Krimi Doppelband 143 - Zwei spannende Thriller in einem Band - Thomas West - E-Book

Krimi Doppelband 143 - Zwei spannende Thriller in einem Band E-Book

Thomas West

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Krimis (349XE) von Thomas West: Dunkle Schatten auf weißer Weste Rockerkrieg in Manhattan Über dreißig Menschen waren bei einem Brandanschlag auf einen New Yorker Nachtclub gestorben – darunter auch der verdeckt ermittelnde Drogenfahnder Bud Johnstone. Ein Fall für das FBI. Die Agenten Jesse Trevellian, Milo Tucker und ihre Kollegen ermitteln in der Rocker-Szene, da Zeugen Mitglieder der Gang >Firedogs< vom Tatort flüchten gesehen haben wollen. Auch scheint sich zwischen den einzelnen Motorradbanden ein Kleinkrieg zu entwickeln, bei dem es Tote gibt. Doch sind die Rocker-Bosse auch die Drahtzieher? Sicher ist, dass bei den verdeckten Einsätzen des FBI die Gangster immer einen Schritt voraus sind – das bedeutet, es muss irgendwo eine undichte Stelle geben ...

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Thomas West

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Inhaltsverzeichnis

Krimi Doppelband 143 - Zwei spannende Thriller in einem Band

Copyright

Dunkle Schatten auf weißer Weste

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Rockerkrieg in Manhattan

Krimi Doppelband 143 - Zwei spannende Thriller in einem Band

Thomas West

Dieser Band enthält folgende Krimis

von Thomas West:

Dunkle Schatten auf weißer Weste

Rockerkrieg in Manhattan

Über dreißig Menschen waren bei einem Brandanschlag auf einen New Yorker Nachtclub gestorben – darunter auch der verdeckt ermittelnde Drogenfahnder Bud Johnstone. Ein Fall für das FBI. Die Agenten Jesse Trevellian, Milo Tucker und ihre Kollegen ermitteln in der Rocker-Szene, da Zeugen Mitglieder der Gang >Firedogs< vom Tatort flüchten gesehen haben wollen. Auch scheint sich zwischen den einzelnen Motorradbanden ein Kleinkrieg zu entwickeln, bei dem es Tote gibt. Doch sind die Rocker-Bosse auch die Drahtzieher? Sicher ist, dass bei den verdeckten Einsätzen des FBI die Gangster immer einen Schritt voraus sind – das bedeutet, es muss irgendwo eine undichte Stelle geben ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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Alles rund um Belletristik!

Dunkle Schatten auf weißer Weste

Krimi von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

Caren Sinnwell, Gerichtsmedizinerin beim FBI, soll als Belastungszeugin gegen Curd Washbone aussagen, der wegen Frauenhandels und Zuhälterei angeklagt ist. Bevor sie ihre Aussage machen kann, wird sie brutal ermordet. Kurz darauf wird ein Callgirl getötet, das während des Studiums mit Caren Sinnwell befreundet war. Die G-Men Jesse Trevellian und Milo Tucker ermitteln im Umfeld der beiden Frauen und stoßen auf einem mysteriösen Unbekannten, der seinerzeit den Callgirl-Ring leitete. Offensichtlich will jemand seine Vergangenheit bereinigen – und nun schwebt Melanie Roosford, die Dritte im Bunde der ehemaligen Edelhuren, in Lebensgefahr ...

1

Die Aufzugtür schob sich langsam auseinander. Mit einem guten Dutzend anderer Fluggäste der Mittagsmaschine aus New York City mischte sich Caren Sinnwell unter die vielen Menschen in der Flughalle des Washington National Airports. Es war einen Tag nach ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag.

Sie holte ihr Gepäck ab, kaufte sich die > Washington Post< und eine Tüte Lakritze. Die Vorliebe für Lakritze hatte sie seit ihrer Kindheit nicht aufgegeben, und die meisten ihrer Freunde und Kollegen schüttelten sich, wenn Caren in die obligatorische Tüte griff. Selbst während der alltäglichen Obduktionen kaute sie manchmal dieses schwarze Zeug.

Sie hatte ihren Geburtstag gestern bewusst als Tag der statistischen Lebensmitte gefeiert. "Die zweite Hälfte des Sandes in einem Stundenglas verrinnt immer schneller, als die erste", hatte sie kurz nach Mitternacht zu Dan, ihrem Mann, gesagt. Da waren die Partygäste schon gegangen, und sie hatten sich über die letzte Flasche Wein hergemacht.

Der baumlange, schwarze Kerl - >Afroamerikaner< pflegte Caren solche Leute zu nennen - der in einer der zahllosen Telefonzellen der Flughalle stand und so tat, als würde er telefonieren, wusste davon nichts. Nach seiner Überzeugung - und er betrachtete das von einem streng beruflichen Gesichtspunkt aus - war Carens Lebensmitte längst überschritten. Seit mehr als siebzehn Jahren. Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie heute noch sterben würde.

Caren kannte den Mann nicht. Und sie beachtete ihn auch nicht weiter, als sie zwei Zellen links von ihm den Hörer abnahm und ihre Nummer in Brooklyn wählte. "Hallo, Darling, seufzte sie, "ich bin heil angekommen".

Böse Zungen sagten ihr nach, sie würde sich für fremde Menschen nur interessieren, wenn sie beruflich dazu gezwungen war. Manche drückten es auch drastischer aus: Wenn die fremden Menschen erwürgt, erschossen oder erstochen vor ihr auf dem Seziertisch lagen.

"Dann viel Erfolg bei deinem Vortrag", rief Dan ins Telefon, "ruf' mich an, wenn du es geschafft hast."

"Okay, denk an mich." Caren hängte den Hörer auf und verließ die Flughalle. Der Blick des schwarzen Mannes heftete sich an ihr dunkelblaues Kostüm. Aber auch das bemerkte sie nicht. Wenn sie sich etwas gründlicher umgeschaut hätte, wenn sie im Laufe ihres Lebens auch nur eine Spur jener Antennen hätte entwickeln müssen, die einem Menschen drohende Gefahren signalisieren, noch bevor sie seine fünf Sinne erreichen - vielleicht wäre die obere Hälfte ihres Stundenglases an diesem Dienstag noch genauso voll gewesen, wie die untere. So aber drängten sich eben die letzten Sandkörner zur dünnen Spindel zwischen den beiden Glashälften hin.

Der große Schwarze - während er Caren nicht aus den Augen ließ, wählte er jetzt tatsächlich eine Nummer - hatte solche Antennen entwickeln müssen. Er war in Harlem groß geworden und konnte sich an fast keinen Tag seiner Kindheit und Jugend erinnern, an dem er sich nicht mit irgendjemandem geprügelt hätte. Oder an dem er nicht vor irgendjemandem weggelaufen wäre.

Caren dagegen war in einem Brooklyner Vorort aufgewachsen. Mit Walt-Disney-Figuren und einem Privatspielplatz im Garten ihres Elternhauses, mit einem liebenswürdigen Golde n Retriever und drei älteren Brüdern, die sie mit Lakritze versorgten und sogar bemüht waren, die Mücken totzuschlagen, bevor sie ihre kleine Schwester stechen konnten.

Caren steuerte ein Taxi an und drückte dem Fahrer ihr Gepäck in die Hand. Sie ließ sich in den Fond des Cabbies fallen. "Jefferson-Hotel", antwortete sie auf den fragenden Blick des Chauffeurs.

Die Aufregung kribbelte wie eine Schar Ameisen in ihrem Bauch, als sie den Namen des Hotels aussprach. Ihr erster Vortrag! Nach fünf Jahren beim FBI war man endlich auf ihre polizeiärztlichen Kompetenzen aufmerksam geworden!

Caren war überzeugt davon, dass sie erst am Anfang ihrer Karriere stand. Diese fast naive Zuversicht hatte sie durch ihr ganzes Leben begleitet und zusammen mit ihren Brüdern dafür gesorgt, dass ihr Leben bis zu diesem Tag wie eine gleichmäßig ansteigende Kurve verlaufen war. Abgesehen von den beiden Jahren in Boston. Aber das war lange her. Und wenn die Staatsanwaltschaft sie nicht gebeten hätte, in diesem unangenehmen Prozess aussagen, würde sie überhaupt nicht mehr an dieses Intermezzo damals in den achtziger Jahren denken ...

Sie schob den Gedanken an den Gerichtstermin beiseite, der ihr am Donnerstag bevorstand, und angelte das Konzept für ihr Referat aus der Aktenmappe.

Der Lange in der Telefonzelle sagte nur einen Satz in die Sprechmuschel. Dann hängte er auf. Er folgte ihr nicht. Jedenfalls jetzt noch nicht. Er wusste wo Caren Sinnwell hinfahren würde: Zu einem Hotel in der Nähe des FBI-Hauptquartiers, wo sich Gerichtsmediziner aus fast allen Bundesstaaten zu einer Tagung trafen. Sogar das Thema kannte er: >Tatverschleierungen durch postmortale Verletzungen<.

Es gehörte zu seinem Job zu wissen, wo Leute hingingen und was Leute machten, deren Uhr ablief. Und es gehörte zu seinem Job, dafür zu sorgen, dass die Uhr dieser Leute ablief. Dass das Thema der Tagung, zu der Caren unterwegs war, ebenfalls mit seinem Job zu tun hatte, war eher Zufall.

2

Der glatzköpfige Mann, der etwa fünfzig Meter von mir entfernt hinter den Fenstern der U-Bahn mit einer Uzi herumfuchtelte, war kein Terrorist. Die Boulevardpresse und einige TV-Sender hatten das Gerücht unter die Leute gebracht. Er war weiter nichts als ein Wahnsinniger.

Das wussten wir nicht erst seit den Morgenstunden, als er einem vollständig gelähmten Rollstuhlfahrer eine Handgranate auf den Schoß gelegt und den Wagen mit dem hilflosen Mann aus der U-Bahn gestoßen hatte. Gestern Nachmittag hatten wir die Identität des angeblichen Terroristen klären können: Er hieß Ron Chambler und war vor zwei Wochen aus einer geschlossenen Anstalt in Albany ausgebrochen. Ein Bombenanschlag auf ein Bistro in SoHo mit drei Toten und sechs Verletzten ging auf sein Konto.

Noch als der Stuhl über den Bahnsteig auf unsere Deckung neben dem Lift zugerollt war, hatten wir angenommen, der Psychopath hätte soeben seine erste Geisel freigelassen. Einer unserer Leute war plötzlich hinter einer Säule hervorgesprungen und auf den Rollstuhl zugerannt - er hatte die Granate entdeckt. Die Explosion hatte den Stuhl umgeworfen, und jetzt lagen beide Männer regungslos auf dem Bahnsteig. Etwa fünfzehn Schritte von der U-Bahn entfernt. Wir hatten sie noch nicht bergen können. Chambler schoss auf jeden, der sich aus der Deckung wagte.

"Hören Sie, Chambler - wir wollen die Verletzten bergen - weiter nichts!" Das war Clives Stimme. Er kauerte mit einigen anderen Männern neben der Rolltreppe, etwa hundert Meter vom Lift entfernt, neben dem Orry und ich lagen, und hielt ein Megaphon vor den Mund. "Lassen Sie zwei Sanitäter auf den Bahnsteig."

Ich sah wie Chambler sich im Inneren der Bahn auf die Spitze des Zuges zubewegte. Offenbar wollte er zur Fahrerkabine, um das Funkgerät der U-Bahn zu benutzen. Dann gellte höhnisches Gelächter in den Ohrknöpfen unserer Walkie-Talkies - das Gelächter eines Psychopathen. Wir konnten den Funkverkehr zwischen Clive, der den Einsatz leitete, und dem Geiselnehmer mithören.

"Ich bin der Rächer Jehovas!", schrie Chambler. "Schaltet den Strom ein, damit der verdammte Zug sich endlich bewegt, dann kommt ihr an die Leichen ran!" Die Metropolitan Transportation Authority hatte der U-Bahn den Saft abgedreht. Wir wussten, dass der Mann nach Bowling Green, der Metrostation am Battery Park wollte. Was er dort vorhatte, hielt er bisher in den Windungen seines kranken Hirns verborgen.

Orry stieß mich mit dem Ellenbogen an und wies mit dem Kopf auf den dunklen Schacht, der hinter dem Zugende gähnte. Über dem Rand der Bahnsteigkante sah ich eine Bewegung. Das konnten nur Milo, Leslie und Jay sein - sie hatten den Auftrag, sich von der nächsten U-Bahn-Station aus über die Gleise an den Zug heranzuschleichen. Jetzt kam alles darauf an, dass Clive den Wahnsinnigen ablenkte.

"Was fordern Sie, Chambler?" Clive benutzte jetzt ebenfalls das Funkgerät. "Wir sind bereit, Ihnen entgegenzukommen!"

"Ich brauche euer Entgegenkommen nicht! Jehova ist mit mir!"

"Auch wir sind Werkzeuge Jehovas!", antwortete Clive. "Das wissen Sie doch. Sagen Sie uns, was wir im Namen Jehovas tun sollen!" Ich kam mir vor wie in einem schlechten Horrorfilm.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Chambler reagierte. Clives Bekenntnis schien ihn aus dem Konzept zu bringen. Sein Schatten hinter dem Fenster der Fahrerkabine blieb für einen Moment regungslos. Dann sah ich, wie er die linke Hand mit dem Mikrofon zum Mund führte. In der Rechten hielt er die Maschinenpistole und zielte durch die offene Kabinentür in den Fahrgastraum.

"Buße will ich!", kreischte er ins Funkgerät. "Diese ganze dreckige Stadt soll Buße tun!"

"Das ist eine hervorragende Idee, Chambler!", antwortete Clive. "Lassen Sie uns überlegen, wie wir das hinkriegen - haben Sie einen Vorschlag?!"

Jetzt sah ich die Umrisse zweier Männer außen an der Zugspitze. Es war geplant, dass Leslie eine Scheibe des Fahrgastraumes zertrümmern sollte. Milo und Jay sollten die Schrecksekunde ausnutzen, um das Fenster der Fahrerkabine einzuschlagen und eine Blendgranate ins Innere zu werfen. Ich hielt den Atem an. Orry schob sich auf den Knien ganz nah an das Ende der Rolltreppe und stützte sich auf seine Hände, wie ein Sprinter kurz vor dem Start.

"Der Schlachttag des Herrn ist nahe!", brüllte der Verrückte "Das muss dieser sündigen Stadt verkündigt werden!"

"So ist es, Chambler, jeder weiß doch, was New York für eine schlimme Stadt ist." Clive sprach mit ruhiger, sanfter Stimme. Meine Nackenhaare richteten sich auf. Die Szene hatte etwas Gespenstisches.

"Doch wer wagt es, ihr das zu verkünden?", dröhnte es theatralisch aus aus dem Knopf in meinem Ohr. "Ich, Ron Chambler! Ich, der Bote Jehovas!" Einer der Schatten an der Zugspitze stieg auf die vordere Kupplung der Bahn und schob sich langsam an den unteren Fensterrand heran.

"Korrekt, Ron!" Wieder Clives Stimme. "Und wie stellen wir das an? Wollen Sie Sendezeit in den Abendnachrichten?"

"So spricht Jehova: Fliegt meinen Boten Ron Chambler zur Statue of Liberty!" Seine Stimme überschlug sich. Es war grässlich. "Auch das Fernsehen soll dort hinkommen. Dann wird mein Bote Ron Chambler dieser Stadt meinen Tag der Rache ..."

Der Rest ging in einem lauten Knall unter. Glas splitterte, Menschen schrien, dann wieder ein wuchtiger Schlag, diesmal von der Spitze des Zuges - Orry und ich verbargen unsere Gesichter zwischen den Knien. Trotzdem nahmen wir den grellen Blitz wahr, der die Fahrerkabine der Bahn für einen Moment mit gleißendem Licht erfüllte. Dann spurteten wir los.

Nach weniger als dreißig Sekunden war alles vorbei. Während hinter uns Ärzte und Sanitäter die Fahrgäste auf den Bahnsteig führten, standen wir in der Fahrerkabine um Chamblers Leiche. Er blutete aus mehreren Schusswunden. ">Der Schlachttag des Herrn ...<", murmelte Orry kopfschüttelnd und steckte seinen Revolver zurück in das Holster an seinem Gürtel.

"Scheiße", entfuhr es Leslie.

Der Rollstuhlfahrer war tot. Unser Mann, der ihn retten wollte, schwer verletzt. Vor den Absperrbanden auf dem Bahnsteig drängelten sich Männer und Frauen mit Kameras und Mikrofonen. Ein Blitzlichtgewitter brach los. Einige der Reporter scharten sich um Clive und hielten ihm ihre Mikros unter die Nase.

"Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen", abwehrend hob er beide Arme, "wir werden in Kürze eine Pressekonferenz einberufen." Trotzdem entlockten sie ihm den Namen des Wahnsinnigen und dessen psychiatrische Vergangenheit in der geschlossenen Abteilung.

Milo und ich versuchten dem Rummel zu entgehen. Entlang der Absperrung schlichen wir zum Lift. Noch bevor wir ihn erreichten, öffnete sich seine Tür und gab den Blick auf eine Gruppe von Männern frei. In ihren zumeist dunklen Anzügen, mit ihren blank gewienerten schwarzen Schuhen und ihren wichtigen Gesichtern erinnerten sie mich sofort an eine Delegation der Finanzbehörden, die unangemeldet ins Chefbüro einer Firma stürmt, um die Bücher zu prüfen. Dann allerdings hätten sie sich in der Adresse getäuscht.

Der Einzige der etwa sieben Männer, der keinen dunklen, sondern einen silbergrauen, großkarierten Anzug trug, setzte sich sofort in Bewegung und stach zielstrebig aus dem Aufzug. Er war etwas kleiner als die anderen sechs, hatte schwarze, an den Schläfen ergraute Haare und eines dieser austauschbaren, glatten Gesichter, die in letzter Zeit ständig auf den Leinwänden der Kinos herumlächelten.

Seine Begleiter blieben dicht bei ihm. Offenbar handelte es sich bei ihnen um die Bodyguards von Mr. Wichtig.

Milo und ich blieben neugierig stehen. Die Gruppe marschierte an uns vorbei auf die Mitte des Bahnsteiges zu, wo die Reporter Clive immer noch nicht ziehen lassen wollten. Für einen Moment sah ich den Mann von Nahem. Er war höchstens vierzig Jahre alt, hatte den federnden Gang erfolgsgewohnter Menschen und kam mir plötzlich irgendwie bekannt vor.

Jetzt entdeckten ihn auch die ersten Reporter. Sofort strömten sie auf die Gruppe der Neuankömmlinge zu und ließen Clive stehen. "Mr. Cassedy, Mr. Cassedy", riefen die Reporter durcheinander und arrangierten ein Gestrüpp von Mikrofonen vor dem Gesicht des Mannes. Seine Gorillas sorgten mit starrten Mienen dafür, dass niemand auf Tuchfühlung mit ihrem Boss ging. "Was sagen Sie zu diesem schreckliche Vorfall, Mr. Cassedy!"

Ich runzelte die Stirn und wandte mich an meinen Partner. "Cassedy?"

"Der Anwalt aus Lower Manhattan", klärte Milo mich auf, "will Gouverneur von New York State werden." Endlich fiel der Groschen in meinem Kopf. In knapp sieben Monaten, am Ende des Jahres, würde der neue Gouverneur des Staates New York gewählt werden. Und dieser Mann da, der jetzt keine sechs Schritte von mir ungerührt das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen ließ, war der republikanische Kandidat für diesen Posten.

"Ich bin zutiefst erschüttert", sagte er mit sonorer Stimme, "allen Angehörigen der Opfer möchte ich an dieser Stelle mein tiefstes Mitgefühl aussprechen."

Es gibt ein paar Politiker, die haben etwas zu sagen und sagen es dann. Und es gibt eine Unzahl von Politikern, aus denen redet ein Programm, das sie an irgendeiner Stelle ihres Hirns gespeichert hatten und bei Bedarf abspulten. Dieser Mann gehörte nach meinem Eindruck zur Sorte der Letzteren.

"Und bei allem was mir heilig ist, verspreche ich Ihnen an dieser Stelle", Cassedy wandte sich frontal der Kamera des NBC-Fernsehteams zu, "wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um schon die Wurzeln solchen Terrors mit aller Härte des Gesetzes auszurotten."

Milo und ich sahen uns an. Mein Partner schien das Gleiche zu denken wie ich: Wir kamen eben in den fragwürdigen Genuss, einen abgebrühten Medienfuchses bei seiner täglichen Routine zu beobachten.

"Aber es war kein Terrorist!", rief eine Frau aus dem Reporterrudel. "Laut FBI handelt es sich bei dem Täter um einen Psychopathen!"

"Das werden die weiteren Ermittlungen ergeben", schnarrte Cassedy, als wäre er der Chef unserer Firma. "Und wenn, wäre es fast genauso schlimm, als würde es sich um einen Terroristen handeln. Ich verspreche Ihnen ..."

"Lass uns gehen", sagte ich zu Milo und wandte mich dem Lift zu. Schweigend fuhren wir zum Broadway hinauf. Ich wusste nur, dass ich den Mann nicht mochte. Dass er in wenigen Tagen zu einem Hauptobjekt meines Interesses werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal. Hätte ich es geahnt, hätte ich mir diesen Cassedy genauer angeguckt.

3

Die rote Corvette stoppte vor dem hohen, gusseisernen Tor. Die Fahrertür öffnete sich und eine hochgewachsenen Blondine in Jeans und schwarzer Lederjacke stieg aus dem Fahrzeug. "Komm!", rief sie in den Wagen hinein. Ein großer Hund mit grauem Zottelfell sprang auf den Kiesweg vor der Einfahrt.

Die Frau ging auf das Tor zu, schloss es auf und drückte beide Flügel nach innen. Der Hund stürmte auf den ungepflegten Rasen vor dem zweistöckigen Giebelhaus, dessen ehemals dunkelblaue, verwitterte Fassade sicher seit vierzig Jahren nicht mehr gestrichen worden war. Auch von den Fensterläden - einige hingen schief neben den kleinen Sprossenfenstern - blätterte die Farbe ab.

Eine baufällige Holzhütte mit einem Wellblechdach lehnte sich an die linke efeubedeckte Wand des Hauses. Brennnesseln, Holunderbüsche und Haselnusssträucher wucherten um den Schuppen herum - Ausläufer eines weiträumigen, verwilderten Gartengrundstückes, das dieses alte Haus am Südrand von Tarrytown umgab. Die beiden Flügel der Schuppentür quietschten jämmerlich, als die Frau sie öffnete.

Nachdem sie die Corvette in den Schuppen gefahren hatte, holte sie ein paar Gepäckstücke aus dem Kofferraum und ging dann zurück zur Einfahrt ihres Grundstückes. Das große Tor und der genauso hohe, gusseiserne Zaun standen in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem verwahrlost wirkenden Haus. Die dunkelblaue Farbe der gedrechselten Metallstreben stammte frühstens aus dem vergangenen Sommer und der kniehohe Betonsockel des Zaunes war höchstens drei Jahre alt.

Bevor sie das Tor schloss, zog die Frau drei Zeitungen aus der außen angebrachten Röhre neben Sprechanlage und Klingelknopf. >Fred und Melanie Roosford< stand auf dem Messingschild darunter.

Die Samstag- und Montagausgaben der Zeitung flogen gleich in die Mülltonne. Die Dienstagszeitung klemmte sie sich unter den Arm. "Grizzly!", rief sie und sprang die vier Stufen hoch, die zu ihrer Haustür führten. Dort stellte sie die große Sporttasche und den Alukoffer mit der Fotoausrüstung ab. "Grizzly!"

Der Hund kam aus den Büschen neben der Hütte gerannt und lief zu ihr an die Tür. Erwartungsvoll sah er sie an. Sein Gesicht erinnerte ein wenig an das eines Riesenschnauzers, obwohl die Schnauze länger war, als bei dieser Rasse. Dem dichten, zotteligen Fell nach hätte gut und gern auch ein ungarischer Hirtenhund bei der Produktion dieses Bastard mitgemischt haben können. Und was die disziplinierte Wachsamkeit Grizzlies betraf, befand sich irgendwo in der bunten Ahnenreihe des Hundes wahrscheinlich auch ein Schäferhund. Der alte James, Melanies Nachbar, behauptete das jedenfalls.

Melanie wusste es nicht. Sie hatte den Hund als Welpen in den Wäldern der Kanadischen Seeufer gefunden. Vor über zehn Jahren, in dem letzten Herbst, den sie dort mit Fred verbracht hatte. Sie liebte den Hund. Manche Kollegen munkelten sogar, dass der Köter das einzige Lebewesen war, das sie liebte. Abgesehen von Fred natürlich. Aber der lebte nicht mehr.

Sie schloss die alte, ehemals braune Tür auf, und der Hund sprang voran in den dunklen Flur. Sie warf die Zeitung auf die schwere Kommode unter dem großen Spiegel mit dem barocken Rahmen und stellte den Alukoffer neben die Treppe. "Ich steig schnell in die Dusche, danach gibt's was zu futtern", sagte sie und ging mit der Tasche die Treppe hinauf.

Ihr Schlafzimmer war im Vergleich zu dem Jugendstiltreppenaufgang der reinste Stilbruch: Dunkelblaue Designermöbel von kühler Eleganz standen sorgfältig miteinander arrangiert: Schminktisch, französisches Bett, Röhrenstuhl und Schrankwand mit Spiegeln verblendet. Über dem Bett hing ein abstraktes Gemälde.

Melanie öffnete eine der drei Flügeltüren des Schrankes und schob die Bügel mit Röcken und Jacketts auseinander. Sie griff hinein, drehte an drei Knöpfen eines Zahlenschlosses und zog die kleine, dickwandige Tresortür auf. Geldbündel und Schmuck lagen in dem Wandtresor. Schmuck, den sie nie oder nur selten anlegte.

Sie bückte sich und holte einen Packen Hundert-Dollar-Noten aus ihrer Tasche. Bevor sie das Geld in den Tresor legte, zählte sie die Noten noch einmal durch: Dreitausend Dollar. Die für den Sommer geplante Kanada-Tour war so gut wie finanziert.

"Leicht verdientes Geld", dachte sie. Und sofort schoss ihr durch den Kopf, was Fred dazu gesagt hätte: >Leicht verdientes Geld - well: Wenn man davon absieht, dass es dich auf die Dauer deine Seele kostet.< Das hätte er gesagt.

Sie schloss den Tresor, bückte sich wieder nach der Tasche und zog eine schwarzes Lederkostüm heraus. Sie hängte es auf einem Bügel in den Schrank. Für einen Moment ließ sie ihre Blicke über die Edelfetzen wandern, die diesen Teil des Schrankes füllten. Lauter Sachen, die nicht zu einer Frau passen wollten, die am liebsten alte Jeans und eine abgewetzte schwarze Lederjacke trug, die ihr mindestens zwei Nummern zu groß war.

Später stand sie unter der Dusche und seifte sich ein. Als sie den Schaum abspülte begann sie einen alten Dylon-Song zu pfeifen. Ihre Laune stieg beträchtlich.

Sie fuhr nur etwa zwei- oder dreimal die Woche nach Manhattan zu ihrer Agentur. Melanie hasste die Stadt. An den Wochenenden fuhr sie nur hinein, wenn ihr lukrativer Nebenjob sie dazu zwang. Das kam aber nicht öfter als ein- oder zweimal im Monat vor.

Sie parkte ihr Auto dann immer in einem Parkhaus am nördlichen Stadtrand und nahm die U-Bahn bis Grand Central. Es waren nicht mehr als 25 Meilen vom idyllischen Tarrytown im Hudson Tal bis in die City.

Unten bellte der Hund. "Ich komme, Grizzly!", rief sie, schlüpfte in einen dunkelblauen Seiden-Bademantel und lief die Treppe hinunter. Sie griff sich die Zeitung von der Kommode, warf sie in der großen Wohnküche auf den Tisch, auf dem noch das Frühstücksgeschirr vom vergangenen Freitag stand. Auf dem Weg zu ihrem großen Kühlschrank schaltete sie den Tuner im alten Küchenbüfett ein. Jazzklänge erfüllten schlagartig die Küche. "Jetzt kriegt mein Graubär was zu fressen", sie holte zwei Steaks aus dem Kühlschrank und legte sie dem Hund auf seinen schwarzen Teller. Sie selbst schlug sich ein paar Eier in die Pfanne.

Der Hund verschlang schmatzend seine Steaks. Während die Eier auf dem Herd brutzelten, fiel Melanies Blick auf die Zeitung. >Staatsanwältin kündigt wichtige Belastungszeugin an. Geschäftsmann aus Brooklyn des Frauenhandels und der Zuhälterei angeklagt.< Das Inhaltsverzeichnis auf der Titelseite verwies auf den New Yorker Innenteil.

Melanie verrührte hastig die Eier und schlug dann die Zeitung auf. Unter den Nachrichten aus New York City fand sie den Bericht. Sie las flüsternd. "… C. Washbone, der in Brooklyn einige Spielhallen besitzt, wird von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, im Großraum New York City mindestens vier Bordelle zu betreiben. Außerdem wirft man ihm den Handel mit osteuropäischen Frauen vor. Staatsanwältin Arytha Merlin beantragte die Vertagung des heutigen Prozesstages auf den kommenden Donnerstag. Eine wichtige Belastungszeugin wolle dann gegen Washbone aussagen ..."

Melanie ließ die Zeitung sinken und starrte das chaotisch überfüllte Wandregal gegenüber des Herdes an. Neben ihr begann Grizzly zu bellen. Schwanzwedelnd stand er am Herd. Sie fuhr herum und riss die Pfanne mit den verkohlten Eiern von der Platte.

Hektisch rannte sie aus der Küche, sprang die Treppe hinauf und betrat ein großes Zimmer. Fotoapparate und Stative standen überall herum, auf dem riesigen Eichenschreibtisch thronte ein PC, und die Wände hingen voller Fotografien - fast ausschließlich Naturaufnahmen.

Melanie kniete vor ihrem Schreibtisch nieder und riss an seiner linken Seite die unterste Schublade auf. Notizbücher, vollgeschriebene Hefte, alte Briefe und Tagebücher füllten sie. Sie suchte zehn Minuten lang, bis sie das Adressbuch fand. Fast ehrfürchtig nahm sie es hoch. >Adressen 1978 bis 1989< stand auf dem Deckblatt. Unter >S< schlug sie es auf. Mit dem Finger glitt sie über die Namen - Salman, Snyder, Shycastle, Sinnwell ...

"Caren Sinnwell", murmelte sie. Hinter dem Namen standen zwei durchgestrichene Adressen und Telefonnummern. Dann mit roter Tinte ein Brooklyner Nummer. Melanie lief die Treppe hinunter. Ihr Telefon stand auf der Kommode neben der Haustür. Sie hämmerte die Nummer in die Tastatur. "Sinnwell?", meldete sich eine männliche Stimme.

"Shycastle", instinktiv wählte sie einen falschen Namen, "könnte ich bitte Mrs. Caren Sinnwell sprechen?"

"Meine Frau kommt erst heute Abend aus Washington zurück ..."

4

Beifall brandete auf. Caren erhob sich von ihrem Stuhl auf dem Podium und deutete eine Verneigung an. Ihre Wangen glühten. Die kurze Diskussion nach ihrem Referat hatte im Wesentlichen aus Dankesadressen bestanden. Man hatte sie sogar ermutigt, ihre Arbeit zu veröffentlichen.

Mit zitternden Fingern, aber stolz wie ein kleines Mädchen nach dem ersten Klaviervorspiel, schob sie ihre Papiere und Overheadfolien zusammen und verließ das Podium. Der nächste Redner, ein Arzt aus Houston, nahm ihren Platz ein.

Caren setzte sich unter das Publikum und griff in die Tasche ihres Kostüms. Sie schob sich ein Stück Lakritze in den Mund. Am liebsten hätte sie sofort Dan angerufen, um ihren Triumph mit ihm zu teilen. Aber das wäre unhöflich gegenüber dem Redner gewesen. Also versuchte sie, sich auf ihn zu konzentrieren.

Der Vortrag war langweilig, und Carens Gedanken schweiften immer wieder ab. Vor allem zu ihrer vollen Blase. Als der Texaner endlich am Ende war, konnte sie kaum noch ruhig auf dem Stuhl sitzen. Der Moderator gab die Diskussion frei.

Die wurde ziemlich heftig. Caren hatte den Eindruck, dass sich alle Leute im Saal auf den Arzt vorn auf dem Podium konzentrierten. "Meine Chance", dachte sie, stand auf und huschte durch den Mittelgang der beiden Stuhlblöcke auf den Ausgang zu.

In den hinteren beiden Reihen saßen Pressevertreter. Darunter ein athletisch gebauter, dunkelhäutiger Mann. Nur flüchtig nahm Caren seinen interessierten Blick wahr. Sie schob ihn auf ihren tollen Vortrag, außerdem drückte sie ihre Blase zu sehr, als dass sie sich im Moment für männliche Blicke interessieren konnte. Sie verließ den Veranstaltungssaal.

Der farbige Pressevertreter zog sein Handy heraus und tippte eine Nummer hinein. "Muss das jetzt sein?", zischte ihn seine Nachbarin an. Er schüttelte lächelnd den Kopf und erhob sich.

Vor der Saaltür ließ er das Gerät wieder in seinem Sakko verschwinden. Er wollte gar kein Gespräch führen. Das Läuten des angewählten Apparates würde dessen Besitzer sagen, was er wissen musste.

Mit schnellem Schritt bog er in den Gang ein, auf dem die Toiletten lagen. Er sah gerade noch, wie Caren in der Damentoilette verschwand. Er sah sich um, lief auf die Tür zu und holte einen zusammengefalteten DIN-A4-Bogen aus der Innentasche seines Jacketts. Mit vier Klebstreifen befestigte er ihn an der Tür. Dann wandte er sich ab und verließ das Hotel.

Eine Frau, die zwei Minuten später vor derselben Tür stand, las mit zusammengezogenen Augenbrauen den Text auf dem Papierbogen: >Wegen Reinigungsarbeiten vorübergehend geschlossen. Bitte benutzen Sie die Toiletten im nächsten Stockwerk<. Kopfschüttelnd steuerte sie das Treppenhaus an.

Caren hatte sich in die mittlere der drei Toilettenkabinen eingeschlossen. Die beiden anderen waren besetzt. Sie verschaffte sich Erleichterung und seufzte zufrieden. Noch bevor sie sich wieder von der Toilettenschüssel erhob, fiel ihr die Ruhe in den beiden Nachbarkabinen auf. Sie lauschte. Nichts. Ihre Augen wurden schmal.

Plötzlich beschlich sie ein ungutes Gefühl. Vielleicht lag es daran, dass die hölzernen Trennwände nicht bis zur Decke reichten. Sie versuchte das beklemmende Gefühl zu verscheuchen, weil sie es nicht erklären konnte. Alles, was Caren Sinnwell sich nicht erklären konnte, pflegte sie zu vergessen oder zu verscheuchen - denn unerklärliche Dinge machten ihr Angst.

Sie senkte den Blick auf den gekachelten Boden. Die Trennwände schlossen auch unten nicht ab. Täuschte sie sich, oder hatte sie die Bewegung eines Schattens auf dem Kachelboden gesehen? Ihr Atem wurde kürzer und schneller. Und als eine Ecke in ihrem naturwissenschaftlich gebildeten Hirn diese Symptome registrierte, wurde ihr ihre Angst bewusst.

Hektisch griff sie nach dem Toilettenpapier rechts neben sich. Ein scheuerndes Geräusch hinter der linken Kabinenwand ließ sie erstarren. Dann eine Bewegung am oberen Rand ihres Gesichtsfeldes - sie warf den Kopf in den Nacken. Ein eisiges Vakuum tat sich explosionsartig in ihr auf und schien ihren Körper von innen zusammenzuziehen: Ein Mann in einem blauen Overall schwang sich über die Trennwand und fiel auf sie herunter wie ein zustoßender Greifvogel!

Er prallte auf ihre nackten Schenkel, drückte ihr Gesäß tief in die Schüssel und presste ihr eine nach Zigaretten stinkende Hand auf den Mund. Caren sah noch die böse funkelnden Augen unter den buschigen Brauen, sah noch die Glatze über der zerfurchten und zernarbten Stirn, sah noch das Emblem einer Gebäudereinigungsfirma auf dem Brustlatz des Overalls. Dann sah sie nur noch die weiße Decke der Toilette - ihr Kopf wurde mit brutaler Wucht in den Nacken gestoßen.

Ein hässliches Geräusch versetzte sie in äußerste Panik, mobilisierte noch einmal alle Kraft in ihrem erstarrten Körper, sodass sie trotz der sauer stinkenden Hand auf ihren Lippen einen heiseren Schrei zustande brachte, der aber sofort in einem jämmerlichen Gurgeln ertrank. Es war ein kurzes, schabendes Geräusch, fast zischend. Ein Geräusch, dass sie fast täglich hörte, wenn sie im gerichtsmedizinischen Institut mit dem großen Skalpell den Bauchraum einer Leiche öffnete.

Sie spürte noch den warmen Schwall, der sich über ihren Hals in das Dekolleté ihrer Bluse ergoss. Dann verschwamm die weiße Decke über ihr, füllte sich mit immer größer werdenden schwarzen Flecken, in denen schließlich alles, alles versank. Das letzte Sandkorn aus der oberen Hälfte ihrer Lebensuhr rutschte durch die dünne Spindel nach unten.

Ihr Mörder erhob sich schwer atmend, lauschte einen Moment und zog dann Carens Strumpfhose und Slip aus. Zusammen mit ihrer Kostümjacke stopfte er die Sachen in den Toilettenabfluss. Lakritze fiel aus Jackentasche in die Toilettenschüssel und auf den Kachelboden. Den Rock zog er ihr hoch bis unter die Achseln. Dann packte er den leblosen Körper, dessen Kehle weit auseinanderklaffte, drehte ihn um, platzierte ihn kniend zwischen Toilette und Wand und steckte Carens Kopf in das Klobecken. Er drückte die Spüle, wieder und wieder, bis das rot gefärbte Wasser über den Schüsselrand schwappte. Mit dem Stiel der Klobürste manipulierte er an den Genitalien der Frau herum.

Er verließ die Kabine. Aus der Nachbartoilette holte er einen Putzeimer. Unter dem Wasserhahn reinigte er sich seine Hände von Carens Blut. Am Bauch seines Overalls entdeckte er einen roten Fleck. Er presste den Eimer dagegen, öffnete die Toilettentür und schlenderte aus dem Hotel.

Eine Straße weiter stieg er in einen silbergrauen Ford. Im Autoradio wurde ein Basketballspiel übertragen. Der farbige Pressevertreter saß am Steuer. Carens Mörder warf den Eimer auf den Rücksitz und nickte seinem Partner zu. Der Schwarze bot ihm eine Chesterfield an und und reichte ihm ein Feuerzeug. Mit seinem quadratischen, kraushaarigen Schädel deutete er auf das Radio. "Die Rangers sind schon wieder am Gewinnen."

"Scheiße!", sagte der Mann in dem blauen Overall.

5

"Es wird Frühling, Partner!" Milo stieg in meinen Wagen und strahlte mich an. "Nächste Woche beginnt der Wonnemonat Mai!"

Ich setzte den Blinker und fädelte mich in die allmorgendliche Qual des Manhattaner Berufsverkehrs ein. "Mit anderen Worten du bist verliebt", bemerkte ich trocken.

"Leider nicht", sagte Milo gedehnt und räkelte sich auf dem Sitz, "noch nicht. Aber irgendetwas nähert sich auf leisen Sohlen. Ich spüre es in allen Knochen."

"Dann bin ich mal gespannt, hinter welcher Ecke dieses Etwas auftauchen wird, um deine romantischen Sinne zu verwirren", grinste ich.

Den Vortag, es war der Mittwoch gewesen, hatten wir mit dem ganzen Schreibkram verbracht, den der wahnsinnige Chambler uns beschert hatte. Und mit der Presse. Die ganze Stadt schien Kopf zu stehen wegen dieses Amokläufers.

Vierzig Minuten später betraten wir das Büro unseres Chefs. Auf der Schwelle blieben wir überrascht stehen. Mr. McKee hatte einen Gast. In seiner Konferenzecke saß ihm eine Frau gegenüber. Und was für eine Frau! Sie war gertenschlank und trug eine kurze, schwarze Samtjacke über einem dunkelroten, hautengen Kleid, das ihren atemberaubend Frauenkörper in seinen prachtvollen Formen betonte. Das Kleid gab ein paar vollendete Knie frei und mehr als die Hälfte ihrer wie gemeißelt wirkenden Oberschenkel. Und ihr Haut war schwarz! So schwarz wie der Kaffee, den ich heute Morgen getrunken hatte!

Ich brauchte ein paar atemlose Augenblicke, bis ich meine Fassung wiedergewann. Fast körperlich spürte ich den Ruck, der durch die Gestalt meines Partners neben mir ging.

"Ah, Gentlemen - da sind Sie ja endlich!" Unser Chef schien mir reichlich blass und übernächtigt an diesem Morgen, und mir schwante nichts Gutes. "Darf ich Ihnen Mrs. Merlin vorstellen?" Er wies auf die Lady. "Sie ist Staatsanwältin am obersten Gerichtshof des Staates New York."

Die Lady entblößte ein perlenweißes Gebiss und schenkte uns ihr hinreißendes Lächeln. "Arytha - das sind Mr. Tucker und Mr. Trevellian. Ihnen würde ich den Fall gerne anvertrauen."

Milo, in solchen Fällen grundsätzlich schneller als ich, war mit drei raschen Schritten bei ihr. Er ergriff ihre dargebotene Hand, als würde er ein Bündel Hundert-Dollar-Noten von der Straße aufheben, und verneigte sich. "Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen. Sonst sieht man Sie ja nur im Fernsehen." Es fehlte nicht viel und er hätte ihr die Hand geküsst. "Schön, dass es endlich Frühling wird. Finden Sie nicht auch, Madam?"

"Oh ja, das finde ich auch, Mr. Tucker." Sie entzog ihm lächelnd die Hand.

Ich war überzeugt davon, dass Milo sie noch nie im Fernsehen gesehen hatte. So gelassen wie möglich reichte ich ihr die Hand. "Ich hatte noch nie die Gelegenheit, Sie auf dem Bildschirm zu bewundern", sagte ich, "umso größer meine Überraschung, dass New York sich von einer derart charmanten Staatsanwältin vertreten lässt."

Sie senkte kurz den Blick. Dann lachte sie. "Wenn Sie mich näher kennenlernen, Mr. Trevellian, und mir dann noch so ein Kompliment machen, werde ich mir überlegen, wie ernst ich es nehmen will." Aus den Augenwinkeln bemerkte ich den säuerlichen Ausdruck auf Milos Gesicht.

"Kommen wir zur Sache, Gentlemen", Jonathan McKee wies auf die leeren Sessel in seiner Konferenzecke. Natürlich war ihm die delikate Nuance dieser Begrüßung aufgefallen. Er kannte Milo und mich lang genug. Aber er schien es eilig zu haben. "Es ist etwas sehr Ernstes geschehen." Er stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und lehnte sich dagegen.

"Eine Polizeiärztin aus Brooklyn ist in Washington ermordet worden", begann er, "Caren Sinnwell, vielleicht kennen Sie die Frau."

Milo und ich sahen uns erschrocken an. Wir hatten die Sinnwell ein paar Mal in der Pathologie getroffen. "War sie nicht Mitarbeiterin des FBI?", erinnerte ich mich.

"Genau", der Chef stieß sich vom Schreibtisch ab, "und sie wurde auf einer Ärztetagung ermordet, die unsere Zentrale in Washington veranstaltet hat." Er machte eine Pause und zog laut hörbar die Luft durch die Nase. "Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, was jetzt in Washington los ist."

Ich brauchte mich nicht besonders anstrengen, um mir das auszumalen. Der gewaltsame Tod eines FBI-Mitarbeiters war an sich schon ein Politikum. Wenn er dann aber noch sozusagen vor der eigenen Haustür und noch dazu während einer Art Betriebsveranstaltung ermordet wird, war der Teufel los. Vermutlich gab es an diesem Vormittag in allen FBI-Distrikten unseres Landes, bis hinaus zu dem kleinsten Außenposten in Minnesota, kein anderes Gesprächsthema.

"Ich habe im Lauf der Nacht schon dreimal mit dem Direktor gesprochen", seufzte unser Chef, "ich brauche Ihnen nicht sagen, dass der Fall höchste Priorität hat."

Wir nickten. "Wie wurde die Ärztin getötet."

"Der Mörder - wir gehen von einem Einzeltäter aus - hat ihr die Kehle durchgeschnitten." Der Chef drehte sich zu seinem Schreibtisch um, nahm ein paar Fotos und reichte sie uns. "Die Frau war nur halb bekleidet. Es spricht alles für ein Sexualverbrechen." Die Tatortfotos waren abscheulich. Der Kopf des Opfers steckte in einer WC-Schüssel. "Die Tatortanalyse geht Ihnen in den nächsten Stunden zu."

"Das sieht mir aber ganz nach einem gewollten Arrangement aus", kommentierte ich die Fotos.

"Genau!" Zum ersten Mal mischte sich die Staatsanwältin ein. "Das ist auch meine These, Mr. Trevellian! Hier wollte jemand den Tathergang und die Motive vertuschen." Ihre schwarzen Augen funkelten energisch. "Der Bericht der Gerichtsmedizin steht übrigens noch aus." Sie sprach mit einer rauchigen Altstimme. Eine Stimmlage, die meine Widerstandskraft als Mann schon immer entscheidend geschwächt hatte.

"Sie merken schon, Gentlemen", sagte der Chef, "Mrs. Merlin glaubt nicht an eine Vergewaltigung."