Kurzschlüsse - Heather M. Kaufmann - E-Book

Kurzschlüsse E-Book

Heather M. Kaufmann

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Beschreibung

Wir stehen unter Hochspannung oder auf der Leitung. Wir sind überspannt, leisten Widerstand, oder wir sind geladen, bis uns die Sicherungen durchbrennen. Wir werden vom Schlag getroffen und erkennen, obwohl wir unter Strom stehen, oft nicht, was 'Masse' oder 'Phase' ist, worauf wir, vollkommen durchgeknallt, mit Kurzschluss-Handlungen reagieren. Schlägt die Liebe wie ein Blitz ein, sind wir wie vom Donner gerührt, fühlen uns elektrisiert oder geerdet. Zwölf fiktive Geschichten aus den knisternden Genres Suspense und Romance mit einem Funken Magie, sowie eine True Story bezeugen unser metaphorisches Spannungsverhältnis zwischen positiver und negativer Energie, zwischen lebenswichtig und lebensgefährlich.

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Heather M. Kaufmann (Pseudonym) machte sich nach ihrem abgeschlossenen Designstudium mit einem spezialisierten Handel mit Büchern, Lehr- und Lernmaterial für Kinder selbstständig. Heute lebt sie an der Dornröschen-Route der Deutschen Märchenstraße in der Grimm-Heimat Nordhessen und schreibt, locus est omen, Geschichten.

»Fix und fertig liegen die Phrasen

in den Gehirnfächern,

ein kleiner Anlass,

ein Kurzschluss der Gedanken, und heraus

flitzt der Funke der Dummheit.«

Kurt Tucholsky

In memoriam meiner Mom, die las,

was immer unter ihre Augen geriet.

Nicht nur Tucholsky und Fontane,

aber sie am liebsten.

Die letzte Geschichte gehört dir.

Inhalt

Kurz und Klein

An einem abgeschiedenen Ort auf Bali erlangt Anne das Bewusstsein. Was hat man ihr angetan und wer? Nur allmählich fallen die Puzzleteile ihrer Erinnerung an die richtige Position.

Eiskalt

Wie faszinierend sich elementare Kräfte präsentieren, wenn wir sie mit Abstand betrachten. Wir nennen diese Energie Naturgewalt, weil wir selbst einer gewalttätigen Spezies angehören.

Rohe Ostern

Ein Pärchen macht mit einer prädestinierten Spürnase einen Osterspaziergang. Idyllisch?

Wolf im Schafspelz

Lisann, sensibel wie ein Seismograph, spürt die veränderten Schwingungen, die von ihrem Freund Jonas ausgehen. Kann sie einer finalen Erschütterung entgehen?

Teatime im Jenseits

›Fünf Freunde auf Schatzsuche‹ klingt nach wohligem Kinderbuch-Schauer. Doch das ist die erwachsene Version über fünf Geocacher! Oder besser: Egocacher?

Wer anderen eine Grube gräbt

Helen walkt regelmäßig im Stadtwald, um ihre Angststörung in den Griff zu bekommen. An einem nebeligen Oktobertag lernt sie den Unterschied zwischen Angst und Furcht. Eine böse Geschichte!

Heißkalt abserviert

Sofies und Toms Beziehung wird nur noch durch leibliche Genüsse zusammengehalten. Ist es eine gute Idee, ausgerechnet zu Halloween eine Versöhnungsauszeit in einer entlegenen Waldhütte zu planen?

Moorwalzer

Amor in aeternum, Liebe währt ewig, heißt es, aber gilt das auch für Leid? Ava und Dante treffen sich einmal im Jahr zum Tanz. In der geheimnisvollen Nacht vor All Hallows Eve.

Nachtfall

Dass ein verliebtes Pärchen eine nächtliche Kahnpartie bei Vollmond und unter funkelnden Sternen unternimmt, ist romantisch, aber nicht ungewöhnlich. Oder?

Eingleisig

Ein Ausflug ins Genre Romance. Doch Liebe ohne Komplikationen ist keine!

Das Glück der Unvollkommenheit

Ruth Bauer liebt Antikmärkte und das Stöbern in Gegenständen mit Vorleben. Eines Tages findet sie etwas über sich selbst heraus.

Einfache Fahrt

Einem hingebungsvollen Schaffner geht es wie Ruth aus der vorangegangenen Story. Seine Erkenntnis ist noch profunder.

Erika

Eine autobiografische Geschichte, in der ich der Sitte mancher Autoren, ihre erste Schreibmaschine zu ehren, folge.

Kurz und Klein

Hassen und lieben zugleich muß (sic) ich–wie das? Wenn ichs wüßte (sic)! Aber ich fühl´s, und das Herz möchte zerreißen in mir.

›Zwiespalt‹, Eduard Mörike, nach G. V. Catullus

Trunken vor Übermut randaliert die Brandung. Der Höllenlärm zerrt die Frau zurück an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Das Rauschen des Meeres beruhigt sie normalerweise, doch das ist ... zu laut! Sie will sich die Ohren zuhalten, fühlt aber ihre Arme nicht. Nur Kälte. Sie sickert wie Eiswasser im gleichen Maß in sie hinein, wie das Leben aus ihr heraus. Ist das das Ende?

Aus dem tauben Druck an Rücken und Po schließt sie, dass sie liegt. Nur wo und warum? Mit äußerster Willenskraft hebt sie die bleischweren Augenlider, um etwas zu sehen. Ihr gelingt ein Blinzeln, und wie bei einem alten Stummfilm flackert das Bild, doch hell und scharf wird es nicht. Im Schneckentempo kriechen ihre Sinne zurück, was gut ist, denn so steigt die Kurve ihrer Panik ebenfalls in nur gemächlichem Tempo an und eskaliert nicht. Als Kraftfahrzeug-Mechatronikerin wurde sie in Systemanalysen geschult. Genau so betrachtet sie die Basisversion Mensch bloß als System funktionierender Baugruppen. Sie ringt ihre Angst nieder und macht einen Selbstcheck. Erfreuliche Feststellung: Sie lebt. Negativ: Sie ist beschädigt und kennt den Grund dafür nicht. Zudem hat sie keine Ahnung, wo sie ist. Immerhin weiß sie, wer sie ist. Ihr Name ist Kurz – hier erntet sie bei einer Vorstellung stets Lacher. Anne Kurz.

Hey, ich kann die Pointe noch toppen, denn meine Lebensgefährtin heißt Carola Klein. Kurz und Klein! Mein Gott, Caro!

Der Gedanke an Caro explodiert mit einer Stichflamme in ihrer Brust und reißt eine Bresche in die Schmerzbarriere, hinter der sie sich bis jetzt versteckte. Plötzlich empfindet sie ihn nicht nur, der Schmerz füllt sie komplett aus! Annes Schädel steht kurz vor dem Zerbersten und sie fühlt sich am ganzen Körper wund und in einem Maße elend, dass ihr Tränen in die Augen schießen. Wie von einem Vulkan ausgeworfenes Magma winden sie sich in zähem Fluss an kalten Bergflanken entlang und tropfen am Kinn hinunter. Während sie heult, wird das Tosen der Brandung schwächer, und Anne erkennt, dass es nur in ihrem Kopf existiert hatte. Wie nah ist das Meer wirklich?

Was ist das Letzte, woran ich mich erinnere?

Ihre Kiefer klappern aufeinander und die Kälte scheint inzwischen ihren innersten Kern erreicht zu haben.

Ich bin unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und kann mich nicht bewegen. Aber ich muss Aufmerksamkeit erregen, damit man mich findet.

Anne schluckt und versucht zu rufen. »Hil...fe.« Nur dünnes Hauchen. So, liebe Anne, wird das nichts! Ein neuer Versuch. »Hilfe!« Raues Krächzen verlässt ihren trockenen Hals. »Ich brauche Hilfe! Bitte!« Sie weint wieder, weil sie sicher ist, dass niemand sie hört. Dann gibt sie sich einer schwarzen Woge hin, die sie mit brachialer Gewalt überrollt und mit sich reißt.

Die Bilder des Stummfilms flackern erneut. Sie ist zurück und dieses Mal kann Anne die Augen einen Spalt breit geöffnet halten. Wie lange sie weggetreten war, weiß sie nicht. Es ist Tag, und warmer Regen fällt in ihr Gesicht. Sie leckt gierig nach den Tropfen, öffnet sogar den Mund, um das wenige Wasser, das hinein gelangt, zu schlucken. Doch es reicht nicht, um ihren Durst zu löschen. Über ihr wölbt sich ein schleimgrauer Himmel. Die Kälte ist noch da und die Kopfschmerzen auch, aber entweder sind sie schwächer oder sie selbst ist kräftiger geworden, denn beides ist auszuhalten. Ihre kribbelnden Finger – sie spürt sie wieder – krallen sich in den nassen Schlamm, in dem sie liegt, und sie wagt weitere Bewegungen. Vorsichtig und umständlich wälzt sich Anne auf die linke Seite und es gelingt ihr, sich erst auf den Bauch zu rollen, um sich anschließend in eine Art Kniestand zu begeben. Tapfer ignoriert sie die aufsteigende Übelkeit, vermutet, dass sie das Symptom einer Gehirnerschütterung ist. Das Schwanken lässt sie trocken würgen und sie kommt sich wie ein Matrose hoch oben in der Takelage eines Segelschiffs vor, während tief unter ihr ein massiger Schiffsrumpf im orkangepeitschten Ozean rollt und stampft.

Trotz steifer Gliedmaßen ist Anne erleichtert, offensichtlich keine schwerwiegenden Verletzungen oder Brüche erlitten zu haben. Ein neuerlicher Schwindelanfall zwingt sie, sich mit dem Po zurück auf die Fersen fallen zu lassen, und sie atmet bewusst tief und langsam, bevor sie den Kopf wieder sacht hebt und starr geradeaus blickt. Ihr Blick heftet sich an den Stamm einer Palme. Eine von Hunderten in einem Streifen tropischen Grüns, aber diese eine hält Anne in der Gegenwart verankert.

Caro! Seit zwei Jahren gilt ihr, egal wann oder wo ich erwache, mein allererster Gedanke.

Plötzlich fällt ihr ein, wo Carola in genau diesem Augenblick ist, und ehe sie sich dagegen wehren kann, heult Anne erneut los. Dabei schaut sie dem fallenden Regen entgegen, der ihr zärtlich Tränen und Rotz aus dem Gesicht wäscht. Bodenlose Leere breitet sich in ihr aus, und sie begegnet der allumfassenden Verzweiflung mit Tönen, die an das Jaulen und Fiepen verlassener Welpen erinnern.

Warum hast du das getan, Caro? Du hast unser Leben zerstört! Alles kurz und klein geschlagen. Lebten wir hier auf Bali nicht einen Traum? Ich verdiene mit meiner Autowerkstatt genug für uns beide, und wir hätten sorglos unter der Sonne zusammen alt werden können. Jetzt sieh dir an, wohin du mich gebracht hast!

Qualvoll langsam und stöhnend erhebt sich Anne, steht breitbeinig und wankend auf einer durchweichten Bergpiste im Nirgendwo außerhalb von Amlapura. Sie löst ihren Blickanker, dreht sich benommen und sucht einen neuen Haltepunkt. Doch da ist nichts, was ihr zur Orientierung dient. Die Piste verliert sich im wolkenverhangenen Himmel.

Es hat aufgehört zu regnen. Anne setzt unsicher einen Fuß vor den anderen und torkelt dem Ende eines Weges, der abrupt an einer kaum sichtbaren Schnittstelle von Himmel und Erde endet, entgegen. Jeder Schritt bringt sie ihrer Erinnerung ein Stück näher. Dort am Rand – sie sieht es nicht, aber sie weiß es, denn sie kennt die Insel so gut wie ihren Werkzeugschrank – geht es senkrecht in die Tiefe. Unten warten die Klippen der Balisee. Was dort hinunterstürzt, ist unwiderruflich zerstört und verloren. Der Pazifik arbeitet an dieser Stelle überaus gründlich, denn die Brandung schleudert und mahlt an den scharfkantigen Felsen alle anorganischen Stoffe in winzige, nicht mehr identifizierbare Bruchstücke und übergibt die organischen dem Kreislauf des Lebens.

Warum hast du blöde Kuh plötzlich angefangen, in meiner Vergangenheit so lange herumzustochern, bis der längst vergessene Bodensatz aufgewirbelt war? Was hat dich veranlasst, eine natürliche Todesursache meines Ex in Deutschland anzuzweifeln? Warum müssen wir denn unbedingt heiraten? Wir sind doch auch ohne Papiere glücklich! Und was haben wir jetzt? Mein Herz ist zerrissen und ich bin wieder allein!

Anne schaut auf den Boden. Sie sind kaum mehr zu erkennen. Matschige Abdrücke von Reifenprofilen des geliehenen Geländefahrzeugs, in dem sie ihre Lebensgefährtin bei Nacht in diese, Caro vollkommen unbekannte, Region der Insel lotste, um sich selbst im allerletzten Augenblick aus dem fahrenden Wagen fallen zu lassen.

Annes geballte Fäuste spiegeln sich in dem trüben Wasser, das in den Spuren steht. Sie enden an der Abbruchkante.

Eiskalt

Seine Wiege hatte in den Great Plains, den trockenen Prärien östlich der Rocky Mountains, gestanden. Innerhalb nur weniger Tage reifte er auf seinem Weg zur Ostküste heran, und als er zu seiner ausgewachsenen Stärke gefunden hatte, sondierte er mit lebenshungriger Neugier das neue Terrain.

Mit nadelspitzen Fingern stocherte er in Ritzen, blies jeden Winkel aus und steigerte sich mit aufbrausendem Temperament in pure Raserei. Der Druck wurde so gewaltig, dass er sich ihm nicht widersetzen konnte! Mit todbringendem Frost und Schneemassen im Gepäck erreichte er die Seen des Staates New York. Dahinter erstreckte sich die Barriere der Appalachen. Kein echtes Hindernis für ihn, aber eine willkommene Verzögerung, um sich davor in bombiger Laune auszutoben.

Auf einer Lichtung in einem Waldgebiet, verstreut wie Hagelzucker auf einem Honigkuchen, standen schlichte Häuser in pastelligen Farben, gedeckt mit dunkelgrauen Schindeln. Er pfiff, brüllte und fauchte um sie herum und presste jedem Lebewesen, das sich ihm ahnungslos entgegenstemmte, den letzten Atem aus den Lungen. Dann wieder heulte er auf, stampfte wie eine Lok und bedauerte sich. Alle fürchteten – nein, sie hassten ihn sogar! Sie verabscheuten sein Wüten, seine Unbarmherzigkeit und die Beliebigkeit bei der Wahl seiner Opfer.

Dabei war er kein skrupelloser Killer, denn ein Gewissen besaß er nicht. Er folgte ausschließlich seiner Bestimmung. Was konnte Wasser dafür, dass es floss? Und ein Wintersturm dafür, dass er toste? War nicht alles unter dem Himmel bloß Ursache und Wirkung?

Freitagnachmittag, 23. Dezember 2022

Bethany Bowen, eine kleine Frau mit kurzen, teerschwarzen Haaren, durch die sich erste Silberfäden zogen, stand in einem Jogginganzug, in den sie zweimal gepasst hätte, am Fenster und starrte hinaus in das Schneetreiben. Ihr Mienenspiel wechselte zwischen mürrisch und besorgt. Ein Transistorradio auf dem Kaminsims dudelte weihnachtliche Popmusik, immer wieder unterbrochen von Schreckensmeldungen aus Montana, South Dakota und Wyoming über ein Sturmtief, das sich jetzt ihrem County Erie rasch näherte. Bethany und ihre befreundete Kollegin Lucille Meyers, beide Mitte vierzig, begingen die Weihnachtsfeiertage gemeinsam in einer Hütte im Cattaraugus Indian Territory, einem Reservat südlich von Buffalo. Sie waren von der Ethnie der Seneca für die Dauer von zwei Monaten eingeladen worden, das komplett eingerichtete hellblaue Holzhaus zu bewohnen. Hier, in engem Kontakt mit den Einwohnern, die zu den Irokesen, einem der größten Stämme Nordamerikas, gehörten, fanden sie die Ruhe, um an ihrem Buch über die Rolle der Frau in Kultur und Geschichte der Nation of Indians zur recherchieren.

Bethany dachte an den hässlichen Streit, den sie am gestrigen Abend und ohne Aussöhnung mit ihrer Freundin ausgetragen hatte. So in Gedanken erschrak sie, als sich zwei Arme von hinten um sie schlangen und Lucille ihren Kopf auf Bethanys Schulter legte.

»Es tut mir leid wegen gestern, Beth. Ich war echt gemein. Aber die unfaire Entscheidung des Verlags hat mich gekränkt und stinkwütend gemacht!«

»Warum bist du bloß so verflucht dickschädelig?« Bethany wandte sich ihrer hochgewachsenen Freundin zu und schüttelte mit dem Ausdruck der Verzweiflung den Kopf. »Wie ein durchgeknallter Stier preschst du mit gesenkten Hörnern los! Dabei haben sie dich mehrfach gewarnt. Ich habe dich gewarnt. Und jetzt ist es passiert: Du bist raus aus dem Projekt, und das tut mir genauso weh!« Tränen quollen Beth aus den Augen.

»Ich lasse mir aber nicht von diesen dilettantischen Verlagsfuzzis den Mund verbieten!«

»Du lässt immer nur eine, nämlich deine Meinung gelten. Das wird dir nicht das erste Mal zum Verhängnis! Mensch, wir sind hier nur Gäste. Wir beobachten, wir stellen Fragen zum Verständnis, aber wir enthalten uns jeglicher Wertung! Der Verlag hat das den Seneca ausdrücklich zugesagt. Doch du packst bei jeder sich bietenden Gelegenheit deine Feminismuskeule aus und nörgelst rum und kritisierst. Du bist blasiert und besserwisserisch. Eine seriöse Recherche geht anders, Lucy!«

»Sag du mir nicht, wie man für ein Buch recherchiert! Ich habe in Geschichte und Politik promoviert, und mein Name steht auf vier Publikationen. Und deiner?« Lucilles Gesicht spiegelte schlagartig schiere Gehässigkeit und ihr Ton war giftig wie der Biss einer Waldklapperschlange.

»Meiner wird auf der stehen, für die wir hier sind. Jetzt leider nur meiner. Der Verlag hat es so entschieden, basta! Also lass uns bitte den Streit beenden, er führt doch zu nichts.«

»Vielleicht könntest du nach den Feiertagen trotzdem nochmal den Verleger anrufen, um ein gutes Wort für mich einzulegen?« Lucille heuchelte Sanftmut. »Du weißt doch selbst, wie wichtigmir das Buch ist!«

»Nicht der Inhalt bedeutet dir etwas«, sagte Beth. »Es ist dein verdammter Ehrgeiz und der vermeintliche Ruhm, nach dem du strebst, seit ich dich auf der Uni kennengelernt habe. Überall drängst du dich in den Vordergrund und gehst dabei über Leichen.« Mit einem Seufzer der Enttäuschung ließ sie sich auf die Couch vor dem Kamin fallen und stieß an einen Beistelltisch. Der Becher darauf schwankte bedrohlich. Sie nahm ihn hoch und trank einen Schluck von dem inzwischen darin erkalteten Kaffee.

»Ich habe die ganze letzte Nacht gegrübelt«, fuhr sie fort, »und habe schweren Herzens beschlossen, nach Weihnachten abzureisen. Ich erachte unsere bisherigen Nachforschungen und Interviews für ausreichend. Aber jetzt gehe ich erstmal duschen und mich warm anziehen. Danach fahre ich rüber zur One-stop-Tankstelle und versuche, für meinen Dodge noch Schneeketten zu bekommen, falls das mit dem Schneesturm dramatischer wird. Sollten wir noch irgendetwas für die Feiertage vergessen haben, kann ich es mitbringen. Sonntagmittag würde ich dann spätestens zurück nach New York fahren.«

Es entstand eine unheilschwangere Pause, bevor Lucille leise und um Beherrschung bemüht sagte: »Fein ausgedacht. Und was wird mit mir?«

»Mach, was du willst, Lucy. Bleib, schreibe oder reise auch ab. Aber ich kann dieses Gezicke einfach nicht mehr aushalten. Ich bin mürbe wie ein Keks.« Bethany trank einen weiteren Schluck Kaffee und schüttelte sich. »Bah, kalt schmeckt das Zeug scheußlich!« Sie stand auf, brachte den Becher in die Küche und verschwand im Badezimmer. Der Lokalsender spielte Fairytale of New York von Shane MacGowan.

Lucille blieb mit energisch durchgedrücktem Rücken und trotzig erhobenem Kinn, fast würdevoll in ihrer schwarzen Hose, der weißen Bluse und dem gepflegten Pagenschnitt, mitten im Raum zurück. Doch innerlich fühlte sie sich durch die offene Zurückweisung verletzt und ließ ihren Gedanken die Zügel locker. Das konnte unmöglich Beths Ernst sein! Sie würde es nicht wagen, sie hier sitzenzulassen. Ja, es stimmte, die Menschen redeten lieber mit Beth als mit ihr, aber auf dem Buchcover musste unbedingt an erster Stelle Lucille Meyers stehen! Was bildete sich diese lächerliche Schnepfe ein? Co-Autorin, von wegen!

Eine erregte Moderatorenstimme im Radio warnte jetzt vor den Gefahren durch Elliott, so hatte man den Blizzard getauft. Alle Bewohner des Countys sollten möglichst das Haus nicht mehr verlassen, unnötige Fahrten unterlassen und sich auf extreme Windgeschwindigkeiten, Frost und Schneefälle einstellen. Der Wetterdienst hatte zuvor in Wyoming Temperaturstürze auf bis zu minus 43 Grad Celsius gemeldet, und erste Todesopfer wurden beklagt.

Als habe eine fremde Macht ihre Muskelsteuerung übernommen, bewegte sich Lucille langsam in die Küche. In dem sonst maskenhaft erstarrten Gesicht huschten ihre Augen emsig hin und her. Scheinbar ohne recht zu wissen, wonach sie suchte, zog sie eine Schublade nach der anderen auf. Sie kramte in ihnen, wog unterschiedliche Gegenstände in der Hand und entschied sich für einen altertümlichen Korkenzieher, dessen Griff einst das Ende eines beachtlichen Hirschgeweihs geziert hatte. Sie zog ihren Anorak über und verließ das Haus.

Elliott sog die wärmere Luft, die über den Seen lag, ein, genoss diesen Kick und strotzte vor Energie. Unter ihm zog eine Bungalowsiedlung vorüber, in denen sich Menschen wie im Krieg verschanzten, sofern sie ausreichend Lebensmittel und Heizmaterial gebunkert hatten. Seine Vorhut hatte flächendeckend für einen einheitlich pudrigen Überzug gesorgt, aber dem Ausmodellieren mit deutlich mehr Schnee wollte er selbst ein paar spaßige Tage widmen.

Durch die weiße Wüste mäanderte ein Fluss in der Farbe milchiggrünen Chrysopras‘ durch ockerfarbenen Fels. Nördlich des Creeks verließ ein Dodge Pick-up soeben die Auffahrt vor einer der Hütten. Ein höchst optimistisches Vorhaben! Die Hauptstraße verlief parallel zum Wasserlauf und war kaum mehr von der umgebenden Landschaft zu unterscheiden. Elliott türmte Flocke auf Flocke und wehte die frostige Pracht mit vorerst zahmen 60 Stundenkilometern, wohin er Lust hatte. Dass der Pick-up in seiner Lieblingsfarbe weiß lackiert war, erschwerte es, ihn zu verfolgen, aber er fand Gefallen an ihm. Er beobachtete, wie er mit geringem Tempo gen Westen, vermutlich zu der geöffneten Tankstelle fuhr.

Lucille hatte Bethany hinterhergeschaut, wie sie die Auffahrt verließ und auf die Road 438 Richtung Irving einbog. Inzwischen war es dunkel, das Schneetreiben heftiger geworden, und die Sicht betrug kaum mehr als 400 Meter. Immer weiter fiel die Temperatur. Nicht nur draußen. Vollkommen unerwartet loderte in Lucilles Gefühlskälte eine Stichflamme auf. War das ein Schuldgefühl? Was hatte sie getan? Würde sie ihre Freundin – Herr im Himmel, das war sie doch – je wiedersehen? Sie bezwang das innere Feuer, löschte es mit dem Gift der Missgunst und ihrer Sucht nach Anerkennung. Beth hatte sich ihr eigenes Grab geschaufelt! Niemand hatte sie gezwungen, sich in diese weiße Hölle zu begeben.

Wo war der Dodge abgeblieben? Da – schon auf dem Heimweg! Noch rasch das Nötigste zum Katastrophenschutz besorgt? Der Truck verlangsamte das Tempo. Ein bisschen Arbeit durfte man dem Allradantrieb eines solchen Gefährts aber abverlangen! Doch das fuhr jäh einen bedrohlichen Schlingerkurs, kreiselte dann von der Straße und rutschte hangabwärts in Richtung des Creeks, wo er rechtzeitig zum Stehen kam. Die Scheinwerfer beleuchteten kurze Zeit das dichte, verschneite Gestrüpp, das ihn aufgefangen hatte, bevor sie erloschen.

Elliott hielt nach anderem Spielzeug Ausschau. Stundenlang verheerte er das County und wütete inzwischen mit Spitzengeschwindigkeiten von 127 Stundenkilometern ohne Anzeichen von Erschöpfung. Er nahm Mensch und Tier gefangen und ertränkte sie samt ihren Häusern, Schuppen und Autos in mehlfein gesiebtem Schnee, der dicht wie ein Schleier niederging. Sein frostiger Atem brachte Heizungen und hydraulische Systeme zum Platzen, ummantelte Leitungen mit glashartem Eis, bis sie rissen, und unterbrach so die Stromversorgung. Er beerdigte Autos auf den Highways und Straßen, wo manch Insasse einem grausamen Kältetod entgegensah, und verhüllte sein Werk unter einem meterdicken Leichentuch.