwillig und sicher wieder nach Hause, wenn sie verstanden haben, in welcher Phase sie sich befinden, was sie zuhause machen können und wann sie wieder in die Klinik kommen sollen. Andere Frauen möchten lieber in der Klinik bleiben, um dort eine an ihre Bedürfnisse angepasste Betreuung durch die Hebamme zu erfahren.

In der Praxis erweist es sich als hilfreich, der Gebärenden den Zeitpunkt zu benennen, ab dem sie sich in der Eröffnungsphase befindet.

2.1.3 Eröffnungsphase

Die Eröffnungsphase gliedert sich in zwei Abschnitte:

2.1.3.1 Latenzphase

Eine nicht notwendigerweise kontinuierlich verlaufende Geburtsphase, die gekennzeichnet ist durch

schmerzhafte Wehen

Verstreichen der Zervix

Eröffnung des Muttermundes bis auf 6 cm (ACOG 2014)

Cave

Keine unnötigen Interventionen

Diese Phase kann mit Ermüdung, Entmutigung und Zermürbung einhergehen. Besondere Unterstützung, Verständnis und Maßnahmen zur Verbesserung des Befindens sind hier hilfreich.

Die Latenzphase sollte – wenn möglich – in der gewohnten Umgebung stattfinden und nicht in der Klinik. Die Frau kann mit normalen Alltagstätigkeiten fortfahren und sollte sich auch genügend ausruhen. Die Anwesenheit einer nahestehenden Person ist wünschenswert.

Ist die Gebärende während der Latenzphase in der Klinik, erfordert dies eine angepasste Betreuung durch die Hebamme. Aktives Zuhören, Beruhigung und Aufklärung sind unerlässlich. Ängste müssen gemildert und ein möglichst stressfreier Ablauf gewährleistet werden. Eine gute Gestaltung dieser Phase fördert den natürlichen Geburtsverlauf.

2.1.3.2 Aktive Eröffnungsphase (EP)

In der aktiven oder etablierten Eröffnungsphase ist der Muttermund mindestens 6 cm (Schwarz 2014).

Es liegen regelmäßige, kräftige Wehen vor und die Eröffnung des Muttermundes schreitet zunehmend voran (NICE 2007).

Der Geburtsfortschritt beschleunigt sich und der Muttermund öffnet sich messbar weiter (ca. 0,5–1 cm pro Stunde).

Der vorangehende Kindsteil stellt sich ein und tritt tiefer.

Die Eröffnungsphase endet bei vollständig geöffnetem Muttermund.

2.1.3.3 Dauer der Eröffnungsphase

Die gesamte Eröffnungsphase dauert:

Bei Erstgebärenden durchschnittlich 8 Stunden. Sie kann aber bis zu 18 Stunden dauern, ohne protrahiert zu sein.

Bei Mehrgebärenden durchschnittlich 5 Stunden, selten bis zu 12 Stunden (NICE 2007).

Praxistipps

Die Befunderhebung erfolgt durch das Befragen der Frau, durch Palpation und ggf. vaginale Untersuchung.

Eine vaginale Untersuchung ist nicht notwendig, wenn das Ergebnis keine Folgen hat! Das Verhalten der Gebärenden kann oftmals auf ein Voranschreiten des Geburtsfortschritts hinweisen, ohne dass zwingend ein vaginaler Befund erhoben werden muss.

Ein zu häufiges Untersuchen in den ersten Stunden bewirkt eine Erwartungshaltung bei der Frau. Dann stellt sich u. U. eine Enttäuschung ein, wenn kein Fortschritt erkennbar ist, was in dieser Phase physiologisch sein kann.

2.1.3.4 Protrahierte Eröffnungsphase

Cave

Es ist wichtig, die vorgeburtliche Phase von der EP zu unterscheiden und den Zeitpunkt für die Berechnung der Geburtsdauer erst mit dem Übergang zur EP zu bestimmen. Dadurch kann eine Fehldiagnose „Protrahierte Eröffnungsphase“ verhindert werden.

Frauen, die in der Latenzphase in den Kreißsaal aufgenommen werden, erhalten erfahrungsgemäß häufiger Interventionen als Frauen, die in der Eröffnungsphase aufgenommen werden.

Diagnose einer protrahierten Eröffnungsphase

Diese kann erst in der aktiven Eröffnungsphase gestellt werden.

MM-Eröffnung unter 2 cm in 4 Stunden

Bewertung des Tiefertretens und der Rotation des kindlichen Köpfchens

Veränderungen der Intensität, Dauer und Frequenz der Wehentätigkeit

Mögliche Ursachen für eine verlängerte Eröffnungsphase sowie übermäßige Schmerzen:

wenig Bewegungsfreiheit (Dauer-CTG, Blasensprung)

durch Oxytocin oder Prostaglandin ausgelöste Wehen

vernarbte Zervix

dorsoposteriore Stellung des Kindes

übermäßige Angst, Sorge, Stress, Alleinsein, vorausgegangene schwierige Geburt, sexueller Missbrauch u.a.

Erschöpfung und Entmutigung durch eine lange Latenzphase

asynklitische Einstellung oder andere ungünstige Einstellungen

Maßnahmen bei einer verlängerten EP und übermäßigen Schmerzen:

Wärme, Bad

Massagen (Rücken, Füße, Bauch)

Entspannungsübungen

Atemübungen

An das Kontakthalten mit dem Baby im Bauch erinnern.

Polarity nach Verena Schmid (2011)

Bewegung, Positionswechsel

Ist die Latenzphase sehr schmerzhaft und erschöpfend für die Frau, kann auch eine medikamentöse Ruhepause mit Sedaselect, Calmedoron, Spasmolytika, Analgetika oder Tokolytika angebracht sein.

2.2 Aufnahme in den Kreißsaal

Mirjam Fischer

Formalitäten: formelle Anmeldung der Frau im Krankenhaus

zeitliche Festlegung eines tatsächlichen Betreuungs- und Geburtsbeginns aus Gründen der Abrechnung sowie aus forensischen Gründen

Frauen, die immer wieder mit „falschem Alarm“ in den Kreißsaal kommen, zeigen ein besonderes Betreuungsbedürfnis; hier ist die Information über die individuell unterschiedliche Länge der Latenzphase unter Berücksichtigung der Ressourcen der Frau besonders wichtig.

Kommt es zu einer ungeplanten Kreißsaal-Aufnahme in der Schwangerschaft (kontrollbedürftige Auffälligkeiten wie vorzeitige Wehen, (Prä-)Eklampsie, GDM, Diabetes, HELLP, Blutungen, Mehrlinge) oder zu einer nicht geplanten Klinikgeburt, so ist die psychische Situation der Frau besonders zu berücksichtigen (s. u.).

Neben beginnenden Wehen, Blasensprung (oder V. a. Blasensprung) sowie Blutungen kann auch der Wunsch der Frau/des Paares nach einer Kontrolluntersuchung und die Beruhigung der Frau/des Paares ein Grund sein, den Kreißsaal aufzusuchen. Gesprächs- und Betreuungsbedarf zeigt sich vor allem bei vorhandenen Ängsten der Frau/des Paares: eine als traumatisch erlebte Schwangerschaft oder vorausgegangene Geburt sowie berichtete Geburtsverläufe anderer Frauen können auf die Frau einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben.

Praxistipp

In der Latenzphase sind Formulierungen wie „noch nicht unter der Geburt“, „falscher Alarm“, „langsame Geburt“ oder „Übungswehen“ nicht nützlich für Frauen. Eine kurze Erläuterung der physiologischen Vorgänge ist dagegen oft hilfreich für die Frau.

2.2.1 Anamnese und Diagnostik

Grund des Kommens

Warum kommt die Frau?

Welche Beschwerden hat sie?

Wie beschreibt sie die Beschwerden?

Wie kommt sie mit den Beschwerden zurecht?

Wie ist ihr Allgemeinbefinden?

Wie fühlt sich die Frau? (verunsichert, ängstlich, zuversichtlich?)

Wie schätzt die Mutter das Befinden des Kindes ein? Wie geht es dem Kind? Bewegt es sich? Erfragen von Kindsbewegungen.

Schwangerschaftsanamnese

Gestationsalter: 37+0 bis 41+6 SSW?

regelrechter Verlauf und regelrechtes Outcome bei vorangegangenen Schwangerschaften?

geburtshilfliche Anamnese mit geringem Risiko/ohne Risiko?

Schwangerenvorsorgeuntersuchungen unauffällig?

Einlingsschwangerschaft?

Kopflage/Lage/vorangehender Teil/Bezug zum Becken?

klinisch normgerecht gewachsenes Baby/normales Wachstum entsprechend dem Gestationsalter?

Plazentasitz: Wo liegt die Plazenta und liegt sie außerhalb des unteren Uterinsegments (wenn bekannt)?

Liegen mütterlichen Erkrankungen oder Risikofaktoren vor, die die Geburt beeinflussen (z. B. Zeichen von Präeklampsie oder schwangerschaftsinduziertem Hypertonus)?

Merke

Jede Frau, die das Bedürfnis hat, den Kreißsaal aufzusuchen, sollte mit diesem Bedürfnis ernst genommen werden.

Erfassen: tasten und sehen

Blutung

Wehen

Flüssigkeitsabgang

Kindsbewegungen

Ödeme

Varizen

Leibesform

Striae gravidarum

Nabelform

Narben

Diagnostische Maßnahmen

Leopold’sche Handgriffe

CTG/Auskultation der Herztöne

Palpation der Wehen

vaginale Untersuchung

VZ-Kontrolle

Beurteilung der Michaelis-Raute

Cave

Jede Maßnahme, die bei der Aufnahme in den Kreißsaal routinemäßig vorgenommen wird, sollte überdacht werden: Welchen Mehrwert an Informationen bringt sie zum Zeitpunkt der Aufnahme zur Geburt? Z. B. Verzicht auf vaginale Untersuchung bei am Vortag unreifem vaginalem Befund und Blasensprung ohne Wehentätigkeit.

2.2.1.1 Diagnosestellung

Danach sollten eine erste Einschätzung der Frau und eine Beurteilung der Gesamtsituation mit klarer Indikationsstellung erfolgen; eine Skala hilft bei der Einschätzung der Situation ( ▶ Abb. 2.1).

Abb. 2.1 Stadium der Geburt.

Behandlungspfade, die festlegen, wie bei welchem Befund weiter vorgegangen wird und was der Frau wann empfohlen wird, können helfen, unnötige Interventionen während der „normalen Geburt“ zu vermeiden.

Durch eine immer wieder neue Einschätzung der Situation kann beurteilt werden, ob aktuell ein physiologischer oder ein pathologischer Verlauf vorliegt. Dies ist wichtig, um die Frau und das Kind vor unnötigen Interventionen zu schützen und notwendige Interventionen nicht zu vergessen (s. ▶ Tab. 2.1).

Tab. 2.1

 In welcher Phase der Geburt befindet sich die Frau?

Latenzphase

aktive EP/fortgeschrittene Geburt

unregelmäßige und kurze Kontraktionen

regelmäßige Kontraktionen, die stärker werden

Pausen zwischen den Kontraktionen werden nicht kürzer oder die Kontraktionen stärker.

Wehenpausen werden kürzer (3–5 min) und Wehen werden länger (bis ca. 60 sec.); das Verhältnis zwischen Wehe und Wehenpause liegt bei ca. 1:3.

Bewegung verstärkt die Kontraktionen nicht.

Bewegung verstärkt die Intensität der Kontraktionen.

MM-Eröffnung < 3–4 cm

MM-Eröffnung > 3–4 cm

Cave

Frauen, die schon früh in den Kreißsaal aufgenommen werden (MM 1–3 cm), bekommen häufiger einen „protrahierten Geburtsverlauf“ bescheinigt. Somit wird bei diesen Frauen auch häufiger zu Interventionen gegriffen. Der „Erfolgsdruck“ scheint sich sowohl bei Frauen als auch bei Hebammen aufzubauen.

Eine frühe Aufnahme in den Kreißsaal führt zu mehr Interventionen während der Geburt.

In der Latenzphase schreitet die Geburt nicht schnell voran. Gerade wenn die Latenzphase sehr lange dauert, kann die Frau verunsichert sein. Die psychosoziale Betreuung der Frau und das Vermitteln von Sicherheit und Unterstützung durch die Hebamme und den Partner sind in dieser Phase sehr wichtig. Die Frau sollte sich möglichst an einem ruhigen geschützten und am besten an einem ihr bekannten Ort aufhalten (ausruhen, ablenken, …). Der Kreißsaal oder die Schwangeren- oder Wochenbett-Station in der Klinik stellen daher in der Anfangsphase der Geburt keine geeigneten Orte für Frauen mit unkomplizierten Schwangerschaften dar (s. auch Kap. ▶ 2.1).

Das weitere Vorgehen wird je nach Einschätzung festgelegt:

Geht die Frau nochmals nach Hause?

Wurde die Frau adäquat beraten (z. B.: ausruhen, schlafen, essen, trinken, warm duschen oder baden)?

Wird die Frau stationär aufgenommen? Bleibt sie im Kreißsaal oder geht sie auf Station?

Benötigt die Frau bereits jetzt aktives Eingreifen (Interventionen: Braunüle, Antibiose, …)?

Wann wird der Arzt aktiv mit in die Betreuung einbezogen?

Ein pathologischer Geburtsbeginn bedeutet nicht, dass es nicht zu einer normalen, spontanen Geburt kommen kann. Die jeweilige Geburtssituation benötigt immer wieder eine neue Einschätzung und darauf abzielende Interventionen bzw. den begründeten Verzicht auf Interventionen. (Beispiel: Ein unkomplizierter vorzeitiger Blasensprung von weniger als 24 Stunden ist eine normale, physiologische Erscheinung!)

Praxistipp

Förderung der physiologischen Geburt/Verhinderung der Fehldiagnose „protrahierte Eröffnungsphase“:

Schwangere frühzeitig in Kursen, bei Vorsorgeuntersuchungen und in Sprechstunden über physiologischen Geburtsbeginn und die Latenzphase informieren.

In jedem Kreißsaal gute Konzepte entwickeln, wie Frauen in der Latenzphase – am besten außerhalb des Kreißsaales – betreut werden können.

Vorwehen- oder Familienzimmer bzw. einen ruhigen, geschützten Ort anbieten, in dem Frauen Ruhe und Schlaf finden können.

Späte Aufnahme in den KRS.

Bestätigung von Normalität des Geburtsverlaufes durch Betreuungspersonen.

Hilfsmittel wie TENS, Baden, Ball, Massagen zur Verfügung stellen, um die Zeit zu bewältigen.

Frauen ernst nehmen und ihnen zuhören.

Ein Partogramm erst ab gesichertem Beginn der EP führen.

2.2.2 Erstmaßnahmen und Betreuung

Je nach Gesamtsituation und Einschätzung erfolgt die Durchführung erster Interventionen:

Blutentnahme?

Braunüle/Flexüle?

Antibiose?

Ultraschall?

Merke

Unnötige Interventionen können Mutter und Kind schaden. Aber nicht jede Intervention wird von der Mutter als eingreifend empfunden; häufig verbinden die Frauen hiermit auch ein Gefühl von Unterstützung.

Störungen im Kreißsaal (Lärm, Licht) können die Frau verunsichern und die hormonelle Situation und damit die Wehen beeinflussen.

In der Klinik hat eine Information des Arztes über die Aufnahme der Frau zu erfolgen. In manchen Kliniken obliegt die Aufnahmeuntersuchung den Ärzten.

Die Geburtsbetreuung ist eine den Hebammen vorbehaltene Tätigkeit; die Betreuung physiologischer Abläufe gehört in Hebammenhände! Hier ist zu beachten, dass es für die Frau/das Paar einen erheblichen Unterschied macht, ob sie/es ärztlich aufgenommen wird oder durch eine Hebamme. Die klare Diagnose, ob es sich um einen physiologischen Geburtsbeginn handelt, der durch eine Hebamme weiterbetreut wird, oder um eine Pathologie, die ärztlich begleitet sein muss, erscheint hier besonders wichtig. Die Regelungen, wann ein Arzt informiert und/oder hinzugezogen werden muss, sollten schriftlich festgehalten sein. Die Zuständigkeiten und Arbeitsteilungen können von Klinik zu Klinik variieren.

2.2.2.1 Psychische Betreuung

Merke

Die Förderung der physiologischen Geburt beginnt bereits bei der Aufnahme in den Kreißsaal und beim allerersten Kontakt zwischen Frau und Hebamme!

Die Vertrauensbildung zwischen Frau und Hebamme durch Beziehungsarbeit steht – sofern keine gravierende Pathologie vorliegt – an vorderster Stelle bei der Aufnahme in den Kreißsaal; Vertrauensbildung geschieht durch:

Zeit lassen: der Frau und dem Paar mit Fragen, Antworten, Entscheidungen Zeit geben.

Kontinuierliche Betreuungsstruktur: Kennen sich Frau/Paar und Hebamme, so ist dies förderlich; kennen sich Frau/Paar und Hebamme nicht, sollte genug Zeit sein, sich kennenzulernen.

„Da sein“/anwesend sein: physisch und auch psychisch: freundlich, offen, behutsam, Sicherheit gebend (Intimsphäre wahren).

Empathisch sein.

Wenig aktive, eher abwartende Begleitung der Frau mit Schwerpunkt auf Wahrnehmung und Rücksichtnahme auf die Individualität und die Wünsche der Frau.

Die Frau/das Paar ermutigen, ungute Gefühle bzgl. des Geburtsverlaufes, aber auch bzgl. der Betreuungsstruktur (z. B. wer soll/darf bei der Geburt mit anwesend sein?) anzusprechen.

Die Unterschiedlichkeit der Frauen/der Kulturen akzeptieren.

Zu beachten ist, dass viele gesunde Paare mit der Geburt ihres ersten Kindes häufig zum ersten Mal in eine Klinik gehen; hierbei sehen sich die Eltern häufig unerwartet mit ganz unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert: Freude, Neugier, Angst, Verunsicherung. Die Gefühle des Partners/der Begleitperson haben ebenfalls Einfluss auf den weiteren Verlauf.

Die Betreuung sollte freundlich, menschlich und der Frau/dem Paar zugewandt erfolgen und das Betreuungspersonal sollte fachliche Kompetenz und Sicherheit ausstrahlen.

2.2.2.2 Bondingförderung

Bei Aufnahme in den Kreißsaal werden Mutter UND Kind empfangen. Das Kind sollte bei Entscheidungen und Untersuchungen beachtet und auch gefragt werden: z. B. Ansprache des Kindes vor Durchführung der Leopold’schen Handgriffe, vor Durchführung einer vaginalen Untersuchung, vor Durchführung eines Ultraschalls.

Die Frau ermutigen, im Kontakt mit ihrem Kind zu bleiben: durch tiefe Bauchatmung, Berührungen, Erfühlen der Kindsbewegungen, Sprechen mit dem Kind. Dies ist v. a. wichtig nach/beim Legen einer PDA, in einer Stress-Situation wie Bradykardie (hier hilft es, wenn alle Beteiligten gemeinsam durchatmen!), bei Trennung vom Kind postpartal zur Erstversorgung, etc.

2.2.3 Dokumentation

Die Aufnahme in den Kreißsaal ist gut zu dokumentieren:

Datum, Uhrzeit

Aufnahme der Frau: liegend, gehend, durch Rettungswache, nach telefonischer Ankündigung?

In wessen Begleitung?

In welchem körperlichen und psychischen Zustand befindet sich die Frau bei Aufnahme?

Wie kommt die Frau mit den beschriebenen „Beschwerden“ zurecht?

Welche Maßnahmen werden wann und durch wen ausgeführt?

Welche weiteren Maßnahmen werden wann durch wen angeordnet und ausgeführt?

Welche Wünsche hat die Frau bezüglich der Geburt/ist sie mit den vorgeschlagenen Maßnahmen einverstanden?

Aufnahme-CTG von … bis …, Befund („o. B.“ ist kein Befund!)

Vitalzeichenkontrolle

Praxistipps

Ein Anamneseblatt mit entsprechendem Vordruck kann helfen, wichtige Fakten bei der Aufnahme nicht zu vergessen.

Je nach Zuständigkeit muss die Aufnahme der Frau von der Person dokumentiert werden, die die Aufnahme vornimmt. Jede dokumentiert das, was sie selbst tut. Was nicht dokumentiert ist, gilt als nicht gemacht!

2.3 Leopold’sche Handgriffe

Susanne Hotz

2.3.1 Ziele der Untersuchung

Bei den Leopold’schen Handgriffen handelt es sich um eine bimanuelle, taktil-kinästhetische, äußerliche Untersuchung am Bauch der schwangeren Frau. Sie ermöglichen der Hebamme, sich ein ganzheitliches Bild über physiologische oder pathologische Befunde von Mutter und Kind zu machen, um dann mögliche Maßnahmen und/oder Interventionen beurteilen bzw. einleiten zu können. Durch die Handgriffe werden erfasst:

I. Leopold’scher Handgriff ( ▶ Abb. 2.2)

Höhe des Uterusfundus der SSW entsprechend

kindliche Bewegungen

Kindsteile im Fundus

Lage (Längs-, Schräg-, Querlage) und Poleinstellung

II. Leopold’scher Handgriff ( ▶ Abb. 2.3)

Lage und Stellung des Kindes

III. Leopold’scher Handgriff ( ▶ Abb. 2.4)

vorangehendes Kindsteil (Ballotement)

Verhältnis von Kopf oder Steiß zum Becken

IV. Leopold’scher Handgriff ( ▶ Abb. 2.5)

Höhenstand und Einstellung des vorangehenden Kindsteils

Größe und Breite des vorangehenden Kindsteils

Eintritt und Tiefertreten des vorangehenden Kindsteils in den Beckeneingang

Abb. 2.2 I. Leopold'scher Handgriff.

(Aus DHV: Geburtsarbeit, Hippokrates Verlag, 2. Auflage 2013)

Abb. 2.3 II. Leopold’scher Handgriff.

(Aus DHV: Geburtsarbeit, Hippokrates Verlag, 2. Auflage 2013)

Abb. 2.4 III. Leopold’scher Handgriff.

(Aus DHV: Geburtsarbeit, Hippokrates Verlag, 2. Auflage 2013)

Abb. 2.5 IV. Leopold’scher Handgriff.

(Aus DHV: Geburtsarbeit, Hippokrates Verlag, 2. Auflage 2013)

Weiterhin können bei entsprechender Erfahrung eingeschätzt werden: Größe und Gewicht des Kindes, Plazentasitz (Vorderwand), Myome, Fruchtwassermenge, Beschaffenheit der Bauchdecke/Bauchform, Uterustonus, Kindsbewegungen.

Außerdem lässt sich ableiten:

ein konstruktiver von einem destruktiven Geburtsstillstand

relatives Kopf-Becken-Missverhältnis

BEL, Quer-/Schräglage

Abweichungen der Fruchtwassermenge

Zusätzliche Informationen: wenn man die Finger einer Hand horizontal über die Symphyse legt