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Eines Tages taucht im idyllischen Dörfchen Bergbach ein kleines Mädchen mit einem großen Hund auf. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Bewohner auf ein Problem, das sie einfach verdrängt haben: Indem es beginnt die Kröten aufzusammeln, die sonst auf ihrer Wanderung über die Straße in großer Zahl überfahren würden, konfrontiert es die Erwachsenen mit deren Gleichgültigkeit. Nach einem Zusammentreffen mit Vater Breitmeier macht sich dessen Sohn Wolfgang auf, das Mädchen kennen zu lernen. Von Biggi lernt er ganz selbstverständlich, wie wichtig es ist, der Natur und jedem Lebewesen mit Respekt zu begegnen. Sie überzeugt ihn durch ihre Taten und zeigt ihm, dass man nicht einfach alles hinnehmen muss und auch als Kind viel erreichen kann. Als sie das Dörfchen Bergbach wieder verlässt, haben die Bewohner umgedacht, sind aufmerksamer geworden und haben ihre Gegensätze im Interesse des Umweltschutzes überwunden.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Nikolaus Starkmeth
Krötenwanderung
Eine optimistische Erzählung - nicht nur für Kinder
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Impressum
Kapitel 1
© 2013 Nikolaus Starkmeth
Umschlaggestaltung: Nikolaus Starkmeth
Lektorat, Korrektorat: Heike Starkmeth
ISBN: 978-3-8495-0313-0
Printed in Germany
Kapitel 2
Freitag nachmittags sind die meisten Menschen gut gelaunt, weil die Arbeitswoche zu Ende geht und ein freies Wochenende bevorsteht. Viele sind aber auch sehr hektisch, weil sie ganz schnell ganz viel erledigen müssen, was sonst die wertvolle Zeit am Wochenende kosten würde. So ist das auch in Bergbach, der kleinen Gemeinde im hügeligen Voralpenland, die weit genug von der Großstadt weg ist, um noch eine richtige Dorfgemeinde zu sein, auch, wenn viele ihrer Bewohner dort in der Stadt arbeiteten.
In den Geschäften ist immer viel los am Freitagnachmittag, weil viele Leute früher von der Arbeit nach Hause kommen und fürs Wochenende einkaufen. Deswegen sind auch die Geschäftsleute gut gelaunt, weil ihre Läden dann besonders voll sind und sie manchmal mehrere Kunden zugleich bedienen müssen. Fonsi, der Getränkehändler, ist immer gut gelaunt, das ist einfach so. Er hat keine Lust auf schlechte Laune. Und weil freitags auch bei ihm besonders viel los ist, helfen ihm an diesem Tag sein Bruder, seine Frau und sein Vater, und sogar sein Opa, der schon über achtzig Jahre alt ist, steht dann im Laden. Er spricht mit den Kunden, fragt, wie es allen geht, was die Ernte macht, wie es im Stall steht, und ob die Familie gesund ist. Der Opa hat schon immer in Bergbach gelebt, war dort sein ganzes Leben lang Bauer, und Bauer ist für ihn die einzig richtige Arbeit. Aber sein Bauernhof war nur noch klein, viel von dem Land ist inzwischen mit Häusern voll gebaut worden, und so hat sein Enkel zu den paar Kühen und Feldern, die er noch hat, einen Getränkeladen aufgemacht.
Fonsi mag die Freitage besonders. Während seine Frau und sein Vater bedienen und kassieren und sein Bruder hilft, die schweren Kisten in die Autos zu laden, schenkt er den Kunden zum Probieren Säfte, Limonaden oder eine neue Biersorte ein, und deswegen sind die Kunden bei ihm freitags auch immer gut gelaunt. Heute gab es ein Frühlingsbier aus einer kleinen Brauerei in der Nähe, und wer sich einen Kasten davon kauft, bekommt noch ein schönes Glas dieser Brauerei dazu. Gerade probierte er mit Schertner, dem Zweiten Bürgermeister, von dem Bier. “Also ich find´ es gut.” meinte er, “Schmeckt so richtig frisch. Kriegt man gleich Lust auf Biergarten und Brotzeit.” “Und was heißt jetzt naturtrüb?” fragte der Schertner. “Ist das vielleicht ein Bio-Bier?” mischte sich ein anderer Kunde ein, der Herr Breitmeier. Er lebt seit über zehn Jahren in Bergbach, und seine beiden Kinder sind hier geboren. Opa Grabner würde sagen “A Zug´roaster”, aber die Bergbacher betrachteten ihn schon als Einheimischen. “Bio-Bier, so an Schmarrn” schimpfte Schertner gleich. “Was soll denn an einem Bier Bio sein? Mir ham doch das Reinheitsgebot!” “Naja, aber die Rohstoffe, vor allem der Hopfen, der wird doch gespritzt, mit allen möglichen Mitteln, da wär‘s doch gut, wenn man den biologisch anbauen würde.” “Geh!” wehrte der Schertner ab, “is vielleicht unser Bier unbiologisch? Da is fei nix Verkehrtes drin, des steht im Reinheitsgebot, und unbiologisch wächst überhaupt kein Hopfen nicht!” Schertner nahm einen großen Schluck. Er war zufrieden, dass er dem Breitmeier Bescheid gesagt hat. Der ist nämlich im Gemeinderat, aber für eine andere Partei. Früher hat es diese Partei in Bergbach gar nicht gegeben, aber der Ort ist größer geworden, jetzt wohnen nicht mehr nur Bauern hier, und damit sind dann auch diese Partei und sogar Bürgerinitiativen nach Bergbach gekommen. Am Anfang hat Schertner sich schwergetan, mit diesen Andersdenkenden überhaupt zu reden, wo seine Partei doch die klare Mehrheit hatte, aber dann hat er sich überzeugen lassen, dass ein Zweiter Bürgermeister auch mit einer Opposition zurechtkommen muss, und Zweiter Bürgermeister wollte er schon bleiben.
Breitmeier wusste, dass die Sache mit dem Bier nicht so einfach lag, aber er wollte keinen Streit mit Schertner, bei dem ja doch nichts herauskommen würde. Stattdessen las er das Etikett von diesem naturtrüben Frühlingsbier und sagte dann zu Fonsi: “Das probier ich mal. Gibst mir ein Tragl. Aber schau doch mal, ob du nicht doch ein Bio-Bier auftreibst. Ich würde gerne eins haben.” “Mach ich.” meint Fonsi gutgelaunt. “Da hat so eine kleine Brauerei aufgemacht, drüben, im alten Kloster. Ich hab das Bier schon probiert, is gar net schlecht. Und des is ein Bio-Bier. Aber wer weiß, was des wieder kost´.”
An der Kasse, wo er darauf wartete, an die Reihe zu kommen, wurde Breitmeier vom Förster Zeidler angeredet: “Das ist nicht so einfach, den Leuten klar zu machen, dass es notwendig ist, mehr Bio-Sachen anzubauen und zu kaufen. Das ist mit dem Wald genauso. “So ham wir das immer schon gemacht” sagen sie, “und jetzt kommen da so ein paar Träumer daher und wollen uns was von Bio erzählen!” Dabei geht´s dem Wald gar nicht mehr gut, und bis das jeder selbst sieht, ist es längst zu spät.”
Breitmeier und Zeidler kennen sich aus dem Gemeinderat, in dem Zeidler eine Freie Wählervereinigung vertritt. Er gehört dort auch zur Opposition, und schon manchmal haben er und Breitmeier zusammen versucht, den Bürgermeister umzustimmen. Aber meistens ohne Erfolg.
“Ich bin ja froh, dass ich mich nicht mit diesen engstirnigen Bauern herumschlagen muss!” Frau Föging, die vor ihnen an der Kasse stand, hat sich zu den beiden Männern umgedreht, nachdem sie gezahlt hat. “Da geht es bei uns schon weltoffener zu. Schönes Wochenende!” Sie schob ihren Wagen zum Parkplatz. Frau Föging gehörte zu den wenigen Menschen, die in der Stadt wohnten und in Bergbach arbeiteten. Sie war Lehrerin und gab an der Bergbacher Hauptschule Biologie und Englisch. Hier auf dem Land waren die Klassen zwar größer, aber die Kinder ruhiger und interessierter am Unterricht. Die Stadt mag zwar weltoffener sein, aber sie bietet den Kindern so viel Ablenkung, zu viel Unterhaltung. Dort sind die Kinder in der Schule viel unruhiger, streitsüchtiger, und manchmal sogar gewalttätig. Breitmeier allerdings liebte das Leben hier draußen. Er hatte keine Probleme mit den “engstirnigen” Bauern, mit denen man auch eine Menge Spaß haben konnte.
Nachdem er allen ein schönes Wochenende gewünscht und seinen Einkauf hinten im Wagen verstaut hatte, stieg Breitmeier ein und fuhr los, immer noch gut gelaunt. Er war bald am Ortsrand, wo die Straße eine lange Kurve durch den Wald macht, immer bergauf. Im Winter war dies eine kritische Stelle, weil dort oft Eis in der Kurve ist, und bei Schnee bleiben hier viele Autos hängen. Aber heute war es warm, trocken, und er konnte den Heimweg flott antreten.
Er kontrollierte noch einmal seine Einkaufsliste auf dem Beifahrersitz, ob er auch alles erledigt hat, und als er wieder nach vorn auf die Straße schaut, steht da plötzlich jemand! Breitmeier musste scharf bremsen, und es war ein Glück, dass die Straße trocken war. So konnte er gerade noch rechtzeitig anhalten. Da stand doch tatsächlich ein Mädchen auf der Straße! Nachdem Breitmeier sich etwas von seinem Schreck erholt hat, bemerkte er, dass das Mädchen kein bisschen erschrocken war. Es schaute ihn nicht einmal an! Es mochte zwölf oder vierzehn Jahre alt sein, nach der Größe zu urteilen eher zwölf. Aber nach dem Gesichtsausdruck, mit dem es ernst und konzentriert auf die Straße schaute, hätte es auch viel älter sein können. Es hielt immer noch den Arm ausgestreckt, mit der Handfläche zu dem Auto hin, wie ein Verkehrspolizist, der das jeden Tag tut. Breitmeier sprang aus dem Wagen. “Ja bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was stehst du denn hier mitten auf der Straße, und dann noch in der Kurve? Hast du nicht gemerkt, dass ich dich beinahe überfahren hätte? Was machst du da?” Das Mädchen schaute nicht einmal zu ihm her. Immer noch schaute es auf den Boden und verfolgte etwas mit den Augen. Das Mädchen machte jetzt einen Schritt Richtung linken Straßenrand, und da sah Herr Breitmeier, worauf das Mädchen die ganze Zeit schaute: zwei Kröten, jede eine andere Kröte auf dem Rücken, überquerten die Straße. Mühsam und erschöpft erreichten sie gerade den Grasstreifen.
Er schaute sich das Mädchen genauer an. Es trug Jeans, Turnschuhe, einen weiten dunkelblauen Pullover, darüber eine hellgraue Windjacke, die nicht geschlossen war. Das Gesicht war oval, ein bisschen länglich. Die langen blonden Haare waren in einem merkwürdigen Knoten am Hinterkopf aufgerollt. Gehalten wurden sie von einem einfachen Ästchen, das in die Haarrolle hineingesteckt war. Oder war das eine raffinierte modische Designer-Haarnadel?
Plötzlich quietschen Reifen hinter ihnen. Breitmeier und das Mädchen zogen die Köpfe ein und warteten auf den Krach, der gleich folgen musste - aber es kam keiner. Knapp zwanzig Zentimeter hinter Breitmeiers Auto stand ein zweiter Wagen, aus dem Schertner heraus kletterte und lauthals schimpfte. “Ja seid‘s denn jetzt narrisch wor‘n!” plärrte er. “Mitten in derer Kurven auf der Straßn umanand stehn und ratschn. Ja, wenn i ned so schnell reagiert hätt, dann wär hier jetzt die Hölle los!” “Aber zuerst sind Sie ja wohl zu schnell gefahren” stellte das Mädchen sachlich fest. Auch wenn das stimmte - oder gerade deswegen? - wurde Schertner jetzt noch lauter. “Ja, wer bist denn du? Ist des eana Tochter?” fragte er Breitmeier. “Jetzt glaub ich´s aber! Des Mädl gehört amal gscheit übers Knie glegt!” Er ging ein paar Schritte entschlossen auf das Mädchen zu, wurde aber unsicher, als er sah, wie ruhig es blieb. Breitmeier wollte ihn beruhigen. “Das ist nicht meine Tochter. Das Mädchen wollte ein paar Kröten schützen, die die Straße überquert haben. Es ist ja nichts passiert.” “Nix passiert?” Schertner wurde wieder aufgeregter, jetzt wo er wusste, dass das nicht Breitmeiers Tochter ist. “Nix passiert? Aber nur, weil ich so schnell reagiert habe. Und jetzt schaust zu, dass d’ da von der Straße verschwindst. Und zwar glei!” Schertner ging stürmisch auf das Mädchen zu, wollte es am Arm packen und - sah den Hund, der da plötzlich neben dem Mädchen stand. Ein großer, schwarz-weißer Hund, mit langen zotteligen Haaren, von unbestimmbarer Rasse. Er sah eigentlich ganz friedlich aus, ja, sogar lustig. Aber die Augen, mit denen er jede Bewegung von Schertner verfolgte, waren nicht lustig. Schertner ging etwas langsamer, aber doch weiter auf das Mädchen zu. Der Hund machte einen kleinen Schritt zwischen Schertner und das Mädchen und bellte einmal kurz. “Halt!”, so klang das. Schertner blieb stehen und überlegte kurz. Auf keinen Fall wollte er hier wie ein Angsthase aussehen. Aber andererseits war das ein großer Hund, und wenn der ernst macht... Schertner war nicht mehr so gut in Form wie früher, bestimmt einige Kilo über seinem Idealgewicht, und er hätte sicherlich keine Chance, vor dem Hund wegzulaufen. Und kämpfen, mit einem Hund... “Sie fahren jetzt erst mal Ihren Wagen an den Rand.” befahl er Breitmeier. “Und machen’s gefälligst die Warnblinkanlage an. Das ist ja gefährlich, wie Sie da mitten auf der Straße parken.” Mit diesen Worten war Schertner bei seinem Wagen, schaltete ebenfalls die Warnblinkanlage an und grabschte sich sein Handy aus der Halterung. Jetzt konnte er endlich mal richtig davon Gebrauch machen. Seine Freunde haben ihn schon oft damit aufgezogen, dass er sich ein Mobiltelefon zugelegt hat. Und das hier in Bergbach. “Da brauchst dich doch bloß aufn Markt stellen und an Schrei ´nauslassn. Des hört do a jeder!” Aber er war der Meinung, dass ein Zweiter Bürgermeister in Notfällen immer erreichbar sein und immer telefonieren können muss. Das war jetzt so ein Fall. “Sie, Breitmeier, ich ruf jetzt die Polizei, die kümmert sich dann um Sie, um Ihr Madl und vor allem den Hund da. Ohne Leine, ohne Halsband, so geht des fei net.” Während er das sagte, stieß er ein paar Mal mit dem Telefon in Breitmeiers Richtung, dann fing er an zu wählen. “Ich hab´s Ihnen schon gesagt, Schertner, das ist nicht meine Tochter. Ich kenne das Mädchen nicht, und den Hund schon gar nicht. Ich bin hier herauf gefahren, und da stand es, mitten auf der Straße, und hat mich gestoppt. Genau hier.” Er ging zu der Stelle, wo das Mädchen gerade noch gestanden hatte, schaute dann links und rechts. “Sie ist weg.” stellte er fest. Tatsächlich. Kein Mädchen, kein Hund. “Sie hat die Kröten schützen wollen, die hier über die Straße gehüpft sind.” Weit und breit keine Kröten. Das Mädchen, der Hund, der so plötzlich aufgetaucht war, die Kröten, die, mit einem Artgenossen auf dem Rücken, so große Anstrengung unternommen hatten, um die Straße zu überqueren - alle waren spurlos verschwunden. Das kam Breitmeier plötzlich so unwirklich vor, und er zweifelte, dass das alles wirklich eben passiert ist.
Schertner war inzwischen mit Wählen fertig und wartete, dass sich die Polizeiinspektion melden würde. Er sah Breitmeiers ratlosen Blick und stellte ebenfalls fest, dass von Mädchen und Hund keine Spur mehr zu sehen war. “Polizeiinspektion Oberham, Grüß Gott!” quäkte es aus dem Handy. Schertner ging ein paar Schritte auf den Wald zu, der von dichtem Gebüsch eingesäumt war. Er sah keine Stelle, durch die er so ohne weiteres hätte schlüpfen können. Er blieb stehen und lauschte. “Polizeiinspektion Oberham. Hallo! So reden Sie doch!” “Pssscht!” zischte Schertner ins Telefon, “Glei!” Nichts zu hören, keine Schritte, kein Ast der brach - einfach nichts. Ein schöner stiller Ort ist Bergbach schon. Es gab also doch nichts zu telefonieren. Er klappte das Handy zu, schnitt dem Polizisten in Oberham einfach das Wort ab. Nachdenklich ging er zum Auto zurück. Als er gerade die Tür öffnen wollte, wurde er von einem überlauten, durchdringenden Ton aus seinen Gedanken geschreckt. Schnell sprang er hinter sein Auto in Deckung, und schon quälte sich hupend, qualmend und zischend ein großer Lastwagen, schwer mit nassem Kies beladen, an ihnen vorbei den Berg hinauf. Der Fahrer hatte das Fenster geöffnet und schimpfte irgendetwas hinaus, was aber in dem anderen Lärm völlig unterging. “Er hat recht, wir sollten hier schleunigst die Straße frei machen. Also, schönes Wochenende nochmal.” Breitmeier sprach‘s und stieg in sein Auto, etwas nachdenklich, aber immer noch gut gelaunt. Sekunden später war Schertner allein. “Was war jetzt da eigentlich los?” fragte er. Aber weil er keine Antwort bekam, beschloss er, auch weiter zu fahren. Er war jetzt nicht mehr so gut gelaunt.
Freitags war das Abendessen bei Breitmeiers immer etwas Besonderes. Es war der einzige Abend, an dem die ganze Familie zusammen aß. Sonst kam der Vater mal später nach Hause oder war auf Geschäftsreise, Hannah, die Tochter, war im Chor, im Basketball oder im Schwimmverein, und Wolfgang, ihr jüngerer Bruder, war zweimal die Woche abends im Fußballtraining. Und manchmal hatte auch Frau Breitmeier etwas vor, nur am Freitagabend gab es Punkt sechs Abendessen für alle. Heute gab es ein großes Blech selbst gemachte Pizza. Jeder hatte ein Viertel Blech für sich mit seinem eigenen Lieblingsbelag. Aber meistens wurde fleißig getauscht, so dass doch jeder von allem probierte. Dazu gab es eine große Salatschüssel mit der ersten Ernte aus dem eigenen Garten, und kalten Früchtetee. Sonst war das Abendessen immer eine schnelle Angelegenheit, weil alle noch etwas vor hatten, und jeder zusah, dass er rasch fertig wurde und möglichst ohne Abräumen oder Abwaschen davon kam. Aber am Freitag wurde langsam und ausgiebig gegessen, über die vergangene Woche geredet, und später spielten alle zusammen etwas, das sich abwechselnd einer von ihnen aussuchen durfte. Heute war Hannah an der Reihe, und sie wollte mal wieder Canasta spielen, das geht ja nur zu viert richtig.
Herr Breitmeier hatte sich nach der Schule erkundigt, und ob Wolfgang am Wochenende ein Fußballspiel hat. Hannah erzählte von der Aufführung, die sie mit dem Chor planten, und Frau Breitmeier erklärte, was sie für Veränderungen im Garten machen wollte, und wer ihr was dabei helfen sollte. Zuerst verdrehten die Kinder die Augen, aber dann hatten sie noch eigene Vorschläge und freuten sich schon darauf.
Dann teilte Wolfgang die Karten aus, und er und seine Mutter spielten gegen Hannah und Vater. “Mensch, pass doch auf!” fuhr Hannah ihren Vater an. “Darauf hat Wolfgang doch nur gewartet.” Tatsächlich hatte Vater zum zweiten Mal eine Karte gebracht, die Wolfgang sehr gut gepasst hat, und jetzt war schon die zweite Partie verloren. Dabei gewann man mit Vater sonst meistens. “Du passt gar nicht richtig auf. Oder lässt du Wolfgang absichtlich gewinnen?” “Nein nein.” beteuerte der Vater. Aber er war tatsächlich abgelenkt. Er musste die ganze Zeit an das Erlebnis am Bruchberg denken, mit dem Mädchen, dem Hund und den Kröten. “Sag mal, Hannah, kennst du ein Mädchen, etwa so alt wie du, vielleicht etwas älter, lange blonde Haare?” “Klar, kenne ich! In meiner Klasse sind ungefähr vier, in der Parallelklasse auch drei, und an der ganzen Schule - warte mal, vielleicht zweiundzwanzig. Wieso, was ist mit ihr?” Vater musste lächeln. Er versuchte immer, seinen Kindern beizubringen, dass man präzise Fragen stellen muss, damit man eine Antwort bekommt, die einem etwas nützt. Jetzt hatte seine Tochter ihn erwischt. “Ich glaube nicht, dass sie hier in die Schule geht. Ich hab´ sie noch nie gesehen. Sie hat einen großen Hund, so einen zotteligen Langhaarmischling.” “Au, so einen hätte ich auch gern” rief Wolfgang aufgeregt dazwischen. Er wünschte sich schon lange einen Hund, aber bei den vielen anderen Dingen, die die Kinder jeden Tag zu tun hatten, wäre die ganze Arbeit der Mutter geblieben. Und die hatte etwas dagegen. “Einen langhaarigen Hund muss man jeden Tag gründlich kämmen”, sagte sie in ermahnendem Ton, “und nach jedem Spaziergang hängt der halbe Wald in seinem Fell”. “Na gut, dann einen kurzhaarigen, so wie der Beni einen hat. Abgemacht?” Er konnte es nicht lassen. “Der Hund gehört nicht Beni, sondern zum Hof. Er hat eine eigene Hütte, frisst draußen, geht alleine spazieren und kommt nie ins Haus. Wir haben keinen Bauernhof.” “Letzte Woche ist der Arco wohl im Haus gewesen. Er hat in der Küche zwei Wammerl gestohlen und sich dann beim Beni ins Bett gelegt.” Zu spät! Wolfgang merkt am Blick seiner Mutter, dass diese Geschichte keine gute Reklame für einen Hund war. “Aber was ist jetzt mit diesem Mädchen?” fragte Hannah noch mal. Vater erzählte die Geschichte.
“Die Kröten haben andere Kröten über die Straße getragen? Waren die verwundet oder was?” staunte Wolfgang. Er dachte an die Heftchen, die er bei Beni immer las, von Angreifern aus dem Weltall mit gefährlichen Strahlenpistolen. Zu Hause wurden diese Heftchen nicht geduldet. Hannah erklärte es ihm. “Wenn die Kröten zum Laichen gehen, tragen die Weibchen dabei die Männchen auf dem Rücken und lassen sich begatten. Das ist ganz schön anstrengend.” Der Vater nickte anerkennend über das Wissen seiner Tochter. “Und was passiert mit den Leichen, die die Kröten wegtragen. Begraben sie die? Oder machen sie sie gesund?” “Laichen, mit a-i, so nennt man das Eierlegen von den Kröten. Die Männchen, die getragen werden, leben noch. Lernt ihr das nicht in eurer Schule? Da spielt ihr wohl nur!” Wolfgang ging auf eine Montessori-Schule, wo es keine Zeugnisse gibt und die Kinder anders unterrichtet werden als in Hannahs Schule. Eigentlich wäre Hannah auch gerne in die Montessori-Schule gegangen, aber es gab dort keine Klasse für ihr Alter, weil die Schule erst neu gegründet worden war. Also stichelte sie ihren Bruder mit dieser Schule, wann immer sie Gelegenheit dazu hatte.
“Jedenfalls werden am Bruchberg jedes Jahr viele Kröten überfahren, weil dort der einzige Weiher in dieser Gegend ist, an dem sie laichen können” erklärte Vater “Das war ziemlich gefährlich, was das Mädchen da gemacht hat, in dieser unübersichtlichen Kurve. Manche Autos brausen da ganz schön schnell rauf, damit sie Schwung für den langen Berg haben. Also, du kennst sie nicht?” fragte er Hannah noch mal. Die schüttelte nur den Kopf und zählte leise mit beim Karten austeilen.
Die “Post” ist das älteste Wirtshaus in Bergbach. Früher war in dem Haus am Marktplatz wirklich die Post, und dort wurden die Pferde, die die Postkutsche zogen, zum letzten Mal gewechselt, bevor sie in die Stadt fuhr. Heute war die Post in ein kleineres Gebäude weiter weg vom Marktplatz umgezogen. Eine Zeit lang haben die Bergbacher gefürchtet, dass ihre Post ganz geschlossen wird, wie es in vielen Gemeinden in der Umgebung geschehen ist. Heute, wo jeder selbst ein Telefon und viele sogar ein Faxgerät haben, sei die kleine Post unwirtschaftlich, hieß es. Der Gemeinderat hat geschlossen für die Post gekämpft, Herr Breitmeier hat sich besonders stark dafür eingesetzt, und zum Schluss blieb sie geöffnet. Deswegen waren er und Schertner auch keine richtigen Gegner. Wenn es darauf ankam, hielten alle zusammen.
In der „Post“ ist der Stammtisch der alten Einheimischen, und natürlich muss da auch der Zweite Bürgermeister hingehen. Hier wird darüber geredet, was für Sorgen die Leute haben, und hier haben sich die Bergbacher schon über manchen Streit geeinigt, der im Gemeinderat nicht zu beenden war. Heute ging es aber um den Fußballverein, der am Sonntag ein wichtiges Spiel hatte. “Ich versprechs euch, hier und jetzt, wenn der ASV aufsteigt, sorg´ ich für ein neues Trainingsgelände! Und wir bauen ein Vereinsheim mit Tribüne. Glaubt´s mir´s.” Schertner genoss es, solche überraschenden Versprechungen zu machen. Die anderen am Stammtisch, nickten beifällig, einer zweifelte. “Des glabst do selber net!” “So wie die spuin, kannst ois versprecha. Die steigen gwiss net auf!” lachte ein anderer.
Der Neubau von einem ganzen Sportplatz mit Vereinsheim und Turnhalle war schon seit Jahren ein Wunsch der Fußballer und der Bergbacher Schule. Platz wäre sogar da, nur hat es bis jetzt am Geld weit gefehlt. Schertner wusste aber, dass die Landesregierung einen großen Zuschuss bewilligt hatte, und deswegen konnte er so große Versprechungen machen. “Und was is mit dem Bergbach? Wird der jetzt endlich begradigt und eingefasst, dass i mit meinem Trecker auf die Wiesen kann?” Auch das war ein Projekt, um das schon lange gekämpft wurde. Der Filzmaier, der die Frage gestellt hat, besaß einige Äcker und Wiesen, die jedes Frühjahr unter Wasser standen, weil das Schmelzwasser aus den Bergen den Bach über die Ufer treten ließ. Bis die Wiesen trocken waren, so dass man mit dem Traktor darauf fahren konnte, wuchs auf den anderen Feldern schon das Gras und das Getreide, und deswegen lagen diese Wiesen brach. Der Filznbauer wollte sie aber bewirtschaften, dann könnte er seine andere Wiese, die fast im Ort lag, vielleicht als Bauland verkaufen. Naturschützer waren vehement gegen die Regulierung des Baches, der in seiner Natürlichkeit sehr schön war und vielen Tieren Schutz und Lebensraum bot. Aber deswegen sollte er auf ein gutes Geschäft verzichten?
“Mit die Naturschützer, des is so a Problem” begann der Schertner. “Sobald die von so was Wind bekommen schreien sie gleich: aussterbenden Rassen, bedrohtes Biotop, lauter so Sachen. Und dann holen sie Zeitung und Fernsehen. Da mach ma was! Schaust ja aus wie ein Tiermörder.” Ihm fiel die Geschichte vom Nachmittag ein. “Heut hab ich so ein Madel erwischt, steht am Bruchberg auf der Straßn und hält Autos an, weil so liebestolle Kröten über die Straße hupfen. Die Göre die. Sentimentale Tierfreunde! Stellt sich da hin, wo´s leicht überfahren werden kann. Nur wegen dene Krötn! Was bringt denn des? Wenn´s so bled san die Krötn, gehörn´s halt überfahrn. Aber die hob i weitergschickt, glabt´s mer´s.” “Die Mistviecher, die bledn. Wennst Pech hast, kummst no ins Schleidern wegen dene Kröten. Zu was soll ma die braucha?” Ein paar am Tisch nickten zustimmend, bevor sie einen Schluck nahmen. “Filzner, i sog dir wos. Wennst du mit die Naturschützer klarkommst - fürs Geld sorg i.” Das war ein leichtes Versprechen, das der Schertner wahrscheinlich nie würde einlösen müssen. Aber der Filzner war zufrieden, dass der Schertner auf seiner Seite war. “Kumm, geh weiter. Trink ma no a Halbe. I gib oan aus.” Schertner war sicher, dass er an diesem Tisch lauter Wähler hatte, wenn es im Herbst zur Bürgermeisterwahl ging.
Wolfgang lag im Bett und kuschelte sich an seinen Käpt´n Blaubär. Seine Schwester krabbelte zu ihm hinein. Vater würde eine Geschichte vorlesen, und obwohl Hannah eigentlich schon zu alt war für diese Gute-Nacht-Geschichte, liebte sie diese leisen Erzählungen vor dem Schlafengehen, und genoss sie mit ihrem kleinen Bruder zusammen. Und wer ist schon zu alt, um eine schöne Geschichte vorgelesen zu bekommen? Sie hatten ein dickes Buch voller Tiergeschichten, die Hannah alle in- und auswendig kannte. Ihre Mutter hatte schon aus diesem Buch vorgelesen bekommen, und auch Wolfgang hatte die meisten Erzählungen schon mehr als einmal gehört. Trotzdem war es immer wieder schön, wie Papa mit verstellter Stimme die einzelnen Tiere nachmachte, wenn sie miteinander redeten. Die Kinder stellten sich die Tiere dann immer wie Menschen vor, die aufrecht gehen und sogar angezogen waren. Für manche Tiere hatten sie sich Menschen ausgedacht, die sie kannten, und wenn sie über jemanden reden wollten, ohne dass der es bemerkte, benutzten sie einfach den Tiernamen. Das machte viel Spaß, und in solchen Momenten waren die Geschwister Verschworene mit einer eigenen Sprache, und der Altersunterschied spielte dann gar keine Rolle.
