Küss mich unter dem Mistelzweig (Die Sullivans aus San Francisco) - Bella Andre - E-Book

Küss mich unter dem Mistelzweig (Die Sullivans aus San Francisco) E-Book

Bella Andre

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Beschreibung

Von jeher steht an Weihnachten bei Mary Sullivan die Familie im Mittelpunkt. Das war schon immer so und dieses Jahr ist es nicht anders. Während Mary im Blockhaus am Lake Tahoe auf die Ankunft ihrer acht Kinder samt Anhang wartet, hängt sie den Christbaumschmuck auf, den alle im Laufe der Jahre für sie gebastelt haben. Jedes der kleinen Kunstwerke birgt eine Flut von Erinnerungen, die sie alle in ihrem Herzen bewahrt hat. Aber als ihr das älteste Stück, das ihr geliebter Mann Jack ihr an ihrem allerersten gemeinsamen Weihnachten schenkte, in die Hände fällt, fühlt sich Mary sofort in die ersten Tage ihrer stürmischen Liebesgeschichte zurückversetzt. Es war der Beginn ihrer großen Liebe, auf deren Fundament sie beide die Familie gründeten, die jetzt Marys ganzer Stolz ist. Erleben Sie die Feiertage mit den Sullivans und genießen Sie diese Geschichte über den Zauber der Weihnachtszeit, die Bedeutung von Familie und über eine Liebe, die alles überdauert. "Die Sullivans"-Reihe *** Die Sullivans aus San Francisco *** Liebe in deinen Augen Ein verfänglicher Augenblick Begegnung mit der Liebe Nur du in meinem Leben Sag nicht nein zur Liebe Nur von dir hab ich geträumt Lass dich von der Liebe verzaubern Du gehst mir nicht mehr aus dem Sinn Küss mich unter dem Mistelzweig *** Die Sullivans aus Seattle *** Eine perfekte Nacht Nur du allein Deine Liebe muss es sein Dir nah zu sein Ich mag, wie du mich liebst Ohne dich kann ich nicht sein *** Die Sullivans aus New York *** Vier Herzen vor dem Traualtar Bilder von dir Weil es Liebe ist Die Süße der Liebe Das Beste kommt erst noch Liebe ist kein Marchen Wer Liebe sät Irgendwo auf der Welt Halt mich *** Die Sullivans aus Maine *** Mit Leib und Seele Herzbeben "Die Maverick Milliardäre"-Reihe Verliebt bis über beide Ohren   Liebe ist nur was für Mutige  Keine Angst vor der Liebe  Keine Chance gegen die Liebe Grenzenlos verliebt Im Bann deiner Liebe

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Küss mich unter dem Mistelzweig

Die Sullivans von San Francisco

Mary & Jack

Bella Andre

Inhaltsverzeichnis

Bucheinband

Titelseite

Copyright

Über das Buch

Ein Hinweis von Bella

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Alle Bücher von Bella Andre in deutscher Sprache

Über die Autorin

Küss mich unter dem Mistelzweig

Die Sullivans von San Francisco

Mary & Jack

© 2019 Bella Andre

Übersetzung Christine L. Weiting – Language + Literary Translations, LLC

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Von jeher steht an Weihnachten bei Mary Sullivan die Familie im Mittelpunkt. Das war schon immer so und dieses Jahr ist es nicht anders. Während Mary im Blockhaus am Lake Tahoe auf die Ankunft ihrer acht Kinder samt Anhang wartet, hängt sie den Christbaumschmuck auf, den alle im Laufe der Jahre für sie gebastelt haben. Jedes der kleinen Kunstwerke birgt eine Flut von Erinnerungen, die sie alle in ihrem Herzen bewahrt hat. Aber als ihr das älteste Stück, das ihr geliebter Mann Jack ihr an ihrem allerersten gemeinsamen Weihnachten schenkte, in die Hände fällt, fühlt sich Mary sofort in die ersten Tage ihrer stürmischen Liebesgeschichte zurückversetzt. Es war der Beginn ihrer großen Liebe, auf deren Fundament sie beide die Familie gründeten, die jetzt Marys ganzer Stolz ist. Erleben Sie die Feiertage mit den Sullivans und genießen Sie diese Geschichte über den Zauber der Weihnachtszeit, die Bedeutung von Familie und über eine Liebe, die alles überdauert.

Ein Hinweis von Bella

Sobald ich anfing, über die Familie Sullivan zu schreiben, kamen immer mehr E-Mails mit Fragen nach Mary und Jack Sullivan bei mir an. Leserinnen und Leser wollten mehr wissen über die Eltern der acht Sullivan-Kinder, die in meiner Romanreihe die Hauptrollen spielen.

War Jack so sexy und liebevoll wie seine Söhne? War Mary so temperamentvoll und süß wie ihre Töchter? Wann lernten sie sich kennen? War es Liebe auf den ersten Blick? Gab es anfangs Hindernisse oder ging alles ganz schnell? Und sie baten mich, auch Jacks und Marys Liebesgeschichte in einem Buch zu erzählen.

Viele, viele Male wurde ich gefragt, wer mein Lieblings-Sullivan ist. Und obwohl ich sie alle aus verschiedenen Gründen liebe, habe ich mich, sobald ich angefangen hatte, Küss mich unter dem Mistelzweig zu schreiben, endlich entscheiden können.

Mary und Jack Sullivans Liebesgeschichte ist von all denen, die ich geschrieben habe, definitiv eine meiner Lieblingsgeschichten. Ich hoffe, dass sie Ihnen auch gefällt.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihre

Bella Andre

P.S. Wenn Sie zum ersten Mal ein Sullivans-Buch lesen: Jedes Buch lässt sich leicht lesen, auch, wenn man die anderen noch nicht kennt. Auf meiner Webseite finden Sie übrigens einen Stammbaum der Sullivans (BellaAndre.com/sullivan-family-tree), damit Sie sehen können, wie die Bücher miteinander verbunden sind.

PROLOG

Mary Sullivan freute sich das ganze Jahr über schon darauf, Weihnachten mit ihrer Familie in Lake Tahoe zu verbringen. Nach sieben Jahrzehnten war für sie jedes Weihnachtsfest genauso Anlass zum Staunen und Grund zur Freude wie damals in ihrer Kindheit. Vor den großen Fenstern der gemütlichen Blockhütte am Ufer des Lake Tahoe zogen am klaren blauen Himmel auf einmal ziemlich schnell Wolken auf. An dem Thermometer, das in der Nähe des Hauses am Stamm einer Kiefer hing, konnte sie sehen, dass die Temperatur seit dem Morgen um zehn Grad gesunken war. Mary hatte in dem großen Kamin aus Naturstein, den ihr Mann Jack mit Hilfe seiner Brüder vor vielen Jahren gebaut hatte, bereits ein Feuer angezündet.

Es war immer schön, wenn der erste Schnee fiel. Aber heute Abend, wenn auch die Menschen, die sie am meisten liebte, dabei wären, würde es einfach zauberhaft sein.

Dieses Jahr würde es ein ganz besonderes Weihnachtsfest werden, denn Mary Sullivans Familie – ihre acht wunderbaren Kinder und deren Familien, die ihr Leben mit so viel Liebe und Freude erfüllten – würden bei Einbruch der Dunkelheit alle hier eintreffen.

Sie konnte es kaum erwarten, sie alle zu sehen. Aber bevor sie alle ankamen und jeder Raum des Blockhauses von unermüdlichem Geplapper und Gelächter erfüllt sein würde, wollte sie eine kleine Ruhepause einlegen und ein bisschen in schönen Erinnerungen schwelgen.

Mary verließ das Fenster und ging in den großen Vorratsraum hinten im Haus. Dort betrachtete sie voll Stolz die waagerechten Striche an der Wand.

Sie und Jack hatten im Laufe der Jahre markiert, wie die Kinder wuchsen, vom Kleinkindalter, bis sie erwachsen waren. Smith und Chase wollten Marcus unbedingt einholen und als Smith mit sechzehn endlich einen Zentimeter größer war als sein großer Bruder, konnte er mit dem Prahlen gar nicht mehr aufhören. Die Zwillingschwestern Sophie und Lori waren zum Glück gleich schnell gewachsen. Obwohl sie in vielerlei Hinsicht verschieden waren, hatten ihre Töchter das Allerwichtigste gemeinsam: Sie hatten beide ein großes Herz.

Jack und seine Brüder hatten dieses Blockhaus vor fast vierzig Jahren gebaut, und an jedem Regal, jeder Fliese, jedem Nagel spürte Mary die Liebe des gesamten Sullivan-Clans. Sie holte eine kleine Kiste aus dem mittleren Regal und nahm sie mit ins Wohnzimmer, wo sie sie auf einen glänzenden Holztisch neben den noch ungeschmückten Weihnachtsbaum stellte.

Mary hatte mehrere Freundinnen, die ihre Tannen sehr elegant mit Baumschmuck nur in Rot und Gold oder mit ganz in Silber und Weiß gehaltener Weihnachtsdekoration schmückten. Diese Weihnachtsbäume waren die reinsten Prunkstücke, an denen alles so sorgfältig arrangiert war, dass selbst Mary Angst bekam, eines der edlen Dekoteile könnte bei der geringsten Berührung herunterfallen. Sie hielt immer ziemlich viel Abstand von diesen kunstvollen Gebilden.

Den großen Weihnachtsbaum der Sullivans – mit seinem Gewirr aus bunt zusammengestückelten Bastelarbeiten – würde niemals jemand als Prunkstück oder auch nur als im Geringsten elegant bezeichnen. Aber Mary würde nie etwas an dem Baumschmuck verändern, obwohl ihre Kinder jetzt alle erwachsen waren. Hinter jeder Figur an ihrem Baum verbarg sich nämlich eine wunderschöne Geschichte.

Mit einem erwartungsvollen Lächeln griff Mary in die Kiste und zog ein dünnes, flaches in Blisterfolie gewickeltes Päckchen heraus. Als sie es vorsichtig öffnete, kam ein Kunstwerk aus Eisstielen zum Vorschein. Sechs hölzerne Stäbchen waren zu einem Stern zusammengeklebt. In der Mitte des Sterns befand sich ein handgemaltes Bild der wachsenden Sullivan-Familie von vor mehr als dreißig Jahren.

Marcus, ihrem Erstgeborenen, der jetzt Inhaber des äußerst gutgehenden Sullivan-Weinguts im Napa Valley war, hatte die Familie immer sehr, sehr viel bedeutet. Als er diesen Stern gebastelt hatte, war er erst vier Jahre alt gewesen. Er hatte seinen Bruder Smith gemalt, wie er ihnen als Kleinkind etwas vortanzte. Chase krabbelte noch in Windeln zu neuen Abenteuern davon. Und Marcus stand grinsend zwischen Jack und Mary und hielt beide an den Händen. Marys Augen waren schon ein bisschen feucht, als sie Marcus‘ Bastelarbeit an den Baum hängte.

Das nächste Päckchen in Blisterfolie, das sie ergriff, war das schwerste. Daran erkannte sie, dass es das von Smith war. Mary hatte nie einen Zweifel daran gehabt, dass ihr zweitältester Sohn dazu geboren war, einmal ein Star zu werden. Stolz hatte sie ihm in mehr als dreißig Jahren bei jedem Theaterstück, jedem Musical und jedem Kinofilm, der ein Kassenschlager wurde, applaudiert.

Als er sechs Jahre alt war, hatte er einmal um die Weihnachtszeit einen kleinen Beutel Betonmischung aus dem Keller geholt. Er rührte die Masse an, bis sie genau die richtige Konsistenz hatte, fertigte darauf einen Abdruck seiner Hände an und setzte eine schwungvolle Unterschrift darunter.

Fast genau zwei Jahrzehnte später hatte Mary zugesehen, wie Smith seine Hände wieder in feuchten Beton drückte … nur tat er es diesmal für seinen eigenen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. Mary suchte sich einen besonders starken Zweig aus, an den sie Smiths Händeabdruck hängen konnte.

Das nächste Schmuckstück lag in einer eigenen Schachtel und die war genauso schön, wie der darin verborgene Schatz. Als Chase, ihr drittältester Sohn, acht Jahre alt war, hatte seine Klassenlehrerin im dritten Schuljahr den Kindern eine Nachricht mitgegeben und darum gebeten, jedes Kind möge für ein Kunstprojekt ein Familienbild mit in die Schule bringen. Anstatt Fotos aus den Alben zu nehmen, die Mary im Laufe der Jahre zusammengestellt hatte, knipste Chase die Bilder mit der Kamera, die Jack ihm zu seinem siebten Geburtstag geschenkt hatte, selbst. Bereits damals war ihr begabter Sohn auf dem Weg zu einer Karriere als weltbekannter Fotograf.

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien kam er mit dieser wunderschönen Schachtel nach Hause, die mit einer Collage aus den von ihm gemachten Familienfotos beklebt war. Auf einem der Fotos schwang Marcus seinen jüngsten Bruder Gabe im Kreis herum und beide Jungs lachten miteinander. Auf einem anderen Bild war Ryan nur verschwommen zu erkennen, weil er einem Ball hinterherrannte. Der Schnappschuss von Zach zeigte diesen beim Aufbauen einer komplizierten Rennbahn im Keller und Smith war auf seinem Foto als Hauptdarsteller auf der Schulbühne zu sehen. Neben diesem war ein Foto von Mary und Jack, wie sie nebeneinander auf der Couch saßen und jeder von ihnen ein kleines Mädchen auf dem Schoß hielt. Chase hatte auch sich selbst vor dem Spiegel fotografiert, wobei eine Gesichtshälfte von der großen schwarzen Kamera verdeckt wurde.

Im Inneren der Box befand sich ein runder Baumanhänger aus Kunststoff, der mit einem großen Foto der ganzen Familie beklebt war. Einige Jahre später hatte eines der Kinder das Familienporträt in die Hände bekommen und hatte allen mit einem schwarzen Filzstift Schnurrbärte gemalt. Irgendwie, dachte Mary grinsend, als sie es an den Baum hängte, gefiel es ihr mit den lustigen Gesichtern noch besser.

Nachdem sie Chases Collage-Schachtel auf den Kaminsims gelegt hatte, wo alle sie heute Abend würden bewundern können, griff Mary noch einmal in die Kiste mit dem Baumschmuck. Als sie ein langes, dünnes Stück herauszog, wurde ihr Grinsen noch breiter.

Ryan, einer ihrer beiden mittleren Söhne, war von jeher in jeder Spielsaison mit Fußball, Basketball, Baseball und American Football zugange. Mary konnte sich noch erinnern, wie ihr eines Tages klar geworden war, dass sie von ihm niemals etwas gebastelt bekäme, wenn sie ihn nicht extra darum bitten würde. Damals war er neun Jahre alt und glaubte, er sei zum Basteln von Weihnachtsdekoration viel zu groß, zumal seine kleinen Zwillingsschwestern keine Gelegenheit ausließen, sich bei jeder ihrer Bastelaktionen über und über mit Glitzerzeug zu behängen.

Im Laufe der Jahre hatten sich bei ihren Weihnachtspartys öfter Gäste darüber gewundert, dass Mary einen Stock an ihren Baum gehängt hatte … zumindest bis sie aufgefordert wurden, sich diesen einmal näher anzusehen.

Der Baumschmuck, den zu basteln Ryan sich bereit erklärt hatte, war tatsächlich ein Stock. Aber es war nicht irgendein Stück Holz. Auf ihre Aufforderung hin war Ryan in den Garten hinter dem Haus gegangen. Dabei hatte er mit jedem Schritt einen Stein vor sich her gekickt und vor sich hin gemurrt, weil er viel lieber drüben im Park mit seinen Brüdern einen Fußball herumgekickt hätte. Mary beobachtete ihn heimlich vom Küchenfenster aus, und als er unter der großen Eiche stehenblieb und ein Stück Ast und ein paar Kiefernnadeln aufhob, um sie ins Haus zu bringen, fragte sie sich, was er damit wohl vorhatte.

Ryan suchte sich im Familienzimmer einen Buntstift aus dem Vorrat der Mädchen im Familienzimmer und fing an – mit derselben lockeren Gewandtheit, die ihm beim Sport und bei allem anderen, was er tat, eigen war – auf dem Ast zu zeichnen. Als er mit dem Zeichnen fertig war, steckte er mehrere Kiefernnadeln auf beiden Seiten des Stockes in Löcher.

Ein paar Minuten später kam Ryan zurück in die Küche, wo Mary zum Abendessen Kartoffeln schälte, und zeigte ihr sein Kunstwerk. Das Rentier sah ziemlich primitiv aus, aber es war einzigartig. Und witzig. Genau wie ihr unkomplizierter Sohn. Die meisten Leute sahen an Ryan nur seine sportliche Begabung, aber Mary hatte immer gewusst, dass er intelligent und humorvoll und auch künstlerisch ziemlich begabt war. Jetzt, als erwachsener Mann, brachte er all das in seine Baseball-Profikarriere als Pitcher in der Major League ein.

Sie sorgte beim Aufhängen seines Rentiers dafür, dass es zwischen den Zweigen des Baumes nicht unterging und griff dann wieder in die Kiste, um das nächste Stück herauszuziehen.

Ihr anderer mittlerer Sohn, Zach, war schon immer zu Streichen aufgelegt gewesen. Von Geburt an war er ein so auffallend hübscher Junge gewesen, dass er nur zu lächeln brauchte, um mit allem durchzukommen. Er hielt alle Mädchen in seiner Klasse in seinem Bann, wickelte seine Lehrerinnen um den kleinen Finger und die anderen Jungen balgten sich darum, sein Freund zu sein. Jetzt hatte er eine Kette von Autowerkstätten mit Filialen in ganz Kalifornien und fuhr in seiner Freizeit Autorennen.

Einmal in der Vorweihnachtszeit hatte Mary gerade ein großes Blech Lebkuchenfiguren gebacken und diese auf dem Küchentresen liegen lassen, um eines der kleinen Kinder, das im Garten vom Dreirad gefallen war, zu verarzten. In dem Moment schlich sich eines der Kinder in die Küche und biss von jedem Plätzchen ein Stück ab.

Was hätte sie anderes tun sollen als lachen, als sie in die Küche zurückkehrte? Keins der Kinder wollte sich zu diesem Adventsstreich bekennen, aber am Heiligabend verkündete Zach, er hätte noch eine Figur für den Weihnachtsbaum. Und siehe da, es war eines der Lebkuchenmännchen, von dem ein Stück abgebissen war. Zach hatte das Lebkuchenplätzchen mit einer dicken Schicht Flüssiggummi bestrichen, damit es nicht auseinanderfiel, und ihm als Öse zum Aufhängen eine Büroklammer mitten durch die Stirn gesteckt.

Eins war sicher: Das Leben mit ihren Kindern war noch nie langweilig gewesen. Bei diesem Gedanken lachte sie stillvergnügt in sich hinein, während sie das lustige Männchen an den Baum hängte. Und um nichts in der Welt hätte sie auch nur eine Minute dieser verrückten Jahre missen wollen, als sie alle zusammen in ihrem Landhaus in Palo Alto gewohnt hatten.

Das nächste Dekorationsset befand sich ebenfalls in einer eigenen Schachtel und mit äußerster Sorgfalt zog Mary jedes einzelne Stück heraus. Ihr jüngster Sohn Gabe war schon immer von Feuer fasziniert gewesen, es passte also zu ihm, dass er Feuerwehrmann geworden war. Er war kaum vier Jahre alt, als Jack einen kleinen Bunsenbrenner mit nach Hause brachte, um mit Gabe gemeinsam zu versuchen, mundgeblasenen Christbaumschmuck herzustellen. Mary war begeistert gewesen, als Jack den Kindern die Geschichte der ersten Christbaum­dekorationen erzählt und ihnen erklärt hatte, dass sie genau mit dieser Methode hergestellt worden waren.

Es war, als sähe sie die beiden vor sich, wie sie nebeneinander standen und sich intensiv auf die anstehende Aufgabe konzentrierten. Sie erinnerte sich, wie Jack sehr sorgfältig aufpasste, dass sich sein Sohn nicht verletzte, so wie er es immer bei allen seinen Kindern und auch bei ihr getan hatte.

Die dabei entstandenen kleinen Glasfiguren waren schief und krumm … und überaus kostbar für sie, als sie sie jetzt wie jedes Jahr an den Baum hängte.

Als Mary wieder an die Kiste trat und eine große, in rosa Papier gehüllte Kugel herauszog, die in ihren Händen klapperte, wusste sie genau, von wem sie war. Lori – auch bekannt als „Früchtchen“ – war eines ihrer Zwillingsmädchen. Mary und Jack hatten bereits sechs Jungen – mehr als genug, um sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Trab zu halten. Aber das hielt sie nicht davon ab, sich nach einem Mädchen zu sehnen.

Sie hielt beim Auspacken inne, als sie an jenen Samstagmorgen vor langer Zeit zurückdachte, an dem Jack erkannt hatte, dass Mary wieder schwanger war. Das Haus war noch erstaunlich ruhig – bei so vielen Rowdys war das eine seltene Ausnahme. Jack weckte sie an jenem Morgen mit seiner sündhaft süßen Liebe. Oh, wie hatte sie diese verschlafenen Momente in seinen Armen geliebt, wenn weiche Wellen der Lust sie langsam durch und durch erfüllten.

Sie war in seinen Armen fast wieder eingeschlafen, da hörte sie, wie Gabe aus seinem Schlafzimmer unten im Flur nach ihr rief. Mit nur zwei Jahren war er der Frühaufsteher im Haus, besonders wenn er Hunger hatte. Und als kleiner Feuerwehrmann in spe war er immer hungrig.

Sie wollte gerade aus dem Bett steigen, als Jack sie mit einem sanften Arm um ihre Taille stoppte. Seine dunklen Augen waren so voller Liebe, dass ihr der Atem stockte.

„Du bist schwanger.“

Sie war mit ihren sechs Jungs so beschäftigt gewesen, dass sie dieses Mal alle Anzeichen übersehen hatte, wie ihr plötzlich klar wurde. Jetzt erst sah sie, dass ihre Brüste voller waren und ihre Taille etwas dicker.

Jack spreizte seine Hände über ihren Bauch. „Du hast während deiner Schwangerschaften immer gestrahlt, aber diesmal bist du schöner denn je.“ Er näherte sich ihr und flüsterte voller Überzeugung an ihren Lippen: „Jetzt bekommen wir endlich ein Mädchen.“ Es war verrückt, aber sie hätte schwören können, dass sie es auch spürte. Es war eine Energie in ihr, die sich anders anfühlte als bei den sechs Jungen, die sie in sich getragen hatte.

Und wie groß war erst ihre Verwunderung, als sie herausfanden, dass sie Zwillinge bekamen! Und welches Glück hatten die beiden kleinen Mädchen, Lori und Sophie, dass sechs ältere Brüder auf sie aufpassten und sie vor Gefahren beschützten.

Eine Windbö fuhr durch die Bäume vor dem Blockhaus und brachte Mary zurück in die Gegenwart. Als sie erkannte, dass sie das Päckchen mit Loris Christbaumschmuck noch immer in den Händen hielt, öffnete sie es und lachte dann freudig auf.

Dutzende von bebrillten Plastikaugen starrten ihr kugelrund entgegen. Nur Lori konnte auf die Idee kommen, Christbaumschmuck mit beweglichen Augäpfeln zu bekleben. Als Profitänzerin und Choreographin war Lori immer in Bewegung – aber gleichzeitig entging ihr auch nichts. Meist war sie diejenige, die auf ihre Geschwister zuging und ihnen gute Ratschläge gab. Weder ihre Zwillingsschwester noch ihre älteren Brüder entgingen ihrem aufmerksamen Blick. Und ihre intuitiven Kommentare kamen natürlich immer auf ihre typisch freche Art.

Mary hängte Loris Bastelarbeit an den Baum und ging dann zurück zur Kiste, um eine kleine weiße Filztasche herauszuholen. Sophie, auch „Liebchen“ genannt – ihre Spitznamen hatten beide vor vielen Jahren von Chase bekommen – war wohl diejenige, die sich bei der Herstellung ihres Baumschmucks die meisten Gedanken gemacht hatte. Sophie war jetzt Bibliothekarin, aber schon als kleines Kind überlegte sie es sich immer gut, bevor sie etwas tat. Sie war so still, dass manche ab und zu den Fehler machten, sie zu übersehen. Aber Mary war das nie passiert. Sophie war unglaublich sanftmütig, extrem klug und sie besaß eine stets freundliche Geduld – eine Eigenschaft, um die Mary oft bei sich selbst noch ringen musste.

Sie konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem Sophie kurz vor Weihnachten darum gebeten hatte, zum Nähgeschäft im Ort gefahren zu werden. Mary hatte versucht, allen ihren Kindern das Nähen beizubringen, aber die einzigen beiden, die sich für Nadel und Faden interessierten, waren Smith und Lori, wahrscheinlich weil sie ständig Kostüme für Theaterstücke, Musicals und Tanzabende zusammenstellten. Von all ihren Kindern hatte Sophie das geringste Interesse am Nähen gehabt, also fragte sich Mary, als Sophie ihren Wunsch äußerte, ob ihre Tochter wohl einen plötzlichen Sinneswandel gehabt hatte.

Als sie in den Laden kamen, ging Sophie schnurstracks auf die Schubladen mit den Knöpfen zu. Einen nach dem anderen beäugte sie die Knöpfe sorgfältig, bevor sie ihre Auswahl traf.

Mary beobachtete ihre Kinder gern dabei, wie sie sich etwas überlegten. Sie hörten nie auf, sie zu überraschen und zu erfreuen. Während Mary einen neuen Stoff für Schlafzimmervorhänge aussuchte, beobachtete sie, wie Sophie die Knöpfe, die sie sich ausgesucht hatte, zum Bezahlen an die Ladentheke brachte. Als die Frau an der Kasse fragte, wofür sie sie brauchte, erwiderte Sophie: „Das ist eine Weihnachtsüber­raschung für meine Familie.“

Mary hätte fast laut aufgelacht über den verblüfften Gesichtsausdruck der Frau. Offensichtlich glaubte die Frau, Sophie wolle allen Knöpfe schenken. Mary konnte es kaum erwarten, herauszufinden, was Sophie im Sinn hatte.

Als sie nach Hause zurückkehrten, verschwand Sophie mit ihrer Tüte voller Knöpfe und mit Marys Nähzeug in ihrem Schlafzimmer. Für den Rest des Tages war Mary so beschäftigt mit Backen und dem Verpacken von Geschenken als Vorbereitung auf den Heiligabend, dass sie überrascht war, als Sophie nach dem Abendessen aufstand und ankündigte: „Ich habe für jeden von euch einen ganz besonderen Weihnachtsschmuck gebastelt.“

Sophie griff in eine kleine Tasche, die sie aus weißem Filz für die Knöpfe gemacht hatte, ging langsam um den Tisch herum und legte jedem ihrer Geschwister einen Knopf an einer Schnur in die Hand.

Als Erster hielt Marcus seinen hoch. Der große schwarze Knopf mit Punkten in alle Regenbogenfarben schwang an einer dunklen Schnur, die Sophie durch eines der Löcher gefädelt hatte. Smiths Knopf war leuchtend rot und silbern, und stach sofort ins Auge. Chases Knopf war in einem schlichten, männlichen Marineblau gehalten. Ryan grinste, weil sein Knopf bemalt war und wie ein Baseball aussah. Zachs Knopf war glänzend schwarz, wie einer der Rennwagen, von denen er träumte. Auf Gabes Knopf waren Flammen eingeätzt. Loris Knopf war der Auffälligste von allen, über und über glitzernd und funkelnd. Der Knopf, den Sophie für sich selbst gewählt hatte, war ein Rechteck, das wie ein Miniaturbuch aussah.

„Was für eine fantastische Überraschung“, sagte Mary und staunte, wie Sophie es geschafft hatte, die Persönlichkeit jedes ihrer Geschwister so perfekt in nur einem Knopf einzufangen. Das fanden alle Kinder, als sie zum Baum gingen, um ihren Baumschmuck aufzuhängen.

Sophie rutschte auf Marys Schoß. „Der hier ist für dich, Mami.“

Sophie hatte einen herzförmigen Knopf in Marys Handfläche gelegt. Ihre Augen waren bereits voller Tränen, als Sophie einen weiteren Knopf aus der Tasche nahm.

„Für Daddy habe ich auch einen gemacht.“ Der letzte Knopf war mit braunem Kord überzogen und lag warm und fest in Marys Hand. „Meinst du, er hätte ihm gefallen?“

Mary hatte nicht verhindern können, dass ihr zwei Tränen über die Wangen liefen. „Er wäre begeistert davon gewesen.“

Als die hohen Kiefern vor dem Blockhaus von einem Windstoß geschüttelt wurden und Mary wieder in die Gegenwart zurückkehrte, wurde sie gewahr, dass sie mitten im Wohnzimmer stand und sich den Filzbeutel über ihrem Herzen an die Brust drückte. Sie ging wieder zum Baum, hängte vorsichtig die einzelnen Knöpfe in einer Gruppe an die dicken grünen Zweige und legte den Beutel dann wieder in die Kiste.

Nur noch zwei Stücke waren übrig – die allerersten, die sich Mary und Jack als junges Ehepaar gegenseitig geschenkt hatten. Sie hob sie heraus und setzte sich damit auf den Stuhl am Kamin. Nachdem sie sie vorsichtig ausgepackt hatte, legte sie sie nebeneinander in ihren Schoß und fuhr mit den Fingern an den vertrauten Konturen entlang.

Und als Mary die Augen schloss, um in die Erinnerungen an die Zeit zu versinken, in der sie sich in Jack Sullivan verliebt hatte, begannen die ersten Schneeflocken des Winters herab zu rieseln …

KAPITEL 1

Anfang Dezember, vor fast vierzig Jahren …

Jack Sullivan brauchte ein Weihnachtswunder.

„Zweifellos ist der Pocket Planner ein großartiges, innovatives Produkt. Deshalb hatten wir uns ja auch in Erwartung großer Weihnachtsaufträge darauf geeinigt, Tausende davon zu produzieren“, erklärte Allen Walter, ein distinguierter, grauhaariger Herr und Gründer von Walter Industries. Er hielt Jacks Erfindung in der Hand. „Leider“, sagte Allen, als er sie auf den Tisch legte und ein paar Zentimeter von sich weg schob, „haben uns alle unsere Außendienstler berichtet, dass die Kunden für das Weihnachtsgeschäft viel lieber Spielzeug wie den Pet Rock und Poster von Sexsymbolen wie Jacqueline Bisset bestellen. Mein Unternehmen hat in diesem Jahr bereits mit mehreren großartigen Produkten viel Geld verloren. Dieses Jahr müssen wir Weihnachten auf Nummer sicher gehen und werden daher alles, was Verluste gemacht hat, aus dem Programm nehmen. Ich fürchte, das ist das Aus für den Pocket Planner.“

Vor zehn Jahren, als Jack gerade mit dem Doktorandenstudium in Elektrotechnik an der Stanford University begonnen hatte, war er einmal mitten in der Nacht aufgewacht und hatte die kristallklare Vision eines tragbaren elektronischen Geräts vor Augen gehabt, das den Menschen helfen würde, ihre Termine und Aufgabenlisten zu managen. Seine Kollegen hatten ihn zunächst für verrückt gehalten, aber er hatte mit unerschütterlicher Konzentration an dieser Vision festgehalten. Nachdem er seine Promotion abgeschlossen hatte, arbeitete er gemeinsam mit drei seiner Studienkollegen weiter an der Entwicklung seines Pocket Planners.

Wie im Silicon Valley üblich, ließen Jack, Howie Miller, Larry Buelton und James Sperring die Universitätslabore hinter sich und gründeten ihre Firma in der Garage eines Hauses, das Jack in der Vorstadt von Palo Alto angemietet hatte. James heiratete ein Jahr später und verließ die Gruppe, um eine feste Stelle mit regelmäßigem Gehalt anzunehmen. Aber Larry und Howard waren nach Hunderten von kalten Pizzaschnitten und Tassen Kaffee immer noch mit Jack zusammen und sie brüteten gemeinsam über ihren Computern und Rechenmaschinen. Sie hatten im Laufe der Jahre viele Misserfolge gehabt und endlos viele Fehler gemacht, aber es gab genug Erfolge (und genug Teilzeitjobs als Ingenieure, mit denen sie sich über Wasser halten konnten), um ihren Plan weiterzuverfolgen.

Heute Morgen, als sie alle drei in Anzug und Krawatte bei diesem Treffen mit Allen Walter erschienen, hatten sie angenommen, dass er gute Neuigkeiten hatte, was ihre große Markteinführung rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft betraf. Walter Industries war einer der ersten Investoren von Hewlett Packard gewesen, und für Jack war dieses Unternehmen die einzige Partnerfirma, der er seine kostbare Erfindung anvertrauen mochte. Als Allens Firma Anfang des Jahres den Vertrag über die Produktion und den Vertrieb des Pocket Planners an den Einzelhandel im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft übernommen hatte, war die Freude groß gewesen.

Jack hatte zu lange und hart gearbeitet, um sich jetzt von Allen und Walter Industries einfach den Hahn abdrehen zu lassen. Selbst wenn in diesem Jahr einige andere neue Produkte hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren, wusste er, dass das bei seinem Produkt nicht der Fall sein würde. Glücklicherweise hatte er umfangreiche Recherchen angestellt und wusste genau, was nicht funktioniert hatte und warum.

„Die Factomatic-Funktion spricht den breiten Markt nicht an“, sagte Jack. „Und das Playerphone ist dem Stylophone zu ähnlich. Aber unser Pocket Planner ist nicht nur ein Gerät, mit dem Männer ihren technischen Spieltrieb ausleben können. Auch Frauen werden ihn gern benutzen, denn er wird ihnen ihren hektischen Alltag erleichtern. Sogar Kinder können ihn benutzen, um den Überblick über ihre Hausaufgaben und die Sporttermine nach der Schule zu behalten.“ Jack erinnerte sich, wie beschäftigt seine Mutter mit ihren vier Jungs war, während sie auch noch in Teilzeit im Schulamt gearbeitet hatte. Liebend gern hätte sie seine Erfindung zur Verfügung gehabt, um die Haushaltseinkäufe und die Stundenpläne im Auge zu behalten. Sein Vater hätte das Gerät benutzt, um seine Lieblingsmannschaften und seine Investitionen zu verfolgen.

„Ich bezweifle nicht, dass du recht hast, Jack“, stimmte Allen zu. „Das Problem ist ja gar nicht, ob es den Leuten Spaß machen würde, deine Erfindung zu benutzen oder nicht. Bestimmt würde es das. Das Problem besteht darin, die Einzelhändler dazu zu bringen, es überhaupt auf Lager zu nehmen. Bei steigenden Inflationsraten und geringerem Wirtschaftswachstum fällt es uns immer schwerer, die Geschäfte dazu zu bringen, einem neuen Produkt eine Chance zu geben. Sie müssen erst überzeugt sein, dass die Leute sich von ihren hart verdienten Dollars trennen würden, um es zu kaufen.“

Jack konnte sehen, wie seine Partner Larry und Howie mit jedem Wort aus dem Mund des Firmenchefs immer mehr in sich zusammensanken. Aber einen Sullivan zum Aufgeben zu bringen, würde viel mehr erfordern als ein paar dahingeworfene Sätze.

„Wir verstehen Ihre Bedenken, Allen, und kommen gerne in 24 Stunden mit einem Marketing- und Werbeplan wieder zu Ihnen, der Sie davon überzeugen wird, dass unsere Erfindung für Ihre Händler äußerst profitabel sein kann.“

Howie warf Jack einen Blick zu, den er deuten konnte, ohne dass er erst ausgesprochen werden musste. Warum bietest du freiwillig an, einen Marketingplan zu entwickeln? Wir sind Ingenieure, keine PR-Leute.

Larrys Gesichtsausdruck war noch deutlicher: Es ist aus.

Allen schüttelte den Kopf. „Ich bewundere die Arbeit, die du in diese Sache gesteckt hast, Jack, aber die Zeiten haben sich geändert – zu schnell, wenn du mich fragst. Die Leute sind nicht mehr an guten oder hilfreichen Produkten interessiert.“ Er nahm den Pocket Planner noch einmal zur Hand. „Weißt du was – wenn du es schaffst, diesem Gerät Sexappeal zu verleihen, dann können wir dieses Gespräch vielleicht fortsetzen.“

Jack hätte leicht beweisen können, dass das Gerät nützlich war. Und er hätte definitiv alle seine zeitsparenden Vorteile nennen können.

Aber Sexappeal?

Sogar Jack wusste, wann er in einer Sackgasse gelandet war.

Trotzdem hatte er ihnen noch einmal vierundzwanzig Stunden Zeit verschafft. Jetzt war es an der Zeit, diese Stunden zu nutzen, um absolut sicher zu gehen, dass er und seine beiden Partner sich etwas einfallen ließen, das so großartig, vertrauenerweckend und sexy war, dass die Einzelhändler nicht nein sagen konnten.

Jack bemühte sich, sich keinen seiner Zweifel anmerken zu lassen und stand auf, um Allen und den anderen Vorstandsmitgliedern die Hand zu geben. Dann begann der Countdown.

Schweigend fuhren Jack und seine beiden Partner mit dem Aufzug aus dem zwanzigsten Stock in die Eingangshalle. Keiner von ihnen sagte ein Wort, bis sie durch die großen Glastüren auf den Bürgersteig getreten waren. Zehn Uhr morgens war im Finanzdistrikt von San Francisco Hauptgeschäftszeit und sie mussten laut sprechen, um den Verkehrslärm und die Geschäftsmänner und -frauen, die in Businessklamotten an ihnen vorbeieilten, zu übertönen.

„Wie sollen wir denn einem Pocket Planner Sexappeal verleihen?“, fragte Howie, eindeutig frustriert.

„Wenn wir ihn vor zwei Jahren hätten auf den Markt bringen können, bevor die Wirtschaft in den Sinkflug ging, hätten ihn die Einzelhändler, ohne mit der Wimper zu zucken, auf Lager genommen.“ Larrys Mundwinkel gingen nach unten, während er sprach. Er war ein Genie, aber mehr als einmal hatte er Jack an I-Aah, den mürrischen Esel aus den Kinderbüchern, die ihm seine Mutter als kleiner Junge vorgelesen hatte, erinnert. „Aber jetzt? Es muss ein Wunder geschehen, bevor wir sie überzeugen können, ihn auf Lager zu nehmen.“

Howie war der Realist. Larry war der Pessimist. Und Jack war die Energie, die ihren genialen Erfindertrieb am Laufen hielt, egal was geschah.

„Wir drei holen uns jetzt eine Tasse Kaffee und fangen mit dem Brainstorming an!“

Sie hatten eigentlich vorgehabt, jetzt die Sektkorken knallen zu lassen und nicht, noch mehr Kaffee in sich hineinzukippen. Jack schob den Gedanken beiseite, um sich auf das anstehende Problem zu konzentrieren: ihr Gerät „sexy“ zu machen, nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen.

Von allen Problemen, mit denen Jack in den letzten zehn Jahren konfrontiert gewesen war, gehörte die Sorge um Sex nicht dazu. Er mochte Frauen sehr. Er sah gerne zu, wie sie sich bewegten, spürte sie gerne weich und warm unter sich und genoss die Art, wie ihr Verstand arbeitete. Und doch hatten Frauen und Sex, genau wie Essen und Schlafen, neben seiner Arbeit immer nur die zweite Geige gespielt.

Larry seufzte, als sie aus der Straßenbahn stiegen und um die Ecke zum Union Square einbogen, wo jedes Schaufenster mit Lichtern geschmückt war und an den Laternenpfählen riesige grüne Adventskränze hingen. „Wenn wir die Einzelhändler nicht dazu bewegen können, unser Produkt dieses Jahr zu Weihnachten in ihren Läden zu verkaufen, sind wir offiziell pleite. Und ich werde langsam zu alt, um ständig nur einen Schritt vom Bankrott entfernt zu sein.“

Howie wies in Richtung Union Square, wo an einer Ecke ein Wohnwagen-Anhänger stand. Mehrere Beleuchtungsanlagen waren um das Gelände herum aufgestellt worden, um die Kulisse aus eigens hertransportiertem Schnee in Szene zu setzen. Frische Schneeflocken rieselten von einer weiteren Anlage herab, die über der hell erleuchteten Bühne hing.

„Stellt euch vor, wir hätten die Mittel, so etwas zu organisieren, um unsere Erfindung zu verkaufen.“

Ihr Stammcafé lag direkt vor ihnen, aber anstatt hineinzugehen, machte Jack einen Umweg auf den Zebrastreifen zu.

„Wo gehst du hin?“, fragte Howie.

„Es mir genauer ansehen.“

Larry hatte recht. Sie würden in den nächsten 24 Stunden ein Wunder brauchen, um ihren Traum am Leben zu erhalten. Jack wusste, dass die Welt nicht untergehen würde, wenn sie diesen Deal nicht zustande brachten. Er könnte bei einem der High-Tech-Unternehmen im Silicon Valley mit Leichtigkeit einen Job finden. Aber er hatte nie für jemand anderen arbeiten wollen. Und so wie diese verschneite Szene mitten in San Francisco der Traumvision irgendeines Regisseurs entsprungen war, wollte Jack auch seine eigene Traumvision zum Leben erwecken.

Sein sechster Sinn trieb ihn rasch auf das Filmset am Union Square zu. Er wusste nicht genau, was er lernen würde, wenn er sich die Dreharbeiten zu einem Film oder einem Werbespot ansah. Aber gerade heute brauchte er ein Erlebnis, das ihm zeigte, wie aus Fantasie Wirklichkeit wurde.

Die drei Männer klappten die Kragen ihrer Anzugjacken nach oben und schoben ihre Hände tief in ihre Taschen, um sich trotz der starken Brise von der Bucht, die zwischen den hohen Gebäuden hindurch fegte, warm zu halten, und überquerten an einer belebten Ecke die Straße. Sie betraten gerade den Bürgersteig, da öffnete sich die Tür des Wohnwagens.

Und die schönste Frau der Welt stieg aus.

Jack blieb so plötzlich stehen, dass Howie und Larry beide hart an seinem Rücken landeten und ein um die Ecke kommendes Auto sie fast umgefahren hätte.

Glänzendes, glattes, dunkelbraunes Haar glitt über ihre mit rotem Samt bedeckten Schultern. Weicher Stoff schlang sich um eine perfekte Wespentaille und umspielte verführerisch ein Paar unglaubliche Beine, die durch die gefährlich hohen Absätze noch schlanker wirkten. Lange, elegante Finger mit passend zum Kleid rot lackierten Nägeln und volle Lippen, die sich zu einem Lächeln formten, vollendeten das Bild.

Die Frau am Filmset auf dem Union Square war nicht nur die schönste Frau, die Jack je gesehen hatte, sie sprühte auch förmlich vor Leben. Als sie ihren Platz am Set unter den Lichtern einnahm, begann der Fotograf, sie zu fotografieren. Jack wusste zwar nicht, was sie verkaufte, aber er wollte es trotzdem.

Und auch sie.

Sie wollte er auch.

„Meine Freundin wird es mir niemals glauben, wenn ich ihr sage, dass ich Mary Ferrer gesehen habe, wie sie leibt und lebt.“ Howies Gesichtsausdruck war beeindruckt.

Larry hob die Brauen. „Du kennst ihren Namen?“

„Sie ist auf den Titelseiten mehrerer Zeitschriften, die Layla im Wohnzimmer herumliegen hat. Kaum zu glauben, aber in natura sieht Mary Ferrer sogar noch besser aus.“

Mitten in der Innenstadt von San Francisco unterbrachen Männer, Frauen und Kinder jeden Alters alles, was sie gerade taten, um zuzusehen, wie das schöne Model für Fotos posierte. Als sie für die Kamera lächelte, flirtete und lachte, war sie sexy, aber nicht zu sexy, und süß, aber nicht zu süß.

Ein kleines Mädchen riss sich von der Hand ihrer Mutter los und rannte mit einem Freudenschrei auf das Set. Das Model nahm das Mädchen lachend in die Arme, und die beiden unterhielten sich fröhlich, bis ihre Mutter hineilte, um ihre Tochter zurückzuholen. Jack konnte nicht hören, was sie sagten, aber er konnte sehen, dass Mary einfach abwinkte, als die Frau sich mehrfach entschuldigen wollte.

In dem Moment zog sich etwas in Jacks Brust eng zusammen … und er wusste sofort, warum.

„Sie ist die Lösung für unsere Probleme.“

Aber die Gefühle, mit denen er die schöne Fremde anschaute, entsprangen nicht nur der Überlegung, dass sie die perfekte Werbedame für ihre Erfindung sein würde. Jack war zwar Wissenschaftler und glaubte an das, was er mit Zahlen, Berechnungen und miteinander verbundenen Kabeln und Chips beweisen konnte. Gleichzeitig jedoch hatte er lange genug einen Traum verfolgt, um zu wissen, dass Leidenschaft bei allem eine Rolle spielte.

Und auf einmal schoss ihm die Frage durch den Kopf, ob Liebe auf den ersten Blick tatsächlich möglich war.

Larry und Howie hatten sich umgedreht und starrten ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte. „Wie um alles in der Welt sollte dieses wunderbare Geschöpf etwas mit unseren Problemen zu tun haben?“

„Unser Gerät braucht Sexappeal. Davon hat sie eine Menge. Aber wir brauchen auch jemanden, der es vertritt und dabei den größtmöglichen Markt anspricht.“ Er sah alles so deutlich vor sich wie bei seiner ersten Vision vor zehn Jahren. Sie würden sowohl Standbilder als auch Live-Werbung benötigen, bei der sie den Pocket Planner in der Hand hielt. Und weil die Leute nicht in der Lage sein würden, den Blick von ihr abzuwenden, würden sie auch das Produkt, das sie verkaufte, nicht übersehen können. Er deutete auf die Menschenmenge aus Männern und Frauen, Jungen und Mädchen jeden Alters. „Alle sind eindeutig fasziniert. Selbst Zweijährige können ihr nicht widerstehen.“

„Okay“, sagte Howie langsam, „deine Argumente haben etwas für sich. Aber wie willst du Mary Ferrer dazu bringen, mit uns zusammenzuarbeiten? Zumal sie eines der teuersten Models der Welt sein muss und unser Budget zurzeit kaum für einen Kaffee reicht.“

„Keine Sorge“, sagte Jack. „Ich werde sie überzeugen.“

Howie und Larry sahen sich gegenseitig mit hochgezogenen Augenbrauen an, aber keiner von ihnen äußerte noch einen weiteren Zweifel. Beide wussten: Wenn Jack Sullivan beschloss, dass etwas geschehen musste, dann geschah es auch.

KAPITEL 2

Dass dies ihr letztes Fotoshooting sein sollte, kam Mary Ferrer immer noch unwirklich vor.

Während einer kurzen Pause, als Gerry, der Fotograf, den Film wechselte und die Friseurin ihr die Frisur noch einmal nachbesserte, sah sie sich am Set um, das für das Shooting auf dem Union Square aufgebaut worden war.

Unter wie vielen hellen Scheinwerfern hatte sie in den letzten dreizehn Jahren gesessen? Mit wie vielen Maskenbildnerinnen und Friseurinnen hatte sie gearbeitet? Wie viele neue Moden hatte sie verkauft? Wie viele schöne Schuhe hatte sie getragen, die ihr das Gefühl gaben, auf einem Nagelbrett zu gehen? In wie viele Großstädte war sie zu Modeschauen geflogen und, sobald der Vorhang fiel, abgereist, um pünktlich zu ihrem nächsten Termin zu gelangen?

Obwohl Mary sich immer bewusst war, wie viel Glück sie gehabt hatte, hatte sie in Wirklichkeit das Interesse an all der Herrlichkeit um sich herum irgendwann Mitte zwanzig verloren. Mit neunzehn war sie von einem sehr gut gekleideten jungen Modelscout entdeckt worden, der während eines Italienurlaubs auf der Suche nach einer Tasse Kaffee durch das kleine Dorf gekommen war, in dem Mary wohnte. Der Mann hatte Mary seine Karte gegeben und sie angefleht, Model zu werden und sich von ihm als Agent vertreten zu lassen. Sie hatte mit beiden Händen nach der großen Chance gegriffen, die er ihr bot.

Ihre Freundinnen aus der Kindheit waren mit achtzehn entweder verheiratet oder verlobt. Genau wie die anderen Frauen in ihrem Dorf wusste Mary, dass ihre Freundinnen bereits mit Mitte zwanzig eine Handvoll Kinder haben und ihr ganzes Leben am selben Ort verbringen würden.

Aber Mary hatte schon immer von mehr geträumt.

Von etwas Größerem.

Und Besserem.

Sie hatte schon immer die Welt bereisen wollen und war von einem tiefen Bedürfnis erfüllt, zu sehen, was es da draußen noch alles gab. Sie hatte über andere Länder alles gelesen, was sie in der Bibliothek in die Finger bekommen konnte, von überzeugenden Reiseberichten bis hin zu etwas trockenen Atlanten. Sie hatte sich auch bemüht, so gut Englisch zu lernen, dass sie es fließend lesen konnte, als sie mit der Schule fertig war. Als Kind, allein in ihrem Schlafzimmer, las sie sich ihre englischsprachigen Bücher laut vor und versuchte, den Tonfall der Schauspielerinnen nachzuahmen, die in den untertitelten amerikanischen Filmen im Kino in Rom zu sehen waren.

Leider hatte Marys Mutter für sie nur das Ziel im Auge, dass sie einen netten Mann finden sollte, der in der Lage wäre, ihre Wildheit zu bändigen und ihr Kinder zu machen. Wenn Mary die Augen schloss und die Geräusche und den Rummel um sich herum ausblendete, konnte sie sich noch an ihr letztes Gespräch erinnern, als wäre es gestern gewesen.

„Ich werde nicht zulassen, dass du gehst“, hatte Lucia Ferrer erklärt.

Aber Mary hatte von ihrer Mutter nicht nur das dunkle Haar, die blitzenden blauen Augen und den olivfarbenen Teint geerbt, sondern auch ihre Sturheit.

„Das ist meine Chance, endlich aus dieser kleinen Stadt herauszukommen“, hatte sie in ihrem schnellen Italienisch zurückgefeuert. Die beiden waren sich so ähnlich, dass die Jahre, seit Mary in die Pubertät gekommen war, voller Spannungen gewesen waren. Ihr Vater hatte sein Bestes getan, um zwischen Mutter und Tochter zu vermitteln, und sie sah in seinen Augen, wie sehr ihn dieser Wortwechsel beunruhigte.

„Dieser Mann, den du im Café getroffen hast, will dich mit nach New York nehmen, damit du dort Fremden deine nackte Haut in Luxusfähnchen gehüllt vorführst, nachdem sie dich angemalt haben wie ein Flittchen.“

Schrecklich frustriert, weil ihre Mutter automatisch das Schlimmste annahm – und Mary überhaupt keine Anerkennung dafür zollte, dass sie durchaus Recht von Unrecht zu unterscheiden wusste –, erklärte sie es erneut. „Randy ist ein Scout, der mit einer sehr erfolgreichen Agentur zusammenarbeitet. Er sagt, er kann mir als Model Arbeit mit berühmten Designern in Paris, London und New York besorgen.“ Sie hob das Kinn und erklärte: „Nichts, was du sagen oder tun könntest, wird mich von meinem Entschluss abbringen.“

Aber ihre Mutter weigerte sich, die Dinge so zu sehen wie Mary. „Wenn du heute gehst, brauchst du überhaupt nicht mehr wiederzukommen. Dann bist du nicht mehr meine Tochter.“

In jenem Moment, den sie niemals vergessen würde, hatten die absolute Weigerung ihrer Mutter, das Ganze vernünftig zu betrachten, und ihr eigenes aufbrausendes Temperament Mary dazu getrieben, aus der Tür hinaus zu stürmen und ihr kleines Provinzdorf zu verlassen.

Aber sie hatte nie geglaubt, dass ihre Mutter zu ihrer Drohung stehen würde.

Sie hatte sich geirrt.

Als Mary die Augen wieder öffnete, war sie froh über die Gelegenheit, sich zur Weihnachtszeit auf die Lichter und das Leben in der Innenstadt von San Francisco konzentrieren zu können, anstatt dem nagenden Schmerz in ihrem Herzen nachzugeben, der mit den Jahren, die sie ohne Kontakt zu ihren Eltern verbracht hatte, immer größer geworden war.

Aber obwohl Mary bezüglich ihrer Karriere gern ein Einvernehmen mit ihrer Mutter gefunden hätte, konnte sie sich jetzt ein Leben ohne die Erfahrungen, die sie auf der ganzen Welt gemacht hatte und ohne die Zusammenarbeit mit so vielen talentierten und leidenschaftlichen Menschen gar nicht mehr vorstellen. Die letzten dreizehn Jahre waren aufregend, lukrativ und anspruchsvoll gewesen. Trotz der langen Arbeitszeiten und der schwierigen Arbeitsbedingungen, wie auch heute, als der Winterwind durch den dünnen Samt ihres Kleides blies und sie durch und durch auskühlen ließ, würde sie sich nie über ihre Karriere beklagen.

Gerry, einer ihrer Lieblingsfotografen, kam mit einem entschuldigenden Lächeln im Gesicht zur ihr, seitlich vom Set. „Entschuldige die Verspätung, Mary. Ich weiß, es ist kalt hier draußen. Bist du bereit, wieder anzufangen, damit wir fertig werden und uns dann aufwärmen können?“

Sie schüttelte ihre Gedanken an die Vergangenheit ab und lächelte ihn an. „Selbstverständlich.“

Aber anstatt dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten, legte er seine Hand auf ihren Arm. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass dies das letzte Mal ist, dass ich dich fotografieren darf. Bitte sag mir, dass du deine Meinung geändert hast.“

Mary hätte ihn umarmt, wenn es nicht bedeutet hätte, alle Stylisten in Panik zu versetzen und weitere fünfzehn Minuten durch weitere Nachbesserungen an ihrer Frisur, ihrem Make-up und ihrer Kleidung zu verlieren.

Sie hatte eine erstaunliche Karriere hinter sich und war immer noch auf der ganzen Welt für Printkampagnen und Laufsteg-Shows gefragt. Aber nachdem sie gesehen hatte, was mit Models geschah, wenn sie über ihre Blütezeit hinaus arbeiteten, und wie bitter sie wurden, wenn sie zwangsläufig jüngeren Frauen ihren Platz räumen mussten, hatte sie die Entscheidung getroffen, in die nächste Phase ihres Lebens zu treten.

„Ich habe unheimlich gern mit dir gearbeitet, Gerry. Hoffentlich werden wir in Zukunft wieder einmal, auf andere Weise, zusammenarbeiten.“

„Hast du dich entschieden, was du als Nächstes tun wirst?“

Sobald sie ihren Rücktritt als Model angekündigt hatte, hatte Mary viele Möglichkeiten angeboten bekommen: Moderedakteurin für ein großes Magazin, Zusammenarbeit mit Randy in der Agentur, Übernahme einer beratenden Funktion für ein Make-up-Unternehmen. Als Teenager hatte sie gewusst, dass es genau die richtige Entscheidung war, Model zu werden. Jetzt, nach dreizehn Jahren Non-Stop-Tätigkeit als Model, wusste sie, dass sie sich so viel Zeit wie nötig nehmen musste, um über ihre nächsten Schritte nachzudenken. Und sie würde damit beginnen, sich in dem schönen Reihenhaus einzuleben, das sie letzten Monat auf dem Nob Hill, nur wenige Straßen vom Union Square entfernt, gemietet hatte.

„Sobald ich mich entscheide“, versprach sie dem Freund, „wirst du einer der ersten sein, die es erfahren.“

Als sie wieder auf das Set zurückkehrte, wandte sie ihren Blick zur Seite und sah einen extrem gutaussehenden Mann, der den Dreh beobachtete. Er trug einen Anzug, aber sein dunkles Haar war ein wenig zu lang und er hatte sich seit mindestens einer halben Woche nicht mehr rasiert. Seine Augen waren interessiert, wie die von so vielen anderen. Aber etwas an der Art, wie er sie ansah, war anders: so als ob er tiefer blickte, als Männer es normalerweise taten.

Oh mein Gott.

Mary hatte mit den schönsten Männern der Welt zusammengearbeitet, aber keiner von ihnen hatte in ihr jemals einen solchen Schock der Anziehung ausgelöst. Schon gar nicht mit nur einem Blick.

Der Anzug passte, offen gesagt, gar nicht zu ihm. Und das nicht nur, weil er aus einem hochwertigeren Stoff und von einem erstklassigen Schneider hätte sein müssen. Sie ahnte, dass eine gut sitzende, oft getragene Jeans und ein bequemes Langarmhemd die wilde Sinnlichkeit des Mannes viel besser zur Geltung gebracht hätten.

„Das ist perfekt, Mary“, rief Gerry ihr zu. „Dein sehnsuchtsvoller Blick ist genau richtig. Bleib so, während ich von der anderen Seite noch ein paar Aufnahmen mache.“

So sehr hatte sie sich in den Augen des schönen Fremden verloren, dass sie es gar nicht bemerkte, als Gerry wieder anfing, sie zu fotografieren.

Es war eigentlich nicht ihre Art, bei der Arbeit so geistesabwesend zu sein. Sie war für ihre Konzentration und Ausdauer bekannt. Und manchmal, wenn sich jemand bei einem Shooting ihr oder dem Team gegenüber respektlos verhielt, trat ihr italienisches Temperament hervor. Da sie immer ihr Bestes gab, glaubte sie, es sei nicht zu viel verlangt, von anderen das Gleiche zu erwarten.

Sehnsuchtsvoll. So hatte Gerry dieses Gefühl in ihrer Brust genannt. Und vielleicht hatte er recht.

Mary war Jungfrau gewesen, als sie mit neunzehn Jahren aus Italien weggegangen war. Und da die Stimme ihrer Mutter weiterhin laut in ihrem Hinterkopf klang, hatte sie darauf geachtet, dass niemand ihre Unschuld ausnutzen konnte, weder persönlich noch beruflich. Mit 21 Jahren hatte sie geglaubt, dass sie zum ersten Mal wirklich verliebt war und dass ihr erster Liebhaber dasselbe für sie empfand. Zu spät hatte sie erkannt, dass er einfach in ihr glänzendes Image verliebt war. Er war morgens immer bereits weg, bevor er sie verschlafen und ungekämmt hätte erleben können. Dann, als sie einmal eine schwere Grippe hatte, hatte er sich geweigert, auch nur in ihre Nähe zu kommen und sie hatte einsehen müssen, dass er sie nur mochte, wenn sie als die „perfekte“ Mary Ferrer auftrat.