Lebowskis Knochen - Vincent Maillard - E-Book

Lebowskis Knochen E-Book

Vincent Maillard

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Beschreibung

Landschaftsgärtner Jim Carlos wird bei seinen Aufträgen stets von Lebowski begleitet, einem ebenso massigen wie lethargischen Golden Retriever. Diesmal geht es auf das luxuriöse Anwesen der Loubets, die ihrem Image von Perfektion und verdientem Erfolg einen Touch von Ökologie verleihen wollen. Seit der Pandemie kann man ja nicht wissen, ob man nicht eines Tages einen Gemüsegarten braucht, und der Park ist ja groß genug. Jim und Lebowski pflügen bzw. buddeln also drauf los und entdecken dabei erst einen Oberschenkelknochen und dann das wahre Gesicht dieser Familie: Arnaud, Chefredakteur bei einem Nachrichten-TV-Magazin, und Laure, Professorin für Wirtschaftswissenschaften, mit ihren beiden Töchtern, von denen eine vergöttert und die andere totgeschwiegen wird. Es entsteht eine eigenartige Beziehung zwischen dem bourgeoisen, etwas zu harmonischen Paar und Jim, den sie manchmal für einen Imbiss zu sich an den Pool rufen, wo er die Rolle des wortkargen Proletariers einnimmt. Eines Tages ist Jim verschwunden, und die einzige Spur sind seine Notizbücher, in denen er die seltsamen Begegnungen festgehalten hat …

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vincent Maillard, geboren 1962 im französischen Meulan, ist Dokumentarfilmregisseur, preisgekrönter Drehbuchautor und Romancier. Er studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und ist ausgebildeter Journalist. Lebowskis Knochen ist sein dritter Roman nach Springsteen-sur-Seine (2019) und Méthanic (2021). Vincent Maillard lebt in Hardricourt bei Paris.

Cornelia Wend, geboren 1965, studierte Französisch und Germanistik in Hannover, Hamburg und Rouen. Seit 1994 arbeitet sie als freie Übersetzerin, u.a. von Élisabeth Filhol, Patrick Pécherot, Chloé Mehdi und Jérôme Leroy. Für ihre Übertragung von Élisabeth Filhols Roman Doggerland wurde sie mit dem Hamburger Übersetzerpreis 2020 ausgezeichnet.

Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel L’os de Lebowski bei Éditions Philippe Rey, Paris

© 2021, Éditions Philippe Rey

Diese Ausgabe wird im Einvernehmen mit Éditions Philippe Rey und der Agentur Books And More #BAM, Paris, Frankreich, publiziert.

Die Arbeit der Übersetzerin wurde durch ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2023

Deutsche Erstausgabe März 2024

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Autorenporträt auf S. 2: © DR

1. Auflage

ePub ISBN 978-3-96054-343-5

Lebowskis Knochen

Inhalt

Erster Teil(Das blaue Schreibheft)

Erster Tag

Zweiter Tag

Dritter Tag

Wochenende

Montag

Ermittlungsrichterin Carole Tomasi

Madame Carole Tomasi

Zweiter Teil(Das orangefarbene Schreibheft)

Von der Räucherschale bis zum Tennisschläger

Carole Tomasi: Der Prozess

Das dritte Heft

Danksagungen

Erster Teil

(Das blaue Schreibheft)

Erster Tag

Wenn man schreiben will, muss man auf irgendeine Art in Klausur sein, um Zeit zum Schreiben zu haben. Das ist bei mir der Fall. Und eine Idee haben. Ich hatte keine Idee. Keine Geschichte. Außer meiner.

Und die von meinem Hund, an den ich andauernd dachte.

Also unsere Geschichte, und zwar vom ersten Tag an, an dem ich ihn sah.

Es war nicht so, dass ich in den Laden reinspaziert wäre und gefragt hätte: »Was kostet der kleine Hund da im Schaufenster?« Mal abgesehen davon hätte er meine Frage auch nicht mit einem »Wuff, Wuff« kommentieren können, wie in dem Chanson von Line Renaud. Er döste nämlich gerade vor sich hin. Das sollte seine einzige Aktivität bleiben. Die anderen Welpen sprangen hoch, bellten, schnappten nach einander und wälzten sich in den Sägespänen. Er nicht. Vermutlich hat gerade das mich so angezogen. Er ruhte in sich, praktizierte eine Art von Ataraxie, die nur Tiere beherrschen.

Der Verkäufer pries mir sämtliche Vorzüge des Golden Retrievers an, dieses wahren Kinderfreunds. Ich erwiderte nicht, dass ich keine Kinder habe, noch dass ich, wenn ich welche hätte, mir keinen Hund kaufen müsste. Noch dass ich, wenn ich Hunde wirklich mögen würde, einen aus dem Tierheim befreien würde. Noch dass ich, wenn ich Golden Retriever wirklich mögen würde, mir direkt bei einem Züchter einen holen würde, der diesen Namen verdient hatte, und nicht in einem Einkaufszentrum, in dem man sich einen Hund kaufte wie eine Packung Küchenpapierrollen. Das waren so die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, und am Ende dachte ich, dass ich immerhin ein kleines Wesen aus seinem gläsernen Gefängnis befreien würde, einem Konsumtempel, in dem lebendige Wesen wie Waren angeboten wurden.

Das ist jetzt vier Jahre her. Ich habe diesen Spontankauf nie bereut. Der Hund entpuppte sich als echter Schatz. Vielleicht ein bisschen dämlich? Das war nicht gesagt. Zuerst habe ich ihn Dumby genannt. In Erinnerung an My Dog Stupid von John Fante, eines der wenigen Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe. Aber dann hat er sich nach und nach in ein dickes, träges, blondes Etwas verwandelt, lag ständig schlapp in der Gegend herum, so wie Jeff Bridges in dem Film der Coen-Brüder, also fand ich es witzig, ihm den Spitznamen Lebowski zu verpassen, und irgendwann habe ich ihn nur noch so genannt. Seit vier Jahren schläft er im Wesentlichen. Er rennt keinem Ball, keinem Stöckchen nach. Wenn ich mit ihm rausgehe, dann läuft er mit gesenktem Kopf hinter mir her. Wir begegnen einer Menge Hunde, die an ihrer Leine ziehen oder hin- und herrennen. Er wirft ihnen nur mitleidige Blicke zu. Ich gebe ihm Trockenfutter und er schaut mich dafür mit diesem zertifizierten Hundeblick an, aus dem bedingungslose Treue spricht. Ab und an streichele ich ihn, dann seufzt er zufrieden. Oder fühlt er sich überlastet? Schwer zu sagen. Jedenfalls gestaltet sich unser Zusammenleben friedlich.

Ich nehme Lebowski zu meinen Garten-Baustellen mit. Mein Job ist Landschaftsgärtner/Anlage und Pflege, so steht es auf meiner Visitenkarte. In der Regel finden die Kunden das gut. Es gibt Leute, die keine Hunde mögen, aber nur wenige, die keine Kuscheltiere mögen. Es gibt keine Anti-Kuscheltier-Liga. Und dieses Tier hat unbestreitbar mehr Ähnlichkeit mit einem Kuscheltier als mit einem Hofhund.

Doch dieses Mal konnte ich noch so sehr eine Lanze für Lebowski brechen, es war nichts zu machen. »Meine Tochter hat eine Hundephobie«, sagte der Kunde. Er meinte, ich solle den Hund im Auto lassen. Ich erwiderte, das sei bei dieser Hitze unmöglich. Wir verhandelten. Schließlich akzeptierte er, dass ich den Hund an den Rand seines Grundstücks bringe, unter der ausdrücklichen Bedingung, dass wir einen großen Bogen um sein Haus machen und ich ihn an einem Baum oder etwas Vergleichbarem festbinde. Ich besitze keine Leine, also funktionierte ich einen Strick zur Leine um. Das schien mein Tier nicht sonderlich zu traumatisieren, da es so oder so nicht geplant hatte, den ganzen Tag an der Mauer des parkähnlichen Grundstücks auf- und abzulaufen, um dort eine Hunderennbahn anzulegen, und erst recht nicht, Kaninchen oder Enten vom nahegelegenen Tümpel zu jagen. Wie gesagt, er war ein unangefochtener Meister der Philosophie der Stoa. Ich band ihn am Stamm einer großen Eiche fest und lieferte ihm so den idealen Vorwand, seine ganze Kunstfertigkeit in Sachen chronischer Lethargie unter Beweis zu stellen.

Auf dem vorderen Teil des Grundstücks thronte anstelle des alten Herrenhauses Prés Poleux, von dem nur noch ein paar Mauern standen, ein riesiges, weißes Haus, eine moderne Trutzburg, ein Klotz von Architektenvilla, der über zahlreiche große Fensterfronten verfügte, die auf mehrere Terrassen hinausgingen. Auf der Südterrasse wurde man von einem leise vor sich hin gluckernden Pool mit türkisfarbenem Wasser empfangen. Der Mann, Vater des jungen Mädchens mit der Hundephobie, begleitete mich in den südöstlichen Winkel seines drei Hektar großen Grundstücks und erläuterte mir dabei sein Projekt. Man merkte im Übrigen gleich, dass der Mann viele Projekte hatte. Er hieß Arnaud Loubet, war zu diesem Zeitpunkt einundfünfzig Jahre alt, größer als ich, also über 1,80 m. Sein Gesicht war widersprüchlich: Stirn, Augen und Nase zeugten von Entschlossenheit, aber die Wangen waren etwas schlaff und das Kinn ein wenig fliehend. Das fiel einem nicht sofort auf, weil dieser Eindruck verwischt und abgemildert wurde durch sein dichtes, weißes Patriarchen- oder Chef-Haar. Sein Haarschnitt changierte irgendwo zwischen Linienflugpilot und Literaturpapst. Kurzum, der Mann hatte ein Projekt. Er wollte in dieser Ecke seines Anwesens einen Gemüsegarten einrichten. »Ich habe lange darüber nachgedacht«, sagte er zu mir. Er war ein gut organisierter Mensch, einer, der nachdenkt, der analysiert, der sich eine Meinung bildet, und der dann eine Entscheidung trifft.

»Ich finde, hier wäre der ideale Ort«, fuhr er fort, und deutete dabei mit den Händen auf den entsprechenden Bereich.

»Aber … durch die Mauer und die Bäume liegt der Platz im Schatten.«

»Ja und?«

»Wenn Sie möchten, dass etwas wächst, ist es in der Sonne besser.«

Der Mann kniff leicht die Augen zusammen und sah mich an. Er hatte sich an mich gewandt, weil ich spezialisiert bin auf Öko-Bio-Permakultur-garantiert-pestizidfrei-und-so-weiter-und-so-fort-Gemüsegärten. Also das genaue Gegenteil von dem, was auf diesen drei Hektar seit den Zeiten von Louis-Philippe praktiziert wurde. Aber der Mann war, so wie alle, gerade dabei seine große Kehrtwende zu vollziehen, in Richtung Bio, Nachhaltigkeit und glücklicher Genügsamkeit à la Pierre Rabhi und allem, was sich an ökologisch bewusstem Konsum gut vermarkten ließ. Es war noch ein weiter Weg zurückzulegen, bis bei dieser Kehrtwende das Ende der Kurve in Sicht käme. Aber, um zu der laufenden Unterhaltung zurückzukommen, momentan beschäftigte ihn vor allem eins: War es denkbar, dass ein einfacher Gärtner richtig lag, und er falsch? Offensichtlich ja. Das war zwar ein bisschen schwer zu schlucken, aber letztlich würde er es schlucken, denn der Mann hatte noch einen Trumpf im Ärmel, ein echtes Ass: Er war mit einem »ausgeprägten Sinn für Humor« ausgestattet, wie man mir später sagte. Also legte er einen Zeigefinger an den Mund und den Kopf in den Nacken, als dächte er intensiv nach, dann nickte er leicht, als bahnte sich gerade eine Eingebung mühsam ihren Weg durch seine Gehirnwindungen. Dann sagte er ironisch: »Hm! Hm! … Nicht schlecht …, man merkt, dass Sie was von der Sache verstehen!«, und schenkte mir ein breites, anerkennendes Lächeln. Ich ließ meinen Blick über das Gelände schweifen und schlug ihm vor, seinen Gemüsegarten im Südwesten anzulegen.

»Ich habe gesehen, dass es da hinten einen Wasseranschluss gibt.«

»Nein.«

Nun schaute ich ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an, auf genau die gleiche Art wie er mich kurz zuvor. Ich weiß nicht genau warum, vermutlich amüsierte es mich. Dann zog ich die Augenbrauen hoch und schob den Unterkiefer vor, um mein Unverständnis auszudrücken.

»Nein, da drüben nicht. Wir haben … Wir haben für diesen Bereich bereits andere Projekte.«

Ja, der Mann war zweifellos ein Mann mit vielen Projekten. Ich wiegte ironisch den Kopf hin und her, wieder genauso wie er. Machte ich mich über ihn lustig? Oder übte er irgendeine Art von geheimnisvollem Einfluss auf mich aus, war seine Mimik ansteckend? Keine Ahnung. Ich lief ein paar Schritte, stieg auf einen kleinen Hügel und stellte fest, dass Lebowski, der schlapp am Fuß der großen Eiche lag, seinen Tag in Angriff genommen hatte. Ich ließ das Gelände eine Weile auf mich wirken und bot ihm eine andere Lösung an: eine Fläche an der Nordmauer. Das wäre zwar weniger unauffällig, aber hätte sicher auch seinen Charme. Er sagte: »O. K., grünes Licht«, ich vermute, er konnte sich nur knapp ein green light verkneifen.

Ich rammte also unterhalb der Nordmauer ein paar Mal meinen Spaten in den Boden. Es war bereits sehr heiß und der Spaten wirbelte kleine Staubwolken auf, doch die Erde war weich und gut geeignet für den Gemüseanbau. Sie war marmoriert, leicht sandig und lehmhaltig – das war dem Fluss zu verdanken, der heute dreihundert Meter entfernt ist, aber diese Ebene im Lauf der vergangenen Jahrtausende regelmäßig überschwemmt hat – und organisch, hier gab es mal Wälder, deren Humus den Boden verbessert hat. Locker wie ein Kuchen, oder zumindest fast. Als der Spaten auf einen Stein in der Größe eines Pariser Pflastersteins traf, klang das so, als würden zwei mittelalterliche Schwerter die Klingen kreuzen. Ein paar Spatenstiche später wurde mir klar, dass es hier früher nicht nur Wasser und Bäume gegeben hatte, sondern auch von Menschen errichtete Gebäude, die eingestürzt waren, oder die man abgerissen hatte. So hatten sich jede Menge Steine in der Gegend verteilt und waren im Laufe der Zeit mit Erde bedeckt worden, wie die Überbleibsel einer aus Kieseln erbauten Burg am Strand. Ich würde mich ganz schön abrackern müssen, um die oberen Schichten des zukünftigen Gemüsegartens von Steinen zu befreien. Dieser Faulpelz von Lebowski wäre mir dabei sicherlich keine große Hilfe. Der Hundetrainer, dem es gelänge, diesem Hund beizubringen, dass man graben musste, wenn man etwas finden wollte, und sei es auch nur einen Trüffel, hätte den Titel »bester Hundetrainer des Jahres« verdient. Dabei war dieser Köter ein echtes Schwergewicht, hatte eher den Körperbau eines Pyrenäenhundes als den eines Golden Retrievers. Ich hätte ihm ein Geschirr anlegen und ihn vor einen Karren spannen können, wie einen Ochsen, um die Steine abzutransportieren. Ich dachte: »Träum weiter!« Da hätte ich genauso gut versuchen können, ihm beizubringen auf den Hinterpfoten zu laufen und dabei die Schubkarre zu schieben. Ich steckte für den Gemüsegarten mit Pflöcken eine Parzelle von ungefähr hundertfünfzig Quadratmetern ab. Der Himmel war von einem solch strahlenden Blau, dass ich mir gern in die Hände gespuckt und voller Tatendrang nach dem Spaten gegriffen hätte, nach dem Motto »aufgewacht, an die Arbeit!«, aber das war absurd. Angesichts der Menge von Steinen war das ein Fall für die Gartenfräse, auch wenn es mir widerstrebte, darauf zurückzugreifen. Denn sonst würde ich drei Tage damit verschwenden und mir am Ende noch einen Bandscheibenvorfall holen. Oder sollte ich meinen Kumpel Juri und seinen Trupp von Ukrainern um Hilfe bitten? Die bräuchten dafür gerade mal zwei Stunden, kaum länger als eine Wildschweinrotte braucht, um die Erde am Fuß einer Kastanie umzugraben. Nein, ich würde mit der Gartenfräse drübergehen, ich sollte mir nur eine Erklärung zurechtlegen für den unwahrscheinlichen Fall, dass Arnaud Rechenschaft für diesen Verstoß gegen die Permakultur-Regeln verlangen würde.

Aber bevor ich mich an die Arbeit machte, schaute ich nochmal nach dem Hund. Ich rief seinen Namen, er öffnete ein Auge. Ich klatschte in die Hände, damit er sich in Bewegung setzte. Er erhob sich schwerfällig, wie ein Dickhäuter, der gerade aus einer Vollnarkose erwacht. Ich löste die improvisierte Leine und ging mit ihm zu dem Wasserhahn im Süden des Parks an der Mauer der früheren Pferdeställe, dorthin, wo Arnaud keinen Gemüsegarten haben wollte. Lebowski lief unter einer Hainbuche hindurch und auf einen Stamm zu, um sein Hinterbein zu heben, die einzige körperliche Betätigung, die er regelmäßig ausübte. Ich füllte einen Tonuntersetzer, der dort herumstand, mit Wasser, und er trank so bedächtig wie ein Warzenschwein aus einer entlegenen Savanne an einer Wasserstelle. Ich nahm auch ein paar Schlucke und benetzte mir den Nacken. Es war noch nicht mal zehn, aber die Sonne knallte bereits so unbarmherzig auf uns nieder wie die Schläge eines Boxers auf einen Boxsack. In eben diesem Moment hörte ich auf einmal ein Kratzen hinter mir, und aus dem Augenwinkel glaubte ich zu sehen, wie Lebowski aufgeregt herumsprang. Das war absolut anormal. Ein epileptischer Anfall oder so etwas in der Art? Ich drehte mich um: Er buddelte in der Erde! Das hatte mir noch gefehlt! Er machte sich an einer Rabatte mit Hortensien zu schaffen. Dabei stand er fest auf den Hinterbeinen und setzte die Vorderpfoten wie die Schaufelräder eines Baggers ein, wie ein Hund aus einem Cartoon, der einen Tunnel gräbt. Erst dachte ich, er hätte einen Sonnenstich, aber das war unmöglich, er war die ganze Zeit im Schatten gewesen. Er hielt eine Sekunde inne, schaute mich mit einem Ausdruck des Entzückens an und nahm dann wieder voller Begeisterung seine Aushubarbeiten auf. Guter Gott! Dieser Hund schaffte es tatsächlich, mich zu überraschen. Vier Jahre hatte ich auf diesen Moment warten müssen. Dabei gab es hier mit Sicherheit keine Trüffel. Vielleicht einen Goldbarren? Der hatte keinen Geruch. Erdöl? Immer mit der Ruhe. Vermutlich war es nur ein Knochen, den einer seiner Artgenossen dort verbuddelt hatte, oder – das konnte man bei ihm auch nicht ausschließen – da war gar nichts. Da sich das Ganze ziemlich hinzog, sagte ich zu ihm: »Das genügt jetzt, komm, wir gehen!« Da legte er sich erst recht ins Zeug, verschwand mit Kopf und Schultern in seinem Loch. Dann richtete er sich triumphierend auf und hatte irgendetwas in der Schnauze. Einen Stein? Hatte er mein Problem verstanden und wollte mir helfen, nach dem Motto: »Ich hole für dich die Steine aus dem Boden!«? Wollte er mir die Schmähungen und Spötteleien heimzahlen, mit denen ich ihn insgeheim regelmäßig bedachte? Nein. Auch wenn das Ding durch die anhaftende Erde dunkler aussah, ließ sich unschwer erahnen, dass es sich dabei um einen Knochen handelte. Ein Knochenfragment. Das wollte ich mir aus der Nähe ansehen. Lebowski knurrte. Ich musste lachen. Er hatte also wirklich gerade sein Coming-out: Ich bin ein Hund, verflixt nochmal! Ich nahm es ihm trotzdem weg, warf einen Blick drauf und wollte es gerade in die Büsche werfen, da schaute mich der Arme mit seinem treuherzigen Blick eines hungrigen Welpen an, also gab ich ihm seinen Knochen zurück. Ich hatte bereits genug Zeit verloren und wollte umkehren. Lebowski folgte mir und wedelte dabei leicht mit dem Schwanz, das zumindest war so wie immer.

Ich kehrte also zum Lieferwagen zurück, um ihn näher an der Baustelle zu parken, da kam Arnaud, ganz entspannt, wie es seine Art war, auf mich zugeschlendert: Er hatte sich im Griff, hatte seine Ländereien im Griff, hatte das gesamte Universum im Griff. Er rief mir zu: »Kommen Sie, trinken Sie einen Kaffee mit uns, ich stelle Ihnen meine Frau vor.« Hatte ich die Wahl? Ich hätte sagen können: »Danke, nein, das ist nett, aber die halbe Stunde, die ich mit Ihnen verplempere, werde ich später nacharbeiten müssen und dabei noch mehr ins Schwitzen kommen als jetzt; außerdem, fürchte ich, kenne ich Sie bereits sehr gut. Das wird so bar jeder Überraschung sein, Ihre Gesellschaft verspricht deutlich langweiliger zu werden als die der Bäume.« Aber das wäre natürlich beleidigend gewesen. Lebowski trottete immer noch hinter mir her, ganz gechillt, der alte Rantanplan, ich achtete gar nicht weiter darauf. In dem Moment deutete Arnaud mit dem Kinn auf meinen Hund und zog dabei die Augenbrauen hoch. Das sollte wohl pikiert wirken. Er sagte: »Ich vermute, es ist Ihnen nur entfallen, aber ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass der Hund sich nicht dem Haus nähern darf.« Im Grunde ließ er mir damit eine diskrete Ermahnung zukommen, wie ein Erwachsener, der ein Kind auffordert, eine Münze aufzuheben, die einer alten Dame in der Schlange vor dem Bäcker aus dem Portemonnaie gefallen ist. Der Mann gab Befehle und war gewohnt, dass man ihm gehorchte. Ich brachte Lebowski in den hinteren Teil des Parks und band ihn wieder an seinem Baum fest. Dann ging ich zu der gepflasterten Terrasse herüber, die durch eine mit Wein berankte Laube vor der Sonne geschützt war. So wie alles hier war auch dieser Ort so harmonisch, so entspannt und so falsch wie eine Fotografie in einem Interior-Magazin. Auf einer kleinen Trockenmauer stand ein ockerfarbener Krug aus Keramik, vermutlich enthielt er frisches Wasser, das Perrette, wie in der Fabel von Lafontaine, direkt an der Quelle geholt hatte.

Laure stand auf, um mir die Hand zu geben, oder vielmehr, damit ich ihr die Hand gab. Ich hätte ebenso gut den Zopf drücken können, der ihr über die rechte Schulter hing, der hatte vermutlich genauso viel Spannkraft. Sie lächelte freundlich und bat mich, auf einem Korbsessel Platz zu nehmen, auf dem ein paar gestreifte Kissen drapiert waren. »Na dann wollen wir mal einen Espresso trinken!« Arnaud wandte sich der Sommerküche am Rande der Terrasse zu. »Wir sind ja unter uns, also machen wir keine großen Umstände, machen uns den Espresso einfach selbst.«

Jean-Luc hat mir vor einiger Zeit mal eine Beschreibung dieses illustren Paars gegeben. Jean-Luc war ein Kumpel und Kollege von mir aus der Gegend, der früher für sie gearbeitet hat. Sie wussten nicht, dass ich ihn kannte, und ahnten nicht, wie viel ich über sie wusste. So auch, dass Arnaud Chefredakteur einer Wochenend-Magazin-Sendung bei einem großen Fernsehsender war.

Alle Jahre wieder verkündete man den Tod der Institution Fernsehen, aber die alte Dame war zäh wie ein Blauwal, der kann über hundert werden, und sie war schließlich erst siebzig. Klar, sie wurde von aufdringlichen Haien umlagert, von den Sozialen Netzwerken, den YouTube-Kanälen und sogar von neuen Bezahl-Plattformen. Ein paar halbstarke Orcas hatten Oberwasser, aber der alte Wal folgte unbeirrt seinem Weg durch den Ozean. Die Alten vor ihm hielten die Reihen geschlossen (dabei werden alle mal alt), und Arnaud strich weiterhin die Boni für seine Sendung ein, zusätzlich zu seinem bereits sehr üppigen Gehalt.

Laure gab Wirtschaftsseminare an der Universität Paris-Dauphine und an der Elite-Business-School ESSEC. Ihre beiden Gehälter zusammen ermöglichten ihnen, sich italienisch zu kleiden, ein deutsches Auto zu fahren und kosmopolitisch zu reisen, aber nicht, ein solches Anwesen zu erwerben. Nein, das kam von ihren Eltern, die selbst geerbt hatten etc. Große Vermögen sind in der Regel nicht das Ergebnis lebenslanger harter Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik.

Arnaud kam zurück mit einem Tablett mit drei Espressi. »Ich habe firenze arpeggio gemacht, ich habe vorher gar nicht gefragt, pardon, ich hoffe, das ist allen recht«, sagte er (und achtete dabei auf die korrekte italienische Aussprache). Das war eigentlich an seine Frau gerichtet, aber beide lauerten sie aus dem Augenwinkel auf meine Reaktion. Ob dieser Hinterwäldler Nespresso-Kapseln kannte? Ich nickte leicht. »Firenze ist schon okay.«

Ich wusste auch, dass Arnaud und Laure zwei Töchter hatten. Die jüngere, Amandine, die, die Angst vor Hunden hatte, war inzwischen sechzehn, die andere war älter, über zwanzig auf jeden Fall. Sie wohnte nicht mehr zu Hause.

Der Kaffee hatte es in sich. Auch wenn man es nur ungern zugibt, diesem verfluchten multinationalen Schweizer Konzern war es gelungen, eine ganze peruanische Bergkette in einer Kapsel von einem Kubikzentimeter einzuschließen. Der Genuss wurde leider dadurch geschmälert, dass ich Arnaud vor Augen hatte: Er saß breitbeinig da, trug eine beige Hose mit hochgekrempelten Hosenbeinen und seine gepflegten Füße steckten in teuren Markensandalen, das sprach für eine nachhaltige Schädigung durch zu viele George-Clooney-Werbespots. Sie saß indessen kerzengerade und hielt ihre Tasse so geziert, als wäre ich Elisabeth II., zugleich vermied sie es, mich anzuschauen, so als wäre ich Pablo Escobar. Ich wandte den Kopf in Richtung Park. Lebowski war nicht zu sehen. Der scherte sich jedenfalls nicht um die richtige Haltung, hatte sich vermutlich irgendwo hingelümmelt, wie das so ein Hunde-Dude eben macht. Der Park war picobello, strahlte mit dem Chrom des alten Citroën DS, den ich im Carport neben dem Eingang gesehen hatte, um die Wette. Ich trank meinen Kaffee aus, der nach dem Äquatorwald des nördlichen Peru schmeckte, jener Hochebene, über der die Höhenkette der Cordillera Blanca thront, eine der letzten ursprünglichen Landschaften des Planeten. Also das genaue Gegenteil von diesem von Mauern eingefassten, streng zurechtgestutzten Stück Natur, mit seinem auf englische Art getrimmten Rasen und auf französische Art in Form gehaltenen Pflanzen, die in Reih und Glied Spalier standen, wie bei einer Parade im Dritten Reich. »Wissen Sie, für uns ist dieser Gemüsegarten der erste Schritt eines ›Umdenkens‹, eine Form, dem allgemeinen Kollaps zu begegnen. Wir haben viel nachgedacht, insbesondere während des Lockdowns.« Laures Stimme klang sehr sanft, während sie das sagte. Sie umschloss ihre Tasse mit den Händen, sog den Duft ein und schaute auf der Suche nach Inspiration in den blauen Himmel.

Ich nickte, während ich verzweifelt überlegte, was ich entgegnen könnte, aber mir wollte einfach nichts einfallen. Diese leidenschaftlichen Plädoyers dafür, dass man »unsere Welt neu denken müsse«, hatte ich bereits ein Dutzend Mal gehört und das, was jetzt folgte, auch: »Nicht nur die Erde leidet …«, fügte Laure hinzu, und sah mir dabei dieses Mal in die Augen, auf eine seltsam traurige Art. Sie legte eine Kunstpause ein, offenbar um zu signalisieren, dass sie nachdachte, dann fuhr sie fort: »Wenn es zur Katastrophe kommt, dann wird entscheidend sein, welche sozialen Kontakte man hat.« Damit meinte sie »insbesondere zu den Bauern«, auch wenn sie es nicht aussprach. Dabei hatte sie vermutlich keine Vorstellung davon, was der Bauer von heute so tat. Der verwendete keine Kupferkalkbrühe mehr zum Düngen wie annodazumal, sondern kippte tonnenweise Glyphosat auf seine gigantisch großen Felder. Seine Traktoren hatten mehr Ähnlichkeit mit einem mit Napalm beladenen B-52-Bomber als mit dem »Angelusläuten« oder den »Ährenleserinnen« von Jean-François Millet. Doch während der eine Krieg mit dem Pariser Abkommen von 1973 endete, ging der andere immer weiter. Im Übrigen wählten diese Tölpel in der Regel eher Rassemblement National – »die Linie, die man nicht überschreiten durfte«, wenn man mit Arnaud und Laure diskutieren wollte. Kurzum, ich schwieg weiterhin und nickte zustimmend. Meine Charakterdarstellung als der schweigsame naturnahe Typ schien ihnen zu gefallen. Ich war in ihren Augen vermutlich das ideale Bindeglied zu jenen, die in der Lage waren, etwas aus der Erde sprießen zu lassen, in Anbetracht der nicht mehr zu leugnenden Tatsache, dass uns schwierige Zeiten bevorstanden.

»Uns ist bewusst, dass wir mit diesem Stück Land nicht zu reinen Selbstversorgern werden, aber … es ist wichtig, dass jeder seinen Teil zum Ganzen beiträgt, nicht?«

Ich war Pierre Rabhis Colibri also nur haarscharf entgangen, den man mir in letzter Zeit so oft um die Ohren gehauen hatte, dass ich ihn zu gern wie eine Fettammer am Schnabel gepackt und mit einer .22 Winchester-Magnum abgeknallt hätte. Laure wünschte sich, dass ich etwas mehr ins Detail ginge: Was käme bei diesem Gemüsegarten am Ende für sie raus, also, wie sähe die »Rendite« aus? Da sprach wohl die Wirtschaftsprofessorin aus ihr.

»Ein paar Salate im Sommer und ein paar Suppen im Winter.«

Sie sahen mich enttäuscht an. Ich dachte derweil an die Minuten, die verstrichen, und dass ich noch nicht mal einen Quadratmeter Erde bearbeitet hatte. Ich spürte, dass sie auf weitere Erläuterungen warteten, dabei hatte ich das mit Arnaud, als ich ihm den Kostenvoranschlag vorlegte, bereits alles lang und breit durchgekaut. Ich ließ meinen Blick über die lindgrüne Rasenfläche wandern, die gestutzt und gewässert war wie ein Golfplatz.

»Sie könnten von dieser Fläche zu dritt leben, aber dann müssten Sie die gesamte Fläche nutzen, müssten Getreide anbauen, Ihren DS verkaufen und dafür einen alten Traktor aus der gleichen Zeit anschaffen, einen Stall mit ein oder zwei Kühen, einen Koben mit einem Schwein. Sie müssten Ihr Anwesen in einen Bauernhof umwandeln.«

Dieses Mal war es an ihnen zu nicken. Sie malten sich das Ganze aus, stellten sich die Umwandlung ihres Anwesens vor wie auf den Abbildungen in einem alten Schulbuch: »Die Tiere auf dem Bauernhof«. Ich dankte ihnen für den Kaffee und stand auf, um zu meinem Lieferwagen zurückzukehren, nicht um eine Kuh zu entladen, sondern eine Gartenfräse.

Lebowski, das war keine Überraschung, schlief. Das Knochenfragment hielt er eingeklemmt zwischen seinen Vorderpfoten. Mit sehr viel Fantasie hätte jemand, also zum Beispiel ein prähistorischer Mensch, der vor der Domestizierung der Wölfe lebte, denken können, das Tier hätte einen Hirsch erlegt und sich diesen einen Knochen für die Zahnreinigung aufgehoben (wie ein Genießer, der sich nach einem üppigen Mahl eine kleine Siesta gönnt und noch seinen Zahnstocher in der Hand hält). Ich stellte mich also hinter meine Gartenfräse, um den Boden umzugraben. Zum Glück war kein radikaler Umweltschützer in der Nähe und beobachtete mich dabei, wie ich gegen eines der zehn Gebote der sanften Landwirtschaft verstieß. Das härteste Stück Arbeit stand mir noch bevor. Ich habe mitgezählt, ich musste zweiundneunzig Schubkarrenladungen mit Steinen bis zum ehemaligen, inzwischen zugeschütteten Graben ganz im Süden des Anwesens transportieren. Genug Steine, um eine Kapelle zu bauen, wenn nicht mehr. Ich war vollkommen am Ende. Seit meiner Rückenoperation hatte ich keine Erdarbeiten mehr gemacht. Er hatte gehalten, das war das Wichtigste. Das umgegrabene Stück Land war schön. Diese Erde war nicht devitalisiert worden, und es gab eine Menge Würmer, meine treuesten Arbeiter.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, die Sonne versprühte ihr gelbes Licht in tausend Strahlen durch das Geäst der großen Bäume hindurch: Eichen, die sich ihrer althergebrachten Überlegenheit bewusst waren, ein paar aristokratische Buchen, vier gewaltige Platanen, zahllose Linden, in sich ruhende Kastanien und dann noch der ganze Plebs der kleinen Laubbäume mit weichem Holz. Lebowski hatte sich nicht von der Stelle gerührt, aber ein Auge geöffnet. Das Raubtier wurde langsam hungrig. Es war an der Zeit, aufzustehen und das Karibu zu jagen, oder vielleicht eher, sich zu Hause auf das Einzige zu stürzen, auf das er sich je gestürzt hat: seinen Napf mit Trockenfutter.

Dennoch ließ er seinen Knochen, bis wir zu Hause waren, nicht fallen. Er hatte ihn im Winkel seiner Schnauze klemmen wie ein Arbeiter alter Schule eine dieser unverwüstlichen Gitanes-Maïs-Kippen zwischen den Lippen. Ich hielt ihn fest. Es dauerte einen Moment, bis er seinen Kiefer öffnete und mir den Knochen überließ. Er schaute mich mit seinem Kumpelblick an: »Okay, ich leihe ihn dir, mein Freund, ich verstehe, dass du ihn auch mal haben möchtest.« Ich sah mir das Ding genauer an. Es war körnig, eher braun als weiß und porös wie ein Schwamm. Das erinnerte mich dunkel an meine Ausbildung zum Ingenieur für Hoch- und Tiefbau und daran, was ich über die Stabilität von leichten Schaumbetonen gelernt hatte. Da kam mir eine komische Frage in den Sinn: Von wem stammte dieser Knochen? Ein Hühnerknochen war es nicht, das stand mal fest. Aber er war Teil eines Tierskeletts gewesen, hatte seine Rolle im Fortbewegungsapparat gespielt, einem Lebewesen gehört, einem Individuum. Aber von welcher Art? Ich begutachtete ihn erneut. Dabei konnte ich nur feststellen, dass ich von Anatomie keinen blassen Schimmer hatte. Er war groß. Ein Oberschenkelknochen? Ein Oberschenkelhalsknochen? Ein Oberschenkelhalsknochen von was? Ich überlegte, wer mir da weiterhelfen könnte. Gilbert, der Metzger? Ich legte ihn ins Küchenregal. Lebowski blickte vom Knochen zu mir und wieder zurück. »Äh … das ist meiner, das solltest du nicht vergessen, Kumpel, ja?« Er jaulte wie Chewbacca, er hatte das gleiche Fell wie ein Wookie, aber nicht die gleiche Kampfkraft. Ich gab ihm also sein Futter. Dann aß ich selbst etwas. Zu dem Tiefkühlgericht bereitete ich mir einen Salat aus meinem Garten zu, auf die Art balancierte ich die Vergiftung durch den Industriefraß mit veganer Tristesse aus. Ich überflog die Zeitungen, hörte mit einem Ohr einer inhaltsleeren Sendung zu, aber dieser Knochen ließ mir keine Ruhe. Das war eine dieser kleinen Nebensächlichkeiten, die man gerne ignorieren würde, aber die einem ständig im Kopf herumspuken, immer und immer wieder, bis man sich irgendwann darum kümmert, Schluss, aus, basta.

Wir sitzen auf der Terrasse eines guten Restaurants am Meer. Ein Tisch für zwei. Links versinkt die Sonne gerade hinterm Horizont und überzieht die Wolken mit einem orangefarbenen Puder. Der Weißwein hat ein blumiges Bouquet und ist frisch am Gaumen. Ich höre, wie die Frau, die ich liebe, über Mysterien der Inspiration spricht. Sie erzählt mitreißend. Aber. Aber der Angestellte, der den Tisch gedeckt hat, sicherlich ein Praktikant, hat den Salzstreuer an die Außenkante des Tisches gestellt. An den äußersten Rand! Es besteht zwar kein Risiko, dass er herunterfällt, selbst wenn man mit beiden Händen auf den Tisch schlägt. Aber ein Salzstreuer sollte nicht so nah am Abgrund stehen. Was, wenn es doch passiert? Eine ungeschickte Geste, und er fällt. Daran denke ich, statt diesen erhabenen Moment zu feiern! Das ist absolut idiotisch. Das ist absurd. Der Salzstreuer ist völlig unwichtig. Ich sollte in der Lage sein, über eine solche Belanglosigkeit hinwegzusehen. Sonst komme ich aus der Nummer nicht mehr raus. Ich denke: »Ich will ja!« Doch je öfter ich mir das sage, desto mehr wird der Salzstreuer zum bedeutendsten Objekt des Universums. Die Harmonie des Augenblicks, der Blick der über alles geliebten Frau, das Sonnensystem, all das ist nichts gegen diesen verdammten Salzstreuer. Ich habe einfach keine Chance gegen dieses kleine, unwichtige, mit Meersalz gefüllte Gefäß. Das Ding ist teuflisch, der Satan in Person. Zu nah an der Kante. Das stresst. Zu Tode. Die Mücke des Löwen in der Fabel von La Fontaine. Am besten wäre, gleich die Segel zu streichen – »Respekt, kleiner Salzstreuer, ich gebe mich geschlagen« – nach dem Salzstreuer zu greifen, ihn etwas weiter in die Mitte zu rücken und ins normale Leben zurückzukehren. Der Knochen war dieser Salzstreuer.

Aber was sollte ich tun? Es genügte nicht, die Hand auszustrecken, um ihn beiseite zu tun wie beim Salzstreuer. Man müsste ihn wie 007 unters Spektroskop legen, um eine wasserdichte DNA-Analyse davon zu machen. Ich legte eine Schallplatte auf, um mit den MP3-Dateien das Gleiche zu tun wie mit dem TK-Junkfood, oder wie Laure und Arnaud mit ihrem Gemüsegarten in ihrem parkähnlichen Anwesen: ausbalancieren, die Welt wieder ins Lot bringen. Das innere Ohr in diesem Fall. Ich legte The National auf. Aktuell die besten. Das Album Trouble Will Find Me und das Stück »I Need My Girl« verschaffte mir Erleichterung. Der Knochen ließ sich aus der Mitte des Rings verdrängen. Lebowski, der Diogenes unter den Hunden, machte nicht so einen Zirkus darum. Er legte den Kopf auf die Vorderpfoten, man hätte meinen können, er schmollte, aber ich wusste, dass dem nicht so war, er hatte das Ding längst vergessen.

Ich lebe allein mit dem Hund. Ich bin nicht unglücklich. Meine Herzallerliebste, Claire, ist in die Bretagne gezogen, eine einvernehmliche Trennung. Wir sehen uns ab und zu. Ich habe keine Kinder. Claire hat eine Tochter Anfang zwanzig, Maёlle, die ich nur selten sehe. Ich habe, als sie in der Pubertät war, den Ersatzvater für sie spielen müssen, und das ist mir nicht besonders gut gelungen. Das ist schon alles. So. Den Knochen werde ich jedenfalls Gilbert zeigen, dem Metzger. Schluss, aus, basta.

Zweiter Tag