Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Allen Liebhabern von Märchen und fantastischer Literatur sei 'Kunstmärchen & Fantasiegeschichten' von Theodor Storm wärmstens empfohlen. Diese Sammlung zeitloser Geschichten entführt den Leser in eine Welt voller Zauber und Geheimnisse. Storms einfühlsames und poetisches Schreiben wird Sie verzaubern und zum Nachdenken anregen. Tauchen Sie ein in die Welt der Kunstmärchen und lassen Sie sich von Storms Meisterwerken verzaubern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Books
Diese Werksammlung mit dem Titel „Kunstmärchen & Fantasiegeschichten“ führt in einen Bereich von Theodor Storms Schaffen, der neben seinen berühmten Novellen eine eigene Prägung besitzt. Versammelt sind ausgewählte Prosastücke, in denen das Wunderbare, Sagenhafte und Unheimliche Gestalt gewinnt. Die Zusammenstellung bietet damit keine Gesamtausgabe, sondern eine repräsentative Auswahl maßgeblicher Texte aus diesem Feld. Sie richtet sich an Leserinnen und Leser, die Storms Fantasie in ihrer Spannweite erleben möchten: von der kindernahen Erzählung bis zur schauerlich gefärbten Novelle. Zugleich zeigt sie, wie stark Storms poetischer Realismus auch im Bereich des Kunstmärchens wirksam bleibt.
Die vorliegenden Stücke entstammen unterschiedlichen Gattungen der kurzen Prosa. Mit Die Regentrude, Hans Bär und Der kleine Häwelmann sind Kunstmärchen und Kindererzählungen vertreten; Hinzelmeier: Eine nachdenkliche Geschichte setzt einen kontemplativen Akzent. Bulemanns Haus und Der Spiegel des Cyprianus gehören zu jenen Erzählungen, die das Fantastische mit realistischen Milieus verschränken. Am Kamin ergänzt das Spektrum um eine Prosaarbeit, in der die Atmosphäre des Erzählens selbst bedeutsam wird. So entsteht ein Panorama, das Storms Umgang mit Märchenmotiven, Volksglauben und dem leisen Schauer sichtbar macht, ohne den Boden genauer Beobachtung des Alltäglichen zu verlassen.
Verbindend ist das Spiel mit Schwellen: zwischen Tag und Nacht, Kindheit und Erwachsensein, Vernunft und Aberglauben. Storm lässt seine Figuren oft an Punkten auftauchen, an denen Wunsch und Wirklichkeit sich berühren, und fragt, welche Verantwortung aus Träumen, Verlockungen und Erinnerungen erwächst. Die Natur erscheint nicht bloß als Hintergrund, sondern als sinnstiftende Gegenmacht, deren Rhythmus Menschen wie Geschichten prägt. Dabei wird das Wunderbare nie bloße Effekthascherei; es dient, zurückhaltend dosiert, der Prüfung von Charakter, Gewissen und Gemeinschaft. So verweben sich Märchenzug und Moralfrage, Staunen und Skepsis zu einem Gefüge von zeitloser Anziehungskraft.
Stilistisch verbindet Storm knappe, rhythmisch geschliffene Sätze mit einer Bildsprache, die aus alltäglichen Dingen leise Funken schlägt. Seine Prosa hält Distanz und Nähe zugleich: nüchterne Beobachtung, dann plötzlich ein poetischer Aufglanz. Der Erzähler klingt häufig wie eine vertraute Stimme aus der Stube, die Vergangenes überliefert, ohne das Geheimnis zu entzaubern. Wiederkehrende Formelemente – Rahmung, eingeschobene Sagen, Binnenerzählungen oder mündliche Berichte – verdichten die Aura der Überlieferung. So entsteht ein Ton, der das Geschehen glaubwürdig erdet und doch offen lässt, wo das Reale endet und das Fantastische beginnt; ein Gleichgewicht, das diese Texte prägt.
Viele Schauplätze sind norddeutsch grundiert: flache Landschaften, Küste, Kleinstädte, Wege zwischen Marsch und Geest. Doch die Orte wirken weniger malerisch als sprechend; Häuser, Zimmer, Wege tragen Erinnerung und Erwartung. In Bulemanns Haus etwa steht das Gebäude selbst im Zentrum der Unruhe, während Der Spiegel des Cyprianus eine alte Überlieferung als Prüfstein der Gegenwart nutzt. Die Regentrude, Hans Bär und weitere Märchen greifen traditionelle Motive auf und formen sie zu eigenständigen, zeitgenössisch gefühlten Erzählungen. So entsteht eine Topografie des Fantastischen, die aus vertrauter Nähe heraus ihr Rätsel entfaltet und lange nachhallt.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer doppelten Lesbarkeit. Sie öffnen sich jungen Leserinnen und Lesern durch klare Bilder und plastische Szenen, erschließen erfahrenen Lesern zugleich subtile psychologische und gesellschaftliche Spannungen. Storms Fantasiegeschichten gehören zum Kernbestand seiner Prosa, weil sie zeigen, wie poetischer Realismus das Wunderbare nicht verdrängt, sondern fruchtbar macht. In ihnen verbinden sich literarische Tradition und moderne Sensibilität: Achtung vor Überlieferung, Skepsis gegenüber einfachen Lösungen, Vertrauen auf Sprache. Darin liegt ihre Gegenwartstauglichkeit – sie laden ein, über Wirklichkeit, Einbildung und Gewissen neu ins Gespräch zu kommen miteinander.
Diese Edition versteht sich als Einladung, Storms Kunstmärchen und Fantasieerzählungen im Zusammenhang zu lesen. Sie zeigt, wie die einzelnen Stücke einander kommentieren: Das Märchenhafte macht die Novelle durchlässig, die Novelle schärft dem Märchen den Blick. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, bündelt jedoch zentrale Texte und ordnet sie so, dass Entwicklungen, Kontraste und Leitmotive erkennbar werden. Wer den Weg durch diese Sammlung nimmt, erhält keinen Katalog von Wundern, sondern einen sorgfältig gebauten Resonanzraum, in dem Storms Werk zwischen Tradition und Moderne, Augenblick und Dauer, Wirklichkeit und Möglichkeit schwingt weiter.
Die Kunstmärchen und Fantasiegeschichten Theodor Storms entstanden zwischen den 1840er und 1860er Jahren, in einer Epoche rascher politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Der 1817 in Husum (Schleswig) geborene Jurist und Dichter gilt als Vertreter des poetischen Realismus; zugleich bewahrte er romantische Bildwelten, die er literarisch diszipliniert einsetzte. In dieser Sammlung verbinden sich dörfliche Erfahrungsräume Norddeutschlands mit gelehrten Traditionen und zeitgenössischem Alltagswissen. Orte wie Husum und Berlin bilden kulturelle Bezugspunkte, an denen sich die Spannungen zwischen Fortschritt und Erinnerung bündeln. So entsteht ein Erzählraum, in dem Wunderbares als Prüfstein bürgerlicher Gewissheiten erscheint.
Storms Lebensweg war eng mit der Schleswig-Holstein-Frage verknüpft. Nach den Revolutionsjahren von 1848, in denen Bürgerwehren, Petitionen und Pressefreiheit kurzzeitig aufblühten, geriet Husum wieder unter dänische Verwaltung. Storm verlor Anstellungen, ging 1853 als preußischer Beamter nach Heiligenstadt und kehrte erst 1864, nach dem deutsch-dänischen Krieg, als Amtsrichter nach Husum zurück. Erfahrungen von Entwurzelung und Heimkehr prägen die Märchenatmosphäre: Fremde Mächte, alte Rechte und lokale Sitten ringen um Geltung. Diese politischen Brüche verschoben Storms Perspektive auf Autorität und Gemeinschaft und schärften sein Interesse an überlieferten Erzählformen, die Zugehörigkeit stiften und zugleich Machtverhältnisse kritisch beleuchten.
Zwischen 1850 und 1870 beschleunigten Eisenbahnbau, Telegraphie und Industrialisierung die Vereinheitlichung des Deutschen Bundes und später des Reiches (1871). In den Städten wuchs eine gebildete Bürgerschicht, die häusliche Lesekreise, Leihbibliotheken und Familienjournalen pflegte. Storm adressierte dieses Publikum, indem er Wunderbares vor Kaminfeuern und in Amtsstuben siedelte: das Außerordentliche bricht ins Gewöhnliche. Zugleich bewahrte er die Sprache ländlicher Milieus Schleswig-Holsteins. Der doppelte Blick – urbane Modernität und provinzieller Alltag – formte eine Poetik, in der Kunstmärchen als Reflexionsräume über Besitz, Verantwortung und Gemeinsinn fungieren. So wurden seine Geschichten zugleich Unterhaltung, Charakterstudie und gesellschaftliche Selbstprüfung.
Auf Storms Kunstmärchen wirkt der Nachhall der Romantik, insbesondere der Brüder Grimm, die seit 1812 Märchen als nationales Kulturgut etablierten. Doch im Zeitalter von Naturforschung und Positivismus – man denke an Alexander von Humboldts „Kosmos“ (1845–1862) – tendierte die gelehrte Öffentlichkeit dazu, das Übernatürliche skeptisch zu prüfen. Storm reagierte, indem er das Wunderbare psychologisch erdete und als soziale Versuchsanordnung erzählte. Kontakte zu Zeitgenossen wie Theodor Fontane, Gottfried Keller und Paul Heyse stärkten den poetisch-realistischen Stil. So konnten magische Spiegel, Geisterhäuser oder Naturmächte zu Signaturen innerer Konflikte und bürgerlicher Selbstdisziplin werden, statt bloßer Sensation.
Die nordfriesische Landschaft – Marschland, Deiche, Halligen und die sturmgefährdete Nordsee – prägte Storms Imagination. Die große Sturmflut von 1825 und wiederkehrende Erntekrisen der 1840er Jahre sensibilisierten Zeitgenossen für die Fragilität agrarischer Existenzen. In dieser Erfahrungswelt erscheinen Naturmächte als handelnde Instanzen: Regen, Wind, Flut oder Dürre sind nicht bloß Kulisse, sondern moralische Kräfte, die Gier, Trägheit oder Vergemeinschaftung kommentieren. Volkskundliches Wissen, Sagenstoffe und kirchliche Festkalender strukturieren die Handlung. So übersetzen die Märchen kollektive Umweltängste in anschauliche Prüfungen, während zugleich neue technische Lösungen – von Entwässerung bis Deichbau – als leise Konkurrenz zum Übernatürlichen spürbar bleiben.
Storms juristische Praxis – als Advokat, später Amtsrichter – konfrontierte ihn mit Eigentumsstreitigkeiten, Vormundschaften und kleinbürgerlicher Intrige. Der Blick auf Verträge, Erbschaften und Pfändungen schärfte sein Gefühl für die moralischen Risse hinter respektablen Fassaden. In den Fantasiegeschichten wird das Haus zum Schauplatz sozialer Schuld; Aberglauben kollidiert mit Aktenkunde. Figuren wie Hinzelmeier oder Hans Bär veranschaulichen Verwundbarkeit und Scham an gesellschaftlichen Rändern. Zeitgleich führten Preußen und das spätere Reich schrittweise Justizreformen ein, kulminierend in den Reichsjustizgesetzen von 1877–1879. Debatten um Rechtsgleichheit und Öffentlichkeit prägten die Lektüre: Leserinnen und Leser erkannten in Spuk und Zauberspiegeln verschlüsselte Kommentare zu Besitz, Strafe und Reputation.
Die Ausbreitung moderner Volksschulen, Fröbels Kindergartenidee (seit 1837) und eine prosperierende Zeitschriftenkultur – Familienblätter wie Die Gartenlaube (ab 1853) – förderten eine neue Kinder- und Jugendliteratur. Storm schrieb wiederholt für ein junges Publikum, ohne den erwachsenen Mitleser auszusparen. Kürzere Formen, eingängige Bilder und gelegentliche Druckillustrationen erhöhten die Reichweite. Im häuslichen Rahmen des Vorlesens, wie in Am Kamin, entstand ein Resonanzraum, in dem moralische Einsichten und melancholische Töne nebeneinander bestehen konnten. Diese doppelte Adressierung erklärt die zeitgenössische Popularität: Pädagogische Milieus lobten Anschaulichkeit und Mäßigung, während Literaten die subtile Ironie und psychologische Genauigkeit der Kunstmärchen hervorhoben.
Nach der Reichsgründung 1871 gewann die Suche nach „deutschen“ Traditionen neue Konjunktur. Storms Rückgriff auf norddeutsche Sagen, Dialektfärbungen und örtliche Topographie traf diese Stimmung, ohne in Folklore-Patina zu erstarren. Zeitgenössische Kritik schätzte die stilistische Ökonomie und den leisen Skeptizismus gegenüber Macht und Wunderglauben. Spätere Generationen – im Zeitalter des Naturalismus und darüber hinaus – lasen die Märchen als Bindeglieder zwischen Romantik und Realismus. So tragen Die Regentrude, Der kleine Häwelmann, Der Spiegel des Cyprianus oder Bulemanns Haus bis heute Züge einer historischen Doppelbelichtung: Sie spiegeln Modernisierungserfahrungen und bewahren zugleich die poetische Autorität des Überlieferten.
Diese Märchen führen Figuren durch wundersame Natur- und Traumräume, in denen alte Kräfte und kindliche Imagination konkrete Not und innere Unruhe spiegeln.
Der Ton wechselt zwischen spielerischer Leichtigkeit und ernster Besinnung; im Fokus stehen Maß, Verantwortung und die versöhnende Ordnung von Natur und Herz.
Diese Geschichten entfalten das Übernatürliche als Echo von Begierde, Schuld und Vereinsamung, wobei Spukorte und rätselhafte Gegenstände das Gewissen der Figuren beleuchten.
Atmosphärische Dichte, Aberglauben und moralische Spannung verbinden sich zu leise unheimlichen Studien über Grenzüberschreitungen und ihre Folgen.
Hier berührt das Außergewöhnliche den Alltag: Dorferfahrung, Außenseitertum und Erinnerungen werden durch das Erzählen gebündelt und erhalten einen stillen Glanz.
Der Ton ist warm und nachdenklich; im Zentrum stehen Mitgefühl, Zugehörigkeit und die Bewahrung gemeinschaftlicher Geschichten.
Die Sammlung verbindet volksmärchenhafte Stoffe mit realistischer Beobachtung, sodass Naturbilder, Jahreszeiten und Wetter seelische Zustände spiegeln.
Wiederkehren Motive sind Übergänge zwischen Traum und Wirklichkeit, Schuld und mögliche Läuterung sowie der feine Wechsel von Heiterkeit zu Melancholie.
Einen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern.
Es war an einem Vormittag. Die Dorfstraßen standen leer; wer nur konnte, war ins Innerste der Häuser geflüchtet; selbst die Dorfkläffer hatten sich verkrochen. nur der dicke Wiesenbauer stand breitspurig in der Torfahrt seines stattlichen Hauses und rauchte im Schweiße seines Angesichts aus seinem großen Meerschaumkopfe. Dabei schaute er schmunzelnd einem mächtigen Fuder Heu entgegen, das eben von seinen Knechten in die Diele gefahren wurde. – Er hatte vor Jahren eine bedeutende Fläche sumpfigen Wiesenlandes um einen geringen Preis erworben, und die letzten dürren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit blanken Krontalern gefüllt.
So stand er auch jetzt und rechnete, was bei den immer steigenden Preisen der Überschuß der Ernte für ihn einbringen könne. »Sie kriegen alles nichts«, murmelte er, indem er die Augen mit der Hand beschattete und zwischen den Nachbarsgehöften hindurch in die flimmernde Ferne schaute; »es gibt gar keinen Regen mehr in der Welt[1q].« Dann ging er an den Wagen, der eben abgeladen wurde; er zupfte eine Handvoll Heu heraus, führte es an seine breite Nase und lächelte so verschmitzt, als wenn er aus dem kräftigen Duft noch einige Krontaler mehr herausriechen könne.
In demselben Augenblicke war eine etwa fünfzigjährige Frau ins Haus getreten. Sie sah blaß und leidend aus, und bei dem schwarzseidenen Tuche, das sie um den Hals gesteckt trug, trat der bekümmerte Ausdruck ihres Gesichtes nur noch mehr hervor. »Guten Tag, Nachbar«, sagte sie, indem sie dem Wiesenbauer die Hand reichte, »ist das eine Glut; die Haare brennen einem auf dem Kopfe!«
»Laß brennen, Mutter Stine, laß brennen«, erwiderte er, »seht nur das Fuder Heu an! Mir kann’s nicht zu schlimm werden!«
»Ja, ja, Wiesenbauer, Ihr könnt schon lachen; aber was soll aus uns andern werden, wenn das so fortgeht!«
Der Bauer drückte mit dem Daumen die Asche in seinen Pfeifenkopf und stieß ein paar mächtige Dampfwolken in die Luft. »Seht Ihr«, sagte er, »das kommt von der Überklugheit. Ich hab’s ihm immer gesagt; aber Euer Seliger hat’s allweg besser verstehen wollen. Warum mußte er all sein Tiefland vertauschen! Nun sitzt Ihr da mit den hohen Feldern, wo Eure Saat verdorrt und Euer Vieh verschmachtet.«
Die Frau seufzte.
Der dicke Mann wurde plötzlich herablassend. »Aber, Mutter Stine«, sagte er, »ich merke schon, Ihr seid nicht von ungefähr hergekommen; schießt nur immer los, was Ihr auf dem Herzen habt!«
Die Witwe blickte zu Boden. »Ihr wißt wohl«, sagte sie, »die fünfzig Taler, die Ihr mir geliehen, ich soll sie auf Johanni zurückzahlen, und der Termin ist vor der Tür.«
Der Bauer legte seine fleischige Hand auf ihre Schulter. »Nun macht Euch keine Sorge, Frau! Ich brauche das Geld nicht; ich bin nicht der Mann, der aus der Hand in den Mund lebt. Ihr könnt mir Eure Grundstücke dafür zum Pfand einsetzen; sie sind zwar nicht von den besten, aber mir sollen sie diesmal gut genug sein. Auf den Sonnabend könnt Ihr mit mir zum Gerichtshalter fahren.«
Die bekümmerte Frau atmete auf. »Es macht zwar wieder Kosten«, sagte sie, »aber ich danke Euch doch dafür.«
Der Wiesenbauer hatte seine kleinen klugen Augen nicht von ihr gelassen. »Und«, fuhr er fort, »weil wir hier einmal beisammen sind, so will ich Euch auch sagen, der Andrees, Euer Junge, geht nach meiner Tochter!«
»Du lieber Gott, Nachbar, die Kinder sind ja miteinander aufgewachsen!«
»Das mag sein, Frau; wenn aber der Bursche meint, er könne sich hier in die volle Wirtschaft einfreien, so hat er seine Rechnung ohne mich gemacht!«
Die schwache Frau richtete sich ein wenig auf und sah ihn mit fast zürnenden Augen an. »Was habt Ihr denn an meinem Andrees auszusetzen?« fragte sie.
»Ich an Eurem Andrees, Frau Stine? – Auf der Welt gar nichts! Aber« – und er strich sich mit der Hand über die silbernen Knöpfe seiner roten Weste – »meine Tochter ist eben meine Tochter, und des Wiesenbauers Tochter kann es besser belaufen.«
»Trotzt nicht zu sehr, Wiesenbauer«, sagte die Frau milde, »ehe die heißen Jahre kamen –!«
»Aber sie sind gekommen und sind noch immer da, und auch für dies Jahr ist keine Aussicht, daß Ihr eine Ernte in die Scheuer bekommt. Und so geht’s mit Eurer Wirtschaft immer weiter rückwärts.«
Die Frau war in tiefes Sinnen versunken; sie schien die letzten Worte kaum gehört zu haben. »Ja«, sagte sie, »Ihr mögt leider recht behalten, die Regentrude muß eingeschlafen sein; aber – sie kann geweckt werden[4q]!«
»Die Regentrude?« wiederholte der Bauer hart. »Glaubt Ihr auch an das Gefasel?«
»Kein Gefasel, Nachbar!« erwiderte sie geheimnisvoll. »Meine Urahne, da sie jung gewesen, hat sie selber einmal aufgeweckt. Sie wußte auch das Sprüchlein noch und hat es mir öfters vorgesagt, aber ich habe es seither längst vergessen.«
Der dicke Mann lachte, daß ihm die silbernen Knöpfe auf seinem Bauche tanzten. »Nun, Mutter Stine, so setzt Euch hin und besinnt Euch auf Euer Sprüchlein. Ich verlasse mich auf mein Wetterglas, und das steht seit acht Wochen auf beständig Schön!«
»Das Wetterglas ist ein totes Ding, Nachbar; das kann doch nicht das Wetter machen!«
»Und Eure Regentrude ist ein Spukeding, ein Hirngespinst, ein Garnichts!«
»Nun, Wiesenbauer«, sagte die Frau schüchtern, »Ihr seit einmal einer von den Neugläubigen!«
Aber der Mann wurde immer eifriger. »Neu-oder altgläubig!« rief er, »geht hin und sucht Eure Regenfrau und sprecht Euer Sprüchlein, wenn Ihr’s noch beisammenkriegt! Und wenn Ihr binnen heut und vierundzwanzig Stunden Regen schafft, dann –!« Er hielt inne und paffte ein paar dicke Rauchwolken vor sich hin.
»Was dann, Nachbar?« fragte die Frau.
»Dann – – dann – zum Teufel, ja, dann soll Euer Andrees meine Maren freien!«
In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und ein schönes schlankes Mädchen mit rehbraunen Augen tret zu ihm auf die Durchfahrt hinaus. »Topp, Vater«, rief sie aus, »das soll gelten!« Und zu einem ältlichen Manne gewandt, der eben von der Straße her ins Haus trat, fügte sie hinzu: »Ihr habt’s gehört, Vetter Schulze!«
»Nun, nun, Maren«, sagte der Wiesenbauer, »du brauchst keine Zeugen gegen deinen Vater aufzurufen; von meinem Wort da beißt dir keine Maus auch nur ein Titelchen ab.«
Der Schulze schaute indes, auf seinen langen Stock gestützt, eine Weile in den freien Tag hinaus; und hatte nun sein schärferes Auge in der Tiefe des glühenden Himmels ein weißes Pünktchen schwimmen sehen, oder wünschte er es nur und glaubte es deshalb gesehen zu haben, aber er lächelte hinterhältig und sagte: »Mög’s Euch bekommen, Vetter Wiesenbauer, der Andrees ist allewege ein tüchtiger Bursch!«
Bald darauf, während der Wiesenbauer und der Schulze in dem Wohnzimmer des erstern über allerlei Rechnungen beisammensaßen, trat Maren an der andern Seite der Dorfstraße mit Mutter Stine in deren Stübchen.
»Aber Kind«, sagte die Witwe, indem sie ihr Spinnrad aus der Ecke holte, »weißt du denn das Sprüchlein für die Regenfrau?«
»Ich?« fragte das Mädchen, indem sie erstaunt den Kopf zurückwarf.
»Nun, ich dachte nur, weil du so keck dem Vater vor die Füße tratst.«
»Nicht doch, Mutter Stine, mir war nur so ums Herz, und ich dachte auch, Ihr selber würdet’s wohl noch beisammen bekommen. Räumt nur ein bissel auf in Eurem Kopfe; es muß ja noch irgendwo verkramet liegen!«
Frau Stine schüttelte den Kopf. »Die Urahn ist mir früh gestorben. Das aber weiß ich wohl noch, wenn wir damals große Dürre hatten, wie eben jetzt, und uns dabei mit der Saat oder dem Viehzeug Unheil zuschlug, dann pflegte sie wohl ganz heimlich zu sagen: ›Das tut der Feuermann uns zum Schabernack, weil ich einmal die Regenfrau geweckt habe!«
»Der Feuermann?« fragte das Mädchen, »wer ist denn das nun wieder?« Aber ehe sie noch eine Antwort erhalten konnte, war sie schon ans Fenster gesprungen und rief: »Um Gott, Mutter, da kommt der Andrees; seht nur, wie verstürzt er aussieht!«
Die Witwe erhob sich von ihrem Spinnrade: »Freilich, Kind«, sagte sie niedergeschlagen, »siehst du denn nicht, was er auf dem Rücken trägt? Da ist schon wieder eins von den Schafen verdurstet.«
Bald darauf trat der junge Bauer ins Zimmer und legte das tote Tier vor den Frauen auf den Estrich. »Da habt ihr’s!« sagte er finster, indem er sich mit der Hand den Schweiß von der heißen Stirn strich.
Die Frauen sahen mehr in sein Gesicht als auf die tote Kreatur. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, Andrees!« sagte Maren. »Wir wollen die Regenfrau wecken, und dann wird alles wieder gut werden.«
»Die Regenfrau!« wiederholte er tonlos. »Ja, Maren, wer die wecken könnte! – Es ist aber auch nicht wegen dem allein; es ist mir etwas widerfahren draußen.« –
Die Mutter faßte zärtlich seine Hand. »So sag es von dir«, ermahnte sie, »damit es dich nicht siech machte!«
»So hört denn!« erwiderte er. – »Ich wollte nach unsern Schafen sehen und ob das Wasser, das ich gestern abend für sie hinaufgetragen, noch nicht verdunstet sei. Als ich aber auf den Weideplatz kam, sah ich sogleich, daß es dort nicht seine Richtigkeit habe; der Wasserzuber war nicht mehr, wo ich ihn hingestellt, und auch die Schafe waren nicht zu sehen. Um sie zu suchen, ging ich den Rain hinab bis an den Riesenhügel. Als ich auf die andre Seite kam, da sah ich sie alle liegen, keuchend, die Hälse lang auf die Erde gestreckt; die arme Kreatur hier war schon krepiert. Daneben lag der Zuber umgestürzt und schon gänzlich ausgetrocknet. Die Tiere konnten das nicht getan haben; hier mußte eine böswillige Hand im Spiele sein.«
»Kind, Kind«, unterbrach ihn die Mutter, »wer sollte einer armen Witwe Leides zufügen!«
»Hört nur zu, Mutter, es kommt noch weiter. Ich stieg auf den Hügel und sah nach allen Seiten über die Ebene hin; aber kein Mensch war zu sehen, die sengende Glut lag wie alle Tage lautlos über den Feldern. Nur neben mit auf einem der großen Steine, zwischen denen das Zwergenloch in den Hügeln hinabgeht, saß ein dicker Molch und sonnte seinen häßlichen Leib. Als ich noch so halb ratlos, halb ingrimmig um mich her starrte, hörte ich auf einmal hinter mir von der andern Seite des Hügels her ein Gemurmel, wie wenn einer eifrig mit sich selber redet, und als ich mich umwende, sehe ich ein knorpsiges Männlein im feuerroten Rock und roter Zipfelmütze unten zwischen dem Heidekraut auf und ab stapfen. – Ich erschrak mich, denn wo war es plötzlich hergekommen! – Auch sah es gar so arg und mißgeschaffen aus. Die großen braunroten Hände hatte es auf dem Rücken gefaltet, und dabei spielten die krummen Finger wie Spinnenbeine in der Luft. Ich war hinter den Dornbusch getreten, der neben den Steinen aus dem Hügel wächst, und konnte von hier aus alles sehen, ohne selbst bemerkt zu werden. Das Unding drunten war noch immer in Bewegung; es bückte sich und riß ein Bündel versengten Grases aus dem Boden, daß ich glaubte, es müsse mit seinem Kürbiskopf vornüber schießen; aber es stand schon wieder auf seinen Spindelbeinen, und indem es das dürre Kraut zwischen seinen großen Fäusten zu Pulver rieb, begann es so entsetzlich zu lachen, daß auf der andern Seite des Hügels die halbtoten Schafe aufsprangen und in wilder Flucht an dem Rain hinunterjagten. Das Männlein aber lachte noch gellender, und dabei begann es von einem Bein auf das andre zu springen, daß ich fürchtete, die dünnen Stäbchen müßten unter seinem klumpigen Leibe zusammenbrechen. Es war grauenvoll anzusehen, denn es funkelte ihm dabei ordentlich aus seinem kleinen schwarzen Augen.«
Die Witwe hatte leise des Mädchens Hand gefaßt.
»Weißt du nun, wer der Feuermann ist?« sagte sie. Maren nickte.
»Das allergrausenhafteste aber«, fuhr Andrees fort, »war seine Stimme. ›Wenn sie es wüßten, wenn sie es wüßten!‹ schrie er, ›die Flegel, die Bauerntölpel!‹ Und dann sang er mit seiner schnarrenden, quäkenden Stimme ein seltsames Sprüchlein; immer von vorn nach hinten, als könne er sich gar daran nicht ersättigen. Wartet nur, ich bekomm’s wohl noch beisammen!«
Und nach einigen Augenblicken fuhr er fort:
»Dunst ist die Welle[2q], Staub ist die Quelle!«
Die Mutter ließ plötzlich ihr Spinnrad stehen, das sie während der Erzählung eifrig gedreht hatte, und sah ihren Sohn mit gespannten Augen an. Der aber schwieg wieder und schien sich zu besinnen.
»Weiter!« sagte sie leise.
»Ich weiß nicht weiter, Mutter; es ist fort, und ich hab’s mir unterwegs doch wohl hundertmal vorgesagt.«
Als aber Frau Stine mit unsicherer Stimme selbst fortfuhr:
»Stumm sind die Wälder, Feuermann tanzet über die Felder[3q]!«
da setzte er rasch hinzu:
Nimm dich in acht! Eh du erwacht, Holt dich die Mutter Heim in die Nacht!«
»Das ist das Sprüchlein der Regentrude!« rief Frau Stine; »und nun rasch noch einmal! Und du, Maren, merk wohl auf, damit es nicht wiederum verlorengeht!«
Und nun sprachen Mutter und Sohn noch einmal zusammen und ohne Anstoß:
Dunst ist die Welle, Staub ist die Quelle! Stumm sind die Wälder, Feuermann tanzet über die Felder!
Nimm dich in acht! Eh du erwacht, Holt dich die Mutter Heim in die Nacht!«
»Nun hat alle Not ein Ende!« rief Maren; »nun wecken wir die Regentrude; morgen sind alle Felder wieder grün, und übermorgen gibt’s Hochzeit!« Und mit fliegenden Worten und glänzenden Augen erzählte sie dem Andrees, welches Versprechen sie dem Vater abgewonnen habe.
»Kind«, sagte die Witwe wieder, »weißt du denn auch den Weg zur Regentrude?«
»Nein, Mutter Stine; wißt Ihr denn auch den Weg nicht mehr?«
»Aber, Maren, es war ja die Urahne, die bei der Regentrude war; von dem Wege hat sie mir niemals was erzählt.«
»Nun, Andrees«, sagte Maren und faßte den Arm des jungen Bauern, der währenddes mit gerunzelter Stirn vor sich hin gestarrt hatte, »so sprich du! Du weißt ja sonst doch immer Rat!«
»Vielleicht weiß ich auch jetzt wieder einen«, entgegnete er bedächtig. »Ich muß heute mittag den Schafen noch Wasser hinauftragen. Vielleicht, daß ich den Feuermann noch einmal hinter dem Dornbusch belauschen kann! Hat er das Sprüchlein verraten, wird er auch noch den Weg verraten; denn sein dicker Kopf scheint überzulaufen von diesen Dingen.«
Und bei diesem Entschluß blieb es. Soviel sie auch hin und wieder redeten, sie wußten keinen bessern aufzufinden.
Bald darauf befand sich Andrees mit seiner Wassertracht droben auf dem Weideplatze. Als er in die Nähe des Riesenhügels kam, sah er den Kobold schon von weitem auf einem der Steine am Zwergenloch sitzen. Er strählte sich mit seinen fünf ausgespreizten Fingern den roten Bart; und jedesmal, wenn er die Hand herauszog, löste sich ein Häufchen feuriger Flocken ab und schwebte in dem grellen Sonnenschein über die Felder dahin.
Da bist du zu spät gekommen, dachte Andrees, heute wirst du nichts erfahren, und wollte seitwärts, als habe er gar nichts gesehen, nach der Stelle abbiegen, wo noch immer der umgestürzte Zuber lag. Aber er wurde angerufen. »Ich dachte, du hättst mit mir zu reden!« hörte er die Quäkstimme des Kobolds hinter sich.
Andrees kehrte sich um und trat ein paar Schritte zurück. »Was hätte ich mit Euch zu reden«, erwiderte er; ich kenne Euch ja nicht.«
»Aber du möchtest den Weg zur Regentrude wissen?«
»Wer hat Euch denn das gesagt?«
»Mein kleiner Finger, und der ist klüger als mancher großer Kerl.«
Andrees nahm all seinen Mut zusammen und trat noch ein paar Schritte näher zu dem Unding an den Hügel hinauf. »Euer kleiner Finger mag schon klug sein«, sagte er, »aber den Weg zur Regentrude wird er doch nicht wissen, denn den wissen auch die allerklügsten Menschen nicht.«
Der Kobold blähte sich wie eine Kröte und fuhr ein paarmal mit seiner Klaue durch den Feuerbart, daß Andrees vor der herausströmenden Glut einen Schritt zurücktaumelte. Plötzlich aber den jungen Bauer mit dem Ausdrucke eines überlegenen Hohns aus seinen bösen kleinen Augen anstarrend, schnarrte er ihn an: »Du bist zu einfältig, Andrees; wenn ich dir auch sagte, daß die Regentrude hinter dem großen Walde wohnt, wo würdest du doch nicht wissen, daß hinter dem Walde eine hohle Weide steht.«
Hier gilt’s, den Dummen spielen, dachte Andrees; denn obschon er sonst ein ehrlicher Bauer war, so hatte er doch auch seine gute Portion Bauernschlauheit mit auf die Welt bekommen. »Da habt Ihr recht«, sagte er und riß den Mund auf, »das würde ich freilich nicht wissen!«
»Und«, fuhr der Kobold fort, »wenn ich dir auch sagte, daß hinter dem Wald die hohle Weide steht, so würdest du doch nicht wissen, daß in dem Baum eine Treppe zum Garten der Regenfrau hinabführt.«
»Wie man sich doch verrechnen kann!« rief Andrees. »Ich dachte, man könnte nur so geradeswegs hineinspazieren.«
»Und wenn du auch geradeswegs hineinspazieren könntest«, sagte der Kobold, »so würdest du immer noch nicht wissen, daß dir Regentrude nur von einer reinen Jungfrau geweckt werden kann.«
»Nun freilich«, meinte Andrees, »da hilft’s mir nichts; da will ich mich nur gleich wieder auf den Heimweg machen.«
Ein arglistiges Lächeln verzog den breiten Mund des Kobolds. »Willst du nicht erst dein Wasser in den Zuber gießen?« fragte er; »das schöne Viehzeug ist ja schier verschmachtet.«
»Da habt Ihr zum vierten Male recht!« erwiderte der Bursche und ging mit seinen Eimern um den Hügel herum. Als er aber das Wasser in den heißen Zuber goß, schlug es zischend empor und verprasselte in weißen Dampfwolken in der Luft. Auch gut, dachte er, meine Schafe treibe ich mit mir heim, und morgen mit dem frühesten geleite ich Maren zu der Regentrude. Die soll sie schon erwecken!
Auf der andern Seite des Hügels aber war der Kobold von seinen Steinen aufgesprungen. Er warf seine rote Mütze in die Luft und kollerte sich mit wieherndem Gelächter den Berg hinab. Dann sprang er wieder auf seine dürren Spindelbeine, tanzte wie toll umher und schrie dabei mit seiner Quäkstimme einmal übers andre: »Der Kindskopf, der Bauernlümmel! dachte mich zu übertölpeln und weiß noch nicht, daß die Trude sich nur durch das rechte Sprüchlein wecken läßt. Und das Sprüchlein weiß keiner als Eckeneckepenn, und Eckeneckepenn, das bin ich!« –
Der böse Kobold wußte nicht, daß er am Vormittag das Sprüchlein selbst verraten hatte.
Auf die Sonnenblumen, die vor Marens Kammer im Garten standen, fiel eben der erste Morgenstrahl, als sie schon das Fenster aufstieß und ihren Kopf in die frische Luft hinausstreckte. Der Wiesenbauer, welcher nebenan im Alkoven des Wohnzimmers schlief, mußte davon erwacht sein; denn sein Schnarchen, das noch eben durch alle Wände drang, hatte plötzlich aufgehört. »Was treibst du, Maren?« rief er mit schläfriger Stimme. »Fehlt’s dir denn wo?«
