Lang taucht ab - Thea Fischer - E-Book
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Lang taucht ab E-Book

Thea Fischer

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Beschreibung

Mord am wunderschönen Ammersee.

Als Petra Rosenberger für eine Reportage auf dem Ammersee unterwegs ist, entdeckt sie unter Wasser einen Schopf Haare – die zu einer Leiche gehören. Es handelt sich um den frisch gewählten jungen Landrat Moritz Lang, der seit der rauschenden Wahlnacht vermisst wird. Petra Rosenberger will sich nicht schon wieder in Mordermittlungen hineinziehen lassen. Aber dann geraten ihre Mutter und ihre Freundin Birgit ins Visier der Polizei. Widerwillig forscht Petra nun doch in der Vergangenheit des jungen Landrats – und stößt auf dunkle Geheimnisse ... 

Ein Krimi voller skurriler Figuren, Intrigen und bayrischem Charme.

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über das Buch

Mord am wunderschönen Ammersee.

Als Petra Rosenberger für eine Reportage auf dem Ammersee unterwegs ist, entdeckt sie unter Wasser einen Schopf Haare – die zu einer Leiche gehören. Es handelt sich um den frisch gewählten jungen Landrat Moritz Lang, der seit der rauschenden Wahlnacht vermisst wird. Petra Rosenberger will sich nicht schon wieder in Mordermittlungen hineinziehen lassen. Aber dann geraten ihre Mutter und ihre Freundin Birgit ins Visier der Polizei. Widerwillig forscht Petra nun doch in der Vergangenheit des jungen Landrats – und stößt auf dunkle Geheimnisse.

Ein Krimi voller skurriler Figuren, Intrigen und bayrischem Charme

Über Thea Fischer

Thea Fischer ist das Pseudonym einer Journalistin, die für verschiedene Lokalredaktionen schreibt. Sie wurde in Augsburg geboren und ist in Oberbayern aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrer Familie am Ammersee.

Im Aufbau Taschenbuch ist bisher ihr Kriminalroman »Bürgermeister Hirsch geht baden« erschienen.

Mehr zur Autorin bei Instagram unter @fischer_thea sowie unter https://www.facebook.com/fischerthea

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Thea Fischer

Lang taucht ab

Mord am Ammersee

Kriminalroman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Impressum

Kapitel 1

Uferbereich Ammersee-West – im Frühjahr

Ich hasse Weihnachten! Moritz Lang betrachtet die unter Wasser stark aufgequollenen Christbäume. Sie sind stehende Gerippe, die unterhalb der Wasserlinie statt saftig grüner Nadeln einen wabernden schleimigen Algenbewuchs hängen haben. Über Wasser leuchten die stachligen Verästelungen in Weiß wie ein modernes Kunstwerk. Wie Lametta hängen grün-gelb schimmernde Algen an den Baumgerippen. Sie schaukeln sanft im Rhythmus der Wellen hin und her. Genau wie der leblose Körper von Moritz Lang. Er wird sanft im Wasser gewiegt. Die Elemente haben Moritz Lang übel mitgespielt.

Das eiskalte Wasser drückte ihn in die dunkle Tiefe, zog an ihm, schleuderte ihn herum, und schließlich ging es mit der tiefen Unterströmung des Ammersees auf eine weite Strecke wie auf einer Achterbahn, die zur Geisterbahn mutierte.

Unheimliche, wie aus der Steinzeit stammende Lebewesen gibt es im See. Besonders gefürchtet hat sich Moritz vor zwei Welsen, die mit ihren weit abstehenden Barteln sehr nahe an ihn herangeschwommen waren. Die beiden Fische waren fast zwei Meter lang und hatten eine glatte, schleimige und schuppenlose Haut, die Moritz genau betrachten konnte, so nah wie die beiden ihm gekommen waren. Die zwei Seeungeheuer, offenbar ein Pärchen, rochen an ihm, dabei sah er nur wenige Zentimeter von seinem linken Auge entfernt einen riesigen Schlund, der fast die ganze Breite des großen Kopfes einnahm. Auch einem Lager voller Aale kam er gefährlich nahe. Wie eklig! Mein schöner Body ist kein Tierfutter!

Zufrieden sieht er an sich herunter: Die knapp sitzende Jeans und das eng anliegende Hemd verbergen einen schlanken jungen Körper. Und überhaupt: Mit so schleimigen Fischen kann er gar nichts anfangen.

Noch sehr gut erinnert er sich an einen stolzen Fischer aus Fischau, dem letztes Jahr ein stattlicher Wels ins Netz ging. Einen harten Kampf hat der Wagner Sepperl, der selbst zu den wettergegerbten Urgesteinen von Fischau gehört, mit dem Tier ausgefochten, das fast so schwer gewesen war wie er selbst und auf jeden Fall größer. Beim Pressetermin mit dem stolzen Fischer, der die Trophäe präsentierte, konnte Moritz seinen Würgereiz nur schwer unterdrücken. Das als besonderes Highlight angepriesene Fischessen des erlegten Raubfisches bei einem der renommierten Seegastronomen sagte er mit einer Ausrede ab und verzichtete damit auf die Gelegenheit, Wahlkampf zu machen. Aber es hat ja auch so gereicht, denkt Moritz und schmunzelt vor sich hin. Landrat von Landsthal! Wer hätte das gedacht? Den Sesselfurzern, Kleinkrämern und Korinthenkackern an der Uni hat er es richtig gezeigt.

Zum Glück haben die beiden Waller vorhin von ihm abgelassen, offenbar passte er doch nicht in ihr Beuteschema. Jetzt ist Moritz aus den Tiefen des Sees wieder aufgestiegen, angelandet im flachen Wasser einer Ammerseebucht vor Fischau. Wie lange er unter Wasser verbracht hat und wie weit er von seinem Lieblingsbootshaus weggetragen wurde, kann er nicht recht einschätzen. Unter Wasser ging ihm jedes Zeit- und Raumgefühl verloren. In diesem nassen Grab will ich nicht bleiben! Verdammt, warum holt mich niemand raus? Moritz schickt erst seine Flüche und dann für alle Fälle noch seine Wünsche an alle höheren Mächte.

Hier in der flachen Bucht ist es auch nicht viel besser als in der Tiefe. Kleine Fische umkreisen ihn, aber wenigstens sind die Aale hier noch nicht auf ihn aufmerksam geworden. Die Plastikverpackung eines Sandwichs wird immer wieder gegen seinen Arm gespült, daneben schwimmt eine alte Kinder-Badelatsche. Seine rotbraunen Locken haben sich in den Spitzen der Weihnachtsbäume verfangen, die in alten betongefüllten Töpfen stehen. Der Sinn dieses Christbaum-Recyclings ist ihm noch immer nicht ganz klar. Und jetzt hängt er in dieser grotesken Weihnachtsunterwasserwelt fest. Sozusagen als Topping. Moritz Lang schnauft durch. Leise gluckst das Wasser an seinem Ohr, als wollte der See seine letzten Lebensgeister aufwecken. Außer einer einzelnen roten Christbaumkugel, die im Wasserbad langsam verblassen wird, sieht Moritz Lang wenig. Immerhin ist das Wasser in der Bucht heller. Jetzt müssen die Suchmannschaften ihn doch endlich finden.

Moritz Lang wehrt sich gegen den Gedanken, dass er tot ist. Er, das smarte Politikwunderkind, kann nicht tot sein! Auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere, als frisch gewählter neuer Landrat von Landsthal, muss er doch seine neue Macht genießen dürfen. Ich bin auch viel zu jung, um schon zu sterben, denkt Moritz. Gut, James Dean hätte ich überlebt, aber an Jesus Christ Superstar bin ich noch nicht herangekommen. Die Besten zuerst! Unter dem Aspekt könnte er sich einreihen, er, der stahlendende Stern der lokalen Politik, der Hoffnungsträger des Oberlandes … Bei seiner Eloquenz wäre sogar sein Fernziel Bundespräsident möglich. Herr über Landsthal!

Landsthal ist ein schmucker Voralpenlandkreis mit einer Kreisstadt, die mit einer entzückenden historischen Altstadt punkten kann, allerlei Kulturschätze aufweist und bis zum, vom Alpenpanorama flankierten, Ammersee reicht. Zum Landkreis gehört auch das Dorf Otterschwing. Moritz’ Wahlsieg ist ein Schritt auf der für ihn vorgesehenen Karriereleiter. Schon als kleines Kind saß er gebannt vor dem Fernseher, wenn die Mächtigen der Politik ihre Treffen abhielten. Genau studierte er die Männer in ihren dunklen Anzügen. Gut, es gibt schon lange eine Kanzlerin in Deutschland, aber sie muss ja auch die politische Schwerstarbeit machen und ständig die Egos derer, die an ihrem Stuhl sägen, im Zaum halten. In seinen kindlichen Tagträumen sah Moritz sich auf dem roten Teppich schreiten, und vorne stand wahlweise die Queen, der Papst oder ein hipper Präsident, je nachdem, wer gerade den besten Marktwert hatte. Das war schon immer sein Ziel, und jetzt soll schon Schluss sein? Wenigstens würden seine Gene weiterleben, dafür hat er noch sorgen können.

Am Ufer des Sees tut sich was. In der Ferne hört Moritz Lang das Bellen zweier Hunde. Und ein schwaches Rufen, das verzerrt nach seinem Namen klingt. Wenn er sich anstrengt, kann er vielleicht auf sich aufmerksam machen. Das ist die Josie, glaubt er zwischen dem ganzen Geglucker an seinem Ohr zu hören. Die Josie, die hätte die Eine sein können. Eine wilde Großstädterin, der er nicht viel vormachen kann. Sie sind sich in gewisser Weise ähnlich, nur dass Josie erstaunlicherweise von einem Biobauernhof träumt, den sie auf dem alten Hof ihres Opas, dem Altbürgermeister Johann Schmidt, in Otterschwing aufziehen will. Leider ist Josie schon durch ihren Punk-Look nicht für ein Leben als Landratsgattin geeignet. Obwohl, vielleicht hätte man auch die Taschentuch-Story mit Josies totem Vater Adi, der vor ihrer Geburt unter mysteriösen Umständen verschwunden war, ausschlachten können. Aber Moritz will lieber auf Nummer sicher gehen. Er hat andere Politikerkarrieren genau verfolgt und mitbekommen, dass die Wahl der Gattin für den politischen Erfolg sehr entscheidend werden kann.

Aber so ganz hat er von der Josie nicht lassen können. Sie verstehen sich auf einer tieferen Ebene wortlos, trinken auf dem Bankerl am Hof von Johann Schmidt Bier aus der Flasche, und wenn Josie ihn einlädt zu bleiben, dann bleibt er. Dass die Josie jetzt so nah ist, wundert Moritz nicht. Hier bin ich! Vielleicht ist das nervöse Hundetier, das sie in einem Anfall von »Wir müssen kurz die Welt retten« aus einem rumänischen Tierheim geholt hat und das so gerne bei ihr im Bett liegt, nun endlich zu etwas nütze. Moritz entschuldigt sich im Geiste bei der Hündin, da er sich in aller Heimlichkeit nicht immer ganz korrekt verhalten hat. Such, Caro, such!

Josie steht am Ufer und redet auf ihre braune Mischlingshündin Caro ein. In der Bucht ist irgendetwas, das spürt sie, und Caro soll im Wasser suchen. Doch Caro ist wasserscheu, sie jault laut und schaut Josie mitleidheischend an.

Josie beschließt, selbst ins Wasser zu waten, und zieht die Schuhe und Strümpfe aus. Aber schon nach kurzer Zeit sind ihre Füße in dem noch kalten Wasser des Ammersees zu Eisklumpen gefroren, und auf den Steinen ist es sehr rutschig. »Das hat keinen Sinn!«, sagt sie zu ihrer Hündin.

Caro bellt bestätigend. Jetzt kommen noch weitere Spaziergängerinnen heran.

»Servus Josie«, sagt Marlene Hirsch und stupst ihre Tochter Franziska an.

»Hallo«, drückt diese raus.

»Willst du kneipen?«, fragt Marlene und schaut auf die bloßen Füße von Josie. An ihrer linken Wade ist deutlich ein kleines Tattoo zu sehen. Josie will nicht vor der Franzi zugeben, dass sie den Moritz sucht und irgendwie von der kleinen Bucht angezogen wurde.

»Ich wollt nur schauen, ob man bald baden gehen kann«, sagt sie zur Marlene. »Aber das Wasser ist noch zu kalt«.

»Ja mei, des werd scho, is ja grad erst Anfang Mai«, sagt Marlene. »Aber die Stand-up-Paddler sind schon seit ein paar Wochen auf dem See unterwegs.«

Franziska hält das Geplauder nicht mehr aus und wendet sich an Josie. »Weißt schon was wegen dem Moritz?«

»Nein, ich hab nichts gehört«, sagt Josie, wendet sich ab und beginnt sich die Strümpfe wieder anzuziehen. »Und ihr?«

Diesmal antwortet Marlene mit einem resignierten Kopfschütteln. »Ich versteh net, warum der Moritz abgetaucht ist. Viel Zeit hat er nimmer, im Landratsamt sind alle schon ganz narrisch. Der neue Kreistag wartet, und Moritz muss doch die Amtsgeschäfte übernehmen.«

Die Franzi sagt: »Am Handy geht nur die Mailbox dran und keine Antwort auf meine Nachrichten. In seiner Wohnung ist er auch nicht, hat seine Hauswirtin g’sagt. Wo kann der Mors nur sein?«

Josie weiß es wirklich nicht, aber sie hat eine Ahnung, dass der Moritz, der es im Übrigen hasste, wenn ihn jemand in der Öffentlichkeit Mors nannte, nicht ganz freiwillig abgetaucht ist. Oder steckt gar eine weitere Frau dahinter, mit der er noch ein paar schöne Tage verbringen will, bevor sein Spießerleben als Landrat offiziell beginnt?

Marlene hat auch ihre Vermutungen, aber keine guten. Schließlich ist es nicht allzu lange her, als herauskam, was mit dem Adi, der zuletzt in Otterschwing vermisst wurde, passiert ist. Der Adi war der Vater von Josie, aber Josie hat ihn nie kennengelernt und immer geglaubt, der Adi habe ihre Mutter in Berlin schwanger sitzenlassen. Jahrelang haben alle in Otterschwing angenommen, der Adi mache sich in Berlin einen schönen Lenz und wolle von seinen Eltern und den beiden Jugendfreunden Theo und Sepp in Otterschwing nichts mehr wissen. Erst die Recherchen von Petra Rosenberger, der damaligen Redakteurin vom Seekurier, und ihrem Team, der SOKO Benedictum, haben die Wahrheit ans Licht gebracht: Der Adi Schmidt lag jahrzehntelang unterm Findling an der alten Weide in Otterschwing und war vermutlich im Streit von Marlenes eigenem Mann, dem Bürgermeister Theobald Hirsch, der vor knapp zwei Jahren unter mysteriösen Umständen verstorben ist, erschlagen worden. Eine juristische Klärung der Vorfälle gab es nicht, aber Marlene spürt eine moralische Schuld. Seither sitzt der Letzte der drei Jugendfreunde, der Sepp Bledschneider, in der geschlossenen Psychiatrie im Allgäu. Zusammen mit Petra Rosenberger, die inzwischen bei der Münchner Postille arbeitet, kümmert sich Marlene seither um den Sepp. Der Ökoaktivist war einigen der Oberen ganz gehörig auf die Finger getreten und wusste wohl auch zu viel über die wahren Hintergründe des gescheiterten Projektes »Pilsen-Therme«, die in Otterschwing gebaut werden sollte. Die Ruinen sind zwar großteils entfernt worden, aber den Hang ziert noch eine dicke braune Narbe.

Moritz Lang wird das Gerede am Ufer langsam fad, zumal der Ostwind nur Satzfetzen zu ihm herüberträgt. Dass man in der Kreisstadt dringend auf ihn wartet, so viel hat er mitbekommen. Lange hat er auf diesen Moment warten müssen, und jetzt steckt er in den blöden Christbäumen fest!

Dieses dämliche Weihnachten, das Fest mit der erzwungenen Harmoniesoße, die mir meine Ärmlichkeit immer so deutlich vor Augen geführt hat.

Er erinnert sich, wie er als Vierzehnjähriger jeden Tag im Stadtwald in geborgten Turnschuhen gelaufen ist, um seinen Chips-und-Cola-Speck wegzubekommen. Er hat Zeitungen ausgetragen und andere Botengänge erledigt, um das schmale Salär seiner alleinerziehenden Mutter aufzubessern. Eine Zeit lang ist er sogar auf vegetarisches Essen umgestiegen und hat die Mülltonnen des einzigen Biomarktes in seiner Hood regelmäßig nach essbaren Abfällen inspiziert. Aber wenn er den Stadtteil verließ, war er immer topmodern gekleidet und sprach ohne Dialekt. Auch in seinem Provinzgymnasium fiel er, der vaterlose Junge aus der Siedlung, positiv auf. Den endgültigen Durchbruch hatte er mit dem Börsenspiel in seiner AG, wo ein Mentor die Schüler in die Geheimnisse des Kapitalmarktes einführte. Nebenbei investierte er etwas Taschengeld und konnte auf Anhieb eine ordentliche Summe einstreichen. Das war seine Basis für einen Studienbeginn nach Maß in der Hauptstadt, wo Moritz die Enge seines bisherigen Lebens zurückließ, ohne sich einmal umzuschauen.

Seine Mutter und seine Schwester himmelten ihn an, denn sie hofften, er würde aus der Hauptstadt als Retter zurückkommen. Seine Mutter schickte ihm trotz ihrer mageren Einkünfte jeden Monat etwas Geld, denn Bildung war für sie der Schlüssel zu einem guten Leben.

Moritz hat in Otterschwing und im Wahlkampf keine Details über seine Jugend preisgegeben. Auch mit Informationen aus seiner Studienzeit in Berlin ist er äußerst sparsam umgegangen, allerdings hat er immer gerne auf seinen sehr guten Uniabschluss an der FU Berlin hingewiesen. Auch eine Anstellung im Deutschen Bundestag erwähnte er immer wieder. Dass diese Anstellung lediglich ein kurzes Praktikum gewesen war, verschwieg er.

Vor etwa einem Jahr wurde Moritz in Otterschwing vorstellig. In der CSU-Fraktion in Berlin hatte er mitbekommen, dass im beschaulichen Otterschwing ein neuer Bürgermeister gesucht wurde, da es wohl keine geeigneten Kandidaten aus den eigenen Reihen gab. Flugs hatte Moritz sich in den Besoldungstabellen für hauptamtliche Bürgermeister über das mögliche Einkommen informiert und war positiv überrascht gewesen. Und das Beste: Nach noch nicht einmal zwei vollen Amtszeiten, nach zehn Jahren, war es möglich, bereits seinen Pensionsanspruch zu genießen. Man musste nur den Gemeinderat überzeugen, die Pension gleich zu gewähren, nicht erst, wenn man schon alt und grau war. Da würde ihm schon etwas Glaubwürdiges einfallen, dachte Moritz.

Vor Ort stellte sich bei einem Sondierungsbesuch heraus, dass er gleich eine Nummer höher einsteigen könnte, denn auch der Posten des Landrates wurde neu vergeben, da der bisherige Amtsinhaber von der CSU nicht mehr antrat. Die Erste, die Moritz Lang auf seine Seite zog, war die verwitwete Bürgermeistersgattin Marlene Hirsch, in deren Ferienwohnung er bei seinem ersten Erkundungsbesuch Quartier bezogen hat. Allerdings ist damals diese Rosenberger aufgetaucht und hat ihn mit neugieren Fragen überzogen. Diese Journalistin hält er lieber auf Abstand. Deshalb hat er es auch vorgezogen, sich eine kleine Wohnung in Otterschwing zu nehmen, die Marlene ihm vermittelt hatte. Zum Glück wohnt die Rosenberger jetzt ja nicht mehr in der Nähe, aber für seinen Geschmack taucht sie noch deutlich zu oft auf.

Moritz hört vom Ufer her auch jetzt schon wieder ihren Namen. Offenbar will Marlene die Journalistin über sein Abtauchen informieren, aber Franzi widerspricht ihrer Mutter energisch: »Das würde den Mors in ein schlechtes Licht rücken! Bestimmt druckt sie das gleich in ihrer Vermischten-Rubrik.«

Marlene wundert sich, dass ihre sonst so stille Tochter Franzi sich so engagiert. Offenbar ist zwischen dem Moritz und der Franzi doch mehr gelaufen, als beide zugegeben haben. Marlene zieht eine Augenbraue hoch und schaut ihre hübsche Franzi an, die ein ganz anderer Typ ist als die schwarzhaarige Josie mit ihrer blassen Haut und den blauen Augen. Die Franzi dagegen sieht ihrem Vater, dem flotten Theo, ähnlich mit ihren braunen welligen Haaren, den gesunden rosigen Wangen und den vollen Lippen.

Der Theo hat seine beiden Mädchen, die Franziska und die zwei Jahre jüngere Anna, nach Strich und Faden verwöhnt, trotzdem sind beide bodenständig geblieben. Besonders die Franzi ist Marlene eine große Hilfe bei der Bewirtschaftung der drei Ferienwohnungen auf dem Hölzle-Hof. Die drei Frauen sind nach dem Tod vom Theo eng zusammengerückt, sodass sie kaum Geheimnisse voreinander haben. Der Theo hätt sicher spöttisch etwas von einer »Weiberwirtschaft« gesprochen, denkt Marlene bei sich.

Und in dieser Weiberwirtschaft hat sich der Moritz Lang von Anfang an sehr wohlgefühlt. Marlene hatte das Gefühl, einen Ziehsohn bekommen zu haben, und ihren Töchtern gegenüber benahm er sich äußerst ritterlich. Aber Franzi sieht wohl weit mehr im Moritz als einen großen Bruder.

Der Theo jedenfalls hat es mit der Treue nicht so genau genommen, und Marlene muss immer noch an sich halten, um seiner letzten Verflossenen, der Metzgereifachverkäuferin Tina, nicht eine Watschen zu verpassen, wenn die beiden Frauen sich zufällig im Ort treffen. Die Tina ist doch glatt monatelang in schwarzer Kleidung herumgelaufen und hat wegen des schlimmen Traumas, das der Tod vom Theo ihr zugefügt hat, nicht mehr arbeiten können. Ganz so, als wollte sie im Dorf zeigen, dass sie und nicht Marlene die wahre Liebe vom Theo gewesen ist. Diese Flitschen!

»Sucht eigentlich die Polizei nach dem Moritz?« Josie reißt Marlene aus ihren Gedanken.

»Offiziell nicht, aber sie halten die Augen offen«, entgegnet Marlene. »Ein Erwachsener kann jederzeit seinen Aufenthaltsort ändern, deshalb braucht man eine gute Begründung, wenn man ihn als vermisst melden will. Und für seinen neuen Posten muss er auch noch nichts Amtliches machen. Er hat in der Wahlnacht gleich sein Amt angenommen. Amtsantritt ist am zweiten Mai.

Offiziell ist die Wahlnacht der letzte öffentliche Auftritt von Moritz, der nach der erfolgreichen Stichwahl auch dem Fernsehen Interviews gegeben hatte. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war seine Wahl die Sensation im Politikbetrieb, und so schaffte er es beim ersten Wahlgang auch in die ARD-Tagesthemen. Danach hat er eine Flut von Nachrichten bekommen und viele Glückwünsche. Einige davon auch aus seiner Vergangenheit, aber die ignorierte er. Das wirbelt zu viel Staub auf, hat ihn eine innere Stimme gewarnt.

Jetzt hat Moritz Lang genug vom Gespräch der drei Frauen. Josie ist doch schon auf der richtigen Fährte!, denkt er. Seine Hoffnung, dass ihn eine der drei entdeckt, schwindet, als sie sich wieder vom Ufer entfernen. Wie lange soll er hier noch wie eine Alge hin und her geworfen werden? Er will raus aus seinem nassen Grab, und er wünscht sich eine schöne Beerdigung, die die bislang größte von Bürgermeister Theobald Hirsch noch in den Schatten stellt.

Angestrengt denkt er darüber nach, wie er überhaupt in dem kalten Ammersee gelandet ist. Aber es will ihm nicht einfallen. Amnesie, denkt Moritz. Gut kann er sich noch an das Händeschütteln, die vielen Gratulanten und die bewundernden Blicke am Wahlabend erinnern. Die Mango kam stilecht mit einer eisgekühlten Flasche besten französischen Champagners. Danach war da nur noch gähnende Leere, ein tiefes blickloses Loch, in das er nicht zu steigen vermochte …

Vielleicht fällt es ihm bald wieder ein, wenn er in einem warmen, mit königsblauen Samt ausgepolsterten Eichensarg liegt und nicht mehr in dieser nassen Kältekammer.

Kapitel 2

Redaktion Münchner Postille

In München ist die Luft an diesem Montagmorgen bei der Wochenkonferenz im Besprechungsraum der Münchner Postille schon etwas stickig. Petra Rosenberger ist nicht bei der Sache, denn Marlene Hirsch hat sie vorhin unter der Hand informiert, dass es wieder einen Vermissten in Otterschwing gibt. Natürlich bemerkt auch ihre kritische Chefin, Caroline Morgenstern, dass Petra sich bislang wenig beteiligt hat und seltsam blass wirkt.

»Petra, möchtest du uns an deinen Gedankten teilhaben lassen?«, fragt sie schnippisch. »Oder hast du gar eine gute Idee für das Journal? Offenbar brauchst du mal wieder frische Luft.«

Petra versucht, eine Antwort zu geben, aber da redet die Morgenstern gleich weiter: »Öko-Fisch ist total im Trend. Und natürlich am besten regional. Kann man die Fische aus dem Ammersee als Bioprodukt vermarkten?«

»Wenn du die Ammersee-Renke meinst, dann würde ich schon sagen, dass das ein Naturprodukt ist. Aber ob die in den bayerischen Seen schwimmenden Fische ein Extra-Label brauchen? Ich glaube eher nicht, denn das ist ja ein jahrhundertealtes Handwerk«, meint Petra.

»Super, dann mach doch gleich eine Reportage über den Fischfang! Und vergiss den Öko-Aspekt nicht«, befiehlt ihr die Morgenstern in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet.

Dass Petra eher eine gute Wurstsemmel zu schätzen weiß, hat ihre Chefin sehr wohl mitbekommen. Mit Fisch hat Petra bislang bei der Münchner Postille wenig zu tun gehabt, außer bei einem Bericht über den Fang eines Wallers in Fischau im letzten Jahr, den sie für ihre Vermischten-Seite gut verwenden konnte. Petra kann sich auch noch gut an die Sommerreportagen beim Seekurier erinnern, mit denen das Sommerloch alljährlich gestopft werden musste.

Nachdem es beschlossene Sache ist, ruft Petra nach der Konferenz ihren ehemaligen Kollegen Rainer Ortlieb vom Seekurier in Fischau an. Er scheint sich zu freuen, dass sich Petra bei ihm meldet. Bevor sie zu Wort kommen kann, erzählt er ihr schon den neuesten Aufreger in Fischau. »Stell dir vor, die Dings, die Freie aus Frausching hat doch tatsächlich einen Regionalkrimi vom Ammersee veröffentlicht! Und dazu noch in einem Hamburger Verlag! Wie das gegangen ist, würd’ mich brennend interessieren.« Rainer Ortlieb schimpft noch eine Weile und endet dann mit den Worten: »Eigentlich bin ich ja der bessere Autor, wenn ich endlich dazu kommen würde, einen Roman zu schreiben. Aber anderseits – wer braucht schon einen Krimi, in dem der Sonnenaufgang am Ammersee beschrieben wird?«

Petra kann die Haltung ihres Kollegen nicht nachvollziehen. Sie selbst hatte auch mal schriftstellerische Ambitionen, war aber bei ihren Schreibversuchen nie über Seite vierzig hinausgekommen. Nach dem dritten Romananfang hat sie es aufgegeben, aber seither weiß sie die Leistung der Autoren besser zu würdigen. Diplomatisch sagt sie zu Rainer: »Da freue ich mich doch jetzt schon auf deinen Roman, der wird sicher ein Bestseller. Rainer, mal ganz was anderes, ich komme bald beruflich zu euch an den See raus. Ich bräuchte mal eine Info, wer von den Fischern in Fischau der Presse zugetan ist.«

»Der Wagner Sepperl ist ein Netter und auch recht fotogen«, meint Ortlieb und diktiert Petra die Telefonnummer. Sie verspricht, auch bei Rainer Ortlieb in der Redaktion vorbeizukommen und mit ihm einem Kaffee zu trinken. Dabei kann sie ja dann auch gleich in den Krimi der Kollegin reinlesen, vielleicht wär das ja auch was für die Postille?

Ortlieb zieht sie bei jedem Treffen damit auf, dass sie bei der Münchner Postille im Bereich Vermischtes gelandet ist. »Na, was macht der Otter, eh, Bieber?«, fragt er jedes Mal mit einem breiten Grinsen im Gesicht, wenn es um Berufliches geht. Denn Petra sieht sich eigentlich als politische Journalistin und ist nach den Vorfällen um die Pilsen-Therme Knall auf Fall vom Seekurier in Fischau nach München gewechselt. Dort hieß es aber schon bald, dass Petra Rosenberger im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtages, nicht erwünscht sei und deshalb dem Resort Panorama, Vermischtes und Wochenendjournal zugeordnet werde. Einem Ressort, mit dem Petra ihre liebe Mühe hat. Weder kann sie sich die Namen der Handtaschenhunde der It-Girls merken, noch erkennt sie teure Accessoires auf Anhieb. Und es interessiert sie nicht die Bohne, welcher Prominente sich mal wieder so danebenbenimmt, dass ihm oder ihr nur mehr der Ausweg Entzugsklinik bleibt. Immerhin hat sie ganz gute Kenntnisse bei den europäischen Adelshäusern, die zum Glück auch recht aktiv sind und ständig für die Hochzeiten des Jahres sorgen und mit der nächsten royalen Schwangerschaft aufwarten. Da wird selbst die Einschulung der kleinen Prinzen und Prinzessinnen zum Aufmacher.

Insgeheim sehnt sich Petra nach ihrem alten Posten beim Seekurier zurück und ruft in den Sommermonaten täglich die Webcams auf, die auf den Ammersee zeigen. Eine örtliche Segelschule in Fischau hat einen Panoramablick auf ihrer Webseite, die auch noch gleich die Wetterdaten und die Wassertemperatur mitliefert. Petra klickt auf das Lesezeichen in ihrem Webbrowser. Am Steg der Segelschule hängen schon ein paar Boote, aber jetzt zu Beginn der Saison sind vor allem die Jollen noch nicht im Wasser. Wassertemperatur: 13,5 Grad, liest Petra. Das ist ja noch eisig! Hoffentlich entfaltet die Maisonne bald genug Kraft, damit sie zu Pfingsten im See schwimmen kann. Petra liebt die Schwimmrunden im warmen Ammersee mit Blick nach vorn auf Andechs und dem Alpenpanaroma zur Seite. Dann und wann kommt ein Dampfer vorbei, und die beiden Schaufelraddampfer der Ammersee-Flotte machen schöne Wellen. Wie am Meer. Ach, wär doch immer Sommer! Petra seufzt.

Ihre Kollegin Miri spricht sie von der Seite an: »Schaust dir wieder die Seebilder an? Kann man schon baden gehen?«

»Das dauert noch«, meint Petra. Bei vierzehn Grad Wassertemperatur hält man es nicht lange unbeschadet im See aus. Sie ruft eine Informationsseite im Internet auf und erfährt, dass ein Schwimmer bei zehn Grad warmem Wasser nach einer Stunde bewusstlos wird und maximal bis zu drei Stunden überleben kann. Bei fünfzehn Grad Wassertemperatur verdoppelten sich die Zeiten schon. Petra hofft, dass sie nicht mit dem Fischer in ein wackliges Fischerboot steigen muss, sondern die Reportage vom Land aus machen kann. Die Gegend um den Ammersee ist noch halb im Winterschlaf, und die Wasserwachten sind noch nicht im Dauereinsatz. Dann könnte es eine Weile dauern, bis jemand sie findet, sollte das Boot kentern oder Petra aus reiner Ungeschicklichkeit ins Wasser fallen. Petra wird außerdem schnell seekrank, aber hier in der Postille darf sie nicht so mimosenhaft wirken, deshalb behält sie ihre Befürchtungen für sich.

Zum Glück reißt ihre Kollegin Miri sie jetzt aus ihren Gedanken und geht mit ihr zum Mittagessen in die Kantine, wo es eins von Petras Lieblingsgerichten gibt: Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat.

Frisch gestärkt ruft sie anschließend beim Wagner Sepperl in Fischau an.

»Grüß Gott, Fischverkauf Wagner Josef«, brummt eine männliche Stimme.

»Grüß Gott, Herr Wagner, hier ist die Petra Rosenberger von der Münchner Postille. Wir kennen uns aus meiner Zeit beim Seekurier«, säuselt Petra ins Telefon.

Zum Glück ist der Sepperl sofort bereit, sich auf die Reportage einzulassen. Am liebsten sei es ihm, wenn Petra über Nacht in Fischau bleibe, denn er starte schon um halb fünf Uhr in der Früh zum Fischfang. Und da muss Petra mit dabei sein, bestimmt er.

Petra plant bei ihrem Besuch am Ammersee auch gleich ein, mit ihrer Mutter Gertraud neue Sommersachen und Sandalen einzukaufen. Damit liegt ihr Gertraud schon seit Ostern in den Ohren. Und übernachten will Petra bei Marlene Hirsch in Otterschwing. Zunächst erreicht sie niemanden, aber dann ruft Marlene sie in der Redaktion zurück.

»Das Gästezimmer steht bereit«, sagt sie, »oder brauchst du eines der Ferienapartments?«

»Nein, ich bleib nur eine Nacht und muss dann auch sehr früh raus«, meint Petra und kündigt ihr Kommen für Mittwoch an. Dann hat sie genügend Zeit, den Artikel bis zum Redaktionsschluss am Freitag um fünfzehn Uhr zu schreiben. Auch ihrer Mutter sagt sie Bescheid, dass sie sie am Donnerstagnachmittag für den Einkaufsbummel abholt. Am Mittwochvormittag will sie dann noch bei Rainer Ortlieb vorbeischauen. Petra erstellt laut den neuen Spesenrichtlinien der Postille einen kurzen Plan ihrer Fischereireportage und schickt ihn ihrer Chefin zum Abzeichnen. Und es gibt Neues vom Bieber. Sein am Flughafen zurückgelassener Affe wird Papa! Den nächsten Tag will sie schon mal zur Recherche über den Fischfang auf dem Ammersee nutzen.

Am Abend hat Petra ein After-Work-Treffen mit ihrer Freundin Birgit geplant. Dabei erfährt sie immer Birgits neue Dating-Katastrophen vom Wochenende. Birgit ist bei zwei Portalen angemeldet, denn sie versucht schon seit geraumer Zeit, den richtigen Partner zur Familiengründung zu finden. Lang will Birgit nicht mehr warten, denn sie geht schon stramm auf die Vierzig zu. Petra kann den drängenden Kinderwunsch ihrer besten Freundin verstehen, fühlt sich aber selbst noch nicht so unter Druck, obwohl auch sie die Fünfunddreißig schon hinter sich gelassen hat.

Als Petra zum verabredeten Lokal an der Münchner Freiheit kommt, sieht sie Birgit draußen sitzen und eine Zigarette rauchen. Kein gutes Zeichen!

»So schlimm?«, begrüßt sie ihre Freundin mit einer Umarmung.

»Nächste Station – Samenspende!«, antwortet Birgit mit einem schiefen Lächeln.

Dabei hat sie am Freitag noch so hoffnungsvoll geklungen, denn der Kandidat des Wochenendes war ein solider Handwerker aus dem Allgäu. Aber wie sich herausstellte, sucht der nette Kemptener auf keinen Fall eine Frau, die noch Kinder will.

»Ich weiß bald nicht mehr weiter. Sobald das Thema Kinder aufkommt, ist Sense! Von ›Leben genießen‹ und ›Ruhestand mit fünfundfünfzig‹ ist dann die Rede, ganz so, als wollten sich die Herren von den Damen für den Rest ihres Lebens aushalten und von vorn bis hinten bedienen lassen«, jammert Birgit. Petra hat bei ihren wenigen Dating-Versuchen, die sie vor allem Birgit zu verdanken hatte, zwar einige sehr nette Männer kennengelernt, aber keiner eignete sich als fester Partner. Und dann gibt es ja auch noch einen ganz speziellen Kollegen aus ihrer Zeit als Volontärin …

Am Mittwochmorgen bricht Petra zeitig auf. Ihren praktischen VW Polo hat sie behalten, auch wenn die Parkplatzsuche in München sie jedes Mal Zeit und Nerven kostet. Wenn Petra einen guten Parkplatz ergattert, überlegt sie es sich zweimal, ob das Auto wirklich bewegt werden muss. Zur Arbeit fährt sie sowieso mit der Tram, die in der Nähe ihrer kleinen Zweizimmerwohnung hält und sie ohne Umsteigen in die Redaktion der Postille bringt. Dass ihre Wohnung keinen Balkon hat, stört Petra gewaltig. In Fischau hatte sie eine schöne Terrasse, auf der sie im Sommer gerne saß, aber sie muss froh sein, nun diese Wohnung gefunden zu haben, die ihr eine Kollegin zugeschanzt hat. Ihre ersten drei Wochen in München verbrachte sie auf der Gästecouch ihrer Freundin Birgit, und danach hat sie ein WG-Zimmer für einen Monat Zwischenmiete bezogen. Dann kam dann das Angebot der Kollegin, und jetzt zahlt Petra jeden Monat eine Stange Geld für die Miete. Schön ist ihr neues Viertel, die Maxvorstadt, zweifellos, und sie fühlt sich wohl. Aber trotzdem überkommt sie immer wieder die Sehnsucht und das Heimweh nach dem Ammersee.

Schon bei der Abfahrt von der Lindauer Autobahn Richtung Ammersee-West merkt Petra, wie ihr Gute-Laune-Pegel steigt. Die grüne Landschaft, die prägnanten Kirchen mit ihren weithin sichtbaren Kirchtürmen, das Blau des Sees und drum herum das Alpenpanorama – Petra jauchzt innerlich vor Glück.

Aber der sentimentale Anfall ist schnell vorbei, als sie mit ihrem kleinen Polo von einem dicken BMW geschnitten und gleich drauf von einem anderen SUV angehupt wird. Mama-Taxi on tour steht auf dem Heck.

In Fischau angekommen, parkt Petra auf dem großen Parkplatz in Seenähe. Bevor sie zum Fischer Sepperl geht, schaut Petra bei der Redaktion vom Seekurier vorbei. Rainer Ortlieb begrüßt sie mit großem Hallo.

»Bist du wegen Moritz Lang hier?«, fragt Rainer. »Hast ja schon Übung im Lösen von Vermisstenfällen«, neckt er Petra und spielt auf den Vermisstenfall Adi Schmidt an, den Petra in ihrer Zeit beim Seekurier aufgeklärt hat.

»Nein, nein, deswegen bin ich nicht da«, wehrt sie ab. »Mit solchen Fällen will ich nichts mehr zu tun haben. Da wirst du bedroht, und am Schluss will dir die Kripo noch was anhängen, und die Wahrheit interessiert eh keinen.« Den letzten Halbsatz fügt Petra wegen Ortlieb an, der über die Geschichten vom verschwundenen Adi Schmidt, den toten Bürgermeister Theobald Hirsch und die im Rohbau den Hang hinuntergerutschte Pilsen-Therme den Mantel des Schweigens gebreitet hat. Ortlieb versteht die Anspielung sofort und zuckt auch gleich zurück. Petra fragt, wie er die Situation um den verschwundenen Moritz Lang einschätzt. Ortlieb vermutet, dass der junge Bursche Muffensausen vor seinem neuen Amt bekommen haben könnte, aber bestimmt bald wie Phönix aus der Asche wieder auftauchen und in Landsthal die Geschäfte übernehmen wird.

»Ein wirkliches Talent, dieser Moritz!«, setzt Ortlieb nach und drückt seine Bewunderung mit einem hochgestreckten Daumen aus. Zum Thema Fischerei druckt Ortlieb ihr einen Artikel zum traditionellen Fischerjahrtag Peter und Paul aus. Nachdem er den neuesten Klatsch aus Fischau erzählt hat, versorgt Ortlieb Petra noch mit den neuesten Exemplaren des Seekuriers.

Sie verlässt die Redaktion und geht weiter zum Fischgeschäft Wagner. Der Sepperl erwartet sie schon und führt sie erst mal durch seinen Betrieb. Der Fang sei ganz passabel gewesen, meint er und deutet auf eine Plastikwanne mit silbrigen toten Fischen. Siebzig Renken habe er heute gefangen, erzählt er.

Zum Interview geht’s in die Küche, natürlich auch hier: überall Fisch. Petra nimmt ein Halsbonbon aus ihrer Tasche, so viel Fisch ist fast zu viel für sie. Zum Glück wird ihr bald ein starker Kaffee serviert und dazu ein paar Kekse.

Der Sepperl spricht langsam, aber viel, und fängt erst mal mit der Historie an. Organisiert sind die Fischer in einer Fischereigenossenschaft, und der Zunftbrief wurde im Jahr 1691 ausgestellt. Damals wurde auch noch mehr auf die Etikette geachtet. Wenn die Zunftmitglieder fluchten oder dem anderen Geschlecht außerhalb der Ehe körperlich zu nahe kamen, waren Strafzahlungen in Form von Geld oder Wachs fällig. Heute ahne man eher berufliche Verstöße, beispielsweise ein Nichtbeachten der Schonzeiten oder Netze mit zu engen Maschen auszuwerfen, erzählt Sepperl. Freilich konnten schon früher die Fischer nicht vom Fang alleine leben. Pilgerüberfahrten nach Andechs unterstützten damals den Lebensunterhalt der Fischerfamilien, heute ist es der Bootsverleih.

»Wir ham auch ein paar Tretboote und ein paar Ruderboote, da vorn am Steg«, sagt der Sepperl. »Für Ihre Geschichte lernen S’ jetzt aber erst mal, wie man so einen Fisch ausnimmt«, bestimmt er und macht sich bereit zum Arbeiten. Petra bekommt auch eine Gummischürze und Handschuhe sowie ein Häubchen für die Haare.

Die silbrige Renke ist noch feucht vom Vorwaschen und schaut sie mit einem Auge an. Geschickt schuppt der Sepperl den Fisch, schneidet in auf und nimmt ihn aus. Dann wird die Renke noch mal gewaschen und landet in einem Edelstahlbehälter.

»Der ist für das Restaurant Ammerhof«, sagt der Fischer und nickt Petra aufmunternd zu. Sie bemüht sich redlich, aber beim Schuppen und Ausnehmen muss der Sepperl helfen.

»Bleib lieber beim Schreib’n«, kommentiert er ihre Arbeit und schüttelt den Kopf. »Komm morgen früh um vier ans Bootshaus, das dritte von links an der Promenade, und zieh dich gscheid an. Jetzt muss ich noch meine Arbeit machen«, schließt er die Diskussion ab.

Petra macht noch ein paar Fotos vom Sepperl bei der Arbeit, bis es ihm reicht und er sie mit einer Handbewegung rausscheucht.

Jetzt braucht Petra auch dringend frische Luft und geht zur Seepromenade hinunter. Auch wenn man den See nicht so intensiv riecht wie das Meer, so verändern sich doch der Geruch und die Luft am Ufer. Ein leichter Ostwind weht Petra entgegen. Leise klatscht das Wasser an die Ufermauer. Die Wasservögel, Schwäne, Gänse, Möwen und Enten, sind auch schon zahlreich versammelt, und Petra muss aufpassen, damit sie nicht in Vogelkot steigt.

Nach ein paar Minuten wird es ihr zu kalt, und sie geht zur Bäckerei und holt ein paar Stücke Kuchen und Gebäck. Diese sind für den Kaffeeklatsch mit Marlene Hirsch gedacht. Die Bürgermeisterwitwe Marlene und Petra sind sich vor allem beim Versuch, den Bledschneider Sepp aus der Psychiatrie zu holen, nähergekommen. Die letzte Pressekampagne hat zumindest für eine Lockerung gesorgt, und der Sepp darf jetzt immer wieder tageweise aus der Klinik. »Alltagserprobung« nennt sich das.

In Otterschwing fährt Petra zuerst zum Friedhof, um das Grab ihres Vaters Justus zu besuchen. Auch bei Theo Hirsch und Adalbert Schmidt schaut sie vorbei und trifft dabei Johann Schmidt, der gerade das Unkraut um das Grab herum auszupft. Der alte Mann kann sich kaum bücken.

»Kann ich helfen?«, fragt Petra.

»Ja Madl, schön, dass du da bist. Die Gemeinde hat mir geschrieben, ich muss des Unkraut wegmachen. Mit Frist!«, empört sich der Johann. »Haben die keine anderen Sorgen? Zu meiner Zeit hätt’s so was net gegeben«, setzt er nach.

Petra denkt praktisch und sagt: »Wenn du mir die Handschuhe gibst, mache ich für dich weiter. Dann holen wir noch Kies, und schon sieht es wieder gut aus.«

Nach einer guten halben Stunde schweißtreibender Arbeit sieht es um das Grab herum wieder gepflegt aus.

Jetzt hat Petra Hunger, und sie kommt um einen Besuch bei der Metzgerei Meier nicht herum. Zwei Wurstsemmeln und eine Wiener auf den Weg, das ist nach dem ganzen Fisch erst mal das Richtige. Dann fährt sie weiter zum Hölzle-Hof, wo Marlene im Garten werkelt. Beim Kaffeetrinken tauschen sich die beiden Frauen aus, und Petra beruhigt sie wegen dem Moritz.

»Der Rainer meint, dass der Moritz bald wieder auftaucht.« Als Petra sich danach ins Gästezimmer zurückzieht, macht sie sich schon mal daran, einen Teil der Reportage zu schreiben. Sie will früh ins Bett, denn sie muss sich den Wecker schon auf halb vier Uhr stellen, damit sie pünktlich zum Fischen kommt. Vor dem Wagner Sepperl will sie sich keine Blöße geben, der macht das schließlich schon ein paar Jahrzehnte.

Nach einer viel zu kurzen Nacht schreckt Petra hoch. Leise zieht sie sich an und ist froh, noch eine dicke gefütterte Jacke, Schal und Mütze mitgenommen zu haben. Die gute Marlene hat ihr eine Thermosflasche voller Kaffee hingestellt und zwei Müsliriegel dazugelegt. Dankbar nimmt Petra einen Schluck heißen Kaffee. Dann geht es nach Fischau, und weil sie spät dran ist, parkt sie direkt am See. Um vier Uhr früh kontrolliert bestimmt keiner, denkt sie.

Der Sepperl erwartet Petra schon und gibt ihr noch eine dicke Schwimmweste zum Überziehen, womit sie sich ziemlich unbeweglich fühlt, denn die Weste muss straff am Körper sitzen. Aus dem Rucksack nimmt sie ihre Kamera und hängt sie sich um. Der Sepperl bedeutet ihr, in das Aluminium-Boot zu steigen, sich hinzusetzen und gut festzuhalten. Dann manövriert der alte Seebär das Boot geschickt rückwärts aus dem Bootshaus, fährt eine Kurve und gibt Gas. Vor dem Fischfang will er Petra noch die »Kinderstube« der Renken zeigen. Kleine Nadelbäume hat er aneinandergebunden und in der seichten Bucht im Wasser drapiert. Irgendein Spaßvogel habe einen der Bäume mit Kugeln dekoriert, erzählt ihr der Fischer. Dabei bringt er die frischen Bäume bereits Anfang Oktober ins Wasser. Er ist mächtig stolz auf seine kostengünstige Idee, denn der Bestand an Renken ist arg zurückgegangen, und das Gewicht der gefangenen Fische ist geringer geworden. Schuld seien der Kormoran und das zu saubere Wasser, erklärt er Petra.

Nach drei Minuten Fahrt nähern sie sich den Christbäumen unter Wasser. Das fahle Dämmerlicht verschwindet fast, weil sich eine dicke Wolke vor den Mond schiebt. Das Seewasser nimmt einen tiefen, fast schwarzen Blauton an. Hinter sich hört Petra ein lautes Geräusch und zuckt zusammen. Dann drosselt der Fischer den Motor und lässt das Boot ein paar Meter durch das dunkle Wasser gleiten.

»Da hängt was in den Bäumen«, murmelt er.

Petra starrt angestrengt ins Wasser und sieht neben den algenbesetzten Bäumen rotbraune Haare schwimmen.

»Eine Perücke?«, meint sie noch. Der Sepperl macht ein erschrockenes Gesicht und sagt dann trocken: »Da schwimmt eine Leiche.«

»Nicht schon wieder!«, entfährt es Petra, denn angesichts der Haarfarbe ist ihr sofort klar, wer hier schwimmt.

Der Sepperl ist ein erfahrener Fischer, und das ist nicht seine erste Wasserleiche. Mit einem Ruder bringt er das Fischerboot in eine angemessene Entfernung und zieht sein Handy aus der Tasche. Der erste Anruf gilt der Polizei, dann wird die Wasserwacht verständigt. Dann warten sie an Ort und Stelle.

»Kannst du mich nicht an Land bringen? Mir ist ganz flau«, bittet Petra den Sepperl. Der schüttelt den Kopf.

»Das wird schon wieder«, sagt er nur. Petra kommt die Wartezeit vor wie eine Ewigkeit, der sonst so gesprächige Fischer schweigt.