Lawless - T. M. Frazier - E-Book
Beschreibung

Für die Liebe bricht er alle Gesetze! Thia hätte nie gedacht, dass sie eines Tages auf das Versprechen eines teuflisch gutaussehenden und von Kopf bis Fuß tätowierten Bikers angewiesen sein könnte. Doch jetzt ist Thias Familie tot, alles, woran sie jemals geglaubt hat, ausgelöscht - und Bear der Einzige, der sie noch beschützen kann. Als hätte er nicht genug eigene Probleme, seit er von seinem Vater aus dem MC geworfen wurde und seine Brüder ihm zum Abschied das Leben zur Hölle gemacht haben. Doch die junge Thia berührt ihn, auf eine bisher ungekannte Weise, und wenn die BEACH BASTARDS ihn eins gelehrt haben, dann dass ein Versprechen niemals gebrochen werden darf! "Wild, sexy und rasant erzählt! Dieses Buch macht absolut süchtig!" Good in the Stacks Book Review Band drei der King-Reihe von T. M. Frazier!

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Seitenzahl:366


Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungZitatProlog123456789101112131415161718192021222324252627282930AnzeigeDankDie AutorinWeitere Romane von T. M. Frazier bei LYXImpressum

T. M. FRAZIER

Lawless

Ins Deutsche übertragen von Anja Mehrmann

Zu diesem Buch

Thia hätte nie gedacht, dass sie eines Tages auf das Versprechen eines teuflisch gut aussehenden und von Kopf bis Fuß tätowierten Bikers angewiesen sein könnte. Doch jetzt ist Thias Familie tot, alles, woran sie jemals geglaubt hat, ausgelöscht – und Bear der Einzige, der sie noch beschützen kann. Als hätte er nicht genug eigene Probleme, seit er von seinem Vater aus dem MC geworfen wurde und seine Brüder ihm zum Abschied das Leben zur Hölle gemacht haben. Doch die junge Thia berührt ihn auf eine bisher ungekannte Weise, und wenn die BEACH BASTARDS ihn eins gelehrt haben, dann, dass ein Versprechen niemals gebrochen werden darf!

Für Logan und CharleyIhr habt mir gezeigt, was wahre Liebe ist …

An meine Leser

Dies ist Bears Geschichte und das dritte Buch der King-Reihe. Um alles, was in Lawless passiert, genießen und verstehen zu können, empfehle ich Ihnen, sowohl King – Er wird dich besitzen als auch King – Er wird dich lieben zu lesen. Ich hoffe, Sie haben so viel Freude bei der Lektüre von Lawless wie ich beim Schreiben.

T. M.

»Wir sind Gesetzlose, mein Freund.

Bürgerliche kapieren doch gar nicht, was das bedeutet, und wenn, dann scheißen sie sich in ihre Designerhöschen.«

Bear, King – Er wird dich lieben

Prolog

Bear

Ich wurde als Bastard geboren.

Als Soldat der gesetzlosen Armee des Beach Bastards Motorrad Clubs. Dazu bestimmt, eines Tages das Zepter von meinem alten Herrn zu übernehmen.

Die Pflichterfüllung kam vor meinem Gewissen, vor meiner Familie, vor allem anderen.

Ich habe dieses Leben nicht gewählt, es hat mich gewählt. Und indem ich es lebte, begriff und akzeptierte ich, dass jeder Morgen, an dem ich aufstand, um pissen zu gehen, mein letzter Tag auf Erden sein konnte.

Oder – je nach Befehl – der letzte Tag von jemand anders.

Ein Biker, ein Bastard zu sein, lag mir nicht nur im Blut. Ich lebte es nicht nur.

Ich atmete es.

Ich saugte es auf.

Ich liebte es.

Es war einfach alles.

Und dann war plötzlich alles anders.

Ich kann mich nicht mehr an den Moment erinnern, als es passierte, vielleicht nach meinem ersten Mord, vielleicht an dem Tag, an dem ich als vollwertiges Mitglied aufgenommen wurde, aber es passierte. Motorenöl, Leder, Gewalt und eine Vorliebe dafür, Feinde des Clubs umzulegen, ersetzten das Blut in meinen Adern.

Ich wurde mehr Biker als Mann.

Und ich war stolz darauf.

Ich habe das nie als Problem gesehen, darum hätte ich auch nie geglaubt, dass der Tag kommen würde, an dem ich kein Beach Bastard mehr sein würde.

Aber dieser Tag kam.

Und ich war kein Bastard mehr.

An dem Tag, als ich meine Kutte ablegte und aus der Tür des MC ging, habe ich die Sanduhr meines Lebens umgedreht.

Einmal ein Bastard, immer ein Bastard.

Oder du bist tot.

Sie würden mich erwischen. Aber das Bescheuerte daran war: Nicht der Gedanke, dass mich meine Brüder unter die Erde bringen wollten, machte mir am meisten zu schaffen, sondern die Ungewissheit.

Ich wusste genau, was es heißt, ein Biker zu sein.

Doch ich wusste absolut nicht, was es heißt, ein Mann zu sein.

Ich bin gefoltert und dann, schon an der Schwelle zum Tod, zum bloßen Vergnügen meiner Geiselnehmer vergewaltigt worden. Trotzdem habe ich niemals dieses Etwas verloren, das mich am Leben hielt. Meinen Kampfeswillen. Den inneren Antrieb, der dein Herz so schnell schlagen lässt, als wollte es deinen Brustkorb sprengen, und der dir sagt: Egal, wie die Lage ist, du wirst hier nicht nur rauskommen, du wirst auch noch jedes einzelne dieser Arschlöcher, die dich fertigmachen wollten, bei lebendigem Leib rösten.

Sie haben mich geschlagen, aber sie haben mich nicht gebrochen.

Bis Thia kam …

1

Thia

Zehn Jahre alt

Ich weiß nicht, ab wann auf einmal alles schiefging.

Diesen Spruch habe ich nie verstanden. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kann ich auf den Tag und die Stunde genau sagen, wann sich alles änderte und eine Richtung einschlug, die niemand hätte vorhersagen können.

Am allerwenigsten ich.

Es war drei Wochen vor meinem elften Geburtstag, und ich war gerade mit meinem kleinen roten Fahrrad die drei Meilen zur Stop-n-Go-Tankstelle geradelt. Dad wollte, dass ich eine Kiste Orangen abliefere, deshalb hatte ich sie auf ein Skateboard gebunden, das ich mit einem Seil von Dads altem Boot an meinem Fahrrad befestigt hatte. »Kannst du ein bisschen auf die Kasse aufpassen, Cindy?«, fragte Emma May. Hüftschwingend, ihre kleine viereckige Handtasche in der Hand, steuerte sie auf die Tür zu. »Ich gehe nur mal kurz nach nebenan in den Salon. Wahrscheinlich kommt sowieso niemand«, fügte sie hinzu. Sie beugte sich über den Tresen und öffnete mit einer Tastenkombination und einem Faustschlag auf eine bestimmte Stelle am unteren Ende die alte Registrierkasse. Dann nahm sie etwas Geld heraus, lächelte mich an und schob sich durch die Glastür. Die Türglocke läutete, als sie sich öffnete, und noch einmal, als sie sich wieder schloss.

Emma May hatte recht. Schon öfter hatte sie mich darum gebeten, auf den Laden aufzupassen, und noch nie war jemand gekommen.

Bis zu diesem Tag.

Es war nicht so, dass ich scharf darauf gewesen wäre, gleich zurück nach Hause zu gehen. Mom benahm sich seit einiger Zeit merkwürdig: stundenlang putzte sie die Böden, bis das Holz seinen Glanz verlor, Selbstgespräche in der Küche und so. Und jedes Mal, wenn ich sie darauf ansprach, tat sie so, als wüsste sie nicht, was ich meine. Dad sagte, dass es in Ordnung wäre und ich ihr nur aus dem Weg gehen und sie einfach in Ruhe lassen sollte.

Ich tat, was er sagte, und blieb so lange wie möglich weg. Meistens kam ich erst nach Sonnenuntergang nach Hause.

Auf den Laden aufzupassen war so gut wie jeder andere Grund, um noch nicht nach Hause gehen zu müssen.

Nach etwa einer Stunde wurde ich unruhig. Ich ordnete die Zigarettenschachteln hinter der Kasse, drehte die Hot Dogs auf den Rollen, die nicht funktionierten, und versuchte, ein Magazin zu lesen, aber ich wusste nicht mal, was »Siebzehn Stellungen, die ihn scharfmachen« überhaupt bedeutete.

Warum sollte man jemanden scharfmachen? Ein Messer konnte man scharf machen. Oder Chilisoße. Aber einen Menschen? So ein Unsinn.

Ich gab das mit den Magazinen auf und lümmelte mich auf einen alten Barhocker, der bei jeder Bewegung knarrte. Ich legte die Füße auf den Tresen und schaltete den kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher ein, der in einer Ecke des Tresens auf einem dicken Telefonbuch stand. Es gab nur zwei Sender, einer mit Wild-West-Filmen und den Wetterkanal. Bei beiden waren die Bilder voller Schnee, und aus dem Lautsprecher kam nur Rauschen und Knistern. Ich versuchte, das Ding wieder auszuschalten, aber das funktionierte nicht. Ich konnte den Apparat nur lauter stellen. Es wurde so laut, dass ich weder die Motorräder hörte, die auf den Parkplatz fuhren, noch das Läuten der Türglocke.

Ich zog den Stecker aus der Steckdose und hatte das Kabel noch in der Hand, als ich in die Augen eines dunkelhaarigen Fremden blickte.

Und in die Mündung seiner Pistole.

»Gib mir alles, was du hast«, befahl er und deutete mit der Pistole auf die Kasse. Er schwankte, seine Augen waren rotgerändert.

»Ich weiß nicht, wie …«, setzte ich an, aber der Mann fiel mir ins Wort.

»Mach schon«, befahl er. Dann ließ er die Pistole klicken und beugte sich vor, sodass sein Brustkorb auf dem Tresen lag und die Waffe nur Zentimeter von meinem Kopf entfernt war. Ich glitt von dem Hocker, schob ihn hinüber zur Kasse und kniete mich auf ihn. Dann versuchte ich mich an der komplizierten Tastenkombination, mit der Emma die Kasse geöffnet hatte.

Nichts passierte.

»Na los, Kleine!«, rief der Mann ungeduldig.

»Ich versuch’s ja, vielleicht habe ich die falsche Stelle getroffen.« Ich probierte es noch einmal und schlug jetzt etwas weiter unten auf die Kasse. Der Mann kam zu mir herüber. Er roch wie unser Auto damals, als meinem kleinen Bruder auf der Fahrt nach Savannah schlecht geworden war.

»Pass auf, du kleine Schlampe«, sagte er und hob seine Pistole, als wollte er mich damit schlagen. Ich rutschte vom Stuhl und duckte mich unter den Tresen.

Das Läuten der Türglocke verkündete, dass jemand hereinkam. Eine Stimme dröhnte durch den Raum und ließ die Weckgläser mit hausgemachtem Trockenfleisch im Regal erzittern. »Was zu Teufel machst du da?«, fragte die Stimme. Der Mann mit der Pistole erstarrte, die Hand immer noch erhoben.

»Ich hol mir ein bisschen Cash, Arschloch«, lallte er.

Ein farbenprächtiger Arm langte zu, packte den Mann im Nacken und zog ihn über den Tresen, als würde er kaum mehr wiegen als ein Insekt. Es gab einen Tumult, dann signalisierte die Glocke erneut das Öffnen und Schließen der Ladentür.

Es dauerte ein paar Minuten, bis ich aus meinem Versteck unter den Ladentisch kroch. Ich kletterte gerade zurück auf den Barhocker, als sich die Tür wieder öffnete. Ein blonder Mann kam herein. Er trug die gleiche Lederweste wie der Mann mit der Pistole, mit dem Unterschied, dass dieser Mann darunter nichts trug. Er hatte Muskeln wie die Catcher im Fernsehen, wenn auch nicht ganz so dick, und seine Haut war voller Tattoos. Ein großes Motiv prangte auf seiner Schulter und erstreckte sich von dort über den ganzen Arm. Dasselbe farbenprächtige Tattoo wie auf dem Arm, der gerade den Mann mit der Pistole über den Tresen gezogen hatte.

Seine hellen Augen hatten die gleiche Farbe wie der neue Swimmingpool der Maxwells. Ein tiefes, leuchtendes Blau. Sein sandfarbenes Haar war glatt nach hinten gekämmt, oben länger und an den Seiten rasiert. In den Filmen, die ich im Kino sah, nannte man das Mohawk, glaube ich. »Bist du allein hier?«, fragte er und überprüfte den Raum, indem er in alle drei Gänge spähte.

Ich nickte. »Hat Skid dich gerade …« Er beendete den Satz nicht. Stattdessen beugte er sich vor, spreizte die Hände auf dem Tresen und holte tief Luft. Die farbenprächtigen Tattoos reichten ihm bis zu den Fingern. An jeder Hand trug er drei große Silberringe. Er hatte einen Bart, und bis zu diesem Augenblick hatte ich mir, wenn von Bärten die Rede war, immer das lange weiße Haar im Gesicht von alten, hässlichen Zauberern in langen Roben und mit spitzen blauen Hüten vorgestellt. Der Bart dieses Mannes dagegen war etwas dunkler als sein Haar und vielleicht drei Zentimeter lang.

Er war kein Zauberer. Er war auch nicht alt.

Oder hässlich.

»Sie haben cooles Haar«, sagte ich. Alles an ihm war cool. Mehr als cool, er war …

Hübsch? Konnte ein Mann hübsch sein?

Nein, er war nicht hübsch.

Er war wunderschön.

»Danke, Süße«, sagte er und lehnte sich an den Tresen. Er roch wie der Truck meines Vaters beim Ölwechsel und wie die lila Seife, die Mrs Kitchener im Sommer herstellte. »Dein Haar ist auch ziemlich cool.« Ich glaube, da wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben rot. Meine Wangen wurden heiß, und als der Mann es bemerkte, lächelte er noch breiter und beugte sich vor.

»Warum bist du ganz alleine hier? Gibt man in Jessep nichts auf das Jugendschutzgesetz?«

»Ich weiß nicht, warum, aber seit der neue Highway eröffnet wurde, kommt hier kaum noch jemand vorbei. Ich passe nur auf den Laden auf, solange Emma May im Schönheitssalon ist. Sie hat gesagt, sie kommt gleich wieder, aber wenn sie Emma May schön machen wollen, wird es wohl noch eine Weile dauern.«

Der Mann lachte und stützte sich auf seine Ellbogen. »Hör zu, Süße. Das mit meinem Freund tut mir leid.« Er lächelte mich kurz an. »Ihm ist von der langen Fahrt schlecht geworden, und er hat sich hier echt blöd benommen.«

»Für mich sah er eher betrunken aus. Vielleicht war er nur verkatert, aber Sie sollten ihm lieber sagen, dass er nicht fahren soll, wenn er getrunken hat.«

Der Mann schien sich zu amüsieren, und ich würde alles tun, damit das auch so blieb. »Ja, auf einer langen Fahrt kann so was passieren. Aber du bist okay? Er hat dir nichts getan, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, es geht mir gut, keine Sorge. Als Sie hereingekommen sind, wollte ich gerade Emma Mays Schrotflinte nehmen.« Ich hob die Schrotflinte von den Haken unter dem Tresen, damit er sie sehen konnte, und lud sie durch. Der Mann warf einen Blick auf die Flinte und krümmte sich vor Lachen. Ich schob sie wieder unter den Tresen. »Was ist daran so lustig?«, fragte ich.

»Oh, Mann, ich freue mich schon darauf, Skid zu erzählen, dass er beinahe von einem kleinen Mädchen umgelegt worden wäre.« Vor lauter Lachen hatte er Tränen in den Augen.

»Ich bin kein kleines Mädchen«, widersprach ich. »Nächsten Monat werde ich elf. Und wie alt sind Sie?«

»Einundzwanzig.« Er lächelte noch strahlender, und plötzlich war ich nicht mehr sauer auf ihn, weil er mich ein kleines Mädchen genannt hatte. Wenn er mich weiter so anlächelte, konnte er mich nennen, wie er wollte.

»Wie heißt du, Schätzchen?«, fragte er.

»Ich heiße Thia Andrews«, sagte ich stolz und hielt ihm die Hand hin, so, wie mein Vater es mir beigebracht hatte.

»Thia?«, fragte er und sah mich genauso fragend an wie die meisten Leute, wenn sie meinen Namen zum ersten Mal hörten.

»Kurzform für Cynthia, aber nicht für Cindy. In meiner Klasse sind zwölf Mädchen, und drei davon heißen Cindy, darum bin ich froh, dass ich eine Thia bin und keine Cindy.« Ich streckte die Zunge raus und tat so, als würde ich mir einen Finger in den Hals stecken. Ich hasste den Namen Cindy. Aber meine Mutter weigerte sich, den neuen Spitznamen zu benutzen, nachdem mein Vater Thia als Alternative vorgeschlagen hatte, und nannte mich weiterhin Cindy. »Und wie heißen Sie?«

Er nahm meine Hand. »Man nennt mich Bear, Schätzchen.« Mit Ausnahme seiner kühlen Metallringe war seine Haut warm. Verglichen mit Bear war ich klein und blass, und meine Hände sahen wie Puppenhände aus. »Ich habe einen Freund, der hat als Kind auch jedem die Hand gegeben.«

»Daddy sagt, das ist höflich.«

»Da hat dein Daddy recht.«

»Ihr Freund, der die Hand gegeben hat … ist der auch so nett wie Sie?«, fragte ich.

»Ich würde mich nicht unbedingt als nett bezeichnen. Und mein Freund? Na ja, sagen wir mal, er ist … anders«, antwortete Bear lachend.

»Anders ist gut. Meine Lehrerin sagt, dass ich anders bin, weil ich rötliches Haar habe, aber sie sagen auch, dass ich einen Hang zu unpassenden Bemerkungen habe«, sagte ich mit der Altklugheit einer Zehnjährigen.

»Manchmal ist anders richtig gut«, stimmte Bear mir zu.

»Ist Bear Ihr richtiger Name?«, fragte ich. »Und ist Ihr Nachname dann Grizzly oder so?«

»Nee«, erwiderte er. »Bear ist nur ein Spitzname, den mein Club mir gegeben hat. Alle unsere Mitglieder haben Spitznamen.«

»Sie sind in einem Club?«, fragte ich begeistert. »Das ist ja cool! Aber wenn Ihr richtiger Name nicht Bear ist, wie lautet er dann?«

»Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«, fragte er im Flüsterton und sah sich um, ob auch niemand zuhörte. »Seit Jahren habe ich niemandem meinen Namen gesagt. Sogar mein alter Herr nennt mich Bear. Mein richtiger Name? Abel. Ich heiße Abel. Und jetzt gehörst du zu den wenigen Leuten, die ihn kennen.«

Abel.

»Das ist wirklich ein schöner Name.« Obwohl Bear auch zu ihm passte. Er war größer als mein Dad, hatte starke Muskeln und Hände wie Bärentatzen.

Er fasste in seine Gesäßtasche und holte einen Clip mit gefalteten Geldscheinen heraus. Mehr Geld, als ich jemals gesehen hatte.

Mehr, als in meiner Buzz-Lightyear-Spardose zu Hause.

Mehr, als sich in Emma Mays Kasse befand.

Bear zog drei Scheine heraus und legte sie auf den Tresen.

»Wofür ist das?«, fragte ich und blickte auf seine Hand, die die Scheine teilweise verdeckte, als er sie mir hinschob. Dann nahm er die Hand weg.

»Das sind dreihundert Dollar.«

»Was wollen Sie denn kaufen? Ich kann rüber in den Salon laufen und Emma May holen, weil die verdammte Kasse …«

»Ich will nichts kaufen. Das ist für dich. Weil du nicht …«

»Dreihundert Dollar, weil ich den Sheriff nicht gerufen habe?«, sagte ich, als ich begriff, was er mir da anbot.

Dreihundert Dollar waren für eine Zehnjährige so viel wie eine Million.

»Sieh es als Dank dafür an, dass du ihn nicht erschossen hast«, erklärte Bear.

»Ist schon okay. Emma May wäre eh ausgerastet, wegen dem Blut überall.« Emma May hasste Unordnung.

Bear lachte wieder, und ich lächelte. »Du bist lustig, Kleine. Weißt du das?«

»Wirklich?« Man hatte mich schon verrückt, sonderbar, merkwürdig und geschwätzig genannt, aber lustig hatte mich noch niemand gefunden.

»Ja«, sagte er und schob mir das Geld zu. Dann blickte er sich im Raum um. »Keine Kameras hier?«

»Ich habe hier noch keine gesehen, und Emma ist geizig. Jedenfalls sagt Mama das, weil sie bei ihrer Hochzeit nur künstliche Blumen hatte. Also hat sie wahrscheinlich kein Geld für Kameras ausgegeben«, sprudelte ich hervor, eifrig bemüht, etwas zu sagen, das Bear noch einmal lächeln ließ.

»Pass auf dieses Geld auf. Versteck es irgendwo. Erzähl niemand davon. Das ist ein Geheimnis zwischen dir und mir«, sagte er augenzwinkernd. Ich versuchte, zurückzuzwinkern, aber ich schaffte es nur mit beiden Augen, so wie in Bezaubernde Jeannie im Fernsehen. Bear streckte die Hand aus und schob mir eine meiner wilden Haarsträhnen hinter das Ohr. Seine Finger waren rau, aber sanft, und als er seine Hand zurückzog, wünschte ich nichts sehnlicher, als dass mein Haar wieder nach vorn fallen würde, damit er das gleich noch einmal machen konnte.

»Ich will Ihr Geld nicht«, platzte ich heraus. In der Woche zuvor war ich mit meinen drei Dollar Taschengeld in den Laden gegangen und hatte nichts finden können, das mir gefallen hätte. Dreihundert Dollar waren viel mehr, als ich je würde ausgeben können.

»Nun, in meiner Welt zahlt man jeden Gefallen zurück, den einem jemand tut«, sagte Bear und stützte sein Kinn auf eine Hand. Mein Blick blieb an dem Ring an seinem Mittelfinger hängen, einem Totenkopf mit einem glitzernden Stein in einer Augenhöhle. Bear folgte meinem Blick und sah auf seine Hand. »Gefällt der dir?«, fragte er und zog den Ring von seinem Finger.

»Ja, so was habe ich noch nie gesehen.«

Bear hielt ihn zwischen zwei Fingern und sah ihn an, als hätte er ihn auch noch nie zuvor gesehen. Er schwieg und runzelte die Stirn, als dächte er nach, so wie ich, wenn ich Mathe-Hausaufgaben machte. »Ich habe eine Idee«, sagte er und legte den Ring auf den Tresen. »Dieser Ring hier, das ist ein Versprechen. Wenn wir in meinem Club jemandem so einen Ring schenken, dann gilt das als Versprechen.«

»Was für ein Versprechen denn?«, fragte ich und starrte fasziniert auf den Ring, als schwebte er in der Luft.

»Dass ich dir einen Gefallen tun werde, wenn es nötig ist. Es bedeutet, dass ich dir was schulde.«

»Mir?«

»Ja«, sagte er und steckte die Geldscheine wieder in die Tasche. Dann ließ er den Ring auf meinen Daumen gleiten. Er war so groß, dass ich eine Faust machen musste, um ihn nicht zu verlieren.

»Wow. Cool!« Ich sah ihm in die Augen und lächelte. »Danke schön. Ich verspreche, dass ich auf ihn aufpasse, und ich werde ihn erst benutzen, wenn es superwichtig ist.«

»Das weiß ich«, sagte Bear. Plötzlich räusperte sich jemand, und wir sahen uns beide um. In der offenen Tür stand noch ein Mann mit einer Weste.

»Wir müssen los, Mann. Chop hat angerufen. Wir sollen in zwanzig Minuten beim MC sein.«

»Ich muss gehen, Schätzchen. Pass gut darauf auf, okay?« Bear tippte mit dem Finger auf meine geschlossene Faust.

»Ich erzähle es niemandem. Ich schwöre«, sagte ich und bekreuzigte mich. Das macht man nur, wenn man ein Versprechen sehr ernst meint, und ich wollte, dass Bear wusste, wie ernst es mir mit meinem Versprechen war.

Er zwinkerte, dann läutete die Türglocke, und er war fort.

Ich beobachtete, wie er dem dunkelhaarigen Mann, der versucht hatte, den Laden auszurauben, einen Schlag gegen den Hinterkopf verpasste. Sie wechselten noch ein paar wütende Worte, bevor sie ihre Helme aufsetzten und wieder auf die Straße fuhren. Der dritte Mann folgte ihnen dichtauf.

Keine dreißig Sekunden, nachdem der dritte Biker verschwunden war, kam Emma May zur Tür hereingeschlendert. »Ist was Aufregendes passiert, während ich weg war?«, rief sie, schon auf dem Weg ins Hinterzimmer.

Ich steckte den Ring in meine Hosentasche. Dann kreuzte ich die Finger hinter dem Rücken.

»Nein, Ma’am. Überhaupt nichts.«

Bear

Die Mittagssonne schien gleißend hell, und nicht nur Skid war verkatert. Bis Sonnenaufgang hatten wir in Coral Pines mit ein paar Mädels gefeiert, die grad Frühjahrsferien hatten, und Skid hatte einfach noch nicht begriffen, wie wertvoll Augentropfen und starker Kaffee sein können.

Der Idiot konnte von Glück sagen, dass ich ihn nicht gleich auf dem Parkplatz der verdammten Tankstelle umgelegt habe.

»Bist du bescheuert, eine Tankstelle zu überfallen? Noch dazu eine im gleichen Bezirk wie der Club. Ich weiß ja nicht, was sie dir gesagt haben, als du aufgenommen wurdest, Bruder, aber wir sind kein bescheuerter Haufen von jugendlichen Kleinkriminellen. Wir fahren nicht durch die Gegend und überfallen Tankstellen oder riskieren Sachen, die uns Mordsärger einbringen könnte. Im Moment ist sowieso die Kacke am Dampfen, und dämlicher Scheiß wie das hier kann uns alle in den Knast bringen. Und wer zum Teufel bedroht überhaupt kleine Mädchen mit einer Knarre? Ich sollte dich einfach erschießen, damit du es kapierst. Hast du kein Gehirn, Mann?« Ich schlug Skid gegen den Kopf, und seine Sonnenbrille fiel auf den Boden. »Prospect«, rief ich einen der Neulinge an, Gus. »Warum bauen wir momentan keine Scheiße? Warum zielen wir nicht mit Pistolen auf kleine Mädchen?«

»Weil wir was Großes am Laufen haben. Wir verhalten uns unauffällig«, antwortete Gus ausdruckslos. »Und weil es grundsätzlich beschissen ist.«

»Alter«, sagte Skid und rieb sich die Augen. »Ich bin immer noch besoffen von letzter Nacht oder heute Morgen oder wann auch immer. Es tut mir leid, es war einfach Mist. Aber erzähl es Chop nicht, okay?«

Er bückte sich, um seine Sonnenbrille aufzuheben, und ich dachte ernsthaft darüber nach, ihm in die Fresse zu treten. Aber dann beruhigte ich mich ein bisschen, als ich an all die Scheiße dachte, die ich gebaut hatte, als ich aufgenommen worden war. Sachen, für die mir mein Alter den Arsch aufgerissen hätte, wenn er jemals davon erfahren hätte. »Dieses eine Mal – und nur dieses Mal. Das ist alles, was du kriegst. Einmal lass ich’s dir durchgehen. Wenn du so was noch mal machst und es mit Chop zu tun kriegst, werde ich keinen Finger für dich rühren.« Ich stieg auf meine Maschine.

»Was war das eigentlich für ein Gelaber mit dem Ring?«, fragte Gus. »Das hab ich zum ersten Mal gehört. Hab ich da was verpasst? Sollte ich das wissen? Muss ich auch einen Ring verschenken? Ich habe nämlich nicht so einen hübschen wie das Ding mit dem Totenkopf, das du ihr gegeben hast.« Gus war immer neugierig, und die Vorstellung, etwas verpasst zu haben, machte ihn nervös.

»Nein, Mann, alles nur dummes Gewäsch. Ein Ring dafür, dass sie nicht die verdammten Bullen ruft oder Mommy und Daddy und ihnen erzählt, was die bösen Biker gemacht haben«, sagte ich.

»Clever.« Gus zog sich die Handschuhe an.

»Du hast dem Mädchen deinen Totenkopfring gegeben? War da nicht ein Diamant dran?«

»Allerdings. Und du wirst mir jeden verdammten Penny zurückzahlen.« Ich warf den Motor an, und das Motorrad zwischen meinen Beinen heulte auf.

Auf dem ganzen Heimweg lachte ich über Skids Gesichtsausdruck, als er hörte, dass er mir was schuldig war.

Nie wieder habe ich an diesen Tag und an das Mädchen gedacht.

Bis die ganze Geschichte sieben Jahre später wieder da war und mich in den Arsch biss.

2

Thia

Sieben Jahre später …

Stille.

Furcht einflößender als jeder Pistolenschuss oder Kanonendonner. Lauter als Donner und zehnmal so schrecklich.

Mit einem von Mrs Kitcheners berühmten Apfelkuchen in der einen Hand und der anderen am Lenker meines Fahrrads navigierte ich um die Steine und Löcher auf der unbefestigten Straße herum, die zu dem kleinen Farmhaus führte, in dem ich lebte.

Jeden Tag, wenn ich von meinem Teilzeitjob im Stop-n-Go zurückkam, begrüßten mich zu Hause die Stimmen meiner streitenden Eltern. Meilenweit um uns herum gab es keine anderen Häuser, sodass ihre Stimmen über die Baumwipfel hinweg deutlich zu hören waren, noch bevor ich das Licht in den Fenstern sah.

Bevor mein kleiner Bruder gestorben war, hatte ich sie nie streiten gehört. Und als die Sunlandio Corporation sich entschied, ihre Orangen zu importieren und alle Verträge mit der Plantage meiner Familie auflöste, wurde aus den Streitereien hasserfülltes Geschrei.

Ich legte mein Fahrrad auf den Boden und nahm den Kuchen vorsichtig in die andere Hand. Einer meiner Schnürsenkel hatte sich während der Fahrt gelöst, aber ich konnte mich nicht bücken und machte große Schritte, um nicht darüber zu stolpern.

Ein Schauer lief mir über die Haut, verursachte ein Kribbeln, das mir die Haare zu Berge stehen ließ, als stünde ich kurz davor, von einem Blitz getroffen zu werden.

Und dann fiel sie mir auf.

Die Stille.

»Mom?«, rief ich. Keine Antwort.

»Dad?«, fragte ich, als ich die Tür mit dem Fliegengitter davor öffnete. Die Lampe auf dem Beistelltisch war eingeschaltet, der Lampenschirm zur Seite geneigt, als fragte auch er sich, was zur Hölle hier los war.

Aus einem der hinteren Zimmer war ein Schlurfen zu hören. »Seid ihr da hinten?« Ich stellte den Kuchen auf der Küchentheke ab. Ich ging den Flur hinunter und stieß die Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern auf, aber es war leer. Dasselbe galt für mein eigenes Zimmer und für das Bad.

Die Tür am Ende des Flurs zum ehemaligen Zimmer meines Bruders stand offen. Seit seinem Tod hatte meine Mutter diesen Raum immer wie einen Schrein für Jesse behandelt, die Tür verschlossen gehalten und nur geflüstert, wenn sie über den Flur ging. Als hielte er nur ein Schläfchen, aus dem sie ihn nicht wecken wollte.

»Mom?«, fragte ich wieder und schob die Tür langsam auf.

»Komm herein, Cindy. Wir sind alle hier«, sagte sie fröhlich. Es war das erste Mal seit Jahren, dass die Stimme meiner Mutter fröhlich klang, obwohl ich es hasste, dass sie mich Cindy nannte.

Es drehte mir den Magen um.

Irgendetwas stimmte nicht, und zwar so sehr, dass ich eigentlich gar nicht wissen wollte, was mich auf der anderen Seite der Tür erwartete.

Und ich hatte recht.

Ich wollte es tatsächlich nicht wissen.

Denn dort saß meine Mutter in dem alten Schaukelstuhl, in dem sie Jesse immer vorgelesen hatte, hielt seinen Lieblingsdinosaurier umklammert und schaukelte vor und zurück, immer wieder, drückte das Plüschtier an ihre Brust und liebkoste es.

Ihre Augen waren rotgerändert mit dunklen Schatten darunter, aber sie lächelte. »Ich bin so froh, dass du zu Hause bist, Cindy-Lou«, sagte sie. So hatte sie mich schon seit Jahren nicht mehr genannt. »Bist du bereit?«

»Bereit? Bereit wozu, Mom? Wo ist Dad?«

»Dein Vater wollte nicht warten, er ist schon vorgegangen. Aber ich möchte, dass du mit uns kommst, deshalb habe ich auf dich gewartet.« Sie lächelte breit, aber ihre Augen glänzten fremd und wirkten völlig gefühllos.

»Wo ist er denn hingegangen?«, fragte ich und trat einen Schritt in das Zimmer hinein.

»Mach dir keine Sorgen, wir treffen ihn bald. Ich wollte nur vorher noch mit Jesse sprechen«, sagte sie und streichelte den Dinosaurier.

»Mom, Jesse ist tot«, erinnerte ich sie. »Er ist schon vor Jahren gestorben.«

Mom nickte, und ihr Blick fiel zuerst auf die Star-Wars-Tapete und dann auf den Haufen Legosteine in der Ecke. »Das weiß ich doch, Dummerchen.«

»Okay, weil, eine Sekunde lang habe ich gedacht …«

»Ich wollte ihm nur sagen, dass wir bald bei ihm sind«, sagte Mom. Dann nahm sie das Plüschtier in den anderen Arm, und ich sah die Pistole auf ihrem Schoß.

»Mom?« Mein ganzer Körper begann zu zittern, als ich begriff, was sie gerade gesagt hatte. »Wo ist Dad?«

»Hab ich doch schon erklärt. Er ist weg. Er ist ohne uns gegangen, weil er nicht warten wollte. Er ist eben so ungeduldig.« Sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. »Du warst ihm immer schon sehr ähnlich.«

»Warum hast du eine Pistole, Mom?«

»Dummerchen, wie sollen wir uns sonst mit Jesse und deinem Vater treffen? Ich meine, ich weiß, dass es auch andere Wege gibt, aber so scheint es mir am schnellsten zu gehen. Wir wollen sie schließlich nicht zu lange warten lassen«, sagte sie und klopfte dem Dinosaurier auf den Rücken, als sollte er ein Bäuerchen machen. Die ganze Zeit schaukelte sie vor und zurück, ohne den gleichmäßigen Rhythmus auch nur für einen Moment zu unterbrechen. Und bei jeder Bewegung knarrte der Stuhl auf dem Holzboden.

Ich trat noch einen Schritt näher, in der Hoffnung, ihr die Pistole abnehmen zu können, aber sie sah, wo ich hinblickte, nahm die Waffe in die Hand und fuchtelte mit ihr herum. »Nein, nein, dein Vater wollte sie auch haben, aber ich habe darauf bestanden, es selbst zu tun. Das ist ein Job für Mommy und für niemand sonst. Wurde langsam Zeit, dass ich die Sache in die Hand nehme und für unsere Familie sorge. Dass wir alle am selben Ort sind, ist ein guter Anfang.«

Jeder meiner Schritte klang auf dem Holzboden wie ein Trommelschlag. »Na dann, Cindy. Du konntest noch nie abwarten, bis du an der Reihe bist, deshalb kommst du diesmal als Erste dran.«

»Von wo aus hast du Dad denn weggeschickt, um Jesse zu treffen?«, fragte ich. Tränen waren mir in die Augen gestiegen, aber das Adrenalin in meinen Adern verhinderte, dass sie flossen.

»Ich weiß nicht, warum das wichtig sein soll«, sagte Mom und blies sich eine schwarze Locke aus dem Gesicht. »Aber wenn du es unbedingt wissen willst: Er ist von unserem Zimmer aus gegangen. Es war viel unordentlicher, als ich gedacht hätte. Ich denke, dass ich dich von der Badewanne aus losschicke, und dann klettere ich gleich nach dir rein. Vielleicht lasse ich dem Sheriff noch etwas Bleichmittel da. Rote Flecken sind wirklich das Schlimmste, besonders auf weißem Putz«, sagte sie mit der gleichen gespenstisch fröhlichen Stimme, mit der sie mich begrüßt hatte.

Ich trat einen Schritt zurück. Noch immer starrte Mom mich von einem Ohr bis zum anderen lächelnd an. Sie folgte mir nicht, als ich mich umdrehte und die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Es war leer.

Mom ist verrückt geworden. Das muss nicht heißen, dass Dad wirklich tot ist. Vielleicht lügt sie. Sie tut nur so.

Ich ging um das Bett herum.

Bitte, sei noch am Leben, bitte, bitte, bitte.

Auf dem Boden neben dem Bett lag der leblose Körper meines Vaters. Mund und Augen waren vor Überraschung weit aufgerissen.

Ich keuchte auf und schlug die Hände vor den Mund. »Nein, nein, nein, nein, nein!!!«, schrie ich.

Ich rannte los in den Flur, weg von meinem Vater, und als ich in Jesses Zimmer blickte, saß meine Mutter nicht mehr in dem Schaukelstuhl. Ich drehte mich um und wollte aus der Tür rennen, lief jedoch direkt in die weiche Seide des rosa Nachthemds meiner Mutter.

»Bist du so weit, Süße?«, fragte sie und legte den Kopf schief. Sie hielt die Pistole in der Hand, hatte sie aber nicht erhoben.

»Ich … ich muss Jesse auch noch etwas sagen«, stammelte ich und steuerte wieder auf Jesses Zimmer zu.

Sie schlug sich mit dem Lauf der Pistole gegen die Stirn. »Wie dumm von mir, natürlich musst du das. Ich warte hier, und wenn wir ihn getroffen haben, gibt es ein Eis.«

»J…ja, Eis ist prima, Mom«, sagte ich schniefend. Ich drehte mich um und tat so, als würde ich in Jesses Zimmer gehen. Als sie sich zur Seite wandte, um mich vorbeizulassen, ergriff ich die einzige Chance, die ich hatte, und sprintete geduckt in die andere Richtung zur Tür.

Die Wand neben der Tür explodierte, als eine Kugel in den hundert Jahre alten Gips einschlug. Meine Mutter lachte, als ich die Verandastufen hinuntersprang. Mein offenes Schuhband verfing sich im Geländer, und ich flog durch die Luft und landete auf dem Brustkorb. Alle Luft wich aus meiner Lunge, ich rollte auf den Rücken und schnappte nach Luft.

»Vor dem Besuch bei Oma im letzten Jahr hast du dich ja schön gedrückt, aber diesmal klappt das nicht«, sagte meine Mutter, die von der Veranda aus auf mich herunterblickte. Aus dem Augenwinkel sah ich die alte Flinte meines Vaters an der Hauswand lehnen. Er benutzte sie oft, um Tiere von der Orangenplantage zu vertreiben. Seit der letzten Ernte war sie wohl nicht mehr benutzt worden, sodass sie schon einige Monate lang den Elementen ausgesetzt war.

Wahrscheinlich würde sie gar nicht funktionieren.

»Ich will mich nicht drücken, Mom«, sagte ich, als ich endlich wieder Luft bekam. Langsam kroch ich auf allen vieren auf das Haus zu.

Zu der einzigen Überlebenschance, die ich hatte.

»Ich dachte nur, wir könnten vielleicht zusammen gehen, weißt du, gleichzeitig«, sagte ich und ahmte ihren fröhlichen Tonfall nach, so gut es ging.

»Oh Cindy, das ist eine wunderbare Idee. Du warst immer meine Süße, weißt du. Eigensinnig und manchmal unerträglich, aber du konntest auch sehr süß sein. Ich habe es geliebt, wie du als Baby mit meinen Ketten und meinen Ohrringen gespielt hast.« Mom drückte die Pistole an ihre Brust und seufzte.

»Kannst du mir einen Gefallen tun, Mom? Kannst du Dads alte Flinte nehmen? Dann habe ich etwas, über das ich mit ihm reden kann, wenn wir da sind. Und ich nehme die Pistole, mit der du ihn zu Jesse geschickt hast. Das ist lustig, und du weißt ja, dass es nicht leicht für mich ist, Sachen zu finden, über die ich mit Dad reden kann.«

Schwankend kam ich auf die Füße und stützte mich an der beschädigten Verkleidung des Hauses ab, damit ich nicht umfiel. »Weißt du«, sagte meine Mutter, »ich wünschte, dein Vater hätte sich auch so etwas Nettes ausgedacht. Alles wäre so viel einfacher gewesen. Du hättest hören sollen, wie er geschrien und gebrüllt hat.« Sie lachte kurz auf. »Und gefleht.« Sie sah nach, ob die Pistole geladen war, und warf sie mir dann zu. Ich fing die Waffe auf und prüfte sie noch einmal selbst. »Kannst du dir das vorstellen? Dein Vater … er hat mich angefleht. Das war wirklich lächerlich.«

Die elfenbeinfarbene Haut meiner Mutter leuchtete im Mondlicht. Ich hatte sie immer um ihre langen dunklen Locken und ihre roten Lippen beneidet. Für mich sah sie aus wie Schneewittchen. Ich hatte sie gern beobachtet, wenn sie auf der Plantage Orangen für ihre berühmte Orangenmarmelade pflückte, und mich gefragt, warum ich anstelle ihres guten Aussehens mit rötlichem Haar, grünen Augen und Sommersprossen geschlagen war.

Schneewittchen stand aufrecht in ihrem blutbespritzten Seidennachthemd da und zielte mit der Flinte auf mich. Mein Herz schlug wild, als ich die Pistole auf sie richtete. »Ich liebe dich, Baby, wir sehen uns auf der anderen Seite«, sagte sie. Tränen stiegen mir in die Augen. Mir blieb nur der Bruchteil einer Sekunde. Selbst wenn die Flinte beim ersten Versuch blockierte, was sie oft tat, beim zweiten Mal würde das bestimmt nicht passieren.

Meine Mutter lächelte mich aus großen Augen manisch an.

Und dann drückte Schneewittchen den Abzug.

Ich hielt die Luft an, aber nichts passierte. Sie schlug auf den Schaft der Flinte, wie sie es schon tausend Mal bei meinem Vater gesehen hatte, und kurz bevor sie den Finger wieder am Abzug hatte, schoss ich.

Blut spritzte gegen die Hauswand und verwandelte das abblätternde Weiß in leuchtendes Rot.

In einer Hinsicht hatte Mom recht gehabt: Es ging schnell.

Ich fiel auf die Knie und verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Verstand setzte aus. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Meine Eltern waren tot, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wen ich anrufen sollte.

Meine Eltern waren tot.

Du hast deine Mutter umgebracht.

Ich heulte los – verloren, verängstigt und vollkommen allein.

Ich fasste unter meine Bluse und suchte auf die gleiche Art Trost, wie ich es schon oft gemacht hatte, wenn meine Eltern sich stritten: Ich umklammerte den Ring, den ich an einer Kette um den Hals trug. Ein Blitz schlug in den Wasserturm ein, und in diesem Moment wusste ich die Antwort. Ich wusste, wohin ich gehen musste.

Zu wem ich gehen musste.

3

Thia

Es regnete.

Sommer in Florida.

Und immer regnete es.

Irgendwann während der vierzigminütigen Fahrt vom Farmhaus in Jessep nach Logan’s Beach hatte ich jedes Gefühl in den Füßen verloren. Der Regen kam von der Seite, und ich trampelte wild dagegen an.

Ich hatte den alten Ford meines Vaters nehmen wollen, aber das Schlüsselbrett neben der Tür war leer. Das bedeutete, dass es nur noch einen anderen Ort geben konnte, an dem die Schlüssel sein konnten. Ich zwang meine Beine, vorwärts und wieder zurück in den Raum zu gehen, in dem der leblose Körper meines Vaters lag. Dass ich ihn vorher schon einmal gesehen hatte, änderte nichts an der Wirkung, die es auf mich hatte, ihn in einem komischen Winkel vor der Wand liegen zu sehen, das Haar immer noch nass von seinem Blut.

»Daddy«, weinte ich und stieg über das rote Rinnsal, das als Pfütze unter seinem Kopf begann und auf dem Weg aus dem Schlafzimmer meiner Eltern immer dünner wurde, bis es in der Fuge zwischen Wand und Fußboden versickerte und die weißen Fußleisten mit einem frischen roten Rand versah.

Meine ganze Familie war tot, aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, und dafür war ich dankbar, denn die Schwere der Ereignisse drohte mich zu erdrücken.

Etwas in meinem Inneren, ein letzter Strahl von Hoffnung, sagte mir, wenn ich es nur zu Bear schaffte, würde alles wieder gut werden.

Er konnte nichts ungeschehen machen.

Aber er konnte es wieder in Ordnung bringen.

Er hat dir etwas versprochen. Er wird dir helfen. Er kann das Denken für dich übernehmen. Du musst nur zu ihm gehen.

Ich konnte mich nicht überwinden, die Taschen meines Vaters zu durchsuchen. Ihn zu berühren würde alles noch realer machen.

Ohne weiter nachzudenken, hob ich mein Fahrrad vom Boden auf und fuhr los.

Mit jedem Tritt wurden meine Schenkel schwerer. Das Einzige, das mich antrieb, war die Erlösung, die ich zu finden hoffte, wenn ich das Clubhaus der Beach Bastards erreichte.

Wenn ich Bear erreichte.

4

Thia

Als ich vor dem Tor ankam, regnete es immer noch. Ein dünner Junge saß auf einem Hocker und hielt Wache. Unter seinem durchsichtigen Plastikponcho konnte ich auf seiner Kutte ein Patch mit der Aufschrift PROSPECT erkennen. Ein Neuling. Er beobachtete, wie ich mein Fahrrad hinlegte und auf ihn zu hinkte. Meine Beinmuskeln hatten noch nicht registriert, dass ich mit dem Fahrradfahren aufgehört hatte. »Ich muss mit Bear sprechen«, sagte ich. »Bitte. Kannst du ihm sagen, dass Thia hier ist? Thia von der Tankstelle. Ich muss mit ihm reden. Es ist wichtig.«

»Wie wichtig?«, fragte der Prospect und schob den Zahnstocher in seinem Mundwinkel mit der Zunge auf die andere Seite.

Ich nahm meine Kette ab und hielt sie hoch, damit er Bears Ring sehen konnte. »So wichtig.«

Skeptisch beäugte der Prospect den Ring, bevor er endlich von seinem Hocker rutschte. Er nahm mir die Kette aus der Hand und verschwand hinter dem quietschenden Metalltor. Als er zehn Minuten später wiederkam, war er wie ausgewechselt. »Ich bin Pecker«, verkündete er und machte mir Platz, damit ich eintreten konnte. »Wie war dein Name noch mal?« Ein Lächeln hatte sich in seinem vorher so grimmigen Gesicht ausgebreitet.

»Thia«, sagte ich und betrat das Clubhaus der Beach Bastards, obwohl ich es eher ein Anwesen genannt hätte. Es war ein altes Motel oder ein Apartmentkomplex. Zweigeschossig mit offenen Räumen, die um einen Innenhof mit einem leeren Swimmingpool in der Mitte angeordnet waren. An einer Seite befand sich eine Glastür, die zu einer ehemaligen Bar oder einem Restaurant gehörte, und es sah so aus, als würden die Bastards den Ort immer noch zu seinem ursprünglichen Zweck nutzen. Die Bar war gut bestückt, und mehrere Männer spielten Pool an einem der drei Billardtische.

»Wo ist Bear?«, fragte ich wieder. Dem Regen entronnen, stand ich unter einem Vordach, und meine Zähne begannen zu klappern. Mein nasses Tanktop und meine Shorts klebten mir ebenso am Körper, wie mir das Haar an Stirn und Wangen klebte und Wasser in meine Augen tropfen ließ.

»Bear ist gerade beschäftigt, aber er hat gesagt, dass du in seinem Zimmer auf ihn warten kannst«, sagte Pecker, als ich ihm über die Treppe in die erste Etage folgte, wobei ich mich an dem schartigen Treppengeländer festhielt. An einer besonders scharfen Stelle verletzte ich mir den Mittelfinger und saugte das Blut ab. »Tut mir leid, ich hätte dich warnen müssen.«

Der Regen prasselte mit solcher Gewalt in den Hof, dass die Bastards bestimmt keinen Schlauch brauchen würden, um ihren Pool wieder aufzufüllen. Das kleine Vordach bot kaum Schutz vor dem seitlich fallenden Regen.

Vor einer dunkelgrünen Tür blieb Pecker stehen, öffnete sie und bedeutete mir, hineinzugehen. »Er kommt gleich«, sagte er und lachte.

Ich trat in das dunkle Zimmer und fuhr herum, als die Tür hinter mir zuschlug.

»Wo hast du das her?«, fragte eine drohende Stimme.

Meine Kehle zog sich zusammen. Langsam drehte ich mich zum Besitzer der Stimme um. Auf der Bettkante saß ein Mann, der mich vom Aussehen her stark an Bear erinnerte, im Gegensatz zu ihm aber graues Haar und ein faltiges Gesicht hatte.

Er hielt Bears Ring hoch.

»Wo ist Bear? Sind Sie sein Vater?« Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. Der Mann lachte, stand auf und baute sich vor mir auf. Um jeden Körperkontakt zu vermeiden, wich ich zurück und prallte mit dem Hinterkopf an die Tür.

»Ich weiß nicht, ob du mich verstanden hast«, sagte er mit gespielter Ernsthaftigkeit. »Aber ich habe dir eine verdammte Frage gestellt. Was glaubst du, wer du bist und wo du bist? Du weißt es nicht? Dann werde ich dich mal aufklären …« Er beugte sich zu mir herab und starrte mich mit hellen blauen Augen an, die mir bekannt vorkamen. »Ich bin Chop. Das steht für Chop Chop, weil …« Er kicherte und fuhr mir mit einem schwieligen Finger über die Wange. Ich wich zurück, aber er umklammerte mein Gesicht so fest, dass mein Mund von allein aufging. Er drückte meine Wangen zusammen, bis sie sich fast in der Mitte trafen. »Nun, das musst du nicht unbedingt wissen, stimmt’s? Ich habe hier das Sagen. So steht es auf meinem Patch. Du bist hier in meinem Haus, und darum wirst du mir jetzt sagen, wo zur Hölle du das her hast, denn sonst stopfe ich es dir in den Hals und lasse dich daran ersticken.« Chop hielt die Kette wieder hoch, das Licht ließ den Diamanten im Auge des Totenkopfes aufblitzen.

Chop mochte dieselbe Augenfarbe haben wie Bear, aber es lag keine Schönheit in ihnen. Chops Augen spiegelten Haltlosigkeit, Wut und Gewalttätigkeit wider.

Das hier war ein Fehler.

Ich war zu diesem Anwesen gekommen um … was genau hatte ich hier eigentlich gesucht? Hilfe? Schutz? Sicherheit? Nun wusste ich nur, dass ich mich in diesem Raum, mit Bears altem Herrn nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht, alles andere als sicher fühlte.

Als ich nicht sofort antwortete, zuckte Chop mit den Achseln. »Okay, wie du willst.« Er presste den Ring gegen meine Lippen, und plötzlich fand ich meine Stimme wieder.

»Bear hat ihn mir gegeben«, platzte ich heraus.

»Unsinn! Wo hast du ihn her?«, brüllte er und versuchte wieder, den Ring zwischen meine Lippen zu zwängen.