Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain - Alex Lépic - E-Book
BESTSELLER

Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain E-Book

Alex Lépic

0,0

Beschreibung

Was frühstückt eigentlich der Präsident der Grande Nation? Baguette natürlich – aber nicht irgendeins! Jedes Jahr wird das beste Pariser Baguette ausgezeichnet, nach einer Blindverkostung eines eigens dafür ins Leben gerufenen Komitees. Maurice Lefèvre ist der allererste Bäcker überhaupt, der den Titel zweimal in Folge gewinnt. Nur kann er seinen Triumph nicht auskosten: Am Morgen nach der Prämierung wird er erschlagen in seiner Backstube in der Rue de Seine im sechsten Arrondissement aufgefunden. Ein Neider? Schließlich darf der Gewinner nicht nur ein Jahr lang den Élysée-Palast beliefern, auch die Pariser stehen allmorgendlich vor seiner Boulangerie Schlange. Commissaire Lacroix weiß: Wenn es um ihr Baguette geht, kennen die Pariser kein Pardon.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 187

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Alex Lépic

Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain

Sein zweiter Fall

Kampa

Pour Notre-Dame, la cathédrale éternelle

Die perfekte Kruste

1

Lacroix stapfte wütend durch den Nieselregen, der auf die wenigen Passanten fiel, die durch die schmale Rue de Seine eilten. Herrgott, was für ein Wetter! Wäre er doch nur gleich vor dem Kommissariat in den Bus gestiegen. Den Mantelkragen hatte er hochgeschlagen, doch weder die weiche Baumwolle noch der große Hut konnten ihn vor den Tropfen schützen, die inzwischen beinahe waagerecht durch die Häuserschlucht peitschten. Das Pflaster des schmalen Gehsteigs glänzte nass, Lacroix setzte seine Schritte sehr vorsichtig, die Sohlen seiner Übergangsschuhe rutschten auf den nassen Steinen.

Nur noch schnell in der Boulangerie vorbei. Auf den Spaziergang nach Hause würde er verzichten und stattdessen den 63er-Bus nehmen, der ihn trockenen Fußes in die Rue Cler bringt. Er hatte Dominique versprochen, auf dem Weg vom Kommissariat noch kurz hier vorbeizugehen. Sie luden nur selten Gäste zum dîner ein. Normalerweise gingen sie mit Bekannten auswärts essen, doch heute Abend waren alte Freunde aus Giverny in der Stadt, die sie ewig nicht gesehen hatten. Dominique hatte sich einen Abend in intimer Atmosphäre gewünscht und die Ballandrauds zu ihnen nach Hause eingeladen. Auch kulinarisch sollte es etwas ganz Besonderes sein.

In der Rue de Seine reihte sich eine Galerie neben die nächste, Lacroix’ Blick blieb an den regennassen Schaufenstern hängen: Es gab alte Bilder mit Engeln und Heiligen und moderne mit wilden Punkten und Strichen, die er nicht verstand. Das hier war die bedeutendste Kunstmeile von Paris – sein Ziel aber war ein anderes.

Er sah den kleinen Laden schon von Weitem: die blau lackierte Holzfassade, den goldenen Schriftzug in alten Lettern – Boulangerie Lefèvre – und die lange Schlange vor der Tür, trotz des scheußlichen Wetters. Der Commissaire schnaubte.

Er stellte sich an, hinter eine beleibte kleine Frau mit vollen Einkaufstüten. Die Kunden standen dicht an dicht und drängten sich gegen das Schaufenster, versuchten vergebens, sich gegen den Regen zu schützen. Wie die Pinguine, dachte Lacroix.

Langsam rückte er auf, die Auslage geriet in sein Blickfeld, Tropfen rannen an der beschlagenen Scheibe herab. Dahinter konnte er die kleinen runden Quiches mit Lauch und Zwiebeln erahnen, eine Etage höher die millefeuilles und die glänzenden éclairs, und im Kühlschrank standen mehrere große tartes au citron und tartes au chocolat.

Die Damen hinter dem Tresen arbeiteten schnell, dennoch dauerte es sicher weitere fünf Minuten, bis Lacroix an der Eingangstür angelangt war. Hier klebte in einem goldenen Lorbeerkranz der Grund für den Andrang, der seit einem Jahr in der kleinen Boulangerie herrschte:

Grand prix de la baguette de tradition française de la ville de Paris stand da – das beste Baguette der ganzen Stadt.

Dieses und kein anderes Backwerk wollte Dominique ihren Gästen zum Dessert reichen, zusammen mit dem besten Käse aus der fromagerie Capitaine in ihrer Straße.

»Bonjour«, murmelte Lacroix, als er eintrat, nachdem er die rauchende Pfeife draußen an der Hauswand ausgeklopft hatte. Er nahm den Hut vom Kopf und schüttelte die Tropfen ab. Drei Kunden waren noch vor ihm.

Eine der Damen hinter dem Tresen, eine junge Blonde, betrachtete ihn einen Moment zu lange, sagte aber nichts. Vielleicht kannte sie sein Gesicht aus der Zeitung. Ihm passierte es immer wieder, dass die Menschen ihn erkannten, wenn sie auch nicht immer einordnen konnten, woher. Lacroix war freundlich zu allen, ob er sie kannte oder nicht, auch wenn er am liebsten völlig unbehelligt durch seine Stadt streifen würde.

»Monsieur, was kann ich für Sie tun?«

»Ich hätte gern zwei tradi, Madame, s’il vous plaît.«

Sie drehte sich um und packte zwei der wenigen übrig gebliebenen Baguettes aus einem Korb auf dem Boden in eine große Tüte.

»Haben Sie sonst noch einen Wunsch, Monsieur le Commissaire?«

Lacroix schluckte, fasste sich aber gleich wieder.

»Bitte packen Sie mir noch vier Paris-Brest ein. Das wäre dann alles.«

Die Verkäuferin öffnete eine Pappschachtel, auch darauf prangte das Logo der Boulangerie in goldenen Lettern. Vorsichtig nahm sie das fragile Gebäck und legte es in den Karton. Dominique hatte Lacroix die Entscheidung überlassen, welches Dessert auf den Käse folgen sollte, und er hatte sich für die Törtchen entschieden, die er so liebte: den knusprigen Teig, die nussige Buttercreme, den sattweißen Puderzucker. Genau das Richtige nach dem leichten Hauptgang, den seine Frau gerade zauberte. Es sollte Fisch und Risotto geben. Sicher würde sie die Schachtel öffnen und eine Augenbraue hochziehen, wie sie es gern tat – als Hinweis auf seine zunehmende Körperfülle. Aber es war ein liebevolles Necken.

Die Verkäuferin reichte ihm alles über die Theke.

»Dann sind es heute 16 Euro, Monsieur.«

»Vielen Dank, Madame. Und Ihnen gleich einen schönen Feierabend. Heute war ja sicher mal wieder ein anstrengender Tag.«

»Die Pariser lieben nun mal unsere Baguettes«, sagte sie lachend. »Aber mal sehen, wie es morgen aussieht …«

Lacroix stutzte und sah sie fragend an.

»Heute ist doch die Wahl des besten Baguettes der Stadt! Ein Jahr ist es schon her … In einer Stunde steht das Ergebnis fest – und dann zieht die Karawane weiter, zu einem anderen Bäcker.«

Lacroix lächelte sanft. Er kannte diesen Wettbewerb natürlich – wie jeder, der schon lange in Paris lebte. Der Commissaire wusste, dass die Franzosen Auszeichnungen dieser Art liebten, vor allem, wenn sie sich um Speisen drehten, das französische Kulturgut schlechthin. Das beste Baguette, der beste Schinken, die beste Auster, das beste Steak.

»Zumindest die Kunden aus dem Quartier werden Ihnen treu bleiben, und das ist ja das Wichtigste. Und wir auch!« Dominique und er waren hier schon Kunden gewesen, bevor Lefèvres Baguette zum besten der Stadt gekürt wurde. Nach dem Sieg hatte Lacroix nicht selten in der Schlange vor dem Laden warten müssen und sich geärgert, auch wenn er dem Bäcker den Erfolg natürlich gönnte. »Bonne soirée«, rief er der Verkäuferin zu.

»Ihnen auch, Commissaire.«

Mit seiner Tüte verließ Lacroix den Laden, die Abendsonne lugte jetzt sanft hinter den dicken Wolken hervor. Weiter hinten über dem Institut Catholique deutete sich ein Regenbogen an.

»Verflixter April«, Lacroix schüttelte den Kopf und beeilte sich, nach Hause zu kommen.

2

Es roch nach Hefe und Mehl in dem großen Raum. Die Fenster waren geschlossen, und es war ein wenig stickig. Dennoch hörte er den Verkehr vom Voie Georges Pompidou am anderen Ufer, und sogar die Wellen, die von den Ausflugsbooten an den Quai d’Anjou gespült wurden. Abgesehen davon war es totenstill. Man könnte sprichwörtlich eine Stecknadel fallen hören, so konzentriert waren sie alle bei der Sache, so leise begutachteten sie die Ausstellungsstücke, die von einer Banderole mit einer Nummer umschlossen waren und nebeneinander auf langen Tischen lagen.

Der Tag hatte früh begonnen. 247 Baguettes waren angeliefert worden, von Boulangerien aus allen 20 Arrondissements. Bis zum Mittag waren sie vermessen und gewogen worden: Die Baguettes mussten zwischen 55 und 70 cm lang und zwischen 250 und 300 g schwer sein, so sahen es die Teilnahmebedingungen vor. Nur 173 hatten es in die zweite Runde geschafft. Er hatte seine Baguettes genormt, sie lagen genau in der Mitte: 62 cm lang, 275 g schwer. Er wollte nichts dem Zufall überlassen.

Seit fünfeinhalb Stunden waren sie nun in dem großen Saal der Bäckerinnung. Er wunderte sich immer wieder, wie groß die Räumlichkeiten waren, in denen die Syndikalisten logierten, am hinteren – und teuren – Ende der Île Saint-Louis, finanziert von seinen Mitgliedsbeiträgen.

Nach der ersten Verkostung waren 50 Baguettes weitergekommen, nun waren es nur noch 20.

Er betrachtete die Gesichter um ihn herum. Die anderen Mitglieder des Komitees brachen Stücke aus den Baguettes und rochen daran, steckten sie sich in den Mund, taten wie die Connaisseurs von Welt. Allen war klar, dass er es am besten wusste, aber sie konnten es nicht zugeben. Schließlich waren sie Gourmet-Journalisten und Bäckerei-Lobbyisten, auch die bräsige Handelssekretärin, im Rathaus zuständig für Lebensmittel, saß in der Jury. Daneben die sechs Pariserinnen und Pariser, die bei der Verlosung gewonnen hatten. Fast 2000 Bürgerinnen und Bürger hatten sich um einen Juryplatz beworben. Sie waren von den Hauptberuflichen sofort zu unterscheiden, weil sie sich zurechtgemacht hatten, Anzug und Krawatte, schwarze Kleider. Dieser Preis war einer der renommiertesten der Stadt! Wer ihn bekam, durfte ganz oben mitspielen. Er musste lächeln.

Eben probierten sie die letzten Exemplare. Er hatte seinen Bewertungsbogen schon ausgefüllt: 19 Mal null Punkte und einmal vier Punkte für die Nummer 13. Ausgerechnet. Er war nicht abergläubisch, aber das war schon ein dickes Ding.

Er betrachtete die Männer und Frauen, die völlig in ihre so wichtige Aufgabe vertieft waren. Inzwischen tranken alle viel zu viel Wasser, um den Geschmack des Brotes aufnehmen zu können, aber der Teig hatte ihre Bäuche aufquellen lassen, und sie konnten nicht mehr.

Nun legte auch Claudine, die Frau, die er einstmals viel näher gekannt hatte und die ihn jetzt mied wie der Teufel das Weihwasser, das letzte Baguette zurück. Ausgefranst, lieblos, ausgeweidet sahen die 20 Exemplare aus, nachdem sie durch so viele Hände gewandert waren.

Die letzten Jurymitglieder trugen ihre Bewertungen ein: null Punkte für mies, vier Punkte für Extraklasse. Sie waren mit einem Ernst bei der Sache, als handele es sich um eine Entscheidung über Leben und Tod. Maurice Lefèvre musste wieder lächeln.

Der Juryvorsitzende klingelte mit einem Glöckchen, dann schritt er staatstragend mit der Urne durch den Raum und sammelte die Bewertungsbögen ein. Endlich wurden die Flügeltüren geöffnet, und frische Luft strömte herein.

Maurice Lefèvre öffnete den obersten Knopf seiner Uniform und ging durch den Saal, ließ seinen Blick über die Jurymitglieder schweifen, dann trat er hinaus auf den Balkon. Unten floss der Fluss durch die Dämmerung, so friedlich, nur ein schwaches Rauschen drang herauf. Ein junges Pärchen ging händchenhaltend am Quai entlang. Es roch nach Frühling, bald würde der Flieder zu blühen beginnen. Maurice zündete sich eine Gitanes an. Eine alte Angewohnheit. Er hatte schon oft darüber nachgedacht, die Marke zu wechseln, aber er konnte einfach nicht.

»Und, hast du für dich selbst gestimmt, Maurice?« Die Stimme erkannte er sofort. Claudine Rabaly war ihm gefolgt und hatte sich direkt neben ihn gestellt. Er merkte, wie seine Hand zitterte.

Er sah sie an, sah die Falten auf ihrer Stirn, sah, wie das eigentlich elegant geschnittene Kostüm schlaff an ihrem mageren Körper hing. Innerlich jubilierte er.

»Der Beste wird gewinnen, meinst du nicht, Teuerste?«, sagte er mit leicht vibrierender Stimme. Es kostete ihn Mühe, seine Aufregung zu verbergen. Aber er durfte nichts verraten. Sie würde es früh genug erfahren.

»Muss hart sein, ein Jahr im Präsidentenpalast ein und aus zu gehen und nun zu wissen, dass es vorbei ist.«

»Bei deinen politischen Qualitäten, Claudine, wirst du doch sicherlich die nächsten fünf Jahre dort verbringen, nehme ich an?« Er hoffte, sie würde die Ironie verstehen. Seiner Meinung nach war sie eine Nullnummer, nicht nur als Politikerin.

»Ich freue mich jedenfalls auf den neuen Namen auf der Liste.«

Er schnippte die Zigarette vom Balkon, drehte sich um und ging hinein, ohne sie noch einmal anzusehen.

Maurice setzte sich auf seinen Platz, kam aber nicht zur Ruhe. Also stand er wieder auf, wanderte durch den Saal, bemühte sich, niemanden anzusehen. Er wollte nicht auffallen, mit niemandem reden – nicht jetzt.

Es war eine schier endlose Warterei, er schielte immer wieder auf die große Uhr über der Tür, aber der Zeiger bewegte sich einfach nicht. Er hatte keine Ahnung, warum die Kommission, die mit der Auswertung der Stimmzettel betraut worden war, so lange brauchte.

Erst kurz vor Sonnenuntergang, es war fast neunzehn Uhr und das rote Licht fiel durch die hohen Fenster in den Saal, ging die Tür auf, und der Juryvorsitzende, der Vorsitzende der Bäckerinnung, trat auf die kleine Bühne. Der alte Mann mit Glatze und randloser Brille öffnete den versiegelten Umschlag, den die Zählkommission ihm überreicht hatte, und zog das Papier heraus.

Er betrachtete es und runzelte die Stirn.

Maurice spürte, wie er erstarrte, er ballte seine Fäuste in den Hosentaschen, spürte, dass es wahr war. Dass nun sein neues Leben beginnen würde.

Im Gesicht des alten Gewerkschafters breitete sich Skepsis aus.

Alle erhoben sich, als der sonst so souveräne Mann mit dünner Stimme zu reden begann:

»Der Gewinner des Grand prix de la baguette de tradition française de la ville de Paris …« Er räusperte sich. »Das hat es noch nie gegeben in der 26-jährigen Geschichte des Wettbewerbs … Der Gewinner des letzten Jahres konnte seinen Titel verteidigen und sich gegen 246 Baguettes durchsetzen. Im Namen der gesamten Jury gratuliere ich Maurice Lefèvre aus der Rue de Seine im sechsten Arrondissement.«

3

»Das war wirklich ein rundum gelungener Abend, ma chère«, sagte Lacroix zu Dominique, als sie gemeinsam aus der Haustür traten.

Jeannine vom Obst- und Gemüsestand zog eben den Rollladen hinauf. Die bunten Früchte, die roten Tomaten, die dunkelgrünen Artischocken, die gelben Paprika leuchteten um die Wette.

»Es war schön, die Ballandrauds mal wieder zu sehen.«

Lacroix nickte und dachte an die Gespräche, den Weißwein, den Cognac als Digestif – es war wirklich ein schöner Abend gewesen. Mit dem Ehepaar Ballandraud war das eigentlich immer so, und deshalb bedauerte Lacroix es, dass sie sich so selten sahen. Giselle Ballandraud arbeitete als Ärztin an der Uniklinik in Rouen, während ihr Mann eine Apfelplantage besaß. Die Früchte wurden zu Calvados verarbeitet. So gab es stets gute Gespräche über medizinische Phänomene und herrliche Spirituosen. Der Commissaire hätte nicht sagen können, was er mehr schätzte, die Kombination aber war einfach perfekt. Und nun stand als Gastgeschenk auch noch eine alte Flasche in seiner Bar, und er freute sich schon jetzt auf den Abend.

»Hast du gleich Termine im Rathaus oder magst du noch mit mir zum Chai laufen? Ich würde mich freuen, noch einen café mit dir zu trinken.«

Sie sah ihn bedauernd an. Das schätzte er so sehr an seiner Frau. Sie kostete jeden Moment mit ihm aus und war immer ehrlich traurig, wenn sich ihre Wege morgens trennten.

»Ich habe leider eine total langweilige Besprechung zu einem Neubau weiter unten an der École Militaire, bedaure.«

Dominique war die Bürgermeisterin des siebten Arrondissements. In diesem Bezirk rive gauche, mit seinen Museen, den alten Bürgerhäusern und Ministerien, einem der wohlhabendsten der Stadt, saß sie natürlich für die konservativen Républicains im Rathaus, das altehrwürdig in der Rue Saint-Dominique lag. Sie war beliebt bei ihren Wählern, weil sie in ihren bisher zwei Amtsperioden viel hatte erreichen können, und mochte ihre Arbeit sehr. Einzig die zahlreichen, nicht enden wollenden Sitzungen empfand sie mitunter als Qual.

»Dann sehen wir uns eben am Abend, ma chère.«

Sie gaben sich einen Abschiedskuss, dann wandte sie sich nach links in Richtung Rathaus und er nach rechts in Richtung Quais, um den Weg am Fluss entlang zu seinem Stammbistro einzuschlagen.

»Mon cher!« Der Ruf ließ ihn innehalten, er drehte sich um. Dominique hielt ihr Handy in der Hand. »Hier, für dich …«

Es konnte nur Rio sein. Niemand außer seiner Assistentin hatte die Nummer seiner Frau, und auch sie wählte sie nur im absoluten Notfall.

»Hier ist Rio, Commissaire, verzeihen Sie die frühe Störung. Sie waren nicht mehr zu Hause und noch nicht im Chai – und die Angelegenheit kann nicht warten: Es wurde eine Leiche gefunden. In der Rue de Seine.«

Lacroix stutzte.

»Können Sie gleich kommen?«, fragte Rio.

»Haben Sie die genaue Adresse?«

»Boulangerie Lefèvre, 42 Rue de Seine.«

»Herrgott … Ich bin unterwegs.«

Er gab seiner Frau das Telefon zurück, ohne aufzulegen. Er hätte zu lange gebraucht, die richtige Taste zu finden.

»Ach, mein Maigret«, sagte Dominique seufzend, »es wird wirklich Zeit, dass du dir ein Handy zulegst.«

»So können wir uns immerhin noch mal verabschieden.« Er küsste sie zärtlich.

»Etwas Schlimmes?«

Er nickte, in Gedanken schon ganz woanders. »Es ist … du glaubst es nicht. Ein Toter in der … Erst gestern war ich … Ich erzähle es dir heute Abend, nun muss ich los.«

Dominique fragte nicht nach, sah ihn nur erstaunt an. Sie lösten sich voneinander, und er wandte sich in Richtung Invalidendom, in der Hoffnung, dort den 63er-Bus zu bekommen.

In seinem Kopf kreisten die Gedanken, er versuchte sich zu erinnern. Ein paar Stunden war es erst her. Er rief sich die Bilder des Ladens vor Augen, die Auslage, die Gesichter der Verkäuferinnen. Er hatte einen Blick in die Backstube werfen können, in der kurz vor Ladenschluss nicht mehr viel los gewesen war. Nur ein junger Mann mit weißer Schürze hatte dort aufgeräumt, erinnerte er sich.

Lacroix verließ die Rue de l’Université und trat auf den weitläufigen Platz, der zwischen dem alten Air-France-Gebäude und dem Invalidendom lag. Ein kalter Wind wehte, trieb die Passanten wie fliehende Rehe vor sich her.

Er wartete zwei Minuten völlig in Gedanken versunken, hörte dann das Klingeln, das den nahenden Bus ankündigte. Lacroix stieg ein, der Fahrer nickte ihm zu, er fuhr oft diese Linie. An der Station Seine-Buci stieg er aus, die Zufahrt zur Rue de Seine war schon abgesperrt, ein Verkehrspolizist hatte seinen Motorroller quer auf die Fahrbahn gestellt und war dabei, den Tatort zu sichern.

»Bonjour, Commissaire«, sagte er und hielt das rot-weiße Band hoch, damit Lacroix darunter durchtreten konnte.

Der Commissaire ging die wenigen Schritte die kleine Straße hinab, wie er es gestern getan hatte. Heute war der Himmel zwar grau, aber es regnete nicht. Über ihm die drei- und vierstöckigen feinen Häuser mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, wie Georges-Eugène Haussmann sie erdacht hatte. Die Galerien in den Erdgeschossen, dunkle Möbel und goldschimmernder Kitsch zu astronomischen Preisen.

Vor der Boulangerie stand nur ein Polizeiauto, zwei Beamtinnen warteten vor dem Laden und sahen grimmig die Straße entlang, als erwarteten sie, dass sich der Täter noch mal sehen lassen würde.

Sie traten zur Seite und ließen Lacroix vorbei. In der Boulangerie war es viel kälter als am Vortag. Lacroix war mittlerweile überzeugt, dass das Opfer einer der Bäckermeister sein musste – wer war sonst um diese Uhrzeit schon auf den Beinen.

Capitaine Rio hatte die Klingel über der Tür gehört und kam sofort aus der Backstube in den Verkaufsraum.

»Commissaire, guten Morgen, bitte, kommen Sie.«

Die Polizistin ging voran und wies auf den Fußboden. Statt der alten Holzdielen im Verkaufsraum waren hier blitzsaubere weiße Fließen. Vor dem großen metallenen Ofen blieb sie stehen.

Da lag er, nicht der junge Bäcker von gestern, sondern ein älterer Mann mit dichten grauen Haaren. Er lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite geneigt, Arme und Beine weit von sich gestreckt, als würde er friedlich schlafen. Nur die Wunde am Hinterkopf zeigte, dass dem nicht so war. Es war nur wenig Blut am Boden, genau wie an dem hölzernen Brotschieber, der neben dem Mann lag.

Eben betrat Paganelli den Raum.

»Guten Morgen, Rio, guten Morgen, Commissaire. Sorry, mein Roller ist nicht angesprungen. Was haben wir?«

»Maurice Lefèvre«, sagte Rio, die wohl als Erste von der Police nationale am Tatort gewesen war. »56 Jahre alt. Der Besitzer des Ladens, Bäckermeister in dritter Generation. Seine Jacke hing im Spind, als einzige, darin war sein Portemonnaie.«

»Wer hat ihn gefunden?«

»Ein Mann von Gaz de France, der sich für den Morgen zum Ablesen angekündigt hatte. Wir nehmen an, dass der Tote deshalb hier war. Mittwoch ist eigentlich Ruhetag. Der Gasmann hatte vom Hof aus durchs Fenster geguckt und ihn hier liegen sehen. Er hat uns sofort angerufen.«

Ruhetag, dachte Lacroix. Deshalb hatten sie den Toten so spät gefunden. »Wo ist der Mann?«

»Sitzt draußen im Hof und raucht. Madame Lefèvre ist auf dem Weg hierher. Ich habe sie vorhin angerufen. Sie weiß noch nicht Bescheid.« Rio sah Lacroix mit großen Augen an. Angehörigen die schreckliche Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen zu überbringen, gehörte zu den Aufgaben, die wohl jeder Polizist am meisten fürchtete.

Lacroix ging durch die Backstube, betrachtete die Urkunden an der Wand und ein Foto der Belegschaft. Er erkannte die drei Verkäuferinnen von gestern, dahinter standen die Männer aus der Backstube, alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Neben ihnen eine ältere Dame im Kostüm, sicher die Chefin, wiederum daneben Maurice Lefèvre. Sein Blick war freundlich und sanft, ein Handwerker, wie er im Buche steht: der Schnauzbart fein gestutzt, die Bäckeruniform strahlend weiß, nur das Mehl an den Ärmeln wies darauf hin, dass das Foto inmitten der alltäglichen Arbeit gemacht worden war.

»Rio, sagen Sie mir …«, begann Lacroix, wurde aber von einer wohlbekannten und ein wenig zu heiteren Stimme aus dem Verkaufsraum unterbrochen.

»Bonjour, Messieurs-dames, wo ist denn unser berühmter Commissaire?«

Wenige Sekunden später schlenderte Docteur Obert in die Backstube, in der rechten Hand eine Zeitung, in der linken die obligatorische Arzttasche, die er direkt neben dem Toten abstellte. Er wandte sich Lacroix zu und wedelte mit der Zeitung. Auf der Titelseite ein altes Foto des Mannes, der nun hier am Boden vor ihnen lag, und in großen Lettern die Schlagzeile: »Sensationelle Wiederwahl«. Dem Bäcker aus der Rue de Seine sei mit dem zweiten Sieg in Folge das Unmögliche gelungen.

Der Wettbewerb um das beste Baguette der Stadt fiel Lacroix erst in dieser Sekunde wieder ein. Doch als er den Toten da liegen sah, dachte Lacroix einmal mehr, dass nichts so alt war wie die Zeitung vom Vortag.

»Ich darf nichts mehr über bekannte Persönlichkeiten unserer Stadt lesen. Fünf Minuten später ruft immer ihr an, weil die Person abscheulich um die Ecke gebracht wurde. Ich hoffe, Le Parisien schreibt nie über mich.« Obert lachte laut auf.

»Ein schneller Blick«, bemerkte Lacroix trocken.

»Ich bitte Sie, Commissaire, wir sind doch keine Anfänger, wir beiden. Den besten Bäcker der Stadt erkenne ich natürlich sofort, und auch von hinten. Und um zu rekonstruieren, was passiert ist, braucht es in diesem Fall auch nicht viel. Aber wo ich schon mal hier bin, schaue ich ihn mir natürlich an.«

Der Gerichtsmediziner holte Plastikhandschuhe aus seiner Manteltasche, zog sie an und bückte sich über die Leiche.

»Ei, ei, ei, ein ziemlich heftiger Schlag war das. Und ja: einer. Nicht zwei oder drei. Würde ich jetzt zumindest sagen.«

Er griff nach dem Holzschieber, mit dem die Brote aus dem Ofen geholt wurden, die hellen pain de mie oder die dunklen krossen Landbrote.

»Sieht ganz danach aus, als hätten wir hier auch gleich die Tatwaffe, aber ich muss mir das natürlich im Institut alles noch mal genauer anschauen.«

»Können Sie mir sagen, wie lange er schon tot ist?«

»Mal sehen … Kann ich ihn umdrehen? Wurden schon Fotos gemacht?«

Rio nickte.

Der Leiter des Institut médico-légal legte den Toten vorsichtig auf den Rücken. Mochte er auch noch so viel scherzen, mit seinen Klienten ging er stets sorgsam um.