Lågomby - Felix Maier-Lenz - E-Book

Lågomby E-Book

Felix Maier-Lenz

0,0

Beschreibung

Um sich aus einer beruflichen und privaten Sackgasse in ihrer süddeutschen Heimatstadt zu befreien, stürzt sich Marie kurzentschlossen in einen Neuanfang in Schweden – neuer Job, neues Haus, neues Leben inklusive. Schon bald nach ihrer Ankunft wird jedoch klar, dass ihr übereilter Aufbruch in die nordschwedische Provinz ihr nicht den Karrieresprung verschaffen wird, den sie sich erhofft hatte. Marie versucht sich davon zunächst nicht unterkriegen zu lassen. Doch als sie dann auch noch buchstäblich über eine Leiche stolpert und ausgerechnet die hiesige Brauerei-Dynastie Alfredssons ins Blickfeld von Kleinstadt-Kommissar Bengt Holmgren rückt, gerät ihr Leben endgültig aus den Fugen. In dem engmaschigen Gefüge persönlicher Schicksale verschwimmt das Gefühl für Recht und Moral in Lågomby. Und während die Vergangenheit ihren Tribut fordert, hält das Leben nicht an.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 322

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Rachel Oidtmann und Felix Maier-Lenz

Lågomby

Erste Auflage 2020

Gestaltung und Satz: rombach digitale manufaktur, Freiburg

Lektorat und Korrektorat: Lisa Helmus

Covergestaltung: Kai Kraehmer

ISBN: 978-3-945431-65-8

eISBN: 978-3-945431-66-5

© Copyright kladdebuchverlag – Freiburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm und andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert, digitalisiert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

www.kladdebuchverlag.de

Langsam bewegten sich die schweren Schritte über den morastigen Waldboden. Nichts erinnerte hier an die lieblichen Katalogbilder des skandinavischen Sommers. Die dichte graue Bewölkung ließ das rote Dämmerlicht am Horizont bestenfalls erahnen, und die zwielichtigen Schatten der Bäume taten ihr Möglichstes, diesem Ort auch den letzten Rest Gastlichkeit zu rauben.

Hinter einer kleinen Lichtung kamen die Schritte zum Stehen. Die Fußabdrücke füllten sich mit Regenwasser, das augenblicklich ihre hohen Matschränder zum Einsturz brachte und so jegliche Spuren dieser traurigen Nachtwanderung für immer fortspülte. Einige Sekunden lang passierte nichts. Dann traf ein dumpfer Schlag den nassen Morast. Wenig später begann der schlammige Boden sich zu öffnen und den leblosen Körper Millimeter um Millimeter in sich aufzunehmen.

Inhalt

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Dank

Über die Autoren

Samstag

Gedankenversunken starrte Marie Richtung Horizont, wo Wasser und Himmel in einem stufenlosen Grau miteinander verschmolzen. Hin und wieder kreuzte eine Möwe ihr Gesichtsfeld. Ansonsten nahm sie nur die ermüdende Eintönigkeit der frühsommerlichen Ostsee wahr.

Der Fahrtwind legte sich feucht auf Maries Gesicht. Um sie herum tummelten sich urlaubsgestresste Familien und Skandinavien-erfahrene Rentnerpaare, die sich in ihren schlammfarbenen Funktionsjacken kaum von der Umgebung abhoben und die wettergegerbten Gesichter genießerisch in die Richtung reckten, wo sie die Sonne vermuteten.

All das drang nur wie durch einen Schleier zu Marie durch.

Erst der dumpfe Hall des Schiffhorns, der ihr mit anschwellender Wucht in den Bauch fuhr, riss sie aus ihrer Gedankenwelt. Marie atmete tief ein. Die mild salzige Luft löste ein beruhigendes Gefühl in ihr aus.

Ein paar Kinder rannten ausgelassen an die Reling, um dem entgegenkommenden Schiff zuzuwinken. Verwundert stellte Marie fest, dass sie bei ihrem Anblick fast so etwas wie Neid empfand. Es war schon komisch – als Kind konnte es einem gar nicht schnell genug gehen, erwachsen zu werden. Und wenn es dann soweit war?

Sie hob den dampfenden Kaffeebecher in ihrer Hand und atmete den flachen bitteren Geruch von Automatenkaffee ein. Seufzend nahm sie einen Schluck. Vermutlich war es symptomatisch, dass sie sich eher mit den spielenden Kindern identifizierte als mit deren Eltern, die auf verblichenen Plastiksesseln saßen und gerade die Reste eines ausgiebigen Fahrtenpicknicks von den Rettungsbojen räumten.

Hatte sie mit ihrer Abreise überstürzt gehandelt? Hätte sie Alex vielleicht doch eine Chance geben sollen, jetzt, wo er sich endlich für sie entschieden hatte?

Marie schüttelte den Kopf, wie um diese Gedanken zu vertreiben. Aufs Wasser starrend trank sie den Kaffee. Sie konnte sich selbst nicht erklären, was genau sie zu diesem Schritt veranlasst hatte. Warum sie ausgerechnet jetzt ihr Leben in die Hand nehmen und noch einmal ganz von vorne anfangen wollte. Alleine. Irgendetwas tief in ihr drin hatte diesen Entschluss getroffen, genau in dem Moment, als Alex ihr freudestrahlend von der Entscheidung erzählt hatte, sich von seiner Frau zu trennen. Noch nie zuvor hatte sie so impulsiv gehandelt.

Marie zerdrückte den leeren Becher in einer Hand, zielte und versenkte ihn treffsicher in einem nahe stehenden Abfalleimer. Ein kleiner Junge sah mit bewunderndem Blick zu ihr auf. Marie zwinkerte ihm zu, während in der Entfernung die ersten Gebäude von Trelleborg sichtbar wurden.

Nach und nach machten sich alle Passagiere auf den Weg hinunter zum Autodeck. Nur Marie blieb stehen. Bis zum letzten Moment beobachtete sie, wie sich das Schiff dem Land, der Stadt, dem Hafen näherte. Ein winziges Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Irgendwie fühlte es sich richtig an, nicht genau zu wissen, was sie auf der anderen Seite erwartete.

Maries Blick heftete schläfrig auf der Straße. Auf dem Rücksitz ihres alten Corsas standen zwei Reisetaschen. Bei ihrer Abreise hatte sie nur das Nötigste gepackt. Alles andere hatte sie kurzerhand verschenkt, gespendet oder auf dem Speicher ihrer Eltern verstaut.

Seit Stunden schlängelte sie sich nun schon auf einer immer schmaler werdenden Landstraße durch endlose Nadelwälder. Der Tacho stand stoisch auf 90 km/h, seit sie am Abend bei Umeå die Autobahn verlassen hatte. Kurz hinter der kleinen Ortschaft Vännäs schaltete sie von ihrer Playlist, die sie seit gestern mindestens drei Mal durchgehört und eigentlich von Anfang an gelangweilt hatte, auf Radio um. Sie wechselte den Sender, als Bon Jovis „Living on a Prayer“ ihr einen headbangenden Alex vor Augen führte, versuchte den allgegenwärtigen Evergreens von ABBA zu entkommen und blieb schließlich bei einem Song hängen, der in bestem Oldschool-Rock die kurzen schwedischen „Sommartider“ beschwor. Die Stimme des Sängers weckte eine unbestimmte Erinnerung in Marie.

Sie hatte schon fast aufgehört die Stunden zu zählen, als sie endlich Lycksele passierte, von wo aus es laut Navi nicht mehr allzu weit bis Lågomby war. Beim Blick aus dem Fenster stellte Marie mit einer Art unruhigem Erstaunen fest, wie klein und beschaulich hier alles wirkte. Es war kaum jemand auf der Straße zu sehen. Und das, obwohl es draußen noch beinahe taghell war.

„Kein Wunder, dass es hierhin keine Touristen verschlägt“, murmelte sie vor sich hin und versuchte vorsichtig, sich hinterm Steuer zu strecken. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass es alles andere als eine leichte Aufgabe war, für die sie sich so bereitwillig gemeldet hatte.

Wie um sich zu beruhigen, erinnerte sie sich an einen Artikel, den sie kürzlich auf der Arbeit gelesen hatte, laut dem immer mehr Menschen im Urlaub die Einsamkeit suchten.

Als sie sich der Adresse am Ortsrand von Lågomby näherte, die Lennart Sandberg ihr als Unterkunft genannt hatte, war es bereits nach Mitternacht. Trotzdem erschien der Himmel noch immer in einem schwachen Dämmerlicht.

Sie bog von der Hauptstraße ab und fand sich auf einer Art Waldweg wieder. Am Anfang des Björnvägs passierte sie noch zwei, drei Häuser, dann kam lange nichts. Eine Straßenbeleuchtung gab es nicht. So hell es ihr eben noch vorgekommen war, so sehr wurde nun das fahle Nachtlicht durch die immer dichter stehenden Bäume geschluckt.

Marie fuhr langsamer. Genau in dem Moment, in dem der Weg als Sackgasse endete, erklang die zuversichtliche Mitteilung aus dem Navi: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Etwas ratlos schaute sie sich um. Weit und breit waren nur die dunklen Schatten der Bäume und der Weg, über den sie hergekommen war, zu sehen. Sie warf einen Blick auf das Navi. Sollte sie etwa ein falsches Update geladen haben?

Seufzend stieg sie aus. Die Luft war kühler als erwartet. Marie zog die Ärmel ihres Sweatshirts über die Hände und verkreuzte die Arme vor der Brust. Unsicher lief sie um das Auto herum. Mit einem Mal fühlte sie sich schrecklich einsam. Nervös spähte sie zwischen die Bäume. Björnväg – ob es hier wohl noch Bären gab? Sie fröstelte.

‚Verdammt gutes Setting für einen Thriller‘, schoss es ihr durch den Kopf. Wie auf Kommando ertönte aus dem Wald ein leises Knacken. Marie erstarrte. Sie glaubte einen Schatten zwischen den Bäumen gesehen zu haben. Konzentriert fixierte sie die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Nach und nach erkannte sie die Umrisse eines alten Tors – einer Einfahrt. Erleichtert atmete sie auf.

Schnell setzte sie sich wieder in den Wagen, manövrierte ihn herum und bog zwischen zwei hohen Fichten in einen überwucherten Weg ein. Das Auto holperte über Wurzeln und Grasbüschel. Dann lichteten sich die Bäume und machten plötzlich den Blick auf den sommerlichen Nachthimmel frei. Darunter, mitten in einem verwilderten Garten, tauchte ein kleines Haus vor Marie auf.

Sie parkte und stieg aus. Fasziniert sah sie sich um.

Am Eingang versuchte sie sich an die genauen Worte von Lennart Sandberg zu erinnern, der ihren Schlüssel irgendwo auf der Veranda hatte verstecken wollen. Marie betrachtete die Steine, die dekorativ vor dem Eingang drapiert lagen, und hob den größten an. Lächelnd zog sie einen Schlüssel hervor.

„Na klar. In Bullerbü ist die Welt noch in Ordnung.“

Marie war sich nicht sicher, ob sie von dem Geräusch wach geworden war oder vom Versuch, ihren Träumen zu entkommen. Darin war sie allein gewesen. Nicht einsam, einfach allein. Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung. Sogar ein Zustand, den sie in den meisten Fällen genoss. Bisher zumindest. Aber irgendetwas hatte sich in diesem Fall unangenehm angefühlt. Als ob ihr etwas fehlte, von dem sie nicht wusste, was es war.

Zeit darüber nachzudenken hatte sie jetzt allerdings nicht. Denn da war es wieder, das Geräusch. Dieses Mal war sie sich sicher, es wirklich gehört zu haben. Es kam von unten, von der Eingangstür. Eine Art Kratzen oder Schleifen.

‚Ob Bären Zuflucht in Häusern suchen?‘ Marie setzte sich ruckartig im Bett auf und schaltete die Nachttischlampe an. Sie zögerte einen Moment. Dann glitt sie vorsichtig aus dem Bett. Im Aufstehen hob sie ihren Kapuzenpullover vom Boden auf und streifte ihn schnell über. Sie öffnete die Zimmertür und horchte – nichts. Leise trat sie auf den Flur. Auf Zehenspitzen schlich sie weiter Richtung Treppe. Die Treppenstufen knarrten unter jedem ihrer Schritte – ein Geräusch, das ihr bei ihrer Ankunft überhaupt nicht aufgefallen war, aber in diesem Moment kam es Marie vor, als trete sie auf einen Haufen zusammengekehrtes Herbstlaub.

Den Bären schien das jedoch nicht aufzuhalten – er war offenbar mit Türklinken vertraut war. Entsetzt sah Marie, wie diese nun von außen nach unten gedrückt wurde.

Sie hätte doch ihrem deutschen Naturell nachgeben und abschließen sollen. Stattdessen hatte sie bei ihrer Ankunft beschlossen, sich von Anfang an auf die schwedischen Gepflogenheiten einzulassen.

Marie stoppte ihren Vormarsch. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie jedweder Gefahr, die ihr durch die Tür entgegenkommen konnte, vollkommen wehrlos gegenüberstand. Alex kam ihr in den Sinn. Alex, der ihr in solchen Situationen auch nie eine Hilfe gewesen war. Wann immer sie ihn wirklich gebraucht hatte, war er bei seiner Familie gewesen.

‚Das einzig Gute an einer Beziehung mit einem verheirateten Mann ist wahrscheinlich, dass man sich danach nicht einsamer fühlen kann als währenddessen.‘ Bevor ihre Gedanken weiter abdriften konnten, wurde die Eingangstür aufgedrückt.

Vor dem einfallenden Dämmerlicht erschien eine menschliche Silhouette.

Marie hielt den Atem an. Ihre Fingernägel krallten sich ins Treppengeländer. Sie stand wie erstarrt und hoffte, mit dem Hintergrund des dunklen Wohnzimmers zu verschwimmen.

Die Gestalt verharrte im Türrahmen. Hatte sie Marie schon entdeckt?

Einen Moment schienen beide die Situation abzuwägen.

Plötzlich ertönte ein Knarzen von oben. Der Luftzug, der durch die geöffnete Eingangstür entstanden war, hatte die Tür zu Maries Schlafzimmer weiter aufgestoßen, sodass nun der schwache Lichtschein ihrer Nachttischlampe die Treppe hinunter ins Wohnzimmer fiel. Für den Bruchteil einer Sekunde blickten die beiden Frauen sich direkt in die Augen.

Dann knallte es über Marie. Alles wurde dunkel. Erschrocken drehte sie ihren Kopf nach oben und sah, dass die Schlafzimmertür zugefallen war. Der Wind musste sich in Sekundenschnelle gedreht haben.

Als Marie ihren Blick wieder zum Eingang wandte, war die Frau verschwunden.

Sonntag

Als Marie am nächsten Morgen aufwachte, schien die Sonne bereits durch den freundlich-gelben, aber wenig nützlichen Vorhang ihres Zimmers. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Das kleine, schachtelförmige Zimmer mit dem hellen Dielenboden und einer verdächtig nach Ikea-Modellraum aussehenden Einrichtung hatte nichts mit ihr selbst zu tun. Als sie sich aufrichtete und die Strapazen der zweitägigen Autofahrt durch ihren Rücken zuckten, erinnerte sie sich: Lågomby, Schweden. Ihr neues Zuhause.

Erst jetzt fiel ihr der Vorfall der vergangenen Nacht wieder ein. Marie schauderte. Wer war die Frau gewesen? Und was hatte sie hier gewollt? Hatte sie wirklich einbrechen wollen? Und was wäre passiert, wenn Marie sie nicht an der Tür überrascht hätte?

Sie stand abrupt auf. Vielleicht war die Frau obdachlos und hatte gehofft, hier Unterschlupf zu finden. Aber hatte sie dafür nicht zu gepflegt gewirkt? Hübsch war sie gewesen, ungefähr zehn Jahre älter als sie selbst.

Während sie zum Fenster hinüber ging, wunderte Marie sich, dass ihr das in so einem Moment überhaupt aufgefallen war. Sie schob die Vorhänge beiseite. Ihr Blick fiel auf einen Garten voll wild wuchernder Büsche und Obstbäume. Hier hatte schon lange niemand mehr eine Gartenschere angesetzt. Der Rasen dagegen wirkte erstaunlich gepflegt. Sein saftiges helles Grün bildete eine scharfe Trennlinie zum dunkleren Grün des Waldes, der direkt und zaunlos an den Garten anschloss.

Was für ein Kontrast zu dem Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster zuhause in Deutschland, der ihr vor allem das durchgängig geschäftige Treiben im 24-Stunden-Waschsalon gegenüber offenbart hatte.

Marie unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich gefiel ihr der verwilderte Charme des Grundstücks sehr, er hatte schon fast etwas Märchenhaftes. Trotzdem fühlte sie sich fremd bei diesem Anblick. Fremd und einsam.

Sie kramte eine Jogginghose aus ihrer Tasche, schlüpfte hinein und ging die Treppe nach unten. Der Eindruck der vergangenen Nacht war hier noch merkwürdig präsent. Sie sah sich um, in der irrationalen Erwartung, die unbekannte Frau auf dem Sofa sitzend vorzufinden.

Doch das Sofa war leer und der ganze Raum wirkte so, als hätte hier schon lange niemand mehr gesessen. Wie im oberen Stockwerk war auch hier unten alles funktional und doch gleichzeitig gemütlich eingerichtet, skandinavisch eben. Die sorgfältig platzierten Dekorationselemente, die nicht darüber hinwegtäuschen konnten, dass das Haus unbewohnt wirkte, hatte Marie gleich bei ihrer Ankunft beiseitegeräumt. Der große, altmodische Kamin in einer Ecke des Wohnzimmers und ein ausladender Schaukelstuhl direkt daneben hatten ihr dagegen sofort ein heimeliges Gefühl vermittelt.

Auf der Küchenzeile stand ein Korb mit Kaffee, Saft und drei Packungen unterschiedlichen Knäckebrots. Davor lag ein kleiner Zettel: ‚Välkommen till Lågomby!‘

Im Kühlschrank fand Marie Milch und Margarine sowie ein riesiges dreieckiges Stück Käse. Dankbar schmiss sie die alte Filtermaschine an und beschloss, sich vom Zwischenfall in der Nacht nicht weiter verrückt machen zu lassen.

Während der Kaffee durchlief, schlenderte Marie durch den Garten. Der Rasen war vermoost, musste aber vor nicht allzu langer Zeit noch gemäht worden sein. Weich und ein wenig glitschig gab er unter ihren Füßen nach. Hier und da hatten sich Pilze den Weg durch die Moosschicht gebahnt, die meisten davon bereits ledrig überspannt oder komplett zerfleddert.

Die Obstbäume sahen trotz ihres unverkennbaren Alters erstaunlich gesund aus. Marie betrachtete die noch kleinen kugeligen Fruchtkörper daran und stellte beschämt fest, dass sie nicht einmal wusste, um welche Obstsorten es sich handelte.

Sie blieb stehen und sah zum Haus hinüber. Ein einfaches Holzhaus, das in klassisch schwedischem Rot gestrichen war. Niedlich wirkte es. Doch die Vorstellung, dass das jetzt ihr Zuhause sein sollte, war irgendwie grotesk.

Mit einem Mal kam Marie sich unheimlich albern vor. Was hatte sie eigentlich erwartet? Einen großen Befreiungsschlag – aber von was? Von Alex, vom unausgesprochenen Druck durch Freunde und Eltern, von sich selbst?

Denn während die Freunde, die Marie größtenteils noch aus Schulzeiten kannte, sich langsam aber sicher in Richtung Karriere, Familie oder Selbstverwirklichung verabschiedet hatten, hatte Marie das Gefühl, dass sich ihre Vorstellungen und Ziele nach und nach eher auflösten statt festigten.

Ein Neuanfang im Süden wäre ihr eigentlich lieber gewesen als Schweden. Bei Sonne am Strand ließ es sich sicherlich gut Zukunftspläne schmieden. Doch die wenigen Job-Angebote rund ums Mittelmeer waren hart umkämpft und ihre Berufserfahrung für eine solche Konkurrenz nicht ausreichend. Daher hatte sie nicht lange gezögert, als sie bei einer ihrer zäh dahinplätschernden Schichten über diese Stellenausschreibung gestolpert war. Irgendwas musste der Norden Europas schließlich haben, dass er sich schon seit Jahrzehnten als Sehnsuchtsort des deutschen Mittelstandes hielt. Und wo sollte man sich besser von einer dysfunktionalen Beziehung lösen als im emanzipierten Schweden?

Zugegeben: Lågomby war nicht gerade der Nabel der Welt, nicht einmal der Nabel Nordschwedens. Trotzdem war die Leitung der hiesigen Tourismusabteilung für Marie eine lang ersehnte Gelegenheit, sich aus der Stagnation in einem mittelklassigen süddeutschen Reisebüro zu befreien und endlich selbst Verantwortung zu übernehmen. Als Deutschlandexpertin sollte sie die Region um Lågomby endlich auf die Landkarte des nordeuropäischen Tourismus‘ hieven. Denn trotz des anhaltenden Skandinavien-Hypes konnte die Gegend sich bei den Rentner-Campern und Bullerbü-Romantikern bislang nicht durchsetzen – zu dunkel, zu kalt, zu entfernt von der Küste, für die einen zu weit im Norden, für die anderen nicht weit genug.

Nach dem Frühstück erkundete Marie die Gegend zu Fuß. Der Björnväg, an dessen Ende ihr Haus stand, lag weit im Osten Lågombys und wurde durch Wald vom Ortskern getrennt. An diesem Teil der Storgata, die das Städtchen mit der Landstraße verband, lag sonst nur noch eine Tankstelle sowie die Fernbushaltestelle des Ortes. Erst einige hundert Meter weiter bildete der Sveaväg auf der rechten Seite mit unscheinbaren Häuschen und einfachen Siedlungen den eigentlichen Stadtrand.

Auf der linken Seite der Storgata, Richtung Landstraße hin, ragte eine alte Fabrik auf. Die gleichmäßig heruntergekommenen Gebäude ließen keine Zweifel daran, dass sie ihre beste Zeit schon eine Weile hinter sich hatte.

Im Vorbeigehen spähte Marie durch den einfachen Maschendrahtzaun, der das Gelände umgab. Sie suchte und fand den altmodisch anmutenden Namenszug des Betriebs über dem Haupteingang: Alfredssons.

Marie nickte innerlich. In Vorbereitung auf ihren Umzug hatte sie bereits von der alten Brauerei gelesen. Alfredssons war trotz beträchtlicher Umsatzeinbußen in den vergangenen Jahren neben der Stadtverwaltung, der Forstwirtschaft und den kümmerlichen Resten alter Bergbaubetriebe der einzige größere Arbeitgeber in Lågomby. Das Hauptgebäude war auf einem Hügel errichtet worden und strahlte trotz seines Alters noch einen fast majestätischen Stolz aus. Einige der anderen Gebäude dagegen schienen kaum genutzt oder sogar stillgelegt zu sein.

Marie ging weiter bis zur Nygata, die Adresse ihres neuen Arbeitsplatzes. Hier manifestierte sich das Zentrum in einer winzigen Ansammlung an Lokalitäten. Auf der einen Seite ein kleiner Supermarkt, ein noch kleinerer Spielplatz und etwas abgelegen eine schon deutlich in die Jahre gekommene Eishalle. Auf der anderen Seite befand sich eine Kneipe mit dem klangvollen Namen Mickes Bar und der Rathausplatz, an dessen Rand ein unscheinbares Flachgebäude stand, das den Schriftzug Kommunhus trug.

In einem plötzlichen Anflug von Aufregung blieb Marie stehen und betrachtete ihren neuen Arbeitsplatz. Schick war sicherlich etwas anderes. Trotzdem gefiel ihr der Gedanke, von nun an direkt im Rathaus zu arbeiten. Sie überquerte die Straße und ging neugierig auf das Gebäude zu. Im Erdgeschoss befand sich ein Ladenbüro, dessen verschlossene Tür mit dem blau-weißen i und der Bezeichnung Turistbyrå geziert war. Marie legte die Hände über die Augen, lehnte sich gegen die Scheibe und spähte hinein. Einen Moment verharrte sie so. Dann sah sie sich ein wenig irritiert um. Sie lief weiter zum Haupteingang des Rathauses, suchte hier nach einem Verweis auf ein weiteres Büro, konnte aber nichts finden. Auf ihrem Smartphone glich sie die Adresse mit den Angaben in Lennarts letzter E-Mail ab.

Sie spürte Ernüchterung in sich aufsteigen. Fast musste sie über sich selbst lachen, als ihr dämmerte, dass ‚Leitung der Tourismusabteilung‘ in einem Ort wie Lågomby einer Mitarbeiterin der Touristeninformation gleichkam.

Noch einmal trat sie an die Scheibe des kleinen Büros und sah hinein. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür und schaute über den leeren Platz.

„Herzlichen Glückwunsch, Marie, ganz große Entscheidung!“

Eine Weile blieb sie so stehen. Ein Auto kam die Straße entlang, verlangsamte gerade lang genug, dass sein Fahrer ihr einen neugierigen Blick zuwerfen konnte, und fuhr dann weiter Richtung Storgata.

Sie holte tief Luft. Zumindest die war fraglos besser als zuhause, sauberer und irgendwie weicher. Sie stieß sich von der Tür ab und stapfte los. So leicht würde sie sich nicht demotivieren zu lassen.

Die Nygata war als Hauptachse des Ortes angelegt. Ganz an ihrem Ende, noch hinter der Eishalle, stand eine Kirche. Entsprechend war die Verlängerung der Straße dort mit dem separaten Namen Kyrkväg versehen worden. Marie umrundete die Kirche und bog dahinter in den Bergväg ein, der sich an einem Hügel entlang zurück zur Storgata schlängelte. Hier im Westen des Ortskerns hatte sich ganz offensichtlich die bessergestellte Gesellschaft Lågombys niedergelassen. Interessiert betrachtete Marie die ungewöhnlich großen Holzhäuser, die zwar nicht mehr ganz frisch wirkten, aber noch immer mit ihrem schlichten Design beeindruckten.

In der Entfernung kam ihr jemand vom unteren Ende der Straße entgegen. Marie fiel auf, dass die Schritte der Person zögerlich wirkten, irgendwie unregelmäßig, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie weiter gehen oder umkehren sollte.

Plötzlich stockte ihr der Atem. War das nicht die Frau von letzter Nacht?

Marie stutzte. Dann ging sie los, auf die Frau zu.

Doch als die Unbekannte schließlich doch noch zielstrebig in einem Hauseingang verschwand, hielt Marie inne.

Verunsichert blieb sie stehen. Vielleicht hatte ihre erste Nacht in Lågomby sie doch mehr verwirrt als sie sich selbst eingestehen wollte.

Montag

Am Abend nach ihrer Stadterkundung hatte Marie sich erschöpft schon früh schlafen gelegt. Sie war davon ausgegangen, wie üblich am nächsten Morgen mit dem ersten Tageslicht aufzuwachen. Dabei hatte sie nicht bedacht, dass dieses Tageslicht hier Anfang Juni beinahe die ganze Nacht hindurch schien. Müde hatte sie stundenlang in die schummrige Luft ihres Zimmer gestarrt, immer noch verwundert über die Diskrepanz zwischen der nächtlichen Uhrzeit und dem Zwielicht, das an den Seiten der Vorhänge vorbei ins Zimmer fiel. Erst am frühen Morgen war sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen, aus dem ihr Wecker sie wenig später jäh herausriss. Gerädert wühlte sie sich aus dem Bett.

Die Kombination einer Dusche und einer ersten Tasse Kaffee auf der kleinen Veranda vor ihrem Haus ließ sie die anstrengende Nacht beinahe vergessen. Normalerweise war sie ganz gut darin, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Wie sonst hätte sie die letzten Jahre unter ihrem Arschloch von Chef überstanden. Und hier oben gab es wahrlich einige gute Aspekte, auf die man sich konzentrieren konnte. Wenn man die Natur liebte. Und außergewöhnliche Lichtverhältnisse. Und Einsamkeit. Und das Fehlen jeglicher Urbanität.

Marie zwang sich, diesen Gedankengang nicht weiterzuverfolgen. Sie ahnte, dass er unweigerlich dazu führen würde, dass sie am Ende den Blick auf ihren Waschsalon vermissen würde.

Beim Zusammensuchen ihrer Unterlagen merkte sie langsam Nervosität in sich aufsteigen. Nicht nur wegen des neuen Jobs, damit hatte sie gerechnet. Aber auch die Aussicht, Lennart Sandberg zu treffen, verursachte ein neugieriges Ziehen in ihrem Bauch, das sie nicht erwartet hatte. In den vorausgegangenen Wochen hatte sie mit Lennart einen schon geradezu vertrauten Mailkontakt gepflegt, und er war es auch gewesen, der ihr mit seiner charmanten Art die letzten Zweifel in Bezug auf diese etwas ungewöhnliche Stelle genommen hatte. Sie warf einen letzten kurzen Kontrollblick in den Spiegel, bevor sie das Haus verließ und die wenigen Minuten bis in den Ortskern fuhr.

Einen großen Unterschied zu gestern konnte sie nicht ausmachen, als sie kurz darauf vor dem Rathaus parkte. Obwohl es Montagmorgen war, waren kaum Menschen zu sehen. Entschieden ging sie auf die kleine Touristeninformation zu.

Noch bevor sie die Tür erreicht hatte, wurde diese schwungvoll aufgerissen. Ein Mann mit sorgfältig gestyltem mittellangem blondem Haar, einem dichten, aber nicht minder gepflegten, Bart und einem herzlichen Lächeln stand vor ihr. Marie musste sich ein Grinsen verkneifen. Schwedischer konnte man wohl kaum aussehen.

Sie streckte ihre Hand aus. „Guten Morgen. Ich bin Marie Falk.“

Innerlich atmete sie kurz auf. Zumindest ihren ersten schwedischen Satz hatte sie halbwegs flüssig über die Lippen bekommen.

Lennart lächelte sie herzlich an und nahm ihre Hand.

„Schön, dass du da bist. Komm rein.“

Damit zog er sie auch schon in das kleine Büro hinein.

„Hast du dich schon etwas von der langen Reise erholt?“

Marie zögerte kurz. Sollte sie Lennart von dem nächtlichen Zwischenfall erzählen? Aber was für einen Eindruck würde ihm das von seiner neuen Chefin vermitteln? Und eigentlich kannte sie ihn ja kaum.

„Das Licht hier oben ist bestimmt ziemlich ungewohnt für dich, oder?“, unterbrach Lennart ihren Gedankengang.

Marie nickte, dankbar für diesen Ausweg.

„Vielen Dank für den schönen Begrüßungskorb!“

Bis hierhin hatte sie sich die Sätze in ihrem noch etwas unerprobten Schwedisch zurechtgelegt. Ab jetzt war alles Neuland für sie.

„Du wurdest hier schon neugierig erwartet. Liegt vielleicht auch daran, dass du seit 1985 die Erste bist, die freiwillig hierher statt weg zieht.“

Lennart zwinkerte und Marie registrierte, wie gut es ihr tat, sein Lachen zu sehen. Kein Wunder, schließlich war die Begegnung mit Lennart ihr erster zwischenmenschlicher Kontakt seit Tagen.

Sie standen in einem kleinen Raum mit zwei Schreibtischen, an denen man besucherfreundlich von beiden Seiten Platz nehmen konnte. An einer Seite stand ein Regal mit Landkarten und Prospekten, daneben eine mobile Schreibtafel und am hinteren Ende auf einem Sideboard war eine Kaffeebar aufgebaut, die mit ihren verschiedenen Keramikfiltern und bauchigen Glasbehältern an ein kleines Chemielabor erinnerte. Lennart deutete mit einer einladenden Bewegung auf den hinteren der beiden Schreibtische.

„Bitte – dein Platz.“

Marie sah sich um. Das war also tatsächlich alles. Sie ging um den ihr zugewiesenen Schreibtisch herum, nahm auf dem komfortabel aussehenden Bürostuhl Platz und starrte auf den schwarzen Bildschirm des Computers. Lennart reichte ihr eine Mappe mit Fakten und Hintergrundinformationen, die Marie den Einstieg erleichtern sollten. Dann begann er an der Kaffeebar zu hantieren.

„Ich freu mich, dass ich jetzt nicht mehr alleine hier sitzen muss.“

Marie lächelte schwach. Durch das große Fenster sah sie ein altes Paar mit Einkaufstüten, das die andere Straßenseite entlangschlurfte. Sonst war alles leer. Maries Blick wanderte an die gegenüberliegende Wand, an der auf einem altmodischen und bereits angegilbten Plakat der Bergbau als Prestigeprojekt dieser Region angepriesen wurde. Daneben ein gerahmtes Foto des ältesten Elchbullen in Nordschweden – zumindest wenn Marie die Bildunterschrift richtig verstand.

Mit einem Mal fühlte sie sich, als würde der Boden unter ihr wegsacken. In ihrem Kopf formulierten sich alle möglichen Fragen gleichzeitig – was sie hier eigentlich machte – warum sie sich nicht besser vorbereitet hatte – und vor allem, wie um Himmels willen sie aus dieser Nummer wieder rauskommen sollte. Doch gerade als Marie sich selbst eingestehen wollte, dass sie kurz davor war, eine ernsthafte Panikattacke zu bekommen, wurde eine elegante Tasse in modernem Design vor sie auf den Tisch gestellt.

„Erstmal ’n Kaffee, Chefin. Einen besseren wirst du hier in der Gegend nicht so schnell finden. Die Bohnen sind von einer kleinen Rösterei in Umeå. Und die Semlor hab ich selbst gebacken. Das Rezept ist von meiner Oma.“

Lennart zeigte auf einen Teller voll mit Windbeuteln, ließ sich Marie gegenüber auf den Besucherstuhl fallen und strahlte sie an. Marie starrte auf das Gebäck. Dann musste sie unwillkürlich lächeln. Und schon der erste Schluck von Lennarts handgefiltertem Kaffee gab ihr das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

Im Laufe des Tages versuchte Marie, sich nicht vom Blick aufs große Ganze ablenken zu lassen. Sie konzentrierte sich auf die Details der einzelnen Arbeitsabläufe, die Lennart ihr mit seiner ruhigen und positiven Art erläuterte, als hätte er noch nie einen Gedanken daran verschwendet, ob es für ihn eine Karriere außerhalb dieses kleinen Ladenbüros mitten in der schwedischen Provinz geben könnte. Mehr als einmal lag ihr die Frage auf der Zunge, warum er nicht selbst die Leitung des Büros übernommen hatte, schließlich schien er sich perfekt mit der Gegend und den internen Abläufen auszukennen. Er kam ihr zuvor, als er erwähnte, dass Bürgermeister Lasse Ohlsson die Position als Schlüsselstelle für den angestrebten Aufschwung Lågombys einstufte und daher auf einen Expertenblick von außen bestanden hatte.

Falls diese Entscheidung Lennart gekränkt haben sollte, ließ er es sich nicht anmerken. Im Gegenteil: Er bemühte sich in seinen Auslegungen, Marie nicht nur die Strukturen der Gegend, sondern – nicht ohne selbst-ironisches Augenzwinkern – auch die Liebe zu seinem Heimatort zu vermitteln. Tatsächlich merkte Marie prompt, wie ihre Moral dadurch angehoben wurde. Man hatte ihr mit ihrer Anstellung eine Menge Vertrauen entgegengebracht und sie nahm sich fest vor, sich nicht von eigenen Karrierevorstellungen ablenken zu lassen. Sie spürte instinktiv, dass sie sich ganz an Lennart halten sollte, wenn sie es auch nur halbwegs ernst mit ihrem Neuanfang meinte.

Eigentlich hatte Marie sich auf einen ruhigen und kurzen Abend zuhause gefreut. Sie war müde und hatte gehofft, dass die Aufregung des ersten Arbeitstages ihr über die Verwirrungen des nächtlichen Zwielichts hinweghelfen würden. Doch Lennart überredete sie, ihren Einstand gemeinsam in Mickes Bar zu feiern. Ihr war klar, dass dieses Arbeitsverhältnis nicht nur eine wichtige, sondern aktuell auch die einzige Säule ihres neuen Lebens darstellte. Da wollte sie nicht gleich am ersten Abend ablehnen.

Also betrat sie, nach einem kurzen Abstecher in den örtlichen Supermarkt, bei dem sie sich neben zwei Flaschen Wein vor allem mit frischem Obst und Gemüse eindeckte, hinter Lennart die Bar.

Schon auf den ersten Blick stellte sie überrascht fest, dass der Raum viel gemütlicher war, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Möbel, Fußboden und selbst die Wände waren aus massivem dunklem Holz gefertigt. Trotzdem wirkte es nicht schwerfällig oder düster, was vermutlich an den zahlreichen kleinen Lampen lag, die ringsherum an den Wänden angebracht waren und alles in ein weiches, angenehmes Licht tauchten. Gleich links neben dem Eingangsbereich, der durch eine Zwischentür vom Hauptraum getrennt war, befand sich ein großer runder Tisch. Auf der rechten Seite an der Wand standen mehrere separate Sitzbereiche, wie man sie aus amerikanischen Diners kennt, die Sitzbänke grün bezogen. Zwischen dem Eingang und der großen Bar, welche beinahe die komplette gegenüberliegende Seite einnahm, befanden sich zwei enorme Tragebalken, die aussahen, als wüchsen zwei stattliche Tannen in die Decke. Um die Balken herum waren Tischgruppen platziert, auf denen Teelichter in schlichten Gläsern brannten. Am linken Ende der Bar dampfte es aus einer Durchreiche, die wohl in die Küche führte. Im ganzen Raum gab es nur zwei Fenster, durch deren grüne Verglasung kaum Tageslicht nach innen drang.

Das wirklich Überraschende für Marie war aber nicht, dass Mickes Bar nicht die heruntergekommene Spelunke war, die sie sich vorgestellt hatte, sondern dass die Kneipe fast bis auf den letzten Platz gefüllt und die allgemeine Stimmung der Gäste heiter, fast schon ausgelassen war. Auf einen Blick sah Marie mehr Menschen, als sie gestern bei ihrem Spaziergang durch den Ort getroffen hatte.

„Hierhin habt ihr euch also alle verkrochen“, murmelte sie leise vor sich hin.

Aus den Boxen klang eine Musik, die sie spontan als schwedischen Country definieren würde, und direkt an der Bar tanzte sogar ein älteres Paar dazu. Wobei tanzen vielleicht etwas zu viel gesagt wäre. Die beiden lehnten eng aneinander und wippten zum Rhythmus der Musik hin und her.

Was Marie wiederum nicht überraschte, war der Altersdurchschnitt der Gäste, den sie mit ihren 34 Jahren sicherlich um einiges unterschritt.

Dafür überkam sie umso mehr Erstaunen, als sich nach den ersten Schritten Richtung Raummitte ihre Perspektive plötzlich radikal änderte und der dunkle Fußboden mit rasender Geschwindigkeit auf sie zuzukommen schien. Sie war so vertieft in die Betrachtung der Bar gewesen, dass sie die zwei Stufen übersehen hatte, die vom Eingangsbereich in den Hauptraum hinunterführten. Ihr von den vielen Eindrücken der letzten Tage offenbar überlastetes Gehirn war nicht in der Lage, rechtzeitig einen rettenden Reflex an den Rest des Körpers auszusenden und so war Marie ungebremst dem Boden entgegengesegelt.

„Hoppla!“ Lennart hatte sich zu ihr umgedreht.

Marie glaubte, einen Anflug von Belustigung in seinem Gesicht zu erkennen. Ihr Knie schmerzte, doch sie beeilte sich aufzustehen, noch bevor Lennart ihr zu Hilfe kommen konnte.

‚Was für ein Auftritt.‘ Sie warf einen verstohlenen Blick in den Raum, wo sich in diesem Moment niemand rührte und alle Augen auf sie gerichtet waren. Dann setzte sie ein Lächeln auf.

„Hallo! Ich bin Marie, die Neue.“

Hier und da konnte Marie den Ansatz eines Nickens erkennen. Ansonsten verzog niemand der Anwesenden die Miene. Erleichtert stellte sie fest, dass die meisten Gäste sich schnell wieder ihren eigenen Gesprächen und Gläsern zuwandten.

Lennart grinste und führte Marie zu einem der Tische am Rand.

„Keine Sorge – das passiert mindestens einmal im Monat. Meistens zwar erst, nachdem Solveig ihren Selbstgebrannten hervorgeholt hat, aber so hast du es wenigstens schon hinter dir.“ Er lachte.

„Dann hab ich ja alles richtig gemacht.“ Marie verzog das Gesicht und schob sich auf die Sitzbank. „Wer ist Solveig?“

Wie aufs Stichwort trat eine ältere Frau an den Tisch und nickte Marie mürrisch zu.

„Solveig, das ist Marie. Sie übernimmt die Leitung der Tourismusabteilung“, erklärte Lennart. „Marie, Solveig ist Micke.“

Solveig runzelte die Stirn missbilligend. Aber Lennart lachte erneut und legte ihr freundschaftlich eine Hand auf den Arm.

„Nicht im wörtlichen Sinne natürlich. Sie und ihr Ex-Mann Micke haben das Lokal vor 40 Jahren aufgebaut. Aber der Nichtsnutz ist schon ein Jahr später abgehauen. Ist auch besser so – nicht wahr, Solveig?“

Die Miene der alten Dame hellte sich merklich auf. Ganz offensichtlich hatte Lennart damit ein Lieblingsthema von ihr angesprochen.

„Verdammt richtig, Lennart! Hätte er noch ein Jahr gewartet, hätte er die Bar höchstpersönlich in den Konkurs gesoffen. Nur schade, dass er sich aus dem Staub gemacht hat, ehe ich ihn rausschmeißen konnte.“ Sie zwinkerte Marie zu. „Was kann ich dir bringen, Kleines?“

„Ich …“ Marie stockte. „Was trinkt man denn hier?“

„Alfredssons“, antworteten Solveig und Lennart wie aus einem Mund.

„Unsere Brauerei ist der Stolz der Region“, erklärte Lennart.

Er lächelte auf eine Weise, die Marie als so etwas wie liebevollen Spott deutete und die sowohl seine Verwurzelung im Ort als auch eine Reflektion dessen durchscheinen ließ.

Nicht zum ersten Mal seit ihrer Ankunft musste Marie sich eingestehen, dass sie diese Reise unter normalen Umständen – ohne Trennung, ohne Sinnkrise und mit einer gründlicheren Vorbereitung – vermutlich nie angetreten hätte. Und trotzdem – ob es nun Abenteuerlust, Gleichgültigkeit oder Lennarts durchaus angenehme Anwesenheit war – sie konnte in diesem Moment keine Spur von Reue in sich finden.

Lennart hatte sich inzwischen wieder Solveig zugewandt. „Also zwei Alfredssons und zweimal …“

„… den Kartoffelauflauf mit Lachs. Schon notiert, mein Junge.“ Damit verzog Solveig sich Richtung Küche.

Marie betrachtete Lennart unauffällig. Normalerweise konnte sie es nicht ausstehen, wenn jemand einfach für sie mitbestellte. Doch seine ungezwungene Art gefiel ihr. Und an diesem Abend war sie froh, keine komplizierte kulinarische Entscheidung treffen zu müssen.

„Solveig ist so etwas wie der soziale Mittelpunkt Lågombys. Es sich mit ihr zu verscherzen, wäre also unklug.“

„Kann ich mir gut vorstellen.“

In diesem Moment klingelte Maries Handy. Sie beeilte sich, es aus ihrer Tasche zu nehmen, um nicht noch mehr aufzufallen. Von ihrem Display aus strahlte ihr ein Bild des Anrufers entgegen – Alex. Ein Foto aus einer Zeit, als sie selbst noch an diese Beziehung geglaubt hatte. Oder hatte sie das insgeheim nie wirklich getan? Hatte es sie vielleicht gerade deshalb so zu Alex hingezogen, weil sie wusste, dass mit ihm keine Zukunft möglich war? Dieser Frage wich Marie aus, seitdem sie in Rostock auf die Fähre gefahren war. Überrascht stellte sie nun fest, dass der Anblick seines Fotos kaum Schmerz in ihr hervorrief. Eher wirkte es unpassend, in dieser fremden Umgebung an ihn erinnert zu werden. Anscheinend hatte sie sich innerlich schon mehr von ihm verabschiedet, als ihr selbst bewusst gewesen war.

Sie drückte den Anruf weg, schaltete ihr Handy aus und lehnte sich über den Tisch zu Lennart hinüber.

„Also – nachdem ich mich schon selbst so charmant vorgestellt habe, erzähl mir doch bitte mal, mit wem ich es hier zu tun habe.“

Solveig stellte zwei randvoll gefüllte, nahezu schaumlose Gläser Bier vor ihnen ab und verschwand gleich wieder.

Lennart nickte und hob sein Glas. „Skål!“

Sie lächelte. „Skål!“

„Die meisten hier sind Bauern, Rentner und ehemalige Bergarbeiter. Dass wir hier ein kleines Altersproblem haben, ist dir ja wahrscheinlich schon aufgefallen. Für junge Leute gibt es hier nicht viel.“ Lennart strahlte sie an. „Aber das wollen wir ja ändern.“

„Moment – wir wollen den Tourismus ankurbeln.“

Lennart winkte ab. „Mehr Tourismus, mehr Arbeitsplätze, mehr Lebensqualität – ist doch alles das Gleiche.“

Marie wollte gerade ansetzen, um ihm zu widersprechen, doch Lennart nickte schon in Richtung des großen Tisches direkt neben dem Eingang. Dort saß eine Gruppe älterer Männer, für die Lennart das deutsche Wort „Stammtisch“ verwendete. Es waren Mitarbeiter von Alfredssons. Mit einem Anflug von Stolz erzählte Lennart, dass zu den besten Zeiten des Unternehmens halb Schweden Lager aus Lågomby getrunken hatte. Der Gründer, Pärre Alfredsson, hatte die Brauerei während des zweiten Weltkriegs aufgebaut. Bei den Minenarbeitern, die hier oben im Norden vor allem Eisenerz, aber auch Gold, Silber, Kohle und einige andere wertvolle Schätze aus dem Boden geholt hatten, war er auf eine durstige Kundschaft gestoßen. Mit dem Ende des Krieges nahm der Bergbau sogar noch zu und die neu angeheuerten Kumpels aus dem Süden begannen, Alfredssons auch in ihren Heimatregionen zu verbreiten. Fast 30 Jahre ging es stetig bergauf mit der Brauerei und dementsprechend auch mit Lågomby. Erst mit der großen Eisen- und Stahlkrise in den 1970ern begann auch der Bierdurst nachzulassen.

Marie folgte Lennarts Ausführungen leicht amüsiert. Es war unverkennbar, dass sich zu seinem beruflichen Interesse an der wirtschaftlichen Situation der Region auch eine gehörige Portion Lokalpatriotismus mischte.

„Wer ist denn der eine da?“ Sie nickte neugierig in Richtung eines Mannes, der sich in seiner äußeren Erscheinung von den anderen Gästen am Stammtisch abhob. Er war ungefähr so alt wie Marie, trug ein gut geschnittenes, blaues Hemd mit einer grauen Anzugsweste darüber und eine moderne Brille mit unauffälligem schwarzem Gestell. Sein hellbraunes Haar war kurz geschnitten und adrett frisiert.

„Ah, ein Blick fürs Wesentliche!“ Lennart lachte. „Das ist Jonas Alfredsson, Pärres Enkel. Sein Vater Stig leitet die Brauerei, noch.“

„Wieso noch?“

„Naja, Stig geht glaub ich auch schon auf die 70 zu.“

„Verstehe. Dann ist Jonas hier sowas wie der Kronprinz?“

Lennart nickte. „Eigentlich schon. Aber er macht kein Geheimnis daraus, dass er die Brauerei ganz neu ausrichten möchte. Und auf dem Ohr ist Stig taub. Auch wenn die Zahlen gegen ihn sprechen.“

Er unterbrach sich, als die Tür geöffnet wurde und ein Bär hereinpolterte – das hätte Marie zumindest geschworen, wenn man sie in dieser Sekunde gefragt hätte. Der Mann maß an die zwei Meter und schien auch von der Breite nur mit Mühe durch den Türrahmen zu passen. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass er schon weit jenseits der 80 sein musste.

Er grummelte etwas in die Runde und ging mit gesenkter Stirn auf den Stammtisch zu, wo er in stummer Einvernehmlichkeit begrüßt wurde.

„Das ist Ove“, erklärte Lennart. „Er ist so was wie ne Institution hier. Ove ist als kleiner Junge zu den Alfredssons gekommen. Seine Eltern sind früh gestorben. Pärre und er waren unzertrennlich, wie Brüder. Er hat die Brauerei quasi mit aufgebaut.“

„Und jetzt? Der muss doch schon lange in Rente sein.“

Lennart hob die Augenbrauen und zog die Luft ein. Marie registrierte darin die typisch nordschwedische Eigenschaft einer wortlosen Bestätigung – ähnlich, nur viel beiläufiger, wie ihre Schwedisch-Lehrerin zuhause es ihr vorgemacht hatte.

„Ove in Rente? Vorher geh ich in Ruhestand! Offiziell ist er immer noch Braumeister. Aber ich glaube, er ist eher so was wie der Berater der Familie.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme etwas. „Er hat immer mal wieder Probleme mit Alkohol gehabt. Jetzt ist er aber schon lange trocken.“