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„Jetzt kaufen – heute Nacht lesen!“ Lee Child.
Nick Heller, seines Zeichens Privatdetektiv, wird von einem alten Freund angeheuert. Der Milliardär Marshall Marcus muss seine Tochter retten, die gekidnappt wurde und in einem unterirdischen Grab gefangen ist. Das Mädchen wird von einer Kamera überwacht und ist im Internet zu sehen. Heller weiß, dass er nicht viel Zeit hat. Doch bald stellt sich heraus, dass Marshall pleite ist und er so viele Schuldner und Feinde hat, dass halb Amerika ein Motiv haben könnte, ihn zu erpressen. Aber um Alexa zu finden, muss Heller herausfinden, wer hinter der Entführung steckt. Die Spur führt nach Russland – und in höchste Regierungskreise ...
„Joseph Finder hat einen meisterhaften Thriller geschrieben.“ Boston Globe.
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2012
Joseph Finder
Lebendig und begraben
Thriller
Aus dem Amerikanischenvon Wolfgang Thon
Joseph Finder, Lebendig und begraben
Die Originalausgabe unter dem TitelBuried Secretserschien 2011 bei St. Martin’s Press, New York.
ISBN 978-3-8412-0375-5
Aufbau Digital,veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Mai 2012© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, BerlinDie deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei AufbauTaschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH &Co. KGCopyright © 2011 by Joseph Finder
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.
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TEIL DREI
80. KAPITEL
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100. KAPITEL
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102. KAPITEL
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110. KAPITEL
111. KAPITEL
112. KAPITEL
DANKSAGUNG
Es gibt Geheimnisse, die nicht gestatten, dass man sie ausspricht. Menschen sterben nachts in Betten, pressen die Hände gespenstischer Beichtväter, blicken ihnen Erbarmen suchend ins Auge … sterben mit verzweifelndem Herzen und gekrampfter Kehle, denn die entsetzlichen Geheimnisse, die nicht dulden, dass man sie enthüllt, erdrücken sie. Ach, hie und da nimmt das Gewissen der Menschen eine Last auf, die so entsetzlich ist in ihrer Schwere, dass sie nicht früher abgeworfen werden kann als im Grabe. Und so wird das innerste Wesen des Verbrechens nicht offenbart.
Edgar Allen Poe
Wenn Gefängnisse so aussehen, dachte Alexa Marcus, könnte ich in einem leben. Auf Dauer, meine ich.
Sie stand mit ihrer besten Freundin, Taylor Armstrong, in der langen Schlange, die auf Einlass in Bostons angesagteste Bar wartete. Ins Slammer. Das war die Bar des Luxushotels Graybar, ein ehemaliges Gefängnis. Man hatte sogar die Gitterstäbe vor den Fenstern gelassen und die große zentrale Rotunde behalten, die von den eisernen, vergitterten Galerien gesäumt wurde.
Alexa musterte unauffällig die Gruppe Jungs unmittelbar hinter ihr; sie sahen aus wie Verbindungsstudenten vom MIT, die sich viel zu auffällig bemühten, cool zu wirken: Hemd über der Hose, billige Blazer, dieses ganze Zeug in ihren Haaren und der beißende Gestank ihres Deos. Zweifellos würden sie morgens um zwei nach Hause wanken, von der Brücke nach Cambridge runterkotzen und sich darüber beschweren, dass alle Mädchen im Slammer Zicken wären.
»Ich mag dieses rauchige Augen-Make-up«, meinte Taylor, während sie Alexas Gesicht betrachtete. »Siehst du? Es sieht fantastisch an dir aus!«
»Es hat mich fast eine Stunde gekostet«, gab Alexa zurück. Die falschen Wimpern, der schwarze Gel-Eyeliner und der schwarze Lidschatten … Sie sah ganz bestimmt wie eine Nutte aus, die von ihrem Zuhälter zusammengeschlagen worden war.
»Mich kostet das so etwa dreißig Sekunden«, erwiderte Taylor. »Aber jetzt sieh dich an … Du bist eine echt heiße Nummer und nicht mehr so eine Vorstadtschnepfe.«
»So spießig bin ich gar nicht«, protestierte Alexa. Sie warf einen kurzen Blick auf zwei dünne, europäisch wirkende Jungs, die rauchten und unablässig in ihre Handys quasselten. Süß, aber vielleicht schwul? »Immerhin … wohnt Dad in Manchester.« Fast hätte sie gesagt: »Ich wohne in Manchester«; aber das große, geräumige Haus, in dem sie aufgewachsen war, war für sie kein Heim mehr, nicht, seit ihr Dad Belinda, diese geldgierige Flugbegleiterin, geheiratet hatte. Alexa war seit vier Jahren nicht mehr für längere Zeit zu Hause gewesen, nicht mehr, seit sie nach Exeter gegangen war.
»Ja, klar, geschenkt«, meinte Taylor. Alexa registrierte den Unterton ihrer Freundin. Taylor musste einem immer unter die Nase reiben, dass sie selbst ein Großstadtkind war. Ihr Dad war US-Senator, und sie war in einem Stadthaus auf dem Beacon Hill aufgewachsen, direkt am Louisburg Square. Deshalb betrachtete sie sich als urban und hielt sich für cooler und gerissener als alle anderen. Außerdem hatte sie die drei letzten Jahre in der Rehabilitation verbracht, auf der Marston-Lee-Academy, dem »therapeutischen Internat« in Colorado, auf das der Senator sie geschickt hatte und das seine Schützlinge mit liebevoller Strenge erzog, damit sie wieder clean wurden.
Träum weiter, Cowboy!
Jedes Mal, wenn Taylor in den Ferien nach Boston zurückkam, hatte sie einen anderen ausgeflippten Look drauf. Letztes Jahr hatte sie ihr Haar pechschwarz gefärbt und Perlen hineingeflochten. Heute Nacht waren es hautenge, schillernd schwarze Leggins, das übergroße graue Gaze-T-Shirt über dem schwarzen Spitzen-BH und die nietenbeschlagenen Halbstiefel. Alexa dagegen war weniger abenteuerlustig und trug ihre schwarzen, hautengen Jeans und die braune Tory-Burch-Lederjacke über einem Tanktop. Okay, sie war nicht so avantgardistisch wie Taylor, aber spießig war sie deshalb auf gar keinen Fall!
»O mein Gott«, murmelte Alexa, als sich die Schlange unaufhaltsam dem Türsteher näherte.
»Entspann dich einfach, okay, Lucia?«, sagte Taylor.
»Lucia …?«, begann Alexa, als ihr einfiel, dass »Lucia« der Name auf ihrem falschen Ausweis war. Das heißt, eigentlich war es ein echter Ausweis, es war nur nicht ihrer. Sie war siebzehn, und Taylor war gerade achtzehn geworden. Alkohol gab es erst ab einundzwanzig, was irgendwie uncool war. Taylor hatte Alexas Ausweis einem älteren Mädchen abgekauft.
»Sieh dem Türsteher einfach in die Augen und bleib cool«, riet ihr Taylor. »Es wird alles glattgehen, du wirst sehen.«
Natürlich behielt Taylor recht.
Der Türsteher wollte nicht mal ihre Ausweise sehen. Nachdem sie die Hotellobby betreten hatten, folgte Alexa Taylor zu den altmodischen Aufzügen, über deren Türen noch Zeiger signalisierten, in welchem Stockwerk sich der Fahrgastkorb befand. Die Aufzugtüren öffneten sich, und eine eiserne Gittertür glitt rasselnd auf. Taylor trat mit ein paar anderen Leuten ein. Alexa zögerte, quetschte sich dann ebenfalls in den Aufzug und schüttelte sich. Meine Güte, sie hasste Aufzüge! Unmittelbar bevor sich die Gittertür schloss, sprang sie wieder heraus. »Ich nehme die Treppe!«, rief sie.
Sie trafen sich in der Bar im vierten Stock und eroberten zwei große, gemütlich aussehende Sessel. Eine Kellnerin in einem rückenfreien Top, das so dünn war, dass man die Blumentätowierung unter ihrer Achselhöhle sehen konnte, nahm ihre Bestellung auf: zwei Ketel-One-Wodkas mit Soda.
»Sieh dir die Mädchen auf der Bar an!«, schrie Taylor über die Musik hinweg. Models mit schwarzen, super knappen Ledershorts und schwarzen Lederwesten schlenderten auf dem Tresen herum, als wäre es ein Laufsteg.
Einer der MIT-Typen versuchte sie anzugraben, aber Taylor fertigte den Kerl ab. »Klar ruf ich dich an … wenn ich das nächste Mal Hilfe bei Differenzialrechnung benötige.«
Alexa spürte Taylors Blick auf sich.
»He, was ist los, Kleine? Seit wir hier sind, benimmst du dich, als wärst du deprimiert.«
»Mir geht’s gut.«
»Meinst du, du solltest vielleicht mal eine andere Medizin einwerfen?«
Alexa schüttelte den Kopf. »Dad benimmt sich einfach nur … Ich weiß nicht, irgendwie seltsam.«
»Erzähl mir mal was Neues.«
»Okay, aber jetzt ist er plötzlich vollkommen paranoid geworden. Er hat um das ganze Haus herum Überwachungskameras montieren lassen.«
»Na ja, er ist ja der reichste Kerl in Boston. Oder jedenfalls einer der reichsten …«
»Ich weiß, schon klar«, unterbrach Alexa sie. Sie wollte nichts davon hören. Sie hatte schon ihr ganzes Leben damit fertig werden müssen, dass sie ein reiches Kind war: Sie hatte sogar ihren wahren Reichtum herunterspielen müssen, damit ihre Freunde nicht eifersüchtig wurden. »Aber er arbeitet nicht in seinem normalen Kontrollfreak-Modus. Es wirkt eher so, als hätte er tatsächlich Schiss, dass etwas passiert.«
»Dann versuch doch mal, mit einem Vater zu leben, der ein beknackter Senator ist.«
Taylor wirkte plötzlich unbehaglich. Sie verdrehte die Augen und schüttelte abweisend den Kopf, während sie die mittlerweile umlagerte Bar betrachtete. »Ich brauche noch einen Drink«, sagte sie. Sie winkte die Kellnerin zu sich heran und bestellte einen Dirty Martini. »Was ist mit dir?«, erkundigte sie sich bei Alexa.
»Ich habe noch genug.« Alexa hasste Schnaps, vor allem Wodka. Und Gin war besonders eklig. Wie konnte jemand freiwillig dieses Zeug herunterkippen? Es war, als würde man Mundwasser saufen.
Alexas iPhone vibrierte. Sie nahm es heraus und las die SMS. Ein Freund auf irgendeiner Fete in Allston schrieb ihr, es wäre einfach großartig und sie sollte unbedingt vorbeikommen. Alexa lehnte ab. »O mein Gott, mein Gott!«, stieß sie dann hervor. »Habe ich dir das schon gezeigt?« Sie blätterte ihre iPhone-Applikationen durch, bis sie zu der kam, die sie gerade runtergeladen hatte, und startete sie. Dann hielt sie das iPhone an ihren Mund. Als sie hineinsprach, drangen ihre Worte schrill und verzerrt aus dem Lautsprecher. Sie klang wie A-Hörnchen oder B-Hörnchen. »He, Baby, hast du Lust, mit in mein Schlafzimmer zu kommen, dich auszuziehen und ein bisschen Potenzrechnung zu machen?«
Taylor quietschte vor Vergnügen. »Das ist ja vielleicht geil!« Sie wollte sich das Handy schnappen, aber Alexa hielt es von ihr weg, löschte den Bildschirm und sprach dann in der unheimlichen Stimme von Gollum aus Herr der Ringe: »Muss haben den Schatz!«
Taylor kreischte. Die beiden Mädchen lachten so sehr, dass ihnen die Tränen kamen. »Siehst du, jetzt fühlst du dich schon besser, richtig?«, erkundigte sich Taylor schließlich.
»Darf ich euch Gesellschaft leisten?«
Alexa blickte zu dem Mann hoch, der vor ihrem Tisch stand. Das war kein Verbindungsstudent. Im Gegenteil! Der Typ hier hatte dunkle Haare und braune Augen, Bartstoppeln und war absolut süß. Er trug ein schwarzes Hemd mit weißen Nadelstreifen, hatte eine schmale Taille und breite Schultern.
Alexa lächelte und errötete; sie konnte es nicht verhindern. Dann sah sie Taylor an.
»Kennen wir dich?«, wollte Taylor wissen.
»Noch nicht.« Der Bursche lächelte strahlend. Er war … schwer zu sagen, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. »Meine Freunde haben mich sitzen lassen. Sie sind zu einer Party im South End gegangen, auf die ich keine Lust hatte.« Er hatte einen leichten spanischen Akzent.
»Aber hier sind nur zwei Sessel«, erklärte Taylor.
Er drehte sich um, sagte etwas zu dem Pärchen neben sich und schob einen freien Sessel an ihren Tisch. Dann streckte er die Hand aus und begrüßte erst Taylor und danach Alexa mit Handschlag.
»Hi. Ich bin Lorenzo.«
Die Damentoilette wartete mit Molton-Brown-Seife, Thai Vert und richtigen Handtüchern auf, die zu perfekten Quadraten gefaltet waren. Alexa frischte ihr Lipgloss auf, während Taylor ihr Augen-Make-up erneuerte.
»Er steht total auf dich«, erklärte Taylor.
»Wovon redest du?«
»Als wenn du das nicht wüsstest.« Taylor zog mit dem Kajalstift ihre Augen nach.
»Für wie alt hältst du ihn?«
»Keine Ahnung. Vielleicht in den Dreißigern?«
»In den Dreißigern? Der ist doch höchstens dreißig. Glaubst du, er weiß, dass wir erst …« In dem Moment betraten zwei andere Mädchen den Waschraum, und Alexa beendete ihre Frage nicht.
»Häng dich rein«, erklärte Taylor. »Das wird total cool. Ich verspreche es dir.«
Als es ihnen schließlich gelungen war, sich den Weg zu ihren Plätzen zurückzukämpfen, während die Musik der Black Eyed Peas so laut aus den Boxen dröhnte, dass Alexa die Ohren schmerzten, erwartete sie fast, dass Lorenzo verschwunden wäre.
Aber er lümmelte sich immer noch lässig auf seinem Sessel und nippte an seinem Wodka. Alexa griff nach ihrem Drink, einem Peartini, den sie auf Lorenzos Vorschlag hin bestellt hatte, und stellte überrascht fest, dass das Glas schon halb geleert war. Mann, dachte sie, ich hab echt einen in der Krone.
Lorenzo schenkte ihr wieder dieses wundervolle Lächeln. Seine Augen waren nicht einfach nur braun, wie ihr jetzt auffiel. Sie waren hellbraun. Tigeraugen, dachte sie. Sie besaß eine Tigeraugen-Halskette, die ihre Mutter ihr ein paar Monate vor ihrem Tod geschenkt hatte. Sie brachte es zwar nicht über sich, die Kette umzulegen, aber sie liebte es, die Steine zu betrachten.
»Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet, Leute«, erklärte Taylor. »Ich muss wirklich los.«
»Taylor!«, protestierte Alexa.
»Was ist denn?«, erkundigte sich Lorenzo. »Bleib doch, bitte.«
»Das geht nicht«, erklärte Taylor. »Mein Dad wartet auf mich, bis ich nach Hause komme.« Mit einem verschwörerischen Funkeln in den Augen winkte Taylor den beiden zu und verschwand in der Menge.
Lorenzo setzte sich in ihren Sessel neben Alexa. »Ist schon okay. Erzähl mir etwas von dir, Lucia. Wieso habe ich dich hier noch nie vorher gesehen?«
Einen Moment kam sie nicht darauf, wer »Lucia« war.
Jetzt war sie wirklich betrunken.
Sie hatte das Gefühl, als würde sie über den Wolken schweben, mit Rihanna singen und wie ein Vollidiot grinsen, während Lorenzo etwas zu ihr sagte. Der Raum verschwamm ihr vor Augen. Es fiel ihr schwer, seine Stimme von denen der anderen zu unterscheiden, in dieser Kakophonie aus Hunderten geführter Gespräche; Wortfetzen, die wie Schichten aufeinanderlagen und von denen kein einziger Sinn ergab. Ihr Mund war trocken. Sie griff nach ihrem Glas Pellegrino und stieß es um. Sie lächelte verlegen und starrte den Wasserfleck mit offenem Mund an, verblüfft, dass das Glas nicht zerbrochen war. Dann grinste sie Lorenzo albern an, und er schenkte ihr wieder dieses spektakuläre Lächeln. Seine hellbraunen Augen waren weich und sexy. Er streckte die Hand aus und legte seine Serviette auf die Wasserpfütze, um sie aufzutupfen.
»Ich glaube, ich muss jetzt wirklich nach Hause«, sagte sie.
»Ich fahre dich«, bot er an.
Er warf zwei Zwanzig-Dollar-Noten auf den Tisch, stand auf und griff nach ihrer Hand. Sie wollte aufstehen, aber sie hatte das Gefühl, als wären Scharniere an ihren Knien, und diese Scharniere würden nicht funktionieren. Er nahm erneut ihre Hand und schlang seinen anderen Arm um ihre Taille, während er sie aus dem Sessel hob.
»Mein Wagen …«
»Du solltest nicht mehr fahren«, sagte er. »Ich fahre dich. Deinen Wagen kannst du morgen holen.«
»Aber …«
»He, das ist kein Problem. Komm schon, Lucia.« Er führte sie durch die Menschenmenge; seine Arme waren kräftig. Die Leute starrten sie höhnisch an, ihr Gelächter hallte laut, die Lichter waren gestreift wie ein Regenbogen und funkelten, als wäre sie unter Wasser und würde in den Himmel blicken. Alles war so weit weg.
Dann fühlte sie die angenehme, kühle Nachtluft auf ihrem Gesicht.
Sie hörte Verkehrslärm, Autos, Geräusche, die an ihr vorbeirauschten.
Sie lag auf dem Rücksitz eines fremden Wagens, die Wange auf das kalte, harte und rissige Leder gepresst. Der Wagen roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier. Ein paar leere Flaschen rollten auf dem Wagenboden umher. Es war ein Porsche, dessen war sie sich ziemlich sicher, aber er war alt, ungepflegt und schmuddelig. Jedenfalls war es kein Auto, das ihrer Meinung nach zu Lorenzo passte.
»Weißt du, wie du dorthin kommst?« Sie versuchte diese Frage zu stellen, aber ihre Worte kamen kaum verständlich aus ihrem Mund.
Sie fühlte sich wie seekrank und hoffte, dass sie nicht auf den Rücksitz von Lorenzos Porsche kotzte. Das wäre wirklich eklig.
Aber, fragte sie sich, woher weiß er, wohin er fahren muss?
Auf einmal hörte sie, wie sich eine Wagentür öffnete und schloss. Der Motor war abgestellt worden. Warum hielt er schon so bald an?
Als sie die Augen öffnete, merkte sie, dass es dunkel war. Keine Straßenlaternen. Und auch kein Straßenlärm. In ihrem benebelten Hirn schrillten irgendwo, schwach und weit entfernt, die Alarmglocken. Wollte er sie etwa hier lassen? Wo waren sie überhaupt? Was hatte er vor?
Jemand näherte sich dem Porsche. Es war zu dunkel, als dass Alexa das Gesicht der Person hätte erkennen können. Sie sah nur die Umrisse einer großen und muskulösen Gestalt.
Die Tür wurde geöffnet, die Innenraumbeleuchtung flammte auf und erhellte das Gesicht des Mannes. Sein Kopf war vollkommen kahl rasiert; er hatte stechende blaue Augen und ein kantiges, stoppeliges Kinn. Er sah gut aus. Bis er lächelte und bräunliche, kleine Rattenzähne zeigte.
»Kommen Sie bitte mit«, sagte das Muskelpaket.
Alexa wachte auf dem Rücksitz eines großen, brandneuen SUV auf. Ein Escalade oder ein Navigator.
Es war warm im Wagen, fast heiß. Und es stank nach billigem Raumspray.
Sie warf einen Blick auf den Hinterkopf des Fahrers. Er hatte kurz geschorenes, schwarzes Haar. Aus dem Kragen seines Sweatshirts kroch ein seltsames Tattoo über seinen Nacken. Erst dachte sie: wütende Augen. Vielleicht ein Vogel?
»Was ist mit Lorenzo passiert?«, wollte sie fragen. Aber sie selbst konnte nicht erkennen, welche Laute da eigentlich über ihre Lippen kamen.
»Legen Sie sich hin und ruhen Sie sich aus, Alexa«, riet ihr der Mann. Er hatte einen Akzent, aber einen härteren, gutturaleren als Lorenzo.
Ausruhen war irgendwie eine gute Idee. Sie spürte, wie sie eindöste, doch im nächsten Moment begann ihr Herz rasend schnell zu schlagen, als hätte ihr Körper es bereits begriffen, lange bevor es zu ihrem Verstand durchgedrungen war.
Er kannte ihren Namen. Ihren richtigen Namen.
»Folgendes«, erklärte der kleinwüchsige Kerl. »Ich weiß immer gern, mit wem ich Geschäfte mache.«
Ich nickte und lächelte.
Blödmann!
Würde Kleinwüchsigkeit von der modernen Medizin als das ernste psychische Problem anerkannt, das es zweifellos darstellte, würde in sämtlichen medizinischen Nachschlagewerken Philip Curtis’ Foto neben denen von Mussolini, Stalin, Attila dem Hunnenkönig und dem Schutzpatron aller kleinwüchsigen Tyrannen, Napoleon Bonaparte, stehen. Zugegeben, ich bin eins achtzig, aber ich kenne auch eine Menge großer Kerle mit der Kleinwüchsigen-Krankheit.
Philip Curtis war so klein und gedrungen, dass ich ihn vermutlich mit einer Hand hätte packen und durch das Fenster meines Büros hätte schleudern können. Mittlerweile war ich auch stark versucht, genau das zu tun. Er maß vielleicht zwei Fingerbreit über eins fünfzig, war vollkommen kahl und trug eine riesige Brille mit einem schwarzen Rahmen, von der er vermutlich annahm, sie würde ihm ein beeindruckendes Aussehen verleihen. Dabei wirkte er damit nur wie eine Schildkröte, die ihren Panzer verloren hatte und ziemlich genervt deswegen war.
Die Vintage Patek Philippe an seinem Handgelenk musste etwa sechzig Jahre alt sein. Was mir eine Menge über ihn verriet. Sie war das einzige wirklich Elegante an ihm und verkündete: »Altes Geld«. Diese Patek Philippe war ihm vermacht worden, vermutlich von seinem Vater.
»Ich habe Sie überprüft.« Er hob vielsagend die Brauen. »Ich habe meine verdammten Hausaufgaben gemacht. Ich muss schon sagen, Sie hinterlassen nicht viele Spuren.«
»Habe ich schon öfter gehört, ja.«
»Sie haben keine Website.«
»Ich brauche keine.«
»Sie sind nicht auf Facebook.«
»Mein Neffe ist auf Facebook. Genügt das?«
»Selbst bei Google taucht so gut wie nichts über Sie auf. Also habe ich mich umgehört, habe herumgefragt. Offenbar haben Sie eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte. Waren in Yale, haben aber nie ein Examen gemacht. Und Sie haben ein paar Sommerpraktika bei McKinsey absolviert, hab ich recht?«
»Ich war jung. Ich wusste es nicht besser.«
Er lächelte wie ein Reptil. Ein kleines Reptil, okay. Ein Gecko? »Ich habe dort ebenfalls gearbeitet.«
»Ach. Und ich hatte gerade angefangen, Sie zu respektieren«, erwiderte ich.
»Eins kapiere ich nicht. Sie haben Yale verlassen und sind zur Army gegangen. Was sollte das? Jungs wie wir tun so was nicht.«
»Nach Yale gehen?«
Er schüttelte gereizt den Kopf. »Wissen Sie, ich dachte, der Name ›Heller‹ käme mir irgendwie bekannt vor. Ihr Dad ist Victor Heller, richtig?«
Ich zuckte mit den Schultern, als wollte ich sagen: »Bingo, erwischt.«
»Ihr Vater war eine echte Legende.«
»Ist.«
»Wie bitte?«
»Ist«, wiederholte ich. »Er lebt noch. Und sitzt seine zwanzig Jahre plus X im Knast ab.«
»Richtig, klar. Jedenfalls ist er am Ende leer ausgegangen, stimmt’s?«
»Behauptet er jedenfalls.« Mein Vater, Victor Heller, der sogenannte Dunkle Prinz der Wall Street, saß zurzeit eine achtundzwanzigjährige Gefängnisstrafe wegen Wertpapierbetruges ab. Ihn als »Legende« zu bezeichnen war die nette Variante.
»Ich habe Ihren Vater immer sehr bewundert. Er war ein echter Pionier. Allerdings vermute ich, dass etliche potenzielle Klienten es sich sehr genau überlegen, ob sie Sie engagieren, wenn sie hören, dass Sie Victor Hellers Sohn sind.«
»Vermuten Sie, hm?«
»Sie wissen, was ich meine, diese ganze …« Er stockte und kam dann vermutlich zu dem Schluss, dass er sich nicht weiter zu erklären brauchte. Er hatte bereits klargemacht, was er hatte sagen wollen.
Aber so leicht wollte ich ihn nicht vom Haken lassen. »Sie meinen, diese Geschichte mit ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‹, ja? Oder: ›Wie der Vater, so der Sohn‹?«
»Ja, so ähnlich. Das würde sicher einige Leute stören, aber mich nicht. Tja, also … So wie ich das sehe, bedeutet das nämlich wahrscheinlich, dass Sie nicht allzu empfindlich sind, was gewisse … Grauzonen angeht.«
»Gewisse Grauzonen.«
»All dieses nervige Gesetzeszeug, wenn Sie wissen, was ich meine.«
»Ah, klar, kapiere.« Eine Weile beschäftigte ich mich damit, aus dem Fenster zu blicken. Was ich in letzter Zeit recht häufig tue. Ich mochte den Ausblick. Man konnte die ganze High Street hinab bis zum Ozean sehen. Die Promenade an der Rowes Wharf wurde von einem großen, italienischen Marmorbogen eingerahmt.
Ich war vor ein paar Monaten von Washington nach Boston gezogen und hatte mit viel Glück ein Büro in einem alten Backsteingebäude im Finanzviertel gefunden, einer umgebauten Bleirohrfabrik aus dem neunzehnten Jahrhundert. Von außen wirkte das Gebäude wie ein viktorianisches Armenhaus aus einem Roman von Charles Dickens. Das Innere jedoch mit seinen unverputzten Ziegelwänden, den hohen Bogenfenstern, den freiliegenden Rohren und den offenen Räumen ließ einen nicht vergessen, dass an diesem Ort tatsächlich einmal etwas hergestellt worden war. Und das gefiel mir. Es hatte so eine Steampunk-Aura. Die anderen Mieter waren Beratungsfirmen, ein Steuerberater und etliche kleine Immobilienmakler. Im Erdgeschoss befand sich ein »Exotisches Sushi-und-Tapas«-Restaurant, das in Konkurs gegangen war, und der Showroom von »Derderian – Edle Orientteppiche«.
Mein Büro hatte irgendeiner hochtrabenden Dot-Com-Firma gehört, die nichts produziert hatte, nicht einmal Geld. Sie hatte plötzlich pleite gemacht und musste deshalb früher aus ihrem Mietvertrag aussteigen, so dass ich einen netten Nachlass auf den Mietpreis bekam. Die Leute waren so überstürzt ausgezogen, dass sie sogar ihre schicken Glas- und Metallmöbel und einige sündhaft teure Bürostühle zurückgelassen hatten.
»Sie behaupten also, jemand aus Ihrem Vorstand lässt geschäftsschädigende Informationen über Ihre Firma durchsickern«, sagte ich, während ich mich langsam herumdrehte. »Und Sie wollen, dass wir – wie haben Sie es noch ausgedrückt? – ›das Leck stopfen‹. Richtig?«
»Ganz genau.«
Ich schenkte ihm mein bestes, verschwörerisches Grinsen. »Das bedeutet, Sie wollen, dass wir Telefone anzapfen und E-Mails überwachen.«
»He, Sie sind der Profi«, erwiderte er mit einem kurzen, schmierigen Zwinkern. »Ich würde Ihnen niemals vorschreiben, wie Sie Ihren Job zu erledigen haben.«
»Verstehe. Besser, Sie wissen nichts von den Einzelheiten, richtig? Wie wir unseren Hokuspokus veranstalten, hm?«
Er nickte. Ein kurzes, abgehacktes Rucken mit dem Kopf. »Glaubwürdige Dementis und dergleichen; Sie haben es kapiert.«
»Selbstverständlich. Und ganz offensichtlich wissen Sie auch, dass Sie mich da um etwas bitten, das im Grunde illegal ist.«
»Wir sind ja beide große Jungs«, erwiderte er.
Ich biss mir auf die Lippe. Einer von uns war erwachsen, allerdings.
In diesem Moment summte mein Telefon; es war die interne Leitung. Ich nahm den Hörer ab. »Ja?«
»Okay, Sie hatten recht.« Es war die rauchige Stimme meiner Assistentin und Computerspezialistin, Dorothy Duval. »Sein Name ist nicht Philip Curtis.«
»Selbstverständlich nicht.«
»Kein Grund, gleich überheblich zu werden.«
»Keineswegs«, erwiderte ich. »Es ist ein sehr lehrreicher Moment. Sie sollten mittlerweile wissen, dass es besser ist, mein Urteil nicht anzuzweifeln.«
»Ja, ja. Also gut, ich komme nicht weiter. Wenn Sie zufällig eine Idee haben, schenken Sie mir Erleuchtung, dann überprüfe ich sie.«
»Danke«, sagte ich und legte auf.
Der Mann, der nicht Philip Curtis war, hatte einen starken Chicago-Akzent. Wo auch immer er jetzt lebte, er war in Chicago erzogen worden. Und er hatte einen reichen Dad, was die vererbte Patek Philippe verkündete.
Dann war da noch der schwarze Gepäckaufkleber auf seinem Louis-Vuitton-Aktenkoffer. Es war der Rest einer abgerissenen Jet-Karte. Also leaste er einen Privatjet für ein paar Stunden im Jahr. Was bedeutete, er wollte unbedingt einen Privatjet haben, konnte sich aber keinen leisten.
In meinem Hinterkopf regte sich die schwache Erinnerung an etwas, das ich auf BizWire über Schwierigkeiten in einem Familienkonzern in Chicago gesehen hatte. »Wenn Sie mich bitte noch eine Minute entschuldigen?«, sagte ich. »Ich muss einen Brand löschen.« Ich tippte eine Nachricht an Dorothy ins Intranet und schickte sie ab.
Die Antwort kam kaum eine Minute später. Ein Artikel aus dem Wall Street Journal, den sie auf ProQuest gefunden hatte. Ich überflog ihn. Ich hatte wieder einmal richtig spekuliert. Diese ganze miese Geschichte hatte ich vor noch gar nicht allzu langer Zeit gehört.
Ich lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. »Also, wir haben folgendes Problem«, sagte ich.
»Problem?«
»Ich bin an Ihrem Auftrag nicht interessiert.«
Verblüfft fuhr er herum und starrte mich an. »Was haben Sie gerade gesagt?«
»Wenn Sie Ihre Hausaufgaben wirklich gemacht hätten, wüssten Sie, dass ich nur Ermittlungen und Nachforschungen für private Klienten anstelle. Ich bin kein Privatdetektiv, ich zapfe keine Telefone an, und ich übernehme keine Scheidungsangelegenheiten. Und ich bin ganz bestimmt kein Familientherapeut.«
»Familien …?«
»Und das hier ist eindeutig eine Familienfehde, Sam.«
Kleine, runde, rote Flecken zeichneten sich auf seinen Wangen ab. »Ich habe Ihnen doch gesagt, ich heiße …«
»Ersparen Sie mir und sich die Mühe«, unterbrach ich ihn misslaunig. »Hier geht es nicht darum, ein Leck zu stopfen. Ihr Familienzwist ist nicht gerade ein Staatsgeheimnis. Sie sollten Daddys Firma übernehmen, bis er spitzgekriegt hat, dass Sie mit ein paar Kerlen von den privaten Beteiligungsgesellschaften geredet und geplant haben, Richter von der Börse zu nehmen und sich auszahlen zu lassen.«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden.«
Sein Vater, Jacob Richter, hatte sich von einem Parkplatzbesitzer in Chicago zum Gründer der weltweit größten Luxushotelkette hochgearbeitet. Über einhundert Fünf-Sterne-Hotels in vierzig Ländern, dazu zwei Kreuzfahrtlinien, Einkaufszentren, Bürogebäude und ein Haufen Immobilien. Ein Konzern mit einem geschätzten Wert von etwa zehn Milliarden Dollar.
»Also war Daddy verärgert«, fuhr ich fort, »hat Sie abserviert und die große Schwester an Ihrer Stelle zur Hauptgeschäftsführerin und rechtmäßigen Erbin ernannt. Das haben Sie nicht erwartet, oder? Sie haben sich immer für den sicheren Sieger gehalten. Aber das wollten Sie sich nicht gefallen lassen, stimmt’s? Da Sie Daddys gesamte dreckige Wäsche kennen, dachten Sie, Sie könnten einen seiner miesen Immobiliendeals mitschneiden, wie er irgendwem Schmier- und Bestechungsgelder anbietet, und sich so den Weg zurück an die Spitze des Konzerns erpressen. Ich nehme an, das nennt man ›schmutzig spielen und gewinnen‹, richtig?«
Sam Richters Gesicht war dunkelrot angelaufen, fast schon violett. Ein paar Venen auf seinem kahlen Schädel pulsierten so heftig, dass ich fürchtete, in Kürze einen Leichenbeschauer in mein Büro holen zu müssen. »Mit wem haben Sie geredet?«, wollte er wissen.
»Mit niemandem. Nur habe ich meine Hausaufgaben wirklich gemacht. Ich weiß nämlich auch ganz gern, mit wem ich Geschäfte mache. Und ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich verarscht.«
Als Richter aufsprang, stieß er den Stuhl zurück, einen dieser teuren Humanscale-Bürostühle, die die Dot-Com-Leute dagelassen hatten. Er krachte auf den Boden und schlug eine sichtbare Delle in das alte Parkett. An der Tür blieb Richter noch einmal stehen. »Wissen Sie, für einen Kerl, dessen Vater wegen Aktienschwindels im Knast sitzt, benehmen Sie sich ganz schön arrogant.«
»Da haben Sie nicht ganz unrecht«, räumte ich ein. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe. Sie finden hoffentlich allein hinaus?« Hinter ihm stand Dorothy mit verschränkten Armen.
»Victor Heller war … der größte Abschaum der Erde!«, stieß er hervor.
»Ist«, korrigierte ich ihn.
»Sie zapfen also keine Telefone an«, erklärte Dorothy, die mit nach wie vor verschränkten Armen in mein Büro stapfte.
Ich lächelte und zuckte die Achseln. »Ich vergesse immer wieder, dass Sie mithören. Irgendwann bringt mich das noch in Schwierigkeiten.« Unsere Vereinbarung beinhaltete, dass sie alle meine Klientengespräche mittels der IP-Videokamera, die in dem riesigen Bildschirm auf meinem Schreibtisch eingebaut war, verfolgte.
»Sie zapfen also keine Telefone an«, wiederholte sie und verzog die Lippen zu einem beinahe höhnischen Grinsen. »Soso.«
»Jedenfalls im Allgemeinen nicht«, erklärte ich.
»Also bitte!«, erwiderte sie. »Sie engagieren sogar Leute, die das machen!«
»Eben.«
»Was zum Teufel sollte das da eben eigentlich?«, fuhr sie mit einem giftigen Blick fort.
Dorothy und ich hatten bei Stoddard Associates in D. C. zusammengearbeitet, bevor ich nach Boston gezogen und sie einfach mitgenommen hatte. Sie war eigentlich kein Computergenie. Es gab ganz bestimmt fähigere Leute auf diesem Gebiet, aber Dorothy kannte das Feld der digitalen Spurensicherung in- und auswendig. Sie hatte neun Jahre lang bei der National Security Agency gearbeitet, und die heuern nicht gerade jeden X-Beliebigen an. Und so sehr sie ihre Arbeit dort auch verabscheut hatte, man hatte sie ausgezeichnet ausgebildet. Wichtiger war jedoch, dass niemand so hartnäckig war wie Dorothy. Sie gab einfach nicht auf. Und außerdem war niemand so loyal wie sie.
Obendrein war sie reizbar, geradeheraus und kein sonderlich guter Teamspieler, weshalb NSA und Dorothy Duval eine lausige Paarung abgaben. Noch eins der Dinge, die ich an ihr mochte: Sie hielt nie mit etwas hinter dem Berg. Sie liebte es, mich zu tadeln, mich vorzuführen und mich zu widerlegen, und ich genoss das selbst auch. Mit ihr war wirklich nicht gut Kirschen essen.
»Sie haben ja gehört, was ich gesagt habe. Ich mag keine Lügner.«
»Sie sollten darüber wegkommen! Wir brauchen Aufträge, und Sie haben in der Zeit hier mehr Jobs ausgeschlagen, als Sie angenommen haben.«
»Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen«, gab ich zurück, »aber Sie brauchen sich über die Einkünfte der Firma nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Gehalt ist garantiert.«
»Solange, bis Heller Associates bankrott gehen und Ihnen die laufenden Kosten über den Kopf wachsen, weil Sie kein Einkommen haben. Ich werde nicht kleinlaut vor Jay Stoddard zu Kreuze kriechen, und nach Washington ziehe ich auch nicht zurück.«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen.«
Ich hatte eng mit Dorothy zusammengearbeitet, fast schon intim eng, und doch wusste ich so gut wie nichts über ihr Privatleben. Sie sprach nie darüber, und ich stellte keine Fragen. Ich wusste nicht mal, ob sie Männer oder Frauen bevorzugte. Jeder hat das Recht auf seine Privatsphäre.
Sie war eine attraktive, hinreißende Frau mit kaffeefarbener Haut, schimmernden braunen Augen und einem anziehenden Lächeln. Sie kleidete sich stets elegant, obwohl sie das nicht hätte tun müssen, weil sie nur selten mit Klienten zusammenkam. Heute trug sie eine changierende, lilafarbene Seidenbluse, einen engen schwarzen Rock und hochhackige Schuhe. Ihr Haar war extrem kurz geschnitten, so kurz, dass ihr Kopf fast schon kahl wirkte. Bei den meisten Frauen hätte das etwas bizarr gewirkt, aber an ihr sah es irgendwie gut aus. An ihren Ohrläppchen baumelten türkisfarbene, emaillierte und frisbeegroße Kupferscheiben.
Dorothy war eine Ansammlung von Widersprüchen … noch etwas an ihr, das ich mochte. Zum Beispiel ging sie regelmäßig in die Kirche; sie war sogar in die AME Zions Church im South End eingetreten, noch bevor sie eine Wohnung gefunden hatte. Trotzdem war sie keine Kirchen-Lady. Eigentlich sogar das Gegenteil. Sie betrachtete ihren Glauben mit einem fast schon profanen Sinn für Humor. Sie hatte ein Schild an der Abtrennung ihres Büros befestigt, auf dem stand: JESUS LIEBT DICH – ALLE ANDEREN HALTEN DICH FÜR EIN ARSCHLOCH. Es hing direkt neben einem anderen Schild, auf dem stand: ICH LIEBE MARIAS KINDSVATER.
»Ich glaube, wir müssen regelmäßige Status-Update-Meetings abhalten, wie wir es bei Stoddard getan haben«, sagte sie. »Ich will den Entronics- und den Garrison-Fall noch einmal durchsprechen.«
»Ich brauche erst mal einen Kaffee«, erwiderte ich. »Und damit meine ich nicht diese Brühe, die Jillian zubereitet.«
Jillian Alperin war unsere neue Empfangsdame, Büromanagerin und zudem eine strikte Veganerin. Veganismus ist offenbar der paramilitärische Flügel des Vegetarismus. Sie hatte jede Menge Piercings, einschließlich einem an ihrer Lippe, und etliche Tattoos. Eines, das auf ihrer rechten Schulter, zeigte einen Schmetterling. Irgendwann einmal erhaschte ich einen Blick auf einen anderen Schmetterling, direkt über ihrem Steißbein.
Außerdem war sie eine fanatische Grüne, die sämtliche Plastik- und Styroporbecher aus dem Büro verbannt hatte. Alles musste organisch, ethisch, Freiland, aus fairem Handel und ohne Grausamkeit irgendwem gegenüber produziert sein. Der Kaffee, den sie für unsere Kaffeemaschine bestellte, war aus organischen, fair gehandelten, im Schatten angebauten, ethischen Bohnen, die mit umweltverträglichen Kultivierungsmethoden von einer kleinen Kooperative einheimischer Kaffeepflanzer in Chiapas, Mexico geerntet worden waren. Er kostete etwa so viel wie bolivianisches Kokain und wäre vermutlich selbst von dem Insassen einer Todeszelle ausgespuckt worden.
»Na, Sie sind ja wirklich wählerisch«, meinte Dorothy. »Gegenüber gibt es ein Starbucks.«
»Und ein Stück weiter die Straße runter gibt’s ein Dunkin’ Donuts«, erklärte ich.
»Das soll ja wohl kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Ich bin nicht für den Kaffee zuständig.«
»Ich würde mich auch hüten, Sie darum zu bitten«, antwortete ich und stand auf.
Das Telefon bimmelte. Es war das gedämpfte Läuten der internen Leitung. Jillians Stimme ertönte aus der Gegensprechanlage. »Ein Marshall Marcus für Sie.«
»Der Marshall Marcus?«, warf Dorothy ein. »Der reichste Mann von Boston?«
Ich nickte.
»Lehnen Sie diesen Auftrag ab, Nick, und ich versohle Ihnen den Hintern.«
»Ich bezweifle, dass es sich um einen Job handelt«, erwiderte ich. »Wahrscheinlich ist es etwas Persönliches.« Ich nahm den Hörer ab. »Marshall. Lange her.«
»Nick«, antwortete er. »Ich brauche deine Hilfe. Alexa ist verschwunden.«
Marshall Marcus lebte am North Shore, etwa vierzig Minuten von Boston entfernt, in der unglaublich pittoresken Stadt Manchester-by-the-Sea, einer Sommerfrische für die reichen Einwohner Bostons. Sein Haus war riesig und hübsch, eine großzügige Residenz aus Schindeln und Stein, die auf einem Hügel über der zerklüfteten Küste lag. Um das ganze Haus herum führte eine Veranda, und es gab so viele Zimmer, dass man sie nicht zählen konnte. Wahrscheinlich gab es sogar Räume, die nur die Zimmermädchen sahen. Marcus lebte dort mit seiner vierten Frau Belinda. Sein einziges Kind war seine Tochter Alexa. Sie besuchte ein Internat und würde schon bald auf ein College gehen, und nach dem, was sie mir einmal von ihrem häuslichen Leben erzählt hatte, würde sie sich anschließend auch nicht sonderlich oft zu Hause blicken lassen.
Selbst wenn man von der Straße abgebogen war und Marcus’ Haus in der Ferne bereits sehen konnte, brauchte man noch weitere zehn Minuten, bis man es erreichte. Man fuhr eine schmale, gewundene Küstenstraße entlang, an gewaltigen Cottages und bescheideneren Vorstadthäusern vorbei, die, in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf kleinen Grundstücken errichtet, von Ostküsten-Bonzen aus altem Geldadel verkauft worden waren, weil deren Vermögen allmählich schwanden. Ein paar der großartigen alten Residenzen blieben zwar noch in den Händen des heruntergewirtschafteten Landadels, den Nachfahren der echten Bostoner; aber diese waren zum größten Teil verfallen. Die meisten der großen Anwesen hatten sich Hedgefond-Bosse und die Neo-Tycoons der Hightech-Branche unter den Nagel gerissen.
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