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Nach »Dreck muss weg« der zweite Teil aus der Reihe »Mord im hohen Norden«. In Ostfriesland steckt Kommissarin Marga Terbeek mitten in den Ermittlungen zum Mord an dem Frührentner Fokko Endjer. Der so genannte Eismann, der mit seiner über alles geliebten Schwester Ada in den alten Zollblocks des Emder Außenhafens zusammenlebt, könnte Marga einen entscheidenden Tipp geben. Aber Marga muss erst einmal ihren Vater und Onkel Alli in die Schranken weisen. Denn der Einbruch in Ahlerich Freeksens Fischereibetrieb rangiert bei Marga unter Z wie Zahncreme. Zur selben Zeit müssen Kalle Bärwolff und seine neue Kollegin Yeshi Nielsen den Tod von zwei Neugeborenen aufklären, die in der Babyklappe eines Geburtshauses in Hamburg Volksdorf aufgefunden worden sind. Seine väterlichen Pflichten vernachlässigt Kalle sträflich. Prompt wird seine Teenagertochter Eliza auf St. Pauli festgenommen. Um Eliza aus der Hamburger Schusslinie zu bringen, schickt Kalle sie zu Marga aufs platte Land, wo Eliza erneut in Schwierigkeiten gerät. Zwei Autorinnen, zwei Mordermittlungen, ein Kriminalroman. Begeisterte Leserstimmen: »Zahllose überraschende Wendungen lassen den/die Leser/-in kaum zu Atem kommen.« »Lesespaß garantiert!« »...die vielen kleinen unerwarteten Wendungen haben mich begeistert. Ich warte schon auf den nächsten Teil.«
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2015
Linda Conrads / Alexandra Richter
Lausige Liebe
Kriminalroman
Knaur e-books
Nach »Dreck muss weg« der zweite Teil aus der Reihe »Mord im hohen Norden«.
In Ostfriesland steckt Kommissarin Marga Terbeek mitten in den Ermittlungen zum Mord an dem Frührentner Fokko Endjer. Der so genannte Eismann, der mit seiner über alles geliebten Schwester Ada in den alten Zollblocks des Emder Außenhafens zusammenlebt, könnte Marga einen entscheidenden Tipp geben. Aber Marga muss erst einmal ihren Vater und Onkel Alli in die Schranken weisen. Denn der Einbruch in Ahlerich Freeksens Fischereibetrieb rangiert bei Marga unter Z wie Zahncreme. Zur selben Zeit müssen Kalle Bärwolff und seine neue Kollegin Yeshi Nielsen den Tod von zwei Neugeborenen aufklären, die in der Babyklappe eines Geburtshauses in Hamburg Volksdorf aufgefunden worden sind. Seine väterlichen Pflichten vernachlässigt Kalle sträflich. Prompt wird seine Teenagertochter Eliza auf St. Pauli festgenommen. Um Eliza aus der Hamburger Schusslinie zu bringen, schickt Kalle sie zu Marga aufs platte Land, wo Eliza erneut in Schwierigkeiten gerät.
Zwei Autorinnen, zwei Mordermittlungen, ein Kriminalroman.
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Ihre
Linda Conrads und Alexandra Richter
Wenn er die Augen schloss, hörte er nur noch das monotone Lied des Kühlschranks. Es sog ihn auf, wie ein schwarzes Loch, in dem sich alles verlor. Ein hoher und ein dumpfer Ton flossen eng umschlungen durch den Raum, die Wände hinauf bis zur Decke und im geschmeidigen Überschlag wieder zurück. Und erneut hinauf und zurück und hinauf und zurück. Alles war angefüllt von diesem Surren – sogar die Zeit. Sie surrte mit oder blieb stehen oder spielte keine Rolle mehr. Er konnte die Vibration bis in seine Adern spüren. Sie floss durch seinen Körper, an den Organen vorbei hin zu seinem Herzen, das den Takt aufnahm und schlug und schlug und schlug.
»Hilfst du mir?« Ihre Stimme durchbrach den Strom, und er tauchte auf. Ada sah ihn an. Sie brauchte ihn nicht zu bitten, er tat es gern. Die Farbe ihrer Augen war die gleiche wie immer, nur lag jetzt ein trüber Film darauf wie auf stumpf gewordenem Glas. Die Krankheit nahm Ada den Glanz. Seine Schwester hatte immer geglänzt: so blond, so gut, so schön. Solange er denken konnte, war sie um ihn herumgeschwirrt. Gelb und zart wie ein Zitronenfalter. »Hilfst du mir?« fragte sie wieder, und sogar ihre Stimme klang staubig. Er nahm ihr behutsam das Schmiermesser aus der Hand und verteilte die Butter auf dem Brot. Dann schnitt er die harten Kanten ab und machte ihr Häppchen.
»Eins für Mama …« Ada lächelte und öffnete den Mund. Sie brauchte eine halbe Ewigkeit, um das kleine Stück zu kauen und hinunterzuschlucken. Er rührte ihren Tee und gab ihr zu trinken, dann wischt er ihr den Mund ab. »Eins für Papa … « Ada kaute immer langsamer, als würde der Brothappen in ihrem Mund größer werden und nicht kleiner. Sie mochte nicht mehr essen. Sie mochte eigentlich gar nichts mehr. Er strich über ihre Hand, die seit kurzem dunkle Flecken trug, dabei war Ada nur ein paar Jahre älter als er. Seine große Schwester. Vater und Mutter zugleich. Seine ganze Familie. Ada.
Sie hatte genug und wollte zurück in ihr Zimmer. Er trug sie zum Sessel vorm Fenster. Zwei Kissen, in die Seiten gestopft, stützten ihren schmalen Oberkörper; ihre Füße stellte er auf das Bänkchen vor dem Sessel. »Gut so?« Sie nickte. Er warf einen Blick aus dem Fenster auf die Garagenzeile aus schiefem Wellblech. Eine Glocke kündigte den Unterrichtsbeginn in der nahen Grundschule Nesserland an. Zwei Nachzügler auf dem Schleichweg vor den Garagen rannten los, so dass ihre reflektierenden Tornister auf und ab hüpften. Zwei bunte Farbkleckse in dem grauen Oktoberdunst. Nein drei. Im Gestrüpp neben den Garagen gammelte ein gelber Sack still vor sich hin. Der Ausblick könnte schöner sein, aber wenigstens war Ada zu Haus, in ihrer eigenen Wohnung inmitten der Zollblöcke des Emder Außenhafens, die sie schon seit dreißig Jahren mit ihm teilte. Früher hatte sie sich um ihn gekümmert, jetzt kümmerte er sich um sie. In der Küche stellte er das Radio an und räumte den Tisch ab. Gesang füllte das Zimmer. Geschwafel von Liebe und Leidenschaft. Er schloss den Deckel des Brotkastens. Klappe zu, Affe tot. Ihm war das Gesülze zuwider, aber Ada mochte Liebeslieder und Musik und Tanz. Fast hätte er ihr leises Husten überhört. Sie begann zu würgen, und schnell war er bei ihr. Das Brot kam wieder heraus, zusammen mit Blut und Schleim. Es roch nicht gut, er wischte sie ab. Ada hustete erneut und dann weinte sie. »Schschscht«, beruhigte er sie. Der Gestank war unerträglich. Sie hatte sich beschmutzt und weinte vor Scham. Das brauchte sie nicht. Er griff nach dem Karton mit den Handschuhen, nicht aus hygienischen Bedenken oder Ekel, sondern um Ada vor seinen Keimen zu schützen. Nachdem er sie gewaschen hatte, zog er ihr frische Sachen an. Dann reinigte er den Sessel, so gut es ging, und öffnet das Fenster. »Ich kann nicht mehr.« Diese Stimme. Kein Klang, keine Farbe. Er wurde nervös. Irgendwas lief hier verkehrt. Sie durfte nicht gehen. Er riss sich zusammen. »Das wird wieder gut.« Und er meinte es auch so. Es würde wieder gut werden, so wie alles immer wieder gut geworden war. Hauptsache, sie hielten zusammen.
»In der grünen Reisetasche sind wichtige Papiere.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. »Du musst dich kümmern.«
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht, ein kalter Film bedeckte ihre Haut. Natürlich würde er sich um alles kümmern. Mit ihr zusammen. Und als Erstes würde er ihr eine Wärmflasche machen, die bewirkte bei Ada wahre Wunder. In der Küche füllte er den Durchlauferhitzer und wartete. Aus dem Radio tropften die Schnulzen wie vergifteter Honig. Und wer nicht aufpasste, blieb kleben. Er stellte das verdammte Ding ab. Was dann folgte, war auch wie Musik für ihn. Kein besonders gutes Stück. Nicht schön, sondern schwarz. Und es kam aus dem Kühlschrank.
Jann. Nackt, klein und knautschig und einer der Gründe, warum Marga an diesem Vormittag einen Abstecher zum Neßmersieler Fährhafen gemacht hatte, wo ihre Wangenknochen im scharfen Wind taub wurden und die Haare sich zum Afrolook aufstellten. Die grüne Deichlinie kam im Bogen von Norddeich und schlängelte sich weiter bis nach Carolinensiel. Endlich konnte Marga die Fähre der Baltrum-Linie erkennen, während sie das lausig kalte Wetter verfluchte. Direkt vor ihr stritten sich zwei Möwen um eine zermatschte Pommes-Schale. Marga setzte ihre Kapuze auf. Ihre Schwester Beate in Hamburg hatte entbunden. Endlich. Jann Heinrich hieß der kleine Spatz. Ihre Eltern platzten fast vor Stolz. Den ersten Namen trug er nach Margas Vater, seinem Großvater, den zweiten nach Uropa Heini, der schon seit mehr als zwanzig Jahren auf einer Wolke im ostfriesischen Himmel seine Haare wehen ließ. Kurz dachte Marga auch an Opa Heinis behaarte Ohren, dann entschwand das Bild aus ihrem Hirn, und sie erkannte ihren Vater an Deck der Baltrum I, die zum Anlegen wendete. Die stürmischen Böen ließen die Flagge am Heck des Dampfers knallen und rissen den hellen Rauch aus dem Schornstein ins Nirgendwo davon. Dicke Tampen [1] wurden geworfen und festgemacht.
»Moin [2] Papa!« Marga winkte. »Margarethe!« Jann Terbeek drückte seine Tochter an sich. »Was machst du denn hier? Ich dachte, wir treffen uns in Aurich.«
»Hatte zufällig in Neßmersiel zu tun.« Sie schaute ihn an. Er sah gut aus. Wettergegerbt, ein bisschen faltig, aber gut. »Na, Opa, wie gehtʼs?« »Hundertprozentig!« Er schüttelte seine Faust und strahlte übers ganze Gesicht. So sahen Sieger aus. Ein Enkelkind, die Krönung der Fortpflanzung. Witzigerweise wirkte ihr Vater trotzdem jünger als sonst. »Ich soll dich auch schön von Mutti grüßen. Sie ist zwar noch ein büschen beleidigt, dass du den Lütschen vor uns zu sehen kriegst …« Marga zog die Nase kraus, aber sie hatte nicht um das Privileg gebeten. Queen Mum Beate bat zur Audienz und hatte als Erste Marga eingeladen. Margas Vater schien das nichts auszumachen, aber ihre Mutter war ganz schön angestochen. »… aber nu«, Jann Terbeek winkte ab, »deine Mutter kriegt sich schon wieder ein.« Schließlich musste er es nach knapp vierzig Ehejahren wissen. Und generell wusste Jann Terbeek so ziemlich alles. Trotzdem war Marga erleichtert über seine Einschätzung, und irritiert von seiner schrägen Körperhaltung; dann sah sie an ihm herunter und fand, was ihn so auf die schiefe Bahn gebracht hatte: eine prall gefüllte Einkaufstasche aus Kunstleder mit üppigen Rundungen. Marga schwante Böses.
»Sag nicht, dass ich die ganze Tasche mitschleppen muss nach Hamburg.« »Nee, die Tasche nicht. Aber den hier …« Margas Vater bückte sich und befreite ein riesiges Gefäß aus Steingut aus den Tiefen des Kunstleders. »Sieben Liter Kinnertön [3]. Meinst, das reicht?« Die grellbunten Früchte auf der bemalten Keramik sahen aus wie grinsende Münder. Und Jann Terbeek grinste auch. »Der Pott ist noch von deiner Oma Margarethe. Da hat sie früher immer einen Rumtopf drin angesetzt. Lecker war der. Und schön stark. Als Erstes kamen die Johannisbeeren rein, im Frühsommer.«
»Du weißt, dass ich mit dem Zug zu Beate fahre, oder?« Für den Monstertopf würde sie eine eigene Fahrkarte brauchen. »Dann sei man schön vorsichtig mit dem alten Familienstück.« Marga übernahm den Topf. Der Inhalt schwappte gefährlich hin und her, und eine Wolke Hochprozentiges stach ihr in die Nase. »Ein halbes Pfund Rosinen und ein Viertelpfund Kluntjes [4] auf den Liter Branntwein.« Margas Vater rieb sich die Hände.
Oha, hoffentlich waren Beates Bekannte in Hamburg auf die steife Mischung vorbereitet. Ob Marga sie warnen sollte? Esst nicht die Rosinen! Esst nicht die Rosinen! Tote Weintrauben, aufgedunsen wie kleine Wasserleichen und vollgesogen mit Sprit. Die hinterhältigen Dinger ließen selbst die größten Kerle einknicken wie Klappstühle bei falscher Belastung. Branntwein mit Rosinen, Ostfriesische Bohnensuppe oder einfach Kinnertön, was auf Hochdeutsch Kinderzeh hieß. Gereicht wurde es, wenn auf ein neues Menschlein angestoßen wurde. Dann man prost! »Aber nu vertell mal, warum bist du in Neßmersiel?« Marga balancierte den Branntweinpott vor dem Leib und drehte sich gegen den Wind. »Bei Ahlerich Freerksen ist gestern Nacht eingebrochen worden.« Jann Terbeek ließ die Einkaufstasche sinken, die jetzt schlaff war wie ein Ballon vierzehn Tage nach dem Aufpusten. »Was? Und das sagst du mir erst jetzt?« Seine Lippen waren schmal geworden. »Personenschaden?« Marga konnte ihn beruhigen. »Nee. Eine zerbrochene Scheibe und ein paar Kisten Fisch sind übern Deister gegangen. Und stinksauer ist er, kannst dir ja vorstellen.« Margas Vater war mit Ahlerich Freerksen seit anno dazumal bekannt. Er erhöhte die Schrittzahl, und Marga hatte Mühe, ihm zu folgen, ohne dass sich der Branntwein in einer Flutwelle aus dem Pott ergoss. »Nu renn doch nicht so, Papa! Wo willst du denn hin?«
Jann Terbeek starrte sie entgeistert an. »Zu deinem Wagen natürlich. Wenn ein Freund mich braucht, bin ich zur Stelle!« Marga bremste abrupt. Das war doch nicht sein Ernst. »Was? Ich muss da dienstlich hin. Das ist eine polizeiliche Ermittlung, da kannst du nicht einfach mitkommen.« »Wer sagt das?« Ein breites Rinnsal Branntwein lief Marga über die Brust und hinterließ eine klebrige, braune Spur. »Ich.«
Der Fischereibetrieb von Ahlerich Freerksen war schon seit Generationen ein Familienunternehmen. Marga fuhr vom Fähranleger die Strandstraße hinunter und bog dann in die Sielstraße ein. Die Halle des Fischhandels lag an der Cankebeerstraße Richtung Hagermarsch. Margas Vater auf dem Beifahrersitz hatte das Gesicht verzogen, weil der Wagen nach Hund roch; Marga am Steuer hatte das Gesicht verzogen, weil ihre Jacke nach dem übergeschwappten Kinnertön roch. Und weil ihr Vater mitkam. Er hatte sich nicht davon abbringen lassen, Marga zu Ahlerich Freerksen zu begleiten. »Keine Widerrede. Ich muss Ahlerich zur Seite stehen.« Und dann auch noch über das bisschen Hundemief im Auto meckern. Danach waren die Fronten verhärtet, und sie schwiegen sich an, bis der Wagen auf den Hof der Fischerei rollte. Wenigstens hatte ihr Vater den Branntweintopf in Schach gehalten. Zu ihrer Genugtuung bemerkte Marga beim Aussteigen, dass Jann Terbeeks Achtersteven mit einem hellen Kranz aus blondem Hundehaar gekrönt war. Vielleicht hätte sie doch Ludgers Decke für ihn vom Sitz nehmen sollen. Ahlerich Freerksen stand in Kittel und Gummistiefeln auf dem Innenhof seines Betriebes und telefonierte laut; seine Wangen waren gerötet. Als er Marga und Jann Terbeek erkannte, beendete er das Gespräch und kam auf sie zugestapft. »Margarethe. Hast du dir Verstärkung mitgebracht?« Er klopfte Jann Terbeek auf die Schulter.
Marga lächelte und überhörte seine Frage. Dass Ahlerich sie schon als Kind auf den Knien geschaukelt hatte, war für ihr Image als knallharte Ermittlerin nicht unbedingt von Vorteil. »Moin Onkel Ali.« »Und? Ist der Schaden schlimm?«, erkundigte sich Jann Terbeek »Hol bloß up. Ik heb net mit dem Futzi von der Versicherung gesprochen. Immer beste Freunde gewesen, bin schon jahrzehntelang Kunde. Nur passieren darf dir nix. Das Problem ist nicht nur der Einbruch, sondern dass die Spinner im Kühlhaus waren. Den gelagerten Fisch kann ich keinem Kunden mehr mit ruhigem Gewissen verkaufen. Ich weiß doch gar nicht, was die mit der Ware angestellt haben.« Er hielt sich die Hand an den Hosenstall, als würde er pinkeln. »Hariasses! Meinst du, die haben dir auf den Fisch gemiecht?« Jann Terbeek schüttelt angewidert den Kopf.
»Weiß manʼs?« »Warum glaubst du, dass es mehrere waren?« Marga runzelte die Stirn. Hatten die Kollegen von der Technik schon nähere Informationen?
»Da geh ich stark von aus.« Onkel Ali stemmte die Hände auf seine runden Hüften. »Bestimmt«, bekräftigte ihn Jann Terbeek. Marga sparte sich eine Erwiderung und verließ den Spekulierclub. »Ich geh mal rüber.«
Ein rückwärtiges Fenster war aufgehebelt und hing wie angeschlagen in den Seilen.
»Hier ist angesetzt worden.« Der Kollege von der Technik war allein und erstaunlich jung. Strubbelige Locken wippten bei jeder Bewegung. Er zeigte ihr die Spuren am Fenster. »Ins Gebäude, dann durch die Zwischentür und ab ins Kühlhaus.« Sie gingen hinein, und Marga schnupperte. Sie konnte die Kälte und den Fisch riechen. Und den Kinnertön auf ihrer Jacke. »Brauchbare Spuren?« Der Techniker zeigte auf gräulich eingefärbte Flächen an Türen und Fenstern, an der Wand und auf einem Regal. »Jede Menge Fingerabdrücke. Sonst nichts. Ich hab alles eingepinselt, aber wenig Hoffnung. Hier gehen jeden Tag zwanzig Leute rein und raus.« Er verstaute seine Utensilien in einem Koffer. Sie gingen hinaus. An der Zwischentür war ein Riss im Glas, ein selbstklebender Maßstab fürs Foto haftete daneben.
»Was ist entwendet worden?« »Ein paar Kisten Fisch und eine Trinkgeldkasse. Ich hab’s genau aufgeschrieben, und der motzende Alfred Tetzlaff im grauen Kittel hat mir auf die Finger geguckt, dass ich ja nichts vergesse.« Er blickte über Margas Schulter Richtung Ahlerich Freerksen, der wild vor Margas Vater gestikulierte. »Wer? Onkel Ali?« Er verzog den Mund. »Bist du mit dem verwandt?«
Marga winkte ab.
»Na ja, jedenfalls war er ziemlich aufgebracht wegen des Einbruchs. Muss man wahrscheinlich verstehen. Aber mal ganz ehrlich. Keine Alarmanlage, keine Kamera und das Fenster kriegst mit ʼnem einfachen Schraubenzieher auf. Und wenn dann was passiert: Grand Malheur de Kack.« Seine Haare kamen ins Schaukeln, je länger er sprach, und Marga musste lachen. Er drückte ihr ein Schreibbrett samt Bericht in die Hand und fragte: »Wenn ihr so dicke seid, könntest du dann nicht Onkel Ali unterschreiben lassen? Bitte?«
Natürlich, Prinz Charming. Die Haare waren der Knaller. Eigentlich war der ganze Typ nicht schlecht. Blöd, dass ihre Jacke so versifft war. Sie hielt ihm die Hand hin. »Ich bin übrigens Marga.« Er lächelte und schüttelte Hand und Haar. »Claas.« Dann zog Claas seinen Pullover vor und roch daran. »Boah! Ich glaub, ich riech nach Fisch.« Sein Finger zeigte auf Margas Brust. »Und du hast dich auch total eingesaut.« »Ach, echt?« Marga sah an sich runter. »Tatsächlich.«
Er hob den Topfdeckel. Der heiße Dampf stieg in einem Schwall auf, so dass er den Kopf zur Seite wenden musste. Die Möhren leisteten keinen Widerstand mehr und wurden von der Gabel mühelos durchbohrt, und der Klumpen Butter verflüssigte sich umgehend auf dem heißen Gemüse. Ein angenehmer Duft drang ihm in die Nase, als er den Stampfer nahm und Möhren und Kartoffeln zu einem sämigen Brei quetschte. Dann pulte er das Kassler-Fleisch vom Knochen und hob es unter. Ada liebte Geräuchertes. Er öffnete ein Glas Gewürzgurken und legte eine auf den mit Eintopf gefüllten Teller, obwohl – die Säure könnte Adas Magen nicht bekommen. Das Gürkchen landete in seinem Mund. Den Teller pustend, betrat er das Wohnzimmer. »So Ada, damit du wieder groß und stark wirst.« Er stellte den Teller auf den Tisch und griff nach einem Tuch, das er seiner Schwester vorsichtig um den Hals schlang. Ein Lätzchen, wie bei einem Kleinkind. Ada blickte zum Fenster hinaus. Behutsam strich er den Löffel am Tellerrand ab und führte ihn an Adas Lippen. »Hmmmm … riech mal, wie das duftet. Lecker Möhreneintopf. Mit Fleisch, genau so, wie du ihn magst.«
Ada reagierte nicht. Er stupste mit dem Löffel aufmunternd an ihre Lippen, doch Ada wollte nicht. Ein Anflug von Panik stieg heiß in seiner Wirbelsäule hoch. Sie musste essen, verdammt! Doch er hatte sich schnell wieder im Griff und stellte den Teller zur Seite. Ihr Haar fühlte sich hart und spröde an, als er ihr über den Kopf strich. »Na gut, probieren wir es später noch mal. Keine Widerrede.« Sein Pulsschlag ging merklich runter. Natürlich würde sie essen. Wahrscheinlich nur ihm zuliebe, aber sie würde essen. Und zu Kräften kommen. Er ordnete die Decke über Adas dünnen Beinen. In der Küche räumte er das Schlachtfeld auf und spülte ab. Der Eintopf blieb auch von ihm unberührt. Unter der Eckbank stand sie, die grüne Reisetasche, die für Ada so wichtig zu sein schien. Er fasste sich ein Herz und zog sie hervor. Grünes, brüchiges Leder, der messingfarbene Reißverschluss klemmte, doch er bekam ihn auf. Quittungen, Zettel, jede Menge Papier. So eine Unordnung sah Ada gar nicht ähnlich. Auf einem Foto erkannte er seine Eltern. Mausetot waren sie, schon so lange. Als kleiner Junge hatte er sie vermisst, doch heute spürte er nichts mehr davon. Er und Ada hatten sich durchgebissen. In einer Mappe waren Unterlagen einer Versicherung und eine Gerichtsvorladung. Er erinnerte sich vage an den Autounfall, bei dem sich Ada das Becken gebrochen hatte. Hochkomplizierte Operationen folgten, anschließend langwierige Reha-Maßnahmen und als Endergebnis eine flügellahme Ada. Obwohl er damals schon zwölf Jahre alt gewesen sein musste, war ihm die Zeit vor und nach Adas Unfall nicht mehr präsent. Es waren einfach keine Bilder da. Auch Ada sprach nicht über diese Zeit, also Schwamm drüber, sie war vorbei. Vergeben und vergessen. Die anschließenden Jahre hatten sie in trauter Zweisamkeit verbracht. Wenn seine Kollegen ihn Muttersöhnchen nannten, weil er noch bei seiner Schwester wohnte, musste er lachen – schließlich konnte er sich nicht einmal an seine Mutter erinnern. Ada hatte für ihn gesorgt. Und er hatte gearbeitet und Geld verdient. Eine Ausbildung hatte er nie gemacht, aber irgendwie war immer Geld da gewesen, so dass sie zusammen mit Adas Unfallrente gut ausgekommen waren. Sogar als angelernte Pflegekraft in einem Altenheim hatte er mal gearbeitet. Ein Job, der ihm jetzt zugutekam. Jetzt, wo der Krebs Ada auffraß, jeden Tag ein Stück. Nur zwei Augenblicke später hielt er die Postkarte zwischen den Fingern und blickte auf seine eigene runde Kinderschrift. Und plötzlich war es, als hätte das Luftgemisch um ihn herum den Sauerstoff verloren.
Tropfen sind in der Luft. Viele, viele Tropfen. Es ist so diesig, dass er die Hand nicht vor Augen sehen kann. Sein Körper zittert, die Gänsehaut erreicht seinen Kopf und kriecht unter seine Haare. Und er ist nicht allein. Er kann die anderen nicht sehen, aber er spürt ihre Anwesenheit im Raum, der angefüllt ist mit der dicken Tropfensuppe. Ein neuer Schwall Dampf wird in den Raum gepumpt, und er muss husten, weil es so in seiner Lunge beißt. Bitte, bitte, lass es gleich vorbei sein! Aber es fängt gerade erst an. Ein weiterer Schwall pottendicker Nebel folgt und noch einer und noch einer. Die Luft ist zu dick, um sie einzuatmen. Und so salzig. Er wird in dieser weißen Dunkelheit sterben, er ist sich sicher. Ob Ada es auch weiß? Ob sie wusste, was hier mit ihm passierte? Der Freund wusste es bestimmt. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Doch er ist kein Indianer. Er kann es nicht mehr aushalten. Und vor lauter Angst fängt er an, sich zu bepinkeln.
Sein Brustkorb pumpte, hob und senkte sich, doch es gab keinen Austausch mehr. Nur noch Kohlendioxid erfüllte seine Zellen und verseuchte das ganze Gewebe. Ein Fisch auf dem Trockenen. Er würde ersticken, auch ohne Nebel. Ein heißer Blitz fuhr durch seinen Rücken. Seine Beine zuckten. Ada! Oh, Ada. Er sprang auf, dabei verschob er den Tisch durch die Wucht seines Körpers. Es gab ein Quietschen auf dem PVC, ein Stuhl fiel um. Er stürzte zum Kühlschrank und riss hastig die Tür auf. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Und der Kühlschrank schnurrte sanft wie ein Kätzchen. Die Kälte beruhigte seine Atmung und seinen Verstand, er konnte wieder klar denken. Da stand das Glas mit den Gewürzgurken, davor lag die fettarme Margarine, luftig leicht und streichzart. Alles war in Ordnung. Er nahm den Kopf aus dem Kühlschrank und schloss die Tür. Der Spuk war vorüber, und er war dankbar dafür. Er fühlte sich erbärmlich. Gerne hätte er geweint, aber er wusste nicht wie. Trotzdem wischte er sein Gesicht ab und steckte sich das verrutschte Hemd zurück in die Hose. Dann ging er zu Ada, hoffentlich hatte sie nichts bemerkt. Ada saß klein und schwach am Fenster. »Wir probieren es noch mal.« Er nahm den Teller mit dem kalten Eintopf, Adas Mund öffnete sich einen Spalt, und der orangefarbene Brei fand seinen Weg. Gott sei Dank, sie aß. Anschließend war sie müde. Er kleidete sie aus und brachte sie zu Bett. Noch ein Kuss auf die Stirn, dann schloss er sachte die Tür. Er würde Nägel mit Köpfen machen. Auch für Ada. In der Küche stand die grüne Reisetasche und wartete auf ihn. Eine giftige Schlange mit hypnotischen Augen. Er hob den Stuhl auf, rückte den Tisch gerade, sogar das Radio stellte er an. Um alles würde er sich kümmern, es war Adas Wunsch. Er packte die Tasche am Genick, und ihr Inhalt ergoss sich über den Küchentisch.
Weiterlesen in Ostfriesland
Der Hund bellt. Pippa Hansen drückt ihre Nase an der Fensterscheibe des Pförtnerhauses platt. Wachmann Liviu Pangratiu sieht von seinem Kreuzworträtsel auf. Sein Mund verzieht sich zu einem breiten Grinsen. Pippa reißt die Tür auf. Der Hund springt an Pippa hoch, legt seine Pfoten auf ihre Schultern. Fast wäre Pippa umgekippt.
»Sitz, Mücke!« Pangratiu zeigt auf die Decke neben dem Stuhl.
Der Hund winselt, zögert, trollt sich dann aber doch auf seinen Platz. Pippa schüttelt die Schneeflocken aus dem Haar. Hinter ihrem Rücken versteckt sie etwas. Pangratiu faltet die Zeitung zusammen. »Moin Schneekönigin Pippa I. von Volksdorf.«
Pippas Arm schwingt nach vorne. In der Hand hält sie einen Strauß Christrosen. »Für meinen einzigen Freund.«
Pangratiu lacht. »Die sind aber nicht vorne vom Beet oder?«
Pippa stemmt die Arme in die Hüften. »Natürlich nicht!«
Der Hund winselt. »Hey, Mückchen!« Pippa wirft dem Hund ein Leckerli zu, das er im Ganzen hinunterschluckt.
Pangratiu füllt Wasser in ein Glas, stellt es auf den Tisch und gibt die Blumen hinein.
»Livi, ich … Ich hab eine Bitte. Aber du darfst mich nicht auslachen.«
»Mach es nicht so spannend.«
»Schlaf mit mir.«
Pangratiu hustet. Spucke regnet auf die Blumen. »Hast du noch alle?«
»Du findest mich also auch hässlich!«
»Wer sagt das denn? Das ist doch Quatsch.«
»Alle. Ich bring mich um!«
Pangratiu zwinkert Pippa zu. »Dein Vater findet es nicht gut, wenn du die Schule schwänzt.«
Pippa greift nach den Christrosen. »Sehr witzig!« Das Glas fällt um. Pangratiu springt auf. Pippa ist schon zur Tür hinaus.
»Pippa, komm zurück. Pippa!«
Den Tag der Deutschen Einheit hatte Kriminaloberrat Kalle Bärwolff komplett verpennt, geschmiegt an unfassbar warme und weiche Brüste. Als sein Handy klingelte, setzte er sich noch in Trance auf und schlug mit dem Kopf gegen das Regalbrett über dem Bett. »Fuck!« Ausgeträumt.
»Kalle? Ich bin’s, Yeshi. Tut mir leid, ich weiß, es ist finstere Nacht, aber wir müssen nach Volksdorf raus. Ich hol dich ab.«
»Okay, ich komm dann runter.«
Yeshi Nielsen hatte sich auf die freie Stelle im Dezernat für Todesermittlungen beim LKA beworben, auf der Guntbert Meyer gerne Marga Terbeek, die Kollegin vom Fachkommissariat Aurich, gesehen hätte. Doch Marga hatte andere Pläne. Schade, schade. Es kam nicht oft vor, dass Kalle und sein Chef gemeinsam weinten. Das Beste am Norden sind unsere Frauen – schön, blond, klug. Er grinste. In der Reihenfolge sei das frauenverachtend, würde Emma jetzt sagen. Ja-ha, Mam! Was Yeshi für eine war, musste sich erst noch herausstellen. Schön war sie. Klug wahrscheinlich ebenfalls, schließlich hatte sie die Polizeihochschule mit exzellentem Abschluss absolviert. Und aus dem Norden kam sie auch, oder besser gesagt ihre Wurzeln lagen da, denn sie stammte aus Nordostafrika, wie er seit ein paar Wochen wusste. In der Küche kratzte Kalle die Krümelreste in der Dose zusammen, machte sich einen Kaffee lau und versenkte die ersten Schokoherzen in Zartbitter der Saison in seinem Magen. Auf dem Küchentisch lag die Men’s Help. Er hatte sie im Wartezimmer beim Zahnarzt mitgehen lassen. Während er sich wirklich das allerletzte Schokoherz in den Mund schob, blätterte er in der Zeitschrift. Erstlingsväter leiden häufig an pränataler Depression. Ursache sei Sexmangel, der mit Fressattacken kompensiert werde. Kalle strich sich über die Plauze. »Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür, und ich weiß, du bleibst hier. Naaa naa naa na, na na na.« Die CD von Marianne Rosenberg war ein Geschenk von seiner Mam. Er würde für immer und ewig ihr Baby bleiben. Naaa naa. Aber es gab Schlimmeres, Sexmangel, definitiv.
Yeshi is calling. »Mensch Kalle, wo bleibst du denn?«
»„Naa na, na na na. Bin gleich unten.«
Noch ein Schokoherz. Ehrlich, das allerletzte. Für heute. Eine gute halbe Stunde waren sie schon unterwegs, zu gottverlassener Zeit in dieser gottverlassenen Spießergegend. Protzige Einzelhäuser, Bäume, Felder und Wiesen zogen an ihm vorbei. Damals, als er mit seiner Mutter im Grünen am Stadtrand gewohnt hatte, weil Kinder frische Luft brauchen, war sein Glaube an das Gute flöten gegangen. Von frischer Luft und Mutterliebe allein kann kein Kind groß und stark werden. Ganz besonders nicht, wenn man in der Schule mit dem Finger auf einen zeigt. Der da, der wird später Verbrecher, weil er keinen Vater hat und seine Mutter arbeiten gehen muss. Na gut, er war trotzdem groß geworden. Vor allem fett. Freund Frust war ihm treu geblieben.
»Kalle, hörst du mir überhaupt zu?« Yeshi bremste und musterte ihn durch ihre Nana-Mouskouri-Brille, die ihre Augen zu regelrechten Ausspähorganen vergrößerte. »Der Kollege am Telefon sagte, wir sollen uns auf was gefasst machen.« Sie setzte den Blinker und bog auf die Zufahrt zum Geburtshaus Volksdorf e.V. ein, das von den Scheinwerfern der Spurensicherung bereits grell erleuchtet war. Die Bühne des wahren Lebens verlangte nach Kalles Aufmerksamkeit. Er gähnte. Blaulicht zuckte, hie und da unterbrochen von einem Blitzlicht. Die Presse roch Sensationen wie Wespen die Marmeladenbrötchen in der Bärwolffschen Küche im vierten Stock. Yeshi parkte den Wagen abseits der Lightshow. Kalle öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Wie eine eiskalte Hand legte sich die Luft um seinen Hals, ein Vorgeschmack auf die klimatischen Bedingungen in seinem Grab. Die Fäuste tief in den Jackentaschen versenkt, sehnte er sich zurück in sein Bett mit einer Wärmflasche an den Füßen.
Im Schwall schoss der Magenbrei aus Kalles Mund, ergoss sich auf seine Hand, seine Jeans und Schuhe. Die Neugeborenen waren tot. Sie umarmten sich. Die Polizisten standen im Halbkreis um die Babyklappe wie ein Wachsfigurenkabinett. Niemand sagte ein Wort. Yeshis Ellbogen berührte Kalle leicht am Arm. Sie reichte ihm ein Papiertuch. Er nickte – danke, formten seine Lippen – und wischte sich den Mund ab. Und die Hand. Das Tuch war ein matschiger Klumpen und stank säuerlich. Wohin damit? Er warf es ins Erbrochene. Sein Blick wanderte über die Gesichter der Kollegen und wieder zurück zu den Winzlingen auf dem blutverschmierten Handtuch hinter der Plexiglasscheibe. Sie waren die erbarmungslose Antwort auf die Frage nach Gott, die Kalle in siebzehn Jahren bei der Mordkommission untergekommen war. Und doch falteten sie alle die Hände wie zum Vaterunser. In Kalles Rücken blitzte es. Er fuhr herum und ging auf den Fotografen los, der das Absperrband offensichtlich ignoriert hatte, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. »Kamera!«
»Okay, okay.« Der Mann hob die Arme. »Bin ja schon weg.«
»Kamera!« Kalle streckte die Hand aus.
Der Fotograf wich zurück. Kalle nickte dem Kollegen in Uniform zu. In Bruchteilen von Sekunden lag der Möchtegern-Paparazzo am Boden und zappelte wie ein Fisch aufʼm Fahrrad.
»Die Kamera soll sich die Kriminaltechnik mal ganz genau angucken. Danke.« Kalle schlug den Kragen seiner Jacke hoch, kramte in den Taschen. Fuck, Schokoladenherzen waren alle!
»Karo Baur hat die Babys am 3. Oktober um 22.30 Uhr aufgefunden, sieben Minuten, nachdem der Alarm zu ihrem Smartphone durchgeschaltet worden ist. Sie ist Gründungsmitglied und Geschäftsführerin des Geburtshauses Volksdorf.« Yeshi zeigte auf eine Frau, eingewickelt in eine Decke, die vor dem Krankenwagen wartete und rauchte.
»Das war Absicht. Ich soll weg hier.« Karo Baur hatte ihre Schultern aus der Decke befreit und die Enden unter ihrem Arm eingeklemmt. Die Zigarette glühte auf. Karo kniff die Augen zusammen und inhalierte tief. Sie hielt die Zigarette zwischen Daumen und Mittelfinger. Den Rauch atmete sie durch Mund und Nase aus. Ihr Körper zitterte. Asche fiel zu Boden.
»Guten Morgen, Frau Baur.« Kalle streckte ihr die Hand entgegen. »Mein Name ist Bärwolff, Mordkommission. Ich leite die Ermittlungen.«
Karos Hand war schweißnass und kalt, aber sie packte zu.
»Wie viel Zeit vergeht zwischen Hineinlegen in die Babyklappe und Auslösung des Alarms?« Yeshi kam Kalles Frage zuvor.
»Das kann man einstellen. Bei uns sind es zehn Minuten, nachdem die Klappe geschlossen wurde.«
Kalle rechnete im Kopf.
»Zehn bescheuerte Minuten, um einem Kind das ganze Leben zu versauen.« Yeshi wendete sich Kalle zu und steckte sich den Mittelfinger in den Hals.
Kalle fragte sich, was das jetzt sollte, fühlte sich aber trotzdem gleich viel besser. In Bezug auf die Professionalität waren Yeshi und er quitt. 22.13 Uhr waren die Babys also in die Klappe gelegt worden. »Frau Baur, wer hat denn Ihrer Meinung nach etwas gegen das Geburtshaus?«
Unter ihrer Schuhsohle erlosch die Glut der Kippe. »Auf dem Nachbargrundstück liegt die Emilia-Calotti-Geburtsklinik. Früher war ich dort als leitende Hebamme tätig. Meine Vorstellungen von natürlicher Geburt durfte ich zwar auf den Informationsabenden für werdende Eltern vortragen, und ich durfte ihnen auch die Kreißsäle mit Badewanne und Schickschnack zeigen, aber mit dem Alltag auf Station hat das rein gar nichts zu tun. Die Ängste der Eltern sind Gelddruckmaschinen für die Kliniken. Sicherheit wird zur Killerphrase. Gerätemedizin und Ärzte wollen bezahlt werden. Arrogantes Pack. Hebammen haben ja alle keine Ahnung.«
»Irgendwas Konkretes?« Kalles Magen knurrte. Kein Wunder, der war so was von leer.
»Morgens Sauna in Dubai, mittags shoppen am Jungfernstieg, abends Kaiserschnitt in der Calotti-Klinik, und die Frisur sitzt immer noch.« Karo Baur zündete sich die nächste Zigarette an.
»Was soll das bitte heißen, Frau Baur?«
»Fragen Sie Ihren Arzt.« Karo zeigte auf die Büsche hinter ihr. »Oder die Götter in Weiß von da drüben, die wissen alles, und vor allem wissen sie es besser.«
»Ausgeschlossen. Das Klinikgelände wird Tag und Nacht und bis in den letzten Winkel von unseren Kameras überwacht. Die Sicherheitsfirma ist mit Personal und Hund vor Ort.« Dr. Sarkozy reichte Kalle die Visitenkarte.
Viktor Orlow Security Services. Leinpfad an der Alster.
»Beste Adresse.«
»Absolut! Viktor Orlow Security Services bewacht weltweit sensibelste Anlagen von Kernkraftwerken in Osteuropa und Russland bis zu chemischen und biologischen Forschungslaboren höchster Sicherheitsstufe.«
»Und die Calotti-Geburtsklinik.«
»Da brauchen Sie gar nicht süffisant zu werden, Herr Bärwolff. Unsere Patientinnen schätzen es, wenn ihre Privatsphäre respektiert wird. Wir garantieren das. Das macht unsere Klinik besonders attraktiv für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen oder die einfach mehr Geld als der Durchschnitt verdienen. Unbefugte haben bei uns keine Chance. Und Kindsmörderinnen schon ganz und gar nicht. Absurd!« Dr. Sarkozy schob die Unterlippe vor und verschränkte die Arme; er sah aus wie ein trotziger großer Junge mit Stirnglatze.
»Wieso Mörderinnen? Wissen Sie etwas, das wir auch wissen sollten?« Yeshi schob ihre Brille auf der Nase nach oben.
Dr. Sarkozy lehnte sich weit in seinem Ledersessel zurück. »So was macht doch kein Mann.«
»Was meinen Sie mit ›so was‹?«
»Neonatizid. Das ist beim Menschen nicht anders als in der Tierwelt. Es sind immer die Mütter, die ihre Neugeborenen verstoßen oder sogar töten.«
»Ah ja, ich verstehe.« Yeshi zeigte ihr charmantes Lächeln. »Je höher der Gehaltsscheck, desto kälter die Herzen.«
Wunderschöne Zähne, wunderschöne Frau, bis auf die Monsterbrille. Ebony and Ivory. Wer hatte das noch gesungen? Auf jeden Fall nicht die Rosenberg. Naaa naa naa na, na na na. Kalle gähnte. »Sorry.«
»Wir können gerne den Wachdienstmitarbeiter befragen.« Der Arzt sprang von seinem Stuhl auf und rannte aus seinem Büro.
»Du hättest ja auch mal was sagen können, Kalle!«
»Ich?«
Yeshi schüttelte den Kopf. »Mannomann! Es ist genau umgekehrt. Wesentlich mehr Männer als Frauen töten ihre Kinder, weil sie sich rächen oder die Frauen bestrafen wollen. Sie nehmen den Frauen das Liebste, das sie noch haben.«
»Das Ergebnis ist dasselbe.«
»Ohne euch gäbe es nicht so viel Leid auf der Welt. Gebt es doch endlich mal zu.« Nur drei Schritte und Yeshi hatte Dr. Sarkozy eingeholt. Kalle holte tief Luft und hechelte hinterher. »War heute viel los?«
»Das kann man wohl sagen.«
»Wir brauchen eine Patientinnenliste.« Yeshi tippte auf ihr Smartphone, hielt dabei mühelos Schritt mit Dr. Sarkozy.
Kalles Pumpe pfiff auf dem letzten Loch. Statt abzunehmen, wäre eine Magenverkleinerungsoperation womöglich die bessere Lösung. Der Doktor hatte vielleicht einen professionellen Tipp für ihn parat. Mit fliegenden Kittelenden hetzte Dr. Sarkozy über das Klinikgelände, Yeshi folgte ihm auf den Fersen. Kalle gab es auf. Fürs Wettlaufen wurde er nun wirklich nicht bezahlt. NEMMOKLLIW – er buchstabierte rückwärts. Die roten Leuchtbuchstaben formten einen Viertelkreis über der Klinikeinfahrt, rechts und links von blinkenden Herzen eingerahmt. Viele Grüße, dein Kitsch.
»Darf ich vorstellen, Herr …«
»Pangratiu.«
»Herr Pangratiu. Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes.« Dr. Sarkozy fummelte an seinem Stethoskop.
Er schien nervös zu sein. Oder übermüdet?
»Moin. Mein Name ist Bärwolff, Mordkommission. Erzählen Sie doch mal, wie war der Nachtdienst bisher, Herr Pangratiu?«
»Wie immer.«
Yeshi grinste Kalle an. Okay, wenn Yeshi meinte, sie könne es besser. Bitte sehr.
»Herr Pangratiu, ihr Hund ist ja ein einmalig schönes Tier.«
Plötzlich füllte sich der massige Schrank mit Leben. Narbige Schatten lagen auf Pangratius Wangen, wie beim Mann im Mond, der auf sie herabschaute. Kalle mochte ihn, also den Mann im Mond.
»Danke. Sie heißt Mücke.« Pangratiu kraulte die Schäferhündin hinter den Ohren. Die Hündin gähnte. Beeindruckendes Gebiss, oha.
»Ich nehme an, Sie schieben an Wochenenden und Feiertagen eine Zwölf-Stunden-Schicht. Das schlaucht sicher ganz schön.« Yeshi neigte den Kopf und lächelte zuerst Pangratiu an und dann Mücke.
Mücke knurrte, und Yeshi wich einen Schritt zurück. Schadenfreude wärmte Kalles Herz und sogar die Füße.
»Herr Pangratiu«, Yeshi setzte erneut an, »Einbrecher versuchen häufig, Wachhunde mit Schlafmitteln außer Gefecht zu setzen, und probieren dies mit Leckerlis …«
Pangratius eben noch blutleeres Gesicht verfärbte sich in eine knallrote Leuchtkugel. »Mücke nimmt ihr Futter nur von mir an.«
»Kommen Sie, was war heute Nacht los?«
Pangratiu schwieg.
»Wir können Sie auch mit aufs Präsidium nehmen. Da dürfen aber Hunde leider nicht mit.« Yeshi lächelte, ein Zuckerguss war gar nichts dagegen.
Kalle würde Yeshi alles aus der Hand fressen. Pangratiu schien misstrauisch zu sein, schielte zu Dr. Sarkozy. Yeshi blinkte Kalle mit ihren großen Brillenschlangenaugen an.
Kalles Cent fiel, wenn auch spät. »Äh, Herr Dr. Sarkozy, ich würde mir gern ansehen, wo die Humanabfälle zwischengelagert werden.«
Der Arzt befingerte wieder sein Stethoskop. »Wieso das denn?«
»Na ja, für Sie ist es Routine. Ich wollte schon immer mal wissen, was mit Raucherbeinen passiert, nachdem sie amputiert worden sind.«
»Dies ist eine Geburtsklinik, Herr Bärwolff!« Dr. Sarkozy streckte sich, wurde immer länger, bestimmt zwei Meter oder so.
Yeshi hielt sich die Hand vor den Mund. Pangratiu stand wie ein Zinnsoldat vor seiner Pförtnerburg. Mücke wärmte ihm freundlicherweise die Füße. Ein aufmerksamer Hund. Doch.
»Können wir?« Kalle riss seinen Blick von der Fellwärmflasche los und nickte Dr. Sarkozy zu, der sich tatsächlich ohne weitere Ansprache in Bewegung setzte.
»Wir lagern die Humanabfälle in einem gesonderten Kühlcontainer neben den Kreißsälen.«
Kalles Pumpe lief auf Hochtouren.
»Alle zwei Wochen kommt die Entsorgungsfirma und fährt die Abfälle zur Sondermüllverbrennungsanlage in der Borsigstraße.«
»Wie …« Kalle schnappte nach Luft. »Wie ist der Container gegen Unbefugte gesichert?«
»Mit einem Vorhängeschloss.«
»Gesetzt den Fall, ich hätte ein Entsorgungsproblem.« Kalle sah den Lover seiner Mutter vor sich, Kurtspacken hieß der, Porschefahrer und Rotweinsäufer. »Könnte ich eine Leiche im Humanabfall unbemerkt loswerden?«
Dr. Sarkozy blieb abrupt stehen. Kalle wäre fast aufgelaufen.
»Hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgendwo.«
»Aber Sie sagten vorhin, das Krankenhausgelände sei bis in den letzten Winkel bewacht.«
»Sie können nerven …« Dr. Sarkozy bog um die Ecke; Kalle hechelte hinterher und kniff automatisch die Augen zusammen. Scheinwerferlicht blendete.
»Was ist hier bitte schön los?« Dr. Sarkozy stürmte auf die Kollegen von der Spusi zu.
Kalle hielt ihn am Arm fest. »Stopp!«
Umringt von schwarzen Plastiktonnen wuselten Männer und Frauen in weißen Plastikanzügen geschäftig in der Gegend herum. Kalle riskierte einen Blick in eine Tonne in der ersten Reihe. Örgs!
»Wir haben alle Tonnen aufgemacht und durchsucht.« Die Kollegin biss sich auf die Lippen. »Der Rechtsmediziner hat zwanzig Plazentas gefunden … und ein Frühchen. Das ist schon sehr hart. Jedenfalls für mich. Hatte selbst dieses Jahr eine Fehlgeburt.«
»Das tut mir sehr leid.« Kalle würde nie wieder über Elizas Pubertätskrawall klagen. »Und danke.«
Sie hatte sich bereits umgedreht und hörte ihn wohl nicht mehr.
»Und wer bezahlt die Beseitigung des Chaos?«
Hauptsache, der Doc fing nicht an zu weinen. »Wann war die Entsorgungsfirma zuletzt hier?«
»Was weiß ich. Vor ein paar Tagen oder gestern. So was merk ich mir nicht.«
»Na dann helfen wir Ihrem Gedächtnis mal auf die Sprünge.«
Yeshi hob die Hand zum Gruß. Kalle sah sich um. Pangratiu schlug die Hacken zusammen und salutierte. Für Kalle machte er das nicht, schon klar.
»Warum hast du vorhin deinen Finger in den Hals gesteckt. Was soll das?«
»Kinder haben ein Recht, zu erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Babyklappen sind unnötig und außerdem illegal.«
Kalle runzelte die Stirn. »Was schlägst du stattdessen vor?«
»Kaffee!« Yeshi klimperte mit den Wagenschlüsseln. »Willst du fahren?«
»Nö.«
»Hey, der Wagen ist mit neuester Technik ausgestattet, Hybridmotor, 136 PS, beschleunigt von null auf hundert in acht Sekunden, und du willst nie fahren. Muss ich nicht verstehen.«
»Frauen und Männer sind Feuer und Wasser. Wusstest du das noch nicht?«
»Gegensätze ziehen sich an?«
»Und dann löschen sie sich aus. Das ist ein Naturgesetz.«
»Muss ich mich vor dir fürchten, Herr Bärwolff?« Yeshi schien bester Laune zu sein. Ihr Lachen war glockenhell. Und es war ansteckend.
»Worüber freust du dich so?« Die Nase nach oben gerichtet, atmete Yeshi geräuschvoll ein. »Irgendwie muffelt es hier nach Verwesung.«
Kalle roch es auch. »Vielleicht die Mülltonnen.« Er zeigte auf eine Batterie grauer, gelber, blauer und grüner Tonnen am gegenüberliegenden Straßenrand. »Hamburger Recycling-Offensive. Müll ist kein Müll mehr, sondern Wertstoff.«
Yeshi schloss den Wagen auf. »Hinterher kippen sie sowieso alles wieder zusammen.«
»Oder verschiffen es nach China.« Kalle ließ sich in den Beifahrersitz fallen und schlug die Tür zu. Aus dem Seitenfach zog er eine Einkaufstüte hervor. »Ich war mal eine PET-Flasche.«
Yeshi startete den Motor und setzte den Blinker. »Recycling-Offensive, hör mir auf mit dem Scheiß. Wenn du Bock aufʼn richtig guten Horrorfilm hast, dann guck dir Plastic Planet an, und du wirst dich schämen, Mensch zu sein.«
Die Kantine des Polizeipräsidiums war um sechs Uhr morgens bereits gut besucht. Frühaufsteher und Nachtschwärmer gaben sich die Klinke in die Hand. Kalle liebte es, um diese Zeit in der Kantine zu frühstücken, umringt von Menschen, die er mochte oder die zumindest im gleichen Boot mit ihm saßen. Es machte einfach mehr Spaß, gemeinsam zu ertrinken. In der Arbeit natürlich, nicht im Wasser. Köstlicher Duft von gebratenem Speck zog an Kalles Nase vorbei. Sein Magen grummelte so laut, dass Kalle den Arm auf seine Plauze presste. Musste ja nicht jeder auch noch live mit anhören, wie verfressen er war. Er drückte zweimal auf Filterkaffee, stellte die Becher auf das Tablett zur Müslischale und nahm zwei halbe Brötchen, beide üppig mit Käse und Gewürzgürkchen belegt. Lecker! Mit letzter Energie balancierte er sich und das Frühstück durch die schmalen Gänge zwischen den Tischreihen. Kaffee schwappte über, wurde von den weißen Papierservietten aufgesaugt. Yeshi legte ihr Smartphone zur Seite. Kalle setzte sich. »Im Stehen schlafe ich ein.«
»Ach, deswegen hat das so lange gedauert.«
»Wie wäre es mit ein bisschen Dankbarkeit?« Er gab Yeshi einen Becher. »Ist mit Zucker, okay so?«
Yeshi nahm einen Schluck. »Danke.« Sie lachte.
Yeshi war frech, und sie war nett. Eine gefährliche Kombination. Kalle nahm sich vor, auf sich aufzupassen.
Den Becher hielt sie in beiden Händen fest, ihr Blick ruhte auf Kalle. Holla! Er schüttelte sich aus seiner Lederjacke. »Hast du Angst vorm Autofahren?«
Kalle fühlte den Stuhl unter sich. Fester Hosenboden! »Und wenn?«
»Wie bist du an den Job gekommen, wenn du keinen Führerschein hast?«
Immer noch keinen Schluck Kaffee intus. »Wer sagt denn, dass ich keinen habe?«
»Ist es dir unangenehm, darüber zu reden?«
Kalle rührte um und kleckerte erneut. Die Saugkraft der Serviette war erschöpft.
»Okay, verstehe, der Zeitpunkt ist suboptimal.« Yeshi machte sich über das Müsli her.
Der Kaffee war lauwarm. Kalle biss in die Brötchenhälfte. Wenigstens der Käse schmeckte nach Käse. Vom Nebentisch angelte er sich das BLÖD-Blatt. EIL-NEWS Tote Neugeborene in Babyklappe entsorgt. Ist unsere Polizei mit der Aufklärung überfordert? EIL-NEWS. Zweifelsohne, der Fettsack auf dem Foto stand in der öffentlichen Wahrnehmung noch unter der von Hartz-IV-Leuten. Kalle sah sich um, ließ die Zeitung blitzschnell unter seinem Hintern verschwinden und setzte sich wieder. Das Gürkchen hüpfte vom Käse und blieb auf Kalles nach Erbrochenem muffelndem Hosenbein liegen. Er schnippte es unter den Tisch. Yeshi schien ihm weder zugehört noch das Foto gesehen zu haben. Oder war sie bloß höflich?
»Ich lese Nachrichten nur noch online.« Sie tippte auf das Smartphone. »Das ist interessant: Im Jahr 2000 ist in Hamburg die erste Babyklappe Deutschlands feierlich eröffnet worden. Neugeborene können anonym in die öffentlich zugänglichen Babyklappen gelegt werden, die sich meistens in Krankenhäusern oder Kinderheimen befinden. Die Einrichtung der Babyklappen wird geduldet, obwohl eine gesetzliche Grundlage fehlt. Nach dem Personenstandsgesetz muss jede Geburt dem Standesamt mitgeteilt werden.«
»Es sei denn, das Geburtsgewicht ist geringer als fünfhundert Gramm. Solche winzigen Frühchen landeten bis vor kurzem noch ganz legal im Krankenhausmüll.«
»Respekt, Herr Bärwolff. Du kennst dich ja gut aus in der Materie. Wie kommt das?«
»Vielleicht, weil ich Vater bin?«
»Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.«
Dämlicher Spruch! Kalle stellte seinen Becher und den Teller, auf dem noch die unangetastete zweite Brötchenhälfte lag, zurück auf das Tablett und stand auf. »Hat der Wachmann eigentlich noch was gesagt, das uns weiterhilft?« Die Zeitung klemmte er unter den Arm.
»Nicht wirklich. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaub, er steht auf Frauen mit großen Br …«
»Brüsten?«
Yeshi lachte. »Großen Brillen, Kalle. Bril-len.«
»Komischer Typ.« Kalle grinste.
»Er baut sich ein zweites Standbein auf.«
»Und das wäre?«
»Führungen für Touristen durch Hamburgs Unterwelt: Lord von Barmbeck, Frauenmörder Fritz Honka oder der Auftragskiller Mucki Pinzner.«
»Mucki Pinzner. Guntberts Trauma, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Hätte Mucki Pinzner den Staatsanwalt nicht erschossen, wäre Guntbert Polizeipräsident geworden.«
Yeshi zuckte mit den Schultern. »Männer haben nie Schuld, wenn sie versagen.«
»Das hat meine Ex auch immer gesagt. Danke.«
»Gerne. Mücke hat übrigens gerade ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.«
»Wer ist das denn schon wieder?«
»Hörst du eigentlich auch mal zu?«
»Mucki. Mücke. Ich werde ja wohl zwei Sekunden verwirrt sein dürfen.«
»Sie ist jetzt zertifizierte Spürnase.«
Kalles Handy klingelte. Let the sunshine in. Yeshi streckte die Arme nach dem Tablett aus und schob es in den Regalwagen für das dreckige Geschirr.
»War klar, wenn man vom Teufel spricht … Moin Chef.« Kalle hielt das Handy vom Ohr weg.
»In fünf Minuten in meinem Büro!«
»Was für ein garstiger Ton, so kenne ich Guntbert gar nicht.«
»Sprechen wir vom selben Guntbert?«
Yeshi zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat der Guntbert ja genmanipulierte Maisflakes gefrühstückt.«
Die Tür zum Vorzimmer von Guntberts Büro war angelehnt. Kalle klopfte und öffnete, ohne auf Erlaubnis zu warten. Tinta Krieger, die Assistentin des Dezernats für Todesermittlungen, war noch nicht zum Dienst erschienen. Ihr PC war ausgeschaltet, der Bürostuhl ordentlich unter den Schreibtisch geschoben. Kalle klopfte an Guntberts Tür. Kein Laut war zu hören. Alle Fenster standen auf Kippstellung. Offenbar war Guntbert der Meinung, arktische Kälte halte länger frisch. Über dem ledernen Chefsessel hing seine rote Strickjacke. Der Hörer lag neben dem Telefon, er selbst war verschollen.
Yeshi zog sich ihren Schal enger um die Schultern. »Alte Männer müssen öfter mal aufs Klo …«
Oh, oh. Kalle notierte im Gedächtnisprotokoll, ausreichend Zeit zwischen den Pinkelpausen einzuplanen. Auf keinen Fall wollte er mit Guntbert in einer Schublade landen, zusammen mit Reinigungstabs fürs Gebiss und antiseptischer Wundsalbe. »Ich fahr noch mal nach Volksdorf raus. Falls Guntbert nach mir fragt …« Kalle zeigte auf sein Handy.
»Okay, ich kümmere mich um die Personenlisten von Klinik und Geburtshaus.«
»Hast was gut bei mir.« Bloß schnell weg. Er sprintete den Flur entlang und die Treppe hinunter zur Umkleidekabine im Keller. Hastig schloss er seinen Spint auf, stopfte die Zeitung in die Manteltasche des Regenparkas, zog Schuhe und die dreckige Hose aus und eine Jeans an. Der Stoff war schon ziemlich marode. Prompt riss die Naht am Schritt auf. Fuck! Auf Socken ging er zum Waschbecken und hielt die Schuhe unter den Hahn, wischte sie mit Papiertüchern trocken und zog sie wieder an. Let the sunshine in. Guntbert is calling. Let the sunshine in. »Was gibt’s?«
»Wo steckst du?«
Hahn auf, das Wasser rauschte. Kalle beugte sich über das Waschbecken. »Ich versteh dich so schlecht. Was?«
»Dieser Zug ist schadhaft und muss ausgewechselt werden. Bitte alle aussteigen.«
Kalle öffnete die Augen. Sein Blick suchte den U-Bahn-Steig nach dem Schild ab. Mist, Meiendorfer Weg und nicht Paradies. Das kleine Kind im Buggy starrte Kalle an. Automatisch legte er die Hand vor den Mund, wie es Vorschrift war, wenn man in der Öffentlichkeit gähnte. Er war eingepennt, aber nur kurz. Oder doch länger? Heute würde er nicht alt werden. Der Waggon hatte sich geleert, die Großstadt war höchstens bis Wandsbek-Markt mitgefahren. Kalle griff einer Omi unter die Arme, deren Rollator bereits auf dem Bahnsteig stand. Hier draußen war die Luft frisch. Kalle rieb sich die Hände. Das Herbstlaub leuchtete gelb und rot und in allen Farben dazwischen. Da gab es nichts zu meckern. Mit jedem Atemzug tankte Kalle gute Laune. Am Ausgang des Bahnhofs hing die Werbung einer Apotheke hinter zersprungenem Glas. Thema des Monats: Intelligent abnehmen. Fette verbrennen nur im Fegefeuer der Kohlenhydrate. Ingo Fröböse, Sporthochschule Köln. Ach, Kuchen macht doch schlank! Nanananana – Kalle entschied sich für die Rolltreppe und fuhr nach unten, bog rechts in die Farmsener Landstraße ein. Blätter wirbelten umher, Männer in orangefarbener Arbeitskleidung versuchten, sie einzufangen und daraus geordnete Haufen am Straßenrand zu zaubern. Der Lärm der Laubgebläse war ohrenbetäubend, die Zweitaktmotoren lieferten einen stinkenden Cocktail aus Bäh!
»Moin!« Kalle zeigte seinen Ausweis, und die Polizistin hob das rot-weiße Plastikband für ihn an, das der Öffentlichkeit den Zugang zum Geburtshausgelände versperrte. Von der Straßenseite war die Babyklappe nicht zu sehen. Er folgte dem Holzpfeil am Haus Z r Bab k appe. Ein mit Moos bewachsener Plattenweg führte geradewegs in den Volksdorfer Dschungel hinein. Irgendein blaugrünes Kraut klettete sich an seinem Hosenbein fest. Er schleifte es ein paar Meter mit sich, dann erst ließ es seine Klauen von ihm. Wo war die verdammte Babyklappe? An der Stirnseite hatte man das Gebüsch geschnitten, so dass er auf einer Art Lichtung stand. Ein flacher Anbau schloss sich an das Haupthaus an. Umrankt von wilden Kletterrosen, tauchte die Babyklappe im Rücksprung der Mauer auf. Eigentlich war das hier ein idyllisches Fleckchen Erde. Bis auf den Magenbrei, der in der Sonne aussah wie ein kross gebackener Streuselkuchen. Never ever, keine Mutter der Welt würde ohne spezielle Ortskenntnisse hierherfinden, schon gar nicht eine, die frisch entbunden hatte und womöglich psychisch von der Rolle war. Oder hatte man ihr die Babys vielleicht gewaltsam weggenommen? Unter einem Stachelbusch bemerkte Kalle einen Holzverschlag mit Drahtgitter, der wie ein Käfig für Karnickel oder Meerschweinchen aussah. Oder Igel? Leer. Gießkanne, rostiger Roller, platter Reifen. Gerümpelhalde. Wenn das sein Laden wäre, würde er hier erst mal Ordnung schaffen. Kalle tütete die Kippe ein. Vielleicht war der Fall schon gelöst. Ha, ha! Er richtete sich auf. Sein Kreuz tat weh. Er ging zurück zum Haus, lehnte sich an die Mauer und ließ sich von den Sonnenstrahlen wärmen. Es nützte nichts, er fror.
»Karo Baur stammt aus einer äußerst wohlhabenden Pfeffersack-Familie, wie der Hamburger so treffend formuliert. Um im Bild zu bleiben: Es handelt sich um Kaffeesäcke. Familie Herz sind die von Tchibo, Familie Baur gehört die Firma Kaffee Baur & Bohne. Die sind noch zehnmal reicher.« Dr. Franka Hansen, ärztliche Direktorin der Emilia-Calotti-Geburtsklinik, schlug die langen Beine übereinander.
Sie sah aus, als erwarte sie den Fotografen der Glamour.
»Sie hat das Grundstück nebenan geerbt und das Geburtshaus gebaut. Natürliche Geburt hin oder her, die meisten Eltern wünschen sich Sicherheit. Das ist nun mal Fakt. Sie nutzt die unmittelbare Nähe zur Emilia-Calotti-Klinik schamlos aus, keine fünf Minuten mit dem Wagen. Der Standort ist ideal. Wenn etwas schiefgeht, stehen Karo und ihr Hebammengeschwader bei uns auf der Matte, und wir dürfen dann das im Geburtskanal feststeckende Kind irgendwie rauspulen oder den Bauch aufschneiden wie bei Rotkäppchens Wolf.«
In Kalles Kopf rotierten die Bilder der Nacht. Er nahm einen Schluck Wasser, das Franka Hansen ihm wortlos vor die Nase gestellt hatte. Kalle blinzelte, aber die optische Täuschung war hartnäckig. Franka Hansen erhob sich und machte das Fenster auf. Sie drehte sich um, zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich gegen das Fensterbrett. Genau wie Karo Baur hielt sie die Kippe zwischen Daumen und Mittelfinger. »Ich habe Unsummen geboten für das Grundstück. Jetzt will ich auch nicht mehr. Muss eben der Wald dran glauben. Für einen Parkplatz! Ist das nicht zum Heulen?« Franka kniff die Augen zusammen, während sie inhalierte.
»Babyklappen sind übrigens keine Lösung, um verzweifelten jungen Müttern zu helfen, ganz zu schweigen von den psychischen Folgen für die ausgesetzten Kinder.« Franka stellte sich dicht neben Kalles Stuhl.
Er war gezwungen, zu ihr aufzusehen. Fuck!
»Vielleicht kapieren die Damen vom Geburtshaus ja jetzt endlich mal was.«
»Du bist ganze dreißig Minuten älter als ich, Franka. Führst dich aber auf, als seien es dreißig Jahre.«
Franka zündet sich eine Zigarette an, zieht gierig den Rauch ein, während sie ihr Gesicht von der Frühlingssonne wärmen lässt.
»Gib mir auch mal eine … bitte.« Vorsichtig setzt Karo den Marienkäfer auf dem Gartentisch ab.
»Er betrügt dich, Karo. Wieso schmerzt mich das mehr als dich?«
»Das wüsste ich auch gerne.«
»Witzig! An deiner Stelle hätte ich längst die Scheidung eingereicht. Und du, du lässt ihn immer wieder in dein Bett. Mach dich doch nicht lächerlich.«
Karo zieht einmal an der Zigarette und schnippt sie dann in den Gartenteich zu den anderen aufgedunsenen Kippen. »Ja, ja, die Leute reden hinter meinem Rücken über mich und über dich. Das schadet dem Ruf der Klinik. Daher weht der Wind also. Lass mich in Ruhe! Ich wälze mich in meinem Unglück, solange ich will.«
»Ein Unglück kommt selten allein, Schwesterherz«, Franka senkt die Stimme. »Ich hab läuten hören, dass du deinen Hebammenjob bei uns hinschmeißen und auf Vaters Grundstück ein Geburtshaus eröffnen willst.«
»Und wenn?«
»Damit bin ich nicht einverstanden. Überhaupt nicht. Falls du es tatsächlich wagen solltest, der Emilia-Calotti-Geburtsklinik Konkurrenz zu machen, dann wirst du in dein Unglück rennen und untergehen, Karo. Ich schwöre es dir!« Franka drückt die Kippe im Aschenbecher aus. Der Marienkäfer verkohlt in der glühenden Asche.
»Was du schon alles geschworen hast, passt auf eine Klorolle, die man um den Äquator wickeln kann.«
Franka Hansen ging zur Bürotür und drückte die Klinke nieder. »Tut mir leid, aber ich zumindest muss arbeiten für mein Geld. Die Polizei wird sicher alles Menschenerdenkliche tun, um den Mordfall schnell aufzuklären. Herr Bärwolff?«
Kalle erhob sich. »Das ist unser Job, Dr. Hansen. Wo waren Sie am dritten Oktober um die Mittagszeit?«
»Sind wir hier im Tatort?«
Kalle fühlte sich wie im falschen Film.
»Also gut, wenn es Ihnen weiterhilft. Ich habe gearbeitet. In der Klinik. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr war ich zu Hause.«
»Ihre Mitarbeiter können das bezeugen?«
»Nicht nur die. Auch meine Mitarbeiterinnen. Und mein Mann natürlich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Herr Bärwolff.«
Was für ein Besen!
Kalle wählte Yeshis Nummer. Während er wartete, äffte er Franka Hansen nach: »Ich muss arbeiten für mein Geld … Arrogante Zicke.«
»Zicke, zacke, Hühnerkacke, Yeshi Nielsen am Apparat. Was kann ich für dich tun, Herr Bärwolff?«
»Sag mal, sind die Hansen und die Baur miteinander verwandt? Wissen wir das?«
»Seit ungefähr fünf Minuten. Die beiden sind Zwillingsschwestern.«
»Das beruhigt mich.«
»Hä?«
»Ich bin noch intelligenter, als ich dachte.«
»Das kann doch gar nicht angehen. Tschüs, bis später.«
»Später, wann ist das, hab ich sie gefragt, sie hat nur gelacht und hat später gesagt.« Singen machte gute Laune. »Nananana nana«!
Franka Hansen wohnte in einer ruhigen Nebenstraße. Das Haus war der Hammer! Ein Dornröschenschloss. Kalle spähte durch die Verzierungen des schmiedeeisernen Tors. Der Garten machte einen verwilderten Eindruck. Keine geschorenen Buchsbäume, stattdessen wucherte der Efeu am Mauerwerk empor bis unter das Dach, dessen blaue Pfannen in der Sonne leuchteten wie der Himmel auf Erden. Auf der breiten Balustrade der Treppe standen große Blumentöpfe ohne Blumen drin. Die Unkrautwiese müsste gemäht werden. Hinten im Garten stand ein Häcksler neben einem Haufen Holzspänen. Das Kabel verlief kreuz und quer im Gras. Der Stecker steckte in der Dose. Wie passte das zur gelackten Oberfläche von Frau Doktor Knitterfrei? Er trat einen Schritt zurück und drehte den Knauf. Abgeschlossen.
»Hallo! Was machen Sie da?«
Kalle fuhr herum. Die Omi vom U-Bahnhof hatte den Frontlader ihres Rollators bis oben hin mit Kartoffeln gefüllt. Eine davon verunstaltete ihr Gesicht. Spitzes Kinn. Witwenbuckel. Eine perfekte Märchenhexe. »Moin!«
Bruno streicht die hellgelbe Tischdecke glatt. Gelb ist seine Lieblingsfarbe, freundlich und warm. Er steht auf und drückt auf den Schalter an der Hauswand. Die Markise fährt zurück. Der Himmel ist wolkenlos. Die Abendsonne hat noch Kraft, aber sie brennt nicht mehr so wie noch vor ein paar Stunden. Er darf nicht vergessen, die Blumen zu gießen. Sie brauchen dringend Wasser. Dieser Sommer soll sämtliche Temperaturrekorde in den Schatten stellen. Noch ist alles schön grün. Bruno lässt den Blick über die Wiese schweifen. Die Löwenzahnblüte ist eine Pracht. Der Garten ist zu groß für einen allein, der die Arbeit erledigen soll, aber ein Garten muss groß sein, sonst ist es kein Garten. Bruno richtet sein Besteck, schiebt den Porzellanteller mit dem blaugepunkteten Rand in die Mitte zwischen Messer und Gabel. Noch ein bisschen nach rechts. Er lächelt Pippa an. »Du bist blass«, sagt er und reicht ihr den Teller. »Iss! Ist lecker und macht fröhlich.«
Pippa nimmt sich ein Paprikastückchen. »Danke.«
Rohkost hat Bruno auf dem Bio-Wochenmarkt in Volksdorf gekauft. Tomaten, Paprika, Gurke, Karotten. Und Oliven. Die Oliven sind für Franka. Sie liebt die reifen schwarzen Schrumpeloliven.
»Papa, ich hab wieder eine Fünf in Französisch. Unterschreibst du? Franka macht immer so einen Aufstand.«
Die gefärbten Oliven erkennt man an der glatten Haut; in Wirklichkeit sind es grüne Oliven, behandelt mit Eisengluconat. Davon werden sie schwarz. Das ist Betrug. Es gibt immer mehr Betrüger, überall in Volksdorf und überall auf der Welt treiben sie ihr Unwesen. Kein Fleckchen Erde, an dem es keine Verbrecher gibt. Oh, rette sich, wer kann. Bruno nimmt ein Messer und köpft das Ei. »Warum bist du so blass, Pippa?« Selbst in seinem Haus, auf seinem Grund und Boden treiben sich Betrüger herum. Der Gärtner hat nur kassiert und nichts erledigt. Bruno hat ihn gefeuert. Er lässt sich nicht für dumm verkaufen. Das ist das einzige Gute am Bösen. Das Böse macht einen klüger. Schwarze Oliven, die eigentlich grün sind. Oder ein paar Krümel Kaffeepulver im Vanilledessert. Damit die Gäste denken, für den Pudding sei echte Vanille verwendet worden. Traue niemals deinen Augen, nur deinem Verstand. Billige Zutaten, unverschämte Rechnungen. »Ihr seid alle kriminell!«
Pippa presst die Lippen aufeinander. Sie muss nicht fürchten, wie er zu werden. Tante Karo hat Pippa beruhigt. Und verängstigt. Nichts ist mehr wahr.
