Lady Hamilton (Historischer Roman) - Alexandre Dumas - E-Book

Lady Hamilton (Historischer Roman) E-Book

Dumas Alexandre

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Beschreibung

Alexandre Dumas' historischer Roman 'Lady Hamilton' erzählt die faszinierende Geschichte von Emma, Lady Hamilton, einer außergewöhnlichen Frau des 18. Jahrhunderts. Dumas' detailreiche Beschreibungen des höfischen Lebens und politischen Intrigen der Epoche verleihen dem Roman eine authentische Atmosphäre. Sein lebendiger Erzählstil und die geschickte Verknüpfung historischer Fakten mit fiktiven Elementen machen das Buch zu einem mitreißenden Leseerlebnis. In 'Lady Hamilton' zeigt Dumas sein Talent für die Darstellung komplexer Charaktere und die Inszenierung dramatischer Wendungen, die den Leser in den Bann ziehen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1300

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alexandre Dumas

Lady Hamilton

(Historischer Roman)

Bereicherte Ausgabe. Ein historischer Roman über Admiral Nelsons letzte Liebe
Einführung, Studien und Kommentare von Marie Schmid

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1052-7

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Lady Hamilton (Historischer Roman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Zentrum dieses Romans steht ein Bildkampf: Eine Frau ringt darum, wie sie gesehen wird, während eine Epoche sie nach eigenen Bedürfnissen formt. Lady Hamilton erzählt von Ruhm als Währung, von Anmut als Machtmittel und von der gefährlichen Nähe zwischen Privatem und Politischem. Über den Kulissen europäischer Umbrüche entfaltet sich eine Geschichte, in der das öffentliche Auge ebenso mächtig ist wie Kanonen und Kabinette. Der Roman macht greifbar, wie Biografien von der Bühne der Geschichte geprägt werden, und wie persönliche Entscheidungen im Echo von Gerüchten, Hofritualen und Zeitungsnotizen zu Schicksalen gerinnen.

Alexandre Dumas (1802–1870) zählt zu den prägenden Erzählern des 19. Jahrhunderts. Er verband historisches Wissen mit der Kunst des spannenden Fortsetzungsromans und erreichte damit ein Massenpublikum weit über Frankreich hinaus. Sein Name steht für farbige Figuren, tatkräftige Handlungen und eine souveräne Dramaturgie, die Geschichte erlebbar macht. Lady Hamilton gehört zu den Werken, in denen Dumas europäische Ereignisse durch das Prisma einer außergewöhnlichen Persönlichkeit betrachtet. Der Autor nutzt sein erzählerisches Arsenal, um die großen Bewegungen der Zeit in einem individuellen Leben zu verdichten und daraus ein Panorama politischer, gesellschaftlicher und emotionaler Kräfte zu komponieren.

Entstanden ist das Werk im 19. Jahrhundert, in einer Ära, die den Fortsetzungsroman liebte und historische Stoffe gierig las. Zeitungen, Zeitschriften und Leihbibliotheken bildeten den Resonanzraum, in dem Dumas seine Geschichten entwickelte und verbreitete. Diese Produktions- und Publikationskultur prägte den Ton: lebendige Szenen, präzise gesetzte Übergänge, sorgfältig dosierte Enthüllungen. Lady Hamilton spiegelt diese Poetik des seriellen Erzählens, die Episoden nutzt, um Spannung aufzubauen und zugleich historische Konturen zu schärfen. Damit verankert sich der Roman im literarischen Kontext einer Epoche, die Geschichte als nahbare Bühne populärer Unterhaltung verstand.

In knapper Form umrissen: Lady Hamilton begleitet den Aufstieg Emma Hamiltons aus bescheidenen Verhältnissen in die höchsten Sphären europäischer Gesellschaft und Politik. Schauplätze wie London und Neapel bilden den Resonanzboden, auf dem Salons, Höfe und Seestützpunkte ein dichtes Geflecht aus Beziehungen, Interessen und Gefahren knüpfen. Der Roman setzt bei einer jungen Frau an, deren Erscheinung, Geist und Entschlusskraft Türen öffnen, und verfolgt, wie ihr Bild in der Öffentlichkeit entsteht. Ohne Wendungen vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Es ist eine Geschichte über Nähe zur Macht, über Loyalität und über den Preis von Sichtbarkeit.

Als Klassiker gilt Lady Hamilton, weil der Roman exemplarisch zeigt, wie Dumas Geschichte lebendig macht: nicht als trockene Chronik, sondern als Bewegung von Charakteren im Strom großer Ereignisse. Das Buch verbindet Glanz und Schatten, Hofetikette und Straßengerücht, diplomatische Codes und intime Regungen. Es ist getragen von einer Sprache, die zugleich anschaulich und präzise bleibt, und von Szenen, die sich dem Gedächtnis einprägen. Klassisch wirkt das Werk ferner, weil es eine ikonische Figur der europäischen Erinnerungskultur in literarischer Form erschließt und dabei Fragen stellt, die über ihren historischen Moment hinausreichen.

Sein literarischer Einfluss liegt weniger in einem einzelnen Effekt als in der Methode: Dumas demonstriert, wie serielles Erzählen historische Stoffe popularisiert und wie erzählerische Verdichtung kollektive Bilder prägt. Das betrifft Schnitttechnik, Cliffhanger, Schauplatzwechsel und die kunstvolle Verzahnung privater und öffentlicher Handlungsstränge. Diese Verfahren wirkten auf spätere Romane, Bühnenbearbeitungen und mediale Erzählweisen, die Geschichte als spannungsgetragene Erfahrung inszenieren. Lady Hamilton steht in dieser Entwicklung als Beispiel dafür, wie die Figur im Zentrum eines politischen Dramas zugleich Identifikationsangebot und Prisma gesellschaftlicher Debatten werden kann.

Nachhaltig sind die Themen, die der Roman verhandelt: die Ökonomie des Ruhms, die Konstruktion weiblicher Handlungsräume in männlich dominierten Machtgefügen, die Rolle von Medien und Gerüchten in der Politik. Ebenso zentral sind Loyalität, Ehre und Opportunität – Begriffe, die im Lärm der Ereignisse ihre Konturen wechseln. Der Text zeigt, wie Gefühle zu Hebeln werden und wie moralische Entscheidungen in Grauzonen fallen, die Zeitgenossen wie Nachgeborene beschäftigen. So entsteht ein Nachdenken über Identität und Verantwortung, über das Verhältnis von Selbstinszenierung und Authentizität, über den Blick der anderen und die Selbstbehauptung.

Die historische Fundierung stützt sich auf weithin bekannte Fakten und Figuren der Epoche, doch Dumas interessiert vor allem ihre erzählerische Verknüpfung. Er verbindet ein Gespür für dokumentarische Details mit der Freiheit literarischer Imagination. Das Ergebnis ist kein Archivbericht, sondern ein plausibles Gewebe aus Szenen, Motiven und Dialogen, das die Atmosphäre der Zeit einfängt. Gerade in Lady Hamilton zeigt sich, wie sorgfältig Dumas soziale Milieus schichtet, Rituale beschreibt und politische Spannungen fühlbar macht, ohne die Lesbarkeit zu verlieren. Historie wird so zur Erfahrungswelt, nicht nur zum Hintergrundbild.

Stilistisch setzt der Roman auf Klarheit im Satz, Anschaulichkeit in der Metapher und Rhythmus in der Handlung. Kapitel schließen selten ohne eine Frage, die weiterzieht; Figuren werden in markanten Zügen skizziert, dann in Konstellationen entwickelt. Landschaften, Salons, Häfen: Jeder Raum hat dramaturgische Funktion. Dialoge tragen Informationen, ohne die Figuren zu bloßen Sprachrohren zu machen. Diese Balance aus Tempo und Kontur ist ein Markenzeichen Dumas’, das hier besonders sichtbar wird. Wer Lady Hamilton liest, erlebt nicht allein eine Geschichte, sondern die Werkstatt eines Erzählers, der Spannung als Form historischer Erkenntnis begreift.

Für heutige Leserinnen und Leser ist der Roman zugänglich, weil er die Mechanik öffentlicher Aufmerksamkeit freilegt. Er zeigt, wie Bilder zirkulieren, wie Macht sich über Nähe, Gesten und Narrative stabilisiert, und wie verletzlich jene sind, die im Scheinwerfer stehen. Dabei verzichtet er auf belehrenden Ton und setzt auf die Intelligenz des Publikums, Zusammenhänge zu sehen. Lady Hamilton bietet damit nicht nur Unterhaltung, sondern eine Schule der Wahrnehmung, die Medien- und Politiklogiken erkennbar macht – in Momenten des Jubels ebenso wie in Phasen der Unsicherheit und des moralischen Drucks.

Gleichzeitig stellt das Buch die Frage nach weiblicher Agency in Zeiten, die Frauen vor allem als Symbolträgerinnen sahen. Emma Hamilton erscheint nicht als bloße Projektionsfläche, sondern als Handelnde, deren Entscheidungen Konsequenzen in der Sphäre der Diplomatie und des Krieges haben. Dumas interessiert, wie sie Ressourcen schafft – Beziehungen, Performanz, Urteilskraft – und wo die Grenzen dieser Ressourcen liegen. So wird der Roman zu einer Studie über Handlungsspielräume, die unter Beobachtung entstehen und vergehen. Diese Perspektive macht das Werk besonders anschlussfähig an gegenwärtige Debatten um Gleichberechtigung und Sichtbarkeit.

Lady Hamilton bleibt relevant, weil es die Sprache der Macht ergründet und zugleich eine berührende Lebensgeschichte erzählt. Zeitlos sind seine Qualitäten: erzählerische Ökonomie, psychologische Feinheit, historische Lebendigkeit. Der Roman lädt dazu ein, bekannte Namen und Ereignisse neu zu betrachten – durch das Schicksal einer Frau, die zur Legende wurde, ohne je dem Druck der Legende völlig zu entkommen. Wer heute zu diesem Buch greift, findet nicht nur ein Panorama Europas an der Schwelle zur Moderne, sondern ein Werk, das das Denken über Öffentlichkeit, Verantwortung und Selbstentwurf nachhaltig schärft.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Alexandre Dumas entwirft in Lady Hamilton ein historisches Panorama, das die Biografie einer ungewöhnlichen Frau mit den Umbrüchen Europas verknüpft. Im Zentrum steht Emma Hamilton, deren Lebensweg von bescheidenen Anfängen bis in die Sphären der Diplomatie führt. Der Roman verfolgt ihre Schritte in einer Epoche, in der private Neigungen und Staatsräson unauflöslich ineinandergreifen. Dumas verbindet erzählerische Spannung mit detailreicher Schilderung von Orten, Sitten und politischen Konstellationen. Hafenstädte, Botschaftssalons und königliche Höfe bilden die Bühne, auf der sich Aufstieg, Bewunderung und Misstrauen begegnen. So entsteht das Porträt einer Frau, die in öffentlichen Rollen ihre persönliche Stimme sucht.

Zu Beginn zeichnet Dumas Emmas Herkunft als geprägt von Enge, Pragmatismus und sehnsüchtiger Selbstverwirklichung. Ihre Schönheit und ihre Gabe, sich Stimmungen anzupassen, öffnen Türen, die gesellschaftlich eigentlich verschlossen sind. Fördernde Bekannte und riskante Abhängigkeiten liegen dicht beieinander. Schritt für Schritt erlernt sie die Regeln der Darstellung: Tanz, Auftreten, Konversation, das Management von Erwartungen. Der Roman betont dabei weniger Sensation als das Kalkül, mit dem eine Randständige ihre Möglichkeiten sondiert. In dieser frühen Phase werden zentrale Fragen angelegt: Wie weit darf Selbsterfindung gehen, wenn die Umwelt harte Grenzen zieht, und welche Kompromisse fordern Rang, Sicherheit und Anerkennung?

Mit dem Eintritt in den Haushalt eines britischen Diplomaten verschiebt sich der Schauplatz nach Neapel. Dort entwickelt Emma, nun an der Seite Sir William Hamiltons, eine Rolle zwischen Repräsentation und Einflussnahme. Sammlungen antiker Kunst, Musikabende und Begegnungen mit Reisenden machen die Residenz zum Scharnier zwischen Kultur und Politik. Dumas zeigt eine Heldin, die beobachtet, vermittelt und zugleich permanent beurteilt wird. Die höfischen Rituale bieten Chancen zur Selbstbehauptung, doch das gesellschaftliche Gedächtnis bleibt streng. Anerkennung und gönnerhafte Herablassung wechseln einander ab. Aus dieser Spannung erwächst ein innerer Konflikt: Wie lässt sich Loyalität wahren, ohne die eigene Würde zu opfern?

Vor dem Hintergrund der Revolution in Frankreich verdichten sich die Spannungen im italienischen Raum. Neapel wird zum Knotenpunkt wechselnder Allianzen, an dem Botschafter, Höflinge und Spione um Einfluss ringen. Dumas nutzt diese Konstellation, um internationale Politik als Folge persönlicher Entscheidungen und verletzter Eitelkeiten zu zeigen. Königin Maria Carolina und ihr Umfeld stehen für eine Staatsräson, die Sicherheit über Reform stellt. Emma gerät, ob gewollt oder nicht, in die Nähe von Kanälen, über die Nachrichten, Bitten und Drohungen laufen. Die Grenzen zwischen Dienst und Übergriffigkeit verwischen. Ein Wendepunkt kündigt sich an, als die Unruhe von den Debatten auf die Straßen übergreift.

Die Begegnung mit einem gefeierten Admiral markiert eine weitere Zäsur. Aus gegenseitiger Bewunderung entsteht ein Feld magnetischer Anziehung, das Privates und Politisches bündelt. Dumas gestaltet diese Nähe als Prüfung von Pflicht, Loyalität und Selbstbild. Der offizielle Auftrag ruft zu Nüchternheit, die Umstände befeuern jedoch Pathos und Entschlossenheit. Zwischen Kriegsnachrichten, Empfängen und stillen Momenten entsteht ein Dreieck aus Erwartungen: der Anspruch des Staates, der Anspruch der Gesellschaft und die Stimme des Herzens. Der Roman verweilt auf den Folgen kleiner Entscheidungen, ohne die große Entscheidung vorwegzunehmen. Damit wächst die Spannung weniger aus Sensation als aus wachsendem moralischem Druck.

Als sich in Neapel offener Widerstand Bahn bricht, verwandelt sich die Bühne in ein Terrain der Hast. Rückzüge, Petitionen, improvisierte Bündnisse und eindringliche Appelle zeichnen ein Klima, in dem jedes Wort Gewicht erhält. Dumas interessiert sich für die Mechanik der Verantwortung: Wer kann zeigen, wer muss handeln, wer darf schweigen? Emma wird zur Adressatin widersprüchlicher Hoffnungen und Vorwürfe. Sie versucht, Barmherzigkeit und Stärke zu versöhnen, stößt jedoch an die Grenzen eines Systems, das Härte belohnt und Zweifel bestraft. Die Ereignisse kulminieren in Entscheidungen, deren genaue Ergebnisse der Text nicht ausstellt, deren Konsequenzen jedoch fortan alles färben.

Mit dem Abflauen des unmittelbaren Lärms beginnt die zweite Prüfung: die der Deutungshoheit. Gerüchte, Pamphlete und hingeworfene Bemerkungen formen eine öffentliche Figur, die der privaten Person nur teilweise entspricht. Dumas zeigt, wie schnell Bewunderung in Misstrauen kippt, wenn eine Frau Sichtbarkeit erlangt, die hergebrachte Rollen überschreitet. Emma ringt um Selbstbeschreibung, nutzt Gesten, Netzwerke und Inszenierungen, um nicht zum Objekt der Erzählungen anderer zu werden. Gleichzeitig wächst der Preis der Präsenz: Jeder Schritt wird als Zeichen gelesen, jedes Schweigen als Kommentar. Ruhm und Respekt erweisen sich als geliehenes Kapital, das jederzeit eingefordert werden kann.

Die weitere Entwicklung entfaltet sich auf einer Europa-Karte, die sich mit jedem Feldzug neu zeichnet. Wege trennen sich, Beziehungen werden auf Distanz gestellt, Verpflichtungen türmen sich. Dumas konzentriert sich stärker auf innere Landschaften: Müdigkeit, Trotz, Hoffnung, das Bedürfnis, Sinn zu stiften. Ökonomische Sorgen und soziale Kälte treten neben Erinnerungen an Feste und Siege. Der Roman wahrt in dieser Phase die Diskretion über letzte Stationen und betont stattdessen, wie Entscheidungen nachhallen und Biografien bestimmen, ohne sie vollständig zu definieren. So entsteht ein Ausblick, der den Ausgang nicht verrät, doch die Tragweite des Gelebten spürbar macht.

Am Ende bleibt Lady Hamilton als Studie darüber, wie Individuen von historischem Aufruhr gezeichnet und zugleich von ihm geformt werden. Dumas entfaltet die Spannung zwischen Gefühl und Kalkül, zwischen öffentlicher Rolle und eigenem Maßstab. Der Roman legt nahe, dass Ruhm und Einfluss ohne innere Haltung brüchig sind, dass Loyalität ihren Preis hat und dass Bilder von Frauen in der Geschichte oft stärker haften als ihre Taten. Die nachhaltige Bedeutung des Buches liegt in seiner Einladung, Urteile zu zögern und Motive zu prüfen. Es plädiert für einen Blick, der Schicksal nicht entschuldigt, aber Lebensleistung gerecht gewichtet.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der historische Rahmen von Dumas’ Lady Hamilton ist das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert, mit Schauplätzen in London, Neapel und im Mittelmeer. Dominant sind Monarchie, Diplomatie und die Royal Navy auf britischer Seite sowie das bourbonische Königtum in Neapel-Sizilien, unterstützt von der römisch-katholischen Kirche. Die Französische Revolution und die anschließenden Koalitionskriege strukturieren die Großwetterlage: Allianzen wechseln, Armeen und Flotten verschieben Machtachsen. Innerhalb dieses Gefüges wirken Höfe, Salons und Botschaften als politische Bühnen. Der Roman nutzt diese Konstellation, um persönliche Schicksale im Spannungsfeld staatlicher Interessen, standesgebundener Moral und einer sich ausbreitenden Öffentlichkeit zu verorten.

Alexandre Dumas, als Historienerzähler der Romantik geschult, verbindet in seinen Darstellungen dokumentarische Anleihen mit dramatischer Verdichtung. Sein Zugriff auf Stoffe aus der Revolutions- und Napoleonzeit folgt einem Muster: bekannte Ereignisse, überlieferte Korrespondenzen und Memoiren werden zu Episoden geformt, die den Charakteren psychologische Kontur geben. Dumas bedient sich häufig der damals verbreiteten Feuilletonpraxis, wodurch historische Konflikte zugleich populär und politisch lesbar wurden. In Lady Hamilton ist diese Methode besonders fruchtbar, weil die Titelfigur an Schnittstellen von Kunst, Diplomatie und Krieg agiert und somit private Leidenschaft und öffentliche Entscheidung aufeinanderprallen.

Emma, später Lady Hamilton, entstammt einfachen Verhältnissen und gelangt über Dienstverhältnisse, Modellarbeit und Londoner Gesellschaftskreise in aristokratische Nähe. Ihre bemerkenswerte Selbststilisierung, darunter die sogenannten Attitudes – mimisch-gestische Darbietungen antiker Szenen –, illustriert einen frühen Typus moderner Prominenz. Dumas’ Stoff findet hier ein historisch belegbares Beispiel sozialer Mobilität, das durch Netzwerke von Mäzenen, Malern und Gönnern ermöglicht wird. Diese Mobilität kollidiert mit starren Standesnormen: Das Leben am Hof, in Botschaften und Salons verlangt Disziplin und Reputation, während die Öffentlichkeit begierig auf Skandale reagiert und den moralischen Druck erhöht.

Zentral ist die Figur Sir William Hamiltons, britischer Gesandter am Hof von Neapel. Als Antikenkenner und Beobachter des Vesuvs verbindet er Diplomatie mit Gelehrsamkeit und verkörpert die britische Präsenz in Süditalien. Seine Sammlungen und Schriften zu Vulkanologie und Vasen fügen sich in den europäischen Kulturbetrieb der Zeit. Über ihn wird Emma an den neapolitanischen Hof geführt, wo Nähe zu Herrschenden politisches Kapital ist. Der Roman nutzt diese Knotenpunkte, um zu zeigen, wie wissenschaftlicher Kosmopolitismus, höfische Repräsentation und strategische Bündnisse ineinandergreifen und persönliche Beziehungen politische Wirkung entfalten.

Die kulturgeschichtliche Bühne ist von Grand Tour, Klassizismus und archäologischer Entdeckung geprägt. Herculaneum und Pompeji nähren eine europaweite Faszination für das Altertum; Sammler, Künstler und Reisende strömen nach Neapel. Emma Hamiltons Attitudes spiegeln den Zeitgeschmack: antike Posen als lebende Bilder zwischen Kunst, Mode und gesellschaftlichem Ereignis. Dumas bettet diese Kultur in den Roman ein, weil sie die Wahrnehmung von Tugend, Anmut und Ruhm mitprägt. Zugleich deutet er an, wie Kunst zur Diplomatie wird: Auftritte, Empfänge und häusliche Salons dienen der Annäherung, dem Informationsaustausch und der symbolischen Festigung von Allianzen.

Europa ist derweil von den Revolutions- und Koalitionskriegen erschüttert. Großbritannien setzt auf Seemacht und Blockaden, Frankreich auf Armeen und Veränderungen der politischen Ordnung. Im Mittelmeerraum treffen beide Strategien direkt aufeinander: Häfen, Inseln und Küstenstädte werden zu Stützpunkten oder Zielen. Neapel, strategisch exponiert, schwankt zwischen Neutralität, Furcht vor Jakobinern und dem Wunsch, den Bourbonen-Thron zu sichern. Dumas spiegelt diese Zerrissenheit, indem er private Loyalitäten und öffentliche Entscheidungen einander gegenüberstellt und zeigt, wie Ungewissheit diplomatische Missionen, höfische Intrigen und militärische Aktionen beschleunigt.

Admiral Horatio Nelsons Mittelmeerkampagne, insbesondere der Sieg in der Seeschlacht bei Abukir 1798, verschiebt die Kräfteverhältnisse zu Gunsten Großbritanniens. Die britische Flotte wird zum Schutzschirm für Verbündete und zum Instrument politischer Einflussnahme. In Neapel suchen Hof und Botschaft britische Unterstützung; Emma Hamilton fungiert als Vermittlerin zwischen Gesandtschaft, Marine und königlichem Umfeld. Dumas greift diese Konstellation auf, um die Verflechtung von militärischem Erfolg, diplomatischem Zugriff und persönlicher Nähe zu illustrieren, ohne die bekannten historischen Eckdaten – Operationsräume, Bündnisse, Abhängigkeiten – zu verlassen.

Die Krise kulminiert 1798/99: Französische Truppen begünstigen in Neapel die Ausrufung der kurzlebigen Parthenopäischen Republik. Monarchistische und republikanische Kräfte ringen in Stadt und Provinz um Kontrolle. Der Hof weicht aus, kehrt mit Hilfe gegenrevolutionärer Mobilisierung – etwa der von Kardinal Ruffo geführten Milizen – zurück. Dumas nutzt in verwandten Stoffen wiederholt solche Kippmomente, um moralische Entscheidungen unter Druck zu zeigen. Im Kontext von Lady Hamilton veranschaulicht er, wie Botschaften, Flottenkommandos und Höfe in Zeiten des Umsturzes an den Grenzen ihrer Handlungsfreiheit operieren und dennoch Verantwortung für Folgen übernehmen müssen.

Der Zusammenbruch der Republik führt zu Vergeltungsmaßnahmen, die europäische Öffentlichkeit und Nachwelt beschäftigen. Umstrittene Gerichtsverfahren und standrechtliche Urteile, darunter der Fall des neapolitanischen Admirals Francesco Caracciolo, prägen das Bild dieser Monate. Nelsons Rolle und der Druck des Hofes sind Gegenstand historischer Debatten; die Grenze zwischen militärischer Notwendigkeit, politischer Loyalität und Gnadenpraxis erscheint verwischt. Dumas bindet diese Problematik ein, um zu zeigen, wie schnell Kriegsmoral zur Gerichtsbarkeit wird und wie private Nähe zu Herrschenden die Wahrnehmung von Recht und Unrecht einfärbt, ohne die belegten Ereignisse zu überschreiten.

Parallel wirken in Neapel mächtige soziale Kräfte: die lazzaroni als städtische Unterschichten, religiöse Bruderschaften, Handwerker und Funktionäre in einem von Patronage getragenen Gefüge. Ihre Loyalitäten sind materiell und symbolisch verankert – Brotversorgung, Schutz, fromme Rituale und öffentliche Feste. Dumas interessiert hier die Dynamik zwischen volkstümlicher Mobilisierung und höfischer Politik. Das erlaubt ihm, die Ereignisse nicht nur als Diplomatiegeschichte, sondern als Stadtgeschichte zu zeichnen: Wer Straßen und Plätze kontrolliert, wer Gerüchte nährt und wer Hilfe leistet, beeinflusst politische Entscheidungen ebenso wie Unterschriften unter Verträgen.

In Großbritannien entfaltet sich zeitgleich eine Medienöffentlichkeit, die Siege, Skandale und moralische Erzählungen verschlingt. Karikaturisten, Pamphlete und Zeitungen formen das Bild der Beziehung zwischen Nelson und Emma Hamilton, zwischen Heldentum und privater Grenzüberschreitung. Diese Öffentlichkeit bewertet nicht nur die Schlachten, sondern auch den Lebenswandel ihrer Akteure. Dumas greift diese Dimension auf, weil sie erklärt, warum Reputation zur Waffe wird: Beförderungen, Pensionen und Ehren hängen an öffentlichem Ansehen. Der Roman kommentiert damit eine Frühform moderner Skandalökonomie, in der intime Briefe, Porträts und Gerüchte politische Folgen zeitigen.

Die technologische und organisatorische Basis der Royal Navy – verbesserte Rumpfbeschichtung, disziplinierte Ausbildungswege, verlässliche Signal- und Blockadesysteme – rahmt die Handlung still, aber wirksam. Sie macht möglich, was der Roman beschreibt: rasche Bewegungen, Belagerungen, Evakuierungen und die Durchsetzung von Seeblockaden. Logistik entscheidet darüber, ob Diplomaten Zeit gewinnen, ob Höfe fliehen oder zurückkehren können. Dumas nutzt diese Voraussetzungen, um plausibel zu machen, dass persönliche Interventionen – ein Brief, eine Audienz, ein Befehl – auf ein Netz aus Versorgung, Schiffstaktik und Wetterkunde treffen, das Siege oder Katastrophen maßgeblich beeinflusst.

Ökonomisch lebt Neapel von Hofhaltung, Hafenumschlag und den Ausgaben ausländischer Reisender. Der Grand Tour-Verkehr bringt Geld, Mode und Ideen, aber auch soziale Spannungen zwischen kosmopolitischen Besuchern und lokaler Armut. Die Bourbonenverwaltung ringt mit fiskalischen Belastungen der Kriegsjahre; die Versorgungslage schwankt, Schmuggel und Patronage blühen. Dumas verknüpft diese Strukturen mit Figurenwegen: Ein Festmahl im Palast, eine Lieferung für die Flotte oder das Fehlen von Löhnen sind mehr als Kulisse – sie erklären Loyalitäten und Verrat. Im Hintergrund formt diese Ökonomie die Entscheidungen von Botschaften, Kapitänen und Höflingen.

Die Archäologie liefert nicht nur Dekor, sondern eine Denkfigur. Funde aus Pompeji und Herculaneum befeuern den Klassizismus, die Sammlerleidenschaft und ein Gespräch darüber, wie antike Tugend vorbildhaft sein könne. Sir William Hamiltons Vasensammlungen und Beschreibungen des Vesuvs sind Teil dieses Diskurses. Emma Hamiltons Verkörperung antiker Gesten schließt daran ästhetisch an. Dumas nutzt dies, um einen Kontrast aufzubauen: während die Figuren die Antike ästhetisch nachahmen, erfahren sie zeitgenössische Politik voller Gewalt und Opportunismus – eine Spannung, die sein Erzählen moralisch auflädt, ohne die historisch belegte Antikenmode zu romantisieren.

Dumas kannte Neapel aus eigener Anschauung; seine Reiseprosa Le Corricolo belegt intensive Beschäftigung mit Stadt, Volkssitte und Landschaft. Dieses Erfahrungswissen färbt seine historischen Schilderungen: Märkte, Kirchen, Blickachsen auf den Vesuv und die Bucht erscheinen mit topografischer Sicherheit. Später hielt er sich erneut länger in Italien auf, was sein Gespür für mediterrane Politik vertiefte. Für Lady Hamilton bedeutet das, dass Milieu und Ton erfahrungsgesättigt sind, während die Kernereignisse – Kriege, Hofintrigen, diplomatische Interventionen – auf veröffentlichte Briefe, Chroniken und zeitgenössische Darstellungen zurückgreifen.

Die Quellenlage zu den Hauptfiguren ist reich. Nelsons Briefe und Biografien – etwa früh veröffentlichte Lebensbeschreibungen – prägten die Rezeptionsgeschichte, ebenso Memoiren und Korrespondenzen aus dem neapolitanischen Umfeld. Über Emma Hamilton existiert eine Vielzahl von Porträts, zeitgenössischen Berichten und späteren Abhandlungen, die ihre Rolle zwischen Muse, Gattin eines Gesandten und Geliebter eines Admirals beleuchten. Dumas knüpft an diese Publizistik an, um seine Figuren in dokumentierbaren Räumen zu verankern. Wo er verdichtet, bleibt der Rahmen durch überprüfbare Ereignisse, Orte und Handlungsabläufe begrenzt und für das 19. Jahrhundert gut erschließbar.

Nach Napoleons Niederlage und dem Wiener Kongress wird das Königreich beider Sizilien restauriert; frühere Entscheidungen werden neu interpretiert. Für die an den Umbrüchen Beteiligten folgen Rehabilitierungen, Ächtungen oder das Vergessen. Emma Hamiltons spätere Jahre verlaufen unter finanziellen und sozialen Schwierigkeiten; sie stirbt kurz nach Kriegsende, was in der europäischen Öffentlichkeit Mitleid und moralische Urteile mischt. Dumas nutzt diese Nachgeschichte, um zu zeigen, wie rasch der Ruhm der Kriegsjahre in Prekarität umschlagen kann und wie fragile die Absicherung von Heldentum und Hofgunst im Frieden bleibt – eine Lehre, die sein Publikum verstand.','Als literarisches Produkt einer romantischen, zugleich politisch wachen Epoche adressiert der Roman ein damaliges Bedürfnis: Geschichte als Spiegel aktueller Fragen nach Legitimität, Loyalität und Öffentlichkeit. Französische Leserinnen und Leser interessierten sich für britische Helden und mediterrane Schauplätze, aber auch für die Moral der Mächtigen. Dumas’ Darstellung kommentiert die enge Verflechtung von Privatem und Öffentlichem, ohne anekdotische Sensationen zu überhöhen. Die Zeitkritik zielt auf Höflingspolitik, militärischen Opportunismus und die Ungleichheit der Geschlechterrollen – Problemzonen, die im 19. Jahrhundert genauso verhandelt wurden wie in den 1790er Jahren.','So zeigt Lady Hamilton, historisch geerdet, wie Leidenschaft und Macht, Kunst und Krieg ineinandergreifen. Das Buch erinnert daran, dass Entscheidungen an Höfen und auf Decks nicht im luftleeren Raum fallen, sondern von Medien, Märkten, Technologien und Glaubensüberzeugungen geprägt sind. Indem Dumas überlieferte Ereignisse zu einer Erzählung bündelt, kommentiert er zugleich die eigene Gegenwart: Er kritisiert die Willkür der Hofparteien, fragt nach der Verantwortung militärischer Helden und legt offen, wie gnadenlos die Öffentlichkeit über Frauen urteilt. Damit wird der Roman zum zeitübergreifenden Kommentar über Moral unter Druck.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Alexandre Dumas, geboren am 24. Juli 1802 in Villers-Cotterêts und gestorben am 5. Dezember 1870 in Puys, zählt zu den populärsten französischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Als Dramatiker und Romancier der Romantik prägte er das historische Abenteuer mit unverwechselbarem Tempo, pointierten Dialogen und wirkungsvollem Spannungsaufbau. Seine Werke erschienen häufig als Fortsetzungsromane in Zeitungen und erreichten dadurch ein Massenpublikum im In- und Ausland. Dumas’ Name ist bis heute untrennbar mit dem Siegeszug des Feuilletons verknüpft, und seine Erzählkunst, die geschichtliche Stoffe mit lebendiger Figurenzeichnung verbindet, sicherte ihm einen dauerhaften Platz im Kanon der Weltliteratur.

Seine formale Schulbildung war begrenzt; früh arbeitete er als Schreiber in einer Notariatskanzlei und zog in den frühen 1820er-Jahren nach Paris. Dort fand er Anstellung als Kopist im Umfeld des Herzogs von Orléans und bildete sich autodidaktisch an Bibliotheken und Bühnen. Das Theater der Zeit, die Geschichtsschreibung und Lektüren von William Shakespeare sowie Sir Walter Scott prägten seine ästhetischen Vorlieben. Dumas stand der romantischen Bewegung nahe, die historische Stoffe, starke Affekte und freie Formen bevorzugte. In diesem Milieu entwickelte er eine praxisnahe Auffassung von Drama und Erzählung, die Bühnenwirksamkeit, Anschaulichkeit und publikumszugewandte Spannung miteinander verband.

Seinen ersten großen Erfolg erzielte Dumas im Theater. Das Drama Henri III et sa cour wurde 1829 an der Comédie-Française aufgeführt und machte ihn schlagartig bekannt. Weitere Bühnenstücke wie Christine (1830) und Antony (1831) festigten seinen Ruf als Erneuerer des historischen und bürgerlichen Dramas. Mit La Tour de Nesle (1832), an dessen Text er maßgeblich mitwirkte, bewies er erneut Sinn für dramatische Effekte. Diese Phase etablierte Dumas als professionellen Autor mit sicherem Gespür für Szenenbau, Dialog und Rhythmus. Gleichzeitig bereitete sie die Hinwendung zur erzählenden Prosa vor, in der er bald seine größte Reichweite erreichen sollte.

In den 1840er-Jahren wandte sich Dumas intensiv dem Fortsetzungsroman zu. Die d’Artagnan-Romane, beginnend mit Die drei Musketiere (1844), gefolgt von Zwanzig Jahre danach (1845) und Le Vicomte de Bragelonne (1847–1850), verbanden historische Kulissen mit rasantem Abenteuer. Parallel entstand Der Graf von Monte Cristo (1844–1846), dessen erzählerische Architektur und thematische Weite Leser weltweit fesselten. Dumas arbeitete dabei häufig mit dem Kollegen Auguste Maquet zusammen, dessen Recherchen und Entwürfe er literarisch ausgestaltete. Die Veröffentlichungen im Feuilleton formten ein serielles Erzählen mit ausgeprägten Cliffhangern, das die Lesekultur seiner Zeit prägte und internationale Übersetzungen in großem Umfang beförderte.

Neben diesen Zykluswerken schrieb Dumas weitere historische Romane von anhaltender Wirkung. Zur sogenannten Valois-Trilogie zählen La Reine Margot (1845), La Dame de Monsoreau (1846) und Les Quarante-Cinq (1847), die Konflikte der französischen Religionskriege literarisch entfalten. Der Roman Die schwarze Tulpe (1850) verknüpft historische Atmosphäre mit einer kunstvoll gebauten Intrige. Dumas publizierte zudem umfangreiche Reiseberichte unter dem Titel Impressions de voyage, geprägt von Beobachtungslust und erzählerischer Beweglichkeit. Später widmete er sich journalistischen Unternehmungen wie Le Mousquetaire und Le Monte-Cristo und hinterließ mit dem postum erschienenen Grand Dictionnaire de cuisine (1873) ein opulentes kulinarisches Kompendium.

Dumas’ öffentliches Wirken stand im Zeichen liberaler und republikanischer Überzeugungen. Er sympathisierte mit der Julirevolution von 1830 und engagierte sich später für die italienische Einigungsbewegung um Giuseppe Garibaldi. Während seines Aufenthalts in Süditalien gründete und redigierte er 1860 in Neapel die Zeitung L’Indipendente, aus der er politische und kulturgeschichtliche Eindrücke in Reise- und Zeitungsprosa einspeiste. Parallel verfolgte er ambitionierte Unternehmungen wie das Théâtre Historique (1847) und ließ bei Paris das Château de Monte-Cristo errichten. Mehrfach geriet er durch kostspielige Projekte und gesellschaftliche Umbrüche in finanzielle Schwierigkeiten, blieb jedoch produktiv und suchte die Nähe eines breiten Publikums.

In den späten Jahren setzte Dumas die Arbeit an Romanen, Memoiren und Reportagen fort und reiste weiterhin ausgiebig. Er starb am 5. Dezember 1870 in Puys bei Dieppe. Sein Ansehen erfuhr eine feierliche Bestätigung, als seine sterblichen Überreste 2002 in das Pariser Panthéon überführt wurden. Dumas’ Vermächtnis zeigt sich in der stetigen Neuauflage seiner Bücher, ihrer Präsenz im Schulkanon vieler Länder sowie unzähligen Adaptionen für Bühne, Film und Fernsehen. Die Mischung aus historischer Farbigkeit, dramatischer Verdichtung und erzählerischer Energie hält sein Werk lebendig und macht es einem breiten Lesepublikum weiterhin zugänglich.

Lady Hamilton (Historischer Roman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Prolog.
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
15. Kapitel.
16. Kapitel.
17. Kapitel.
18. Kapitel.
19. Kapitel.
20. Kapitel.
21. Kapitel.
22. Kapitel.
23. Kapitel.
24. Kapitel.
25. Kapitel.
26. Kapitel.
27. Kapitel
28. Kapitel.
29. Kapitel.
30. Kapitel.
31. Kapitel.
32. Kapitel.
33. Kapitel.
34. Kapitel.
35. Kapitel.
36. Kapitel.
37. Kapitel.
38. Kapitel.
39. Kapitel.
40. Kapitel.
41. Kapitel.
42. Kapitel.
43. Kapitel.
44. Kapitel.
45. Kapitel.
46. Kapitel.
47. Kapitel.
48. Kapitel.
49. Kapitel.
50. Kapitel.
51. Kapitel.
52. Kapitel.
53. Kapitel.
54. Kapitel.
55. Kapitel.
56. Kapitel.
57. Kapitel.
58. Kapitel.
59. Kapitel.
60. Kapitel.
61. Kapitel.
62. Kapitel.
63. Kapitel.
64. Kapitel.
65. Kapitel.
66. Kapitel.
67. Kapitel.
68. Kapitel.
69. Kapitel.
70. Kapitel.
71. Kapitel.
72. Kapitel.
73. Kapitel.
74. Kapitel.
75. Kapitel.
76. Kapitel.
77. Kapitel.
78. Kapitel.
79. Kapitel.
80. Kapitel.
81. Kapitel.
82. Kapitel.
83. Kapitel.
84. Kapitel.
85. Kapitel.
86. Kapitel.
87. Kapitel.
88. Kapitel.
89. Kapitel.
90. Kapitel.
91. Kapitel.
92. Kapitel.
93. Kapitel.
94. Kapitel.
95. Kapitel.
96. Kapitel.
97. Kapital.
98. Kapitel.

Prolog.

Inhaltsverzeichnis

Am 14. Januar 1815, gegen fünf Uhr abends, ließ ein Priester, dem eine alte Frau, die ihm als Führer zu dienen schien, voranschritt, die Spuren seiner Tritte in dem Schnee zurück, welcher sich von dem Dorfe Wimille nach dem zwischen Boulogne-sur-Mer und Calais gelegenen kleinen Hafen Ambleteuse erstreckte, in welchem Jakob der Zweite[1], nachdem er aus England verjagt worden, im Jahre 1688 landete. Der Priester ging mit raschem Schritte und verriet dadurch, daß man ihn mit Ungeduld erwartete. Er hüllte sich dabei dicht in seinen Mantel, um sich gegen den kalten, scharfen Wind zu schützen, der von der englischen Küste herüberwehte. Die Flut war eben im Steigen begriffen und man hörte das Brüllen der Meereswogen, gemischt mit dem trockenen Geräusch des Gerölles, welches vom Wasser am Strande hin- und hergeworfen wurde. Nachdem man ungefähr eine halbe Wegstunde auf der durch eine Doppelreihe kränklicher, entlaubter Ulmen angedeuteten Straße zurückgelegt, schlug die alte Frau rechts vom Wege einen unter dem Schnee kaum sichtbaren Fußsteig ein, welcher nach einer kleinen Hütte führte, die auf der Mitte eines die Landschaft beherrschenden Hügelabhanges stand. Ein leuchtender Punkt, der wahrscheinlich durch eine durch die Fensterscheiben hindurch sichtbare Kerze oder eine Lampe verursacht ward, war das einzige, was das Vorhandensein dieser Hütte verriet, die sonst in dem Abenddunkel vollständig unsichtbar gewesen wäre. Zehn Minuten genügten, um die beiden Wanderer an die Schwelle der Tür gelangen zu lassen. Die alte Frau streckte eben die Hand nach dieser Tür aus, als dieselbe sich von selbst öffnete und eine jugendliche Stimme mit einem leichten Anflug von englischem Akzent sagte:

»Kommen Sie, Herr Abbé. Meine Mutter erwartet Sie mit Ungeduld.« – Die alte Frau trat auf die Seite, um den Priester vorangehen zu lassen, hinter welchem sie ebenfalls in die Hütte trat. Das junge Mädchen schloß die Tür wieder und zeigte in dem zweiten Zimmer, dem einzigen erleuchteten, auf eine Frau, welche sich mit Mühe im Bette emporrichtete. »Ist er da?« fragte die Kranke mit matter Stimme und auf englisch. – »Ja, Mama,« antwortete das junge Mädchen in derselben Sprache. – »O, dann möge er hereinkommen!« rief die Kranke auf französisch. Mit diesen Worten sank sie wieder auf ihr Bett zurück. – Der Priester trat in das zweite Zimmer und näherte sich dem Bette. Das junge Mädchen und die alte Frau blieben in dem ersten Gemach.

Die Kranke schien durch die Anstrengung, die sie soeben gemacht, ganz erschöpft zu sein und zeigte, ohne den Kopf vom Pfühl zu erheben, mit matter Hand auf einen Sessel, indem sie dem Geistlichen durch diese Gebärde zu verstehen gab, daß er sich dem Bette nähern und Platz nehmen solle. Der Priester verstand diese Gebärde, näherte sich dem zu Häupten des Bettes stehenden Sessel und setzte sich. Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen man weiter nichts hörte als den gepreßten Atemzug der Sterbenden und das Schluchzen, welches das junge Mädchen vergebens zu unterdrücken versuchte. Während dieser Minute des Wartens hatte der Priester Zeit, einen Blick um sich zu werfen. Das Innere des Gemaches bot ein eigentümliches Gemisch von Luxus und Elend dar. Die Möbel und Wände waren allerdings die einer ärmlichen Hütte, die Bettwäsche der Kranken aber war von der feinsten holländischen Leinwand. Das Negligé, in welches sie sich gehüllt, war von prachtvollem Batist und das Tuch, welches, unter ihrem Halse zusammengeknüpft, einen Wald von herrlichem kastanienbraunem Haar zusammenhielt, war mit jenen kostbaren Spitzen eingefaßt, welchen England den Namen gegeben hat. Dem Bette gegenüber und nur durch das Fenster getrennt, welches durch einen elenden Kattunvorhang verhüllt war, machten sich durch den Glanz ihres Kolorits zwei Bildnisse bemerkbar, die augenscheinlich ihr Dasein dem Pinsel eines großen modernen Meisters verdankten.

Sie stellten das eine eine Frau, das andere einen Mann vor, beide schienen eines des andern Seitenstück zu sein, und waren von Lebensgröße. Das Bildnis des Mannes stellte einen höheren Offizier der englischen Marine vor. Seine blaue Uniform trug auf der linken Seite unter dem Bath-Orden[2], der in England so hoch geschätzt und nur für geleistete sehr wichtige Dienste verliehen wird, noch drei andere Orden, in welchen ein in diesen Dingen bewanderter Kenner den Orden des heiligen Ferdinand und des Verdienstes, den Orden des heiligen Joachim von Malta, welchen Paul der Erste von Rußland gestiftet und der mit ihm starb, und drittens endlich den ottomanischen Halbmond erkannt haben würde, der in seiner Sichel den Namenszug des Sultan Selim des Dritten in Diamanten trug. Ganz besonders auffallend aber ward dieses Bildnis durch die ruhmreiche Verstümmelung gemacht, deren Opfer das Original gewesen sein mußte. Eine breite Narbe durchfurchte nämlich die Stirn, unter welcher sich eine schwarze Binde hinzog, die ein verlorenes Auge verdeckte, während der an einem Knopf der Uniform befestigte rechte Ärmel der Uniform verriet, daß der Arm oberhalb des Ellbogens amputiert worden war. Der Mann, welchen dieses Bild vorstellte, war von Wuchs eher klein als groß. Er hatte blondes Haar. Das ihm noch gebliebene Auge schien geniale Blitze zu schießen und die Adlernase verriet ebenso wie das kräftig geformte Kinn Willenskraft und Mut, die charakteristischen Eigenschaften eines Kriegshelden. Die Frau dagegen war das vollkommene Urbild der Anmut und Schönheit. Ihr jeden Schmuck entbehrendes kastanienbraunes Haar fiel in üppigen Locken auf ihren Hals und ihre Brust herab. Sie hatte schwarze Augen und schwarze Wimpern. Ihre Gesichtsfarbe war frisch und zart, die Nase gut geformt, der Mund klein wie der eines Kindes und ließ, halbgeöffnet wie eine Rose an einem Frühlingsmorgen, zwei Perlenreihen sehen oder vielmehr erraten. Sie trug eine Kaschmirtunika von griechischem Schnitt und einen über die rechte Schulter geworfenen Purpurmantel. Ihr Leib ward von einem breiten, mit Gold gestickten Gürtel von kirschrotem Samt umschlossen, dessen Agraffe aus einer Kamee bestand, die das von der Seite gesehene Haupt eines Greises darstellte. Dieses prachtvolle Bildnis war augenscheinlich das der Kranken, in deren Zügen man jetzt noch, trotz ihrer fünfzig Jahre und der Verheerungen einer grausamen Krankheit, Überreste einer außerordentlichen Schönheit erkennen konnte, welche der Maler auf die Leinwand festgebannt.

Während der Priester diese sozusagen unwillkürliche Beaugenscheinigung vornahm, öffnete die Kranke wieder langsam die Augen und heftete sie mit dem Ausdrucke der Unruhe auf ihn. Es war, als suchte sie in dem Gesichte des Mannes, den sie hatte rufen lassen, um ihn zum Vermittler ihrer Versöhnung mit Gott zu machen, was sie wohl von der himmlischen Barmherzigkeit zu fürchten und zu hoffen habe. Der Priester war ein Mann von fünfundsechzig Jahren, mit einem sanften, ruhig heiteren, von spärlichem, dünnem weißen Haar beschatteten Gesicht. Man las in seinen Zügen die Einfalt seiner Seele und erkannte in seinem Blick einen Funken jener unaussprechlichen Liebe, welche Leonardo da Vinci in die Augen des Heilands gelegt hat. Die Kranke schien durch den Anblick des Priesters wieder ein wenig beruhigt zu werden. »Mein Vater,« sagte sie, »ich habe in allen heiligen Büchern gelesen, daß Gottes Barmherzigkeit unendlich ist; ich habe Sie aber holen lassen, um diese Worte nochmals aus dem Munde eines Dieners dieses Gottes selbst zu hören. Meine Sünden, meine Fehler, ja meine Verbrechen[1q],« setzte sie, die Stimme senkend, hinzu, »sind so groß, daß, wenn ich nicht in Verzweiflung sterben soll, ich nicht weniger als des Wortes eines heiligen Mannes wie Sie bedarf.« – Der Priester betrachtete erstaunt diese Frau mit der sanften Stimme, dem offenen Gesichtsausdrucke und dem Auge, welchem selbst das Fieber, welches sie verzehrte, seinen engelgleichen Ausdruck nicht rauben konnte und die gleichwohl sagte, sie sei eine Verbrecherin. »Meine Tochter,« antwortete er, »die Todesangst verwirrt Ihre Sinne. Das Weib ist allerdings ein schwaches Geschöpf und durch ihre Stellung in der Gesellschaft der Gefahr ausgesetzt, Sünden und Fehler zu begehen; wenn ich aber recht verstanden habe, so klagen Sie sich an, nicht bloß Sünden und Fehltritte, sondern geradezu Verbrechen begangen zu haben.« – »Ja, Verbrechen, mein Vater, Verbrechen! O, ich weiß wohl, daß ein Held mich seine Geliebte und eine Königin mich ihre Freundin nannten, ich weiß wohl, daß in dem Enthusiasmus meiner Jugend, in dem Strudel meines Glücks ich meine Handlungen nicht so beurteilte. Seitdem aber er tot ist, seitdem sie tot ist, seitdem ich in Not und Elend geraten bin, und seitdem die Not, diese Rache des Himmels, mich zum Zweifel geführt hat – seit dieser Zeit sehe ich mich so wie ich bin, mein Vater, das heißt mit einem durch die Schwelgerei befleckten Körper und mit von Blut geröteten Händen.« – »Meine Tochter, die Barmherzigkeit des Herrn ist unendlich,« hob der Priester wieder an, »und Jesus verzieh im Namen seines Vaters der reuigen Magdalena ebenso wie der Ehebrecherin.«

Die Kranke streckte die Hand aus, legte dieselbe auf den Arm des Priesters, richtete sich empor, um sich ihm zu nähern, und fragte: »Würde er auch der Herodias verziehen haben?« – Beinahe mit Entsetzen bog der Priester sich zurück. »Wer sind Sie denn?« fragte er. – »Ja, in der Tat, Sie haben recht, mein Vater,« antwortete die Kranke, –»wenn ich Ihnen meinen Namen sage, so sage ich Ihnen damit alles. O entfernen Sie sich nicht von mir, wenn ich es Ihnen gesagt haben werde«,« setzte sie hinzu. – »Meine Tochter,« sagte der Priester, »selbst einen Vatermörder würde ich trösten und bis aufs Blutgerüst begleiten.« – »O, das Blutgerüst, das ist die Sühne!« rief die Kranke. »Wenn ich anstatt in meinem Bett auf dem Blutgerüst stürbe, dann würde ich nicht zweifeln.« – »Haben Sie denn einen Mord begangen?« fragte der Priester schaudernd. – »Nein, mein Vater, aber ich habe einen Mord begehen lassen.« – »Waren Sie sich dabei des Verbrechens bewußt, welches Sie begingen?« – »O nein, nein, ich glaubte dem König, ich glaubte Gott zu dienen; ich diente aber bloß meiner Rache. Wie wollen Sie, daß Gott mir verzeihe, mir, die ich nicht verziehen habe?« – Der Priester sah sie an. »Sie sind Engländerin?« fragte er dann. –»Ja, mein Vater,« antwortete die Kranke. – »Und Protestantin?« – »Ja.« – »Warum haben Sie aber dann nicht einen Geistlichen von Ihrer Religion holen lassen? Es gibt einen in Boulogne.« – »Ich weiß es.« – Die Kranke schüttelte den Kopf und stieß einen Seufzer aus. – »Nun und?« fragte der Priester wieder. – »Unsere Geistlichen sind zu streng, mein Vater. Unsere Religion ist zu schroff. Ich habe es nicht gewagt.« – »Es ist das ein großes Lob, welches Sie der unsrigen zollen, meine Tochter, da Sie aber diese Meinung von unserer Religion haben, warum haben Sie dann nicht schon längst im Schoße derselben Zuflucht gesucht?« – »Wenn sie mich nun zurückgewiesen hätte, mein Vater?« – »Unsere Religion weist niemanden zurück, meine Tochter. Sagte Jesus nicht zu dem guten Schächer: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, noch heute sollst du bei mir im Paradiese sein?« – »Der gute Schächer hing aber am Kreuze. Er starb mit dem Heiland.« – »Wer in ihm stirbt, der stirbt auch mit ihm und die Reue ist besser als das Kreuz. Bereuen Sie, meine Tochter?« – »O,« sagte die Kranke, indem sie beide Hände gen Himmel hob, »o, ich bereue aufrichtig und inbrünstig, das schwöre ich Ihnen.« – »Bereuen Sie bloß aus Furcht vor dem Tode?« – »O nein, mein Vater; ich bereue, weil mir, wie dem heiligen Paulus auf dem Wege nach Damaskus, die Schuppen von den Augen gefallen sind, und weil ich mich so sehe, wie ich bin.« – »Wohlan, Sie wissen, daß Gott dem heiligen Paulus nicht bloß verzieh, sondern auch einen seiner Apostel aus ihm machte. Dennoch hatte der heilige Paulus die Mäntel derer gehalten, welche den heiligen Märtyrer Stephan steinigten.« – »Wie gut sind Sie, mein Vater, daß Sie mich auf diese Weise ermutigen und trösten.« – »Das ist meine Pflicht, meine Tochter. Wenn ein Schaf trotz der Warnungen des Hundes sich eigenwillig von der Herde entfernt, dann nimmt der gute Hirt es auf seine Schultern und trägt es zurück in die Hürde. Wie weit mehr Grund hat er aber, es mit Freuden aufzunehmen, wenn es von selbst zurückkehrt. Sprechen Sie, erzählen Sie mir Ihre Fehltritte. Ich bin bereit, dieselben zu hören, und wenn dieselben die einem armen Priester erteilte Vollmacht nicht überschreiten, so werde ich sie Ihnen im Namen Gottes verzeihen.« – »Eine solche Erzählung würde lang und nutzlos sein. Mein Name wird genügen. Wenn Sie meinen Namen hören, so werden Sie alles wissen.« – Der Priester sah sie abermals mit Überraschung an. »Nun, dann nennen Sie mir Ihren Namen,« sagte er.

Die Sterbende neigte sich zu ihm und murmelte mit zitternder, kaum vernehmlicher Stimme die zwei Worte: »Lady Hamilton.« – »Dieser Name sagt mir nichts, meine Tochter,!« antwortete der Priester, »ich kenne denselben nicht, sondern höre ihn jetzt zum erstenmal.« – »O, mein Gott,« rief die Kranke fast mit dem Ausdruck der Freude, »dann gibt es also einen Menschen, der mich nicht kennt! Es gibt also einen Mund, der mir nicht geflucht hat?« Und sie sank, ein Dankgebet zu Gott murmelnd, auf ihrem Bett zurück. Plötzlich aber zuckte ein Ausdruck der Angst und des Schreckens über ihr Gesicht. »O dann,« sagte sie, »bin ich aber verloren, mein Vater, denn ich werde weder Kraft noch Zeit genug haben, Ihnen alles zu erzählen, und wenn ich Ihnen nicht die nagenden Folterqualen der Armut, die fieberhaften Verlockungen des Goldes, die unwiderstehlichen Vorspiegelungen der Leidenschaft schildern kann, wenn Sie von meinem Leben bloß die Fehler, aber nicht die Versuchungen kennen, dann werden Sie mir niemals verzeihen. O, wenn Sie lesen könnten –.«

»Was denn?« – »Meine Lebensgeschichte, die ich selbst als eine erste Sühne in allen ihren Einzelheiten niedergeschrieben, besonders damit sie später meiner Tochter zur Warnung dienen und sie abhalten möge, den Weg zu betreten, den ich gewandelt, und in die Fehler zu verfallen, in welche ich gefallen bin.« – »Und warum sollte ich diese von Ihnen geschriebene Lebensgeschichte nicht lesen?« – »O, mit dem Blute meines Herzens ist sie geschrieben, das schwöre ich Ihnen.« – »Warum sollte ich sie nicht lesen, frage ich.« – »Weil ich Engländerin bin und diese Geschichte daher in englischer Sprache niedergeschrieben habe.« – »Ich habe fünf Jahre, von 1790 bis 1795, in England gelebt und spreche das Englische wie meine Muttersprache.« – »O, mein Vater, mein Vater!« rief die Sterbende, indem sie die Hand des Priesters ergriff. »Sie hat fürwahr Gott mir gesendet und ich beginne an seine Verzeihung zu glauben. Hier, mein Vater,« setzte sie mit fieberhafter Hast hinzu, indem sie dem Priester einen Schlüssel gab, den sie an dem Zipfel ihres Taschentuchs angebunden und unter ihrem Kopfkissen versteckt gehalten; »nehmen Sie diesen Schlüssel, öffnen Sie das Schubfach dieser Toilette und Sie werden darin ein Manuskript mit dem Titel »My Life« finden. Nehmen Sie dieses, lesen Sie es und wenn Sie mir Verzeihung bringen, so kommen Sie so schnell als möglich wieder. Bin ich dagegen auf ewig verdammt, so schicken Sie mir bloß das Manuskript zurück. Ich werde dann wissen, was das heißt.«

Der Priester erhob sich, öffnete das Schubfach und nahm aus demselben das bezeichnete Manuskript. »Meine Tochter,« sagte er, »diese Lektüre muß einen Teil der Pflichten meines Berufes ausmachen. Sie werden mich daher erst morgen zu derselben Stunde wiedersehen.« – »Gott wird so gnädig sein, mich bis dahin leben zu lassen,« sagte die Kranke, »besonders –,« Sie zögerte. – Der Priester sah sie an. Sein Blick war eine Ermutigung. – »Besonders,« hob sie wieder an, »wenn Sie mich segnen.« – »Ich segne Sie, arme Frau!« sagte der Priester, »und möge Gott Sie segnen, wie ich es tue.« – Als er in das erste Zimmer zurückkam, sah er hier das junge Mädchen und die alte Frau auf den Knien liegen. – »Gott behüte Sie, mein Kind; leben Sie wohl,« sagte er zu dem jungen Mädchen, indem er seine rechte Hand auf das Haupt desselben legte. Die alte Frau ergriff seine linke Hand und küßte sie. Der Priester verließ das Haus. Die Kranke folgte, so lange sie ihn sehen konnte, ihm, die Arme nach ihm ausbreitend, mit den Augen. Das junge Mädchen zeigte sich auf der Schwelle des Zimmers. »Wie fühlst du dich jetzt, Mama?« fragte es. – »O, besser, besser, meine Horatia. Noch ein Besuch wie der, den dieser Mann mir soeben gemacht, und er wird meine Vergangenheit mit sich hinweggenommen haben.«

Am nächsten Tage zu derselben Stunde kam der Priester wieder. Dicht hinter ihm folgten zwei Chorknaben, von welchen der eine den Weihkessel, der andere das Kreuz trug. Die Kranke war ruhiger, aber auch noch schwächer als am Abend vorher. Es war klar, daß nur der Glaube und die Hoffnung, diese beiden Töchter des Himmels, sie noch aufrecht hielten. Der Priester näherte sich mit von Menschenliebe und Mitleid strahlendem Antlitze dem Bette. Das junge Mädchen und die alte Frau, diese beiden Wesen, welche zwei zu beiden Seiten der Pforte des Lebens stehende Bildsäulen zu sein schienen, um die Jugend und das hinfällige Alter zu repräsentieren, richteten die Kranke auf ihrem Pfühl empor. Zwei Schritte von ihr blieb der Priester stehen. Sie wartete mit gefalteten Händen und die Augen gen Himmel richtend. »Glauben Sie an die sieben Sakramente?« fragte er. – »Ja, ich glaube daran,« antwortete sie. – »Glauben Sie an die wirkliche Gegenwart des Heilands im heiligen Abendmahle?« – »Ja, ich glaube daran.« – »Glauben Sie an die oberste Gewalt des römischen Papstes und an seine Unfehlbarkeit in Glaubenssachen?« – »Ja, ich glaube daran.« – »Glauben Sie an die römischen Symbole und mit einem Worte an alles, was die römische, apostolische und allgemeine Kirche glaubt?« – »Ja, ich glaube daran.« – Der Priester schöpfte mit der hohlen Hand ein wenig Wasser aus dem Weihkessel, ließ es auf das Haupt der Sterbenden träufeln und sagte: »Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Möge das Wasser der Taufe deine Fehltritte, deine Sünden und selbst deine Verbrechen hinwegnehmen!« Die Sterbende stieß einen Freudenruf aus, ergriff die von der Berührung mit dem geweihten Wasser noch nasse Hand des Priesters, drückte sie begierig an ihre Lippen und küßte sie. Dann rief sie mit überwallendem Gefühle der Erhebung: »Mein Gott, nimm meine Seele auf zu Dir!« – Und sie sank auf das Kopfkissen zurück. Ihr Gesicht hatte einen solchen Ausdruck von heiterer Ruhe gewonnen, daß die alte Frau und das junge Mädchen glaubten, sie schliefe, und nur der Priester verstand, daß bloß der Tod diese himmlische Ruhe geben konnte. Sie war wirklich tot. Wie sie am Abende zuvor gesagt, hatte der Priester bei seinem zweiten Besuche die Vergangenheit mit sich fortgenommen und das Wasser der Taufe hatte, indem es von ihrer Stirn bis zur Seele drang, alles, Schmutz und Blut, hinweggewaschen.

Wir lassen nun folgen, was der Priester in dem »Meine Lebensgeschichte« betitelten Manuskripte gelesen.

In der Hoffnung, daß Gott meiner Reue und meiner Demut verzeihen wird, schreibe ich die folgenden Seiten.

1. Jänner 1814.Emma Lyonna, verw. Hamilton.

1. Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Meine ersten Erinnerungen gehen bis zum Jahre 1767 zurück. Ich zählte damals drei oder vier Jahre. Die genaue Zeit meiner Geburt habe ich niemals gekannt. Ich sehe mich bloß gleichsam durch einen Nebel hindurch mit meiner Mutter eine große Straße mitten durch ein Gebirge wandern. Bald trug sie mich auf ihrem Rücken, bald ging ich neben ihr her und hielt mich an ihre Hand oder an ihr Kleid. Von Zeit zu Zeit ward der Weg von Bächen durchschnitten. Dann nahm mich meine Mutter auf die Arme, durchwatete den Bach und setzte mich am andern Ufer wieder auf den Boden nieder. Es mußte während des Winters oder wenigstens gegen Ende des Herbstes sein. Ich empfand fortwährend Kälte und zuweilen Hunger. Wenn wir durch eine Stadt oder ein Dorf kamen, blieb meine Mutter vor dem Laden eines Bäckers stehen und bettelte mit flehender Stimme um ein Stück Brot, welches man ihr auch fast allemal gab. Während der Nacht blieben wir selten in den Städten oder in den Dörfern, sondern vielmehr in einem alleinstehenden Gehöft. Hier bat meine Mutter, daß man ihr erlauben möge, in der Scheune oder in dem Stalle zu schlafen. Die Nächte, wo man uns erlaubte, in dem Stalle zu schlafen, waren meine Festnächte. Ich wurde dann warm, und fast allemal, ehe wir uns wieder auf den Weg machten, gab mir am Morgen die Pächterin oder die Magd, welche die Kühe zu melken kam, eine Tasse laue Milch, die für mich um so größere Delikatesse ausmachte, als ich nicht daran gewöhnt war. Nach der Entfernung, die wir zurücklegten und angenommen, daß wir täglich vier bis fünf Meilen machten, dauerte unsere Reise beinahe eine Woche. Endlich langten wir in der Stadt Hawarden[4] an, welche das Ziel unserer Wanderung war.

Mein Vater, der John Lyons hieß, war gestorben, und meine Mutter hatte die Stadt, wo sie ihn verloren, verlassen, um ihre in Hawarden wohnende Familie um einige Unterstützung zu meiner Erziehung und ihrem eigenen Unterhalt zu bitten. Hier breitet sich abermals eine Dunkelheit von einigen Monaten über mein Gedächtnis, und ich finde mich, eine kleine Herde Schafe hütend, in einer Meierei wieder, wo meine Mutter als Magd beschäftigt war. Im Verhältnis zu der Vergangenheit fühlte ich mich jetzt glücklich. Der Frühling war gekommen, und mit ihm die Wärme und das Grün. Der Abhang des Hügels, auf welchen ich meine kleine Herde zur Weide trieb, war ein ungeheurer Thymian- und Heidekrautteppich, welchen meine Schafe lustig abweideten und worauf ich mir Blumenkränze wand. Abends trieb ich meine Herde in das Gehöft zurück und schlief mit in der Hürde. Ein Korb, welcher Brod, ein wenig Butter oder Käse, zuweilen auch ein hartgekochtes Ei enthielt, genügte zur Befriedigung meiner Bedürfnisse für den ganzen Tag. Mein Hund teilte mein Brod und schien mit dieser Kost ebenso zufrieden zu sein wie ich. Wenn mir gefrühstückt und zu Mittag gegessen hatten, löschten wir unseren Durst an einer benachbarten durchsichtigen Quelle, welche ein krystallenes Becken füllte, ehe sie sich weiter ergoß, und wie ein Silberfaden den Abhang des Hügels hinabströmte. So vergingen drei oder vier Jahre, ohne daß ein Ereignis die süße Eintönigkeit dieses Lebens unterbrochen und eine Spur in meinem Gedächtnis zurückgelassen hätte.

Eines Tages, als ich wie gewöhnlich mich über die Quelle neigend trank, nachdem ich mir einen Kranz von Heiderosen und Gänseblümchen aufgesetzt, hielt ich zum erstenmal in dem Augenblicke, wo meine Lippen das Wasser berühren wollten, inne. Ich gewahrte, daß ich hübsch war[2q]. Indes ich drücke mich nicht richtig aus, wenn ich sage, ich hätte gesehen, daß ich hübsch war. Ich wußte ja nicht, was hübsch sein hieß. Ich hatte mich noch nie einem Spiegel gegenüber befunden, in welchem ich mich hätte sehen können. Das Gesicht aber, welches das Wasserbecken zurückwarf, gefiel mir; ich lächelte es an, und näherte meine Lippen dem Wasser, weniger um zu trinken, als vielmehr um ihm einen Kuß zu geben. Von diesem Augenblicke an machte ich aus dem Rande der Quelle mein Toilettekabinett und flocht hier meine Blumenkränze und probierte dieselben auch, bis ich zufrieden mit mir war – eine Zufriedenheit, welche ich dadurch kundgab, daß ich mein eigenes Konterfei küßte.

Eines Tages wäre diese Zärtlichkeit, die ich für mich selbst hegte, mir beinahe verderblich geworden. Meine Hände glitten auf dem Rasen aus, ich fiel in die Quelle, und ohne meinen Hund, der mich an meinen Kleidern festhielt, wäre ich ertrunken. Ich hatte von dem, was gut, und von dem, was schlimm ist, so wenig Begriff, daß ich, um meine Kleider zu trocknen, mich ganz nackt auszog und mich, um mich selbst zu trocknen, danebenlegte.

In diesem Augenblick hörte ich mich rufen. Ich sprang auf und sah meine Mutter, die mich suchte. Ich lief auf sie zu. Sie schalt mich tüchtig aus, ohne daß ich den Grund ihres Scheltens recht begriff. In unserer Existenz war übrigens seit kurzem eine Verbesserung eingetreten. Meine Mutter hatte von dem Lord Halifax[3] eine kleine Summe erhalten, die teils für sie selbst, teils für mich bestimmt war. Die mir zugeteilte Summe sollte zur Bestreitung der Kosten für meine Erziehung dienen. Ich habe niemals recht den Grund dieser Freigebigkeit von seiten des Lord Halifax verstanden und meine Mutter wollte mir auch keine nähere Auskunft darüber geben. Auf dem Pachthofe ging bloß das Gerücht, daß in meinen Adern wohl ein edleres Blut ranne als das des armen John Lyons. Gott bewahre mich davor, daß ich meine Mutter beschuldigen sollte. Wenn dem aber so gewesen wäre, wie das Gerücht erzählte, so würde ich darin die Erklärung jener unklaren Wünsche und jenes unaufhörlichen Strebens nach einem Range finden, den ich erreicht habe, für welchen ich aber sicherlich nicht bestimmt war.

Meine Mutter hatte mir mitgeteilt, daß ich von dem nächstfolgenden Tage an aufhören würde meine Schafe zu hüten. Ich sollte in ein Pensionat für junge Mädchen kommen, die ich zuweilen Donnerstag oder Sonnabend in der Nähe des Pachthofes spazieren gehen sah.

Mein erstes Wort war: »Mama, bekomme ich dann auch einen schönen Strohhut und ein schönes blaues Kleid wie jene Mädchen?« – »Jawohl,« antwortete meine Mutter. »Dies ist die gemeinsame Kleidung aller Schülerinnen dieser Anstalt.« Ich hüpfte vor Freuden. Ich glaubte, ich müßte mich sehr gut in solchen Kleidern ausnehmen, deren Besitz ich mir niemals zu träumen gewagt. Ich küßte meine Schafe eines nach dem andern und überließ sie dann einem jungen Hirten, der mein Nachfolger sein sollte. Den längsten Abschied nahm ich von meinem Hund. Das arme Tier, welches mir vor kaum einer Stunde das Leben gerettet, hing mit ungemeiner Liebe und Treue an mir. Ich liebkoste den armen Black einmal über das andere und konnte mich kaum von ihm trennen, um meiner Mutter zu folgen. Das treue Tier hätte die schönste Lust gehabt, mir nachzulaufen. Es schien zwischen seiner Liebe und seiner Pflicht zu schwanken, die Pflicht trug jedoch den Sieg davon. Black begleitete mich bis an eine Stelle, wo er, ohne seine kleine Herde aus dem Gesicht zu verlieren, mir mit den Augen folgen konnte. Er setzte sich auf einen Felsen, hielt den Kopf nach mir gewendet, schickte mir von Zeit zu Zeit ein klagendes Gebell nach und blieb unbeweglich und winselnd an derselben Stelle sitzen, bis ich hinter einem Hügelvorsprung für ihn verschwand. Obschon ich ihn aber nicht mehr sehen konnte, hörte ich ihn doch immer noch heulen und winseln.

Noch denselben Tag brachte mich meine Mutter in die Stadt, von welcher der Pachthof ungefähr eine halbe Stunde entfernt war. Sie wollte hier das erste Quartal meiner Pension bezahlen und mir das Maß zu meiner neuen Kleidung nehmen lassen, die in dem Institut selbst gefertigt ward, damit zwischen den Zöglingen in dieser Beziehung kein Unterschied obwalte. Es geschah dies am Mittwoch. Am nächstfolgenden Montag sollte ich in das Pensionat eintreten. Die Direktorin versprach den Spaziergang des nächsten Sonntags nach dem Pachthofe zu lenken, damit man mir meine Uniform anprobieren könne. Es war das ein großes Fest für die Schülerinnen, welche hier mit frischen Eiern und warmer Milch traktiert werden sollten. Die Zeit der Ankunft der Schülerinnen war auf neun Uhr bestimmt, und meine Mutter hatte sich anheischig gemacht, alles bereit zu halten. Es war dies das erstemal, daß ich Gelegenheit hatte, die Macht des Geldes schätzen zu lernen. Meine Mutter, die am Tage vorher noch eine arme Magd gewesen, mit welcher man rauh und kurz, wie zu einem Dienstboten der niedrigsten Gattung sprach, schien stillschweigend und ohne daß man es anzuerkennen brauchte, zum Range einer Aufseherin über die anderen Dienstleute erhoben worden zu sein, und zwar bloß, weil man eine Hundertpfundnote in ihrer Hand gesehen, welches Geld doch, wenn es aus der ihm beigemessenen Quelle kam, sie eher hätte herabsetzen als erhöhen sollen. Am Abend schlief ich bei meiner Mutter in einem Bett, welches man mir aus einer auf Stühle gelegten Matratze bereitete und unter welches sich mein treuer Black schlich, der, als er mich wiedersah, mir seine Freude auf eine Weise bezeigte, als wenn er gefürchtet hätte, mich auf immer verloren zu haben.

Während der drei oder vier Jahre, welche verflossen waren, ohne eine andere Veränderung als die der Jahreszeiten herbeizuführen, war es mir nie eingefallen, einen Tag länger als den andern zu finden. Ich hatte niemals den Gang der Zeit zu beschleunigen gewünscht. Ich stand mit dem Tage auf, ich legte mich mit der Nacht nieder, ich teilte mein Brot mit Black, verkrümelte den Rest für die Vögel, flocht mir Blumenkränze, spiegelte mich in der Quelle, träumte ohne zu wissen wovon, und der Abend kam dann, ohne daß ich gemessen hätte, wie weit er ursprünglich von dem Morgen entfernt gewesen. Jetzt war dem nicht mehr so. In meinem Gemüt hatte ein vollständiger Umsturz stattgefunden. Die Minuten waren Stunden, die Stunden Tage und die Tage Jahre geworden. Es war mir, als würde ich niemals den glückseligen Sonntag erleben, wo ich meine Lumpen gegen jenes blaue Kleid, welches für mich zweimal die Farbe des Himmels trug, und den reizenden Strohhut, die Glorie meines ersten unklaren Ehrgeizes, vertauschen sollte. Ich hatte, obschon ich vollkommen wach war, verworrene, unzusammenhängende Visionen, wie man deren in den Träumen hat. Ich wollte einen Berg ersteigen, der hoch genug wäre, um mich über den Gürtel der Berge, die uns umgaben, hinausschauen zu lassen. Ich hatte keinen Begriff von dem, was es jenseits dieser Berge geben könne, ganz gewiß aber mußte es etwas Schöneres sein als das, was ich hier sah. Ach, leider habe ich mein ganzes Leben lang Berge ersteigen und über den Horizont hinausschauen wollen, welchen mir Gott gezogen. Der so heißersehnte Tag brach endlich an. Die ganze ihm vorangehende Nacht konnte ich nicht schlafen, und lange schon vor dem ersten Strahl der Morgenröte war ich auf den Füßen.

Meine Mutter stand fast gleichzeitig mit mir auf. Auch sie hatte sich neue Kleider gekauft und widmete an diesem Tage ihrer Toilette eine ganz ungewöhnliche Sorgfalt. Ihr Kostüm war das der Gebirgsbewohner von Wales, und ich bemerkte jetzt zum ersten Male, daß meine Mutter sehr schön gewesen sein mußte und daß sie auch jetzt noch hübsch war. Als sie mit ihrer Toilette fertig war, nahm sie mich vor und kämmte mir mein prachtvolles, natürlich gelocktes Haar und wollte, als sie sah, daß ich bloß mein Hemd anhatte, mir die Kleider vom vorigen Tage wieder anziehen. Ich weigerte mich jedoch hartnäckig, dies tun zu lassen, und sagte, ich hätte, als ich sie am Abend vorher ausgezogen, dies in der bestimmten Hoffnung getan, daß ich sie zum letztenmal abgelegt. Da das Kostüm meiner Mutter mir sehr hübsch vorkam, so fragte ich sie hierauf, ob ich reich genug wäre, um mir ebenfalls ein solches anschaffen zu können, und sie versprach mir ein noch viel hübscheres, wenn nach Ablauf eines Monats die Direktrice der Pension ihr sagen würde, daß sie mit mir zufrieden sei.

Ich nahm mir fest vor, nach Ablauf eines Monats mein Kostüm zu haben. Um meine gestern angehabten Kleider nicht wieder anziehen zu müssen, legte ich mich wieder ins Bett und wartete bis um neun Uhr. Endlich verkündete mir ein lustiges Geplauder, ähnlich dem eines Schwarmes Elstern, die Ankunft meiner künftigen Genossinnen. Meine Mutter, welche meine Ungeduld kannte, trat sofort mit einer Unterlehrerin ein. Sie brachte mir meine Uniform. Meine Ausstattung bestand aus zwei vollständigen, der Form nach vollkommen gleichen Anzügen, nur war der für die Sonntage bestimmte von feinerem Stoff und schönerem Gewebe. Alle anderen Gegenstände, von den Strümpfen an bis zu den Halskrägen, waren in halben Dutzenden da. Ich konnte gar nicht glauben, daß alle diese Schätze, welche man auf mein Bett niederlegte, wirklich mir gehörten. Meine Mutter fragte, was alles kostete, und bezahlte es. Nun erst hielt ich mein Eigentum für gesichert. Diese Akquisition kostete vierhundert Franken. Auch eine so große Summe Geldes hatte ich niemals beisammen gesehen. Meine Toilette begann. Das Maß war von einem geschickten Schneider genommen worden, denn es paßte alles wunderschön. Nach Verlauf von zehn Minuten war ich fertig.

Ein Stück Spiegelglas, ein neuer Luxus im Zimmer meiner Mutter, gestattete mir, mich zu sehen. Ich stieß einen Freudenschrei aus. Ich fand mich weit hübscher als in der Quelle. Mein großer Strohhut mit den blauen Bändern stand mir ganz besonders zum Entzücken, und in der Folgezeit, selbst in der Periode meines größten Glückes, wählte ich, wenn ich meine Schönheit recht zur Schau tragen wollte, keinen anderen Kopfputz als den der kleinen Pensionärin von Hawarden. Mit einem Sprunge war ich aus meinem Zimmer im Hofe, und aus dem Hofe auf dem Rasenplatz. Die ganze Pension war da, ziemlich sechzig Mädchen im Alter von acht bis fünfzehn Jahren. Sie betrachteten mich mit mehr Neugier als Sympathie. Eine von den großen sagte: »Sie ist nicht ganz übel, dieses kleine Bauernmädchen.« – Eine andere antwortete »Ja, aber sie sieht ziemlich linkisch aus.« Das Herz schnürte sich mir zusammen. Bei meinem Eintritt in das Leben ward ich auf diese Weise mit Verachtung und Spott empfangen. Stumm und unbeweglich blieb ich stehen und fühlte, wie die Schamröte mir bis in die Stirn emporstieg.