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Die Räder des ankommenden Zuges quietschten, der Bahnsteig war in Dampf gehüllt. Lassiter wartete mit Jessica auf den letzten Waggon, da erschienen die Kerle wie aus dem Nichts. Ihre Absicht war leicht zu deuten - der große Mann sollte sterben! Sie zielten mit ihren Revolvern und schossen. Lassiter zog Jessica in den Schutz der Waggons. Die Kugeln sirrten jaulend an ihm vorbei. Er zog den Remington und feuerte zurück. Wartende Fahrgäste kreischten, die Leute brachten sich in Sicherheit. Den Kerl am Bahnsteig erwischte Lassiter mit dem ersten Schuss, seinen Kompagnon am Kartenhäuschen traf er zuerst in die Schulter und dann in die Brust. Die anderen zogen sich zurück. Ein spitzer Schrei erklang in seinem Rücken, Lassiter fuhr herum. Jessica war verschwunden!
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
The Good, the Girl and the Deadly
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Sergio Navarra
Die Räder des ankommenden Zuges quietschten, der Bahnsteig war in Dampf gehüllt. Lassiter wartete mit Jessica auf den letzten Waggon, da erschienen die Kerle wie aus dem Nichts. Ihre Absicht war leicht zu deuten – der große Mann sollte sterben!
Sie zielten mit ihren Revolvern und schossen.
Lassiter zog Jessica in den Schutz der Waggons. Die Kugeln sirrten jaulend an ihm vorbei. Er zog den Remington und feuerte zurück. Wartende Fahrgäste kreischten, die Leute brachten sich in Sicherheit.
Den Kerl am Bahnsteig erwischte Lassiter mit dem ersten Schuss, seinen Kompagnon am Kartenhäuschen traf er zuerst in die Schulter und dann in die Brust. Die anderen zogen sich zurück.
Ein spitzer Schrei erklang in seinem Rücken, Lassiter fuhr herum. Jessica war verschwunden!
Die Kolben- und Treibstangen bewegten sich ein letztes Mal, der Dampfzylinder zischte, und der Zug stand. Lassiter hetzte zwischen die Waggons. Pferde wieherten, erneut erklang ein Schrei. Das war unverkennbar Jessica.
Der große Mann stieg über die Kettenkupplung und erreichte die andere Seite. Er sah fünf berittene Männer, einer von ihnen zog Jessica gewaltsam zu sich aufs Pferd. Lassiter zielte auf ihn, da kam ein weiterer Mann zwischen den Waggons hervor, in seinen Fäusten eine Parker-Gun.
Der Kerl zog die Abzugsbügel der Schrotflinte durch, Lassiter ließ sich gedankenschnell fallen. Die Ladung krachte seitlich in den Waggon, Holz barst und splitterte.
Der große Mann kam hoch und erledigte den Angreifer mit einem gezielten Schuss, als hinter ihm ein Scharren auf dem Kiesbett erklang.
Lassiter drehte sich halb um, wollte den Kerl hinter ihm zu Gesicht kriegen, da traf ihn ein Gewehrkolben mitten ins Genick. Der Schlag war wuchtig ausgeführt worden, er ließ den Mann der Brigade Sieben sofort in die Knie gehen.
Ein Tritt ins Gesicht schickte Lassiter rücklings zu Boden. Für einen kurzen Moment blieb ihm der Atem weg, sein Nasenrücken brannte wie Feuer.
Zuerst sah er nur den Himmel über sich, dann schoben sich die Gesichter der Banditen in sein Blickfeld.
Zu fünft standen sie im Halbkreis um ihn herum und blickten auf ihn herab. Sie trugen schwarze Hüte und dunkle Staubmäntel. Ihre unteren Gesichtshälften waren von Tüchern bedeckt, bis auf den Mann rechts von ihm. Er hatte einen dunklen Stoppelbart, Vertiefungen in den Wangen, und trug eine schwarze Augenklappe. Jessica musste ihm das Tuch vom Gesicht gerissen haben.
Der Schlag mit dem Gewehrkolben war unglaublich hart ausgeführt worden, Lassiter war unfähig, sich zu rühren. Er fluchte innerlich und versuchte hochzukommen.
»Er hat dein Gesicht gesehen«, sagte der Mann in der Mitte. »Wir sollten ihn umlegen.«
Der Kerl mit der Augenklappe zog den Colt, da brandete Geschrei auf. »Da kommen Leute!«, rief einer weiter vorn, »und die verdammte Wildkatze will uns entwischen!«
Die Männer machten auf dem Absatz kehrt. Lassiter kam halb hoch, da versetzte ihm einer der Kerle mit dem Gewehrkolben einen letzten Schlag auf den Kopf.
Lassiter hörte noch Hufgetrappel und Jessicas Schreie, dann schwanden ihm die Sinne. Er bekam noch mit, dass sich Zugpassagiere um ihn scharrten. Einige riefen: »Verfolgt sie!«, und »Hängt sie auf!«.
Ein Schwall Wasser wurde über sein Gesicht gekippt. Lassiters Schädel schmerzte, er verspürte einen Würgereiz und einen bitteren Geschmack im Mund. Er drehte sich halb auf die Seite, dann rappelte er sich langsam hoch.
Ein Mann stand neben ihm, in der Hand einen leeren Eimer. »Dampfeisenbahn, Mister«, sagte er. »Da ist zum Glück immer Wasser in der Nähe.«
Lassiter griff sich an den Hinterkopf. Er spürte klebriges Blut zwischen seinen Fingern, aber die Wunde war nur oberflächlich. Dennoch würde die Beule sicher gewaltig werden.
Inzwischen hatte sich jede Menge Volk versammelt. Las Cruces war nur ein kleines Kaff, jede Aufregung sprach sich sofort herum. Mit drohenden Fäusten schrien sie den flüchtenden Banditen hinterher, allerdings machte keiner Anstalten, die Verfolgung aufzunehmen.
In Lassiters Kopf dröhnte es wie nach einem Gongschlag. Er kämpfte gegen den Schwindel an und stapfte vorwärts. Ihm war speiübel.
Die Spur!, durchfuhr es ihn. Ich muss die Spur verfolgen!
Er stand auf und ging zu der Stelle, an der die Entführer mit Jessica losgeritten waren. Dann ging er den Spuren der Kidnapper-Pferde nach.
Paco, der Junge, der ihre Pferde zur Hazienda zurückbringen sollte, musste die Entführung noch mitbekommen haben. Lassiter fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Jessicas Vater mit seinen Männern ankam.
Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als hinter ihm Hufgetrappel erklang. Von der Hazienda her kam ein Reiterpulk. Lassiter ignorierte ihn vorerst, suchte weiter nach Hufspuren.
Seite an Seite waren sie davongaloppiert. Der Sand war weich, die Spuren deutlich.
Lassiter lief los. Die Abdrücke verengten sich, als eine Felsengruppe auftauchte. Schließlich lagen die Felsen dicht an dicht, die Entführer waren gezwungen worden, hintereinander zu reiten.
Tief hinein in das mannshohe Gesteinsmeer, das sich vor Lassiter erstreckte.
Der Pulk holte ihn ein, Hunde kläfften. Lassiter blieb stehen, das Hämmern der Hufschläge verebbte.
Die Reiter umrundeten den großen Mann. Wie sich herausstellte, hatte Paco die Entführung tatsächlich noch mitbekommen. Er war sofort losgeritten und hatte Alarm geschlagen. Die beiden Pferde hatte er hiergelassen.
Ein Kerl namens Bowie stieg ab und untersuchte die Toten. Bowie fungierte als eine Art Hilfssheriff in Las Cruces. Der nächste echte Gesetzeshüter war erst wieder in Corpus Christi zu finden, da allerdings in Form eines Distriktmarshals.
Lassiter wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und blinzelte gegen die Sonne, als er Lance Donovan gegenübertrat. Wegen ihm und seiner Tochter Jessica war er überhaupt hier.
Der alte Haziendero saß gebeugt im Sattel. Er war groß und sehnig und trug einen eisgrauen Schnauzer. Ein silbernes Band zierte seinen schwarzen Stetson. »Was ist passiert?«, fragte er erregt.
»Jessica«, antwortete Lassiter mit ehrlichem Bedauern. »Sie haben sie entführt. Ich konnte nichts tun.«
Donovan blieb Lassiters Zustand und seine Beule nicht verborgen. Verhalten nickte er. »Erzähl mir, was vorgefallen ist.«
Lassiter berichtete. Grant Wallace, der Vormann der Hazienda, stieg wutentbrannt ab und besah sich die Spuren. »So«, kam er dann jäh auf Lassiter zugeschossen, »du konntest also nichts tun?«
Lassiter ignorierte seine Worte. Sein Blick aber gab dem Vormann zu verstehen, es nicht zu weit zu treiben. Er wusste, dass Wallace schon lange ein Auge auf Jessica geworfen hatte. Sie hatte es ihm erzählt. Und nun stand er da, ein eifersüchtiger Gockel, von Neid und Wut überwältigt.
»Ruhig, Wallace«, beschwichtigte der Haziendero seinen Vormann. Dennoch konnte er das Zittern in seiner Stimme nicht verhindern. Lassiter sah ihm an, wie viel Mühe es ihn kostete, sich zu beherrschen. Jesus, jemand hatte sein Kind entführt!
»Ist sie verletzt?«, fragte Donovan. Sein Tonfall war eine Mischung aus Wut und Furcht, seine Miene steinern.
Lassiter schüttelte den Kopf. »Nein. Ich glaube auch nicht, dass das passieren wird. Jedenfalls nicht, solange sie auf das Lösegeld warten.«
»Lösegeld?« Wallace spie aus. »Du steckst wohl mit den Kerlen unter einer Decke, was?«
Noch in der Drehung verpasste Lassiter ihm einen Schwinger. Wallace wurde von der Wucht des Schlages hochgehoben und krachte in den Staub. »Wenn du noch einen Ton sagst, Wallace«, knurrte Lassiter, »dann schwöre ich bei Gott, ich brech' dir jeden Knochen im Leib!«
Der Vormann stöhnte und rappelte sich hoch. Seine Hand zuckte zum Revolver, doch nach einem warnenden Blick von Lassiter besann er sich eines Besseren.
»Schluss jetzt!«, bellte Donovan seinen Vormann an. »Lassiter hat mein vollstes Vertrauen, verstanden?«
Wallace nickte mit zornigem Blick. Er hob seinen hochkronigen Cattleman auf, klopfte ihn an seinem Schenkel ab und stieg auf sein Pferd.
Donovan wandte sich an den Jungen. »Paco, hol Lassiters Pferd!«
»Ja, Sir.« Paco ritt zur Station. Der Zug stand noch dampfend und zischend am Bahnhof. Die Verspätung würde dauern, jedenfalls so lange, bis der Trubel sich legte.
Bowie war inzwischen mit seiner Überprüfung fertig. »Kein Zweifel«, sagte er, »die Kerle gehören zu Doc Bannons Bande. Im Office hängen ihre Steckbriefe.«
Donovan wandte sich an den großen Mann. »In wenigen Stunden wird es dunkel, dann wird es kaum mehr möglich sein, ihre Spuren zu verfolgen.«
»Außerdem flüchtet die Bande stets über die Grenze«, mischte sich Wallace ein. Er fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund und warf Lassiter einen hasserfüllten Blick zu. »Bist du Manns genug, das durchzustehen, Lassiter?«
Der große Mann konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Du spielst nicht nur auf die Bandoleros dort drüben an, richtig?«
»Nein, das tut er nicht«, sagte Donovan. »Auf dem Weg dorthin ist mit Sandstürmen zu rechnen, und sobald du den Rio Grande überquert hast, gelangst du zu den nördlichen Ausläufern der Sierra Madre. Dort treffen die feuchten Luftmassen des Ozeans auf die Ostseite des Gebirges und regnen sich ab. Das verwischt ihre Fährten, und darum hat die Kerle auch noch keiner geschnappt.«
»Dazu kommen jede Menge Rurales, von denen längst nicht alle ehrenwert sind«, sagte Wallace hämisch. »Die sind korrupt und sichern sich ihre Prozente an der Beute. Wem kannst du trauen, Lassiter?«
»Dir sicher nicht«, sagte der Mann der Brigade Sieben. Und an Donovan gewandt: »Du willst also bezahlen?«
Der Alte atmete schwer aus. »Ich will meine Tochter zurück.«
»Dann habe ich einen Vorschlag.«
»Und der wäre?«
»Die Kerle sind durch die Felsengruppe nach Süden geritten. Der Boden besteht aus weichem Sand und ist nachgiebig.« Lassiter betrachte den Himmel. »Die Spuren werden noch mindestens bis morgen Vormittag zu erkennen sein.«
»Du denkst also auch, dass sie sich über die Grenze davongemacht haben?«
»Das vermute ich, ja. Wenn ich mich ranhalte, kann ich sie einholen.«
Donovan lehnte sich im Sattel vor. »Wieso sparst du mich in deiner Rede aus, Lassiter?«
»Weil ich allein reite«, entgegnete der große Mann.
»Allein?« Der Haziendero zeigte sich verblüfft. »Wie stellst du dir das vor?«
»Ich reite den Entführern hinterher. Du informierst derweil den Marshal in Corpus Christi und wartest auf die Lösegeldforderung.«
Donovan schüttelte den Kopf. »Das schmeckt mir nicht«, sagte er. »Das schmeckt mir ganz und gar nicht. Ich soll den Marshal informieren und dann untätig hier herumsitzen?«
Lassiter konnte den Mann gut verstehen. Es ging um das Leben seiner einzigen Tochter. Seine Frau war schon vor Jahren gestorben, weitere Kinder hatten sie nie gehabt. Donovan war ein hohes Tier bei der Brigade Sieben gewesen, wovon außer Lassiter bis heute niemand auf der Hazienda etwas wusste. Von seiner Pension hatte er sich dieses Anwesen gekauft und sich zur Ruhe gesetzt.
Lassiters Besuch bei Donovan war aber keineswegs nur freundschaftlicher Natur. Er war mit einem Auftrag verbunden. In dieser früher ach so ruhigen Gegend trieb die Bande eines gewissen Doc Bannon ihr Unwesen. Sie hatten sich auf Kidnapping spezialisiert. Sie entführten die Kinder betuchterer Leute gegen hohes Lösegeld. Wer nicht bezahlte, bekam sein Fleisch und Blut als Leiche zurück.
Donovan hatte bei der Brigade Sieben um Schutz für seine Tochter Jessica gebeten. Lassiter hätte sie mit dem Zug nach Montana begleiten sollen, nach Three Forks, in eine ruhige Gegend. Donovans Bruder besaß dort eine Ranch, auf der er Pferde züchtete. Danach, so lautete der Auftrag, sollte der große Mann Doc Bannon und seine Bande unschädlich machen.
Dieser Teil des Auftrags kam nun früher als gedacht.
»Ich weiß, es ist kein Trost, aber die Bande tötet ihre Geiseln nur, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden«, erklärte ihm Lassiter. »Das heißt, dass Jessica die nächsten Tage nichts zustoßen wird.«
»Bist jetzt sind noch keine Forderungen eingegangen!«, sagte Wallace bissig.
»Das wird noch kommen.«
»Woher willst du wissen, dass sie ihr bis dahin nichts antun werden?«, fragte Donovan.
»Weil sie sonst nichts anzubieten hätten«, antwortete Lassiter. »Trotzdem dürfen wir das Blatt nicht überreizen.«
»Was meinst du damit?«
»Sie rechnen mit einem Pulk aus Verfolgern. Bannon und seine Männer sind das gewohnt. Sie sind darauf vorbereitet und schießen jeden gnadenlos zusammen, der ihnen folgt. Ein einzelner Mann ist weit weniger auffällig. Das ist unsere einzige Chance!«
Donovan knetete mit den Fingern die Zügel. Sein Adamsapfel fuhr auf und ab. »Das gefällt mir nicht, Lassiter. Zum Henker, das gefällt mir ganz und gar nicht. Aber wie es aussieht, geht es wohl nicht anders ...«
Paco brachte Lassiters Pferd. Lassiter ging zu dem Braunen und zog die Winchester aus dem Scabbard. »Denk doch mal nach«, sagte er zu Donovan. »Wenn du der Bande mit einer Posse und Hunden nachkommst, geraten sie in Bedrängnis. Dann ist Jessicas Leben keinen Cent mehr wert.« Lassiter überprüfte Verschluss und Magazin und steckte das Gewehr zurück. »Es ist besser, wenn ich allein reite.«
Donovans Kiefer mahlten. Er überlegte sichtlich, als plötzlich Rufe erklangen. Ein Reiter näherte sich dem Pulk in wildem Galopp. »Mr. Donovan! Mr. Donovan!« Es war Eloy Vargas, der Stallbursche des Hazienderos. Ein Typ, den Lassiter eher in einem Spielcasino als in einem Stall erwartet hätte. Lang, gutaussehend, ständig ein Lächeln im glattrasierten Gesicht. Im Moment war es ihm allerdings vergangen.
Atemlos zog er die Zügel straff und stoppte das Pferd. In seiner Hand hielt er ein weißes Kuvert. »Das wurde eben abgegeben! Jessicas Name steht drauf!«
»Gib her!«, sagte Donovan. Vargas reichte ihm das Kuvert.
»Wer hat das überbracht?«, wollte Lassiter wissen.
»Ein großer Kerl mit Augenklappe.«
Lassiter nickte. Das war der Hundesohn, der auf ihn gezielt hatte. Er musste sich von den anderen abgesetzt haben und unbemerkt zur Hazienda geritten sein.
»Diese elenden Schakale!«, stieß Donovan hervor.
»Was ist?«, fragte Wallace erregt.
»Sie wollen hunderttausend Dollar! Binnen einer Woche! Oder sie werden Jessica umbringen!« Der alte Mann zerknüllte den Brief, seine Finger krampften sich um das Papier, dass das Weiße an seinen Knöcheln hervortrat.
»Und die Übergabe?«, fragte Lassiter.
Donovans Augen funkelten zornig. »Sie schicken jemanden hierher, der ihnen das Geld mit einem Mittelsmann von mir bringen soll. Dieser Mittelsmann wird Jessica dann zur Hazienda zurückbegleiten.«
Lassiter nickte. Die Brigade Sieben hatte ihn gewarnt. Diesen Trick hatte die Bande auch in früheren Fällen angewandt. Und noch immer hatte man nicht herausgefunden, wer der eigentliche Kopf dieser Bande war. Doc Bannon, so hieß es, sei nicht der wahre Chef.
»Könntest du das Geld in einer Woche auftreiben?«
»Unmöglich! Dafür müsste ich die Hazienda verkaufen! Und wo soll ich in einer Woche einen Käufer finden?«
»Vielleicht sollten wir um Aufschub bitten«, schlug Vargas vor. »Wir könnten den Kerlen hinterherreiten. Dann warten wir ihre Antwort ab, und wissen bis dahin vielleicht, wo man Jessica versteckt hält.«
Der Kerl begann Lassiter zu imponieren. Für einen Stallburschen zeigte er sich recht intelligent.
Der große Mann zog den Sattelgurt des Braunen straff.
»Wo willst du hin, Amigo?«, fragte Wallace giftig.
»Die Kerle verfolgen.« Lassiter stieg auf sein Pferd. »Aber allein! Ich brauche keine Hitzköpfe, die mir die Jagd versauen, oder noch schlimmer, Jessicas Leben gefährden!« Finster sah er Wallace an.
»Ich finde nicht, dass du das Recht hast ...«, brauste Wallace auf.
»Er hat!«, unterbrach Donovan ihn scharf. »Wenn wir den Kerlen mit Männern und Hunden hinterherjagen, wäre das vielleicht Jessicas Ende! Sie wäre tot, sobald diese Kanaillen auch nur das Geringste bemerken! Allein hat Lassiter eine größere Chance unentdeckt zu bleiben und ihren Aufenthaltsort herauszufinden!« Der Haziendero wandte sich an den großen Mann. »Eines ist dir hoffentlich klar: Wenn du den Rio Grande erreicht hast, enden die Befugnisse des Marshals und die der Texas Rangers.«
»Die du informieren möchtest, nehme ich an.«
»Du nimmst richtig an. Und denke an die Rurales! Nicht alle von ihnen sind korrupt, wie Wallace behauptet. Stolz und Ehre spielen für einen Mexikaner eine große Rolle.«
»Ich werde es mir merken«, sagte Lassiter, dem das alles bekannt war. Seine Reise führte nicht zum ersten Mal in diese Gefilde.
Donovan sah ihn durchdringend an. »Bring mir meine Tochter wieder, Lassiter! Bring sie mir lebendig wieder, bei Gott!«
Lassiter nickte. Dann riss er das Pferd herum und gab ihm die Sporen.
✰
Lassiter durchquerte die Felsengruppe. Die Sonne hatte noch genügend Kraft, sie brannte auf die Blätter einzelner Kreosotbüsche, die einen krautigen Geruch verströmten. Niemand wartete auf ihn. Einmal musste er einer Klapperschlange ausweichen, ansonsten blieb er unbehelligt.
Während des Ritts fragte er sich, woher die Kerle von der Zugfahrt gewusst hatten. Abfahrt, Ziel, Uhrzeit – alles das war ihnen bekannt gewesen, so viel war sicher. Lassiter hatte inzwischen den leisen Verdacht, dass sich der Verräter auf der Hazienda befinden konnte. Andererseits blieb in einem Kaff wie Las Cruces nichts lange geheim, und für ein paar Dollar war jedwede Information zu kaufen.
Seinen Verdacht hatte er gegenüber Donovan und seinen Cowboys nicht erwähnen wollen. Falls er zutraf, musste der Verräter nichts von Lassiters Gedankengängen wissen. Das würde ihn nur unnötig alarmieren.
Lassiters Ritt führte Richtung Küste. Er folgte den Hufspuren, die deutlich zu sehen waren. Die Kerle fühlten sich sicher.
Seine Gedanken glitten vom Grenzland, Doc Bannon und den Rurales zu Jessica. Lassiter hatte sie zum letzten Mal als Heranwachsende gesehen. Inzwischen war sie eine reife junge Dame geworden.
Und was für eine! Gleich in der ersten Nacht nach seinem Ankommen hatte sie Lassiter verführt. Der große Mann hatte sich ihrer Nuancen zunächst erwehrt, doch ohne Erfolg. Jessica hatte ihn nach allen Regeln der Kunst vernascht.
Und nun musste sie jede Sekunde Angst um ihr Leben haben.
Lassiter musste sich eingestehen, dass sein Herz seit diesem Zusammensein schneller schlug. Er fragte sich, ob er sich inzwischen nicht ernsthaft verliebt hatte.
Umso größer war seine Sorge um Jessica. Er nahm sich vor, sie um jeden Preis aus den Klauen der Banditen zu befreien.
Koste es, was es wolle!
