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"Alles wird gut heißt nicht, alles wird wie früher." Nicht nur die Gluthitze einer Sommernacht raubt dem zwölfjährigen Lenny den Schlaf, sondern auch die quälenden Erinnerungen an seine verunglückte Zwillingsschwester Lizzie. Er ist wütend. Auf das Schicksal und auf sich selbst, denn er gibt sich die Schuld an ihrem Tod. In dieser Nacht erwartet ihn eine unglaubliche Begegnung und eine noch unglaublichere Geschichte mit dem Versprechen auf ein Wiedersehen mit Lizzie. Als er an der Seite eines kauzigen Mädchens in ein bizarres Abenteuer jenseits aller Welten aufbricht, glaubt er zu träumen. Oder irrt er sich?
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Heather M. Kaufmann (Pseudonym) machte sich nach ihrem abgeschlossenen Designstudium und einer freiberuflichen grafischen Tätigkeit mit einem spezialisierten Handel mit Büchern, Lehr- und Lernmaterial für Kinder selbstständig. Eine chronische Erkrankung beendete ihr Berufsleben.
Heute lebt sie an der Dornröschen-Route der Deutschen Märchenstraße in der Grimm-Heimat Nordhessen und schreibt, ›locus est omen‹, Geschichten.
Meiner Sprosse gewidmet, die auch ohne diese Zeilen weiß,
dass meine Liebe zu ihr über alle Welten reicht.
(Man muss kein Buch schreiben,
um seinen Kindern das zu sagen.)
PS: Bitte komm meinetwegen nicht nach Inlatan!
Schlaflos
Zinnober
Entschluss
Aufbruch
Ankunft
Salea
Bado
Inlatan
Im Urwald
Nachtlager
Nachtjäger
Im Baum
Die Ebene
Am See
Die Schlucht
Gefährten
Die Brücke
Im Berg
Die Felswand
Morag
Gefangene
Befreiung
Rückzug
Der Fluss
Entscheidung
Loslassen
Heimweg
Abschied
Rückkehr
Anfang
Nachwort
Beschreibe mir den Weg,
und ich werde ihn nicht finden.
Erkläre mir den Weg,
und ich werde ihn vergessen.
Begleite mich,
und wir verstehen.
(Angelehnt an ein asiatisches Sprichwort)
Sämig und mit dem süßen Aroma warmen Vanillepuddings floss schwüle Nachtluft in jeden Winkel des Dachzimmers. Erschöpfte Gardinen hingen vor einem weit geöffneten Fenster, um blutdürstige Mücken fernzuhalten, einem zufällig vorüber hauchenden Wind aber freundlich zuzuwinken. Fast Mitternacht. Beginn der Puppenstunde, wie Mama sie genannt hatte, als die Kinder klein waren und ihre Geschichten geglaubt hatten. Ihre Puppen und Plüschtiere würden in der nächtlichen Stunde zwischen zwölf und ein Uhr lebendig, hatte sie ihnen weisgemacht.
Nur mit einem Boxershort bekleidet lag Lenny auf seinem Bett. Arme und Beine hatte er von sich gestreckt, wie ein Hampelmann, an dessen Zugschnur das ganze Gewicht eines glutheißen Tages hing. Die zur Wurst gestrampelte Bettdecke am Fußende, ein wütend abgestreiftes T-Shirt und das verschwitzte Laken bezeugten den verlorenen Kampf um Schlaf. Schweißnasse Löckchen ringelten sich an der Stirn und im Nacken des Jungen. Durch den schmalen Spalt seiner zufallenden Augen starrte er in die Dunkelheit und wartete ergeben.
Der Wetterdienst hatte von den höchsten Temperaturen berichtet, die je im Monat Juli gemessen und aufgezeichnet wurden. Mit allen Sinnen nahm Lenny diesen Rekord wahr. Auf der Haut rieb er wie schmirgelnder Wüstensand, schmeckte wie Staub, und er hörte ihn sogar, weil er nichts hörte. Gewöhnliche Sommertage begannen kurz vor Sonnenaufgang meist mit dem Gesang von Amseln auf den Giebeln der Siedlung. Später vernahm man auf der Straße oder in den Gärten Grüße für einen guten Tag und freundliche Wortwechsel zwischen den Nachbarn. Rasen wurden gemäht, Pflanzen gewässert und Hecken geschnitten. Man hörte schnatternde Kinder auf dem Weg zur Schule und bellende Hunde auf dem Gassigang.
Doch diese Demse machte körperliche Betätigungen zur Höllenqual. Alle Energiereserven wurden für Pflichten und dringende Erledigungen gespart, für einen Einkauf, für den Weg zur Schule oder zur Arbeit. Den Rest nutzte man für Gezeter über das Wetter und Spekulationen über die Ursachen des fatalen Klimawandels. Wie glühende Lava wälzte sich die Hitzewelle derweil durch die Gassen und Häuser und verbrannte auf ihrem Weg jede Lebendigkeit.
Träge wendete Lenny sein Kopfkissen, um für einen Moment die kühlere Seite des Bezugs zu genießen. Die durchscheinenden Vorhänge verliehen dem bleichen Dreiviertelmond weiche Konturen. Diese nervtötende Stille. Liebten Grillen nicht Wärme? Entweder hatten sie nur den Elan zum Zirpen verloren oder waren sogar ausgewandert. Ha, ha, vielleicht hatte die Hitze sie ›gegrillt‹.
Obwohl sich Lenny vor Gewittern fürchtete, sehnte er sich nach einem. Die Luft war danach blitzsauber und erfrischend kühl. Er dachte an die spannenden Geschichten, die er so mochte, weil in ihnen unheimliche Dinge für gewöhnlich in der Nacht und bei krachenden Gewittern geschahen. Der Mut der Helden schrumpfte dann angesichts gewaltiger Donnerschläge, und gleißende Blitze machten verborgene Schrecken für Bruchteile von Sekunden sichtbar. Regenschauer wurden im Rhythmus brüllender Stürme gegen Fenster gepeitscht, die unter dieser Urgewalt klirrend zersprangen. Schwere Samtvorhänge tanzten einen geisterhaften Reigen.
Lennys Gedanken glitten in die Vergangenheit. Ein Bild hauchte sich in sein Gedächtnis. Er sah sich, seine Zwillingsschwester Lizzie und Mama, wie sie ›Mensch ärgere dich nicht‹ gespielt und herumgeblödelt hatten. Draußen hatte ein monströses Unwetter gewütet. Die Gullys hatten die Regenmengen nicht schlucken können, und das Wasser war bei den Nachbarn sogar in den Keller gelaufen.
Das Bild verwehte wie Rauch, als er aus der Erinnerung zurückkehrte. Wann war das gewesen? Ostern vor einem Jahr? Vorigen Monat, im Juni, hatte er alleine seinen zwölften Geburtstag gefeiert. Es war der Erste nach der Tragödie, die seine Familie schlagartig entwurzelt hatte.
Zähe Spucke sammelte sich in seinem Mund und das Brennen in seinen Augen zwang Lenny, schnell an etwas anderes zu denken. Bloß nicht heulen, ermahnte er sich. Gäbe er diesem inneren Drängen nach, würde er nie wieder aufhören können, das war mal klar! Bei dieser Affenhitze hätte er womöglich ohnehin keine Tränen produziert, sondern nur salzige Krümel.
Er wurde durstig. Mit einem Ruck richtete er sich auf, schwang seine Beine aus dem Bett und krallte die nackten Füße in den weichen Teppich. Er seufzte. Vielleicht würde ein kalter, nasser Waschlappen für die Stirn Linderung bringen und ihm endlich gnädigen Schlaf schenken.
Ohne Licht zu machen, tappte der Junge in den Flur. Ein spärlicher, warmer Schein erhellte die unteren Stufen des Treppenaufgangs. Seine Eltern waren also noch wach. Seit das mit Lizzie geschehen war, gingen sie spät ins Bett. Stundenlang saßen ihre Körper jeden Abend eng nebeneinander auf dem Sofa, fanden aber keine gemeinsame Sprache für ihren Schmerz, ihre Gedanken und Erinnerungen. Genau wie jetzt. Mucksmäuschenstill war es unten im Wohnzimmer, als Lenny zwei Etagen über ihnen in sein Badezimmer schlich.
Zum vorletzten Weihnachtsfest hatten die Eltern den Zwillingen die Renovierung der Dachetage geschenkt. Es war zwar keine Überraschung, denn Umbauarbeiten im Haus konnten unmöglich heimlich geschehen, aber es war die Erfüllung ihres größten Wunsches gewesen. Die Geschwister hatten Mitspracherecht bei der Auswahl der Farben, Tapeten und Fliesen und natürlich jede Menge Spaß beim Malern und Einrichten gehabt. Der Umzug aus dem alten, gemeinsam genutzten Kinderzimmer mit dem altmodischen Regal-Raumteiler, hinauf in ihre eigene Reiche, hatte am Heiligabend stattgefunden. Liebevoll selbstgemachte Überraschungen für die Inneneinrichtung des kleinen Badezimmers hatten sie zusätzlich vorgefunden. Jetzt verlor sich Lenny alleine auf der Etage.
Er knipste das Licht am Spiegelschrank an und nahm einen Frotteelappen vom Haken neben dem Waschbecken. Um unnötige Geräusche zu vermeiden, drehte er den Wasserhahn nur ein wenig auf, ließ das kühle Rinnsal in seine hohle Hand laufen, schlürfte ein paar Schlucke daraus und spritzte sich etwas in sein verschwitztes Gesicht. Während der dünne Wasserstrahl über seine Unterarme perlte, sog sich der Lappen voll. Lenny wrang ihn aus, drehte das Ventil zu und löschte das Licht. Leise ging er zurück in sein Zimmer.
Fahles Mondlicht fiel auf das zerwühlte Bettzeug. Bevor er sich schwer auf die Matratze plumpsen ließ, zog er das Laken glatt und schüttelte das Kissen auf.
Mit dem kühlen Lappen auf der Stirn überkam ihn mit jedem Atemzug allmählich Ruhe und die ersehnte Schläfrigkeit. Seine Gedanken zerfaserten und drifteten auf kurvigen Wegen in die Illusion. Millimeter für Millimeter näherten sich seine Lider und aus dem dunkler werdenden Hintergrund traten erste Traumbilder.
Plopp! Erschrocken zuckte Lenny zusammen und schlug die Augen wieder auf. Po ... lopp! Die monotonen Geräusche hallten in der Nachtruhe wie Hammerschläge. Plopp ... po ... lopp, plopp ... po ... lopp … Lenny brauchte einige Sekunden, bis er sich die Plopps erklären konnte.
»Huuh«, flüsterte er spöttisch, »der Wasserhahn des Grauens!« Missmutig stand er ein weiteres Mal auf.
Lennys Ärger über seine eigene Nachlässigkeit wich der Verwunderung darüber, dass seine Eltern inzwischen schlafen gegangen waren. Im Flur war es stockfinster. Vielleicht hatte er doch schon länger geschlafen? Er tastete nach der Tür, die nur angelehnt war.
Die habe ich wohl auch nicht richtig zugemacht, wunderte er sich. Mit ausgestreckter Hand und wedelnden Bewegungen tastete Lenny nach dem glatten Rand des Waschbeckens, mit der anderen griff er an die Stelle, an der er den Hahn wähnte. Doch was er tatsächlich zu fassen bekam, fühlte sich nicht wie das erwartet kühle Metall an. Dafür war es zu – weich, zu warm und vor allem zu lebendig!
»Uaah!« Lennys Schreck entlud sich in einer Folge unwillkürlicher Hopser zurück in den Flur, die entfernt an einen urtümlichen Tanz erinnerten.
Aus dem dunklen Bad erklang ein leises, dafür verlängertes Echo: »Uaahahah!«
Lenny knipste das Licht im Flur an. Die Deckenleuchte warf durch den Türspalt einen hellen Keil auf das Waschbecken und auf das, was er anstelle des Wasserhahns berührt hatte.
»Träume ich oder ich verliere ich gerade meinen Verstand?« Fassungslos betrachtete der Junge das Bild, das sich ihm bot. Dabei glich er dem Besucher einer Galerie, der ein modernes Gemälde anstarrt, um das Motiv zu entschlüsseln.
Der wie ein schwarzer Hund angekettete Gummistöpsel verschloss den Abfluss des Waschbeckens, das zur Hälfte gefüllt war. In der Seifenmulde saß, die Füße im Wasser baumelnd, ein kleines Mädchen. Ein sehr, ein sehr, sehr kleines Mädchen! Schneeweiße Haare fielen strähnig über ihren Rücken, und ihre hellen Augen waren auf Lenny geheftet. Beide Hände presste sie so fest auf ihren Mund, als fürchtete sie, es könnten weitere Laute herausfallen.
»Mann, hast du mich erschreckt!« Das Mädchen hatte seinen Mund endlich losgelassen, um sich am Beckenrand festzuhalten.
»Frag mich mal«, erwiderte Lenny. Eine unsinnige Bemerkung, aber geeignet, um Zeit zu gewinnen. In der Hoffnung, danach wieder Vertrautes und Normales zu sehen, schloss er seine Augen und rieb sie sich rabiat mit den Fingerknöcheln. Das Ergebnis war niederschmetternd. Er hörte sich die, wie er sich später eingestand, dämlichsten Fragen stottern, die einem Zwölfjährigen in dieser Lage einfallen konnten.
»Was – ich meine, wer bist du? Warum …? Wo kommst du überhaupt her, und – und was machst du hier?« Das Hier betonte er, als wäre eine Begegnung woanders im Haus vollkommen in Ordnung gewesen.
Die Kleine begann mit ihren Beinen durch das Wasser zu quirlen. Wellen schwappten über den Rand des Beckens auf den gefliesten Boden und sammelten sich zu Pfützen. Erst grinste sie zurückhaltend, doch ihre Mundwinkel wanderten unaufhörlich weiter in Richtung Ohren, bis sie laut losprustete. Und weil Lachen ansteckender war als Windpocken, verzog sich Lennys Mimik zu einem Grinsen. Nach und nach verebbte das Gelächter des Mädchens.
»Entschuldige bitte«, japste sie, »aber dein Gesicht! Einfach köstlich!« Sie gluckste. »Dabei wollte ich dich nicht erschrecken.«
»Und was willst du dann?«, fragte Lenny etwas gefasster.
»Seit höchstens fünf Minuten kennen wir uns erst, und du hast mir bestimmt schon fünf Fragen gestellt. Wenn du so weitermachst, sind das sechzig in einer Stunde oder – warte – 1400 pro Tag. Da hast du noch viel vor!«
Vorsichtig, um nicht auszurutschen, stand die Kleine auf und riss beidhändig mit einem kräftigen Ruck an der Stöpselkette. Versonnen beobachtete sie den wilden Strudel des ablaufenden Wassers.
»Hast du etwas, womit ich meine Füße abtrocknen kann? Bitte?«
Lenny griff nach seinem Handtuch und hielt es dem Mädchen wortlos hin.
»Machst du Witze? Wie soll ich denn das Monsterteil halten?«, beschwerte sie sich und kräuselte die Stirn. Geschickt balancierte sie auf dem gerundeten Rand des Waschbeckens entlang, setzte sich wieder, ließ aber diesmal ihre spillerigen Beinchen nach außen hängen.
»Am besten du trocknest sie mir ab, wenn es dir nicht unangenehm ist. Danach gehen wir in dein Zimmer und ich beantworte deine Fragen. Du bist doch nicht etwa müde, oder?«
Wie auf Kommando gähnte Lenny. Selbstverständlich war er müde, hundemüde sogar. Aber an Schlaf war angesichts dieser haarsträubenden Ereignisse nicht zu denken! Immer noch fassungslos, begann Lenny die Füße des Winzlings behutsam abzutupfen. Dabei bemühte er sich, sie so wenig wie möglich zu berühren. Das ist so abgefahren, das geschieht nicht wirklich!
»Dankeschön«, sagte die nächtliche Besucherin. »Und Planänderung. Ihr habt doch bestimmt eine Küche, hm? Vielleicht könnten wir es uns dort bei einem Glas Milch gemütlich machen und uns unterhalten. Ich …«, eine zarte Röte huschte eilig wie ein Mäuschen durchs Unterholz über ihre Wangen, »ich habe nämlich irrsinnigen Durst. Wie furchtbar heiß es hier bei euch ist! Über die erfrischende Planscherei hatte ich total vergessen, dass ich eigentlich etwas trinken wollte. Wie du sicher bemerkt hast, bin ich ziemlich klein und leicht. Es ginge also entschieden schneller, wenn du mich tragen würdest. Geht das in Ordnung?«
»Das Ergebnis deiner seltsamen Rechnung ist übrigens 1440 Fragen, und ich glaube, du hattest gerade fast genauso viele!«, antwortete Lenny, eine Idee zu patzig. »Aber, ja, natürlich haben wir eine Küche, wir haben, glaube ich jedenfalls, Milch, und tragen kann ich dich auch.«
Jetzt musste Lenny das Mädchen anfassen, und es war ihm etwas peinlich. Dennoch hob er sie behutsam auf seinen Arm und trug sie, so leise es ging, die Treppen hinunter. Das Holz der fünften Stufe knarzte, betrat man sie in der Mitte, weshalb er sich langsam an der Wandseite entlang schob. Himmel, was, wenn seine Eltern aufwachten, durchzuckte es ihn.
Doch beide erreichten unbemerkt die Küche im Erdgeschoss, wo Lenny eilig die Tür hinter ihnen schloss. Ratlos schaute er sich um und setzte die Kleine kurzerhand auf dem Küchentisch ab. Aus dem Kühlschrank holte er eine Tüte Milch, schnupperte an der Öffnung und angelte aus dem Hängeschrank zwei Gläser. Einen Augenblick lang hielt er inne. Dann stellte er eines wieder zurück und entschied sich stattdessen für einen Eierbecher. Beide Gefäße füllte er mit Milch und setzte sich auf einen Stuhl am Tisch.
Bis jetzt hatte das Mädchen geschwiegen, aber Lenny die ganze Zeit über aufmerksam beobachtet. Ein hübscher Junge, fand sie, groß für sein Alter. Seine verschwitzten Haare hatten die karamellbraune Farbe von Ahornsirup, und seine Augen glänzten trotz der Müdigkeit wie zwei polierte Bernsteine. Sie nahm den zweckentfremdeten Eierbecher in beide Hände und trank ihn gierig in einem Zug leer. Als sie ihn absetzte, zierte ihren Mund ein weißer Milchbart, den sie mit einer flüchtigen Bewegung des Handrückens wegwischte.
»Boah, das war echt klasse!« Ihre, bei Licht hellgrauen, mit einem dunklem Rand umkringelten Pupillen sprühten vor Zufriedenheit. »Ist dir aufgefallen, dass es in deiner Sprache kein Wort für gestillten Durst gibt, das dem ›satt‹ für gestillten Hunger entspricht?« Ihr Blick fiel auf eine Schale auf dem Tisch, in der Cookies mit großen Schokostückchen lagen. »Hm, apropos Hunger – darf ich?«
Lenny nickte. Ungläubig und ungeniert bestaunte er das Wesen auf dem Tisch, wie es aufstand, um sich einen Keks zu holen. Es war mindestens einen Meter kleiner als er, aber in den Proportionen wie ein Kind seines Alters gewachsen. Das Gesicht war fein geschnitten, der Blick forsch und offen mit großen, flinken Augen. Die Nase des Mädchens war spitz und betonte dadurch äußerst treffend ihre vorwitzige und direkte Art.
Sie trug ein wadenlanges Kleid, das zu seinen besten Zeiten einmal weiß gewesen sein mochte, nun aber die Farbe schmutzigen Winterschnees am Straßenrand hatte. Der schlichte Schnitt wirkte selbstgenäht, es war fadenscheinig und wies etliche offene Nähte, Löcher und Risse auf. Zudem war es übersät mit Flecken, deren Herkunft Lenny nicht wissen wollte. In der Tat auffällig, weil das einzig Farbige an ihr, waren die leuchtend orangeroten Halbstiefelchen, die sie, zusammengeknotet an langen, verschiedenfarbigen Schnürsenkeln, um ihren Hals trug. Doch das Sonderbarste, sah man von der geringen Körpergröße ab, waren die weißen Haare. Nicht weißblond, nein, wahrhaftig watteweiß wie sie hin und wieder bei Erwachsenen werden. Doch dieses Mädchen war, bis auf ein paar ungewöhnliche Lachfältchen in den Augenwinkeln, eindeutig in seinem Alter. Ein Kind wie er selbst! Dem Jungen wurden die irrwitzigen Ereignisse neuerlich bewusst. Merkwürdig, wie normal und ungezwungen sich hingegen die Kleine benahm.
Sie mampfte und schmatzte und fragte mit prallvollem Mund: »Kann iff fielleift nock etfaff Milf ham?«
Lenny sah, wie die Frage von einem pulverisierten Vulkanausbruch winziger Kekskrümel begleitet wurde. Jetzt konnte er nicht mehr an sich halten und brach in quiekendes Gelächter aus. Gackernd und glucksend versuchte er Milch in den Eierbecher zu jonglieren, wobei er das meiste verschüttete.
»Lachst du mich etwa aus?« Ihr Blick verfinsterte sich. Hastig bugsierte sie mit einem Finger einen dicken Schokokrümel aus dem Mundwinkel zwischen ihre Lippen.
»Tut mir leid!« Lenny seufzte. »Aber ich könnte mich echt wegschmeißen! Mitten in dieser elend heißen Nacht sitze ich in der Küche und trinke Milch mit ... mit dir, als wäre das das Allernormalste der Welt!«
Die Kleine guckte überrascht. »Was ist daran ungewöhnlich? Nur weil dir manche Dinge noch nicht passiert sind, sind sie deshalb nicht gleich anormal. Zwölf Lebensjahre sind nicht gerade viel, um auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken zu können!«
»Woher weißt du, wie alt ich bin?«
»Ui, ich weiß noch mehr! Deswegen bin ich hier.« Sie legte den angeknabberten Keks auf den Tisch, machte eine ernste Miene und holte so tief Luft, dass sie dabei versehentlich ein Fitzelchen Schokolade inhalierte. Ihr Gesicht nahm schlagartig die Farbe ihrer Stiefel an, aber sie erzählte trotz der bellenden Hustenanfälle: »Mein Name ist Zinnober, und ich komme aus einer dir unbekannten Welt.« Mühsam versuchte sie, den Hustenreiz zu unterdrücken, wobei sie aussah, als stünde sie kurz vor einer Kernschmelze.
»Nee, bitte nicht sowas!«, stöhnte Lenny. »Komm mir bloß nicht mit der lügensüßen Fee aus dem Elfenreich und ich darf mir was wünschen! Zinnober, was ist das überhaupt für ein bescheuerter Name?« Kaum hatte die Frage seine Lippen verlassen, bereute er sie. Er hatte das Mädchen verletzt und er las es deutlich in ihrem Gesicht.
»'Tschuldigung!«, sagte er.
Die Kleine würgte den Husten samt Beleidigung hinunter. Mit einem schnippischen Unterton fuhr sie fort: »Für den Namen kann ich nichts, aber da er nun mal meiner ist, passt er zu mir. Und ich bin weder eine Fee noch eine Elfe!« Mit gespielter Verzweiflung verdrehte sie die Augen zur Decke. »O Lennart Link, du bist wie der Wal im Meer, der nie vom Bären an Land erfahren wird oder wie ein Adler in der Luft, der keinerlei Vorstellung vom Leben in der Tiefsee hat. In ihren Leben werden sie sich nie begegnen, und dennoch existieren sie zu genau derselben Zeit. Sie teilen ihre Welten nicht miteinander, weil diese sich nebeneinander oder übereinander befinden.«
Lenny nickte zustimmend, blieb aber misstrauisch.
»Ähnlich verhält es sich mit meiner Welt. Sie existiert zur selben Zeit wie deine. Auch wir wären uns nie begegnet, wenn wir nicht eine Verbindung hätten. Und eben diese Verbindung benötigt in diesem Augenblick dringend deine Hilfe! Deswegen bin ich gekommen, um dich abzuholen und dich zu begleiten.«
Den letzten Satz vernuschelte das Mädchen hastig, um ihn schnell und unauffällig loszuwerden. Dann atmete sie erleichtert aus. Lenny hatte sie höflich ausreden lassen, aber ihre Worte hingen in seinem Kopf wie gekochte Spaghetti im Nudelsieb. Er war inzwischen ziemlich sicher, dass er mitten in einem Albtraum steckte. Geschichten aus Paralleluniversen oder dergleichen, das wusste jeder, sind Science-Fiction. Purer Blödsinn! Möglicherweise sollte er auch einen Hitzschlag mit Halluzinationen nicht gänzlich ausschließen. Dieser Wahnsinn ist erst zu Ende, wenn ich wach werde! Doch es gelang ihm nicht. Dadurch abgelenkt hörte er nicht, was Zinnober soeben gesagt hatte.
»Was? Verzeihung, wie bitte?«
»Ob es dich gar nicht interessiert, hatte ich gefragt, wer deine Hilfe benötigt?«
»Ja, und? Wer?« Lenny beschloss, sich vorläufig mit dem Traum abzufinden. Sollte es gefährlich werden, würde er schon von alleine wach werden. Das war immer so.
»Elisabeth. Deine Schwester Lizzie!«
Lenny wurde in ein eiskaltes, rabenschwarzes Loch gestoßen. Alles drehte sich, er fiel in eine bodenlose Tiefe und ihm wurde übel. Schlaf war bisher der letzte sichere Zufluchtsort gewesen, um die unfassbare Traurigkeit über den Verlust seiner Schwester zu überleben. Dorthin hatten sich alle glücklichen Erinnerungen und fröhlichen Bilder ihrer gemeinsamen Kindheit zurückgezogen. Diese Schutzzone lag schlagartig in Trümmern und der Schmerz drang jetzt messerscharf in seine Träume!
Zinnober beobachtete den Jungen genau. Sie sah sein Elend und litt innerlich mit ihm.
»Du lügst!« Er stand so unvermittelt auf, dass der Stuhl polternd umkippte. Seine Stimme machte einen Salto. »Jetzt weiß ich, dass du lügst! Lizzie ist nämlich tot, kapierst du das? Tot! Ich muss es wissen, denn ich bin schuld. Ich war auf ihrer Beerdigung und habe gesehen, wie sie auf ihren weißen Sarg dreckige Erde geworfen haben. Sie ist fort, weg, für immer!« Lenny tobte und war außer sich. Das Mädchen wartete, bis er sich aus eigener Kraft etwas beruhigt hatte. So ist es immer, dachte sie traurig.
»Du sagst, deine Schwester ist tot. Das ist ein Wort aus deiner Welt.« Zinnober sah fest in Lennys Augen, die den ihren verzweifelt auszuweichen versuchten.
»Du kennst sicher das bekannte Bild vom Schmetterling und der Raupe, die er zuvor war. Sie lebt so lange in dieser Gestalt, bis ihre Zeit gekommen ist und sie sich verpuppt. Dann verharrt sie scheinbar leblos, bis die Hülle aufreißt und ihr der Falter entschlüpft. Wie ein gänzlich neues Lebewesen, an dem nichts mehr an das Dasein als Raupe erinnert. Nur die abgestorbene Hülle zeugt von diesem Wunder. Die anderen Raupen, die nichts von dieser Verwandlung wissen, vermissen ihren Artgenossen, der unterdessen längst vergnügt über eine Wiese flattert. Leben heißt, durch unterschiedliche Daseinsformen zu reisen. Kein Ende, nur Verwandlung! Du hast deine kleine Raupe Lizzie verloren, du kannst hier nicht mehr mit ihr zusammen sein, und das ist schrecklich traurig! Aber du könntest deine Schwester als Schmetterling wiedersehen, wenn du dich entschließt, ihr zu helfen. Ich weiß, dass dich das alles verwirrt, aber ich verspreche dir, bald wirst du es verstehen. Alles, worum ich dich bitte, ist dein Vertrauen!«
Als wäre dieses Wort ein übernatürlicher Schlüssel, der eine geheime Pforte geöffnet hatte, spürte Lenny sich durch sie hindurch gezogen! Vorwärts, ohne Blick zurück. Sollte er träumen, wovon er nach wie vor überzeugt war, musste er dieses Trugbild nur bis zum Erwachen aushalten. Die weniger wahrscheinliche Möglichkeit, dass alles wirklich geschah, ließ erst recht keine andere Entscheidung zu, als Lizzie zu helfen. Er musste diesem wunderlichen Mädchen vertrauen.
»Okay, und wie geschieht das, kleine Miss Oberschlau? Wohin geht´s überhaupt?« Er wollte schnodderig klingen, denn er verbot sich jede weitere Gefühlsduselei nach dem vorangegangenen Ausbruch. Sie sollte ihn nicht für ein Weichei halten.
»Bist ein cooler Typ«, schmeichelte sie ihm, »aber auch rotzfrech! Spaß beiseite, unsere, nennen wir es mal, Reise ist nicht ungefährlich und niemand, wirklich niemand wäre dir böse, wenn du sie dir nicht zutraust. Leider darf ich dir erst später mehr verraten, deshalb ist es wichtig, dass du mir zuhörst und mir vertraust. Wenn du Zweifel hast, sag lieber ehrlich Nein. Dann wirst du morgen früh erholt in deinem Bett aufwachen, wie gewohnt in die Schule gehen und keinerlei Erinnerung an unsere nächtliche Begegnung haben. Entscheidest du dich aber mit mir zu gehen, um deiner Schwester zu helfen, dann gibt es kein Zurück und vor allem keine einzige Frage, bis ich es ausdrücklich erlaube. In diesem Fall schaust du auf«, Zinnobers Blick wanderte suchend durch die Küche und blieb an der Wanduhr hängen, »diese Uhr. Geht die genau? Merk dir die Uhrzeit und sag dann laut und deutlich Ja.« Sie schaute Lenny erwartungsvoll an.
Bedenken und Ängste schlugen Purzelbäume in Lennys Kopf. Bedenken gegen Hoffnung. Angst gegen Vertrauen. Seine Lippen formten schon ein W…, da hob das Mädchen mahnend den Zeigefinger und er verkniff sich die Arums, Ies und Eshalbs. Was würden seine Eltern sagen, wenn er am Morgen nicht zu Hause wäre? Durfte er ihnen das überhaupt zumuten? Außerdem fürchtete er sich vor dem Unbekannten. Aber hieße das nicht, dass er die Geschichte glaubte? Andererseits, was hatte er zu verlieren? Ja – nein – ja – nein. Hilflos blickte er Zinnober an. Ihre Blicke begegneten sich und fast augenblicklich schmolzen seine Zweifel, wie Nebel in der Morgensonne. Eine frische Klarheit, ein kitschiges Gefühl von Frieden rieselte mit Prickeln und Bitzeln durch ihn hindurch. Er wandte sich der Uhr zu. Ein Uhr und achtzehn, neunzehn, zwanzig Minuten.
Laut und deutlich sagte Lenny: »Ja!«
Zinnober sah man die unbändige Freude über Lennys Entscheidung an.
»Fantastisch! Na, dann komm! Wir haben lange genug herumgetrö…«, sie stutzte.
Kopfschüttelnd musterte sie ihren Schützling von oben bis unten. »Ach, du meine Güte! Du hast ja nur einen Schlüppi an! Nee, Junge, das geht so nicht.«
»Das ist kein Schlüpfer! Nur Mädchen tragen sowas.«
»Mir egal, wie das Ding heißt, es ist irgendwie – zu wenig.«
»Gibts bei euch etwa ´ne Kleiderordnung?«, fragte Lenny. »Ich könnte mich in Anzug, Hemd und Krawatte werfen, wie wäre das?«
»Ein Witzchen stets zur rechten Zeit, verbreitet Frohsinn und schenkt Heiterkeit«, sagte Zinnober. »Lange Hose, Pullover, vielleicht eine Jacke, Socken und feste Schuhe reichen. Aber husch, husch, die Waldfee, wenn ich bitten darf, wir haben es eilig. Ich warte hier!«
Lenny stand auf, schlich leise aus der Küche bis zur Treppe, die er zwei Stufen auf einmal nehmend hinauf in sein Zimmer hastete. Aus einer Kommode holte er ein sauberes, gestreiftes T-Shirt. Er schlüpfte in die kurze Jeans, die auf dem Teppich vor dem Bett gelegen hatte, unter dem er zuletzt seine Lieblingssportschuhe hervorangelte. Die ramponierten Dinger hatten einiges erlebt, da wollte er ihnen dieses Abenteuer nicht vorenthalten. In aller Hektik fertig angezogen, überlegte er kurz, ob er seinen Eltern einen Brief hinterlassen sollte. Kurzerhand entschied er sich dagegen und eilte zurück in die Küche, wo Zinnober zum Aufbruch drängte.
»Ich fürchtete schon, du hättest dich wieder ins Bett gelegt.«
»Hab mich voll beeilt!«, maulte der Junge und setzte sich, um einen Schnürsenkel nachzuziehen.
»Das sehe ich!« Zinnober zupfte amüsiert am Etikett im Nacken des auf links gedrehten Shirts. »Einhundert Prozent Baumwolle, vierzig Grad Feinwäsche, nicht trocknergeeignet. Gut zu wissen!«
»Ist doch rille!« Lenny fand diese Pingeligkeit angesichts der Umstände unangebracht, wobei ihm siedend heiß etwas anderes einfiel: »Was ist überhaupt mit Schule morgen?«
»Och, ich denke, das Problem wird sich von selbst klären!« Zinnober zwinkerte ihm zu. »Aber jetzt hilf mir bitte vom Tisch herunter.«
Auf Zehenspitzen betraten die beiden den kleinen Windfang. Lennys Blick streifte die Schuhparade, in der noch immer ein Paar rosa Gummistiefel von Lizzie stand, und er spürte wieder den Giftstachel in seiner Brust, dann schloss er die Haustür auf. Den Schlüssel ließ er innen stecken und zog nur mit einem gedämpften Klicken die Tür hinter ihnen zu. Durch das Gartentor huschte das ungleiche Paar hinaus in die schwüle Nacht.
Der Sackgasse folgend ließen sie die Reihenhaussiedlung mit den ausgetrockneten Vorgärten hinter sich, ohne jemandem zu begegnen. Die meisten Fenster starrten den beiden mit finsterem Blick nach. Bis Sonnenaufgang schaltete die sparsame Stadt etliche Straßenlaternen der Durchgangsstraße ab, doch das Licht reichte zusammen mit dem des Mondes aus, um das Schwarz des Universums zurückzudrängen und die Umgebung in weniger furchterregende Grautöne zu verwandeln.
Zinnober und Lenny überquerten die Hauptstraße und obwohl das Mädchen klein war, hüpfte es wie ein Ball immer einige Schritte voraus. In einer Art Hürdenlauf überwand es leichtfüßig gefährliche Gullydeckel oder hohe Bordsteinkanten. Bester Laune wich sie dabei, absichtlich knapp, den Hundehäufchen aus. Zielstrebig steuerte sie auf einen Kinderspielplatz zu, der von hohen Laubbäumen