Kurvenwasser - Thomas Mader - E-Book

Kurvenwasser E-Book

Thomas Mader

0,0

Beschreibung

Eine Reise durch Lateinamerika. "Irgendwas läuft hier schief", glaubt Zak und sucht die Begegnung mit dem Zweifel, das große Abenteuer zwischen Guatemala und Ecuador. Einerseits will er einen Standpunkt finden inmitten all der Widersprüche, andererseits: Wie soll man sich nur für etwas entscheiden, wenn alles so gottverdammt relativ ist?! Ein Roman über das Reisen in einer erodierenden Welt, ein rauschender Wortstrom, ein fragendes Hin und Her nach dem Mehr. Das sagt die Presse: "... ein sprachgewaltiges Erstlingswerk , das Lust macht, den Alltag einfach Alltag sein zu lassen und mit dem Rucksack fremde Länder zu erkunden. Und ganz nebenbei sich selbst ... Eine Liebeserklärung an das Reisen ... Würde man eine Schublade suchen, in die das Buch passt, so lägen sicherlich auch "Unterwegs" von Jack Kerouac und "Der Fänger im Roggen" von J. D. Salinger darin." — Thüringer Allgemeine "Mit seinem ersten Roman "Kurvenwasser" gelingt es Thomas Mader, die Essenz des Reisens zu fassen ... In fast jedem Absatz lauert ein interessanter Gedanke, doch der wahre Held der Geschichte ist die wunderbar fließende Sprache." — Augsburger Allgemeine "... ein beeindruckender Roman." — Welt am Sonntag "... sinnlich, packend und farbig" — General-Anzeiger Bonn "Eine Entdeckung für Südamerika-Neugierige und Sinnsucher." — Westfälischer Anzeiger

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 504

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Thomas Mader

Kurvenwasser

Oder der holprige, etwas kopflastige Flug des Tukans

Roman

Dieses Buch ist in der Deutschen Nationalbibliografie verzeichnet. Detaillierte bibliografische Daten unter: www.dnb.de.

3. überarbeitete Auflage Dezember 2015

© 2008 Thomas Mader

Alle Rechte beim Autor

Umschlaggestaltung: Susanne Cemalovic, Andrea Hinz

Verlag: epubli GmbH, Berlin

Die ersten beiden Auflagen erschienen 2008 im Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt

ISBN 978-3-7375-8070-0

www.kurvenwasser.de

Eine Reise durch Lateinamerika. „Irgendwas läuft hier schief“, glaubt Zak und sucht die Begegnung mit dem Zweifel, das große Abenteuer zwischen Guatemala und Ecuador. Einerseits will er einen Standpunkt finden inmitten all der Widersprüche, andererseits: Wie soll man sich nur für etwas entscheiden, wenn alles so gottverdammt relativ ist?!

Ein Roman über das Reisen in einer erodierenden Welt, ein rauschender Wortstrom, ein fragendes Hin und Her nach dem Mehr.

Das sagt die Presse

„... ein sprachgewaltiges Erstlingswerk , das Lust macht, den Alltag einfach Alltag sein zu lassen und mit dem Rucksack fremde Länder zu erkunden. Und ganz nebenbei sich selbst ... Eine Liebeserklärung an das Reisen ... Würde man eine Schublade suchen, in die das Buch passt, so lägen sicherlich auch „Unterwegs“ von Jack Kerouac und „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger darin.“

—Thüringer Allgemeine

„Mit seinem ersten Roman "Kurvenwasser" gelingt es Thomas Mader, die Essenz des Reisens zu fassen ... In fast jedem Absatz lauert ein interessanter Gedanke, doch der wahre Held der Geschichte ist die wunderbar fließende Sprache.“

—Augsburger Allgemeine

„... ein beeindruckender Roman.“

—Welt am Sonntag

„... sinnlich, packend und farbig“

—General-Anzeiger Bonn

„Eine Entdeckung für Südamerika-Neugierige und Sinnsucher.“

—Westfälischer Anzeiger

Thomas Mader schreibt als Redakteur für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ). Arbeiten für Merian, Welt am Sonntag, Spiegel Online u.a. Er wurde 1976 im Ruhrgebiet geboren, studierte Geographie, Politik und Philosophie in Düsseldorf und bereiste mehrfach Lateinamerika.

„Hey Sal! Wir sollten gehen ohne anzuhalten, bis wir da sind.“

„Wohin denn, mein Freund?“

„Keine Ahnung, aber wir müssen los!“

—Jack Kerouac

Was ist hinter der Ecke!

Was ist jenseits der Bergkette!

Nicht: Wissen ist Macht!

– sondern: Reisen ist Wissen.

—Hubert Fichte

Im Grunde reist man am besten, indem man fühlt.

—Fernando Pessoa

PROLOG

Reflex. Diese endlose Warteschleife irritierend gleicher Räume

Dampf quoll wie eine Sturmfront aus der Duschkabine, tanzte bis in den Schlafraum, regnete Pfützen auf den Boden und durchdrang das Insektengitter vor dem Fenster. Von der Straße her musste es wirken, als hätten ein Dutzend Köche ihre Töpfe im Stich gelassen. Zacharias hatte lange geduscht und runzelte, die Straße war ihm fremd.

Eine Weile stand er triefend da und starrte den fliehenden Wassermolekülen hinterher. Obwohl, nein … Moleküle kann man nicht sehen – die Luft ist schon übersättigt – erst wenn sie sich zu Tropfen binden.

Mit einer matten Geste wischte er über den Spiegelschrank und dann über den Wandspiegel, der gegenüber hing. Und als könnten sie nichts mit ihm anfangen, warfen die Spiegel sein Bild sich gegenseitig zu, so dass es vielfach gedoppelt im Raum hängen blieb; niemals angekommen, eine endlose Warteschlange, die sich ihm entgegenstellte. Aber da war kein Drängen. Er registrierte, dass seine Anderen vollkommen teilnahmslos und leergeduscht dastanden. Ohne Antwort, ohne Fragen.

Er drehte den Kopf ein wenig. Das schmale Gesicht, gerade zwanzig, umhangen von nass-schlappen Dreadlocks, und darin kein Ausdruck. Es kniff die Brauen zusammen, blies die Wangen auf und entließ seine Luft mit einem Plopp. Versuchte zu lächeln, zu vorsichtig. Die Anderen machten seine Grimassen mit, tatsächlich: sie reagierten; aber nur gleichgültig, noch nicht einmal widerwillig.

Wie sollte das wohl werden, ein ganzes Jahr in einem fremden Land mit diesen distanzierten Figuren? … Dabei hätte es genug Gründe gegeben für Euphorie und Angst, wenigstens für einen kleinen Weltschmerz. So hatte er sich das gedacht. Aber jetzt, da es soweit war, da er endlich seine Suche, seinen Rausch, sein Exerzitium aufnehmen konnte – nun war sein Feuer ganz erloschen, im heißen Wasser sanft ersoffen.

Nicht einmal das kleinste schlechte Gewissen konnte Zacharias aufbringen nach seiner halbstündigen Duschorgie, obwohl ihn Zuhause gerade solche kleinen Verschwendungen anwiderten: Die allgegenwärtige Plastiktüte. Das Autofahren, obwohl er gerne Auto fuhr. Und die viel zu lange Zeit, die er mit Fernsehen verbrachte: Das Auto explodiert. Tennis. Das Auto explodiert. Tennis, ja sogar Tennis. Bumm Bumm! … bis zu einem Punkt, wo sich die Farben zu Blutorangenbrei mischen, ein flimmernder Strudel, der alles einzusaugen sucht, in dem Zacharias selbst so gern ertrinkt; bumm bumm, denn im Zweifel explodiert sowieso immer alles; ein Zucken und Blitzen noch durch die geschlossenen Augen hindurch bis in den Schlaf.

Vor allem ärgerte er sich über sich selbst, weil er zu schwach war, selbst das Geringste zu ändern: den eigenen Konsum. Aber so viele Ameisen nagen an der Konsequenz, und woher die Energie nehmen? Gefangen zwischen den Wänden seiner Duschkabine – ein sicherer Ort –, im Alltag einer Gesellschaft, die zwar keinen Sinn verspricht, aber immerzu drängt, man müsse sich seinen Teil sichern, die Wunder dieser Welt einverleiben. Und die Welt überschlägt sich und schlägt um sich, vielleicht aus Angst gefressen zu werden. Eine schrittweise Lösung, nein, die war nicht vorstellbar … man musste ausbrechen. Aber konnte man das überhaupt? Oder war das nur eine andere, radikalere Art, sich die Welt anzueignen? … Vielleicht wollte er genau das.

Der Sprung war groß gewesen, es schien, als habe er sich übernommen, den Lebenshunger gewalttätig aus dem Körper geduscht. Seine ungerichtete Wut hatte sich gelöst und war den Abfluss hinunter gegurgelt. Aber auch von der wilden Lust aufs Reisen, von seinen abenteuerlichen, humanistischen, sexuellen Fieberträumen war nichts geblieben. Natürlich: die lange Reise … Aber dieses Gefühl der Sinnlosigkeit war etwas Größeres als Müdigkeit. Es entwertete die Anstrengung, die hinter seinem Aufbruch stand … Die Gleichgültigkeit hatte sein Luftschloss durchdrungen wie Feuchtigkeit, erodiert und eingeebnet, vom Fundament seines Verlangens bis zu den Zinnen seiner Zweifel. Oder hatte sich dieses Eigenheim überhaupt erst aus dem Nebel selbst erhoben und war nun in ihn zurückgekehrt? Jedenfalls: Wozu zwischen gut und schlecht unterscheiden? Wozu eine Meinung haben?

Als der Dampf sich aus dem Badezimmer verzogen hatte, begann Zacharias zu frieren. Er stand noch immer zwischen den Spiegeln – um ihn das Echo ihrer Reflektionen – und sah keinen Anfang und kein Ende in dieser endlosen Warteschleife irritierend gleicher Räume. Er ist mittendrin, schon immer mittendrin, und es muss einfach weitergehen, auch ohne Sinn. Aus Reflex also macht er einen Schritt und befindet sich prompt im nächsten Badezimmer. Ein weiterer Schritt und ein neuer gleichgültiger Raum. Dann ein etwas wütender Schritt nach vorn, und schließlich rennt er, rennt und rennt; rennt Quecksilberwellenringe werfend, mal im Uhrzeigersinn, mal entgegen … dreht und reckt sich, bis er merkt, dass er durch seinen Blickwinkel den Verlauf dieses Tunnels ohne Wände beeinflussen kann. Und je höher der Standpunkt, desto weiter krümmt sich der Tunnel nach unten, so dass sich eine Rutschbahn bildet, auf der Zacharias stolpernd hinunterschlittert, sich sogar fallen lassen kann, durch tausender Augen Blicke, bis an den Anfang des Tages.

AMSTERDAM, MEXIKO, GUATEMALA (1)

Abflug. Das Relativitätsprinzip im Schein der letzten Liebeskerze

Als Zacharias aus kargem Schlaf erwachte, versuchte er sich Müdigkeit vorzutäuschen, denn der Abschied stand bevor. Laila, bei der er geschlafen hatte, brachte ihn um vier Uhr morgens, als ihre rote Liebeskerze erst halb abgebrannt war, zum Haus seiner Eltern, küsste ihm Lebewohl, sagte ihm all das, was wichtig war, und schon stand Zacharias unter einem missmutigen Oktoberhimmel, der zwingend und zerrissen ihm selbst entquollen schien. Er hatte Laila kein Versprechen geben wollen, hatte ihr nur erklärt:

– Ich will frei sein, will zumindest das Gefühl haben, frei zu sein. Und so kann ich auch nicht von dir verlangen, dass du auf mich wartest … Wir wussten ja von Anfang an, dass ich gehen würde … was passiert, das passiert – aber vielleicht passiert ja auch nichts, wenn das Gefühl dagegen spricht … Wichtig ist nur, dass wir uns alles sagen; und ich werde dich nicht anlügen … Ich liebe dich. Aber ich muss jetzt gehen.

– Es ist deine Entscheidung, hatte Laila geantwortet. Ich will dich nicht abhalten. Du sollst nur wissen … ich weiß, du willst das jetzt nicht hören, es ist dir unangenehm, du willst dich nicht festlegen, aber … ich würde gern was mit dir aufbauen. Ist das nicht Liebe? Denk nur bitte drüber nach. Ich wünsch dir alles Gute.

Zak, wie ihn seine Freunde nannten, erlebte jeden Augenblick zeitverzögert. Lailas Worte tanzten ihm noch durch den Kopf, als das Auto längst abgefahren war. Es waren auch nicht genau die Worte, die gefallen waren, sondern die Essenz aus dem, was Laila und er schon hunderte Male besprochen hatten – so oft, bis sie selbst daran glaubten.

Er hatte sich schon immer auf Ankündigungen verlassen, wenn es darum ging, sich selbst einen Handlungszwang aufzuerlegen. Wenn zum Beispiel seine Eltern oder Freunde ihn fragten, was der eigentliche Grund für seine Reise sei, antwortete Zak manchmal etwas hochgestochen:

– Ich will eine Welt kennenlernen, die anders ist; weil unsere nicht alles sein kann. Nach dem Relativitätsprinzip kann man ja nicht feststellen, wie schnell und wohin sich das eigene System bewegt, wenn man keinen äußeren Bezugspunkt hat. Man muss erst ausbrechen, um den Käfig zu sehen. Genauer kann ich es euch nicht beschreiben.

Darauf erwiderten einige: – Du hast wohl zu viel in deinen Büchern gelesen … Das ist doch reine Zeitverschwendung … Das muss man sich mal vorstellen, du verlierst ein ganzes Jahr mit solchem Unfug! Du musst eine Ausbildung machen oder studieren, du musst arbeiten, musst verdienen, was Vernünftiges machen. Du wirst dich nach einem Jahr in Lateinamerika nicht wieder eingliedern können: Du musst, du musst, bumm bumm, bumm bumm.

Andere warnten ihn, gegen Windmühlen zu kämpfen: – Die Welt ist so, wie sie ist, mein Junge, du kannst sie nicht ändern, das haben schon andere vor dir versucht … und du siehst ja, was daraus geworden ist!

Aber es gab auch Leute, die ihn besser verstanden, dazu gehörten seine Eltern, die sagten: – Natürlich ist die Welt schön und aufregend. Und du sollst sie dir ja auch erobern. Aber warum Lateinamerika, warum Guatemala? Dort ist es so gefährlich. Sieh doch die Guerilla! Die Überfälle, die Erdbeben, die Krankheiten! Und diese Armut! Überleg es dir noch mal, flieg doch nach Australien.

Natürlich brachte Zak auch einige Argumente, die selbst vom Standpunkt der anderen für sein Vorhaben sprachen: So eine Reise konnte kein verlorenes Jahr sein, mit all der Erfahrung, die er erwerben würde, vor allem mit einer neuen Sprache. Insgeheim aber wischte er alle Einwände beiseite: Keiner seiner Freunde und Verwandten sprach aus Erfahrung, glaubte er, vielmehr waren es Angst oder Klischees, die aus ihnen sprachen, oder sie konnten einfach nicht loslassen.

Er wollte weg, es stieß ihn und es zog. Voriges Jahr in Südfrankreich hatte es ihn gepackt: Gerade On the road gelesen und mit Nadia aus Montreal durchgezecht, eine ganze Nacht durchgeredet, nur geredet – über das Grab von Jim Morrison in Paris, über Nietzsche, Dionysos und den ganzen Rest – noch eine Flasche Wein auf den Klippen – und über das Reisen, die Idee des Reisens. Nadia war diese Idee, war es gewesen … so lange schon unterwegs und so viele Geschichten, und zum Schluss hatten sie immer nur halbe Sätze gebraucht, of course, of course – dieses Verstehen mit nur wenigen gemeinsamen Worten.

Seitdem träumte Zak. Wollte high sein von der Freiheit (und dem was in ihr wächst). Wollte fremde Menschen berühren, Staub schmecken und Kokossaft trinken und was man so tut in wilden Straßen, in schattigen Gärten. Er wollte die Anden sehen und die Karibik und unbedingt den Amazonas; und besser noch selbst durch Lateinamerika rauschen, voll und biegsam, alles auf- und mitzunehmen im Oberlauf, um sich schließlich ins Meer zu schütten, braun und fruchtbar.

In Guatemala würde die Reise beginnen und in Caracas enden, darauf hatte er sich festgelegt – mehr nicht; der Rest würde sich ergeben. Nur wenig hatte er gelesen über Lateinamerika, ohne Urteile wollte er durch die Welt ziehen. Und seinen Spanischkurs an der Volkshochschule hatte er in alter Schultradition verschlampt, die Freunde und das Feiern waren wichtiger gewesen. Er fühlte sich also schlecht vorbereitet, aber sich darüber Sorgen zu machen, lohnte nicht. Der Rucksack war gepackt und viel zu schwer von den vielen Büchern, und er musste das jetzt durchziehen: Liebe und Freundschaft zurückweisen, wofür auch immer.

Laila, seine Lola wenn es heiß wurde – jeden Tag ihrer kurzen Beziehung hatte er ihr neue Namen gegeben, und dieser war geblieben – Lola also war dazwischengekommen vor drei Monaten, als sein Entschluss schon lange feststand. Es war einfach passiert, obwohl er sich gegen diese Liebe gewehrt hatte.

Und nun stand er hier: eine gewöhnliche Straße im Ruhrgebiet, seine erste Straße. Laila hatte nicht mit hinein kommen wollen zu seinen Eltern, aber er würde jetzt nicht nachgeben. Sein Gesicht verzerrte sich, konnte sich nicht wieder entkrampfen, so wie das ist, wenn man um jeden Preis die Tränen zurückhalten will.

Zu viele Worte zum Abschied tun weh.

Auf der Vergangenheit liegt glühender Staub.

Alles war gut, und nichts wird mehr, wie es war.

Küss mich, als wäre es das letzte Mal.

Die Rücklichter von Lailas Wagen schwimmen fort, und ein aquatischer Druck legt sich auf seine Ohren, die Zeit verdichtet sich zu einem Kloß in der Kehle. Atemlos sieht Zak am Dortmunder Flughafen seine Eltern im Eck einer reflektierenden Glasscheibe verschwinden. Der Zubringerbus rollt über Fahrbahnmarkierungen hinaus auf das Flugfeld, wo der Himmel grenzenlos wird und die Schwerkraft nichts gilt. Hier läuft man Gefahr, durch einen unbedachten Schritt den Halt zu verlieren und sich überschlagend und schreiend gegen die aschige Wolkenmasse zu stürzen.

Erste Zwischenlandung, der Schiphol-Airport in Amsterdam: Geschäftsleute und Stewardessen tragen ein Lächeln, der Rest der Reisenden ist duty-free-nervös oder wartet souverän, schläft auf Gepäckstücken und braunen Plastiksitzen. Keine Zigarette! Dieser Versuchung würde er nicht nachgeben. Nur nicht nachgeben jetzt!

Zak wirft einige Münzen in den Schlitz eines Telefons, um mit Laila zu sprechen. Natürlich gibt es nichts zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre, aber sein Magen ist so flau, er hat das Gefühl all die unverdaulichen Worte auskotzen zu müssen. Ihm antwortet nur das Besetztzeichen, ein gleichmäßiges Tuten, dessen Rhythmus sich bei jedem neuen Versuch beschleunigt, bis es in ein langes Fiepen übergeht, das sich hartnäckig in seinem Ohr festsetzt und erst über Grönland wieder abflaut.

Zweiter Stopp, Mexiko-Stadt: Aus der Luft besehen eine mit exotischen Makrobausteinen bestückte Platine. Durchstoßen von den Kegeln der Vulkane wie von den Buchsen eines Plastikgehäuses ohne Deckelstück. Überhitzt, bedrohlich qualmend, Systemabsturz programmiert … Sein Sitznachbar verabschiedet sich. Viele geplatzte Äderchen im Gesicht, den ganzen Flug über hat Zak mit dem Mann kein Wort gesprochen, nun zwängt der sich an Zaks Beinen vorbei, holt seine Tasche aus dem Ablagefach und verneigt sich leicht.

„It was a pleasure“, sagt er höflich und lässt sich von der Stewardess ein Erfrischungstuch geben, ehe er das Flugzeug verlässt.

Keine Zigarette, kein klebriger Rauch, den Schmerz zu binden. Noch nicht … Stattdessen sitzt Zak in einer silbernen Maschine, die (getrieben von der Kaufkraft ihrer Insassen) als Speerspitze einer Abgaslanze durch den Himmel stößt. Es ist einfach so dermaßen unwahrscheinlich. Sein Kopf ist leer, die Luft so dünn hier oben. Er kommt nicht klar, glaubt nie mehr nah heranzukommen an dieses Leben, das unter ihm ameisenhaft seinem System folgt. Wie vermessen auch, sich in eine solche Höhe emporzuschwingen, sich herausheben zu wollen. Vielleicht war da doch etwas gewesen, Zuhause, dass er sich als ein Bestandteil des Ganzen hatte fühlen können … verbunden … so etwas wie Einheit? Und hier oben … ist er ein Nichts.

Plötzlich scheint ihm, er würde schwer und trotzdem körperlos und diffundiere auf unbehagliche Weise durch seinen Sitz hindurch, fiele blind seinem Ziel entgegen.

Guatemala-Stadt drängte auf Zak ein, sobald er aus dem Flughafengebäude trat, beschrie ihn mit feuchtem Atem.

Taxi, mista, taxi! … Shoe shine, shoe shine! … Cheap, very cheap, mista! … muy barrato … hey mista! Señor! Señor?

Eine warme, feuchte Wand, durch die er sich hindurchzwängte, um leer und ohne Wissen von dieser neuen Welt auf einen Parkplatz zu stolpern. Schweiß überall. So wollte er nicht anfangen: sich gleich von diesen Bauernfängern abzocken lassen. Zusammenreißen jetzt! Den Flug, den Abschied abschütteln.

Schließlich gelang es ihm mit seinen paar Brocken Spanisch, nach einem Bus zu fragen. Richtung Antigua, dort würde er gleich morgen mit der Suche nach einer Sprachschule beginnen.

Fast stürzte Zak beim Einsteigen, da sein Rucksack sich im Türrahmen verkantete. Der Fahrer trat schon das Gaspedal durch, da packte der Beifahrer ihn am Arm und zog ihn hinein. Belustigt sahen die übrigen Passagiere zu, wie Zak im Mittelgang ungeschickt seinen Rucksack abstreifte, wie er in gebückter Haltung stehen blieb und sich alle drei Schlaglöcher den Kopf stieß. Bis hinter ihm noch weitere Fahrgäste zustiegen und ihn in den hinteren Teil des Busses zwangen.

Das Flackern der Leuchtreklamen durchdringt die Großstadtdämmerung: Motorengeheul, Gase, unscharfe Gesichter, leidend in Neonglut. Geduckt und eilig vor dem schonungslosen Licht der Röhren, in Ahnung eines künftigen Armageddon.

Nach einer Weile beginnt Zak zu zweifeln, ob dieses Gefährt ihn jemals nach Antigua bringen wird: An jeder zweiten Ecke wechselt der Bus wütend die Spur und bremst scharf, um den winkenden Leuten Gelegenheit zu geben, während der Fahrt aufzuspringen.

„Antigua?“ – Zaks Frage löst Gelächter und eine Diskussion aus. Schließlich fragt ein Schuljunge auf Englisch, ob Zak nicht lieber ein Taxi nehmen will … nein?

„Rapido! Rapido!“, ruft der Junge, und sie springen aus dem Bus und hetzen durch diese große Endzeit-Disco von Stadt. Musik von Maschinen, die Straßen tanzen vor Menschen, jeder Stroboskopblitz lang gezogen zu einer ganzen Nacht … Bis der Junge vor einer langen Reihe von Holzbuden stehen bleibt und mit beiden Armen winkt, um einen Bus anzuhalten oder wenigstens auf Schrittgeschwindigkeit zu bremsen. Er ruft dem Beifahrer etwas zu und stößt Zak hinein, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich zu bedanken.

Zak findet Platz auf der Kante einer Sitzbank, neben ihm ein ebenso unglücklich Platzierter, sie beide Schulter an Schulter. Aufkleber mit blühenden Rosen und dem leidenden Jesus, Blinklichter und undenkbarer Bömmelkram schmücken das Cockpit, das hätte Laila gefallen. Ein Plastikkondor, über dem Fahrersitz aufgehängt, zuckt wild herum wie das Pendel einer Standuhr, wenn die Zeit aus den Fugen gerät.

Das Licht flackert und fällt schließlich völlig aus, die Ergebenheit der Insassen kann man nur mehr riechen; das Gemurmel ihrer Lebensgeräusche geht unter im Dröhnen dieses Rennens. Draußen aber arrangieren sich die Objekte mit dem neuen Koordinatensystem: Scheinwerfer, Fenster und Reklamen dehnen sich zu den geschwungenen Linien einer zu lange belichteten Fotografie. Losgelöst von ihren bisherigen Bezügen, beginnen die Dinge sich zu drehen und winden. Haarscharf weicht der Fahrer immer wieder Ecken und Kanten aus, die ihrerseits völlig unerwartete Manöver fahren. Blind vom Tränenfluss der Ranchero-Musik rauschen die Geisterbusse zitternd und stöhnend, Bobs im Eiskanal, durch die immer enger werdenden Kurven.

Zak schaut auf den Schoß seiner linken Nachbarin, die gerade die korrekte Menge an Quetzalscheinen aus einem Socken pellt – ja, aus einem Socken. Er zählt ebenfalls sein Fahrgeld ab – sieben Quetzales – und realisiert dabei zum ersten Mal, dass es sich um fremdes Geld handelt, nicht um Mark oder Dollar oder Pfund, sondern um vergilbtes Pyramiden-Tukan-Bananengeld, und er händigt es dem Beifahrer aus.

Nach einer Zeit, die er nicht einschätzen kann, hält plötzlich der Bus, und die Hälfte der Fahrgäste steigt aus.

„¿Antigua aqui?“ – Ein alter Mann runzelt ihm auf diese Frage zu.

Draußen ist die Luft kühl und unverbraucht. Menschen wie Mäuse verschwinden blitzschnell in ihren Löchern, und der Bus rappelt davon, in eine beängstigende Stille hinein. Zak schnallt seinen Rucksack um und stiefelt los. Die Gebäude sind flach und klotzig, die Fenster vergittert, von den Wänden blättert der Putz,und das Kopfsteinpflaster schluckt alle Farben. Ihm ist unwohl: Zu seiner Müdigkeit kommt das bedrohliche Gefühl, alles von Wert bei sich zu tragen. Nur ein Hotel jetzt, egal ob Palast, ob Bretterbude. Ein sicherer Ort und erst mal eine heiße Dusche.

ANTIGUA UND RÍO DULCE (2)

Sturm und Drang. Tropischer Zucker, tropisches Salz (Ja!, lieber Jack K.)

Das Rainbow-Café war ein sanfter Einstieg. Hier trafen sich vor allem die Rucksack-Leute, die in Antigua Spanisch lernen wollten, kaum Guatemalteken, was an den Preisen lag. Sterne über dem Patio, die Wände berankt, Bob Marley und immer wieder Bobby.

Zak wollte einen Brief schreiben, aber er fand keinen Anfang. Bilder von Freunden drängten sich auf, ihre Gesten und Stimmen und Frisuren, Nasen und Münder – aber es bereitete ihm Schwierigkeiten, das Puzzle zusammenzufügen. Schon nach einer guten Woche löste sich die Erinnerung von den Sinnen und wurde ganz abstrakt. Einzig Laila stand da als eine pur sinnliche Erscheinung, groß vor seinem Herzen, winzig gegen sein Ego … Zak nahm sich vor, nicht über sie zu schreiben, über Liebeskummer und all das. Vielleicht würde sein Brief trotzdem an sie gehen, vielleicht auch an niemanden.

In der ersten Nacht habe ich mich übers Ohr hauen lassen: 20 Dollar für ein Zimmer. Aber ist es nicht schrecklich, so mit dem Geld anzufangen?Nun bin ich bei einer Familie untergekommen – schrieb er. Der Vater leitet meine Spanischschule. Es ist seltsam mit dieser Familie zu wohnen – Javier, seine Frau, drei Kinder und die Großeltern – und man kann kaum mit ihnen reden; außer mit Javier natürlich, der spricht Englisch. Nett, aber geschäftlich. Im Grunde ist mir nur der Opa sympathisch. Wie er sich hinter einer Tür versteckt, um die kleine Isabella zu überraschen. Oder wie er mit Jorge, dem älteren Sohn, auf einem Bein durch die Garage tanzt.

Ich wohne in einem Anbau auf der Dachterrasse. Von meinem Bett aus, durch ein kleines Fenster, über Wellblech, gekalkte Fassaden und Bäume hinweg, kann ich den Vulkan Agua sehen: Ganz Guatemala ist lavaunterspült.

Auf der Marktstraße dann verkaufen braungesichtige, braunhändige Männer Cashews. Kinder gebückt vor Schuhen, Indianerfrauen balancierend unter Körben voller Stoffe. Und die Bettler sind faulenden Körpers darauf angewiesen, dass die Fremden sich zu einer unbeabsichtigten Gabe hinreißen lassen.

Nur kurzes Mitleid hier, besser Hochstimmung wegen der duftenden Luft. Aber die schlägt allzu rasch wieder um in Bedrücktheit und Sehnsucht: Ich will weiter. Alles zieht mich und drückt mich von allen Seiten auseinander und zusammen und fort. Doch ich muss verharren. Und so kommt es, dass ich auf Bänken sitze, um zu beobachten, um zu lesen oder zu schreiben, und aller Saft verdunstet; innen werde ich ganz trocken. Wo stehe ich, wohin gehe ich, wie funktioniert die Welt? Jede Bewegung, jeder Gedanke wird übergroß, weil im luftleeren Raum alles auseinanderstrebt.

Eine Situation, die ich verrückterweise gewollt und herbeigeführt habe. Nichts sehnlicher gewünscht, und tatsächlich finde ich nun in gewissem Sinn Gefallen daran. Ich hier! In einem fremden Land, ohne Laila oder einen anderen Plan für dieses Jahr. Riders on the storm, into this world we’re thrown, wie ein Stöckchen ohne Hund, Baby, mach’s mir mit … ja! Ich bin bereit für ein heiliges Ja, ein eiliges Drauflos, bereit auch für die Konsequenzen. Ach! lieber Jack K., du weißt doch am besten, wie es in mir aussieht.

Irritiert schaute Zak auf – eine zerlumpte Alte kam hereingetippelt. Sie hatte keine Zähne mehr und keine Schuhe. Nachts konnte es empfindlich kalt werden. Zak gab ihr Kleingeld, als er an der Reihe war, aber es verschaffte ihm kein gutes Gefühl. Er sah ihr nicht in die Augen. Dann schrieb er weiter:

Ein kleines Abenteuer ist mir tatsächlich schon zugestoßen. Anfang der Woche habe ich Petra kennen gelernt: Einsneunzig groß und stämmig, Münchnerin, Typ Oktoberfest, studiert Romanistik. Seit drei Wochen ist sie hier, um Spanisch zu lernen. Hat einen guatemaltekischen Liebhaber namens Roberto, anderthalb Köpfe kürzer als sie.

Nach einigen Bieren im Rainbow, einem Cuba Libre im Chimenea und zwei doppelten Tequilas im Macondo kramte Roberto – in seiner Eigenschaft als Fremdenführer – einen rostigen Schlüssel hervor und winkte uns, ihm zu folgen. Vor einer mit Stuckrosen berankten Fassade machte er Halt. Nuestra Señora de la Merced – so hieß die Kirche, und Roberto öffnete eine Tür in ihrem Portal. Durch hohe kahle Säle, einige Treppen hoch, und wir standen auf einem Flachdach. Oder vielmehr im zweiten Stock, dem seit zweihundert Jahren Decke und Wände fehlen; hier und da ragten Mauerreste auf.

Im Nachbargebäude, hinter hellen Fenstern, saßen junge Guatemalteken und lernten. Roberto sagte, er komme öfter hierher abends, um sich einen zu rauchen, mit ein paar Freunden vielleicht. Dann bläst er den Rauch in Richtung Abendschule – symbolisch, wie er sagt. Was immer er damit meint.

Der Himmel leuchtet selbst in der Nacht, ein invertiertes Glühen, und die Schatten der umgebenden Berge stehen scharf dagegen. Darüber gewaltige Wolkentürme. Ein fernes Gewitter. Wir bleiben stehen, legen die Köpfe in den Nacken, sehen Sterne, Sterne, Sterne, atmen, drehen uns im Kreis … übermütig von Alkohol und ewigem Frühling. Der Agua über uns, von langsam sterbenden Blitzen inszeniert. Und wir im Rausch. Und ich wusste, dies ist wirkliches Erleben, irgendwie Freiheit. So glücklich kann ein Tier nicht sein!

Wir machten Pläne, am Wochenende etwas zu unternehmen: Roberto meinte, er habe Freunde in Lívingston an der karibischen Küste, und wir könnten dort umsonst übernachten.

Schließlich stiegen wir hinab in den Innenhof, turnten auf dem Brunnen der Fische herum und wollten gehen. Von außen hatte jemand abgeschlossen. Wir mussten rufen, und ein alter Mann machte uns auf. Er sagte nichts, aber vor der Tür lagen Menschen in Fetzen, die zu uns aufblickten, ein Stück zur Seite rollten, um uns durchzulassen. Still und schnell gingen wir, ohne uns umzudrehen.

Zak stockte: Da kam Roberto. Fast jeden Abend ließ er sich im Rainbow blicken, und jetzt grüßte er Zak mit seinem Schmuggel-Englisch – immer ein paar spanische Worte darin, ohne dass man es recht merkte.

„Nächste Woche habe ich meinen ersten großen Auftrag“, sagte er, „einen ganzen Reisebus. Von dem Hotel aus, wo ich arbeite. Schau: Ich hab mir extra eine neue Uhr gekauft!“

Roberto hielt ihm stolz eine vergoldete Taschenuhr vor die Nase.

„Hübsch, wirklich! Deine Uhr ist was Besonderes. Bist du aufgeregt wegen des Busses? Weil’s dein erster ist, mein ich.“

„Ja, so ein Bus voll mit Touristen, das ist schon was anderes als eine Gruppe von fünf Leuten, jedenfalls wenn man gut sein will … Aber weißt du, mein Vater war Fremdenführer. Von ihm habe ich alles gelernt, was ich brauche, um auch einmal ein guter Führer zu werden. Meine Mutter sagt, als Kind sei ich ein guter Lügner gewesen. Mein Vater sagt, das sei eine gute Voraussetzung.“

„Ich denke, Lügner ist das falsche Wort. Vielleicht bist du ein guter Schauspieler, oder was meinst du?“

„Gracias amigo. Das mit dem Schauspieler gefällt mir. Weißt du, Zak, wenn ich mich so fühle, als sei ich ein Schauspieler, wenn ich nach einem langen Tag nicht mehr ich selbst bin, dann setze ich mich hinter mein Haus und rauche eine Tüte. Ich wohne bei meiner Familie, wir sind acht, aber ich habe zum Glück mein eigenes Zimmer. Vielleicht sitze ich auch einfach nur da und träume und spüre, dass ich lebe.“

Roberto hatte große Augen und ein Gesicht, das er ähnlich eindrucksvoll knautschen konnte wie der späte Joschka Fischer. Zak dachte, dass Roberto gut zu seinen Freunden in Deutschland gepasst hätte.

„Wie wär’s mit einem Tequila, vos?!“, fragte er. Und sie tranken einen gesalzenen Klaren.

Kurz darauf erschien Petra. Eine Weile unterhielten sich die drei, bis Roberto einem Freund zuwinkte, der sich suchend zwischen den Tischen umblickte.

„Das ist Edgar, Fremdenführer wie ich, aber er macht Bergtouren und hat bereits sämtliche Vulkane Guatemalas bestiegen. Stimmt’s Edgar?“

Eddie nickte, er sprach nur wenig Englisch und in der Folge fast gar nichts, aber das schien auch seinem Charakter zu entsprechen. Er war klein, kleiner noch als Roberto, aber ungleich drahtiger. Die Haut eine Nuance dunkler und gröber sein Gesicht, auch mehr indianisch – lavaunterspült.

„Wie steht’s Freunde?“, rief Roberto: „Ich denke wir sollten einen Tequila Sunrise trinken – gibt’s hier so was, ja? An manchen Tagen, wisst ihr – manchmal – da braucht man schon einen Tequila Sunrise … Übrigens sollten wir uns über Lívingston unterhalten. Stellt euch vor: Die Sonne scheint heiß von oben, und eine mamacita geht mit einem Korb Papayas auf dem Kopf über die Straße und ihre Hüften, ihr Popo, ihre Papayas … So einen Takt habt ihr noch nie gesehen.“

Roberto stand auf und imitierte die von ihm beschriebene Szene, indem er einmal den Tisch umtänzelte und sich dann selbst auf den Hintern schlug – worauf Petra ihn böse ansah. Er blieb am Kopfende stehen, stützte sich mit beiden Armen auf und flüsterte in den Kerzenschein:

„Und Mangos – oh! und Fisch und frischer Hummer. Und das Kokosbrot, das die dort backen. Das müsst ihr probieren! Und abends, überall sweet reggae music, sag ich euch, und dicke Mamis sitzen in den Bars. Wenn du die siehst, denkst du dir: Dios, sind die dick! – und dann schleppen sie dich zum Tanz, und du machst dicke Augen, wie die tanzen können … Wir könnten in einem Drei-Sterne-Hotel schlafen, sag ich euch, mit Jacuzzis unterm Sternenhimmel. Ein guter Freund von mir arbeitet dort, der kann mir das gar nicht abschlagen, so viele Gäste hab ich ihm schon vermittelt. Leute, wir müssen unbedingt nach Lívingston! Wir müssen!“

Wie Roberto sprechen konnte mit seinem lustigen Englisch! Wie er sich über den Tisch beugte mit funkelnden Augen, sein Gesicht wundersam geglättet. Wie er mit seinen Händen runde Dinge aus der Luft griff und ihnen vorknetete. Zak wollte plötzlich alles wissen über diesen sagenhaften Ort, und er hörte sich rufen: „Dann lasst uns doch fahren! Jetzt sofort. Noch heute Abend!“

Petra verzog die Miene, aber Roberto nahm die Steilvorlage an.

„Ja, wenn wir den Nachtbus von Guatemala-Stadt nehmen, dann sind wir morgen früh schon in Río Dulce. Ein Freund von mir kann uns von dort mit seinem Boot nach Lívingston bringen. Und dann Freunde … Reggae-Time! Leute, Leute! Lívingston, ich sag euch: LÍVINGSTON! Wenn ihr das wollt, wenn ihr das wirklich wollt – dann lasst uns los, aber jetzt sofort!”

Roberto kam über solche Reden ins Schwitzen, und die neuen Freunde tranken noch einen Tequila, um das Feuer des Augenblicks zu schüren, und noch ein Bier, um nicht zu verbrennen, und noch einen Tequila, um die Glut nicht erlöschen zu lassen. Und so schmolz der Widerstand und sie beschlossen, den Spanischunterricht oder ihre Jobs in den nächsten Tagen sausen zu lassen.

Roberto rotierte. „Zak und Petra, ihr müsst Edgar und mir das Geld auslegen, aber es ist nicht viel, zwanzig Dollar vielleicht. Schau her Zak, ich gebe dir meine neue Uhr – und wenn du das Geld nicht zurückbekommst, dann darfst du sie behalten … Gut?! Wie kommen wir nach Guate? … Vielleicht kann uns dein Vetter fahren, Edgar … Sicher, er wird es machen. Passt auf, ihr lauft schnell nach Hause und holt eure Sachen, und Edgar und ich werden uns um alles kümmern!“

So lief Zak aufgeregt zum Haus seiner Gastfamilie. Vorbei an dem Quartier aus Pappe und Wellblech, vor dem tagsüber Frauen saßen und ihre Babys stillten, eingehüllt in nicht mehr leuchtende Stoffe. Schnell, schnell, allein mit tequilaschwerem Atem. Nur an einer Mauer mit Stacheldraht und Scherben blieb Zak stehen um zu pinkeln. Ein alter Baum, der über die Mauer hinauswuchs – der Anblick seiner nach Freiheit strebenden Äste – erzeugte ein wohliges Brausen über seinem sauren Magen.

Angekommen schrieb er eine Nachricht für die Familie und raffte das Nötigste in einen Handrucksack: Badehose, ein Handtuch, Regenschutz und hundert Dollar, sein Tagebuch und eine Sonnenbrille, mehr nahm er nicht mit. Dann stellte er sich auf die Straße vor die Friedhofsmauer und wartete auf die neuen Freunde, während es zu nieseln begann.

In der frischen Luft wurde er ein wenig nüchtern, aber der Alkohol hatte nur einen kleinen Teil zu seiner Begeisterung getan. Alles lag deutlich vor ihm: Es gab keine Sicherheit, keine Gewissheit, und er fühlte sich wohl dabei.

Ein Wagen fuhr vor. Zak zwängte sich auf die Hinterbank, und ein Lockenkopf mit Schnauzbart (Robertos Vetter) stiefelte aufs Gas. Kurz hinter Antigua tankten sie noch mal und holten Bier und Kippen.

Nun regnete es heftig. Bald waren die Straßen überspült, und wie Lametta hing der Regen im feierlichen Himmel. Doch Don Lockenkopf trat durch, und durch das halb geöffnete Fenster sprenkelte warmes Wasser in Zaks Gesicht und auf seine Hose und auf seine Zigarette. Es lief innen an der Tür hinab und bildete eine Pfütze im Fußraum. Es war wundervoll, es war gigantisch. Er fühlte sich frisch und war nun sicher, dass er lebte, wirklich lebte. Er atmete den feinen Regen und rief, wie alle riefen:

„LÍVINGSTON! Yeah, vamos a Lívingston! Das ist es, Freunde! Das ist es!“

So taumelte ihr Wagen durch die Nacht, mäandrierte wie ein reißender Strom, wie eine feuchtfröhliche Champagner-Flut durch die grünen Kurven, durch die Vororte von Guatemala-Stadt. Über Brücken brauste der Wagen, über die barrancos hinweg – jene Schluchten, die das Hochplateau von Guatemala durchziehen wie die Arme eines Kraken, mit ihren schrottbedeckten Steilhängen, und unter dieser Lage aus Schrott krabbeln kleine Menschen … und auch über die schäumte der Wagen hinweg.

Erst am Busterminal in der Zone Eins machte Lockenkopf Halt und Roberto sammelte zehn Dollar von Petra und zehn Dollar von Zak ein, um ihn zu entlohnen. Dann fuhr Locke davon, und sie standen im Regen. Es war noch vor elf, aber kein Bus fuhr mehr – nicht nach Río Dulce, nicht nach Antigua zurück. Regenschnüre zuckten im Licht der Laternen.

Zone Eins war um diese Zeit eine üble Gegend: Misstrauische Gesichter, traurige Häuser, armselig und nass. An den Ecken lungerten Huren und Transvestiten, Krüppel schleppten sich umher. Doch dann waren da wieder Inseln der Wärme, wo sie Planen über den gebrochenen Gehsteig gespannt hatten, wo die Leute miteinander aßen: Fleischbrühe aus großen Töpfen oder dampfenden Reis mit Bohnen und Hähnchenkeule.

Petra und Zak trugen ihre Rucksäcke vor der Brust unter ihren Regenjacken, aber das nützte nichts. Alle Blicke folgten ihnen, schon weil sie Regenjacken trugen. Sie flüchteten in eine Spelunke namens Oasis.

Auf einem Podest über der Tanzfläche standen einige Instrumente herum, entlang der Wände flitzten daumendicke Kakerlaken. Sie waren die einzigen Gäste, aber die Stimmung stieg mit dem Pegel: Bald tanzten Petra und Roberto zärtlich bis wild, was bei ihrem Größenunterschied sehr komisch wirkte. Und Zak sprang an die Bongos, um unsachgemäß darauf herumzutrommeln … bis der Wirt ihn ärgerlich zurückpfiff.

Immer wieder schauten zwielichtige Typen rein, um im Separee Koks zu dealen oder die Toilette zu bekotzen. Die Freunde tranken weiter Tequila und malten sich die Karibik in den schönsten Farben aus. Um drei Uhr waren Eddie und Roberto eingenickt, Petra und Zak hingen erschöpft auf ihren Stühlen.

„Die beiden haben ganz schön reingehauen“, sagte Petra. „Für sie war es ja umsonst! Ich hoffe, dass das nicht so weiter geht. Wir können doch nicht alles für sie bezahlen.“

Zak zuckte mit den Schultern. Das Geld war ihm gerade egal.

Petra rüttelte Roberto wach, sie wankten zur Busstation und fanden einen Warteraum, nass, stinkend und mit Pelz im Mund. Auf groben Säcken (Stoffe und Mais darin) lümmelten einige Bauern. Ausgestreckt auf den Sitzen lag eine Frau, den Kopf mit einem bunten Tuch umwickelt. In der Ecke stillte eine Indianerin ihr Kind. Der Bus fuhr um halb fünf morgens, ein Ticket kostete sechzehneinhalb Dollar.

Den ersten Teil der Reise verdöste Zak, aber als es aus dem Hochland in die Tiefebene ging, wurde es zu heiß dafür. Er wischte sich den Schweiß von den Lidern und sah verstrahlt auf die vorbeiziehenden Bananenstauden und die Kokospalmen und die Straßenkreuzungen mit den Bruchbuden unter dieser harten Sonne: Los Amates und Río Hondo, wo Softdrinks in Plastikbeuteln und Papayastücke in Plastikbeuteln und überhaupt alle Dinge in Plastikbeuteln verkauft wurden.

Plastikbeutel lagen auch im Gras und zerfetzt auf der Straße, im Graben und in den Gärten der Hütten. In Bananera wohnten die Menschen auf einem Plastik-Erde-Gemisch, der Müll stapelte sich vor ihrer Haustür. Die verlassenen Schienenstränge der US-Fruit-Company, eiserne Fesseln einer vergewaltigten Stadt, lagen verborgen unter Plastik, und Aasgeier stolzierten sadistisch darüber hinweg. Ein junger Mann saß im Schatten und zerstörte gelangweilt eine Plastikkiste mit seiner Machete.

Zak wunderte sich: In der allgegenwärtig vor sich hingammelnden Folie bildeten sich Wasserpfützen, Brutstätten für Krankheitserreger und Moskitos, aber niemand machte Anstalten aufzuräumen, wenigstens vor seiner Haustür … Vielleicht, ja, wahrscheinlich waren die Menschen einfach von den Plastikverpackungen überrannt worden wie von einer biblischen Plage. Von kleinen Parasiten, die sich einnisten in den Haaren, in den Hautfalten und im Schambereich der Stadt.

An einer Raststätte deckten sie sich wieder mit Dosenbier und Chips ein. Und trotz des exotischen Geschmacks der Reise kam Zak plötzlich das altbekannte Gefühl zu einem Fußballspiel zu fahren: Sich genüsslich mit Freunden einen ballern, falsch singen und sich einen Dreck um den Rest der Welt scheren: Ja, das wollte er jetzt.

Es regnete wieder, als sie gegen Mittag in Río Dulce ankamen. Im Nu waren sie pitschnass und suchten Unterschlupf in einer einfachen cantina. Unter der Decke drehten sich zwei altmodische Ventilatoren, und neben der Eingangstür befand sich eine Musikbox, auf der alle englischen Titel falsch geschrieben standen.

„Edgar und ich werden jetzt unseren Freund Carlos suchen“, verkündete Roberto. „Der bringt uns nach Lívingston. Ihr werdet sehen, ab jetzt wird alles gut laufen.“

Und tatsächlich: Als es aufhörte zu regnen, kamen Roberto und Edgar mit Carlos wieder: Schwarzes gelocktes Haar, Lederbänder mit Holzperlen und Haifischzähnen um Hals und Handgelenke, sein buntes Hemd flatternd im Wind. Carlos mochte um die zwanzig sein, ein freches Lächeln hatte sich in seinem zartbraunen Gesicht festgesetzt. Er sprach flüssiges Karibik-Englisch, als er alle zu sich nach Hause einlud

Der Markt am Kai war mit einer schwarzen Plane überdacht, in der sich schwer der Regen gesammelt hatte. Hier kauften sie Gambas, Krebse und Gemüse, dann sprangen sie auf einen Pick-Up zu Hühnern und Säcken mit Futter. Carlos wohnte bei seiner Familie im Hinterland. Es war das erste Mal, dass Zak auf der Ladefläche eines Pick-Ups mitfuhr, und der Wind, der wieder einsetzende Nieselregen, diese Plötzlichkeit berauschten ihn.

Zu beiden Seiten wuchsen Palmen und Obstbäume, Bananen wie grüne Sterne auf flachen Hügeln. Doch das Erstaunliche war die Konsistenz des Lichtes: Er konnte es fühlen, so weich und mild, gedämpft durch die Wolken; und weiter hin zum Horizont, wo die Wolkendecke aufgerissen war, wehte Sonnenschein wie Seide über das Land. Zak stand und hielt sich am Überrollbügel fest, und jedes Mal, wenn sein Magen über einer Bodenwelle leicht wurde, gackerte ein Huhn zu seinen Füßen. Es ging ab von der asphaltierten, mathematisch geraden Straße und über Holterdipolter-Wege und Brücken aus Baumstämmen und durch Schlammlöcher, und schließlich waren sie da. Petra bezahlte den Fahrer.

Carlos Mutter besaß einen Kiosk an der Straße, dahinter zwei einfache Häuschen. Geflochtene Hängematten hingen zwischen Verandapfosten und Palmen. Drinnen wie draußen – da gab es keinen großen Unterschied – liefen die ewigen Hühner herum.

Während die Mutter und eine Schwester von Carlos das Essen zubereiteten, flegelten sich die unerwarteten Gäste im Garten und öffneten Kokosnüsse mit einer Machete, ließen sich die Milch aus den Mundwinkeln laufen. Was ein Land, welch ein Leben! Einfach gewiss, aber nicht arm.

Es gab sopita de camarón. Aber beim Essen bemerkte Zak, wie Petra und er mehr und mehr von der Unterhaltung ausgeschlossen wurden, die nun in Spanisch verlief. Er störte sich nicht weiter daran.

Nachher zog Petra ihn jedoch zur Seite: „Immer wenn ich etwas sage, tut Carlos so, als würde er kein Englisch verstehen. Wir bezahlen hier das Essen, und der macht sich lustig über uns … zumindest über mich. Ich bin ziemlich enttäuscht von Roberto, dass er dieses Spielchen mitmacht.“

Zak nickte, aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Es gefiel ihm einfach … dieses Treiben, alles zuzulassen.

Petra und Zak drängten zum Aufbruch, aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie sich auf den Weg zurück nach Río Dulce machten. Zak hatte seine Zweifel, weil es schon Nachmittag war und weil Carlos zu Hause blieb – dabei war er es doch, der sie mit seinem Boot nach Lívingston hatte bringen sollen.

Wolkenmasse drängte schwarz über den Horizont. Bald klatschten ihnen einzelne dicke Tropfen ins Gesicht, in ihrer Wucht verstärkt durch die Fahrgeschwindigkeit. Also setzte Zak sich um und sah die mathematische Straße hinter ihnen zurückbleiben. Parallel dazu lief eine Stromleitung wie eine Telegrafenlinie aus alter Zeit. Zum ersten Mal auf diesem Trip musste er an Laila denken; es regnete, dann wieder nicht …

Eddie tippte ihm auf die Schulter und zeigte nach vorn, schweigend wie immer. Ein Regenbogen stand dort solide hinter dem nächsten Hügel: eine leuchtende Wachsstiftzeichnung im recycelt-grauen Raum. Die Straße führte genau darauf zu.

Schneller! Schneller! So schnell konnte also das Gemüt umschlagen, wenn es auf ein Jahr befreit war von allem Haben und Soll. Von Nachdenklichkeit in höchste Erregung, ins Jubilieren mit nur einem Blick. Der Regenbogen dort vorn wird ihm plötzlich Symbol und Déjà-vu, irgendwie das Tor zu etwas Großem. Dies ist das Abenteuer seines Lebens, na klar. Das ist die Karibik!, denkt er. Immer wieder: Das ist die Karibik! … Tropischer Zucker, tropisches Salz … Ja. Ja. Ja! Und es ist kein Problem sich fallen zu lassen in den Moment, denn nichts Unerwartetes wird unerwünscht sein und anders herum. Oh Lívingston!

Regen verfängt sich in seinen Wimpern, und vor den zusammengekniffenen Augen bricht sich das Bild: In jedem Wassertropfen ein farbiger Stern. Unwirklich dieses Spiel, wie auch die Hügel und die Wolken und der Griff, an dem er sich festhält – unwirklich und ungreifbar auch die Menschen.

Es dämmerte bereits, als sie um fünf Uhr in Río Dulce eintrafen. Alle blickten auf Roberto.

„Es ist wohl zu spät geworden für Lívingston“, sagte der. „Wir sollten das auf morgen verschieben.“

„Wir hatten nur eine Übernachtung geplant“, warf Petra ein.

„Und Carlos wird uns fahren mit seinem Boot?“, versicherte sich Zak.

„Die Sache ist die …“, druckste Roberto herum. „Carlos hat kein richtiges eigenes Boot, er fährt im Auftrag von jemandem, und wir müssen ihm schon etwas zahlen.“

„Und wie teuer wird das?“, fragte Petra.

Roberto überlegte. „Ungefähr zehn Dollar“, sagte er dann. „Maximal.“

„Für jeden?“

„Für jeden.“

Petra ging hoch: „Du hast uns doch gesagt, wir würden von hier aus umsonst nach Lívingston kommen! Vertraut mir, vertraut mir! Schon die Busfahrt hat das Dreifache gekostet von dem, was du uns versprochen hast. Genau wie das Vetterntaxi nach Guatemala. Und die Rückfahrt kostet noch mal soviel. Und wir beide müssen das ganze auch noch für euch mit bezahlen!“

„Aber wir schlafen doch bei Carlos, oder?“, mischte sich Zak ein.

„Er wird gleich nachkommen, dann können wir ihn noch mal fragen.“

„Was soll das heißen?“

„Es sind ja auch gar nicht so viele Betten da … und seine Mutter hat erst vor kurzem ein Baby bekommen.“

Petra weinte. „Das hättest du uns aber früher sagen müssen! Jetzt stehen wir da. Und was kostet ein Hotelzimmer überhaupt?“

„Hör mal Petra, ihr kriegt unseren Teil auf jeden Fall wieder. Das verspreche ich Euch!“

„Ach ja? Schon wieder eines deiner Versprechen! Bis jetzt hast du ja noch nicht so viele eingelöst.“

„Immerhin sind wir doch in Río Dulce …“

„Da wär ich ohne dich aber auch hingekommen – und billiger auf jeden Fall.“

Auch Zak war die Ausflüchte leid, sein Hochgefühl angesichts des Regenbogens hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Er hatte gerechnet und erkannt, dass sein Geld keinesfalls bis Lívingston reichen würde. Und da ärgerte es ihn plötzlich doppelt, dass er soviel Geld für eine halbe Sache ausgegeben hatte. Gleichzeitig lief sein Spanisch-Unterricht weiter, und er hing in diesem Río Dulce rum … Er fluchte und war nahe daran, Roberto und den unbeteiligten Eddie und die verheulte Petra einfach stehen zu lassen. Aber es fuhr kein Bus mehr, und wohin sollte er schon gehen.

Kopflos liefen sie also die schlammige Hauptstraße hoch und runter, wütend aufeinander und enttäuscht. Petra und Zak vorne, die beiden Guatemalteken weiter hinten. Die Betonbauten zu beiden Seiten: Mintgrün und Pantherpink – die einzigen Farben, die es hier zu geben schien.

Am Ufer des Río Dulce gab es die Bar Hollymar. Dahinter hatte Roberto ein vergammeltes, aber billiges Zimmer gefunden, und hier, so hatten sie schließlich beschlossen, wollten sie ihr restliches Geld vertrinken. Roberto und Edgar hielten sich an die Theke, Petra und Zak setzten sich an den Steg und ließen ihre Beine übers Wasser baumeln. Vor ihnen lag der braune Fluss wie ein See; weit entfernt das andere Ufer, wo er die knorrige Mangrove unterspülte.

Petra sagte: „Ich bin froh, dass diese Sache geklärt ist, Zak. Vorhin war ich richtig wütend auf Roberto, aber im Grunde ist es mir jetzt gleich.“

„Ja“, erwiderte Zak, „mir ist es auch egal. Ich war, glaub ich, nicht wirklich wütend, sondern nur enttäuscht … auch über mich selbst. Weil es irgendwie genauso gelaufen ist wie immer.“

„Wie meinst du das?“

Sie schwiegen einen Moment – dann sagte Zak: „Weil ich mir eben vorgenommen hatte, nicht so zu reisen. So – was kostet die Welt?! Hast du die Gesichter der Leute gesehen, als wir uns schon heute Morgen im Bus betrunken haben? Die haben das nicht verstanden. Ich habe das selbst nicht ganz verstanden.“

Petra prostete ihm zu und lächelte. „Also, ich will hier nur Urlaub machen und mein Spanisch für meine Prüfungen aufbessern. Aber was suchst du eigentlich hier – in Guatemala, in Amerika?“

„Ich weiß nicht“, sagte Zak. „Ein Ziel eben … Das Abenteuer des Zufalls.“

„Das hört sich für mich nach einem ganz grundlegenden Zielkonflikt an: Ein Ziel suchen und sich gleichzeitig dem Zufall überlassen – das schließt sich doch irgendwie aus.“

„Vielleicht … Na, dann sagen wir, ich suche eine andere Einstellung zum Leben.“

„Wie sieht denn die bisherige aus?“

Zak überlegte – „Zwischen vierzehn und achtzehn erschien es mir noch vollkommen einleuchtend, dass der Sinn darin besteht, mit Freunden zu feiern, in Clubs zu fahren, um zu rauchen und zu trinken und einfach dabei zu sein … Das war die Zeit, in der man üblicherweise die Doors kennenlernt: Was zählt, das sind die Höhe- und Tiefpunkte und nichts dazwischen – so ähnlich hat Jim Morrison das mal gesagt … Aber irgendwann dazwischen hab ich doch die Augen aufgemacht und bemerkt, dass unsere nächtlichen Straßen gepflastert sind mit Bierdosen, Trinkbechern und Strohhalmen, mit halbgegessenen Dönern und ausgespuckten Peperonis. Mein Gott, jede Nacht verkleckern wir Herden von Lämmern auf dem Bürgersteig.“

Petra unterbrach ihn: „Wenn du so unzufrieden bist mit deinem Lebensstil, warum änderst du ihn nicht einfach?“

„Ich finde das nicht so einfach. Vegetarier bin ich seit einem Jahr, rauchen tue ich nur noch auf Feten, und meinen Wagen hab ich für diese Reise verkauft. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich etwas ändert.“

Petra nickte. „Zuhause denke ich auch oft: Es lohnt sich nicht, zum Beispiel für etwas zu spenden, das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn, dann möchte ich was Richtiges bewegen. Hier dagegen, im Urlaub, verschiebt sich meine Wahrnehmung, und ich finde plötzlich, dass durchaus die Kleinigkeiten zählen. Gerade die. Denn die bestimmen ja mein eigenes Leben. Und jedes Mal im Urlaub nehme ich mir vor, diese Einstellung mit nach Hause zu nehmen: Dass es eben nicht um Alles oder Nichts geht, sondern um die kleinen Dinge …“ Sie blickte sich um. „Und darum sollten wir jetzt vielleicht zu den anderen gehen. Was meinst du?“

Roberto und Eddie kippten rückwärts in ihre Betten. Petra und Zak dagegen lagen noch lange wach, wegen der Moskitos und weil sie sich vor den speckgeschwärzten Matratzen ekelten. Schließlich wickelte Zak sich in sein Regenzeug und zog sich sogar die Kapuze über den Kopf – es half alles nichts.

Um Mitternacht klopfte es plötzlich an der Tür. Petra öffnete. Es war Carlos, der einen Rucksack für Roberto abliefern wollte. Petra nahm und öffnete ihn, er war voll mit Gras. Sie schubste Carlos zur Seite, schleuderte den Rucksack an ihm vorbei und knallte ihm die Tür vor sein nächtliches Grinsen. Roberto war so betrunken, dass er dabei kaum ein Auge aufmachte. Auch Zak war sich nicht sicher, ob er nicht träumte.

Am nächsten Morgen sprangen sie in den schlammbraunen Río Dulce und wuschen sich den Schweiß der Nacht von den Körpern, dann fuhren sie zurück. Am späten Nachmittag, einige Kilometer vor Antigua, gab Zak das Pfand, die vergoldete Uhr, an Roberto zurück. Er wollte sie nicht behalten, das Geld war ihm egal. Die beiden Guatemalteken verabschiedeten sich mit dem Versprechen zum Abend ins Rainbow zu kommen – sie erschienen nicht.

Drei Tage später traf er Roberto auf der Straße. Zak sagte ihm, das ausgelegte Geld könne er behalten, es sei nicht so wichtig. Roberto aber bestand darauf, ihm alles zurückzuzahlen, und sie verabredeten sich ein zweites Mal im Rainbow. Roberto versetzte ihn erneut, doch damit hatte Zak gerechnet.

MONTERRICO (3)

Lotos. Oder der Versuch, ohne Urteile durch die Welt zu ziehen

Als seine dritte Woche in Guatemala anbrach, wurde Antigua ihm schon zu klein und zu touristisch, obwohl es sich doch gar nicht geändert hatte in der kurzen Zeit. Aber sein Blick war schärfer geworden. Zak fokussierte auf die bewaffneten Wachleute vor den Gringokneipen, auf die ausländischen Kellner. Der Einheimische wird sogar als Dienstleister verdrängt, zur Kulisse degradiert.

Und Zak kamen Zweifel, ob er tatsächlich sein altes System verlassen hatte, das er doch von außen hatte betrachten wollen. Waren das am Ende gar keine verschiedenen Welten, die erste und die dritte? … Antigua jedenfalls bot ihm vor allem das Angenehme und Gewohnte.

Deshalb hatte Zak am vergangenen Wochenende den Atitlán-See besucht, mit den Dörfern Panajachel, Santiago und San Pedro. Aber hier wimmelte es nur so von Aussteigern und Reisenden, die so lautstark auf der Suche nach sich selbst waren, dass sie nur ihr eigenes Echo finden würden, egal wohin sie gingen … Zugegeben: Es war verführerisch, hier für einige Wochen oder gar Monate hängen zu bleiben: mit all den interessanten Typen zu rauchen, in der Überzeugung, dass nichts sinnvoller wäre, als einfach gut zu leben. Aber irgendetwas störte ihn. Es war so … unecht.

Das Echte jedoch war auch die Woche darauf in Chichicastenango nicht zu finden, trotz oder wegen der Marimba-Bands, der barock duftenden Kopalharz-Pfannen und der Weihrauchschwenker vor den Kirchen. In Zaks Reiseführer stand, sie würden vom Tourismusministerium bezahlt … Auch der prächtige Markt rief nur ein leises Gefühl der Exotik in ihm ab – aber nein, er wollte nicht kaufen und kiffen und gaffen und zu Hause davon erzählen; er wollte mit seinem Herzen erfahren. Das hatte er beschlossen im Kater nach dem missglückten Lívingston-Rausch. Darum ging er für eine Woche an die Pazifikküste nach Monterrico.

Hier gab es nichts außer dem Strand und einer Dépendance seiner Spanischschule mit fünf Lehrern und ebenso wenigen Schülern.

Lars, ein hünenhafter Däne, langweilte ihn mit seinen ständig gleichen Reden: „Es muy importante practicar y hablar el español.“ Er war sehr stolz auf seine Grammatik, die er brauchen würde, um in Guatemala business zu machen; er kam aus der Textilbranche.

Monika, eine Deutsche, hatte sich von ihrem Mann getrennt, ihren Job aufgegeben, alles verkauft und war ausgewandert.

Ronald, ebenfalls deutsch, hatte gerade ein halbjähriges Architekturpraktikum auf Haiti hinter sich.

Claire kam aus Quebec und sprach kein Englisch.

Aúra, die Chefin der Schule, war wie die anderen Lehrer sehr jung; eine halbe Indianerin. Ronald bezeichnete sie scherzeshalber als astuta, impertinente y increible – schnippisch, frech und einfach unglaublich.

Trotz dieser Gesellschaft fühlte Zak sich nach dem Ortswechsel zunächst allein und leer. In der ersten Nacht ging er nicht zu der großen Fiesta zu Ehren des örtlichen Schutzheiligen, vermutlich das größte Fest des Jahres. Stattdessen lag er unter seinem Moskitonetz und lauschte verzweifelt der schamlosen Lebensfreude, wälzte sich in kaltem Schweiß und Schuldgefühlen gegenüber Laila.

Erst das Tageslicht machte alles erträglicher, und er nahm wieder Anteil an den neuen Bildern: Auf den staubigen Wegen liefen Schweine herum, unter den wenigen Laternen saßen doppelfaustgroße Kröten. Der vulkanische Sand brannte heiß unter den Füßen, und jeden Abend fuhr die letzte Sonne so glutig und rot in die Wolken wie Wind in die Asche eines Lagerfeuers. Nur am Wochenende sollte es voll werden, hatte Aúra ihn gewarnt: neureiche Yuppies aus der Hauptstadt, die mit Strandbuggies den Sand aufmischen und ihre Bierdosen liegen lassen … Eines Mittags fand Zak den Leichnam eines Hundes mitten auf einem Weg – zwei Rabengeier hatten säuberlich ein winziges Loch hineingepickt und bedienten sich daraus.

Im Mondlicht glitzerte der anthrazitfarbene Strand, während Zak die schwarz und ungeheuer hereinrollenden Wellen beobachtete. Immer wieder das gleiche Spiel: Die Stiere stürmen heran, glänzend wie Presskohle, bäumen sich auf, dass ihre Muskeln schwellen und ihre Mäuler schäumen, erbrechen ihre ganze Kraft, ihr weißes Fleisch nach außen und stürzen dann verhalten in sich zusammen wie eine gesprengte Häuserreihe. Die letzten Blasen platzen über dem Sand, und wenn das Wasser sich zurückzieht, hinterlässt es nur eine feine Linie.

Er saß schon lange hier und sah, wie die Linie sich auf ihn zuschob. Dieser Strich, für den die Welt soviel Kraft aufgewendet hatte. Alle Wirbel reduziert, und man glaubt zu erkennen, was das alles bedeuten soll: Wellenberg, Wellental – beides unter einer Wasserhaut.

Irgendwann würde die Linie ihn erreichen, und bei diesem Gedanken gab es keinen Rückhalt mehr. Lolas wundervoll geschwungenes Becken; Lola, mit einem Stück Wassermelone durch Nürnberg trottend, sie beide, Taxifahrer nach Sex-Shops fragend … ach, und in der Schule: ihre Lolalöwenlocken leuchten in der Raucherecke … Zak erinnerte sich ihrer gemeinsamen Einkäufe: das Ein- und Ausladen der unendlich vielen gekauften Dinge; Tigerbettwäsche, müde nach Hause getragen und ohne Zeit ausprobiert: Lola, sei zahm! Mit einem Kloß, zu groß, um ihn hinunterzuschlucken, auf der Straße stehen … in Holland – auf dem Damm, in den Dünen, auf der Toilette einer Tankstelle: vereint – Musik hörend, Mojo, Reggae, unser Song, mal verliebt, dann genervt, entmutigt, nicht sicher, verheult und wieder vertragen. Nach dem Flohmarkt die indische Liebesnacht … so kitschig wie die Sonnenuntergänge und die Milchstraße über Monterrico.

Heute noch hatte er mit Laila gesprochen; für dieses Telefonat war er fast den ganzen Tag unterwegs gewesen. Monterrico lag hinter einem Mangrovenreservat: Mit einem Boot über das Brackwasser, anschließend per Bus nach Chiquimulilla, wo das nächste Büro der Guatel hockte.

Auf dem Deck der lancha quiekten zwei Ferkel in der Sonne, beide in ein Netz gewickelt und mit allen Vieren an einen Tragstil gebunden. Schwärme weißer Reiher, fremdartige Vögel, flüchtige Gedanken an Lola. Im Bastkorb einer faltigen Bäuerin wand sich ein gefesselter Hahn zwischen zwei gigantischen Papayas.

Die pazifische Küstenebene war flach und heiß. Immer wieder hielt der Bus, um zähe Campesinos mit Cowboyhüten und groben Leinensäcken oder Bündeln mit Zuckerrohr zusteigen zu lassen, oh staubige endlose wunderschöne Fahrt! Chiquimulilla lag höher, im Kaffeegürtel am Fuß der vulkanischen Kordilleren. Die Bürgersteige waren in ihrer unbequemen Höhe für die starken Regengüsse ausgelegt. Handgemalte Pepsi-Reklamen an den Häusern in der einen Straße – Coca-Cola-Banner über der anderen. Um jede Straße wurde hart gekämpft. Vor jeder Bank Wächter mit Maschinenpistolen. Obst, Krach, Gerüche.

Zak hat den Tag über nur wenige Worte gesprochen, und wie das ist, wenn man sich eigentlich viel und wichtiges zu sagen hätte, bringt er, bringen sie beide – Laila und er – nur ein stockendes Gespräch zustande:

– Wie geht’s? Was machen Sven und Hendrik denn so? Ja, mir geht’s auch gut, mmhm. Selbst die Kokosnüsse schwitzen an den Palmen, ach, es gibt so viel zu erzählen. Ich vermisse dich. Ja … ich dich auch! Und bitte weine nicht, die Zeit ist so kostbar, und ja … was soll ich sagen, das wird wohl das Beste sein. Grüß schön, und … ich liebe dich!

Verwirrt macht Zak sich auf den Weg zurück.

Flammen verzehren wie jeden Abend die dünnen Wolken, als er die letzte lancha nach Monterrico besteigt. Und bald sieht er die Sterne. Zuerst schwach, dann so stark, dass sie sich im Wasser spiegeln, das wie ein bleierner Spiegel unter ihm liegt. Kaum bewegt durch das langsam tuckernde Boot.

Ab und an streift es eine Art Seerosen mit lila Blüten; zu denen hat Aúra ihm eine Geschichte erzählt: Der Sage nach handelte es sich um Nymphen, die einem Wanderer einen Wunsch gewähren, wenn er sich wie sie der Strömung aussetzte … Als Zak sich weit hinauslehnt, kann er ihre sanften Finger über die seinen streichen fühlen.

Die Mangrove wirkt abwesend, aus dem noch glimmenden Himmel geschnitten. Und je dunkler es wird, desto deutlicher klafft dieses Nichts zwischen Himmel und Wasser. Pioniere auf ihrer Reise zum Mittelpunkt der Erde. Er sucht nach Strukturen, nach Blättern und Stelzwurzeln, einfach nach einem Halt, doch da ist nichts, nur ein Riss in der Welt. Er beginnt zu fallen, wird angesogen … von einem leuchtenden Punkt. Und noch einer und plötzlich hunderte, tausende Sterne, die aufblitzen und wieder vergehen. Ein Flug ins Mangrovenuniversum, das explodiert aus einem Punkt hoch verdichteter Sehnsucht; es breitet sich aus, und der dimensionenlose Raum gewinnt eine neue Tiefe … Raumgleiter, Traumsplitter, einsamer Ritter … Die Mangroveninseln, die das Boot umschifft, funkeln nun tatsächlich wie Christbaumdekoration, nur nicht so aufdringlich, viel diskreter, konzentriert in sich selbst.

Lucieros hatte Aúra die kleinen Leuchtkäfer genannt, Zak solle sie nicht berühren, er würde sich sonst die Finger verbrennen.

Während Zak also wie eine Schwimmpflanze am Strand hockte, im Lotossitz die Wellen auf sich zurollen ließ, da riss es ihn plötzlich los von seiner Erinnerung und vom Konkreten. Und im Geiste trieb er hinaus aufs Meer der Abstraktion, fühlte sich fernsichtig und seekrank zugleich.

Ich liebe dich – hatte er das etwa nicht gesagt! Und dennoch war er hier – wie ließ sich das auflösen? Der Zielkonflikt, von dem Petra gesprochen hatte: Sich dem Zufall überlassen oder sich ein Ziel stecken? Freiheit oder Sicherheit wählen, Reise oder Liebe. Aber da waren nicht nur diese zwei Seiten: Aus jedem Winkel seines Lebens flüsterten ihm kleine Männchen Erklärungen, Ansichten, Einstellungen ins Ohr. Und alle versuchten sie, sich gegenseitig zu widerlegen.

Die Eltern sagen: Geld verdienen, eine Familie gründen, denn du sollst zufrieden sein. Die Freunde fordern: Komm! Das ziehen wir uns rein. Bob Marley singt: One Love. Jim Morrison: Gib Gas! Die Ökos: Autos machen keinen Spaß. Die Punks: Haste mal zehn Cent! Der Fernseher: Kauf mich! (… implodiert und brennt.) Der Pfarrer: Gott ist das Licht! Die Atheisten: Stimmt ja nich’ … Licht aus! Kommen die Rechten, singen: Ausländer rrraus! Und der Intellektuelle: Sieh das mal differenzierter, hey, lass uns das mal ausdiskutieren … und just hier erscheint Albert Einstein und doziert, Zeit und Masse eines Objekts verhielten sich relativ zu seiner Geschwindigkeit oder so ähnlich. Wie ist das, haben Dicke dann mehr Zeit oder bewegen sie sich einfach langsamer? … Scheiße, wie soll man sich denn für etwas entscheiden, wenn alles so gottverdammt relativ ist?!

Vor einigen Tagen erst hatte Zak Siddhartha von Hermann Hesse gelesen – die Geschichte von Buddha, der auszog, um die Erleuchtung zu finden. Doch es braucht viele Umwege und gegensätzliche Erfahrungen, bis Siddhartha an sein Ziel gelangt und sein inneres Nirvana findet, eine unstörbare Gelassenheit vor allen Wünschen. Aber davor hat er eben all diese Umwege gehen müssen, musste Bettler, Kaufmann, Liebhaber, Mönch sein, um sich zu finden … Und war das nicht auch die Idee von Jack Kerouac und Henry Miller, von Bruce Chatwin und Charles Bukowski, die Botschaft aller begnadeten Flüchtigen und Süchtigen? … So hatte auch Zak sich vorgenommen, von den Gegensätzen zu leben und ohne Urteile durch die Welt zu ziehen.

Er löste seine überkreuzten Beine und ließ sich in den kühlen Sand fallen.

Der Gedanke, dass alle Erfahrungen wichtig und richtig waren, egal ob gut oder schlecht, gab ihm ein leichteres Gefühl, nahm etwas Verantwortlichkeit von seinen Schultern. Aber das löste nicht sein Problem: Er musste sich ja trotzdem für oder gegen eine jede Handlung entscheiden. Und wie sollte das gehen ohne Urteile – wo doch der Instinkt versagen musste unter dem Anprall dieser ungeheuren Datenflut. Wo doch jeder wusste, dass seine kleinste Handlung (vermutlich katastrophale) Folgen hatte, die auf der ganzen Welt zu spüren waren. Sei es der Kauf einer Aktie, eines Liters Benzin oder einer Banane.

Konnte er das einfach ignorieren? Gab es tatsächlich keinen Maßstab?