Lauf wie der Wind, Sky! - Rosanne Parry - E-Book

Lauf wie der Wind, Sky! E-Book

Rosanne Parry

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Beschreibung

»Meine erste Erinnerung ist das Geräusch von Wasser. Meine zweite: der Drang zu laufen.« Als das Hengstfohlen Sky geboren wird, lernt es als Erstes: Schnelligkeit ist Leben. Schnelligkeit ist die Stärke der Herde. Mit ihr zieht Sky durch die Prärie auf der Suche nach frischem Wasser und Weideland. Und auf der Flucht vor den Menschen, die immer tiefer in sein Heimatgebiet eindringen. Als heranwachsender Hengst muss Sky die Herde jedoch verlassen, denn die Ressourcen reichen nicht für alle. Und ein einsames Wildpferd lebt gefährlich: Sky wird gefangen und gezwungen, von nun an täglich weite Strecken unter einem Reiter zu laufen. Ist Schnelligkeit, seine große Stärke, jetzt noch sein Weg in die Freiheit? Ein anrührender neuer Roman über die Wunder der Natur von der "Stimme der Wildnis" Rosanne Parry.

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EPUB
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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Rosanne Parry

Lauf wie derWind, Sky!

Mit Illustrationen von Kirbi FaganAus dem amerikanischen Englisch vonUwe-Michael Gutzschhahn

5 4 3 2 1

eISBN 978-3-649-64952-6

© 2024 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten. Die Nutzung des Werkes

für das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG ist durch

den Verlag ausdrücklich vorbehalten und daher verboten.

Greenwillow Books,

an Imprint of HarperCollins Publishers, New York

Originaltitel: A Horse named Sky

Text © 2023 Rosanne Parry

Innenillustrationen © 2023 Kirbi Fagan

Umschlaggestaltung: Anne Sent unter Verwendung

einer Illustration von Julia Gerigk

Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn

Lektorat: Natalie Tornai

Satz: Helene Hillebrand

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-64750-8

Für alle, die um saubere Luft undsauberes Wasser kämpfenund sich für diejenigen einsetzen,die nicht für sich selbst sprechen können.

Inhalt

Heimatgewässer

Heranwachsen

Auf dem Bergkamm

Kiefern

Geheime Quelle

Herausforderung

Dem Regen nachjagen

Gefangennahme

Der Canyon

Ameisenhaufen

Feuerstock

Flatternde Dinge

Das Stopp-und-Go

Der Lenker

Der Sitz

Der Reiter

Über den Pass

Das Hengstfohlen

Brutaler Ritt

Erster Schnee

Die Krallenbestie

Warten auf den Frühling

Die Entscheidung

Ein Fremder

Im Lager der Lochgräber

Wasser vor allem anderen

Fallen

Der Kampf

Heimatgewässer

Die Geschichte der Wildpferde in Nordamerika

Pferdefamilien

Wildpferde in Deutschland

Was du über Wildpferde wissen musst

Skys Lebensraum

Wasser vor allem andern

Der Pony-Express

Das Kalifornische Gesetz von 1850

Silberbergbau in Nevada

Anmerkungen der Autorin

Virginia Range, Nevada, Herbst 1856

Heimatgewässer

Meine erste Erinnerung ist der Klang von Wasser. Die Wärme der Sonne. Der Geruch meiner Mutter. Die Berührung ihrer Zunge auf meiner Haut und der Horizont als großer Kreis rings um mich herum. Meine zweite Erinnerung ist der Drang zu laufen. Er ist urplötzlich da, noch bevor ich die Kraft habe, aufzustehen. Ich schüttle die Nässe aus meiner Mähne. Mutter leckt mich von den Ohren bis zu den Hufen ab. Der Wind trägt scharfe, frische und süße Gerüche heran: von Kiefern, Salbei und Wasser.

Die Pferde aus meiner Familie heben den Kopf. Drehen die Ohren in meine Richtung. Alle Tanten betrachten mich mit ihren dunkelbraunen Augen. Jede atmet meinen Geruch ein.

»Ist ein Kleiner«, sagt Gale, meine Tante.

Meine Tante Rain, die nach dem Regen heißt, schnuppert an meinen Beinen entlang, als ob sie nach mehr suchen würde. »Der wächst schon«, sagt sie entschieden.

Tante Gale, deren Name von Sturmböen stammt, stupst mit den Nüstern gegen die weißen Flecken in meinem kastanienbraunen Fell. »Wolkenzeichnung«, erklärt sie. »Wie bei unserem Hengst.«

»Möge er wachsen, um so ein Kämpfer zu werden wie der«, sagt Tante Rain.

»Wir werden dich Sky nennen, so wie der Himmel«, entscheidet Mutter.

Die Tanten drängen sich zusammen, um den Wind, der mich zittern lässt, abzuschirmen.

»Wir sind dein Schutz, solange du heranwächst«, erklärt mir Mutter.

»Bleib in unserer Nähe«, sagt Tante Rain.

»Wir werden nach allen Gefahren Ausschau halten«, meint Tante Gale.

Ich nehme den Geruch meiner Familie auf. Mutters kastanienglänzendes Fell. Das schimmernde schwarze von Tante Rain und den satten Duft nach Erde von Tante Gale.

Salbeibüsche beschatten meinen Liegeplatz.

Goldfarbene Grasbüschel biegen sich im Wind. Gelbe und braune Vögel huschen von Strauch zu Strauch. Ich blicke hinauf zu dem blauen Bogen des Himmels und den blassen Wolken, die ziehen, ziehen, ziehen. Und schon möchte ich rennen und jagen wie sie.

Mutter und meine Tanten grasen gemächlich.

Abreißen. Zubeißen.

Blick zum Himmel.

Schnuppern. Kauen.

Blick zum Horizont. Weiterkauen.

Umdrehen. Schnuppern. Hänge absuchen.

Abreißen. Zubeißen.

Unser Hengst – er heißt Thunder wie der Donner – steht oben auf dem Bergkamm, schwarzweiß gefleckt vor dem blauen Himmel. Er beobachtet, horcht, lauert auf Gefahr. Überall um ihn herum grasen Esel und weiter hinten das schlanke und scheue Rotwild. Vögel schießen herab. Ihre schrillen Stimmen trägt der Wind, doch sobald ein dunkler Schatten über den Boden jagt, sind alle stumm wie kleine braune Steine.

Ich entdecke einen silbernen Schimmer im Tal unter uns. Der Schimmer breitet sich aus wie das Netz einer Spinne.

»Deine Heimatgewässer«, erklärt mir Mutter und blickt über das weite Tal. »All deine Kraft kommt daher.«

Ich beobachte, wie Pferdeherden von dem Schimmer trinken. Auch Gabelböcke. Jede Menge Huscher zieht es zum Wasser, der große fängt Fische, die kleinen ducken sich im Gestrüpp. Kräftigere Tiere treten allein ans Wasser und Scharen von Schwimmvögeln verlassen ihre Teiche nie.

Mutter leckt mich erneut fest und gleichmäßig ab.

Ich entwirre meine Beine. Stemme die zwei vorderen fest in den Boden und drücke, bis sie sich gerade richten, dann setz ich mich auf. Eine blassgraue einjährige Stute tritt heran und schnuppert an mir. Sie stupst mich zum Spaß und ich kippe auf den Rücken. Wütend schnaube ich sie an und sie schnaubt zurück. Mit Mühe wälze ich mich wieder auf den Bauch und sie stößt mich gleich noch mal um.

»Storm«, sagt Tante Rain. »Sky ist gerade erst geboren. Gib ihm eine Chance.«

Storm ist schlaksig, mit langen Beinen, grau wie ein Mondstrahl und frech wie ein Blitz. »Erst die Hinterläufe«, sagt sie zu mir. »Jetzt mach schon!«

Sie springt davon, jagt um unsere Mütter herum und kommt zurück. Wie gern würde ich so herumrennen wie sie! Ich schüttle die kurze Mähne und probier es noch einmal. Ich drücke die Vorderläufe gerade und konzentriere mich dann auf die Hinterläufe.

Ich verbiege mich. Strecke mich. Drücke. Schwanke.

Mutter steht an meiner Seite und malmt unentwegt. Lässt mich selber herausfinden, wie das Aufstehen geht.

Storm hält eine einzige endlose Kette von Ratschlägen bereit.

»Drück weiter.«

»Nein.«

»Beide Beine.«

»Erst beugen, dann drücken.«

»So wird das nie was!«

»Los, noch mal.«

»Der kapiert’s nicht!«

Mutter steht ruhig und schweigend an meiner Seite.

Tante Rain klappt missbilligend ein Ohr in Storms Richtung.

Tante Gale presst ihre Lippen fest zusammen.

Storm schnaubt enttäuscht. Dann wendet sie sich ab und vergräbt ihren Kopf unter dem Bauch ihrer Mutter Rain. Plötzlich taucht ein wunderbar köstlicher Duft auf. Ich weiß nicht, was er bedeutet, doch ich will ihn!

Ein letztes Drücken mit den Hinterläufen, dann richte ich mich auf. Ich schwanke. Ich strecke die Beine weiter, um sie zu stabilisieren. Dann beuge ich die Vorderläufe, Hufe nach unten, und hole Luft.

Drück!

Mein Kopf hebt sich, ist jetzt auf Höhe des Rumpfs. Die Beine zittern, aber sie stehen.

Oben!

Ich schaue von Huf zu Huf und kann kaum glauben, dass sie mich tragen. Der Wind trocknet die feuchte Haut. Ich blinzle in den wehenden Staub. Tante Gale beobachtet mich genau. Stupst vorsichtig gegen meine Hüfte und Schulter. Ich versuche, stehen zu bleiben, doch ich schwanke schon bei der kleinsten Berührung.

»Bleib dicht an meiner Seite!«, befiehlt sie.

»Können wir nicht ausruhen? Nur einen Tag?«, sagt Tante Rain. »Ich höre keine Gefahr.«

»Die Heuler werden es riechen«, antwortet Tante Gale. Sie starrt ernst auf einen Haufen von etwas Dunkelrotem und Klebrigem am Boden hinter Mutter. »Sie werden kommen mit ihrem Gebell und Gejaul. Sie werden ihn jagen. Das weißt du genau.«

»Still«, sagt Mutter leise. Sie kommt näher. Ich lehne mich an sie, um mein Gleichgewicht zu halten. »Kein Grund, jetzt schon von Jägern zu reden.«

Ich weiß nicht, was jagen bedeutet, doch allein bei dem Laut erzittere ich.

Tante Gale und der Hengst bewegen sich weiter den Hang hinauf, von wo aus sie in alle Richtungen horchen können.

Ich schaue zu meinen Heimatgewässern hinab und dann weiter drüber hinaus, wo sich Berge und Himmel treffen – in einer frostweißen Linie zwischen dem Grau und dem Blau. Obwohl er weit, weit weg ist, spüre ich, wie mich der Horizont anzieht und nach mir ruft.

Ein harter Schrei ertönt. Der Schatten eines riesigen Vogels jagt über den Boden. Kleine Pfeifer, die am Gras nagen, verschwinden eilig in ihren Löchern. Ich ducke mich unter Mutters Bauch.

»Der Jagdvogel ist nicht hinter dir her«, sagt meine Mutter.

Mit einem Kopfschütteln vertreibe ich die Panik. Hunger. Ich habe so großen Hunger! Jetzt, wo ich stehe, ist der wunderbare Geruch noch näher. Ich schnuppere am Bauch meiner Mutter entlang und höre ihren Lebenspuls. Und dann finde ich, was ich suche – Milch. Besser als alles, was ich seitdem gefressen habe. Ich trinke, bis ich keinen einzigen Schluck mehr schaffe.

»Ich bin dein erstes Wasser«, sagt Mutter. »Und du wirst immer Kraft in mir finden.«

Ich sauge ihren Geruch ein, das Gefühl ihrer Haut, den Klang ihrer Stimme, und gleite zu Boden, um zu schlafen.

In meinen Träumen sehe ich den graublauen Horizont. In meinen Träumen kann ich ihm schon entgegenlaufen. In meinen Träumen höre ich den Ruf des Jagdvogels. Und dann bin ich wach. Hellwach. Blinzle. Mein Lebenspuls rast. Und ich weiß nicht, warum.

Der Wind trägt den Laut. Yip yip huuuuuuu!

»Folgen!«, befiehlt meine Mutter.

Ich springe auf die Beine, gehe … trotte … lauf ihr im Mondlicht hinterher. Die Tanten und Storm laufen neben mir, Thunder am Schluss. Hinter uns jagen die Heuler. Wir laufen zusammen unter den Sternen dahin. Eine geschlossene Herde. Sicher und stark.

Heranwachsen

In dieser Nacht entkommen wir den Heulern. Wir entkommen ihnen auch in der folgenden Nacht. Am nächsten Morgen sind sie wieder da und unser Hengst dreht sich um und kämpft. Danach bewegt sich das Rudel weg.

»Schnelligkeit ist Stärke«, erklärt mir Thunder. »Fall niemals zurück.«

Das Rudel jagt uns nicht mehr, doch ich erinnere ihren Geruch, das Knurren und das Stöhnen des sterbenden Rotwilds, das sie statt mir reißen. Das Wild, das nicht schnell genug ist.

An den meisten Tagen weckt mich Storm.

»Auf geht’s!«, sagt sie. »Folg mir!

In einem Wirbel aus Staub jagt sie fort und ich ihr hinterher. Zusammen folgen wir den Ufern von jedem Bach oder Teich des weiten Feuchtgebiets, das unser Heimatgewässer bildet. Wir stürmen durch die seichten Stellen und schrecken die Fischervögel auf, dass sie mit ihren breiten schwarz-weißen Flügeln emporflattern.

»Schau dir das an!«, sagt Storm und stört einen Sauser aus seinem Versteck auf. »Schau bloß!«

Wir entdecken eine große runzlige Echse, die ihren Kopf hebt und die Luft schmeckt. Sie wärmt sich in der Mittagssonne auf der flachen Oberfläche eines Steins.

»Wetten, dass du sie nicht fängst?«, sagt Storm. Ihren Aufforderungen kann ich nie widerstehen. Ich bewege mich so langsam und leise wie möglich auf die Echse zu. Keine Ahnung, ob Echsen riechen können. Ich sehe mich vor, dass mein Schatten nicht über sie fällt. Trotzdem spürt sie, dass ich komme. Und die Echse huscht in einen Spalt zwischen den Steinen. Ich springe vor und erwische den dicken Schwanz mit meinen Zähnen, doch sie hat schon den Körper aufgebläht, um Halt zu finden. Egal wie fest ich ziehe, ich krieg sie nicht raus.

Storm lacht und all die kleinen Esel lachen mit ihr, doch ich bin nicht sauer. Woher soll ich wissen, dass eine Echse blitzschnell so groß werden kann?

Storm macht sich zum nächsten Abenteuer auf. Am einen Tag nimmt sie es mit einem Dachs auf, am nächsten jagt sie mit ein paar Jungeseln durch das Grasland. Sie bringt uns dazu, dass wir alle über Bäche und Sträucher springen. Eine bereitwillige Horde von Jährlingen, Pferden so gut wie Eseln, folgt ihr überallhin. Old Jack, der Hengst der Esel, schimpft mit ihr, wenn sie uns an Stellen führt, wo er seine Herde nicht im Blick hat. Ich fürchte mich vor Old Jacks Zorn, obwohl ich bereits im Frühling meines ersten Jahres so groß bin wie er.

Doch Storm kümmert sein Zetern nicht. Sie hat vor niemandem Angst. Und sie ist so schnell! Ich träume davon, einmal genauso schnell zu rennen wie sie. Eine Jahreszeit nach der andern versuche ich, mitzuhalten. Ich strecke meine kurzen Beine, um ihren nahe zu kommen. Mit jedem Tag werde ich schneller, aber ich hole sie nie ein.

Ich sollte meine Tritte mit den Hengstfohlen anderer Herden trainieren, aber sie sind alle so viel größer als ich.

Storm mit den langen Beinen ist glücklich, wenn sie sich mit den Hengstfohlen messen kann. Sie hat einen so schnellen Tritt, dass ihn die andern nie kommen sehen. Die Stuten schimpfen mit ihr, doch ich bewundere sie und wünsche mir, auch so mutig zu sein.

Manchmal führt Mutter die Herde salzwärts – dorthin, wo das Wasser sprudelnd aus dem Boden schießt, so heiß wie die Sonne und bitter im Geschmack. Wir suchen nach salzigen Felsen, während unser Hengst in die treibenden Wasser watet und über seine Zipperlein klagt.

Wenn dichte schwarze Wolken aufziehen, klettern wir die Bergkämme hoch und rufen den Regen, den Schnee und den Wind herab, die von sturmwärts kommen. Wir lecken Eiszapfen und tanzen im Schnee. Wir betrachten die Sterne, wie sie vom einen Horizont zum andern wandern.

Wenn die warmen Winde von salzwärts heraufziehen und der gefrorene Boden aufweicht, werden die Gräser um unsere Heimatgewässer gelb und rot, rosa und violett, weiß und blau von all den Blumen. Ihre süßen oder strengen Düfte wehen um uns. Wir horchen auf alles, was summt, und jagen alles, das gelb oder orange von einer Blüte zur andern flattert.

»Seid vorsichtig!«, sagt Mutter. »Spart eure Kräfte.«

»Fresst nicht die lila Blumen«, erinnert uns Tante Rain. »Sonst stürzt ihr und steht nie wieder auf.«

»Und hütet euch vor der Krallenbestie!«, ergänzt Tante Gale und zwickt uns beide am Hintern – doch vor allem Storm, die nicht zuhört.

Tante Gale beobachtet mit starrem Blick die Bäume um uns herum. Währenddessen schaue ich auf die tiefen Kampfspuren, die sich dicht an dicht über ihren Körper ziehen. Als sie ein Fohlen nicht älter als Storm war, ist ihr eine Krallenbestie auf den Rücken gesprungen. Sie hat gebuckelt, ist wild herumgewirbelt und hat getreten, bis das Krallentier endlich losließ. Danach haben Mutter und Tante Rain Tag und Nacht an ihrer Seite verbracht. Sie haben geholfen, bis ihre Wunden heilten und sie wieder Mut fand. Wenn Tante Gale im Schlaf weint, ist Mutter immer zur Stelle. Wenn Tante Gale bei einem nächtlichen Jaulen von den Nüstern bis zum Schwanz zu zittern anfängt, ist Tante Rain gleich an ihrer Seite.

»Tut mir leid, Tante«, sage ich und stupse sie sanft in den Hals.

»Ich habe geschaut! Ich habe geschnuppert!«, sagt Storm mit einem Ohrenzucken. »Keine Krallenbestie, versprochen!«

Tante Gale schnaubt sie wegen ihrer Unbesonnenheit an, doch dann lehnt sie sich an sie. Storm wiegt sich mit ihr hin und her, so wie die Bäume im Wind.

»Ich werde immer an deiner Seite bleiben«, sagt Storm.

Tante Gale stößt einen dankbaren Seufzer aus.

Wenn ich doch dasselbe sagen könnte! Doch es ist kein Versprechen, das ein Junghengst geben kann. Stutenfohlen sind dazu geboren, bei den Müttern und Tanten ihrer Familie zu bleiben. Junghengste müssen weiterziehen, ob sie es wollen oder nicht.

Aber jetzt noch nicht … nicht heute.

Auf dem Bergkamm

Die Jahreszeiten wechseln und ich werde ein guter Läufer – fast so schnell wie Storm. Doch ich bin nie so wagemutig und unerschrocken. Sie klettert auf Bergkämme. Gräbt Frösche aus, nur um zu sehen, wie sie mit ihren Hinterläufen fuchteln, bis sie wieder eingebuddelt sind. Ich glaube, sie würde sich sogar auf den Kampf mit dem kratzigen Wiesel einlassen, einfach bloß wegen des Nervenkitzels. Wir finden neue Wege. Wir wachen im Dunkeln auf, um dem Nachtvogel zuzusehen, der in völliger Stille über uns hinwegfliegt.

Und was das Beste ist: Wir finden die verborgenen Stellen, an denen frisches Wasser herrlich klar aus dem Boden blubbert. Immer wenn wir eine Quelle finden, blasen wir aus Dankbarkeit sanft über das Wasser. Wir brauchen die Quellen in der trockenen Jahreszeit, wenn Bären und Rudel von Heulern zur Erholung in unsere Heimatgewässer kommen. Wir teilen das Wasser, so wie es alle Tiere tun müssen. Aber in der Trockenzeit ist es gut, verborgene Quellen als Zuflucht zu haben. Wir hüten ihr Geheimnis.

An einem Sommertag, als das Gras von Grün zu Blassgelb verbleicht, laufe ich mit Storm bis hoch hinauf ins Gebirge. Es dauert den ganzen Morgen. Als wir den Bergsattel erreichen, sind wir eingestaubt und verschwitzt. Doch das ist mir egal. Von dem Bergkamm breitet sich die ganze Welt vor uns aus. Auf der Sonnenaufgangsseite des Kamms gibt es einen breiten, glitzernden Fluss. Er windet sich durch die Berge. Menschen und ihre Schlepper wandern am Fluss entlang. Die Schlepper haben kräftige Nacken und breite Schultern. Ihre kurzen Hörner stechen seitlich heraus statt oben. Sie schleppen alle möglichen seltsamen Lasten hinter sich her. Gewöhnlich sind die Menschen in Richtung der schneebedeckten Berge auf der Seite unterwegs, wo die Sonne untergeht. Aber heute sehen wir, wie die Menschen den Fluss verlassen und unseren Berg hochkommen. Sie setzen ihr Gepäck ab und bleiben.

»Was, glaubst du, machen die da?«, frage ich.

»Sie sind wohl wegen der Bäume hier«, antwortet Storm.

In den vergangenen Sommern sind Menschen in unsere Heimatgewässer eingedrungen, hirschlederdunkle Männer mit schwarzen Mähnen. Große und kleine. Sie haben die Zapfen von den Kiefern geholt. Vom Boden aufgelesen und von den unteren Zweigen gepflückt. Und ihre Jungen auf den Schultern angetrieben, noch weiter hinaufzulangen. Dann haben sie Salbeizweige abgebrochen und die Zapfen zusammengebunden. Ein paar Tage später sind sie verschwunden und haben die Kiefernzapfen und den Salbei mitgenommen. Niemand wusste, wieso. Weder Mutter noch eine der Tanten. Selbst die Esel hatten keine Ahnung.

»Sie kommen immer im Sommer«, erklärte uns Old Jack mit dieser typischen markanten Eselstimme. »Menschen tun seltsame Dinge«, fügte er noch hinzu. »Niemand versteht sie.«

Ich hab mal einen Kiefernzapfen probiert, ob er Nahrung ist. War er aber nicht.

Die Menschen, die heute unseren Berg hochkommen, sind nicht die Kiefernzapfen-Sammler. Aber sie müssen trotzdem wegen der Bäume hier sein. Weshalb denn sonst?

Storm und ich behalten sie im Auge, während wir nach den süßesten Blumen jagen. Die rosafarbenen, die den Boden umarmen, mag ich am liebsten. Storm liebt die würzigeren gelben. Mutter und die Tanten folgen uns und halten mit Frost Schritt, unserem jüngsten Fohlen. Unser Hengst steigt auf den Bergkamm und sucht seinen gewohnten Platz – mit Gras zum Fressen und dem Überblick über seine ganze Herde. Er blitzt jeden Baumwipfel an, wo eine Krallenbestie lauern könnte, um zuzuschlagen. Er sucht den Horizont nach umherziehenden Hengsten ab, die ihm unsere Tanten stehlen könnten. Sein Fell ist voller Kampfspuren von all den Gefahren, die er vertrieben hat.

Irgendwann bald werde ich gegen ihn kämpfen müssen. Mutter sagt, so war es immer. Die Stutenfohlen bleiben und die Hengstfohlen kämpfen oder ziehen fort.

»Manchmal gewinnt das Hengstfohlen und bleibt«, erinnert mich Storm immer gern. Ich kann mir nicht vorstellen, unseren Hengst zu vertreiben. Ein Herausforderer nach dem anderen hat gegen ihn gekämpft – alle viel größer als ich. Und immer gewinnt er.

Bei dem Gedanken läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ich will gegen niemanden kämpfen, niemanden besiegen.

Storm bäumt sich auf und verteilt mit ihren Vorderhufen Schläge in die Luft.

Wenn ich in Gefahr wäre, hätte ich Angst vor Storm.

Der Hengst wirft seinen Kopf hoch, um sie – erneut – daran zu erinnern, dass Stutenfohlen nicht kämpfen. Sie bäumt sich noch mal auf, bloß um zu widersprechen, dann knabbert sie mir leicht am Hals lang. Ich schließe die Augen, während sie meine Stiche und meine Sorgen wegbeißt.

»Eines Tages wirst du stärker als er sein«, sagt sie.

Ich reibe mich dankbar an ihr, doch ich glaube ihr nicht. Unser Hengst ist so groß. Und er gibt nie, nie, nie auf. Ich will nicht weg. Ich will hier an meinen Heimatgewässern bleiben, bei Mutter und meinen Tanten, bei Storm. Doch die einzige Chance, hierzubleiben, bedeutet, gegen den Hengst zu kämpfen und zu gewinnen. Ihn zu vertreiben und seinen Platz einzunehmen.

So mutig werde ich niemals sein, da bin ich mir sicher.

Sommer 1860

Kiefern

Den ganzen Sommer über beobachten Storm und ich die gegenüberliegende Seite der Hänge. Jeden Tag kommen mehr Menschen – rotmähnige, braunmähnige und graue. Sie strömen zusammen wie Bienen in einen hohlen Baum. Sie bewegen Felsbrocken. Sie graben Löcher. Ganze Pferdeherden rennen von den Lochgräbern fort. Sie kommen auf unsere Seite des Bergs, trinken von unserem Wasser. Zum ersten Mal in meinem Leben frage ich mich, ob unsere Heimatgewässer für uns alle reichen.

»Haltet euch von diesen Menschen fern«, befiehlt Thunder. »Passt auf, dass sie euch nicht sehen.« Er bewacht die Wege zum Bergkamm und stupst uns, wenn wir versuchen, uns an ihm vorbeizustehlen.

Aber Storm und ich sind viel zu raffiniert für ihn. Er ruht gern aus, wenn die Sonne hoch am Himmel steht. Auch Mutter und unsere Tanten dösen, den Kopf an die Hüften und Schultern derer gelegt, die neben ihnen stehen. Frost schläft in ihrem Schatten. Storm und ich tun so, als würden auch wir schlafen. Manchmal werden wir wirklich ganz schläfrig von dem steten Gesumm der Bienen und dem Flüstern des trockenen Windes zwischen den Kiefernnadeln. Doch dann stoße ich Storm leise an und wir schlüpfen davon.

Vorsichtig nähern wir uns dem Bergkamm. Wir horchen auf das komische Klirren und die scharfen Schreie, die die Lochgräber bei ihrer Arbeit machen. Wir sehen, wie ein Mensch auf uns zukommt. Ein Esel folgt ihm. Der Esel wird an einem Strick um den Hals hinterhergezogen. So was hab ich noch nie gesehen.

Old Jack ist ein Kämpfer. Er ist ringsum genauso von Narben übersät und ebenso mürrisch wie unser Hengst. Der würde nie zulassen, dass ein Mensch eines seiner Tiere wegnimmt. Es muss sich also um einen verloren gegangenen Esel handeln, der keine Familie hat, die ihn beschützt.

Der Mensch bleibt an einer besonders hoch gewachsenen und ausladenden Kiefer stehen und schwingt einen Stock gegen den Stamm. Vögel stieben aus dem Geäst und sausen über die Spitzen des Waldes davon. Der Stock hat etwas an seinem Ende, irgendwas Scharfes wie ein Zahn oder eine Kralle. Der Mensch kämpft gegen den Baum!

Old Jack hat recht. Man kann Menschen nicht verstehen. Wieso gegen einen Baum kämpfen, der nicht zurückkämpfen kann? Einen Baum, der einem nie etwas getan hat? Wir verfolgen, wie Schlag auf Schlag hart gegen den Baum trifft und tief in den Stamm beißt. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen und dem Schwall eines strengen Geruchs geht der Baum zu Boden. Der ganze Baum, als wenn ihn ein schwerer Wintersturm umgestürzt hätte. Der Mensch bindet den Baum an den Esel. Zusammen gehen sie fort und ziehen den Baum hinterher. Er hinterlässt eine lange Kampfspur im Boden.

Ich habe schon andere Dinge sterben sehen: Vögel, Blumen und Fische. Ich habe die Knochen von Rotwild und Pferden zu Erde werden sehen, wie wir alle es müssen, wenn wir alt werden. Aber dieses Töten eines Baums – eines Baums, der sein ganzes langes Leben nur Schatten und Schutz geboten hat. Ich versteh das nicht.

Als der Mensch weg ist, gehen Storm und ich zu dem Stumpf der zerstörten Kiefer. Mein Lebenspuls pocht so stark wie nach einem schnellen Lauf. Das Knirschen der Zapfen, die einen Kiefernstamm umgeben, hallt in die plötzliche Leere. Klares, funkelndes Baumblut trieft an dem Stumpf hinab. Nie werde ich seinen Geruch vergessen, streng und bitter wie Wut.

»Schrecklich«, sagt Storm.

»Schlimmer als Gefahr«, stimme ich zu.

Wir laufen eilig den Weg zurück zu unseren Heimatgewässern. Doch sie werden nie mehr dieselben sein.

Geheime Quelle

Das Sommerwetter hält weiter an – auch als die Tage kürzer werden. Ein heißer Wind bläst über meinen Heimatboden und ich habe ständig Durst. Das Steppengras wird brüchig. Büsche verdorren und lassen die Blätter fallen. Die Gabelböcke ziehen fort, das Rotwild wird selten. Wasservögel heben in langen, lärmenden Linien vom Boden ab und fliegen salzwärts. Bäche und Tümpel trocknen aus. Ihr schlammiger Boden bricht auf, zerkrümelt und wird fortgeweht. Die, die bleiben, fressen Salbei und hoffen auf Regen.