Leichenblume - Anne Mette Hancock - E-Book
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Leichenblume E-Book

Anne Mette Hancock

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Beschreibung

Die Platz-1-Bestseller-Serie aus Dänemark
»Vor kurzem noch unbekannt, überholt Anne Mette Hancock jetzt Jo Nesbø und Jussi Adler-Olsen auf den Bestsellerlisten.« Berlingske

Die Kopenhagener Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan steckt in einer heiklen Jobkrise, als sie einen mysteriösen Brief erhält: von einer gesuchten Mörderin. Darin stehen Dinge über Heloise, die eigentlich niemand wissen kann. Beunruhigt beginnt Heloise, auf eigene Faust zu recherchieren. Die Absenderin ist seit einem brutalen Mord vor einigen Jahren spurlos verschwunden. Was will sie nun ausgerechnet von Heloise, und woher hat sie die Informationen über sie?
Zur gleichen Zeit erhält auch Kommissar Erik Schäfer einen neuen Hinweis auf die Gesuchte. Alle Spuren scheinen zu Heloise Kaldan zu führen. Ist ihr Leben in Gefahr? Und können der Polizist und die Journalistin einander vertrauen?

Der erste Fall der Erfolgs-Reihe um Heloise Kaldan und Erik Schäfer.
Ausgezeichnet mit dem dänischen Krimi-Preis.
Ein fesselnd persönlicher Thriller über Rache, Gerechtigkeit und Vergebung.
»Bezwingendes Crime-Debüt auf höchstem skandinavischen Niveau.« Litteratursiden

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Seitenzahl: 413

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Anne Mette Hancock

Leichenblume

Thriller

Thriller

Aus dem Dänischen von Karoline Hippe

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung]12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940414243444546474849DANKELeseprobe Anne Mette, Hancock – Narbenherz12345[Newsletter]

Für meine Mutter und meinen Vater

1

Anna träumte oft davon, ihn umzubringen. Sich lautlos an ihn heranzuschleichen und ihm mit einer energischen Bewegung die Klinge über die Kehle zu ziehen. Deshalb schreckte sie auch nicht aus dem Schlaf, sondern blinzelte nur benommen, als sie ganz entspannt aus einem dieser Träume erwachte, der ein Kaleidoskop aus Gewaltszenen auf ihrer Netzhaut und ein Gefühl tiefster Zufriedenheit in ihr hinterließ.

Ist es endlich vorbei?

Sie blieb noch einen Moment im Dunkeln liegen, während sie versuchte, in der Realität anzukommen. Ein Blick auf die Uhr, die auf dem Fliesenfußboden neben ihrem Bett stand, verriet ihr, dass es 5.37 Uhr war. So viele Stunden am Stück hatte sie noch nie geschlafen, seit sie sich in diesem Haus einquartiert hatte.

Das Kläffen eines Hundes hallte durch den Bogengang des alten Klosters in der Nebenstraße. Zweimal lautes Aufbellen, gefolgt von einem kurzen, unterdrückten Jaulen und dann: vollkommene Stille. Anna setzte sich auf, stützte sich auf die Ellenbogen und spitzte für einen Augenblick die Ohren. Sie wollte sich gerade wieder hinlegen, als ein Auto sich langsam rumpelnd näherte.

Sie stand auf und eilte zu einem der beiden Schlafzimmerfenster. Unruhe erfasste sie. Sie öffnete einen der kalkgrünen Fensterläden einen Spalt breit, die Morgensonne fiel in einem schmalen, gleißenden Strahl ins Zimmer. Anna sah hinunter auf die Straße, zwei Stockwerke unter ihr. Auf der Mauer des zugewachsenen Gartens vor dem Haus auf der anderen Straßenseite saß eine Katze, die träge mit dem Schwanz zuckte. Davon abgesehen war die Rue des Trois Chapons verlassen.

Anna suchte die Umgebung ab, bis ihr Blick am Wohnzimmerfenster des Hauses gegenüber hängenblieb. Es stand sperrangelweit offen. Normalerweise waren die Fensterläden dort immer fest verriegelt. Dies war das erste Mal, dass ein Lebenszeichen von dem staubigen Gebäude ausging. Anna kam es vor, als würde das dunkle Loch in der Mauer sie heranzoomen, wie ein Auge, das sie hypnotisierte.

Ihre Finger begannen, vor Angst zu beben, und sie spürte ihren Pulsschlag in den Ohren.

Ist er hier? Haben sie mich gefunden?

Sie blieb in ihrem Versteck hinter den Fensterläden und behielt die Straße im Auge, bis ihr Atem sich wieder beruhigt hatte. Dann nickte sie erleichtert. Da unten war niemand. Keiner, der sich in den Schatten verbarg.

Überhaupt waren nicht viele Menschen in dieser engen Straße unterwegs. Die schmale, gewundene Rue des Trois Chapons verband die Kirche mit der Hauptstraße des Ortes. Wenn man die Arme zu beiden Seiten ausstreckte, konnte man ohne Probleme die Wände der Feldsteinhäuser auf beiden Straßenseiten berühren. Ein süßlicher Gestank verriet, dass herrenlose Katzen hier in der Nacht Zuflucht suchten. Sie schlichen um die Häuser und maunzten mitleiderregend, auf der Suche nach Gesellschaft. Aber Menschen hatte Anna hier noch nicht viele gesehen. Nicht in dieser Gasse.

Sie schloss das Fenster und ging nackt die schiefe Steintreppe hinauf. Auf der Dachterrasse drehte sie den Wasserhahn auf, bis der Gartenschlauch sich wie eine Schlange über die Fliesen wand. Sie hob ihn auf und duschte sich in dem kalten Wasserstrahl ab. Das eisige Wasser schmerzte auf ihrer Haut, die nach dem Schlafen noch ganz warm war, aber das Unwohlsein konnte man ihr nicht anmerken. Sie strich sich das Wasser von der Haut und entwirrte ihr nasses Haar mit den Händen. Dann drückte sie die Fingerspitzen in ihre eingesunkenen Wangen und betrachtete ihr Spiegelbild in der Scheibe der Terrassentür. Sie hatte Gewicht verloren. Nicht viel, vielleicht drei oder vier Kilo, aber ihre Brüste waren kleiner geworden, die Arme sehnig und das Gesicht schmal. Sie konnte nicht recht sagen, wem sie mehr ähnelte: einem verwachsenen Kind oder einer verhärmten alten Frau. Beide Vorstellungen führten dazu, dass sich ihr der Magen umdrehte.

Sie zog sich ein Jerseykleid über, schlüpfte in ein paar Espadrilles und ging hinunter in die Küche. Mit einem großen Stück Baguette und einem Glas Feigenmarmelade stellte sie sich ans Fenster und lauschte dem Poltern und Scheppern vom Marktplatz, auf dem gerade Verkaufsstände aufgebaut wurden.

Gestern hatte sie den Brief abgeschickt.

Sie war drei Stunden bis nach Cannes gefahren, wo sie zunächst das FedEx-Päckchen auf der Post in der Rue de Mimont abgeholt hatte. Zurück im Auto hatte sie das Päckchen sofort aufgerissen, um sich zu vergewissern, dass das Geld sich wirklich darin befand. Dann hatte sie den Brief in den Kasten vor dem Postamt geworfen und war zurück in die Rue des Trois Chapons gefahren. In einigen Tagen würde sie den nächsten abschicken. Und dann noch einen. In der Zwischenzeit blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Und zu hoffen.

Sie aß den letzten Bissen des Baguettes, setzte sich eine Baskenmütze auf, schnappte sich ihren Rucksack und verließ das Haus. Sie ging hinunter zur Hauptstraße und folgte ihr bis zum Markt. Zwischen all den Händlern und ihren Ständen blieb sie stehen und ließ das rege Treiben auf sich wirken.

Eine Gruppe Kinder hatte sich um einen wackeligen Klapptisch versammelt. Auf dem Tisch stand ein Pappkarton. In dem Karton lag ein Zicklein und ließ sich von dem Schwarm eifriger Hände streicheln. Ein kräftiger Mann in Latzhosen drängte sich zwischen einem Zwillingspärchen hindurch und schob der kleinen Ziege eine Milchflasche ins Mäulchen. Gierig begann das Tier zu schlabbern. Mit der freien Hand hielt der Mann den Eltern, die ein Stück abseits standen und sich über die Begeisterung ihrer Kinder freuten, ein Plastikschälchen hin. Widerwillig kramten sie einige Münzen aus ihren Taschen und warfen sie hinein. Der Mann bedankte sich mechanisch und zog dem hungrigen Zicklein die Flasche aus dem Maul, so dass die Milch nur so in alle Richtungen spritzte.

Anna blieb eine Weile stehen und beobachtete angewidert, wie der Mann dieses Spiel mehrmals wiederholte. Sie war drauf und dran, zu ihm zu gehen und ihm die Flasche aus der Hand zu schlagen, als ihr Blick auf ein älteres Ehepaar fiel, das vor dem Café auf der anderen Straßenseite unter einem Dach aus Blauregen saß. Der Mann war glatzköpfig und trug ein kreischend gelbes Polohemd. Seine Aufmerksamkeit war voll und ganz auf etwas gerichtet, das wie ein Buttercroissant aussah. Sein Hemd war es, das Annas Blick auf sich gezogen hatte, doch es war die kleine Dame mit dem rundlichen Gesicht, die sie innehalten ließ.

Was die Dame trug, registrierte Anna gar nicht mehr – sie sah nur die Kamera in den Händen der Frau und den verblüfften Gesichtsausdruck, mit dem sie in Annas Richtung starrte.

Anna drehte sich um, ging beherrscht bis zur nächsten Straßenecke und bog ab.

Dann rannte sie los.

2

»Das ist nicht dasselbe. Das ist nicht mal annähernd dasselbe!« Kommissar Erik Schäfer schaute seine Kollegin auf der anderen Seite des Schreibtisches ungläubig an.

Lisa Augustin und er teilten sich nun seit beinahe einem Jahr ein Büro, und es war noch kein Tag vergangen, an dem sie nicht freundschaftlich, aber hitzig über die Entwicklung eines Falles oder auch weniger Wichtiges diskutiert hatten. Auch heute war keine Ausnahme.

»Ist es wohl«, antwortete sie und gestikulierte mit dem halbaufgegessenen Putensandwich in ihrer Hand. »Du stammst einfach aus einer anderen Generation.«

»Okay, lass mich das noch einmal wiederholen«, sagte Erik Schäfer. »Du findest, Sex und Massage wäre ein und dasselbe?«

»Ja klar«, sagte Lisa. »Ich meine, beides dient auf eine sehr intime Art und Weise der körperlichen Befriedigung. Stellen wir uns einfach mal vor, du und Connie habt beide einen Massagetermin gebucht.«

Diese Vorstellung kam Schäfer ziemlich absurd vor.

»Du hast deinen Termin bei einer Masseurin, ihr Masseur ist ein Mann. Ihr werdet beide in jeweils einen kleinen dunklen Raum mit einem bettähnlichen Möbelstück geführt. Ihr zieht euch aus und lasst eure nackten Körper von den öligen Händen eines komplett Fremden durchkneten. Es riecht nach Rosenöl, aus den Lautsprechern plätschert entspannende Musik, irgendwas Feel-good-Mäßiges, während ihr so daliegt und denkt: ›Oh, das ist gut, ja, genauso, ja, meine Fresse, ist das geil‹.«

»Du hast Senf am Kinn«, sagte Schäfer trocken und zeigte auf den gelben Fleck.

Lisa zog eine zerknüllte Serviette aus ihrer Fastfood-Tüte, wischte sich den Senf ab, und argumentierte dabei unbeirrt weiter: »Hinterher trefft ihr euch wieder, bezahlt eure Rechnung und erzählt einander, wie super es war. Niemals hätte es euch irgendjemand besser besorgt. Und keiner macht dem anderen Vorwürfe, dass er soeben von jemand Fremdem körperlich befriedigt wurde. Ganz im Gegenteil, ihr seid euch einig, dass ihr das wirklich öfter machen solltet.«

Sie zuckte mit den Schultern, die Handflächen nach oben gedreht, als wolle sie sagen, nur Schwachköpfe könnten diesen Gedankengang nicht nachvollziehen.

Schäfer blinzelte ein paarmal. »Du meinst also, eine Massage sollte ebenso verboten sein wie Fremdgehen?«

»Nein, verdammt, hör mir doch mal zu, Schäfer. Ich meine, dass beide Dinge gleich legitim sein sollten.«

Erik Schäfer sperrte die Augen weit auf.

»Es ist wissenschaftlich bewiesen«, fuhr sie fort, »je weniger Einschränkungen in einer Beziehung, desto höher die Zufriedenheit in der Ehe. Die Menschen würden sich seltener trennen, besonders wenn die Frau die Erlaubnis hat, mal mit anderen zu vögeln als bloß mit ihrem Mann.«

»Du bist doch nicht ganz dicht.«

Lisa Augustin lachte laut.

»Das sagst du nur, weil dein Gehirn gepolt ist wie das von einem Mann«, sagte Schäfer und bezog sich damit auf den Fakt, dass Lisa Augustin mit ihren 28 Jahren mehr Frauen flachgelegt hatte, als er in seinem fast doppelt so langen Leben.

»Glaubst du mir nicht?« Sie drehte sich einmal halb auf ihrem Bürostuhl um und hämmerte auf ihre Tastatur ein, um Beweise für ihre Behauptungen zu finden, als Schäfers Telefon klingelte.

»Gerade noch mal davongekommen.« Er grinste und nahm den Anruf entgegen.

»Hallo?«

»Hej, hier unten steht eine Dame, die gerne mit dir sprechen möchte«, meldete sich eine der Rezeptionistinnen des Polizeipräsidiums.

»Wie heißt die Dame?«

»Darüber wollte sie keine Angaben machen.«

»Keine Angaben machen?«, hakte Schäfer nach. »Was zur Hölle soll denn dieser Schwachsinn schon wieder?«

Augustin hielt mit ihrem Getippe inne und schaute neugierig zu ihm herüber.

»Sie hat mir nur mitgeteilt, sie habe etwas Wichtiges, was du dir ansehen solltest. Angeblich hat es etwas mit einem deiner Mordfälle aus dem Jahr 2015 zu tun.«

Schäfer erhielt regelmäßig Mails und Anrufe von Leuten, die glaubten, mit irgendwelchen Informationen zur Aufklärung von Fällen beitragen zu können. Doch es war äußerst ungewöhnlich, dass jemand einfach so auf dem Präsidium auftauchte. Und noch seltener kam es vor, dass es sich dabei um einen Fall handelte, der mehrere Jahre zurücklag.

»Gut, lass die Dame nach oben bringen, zweiter Stock, Verhörzimmer 1.«

Er beendete das Gespräch und legte auf.

»Wer war das?«, fragte Augustin und machte ihn mit einem Kopfnicken auf seinen offenen Hosenknopf aufmerksam, den er während der Mittagspause diskret unter dem Schreibtisch aufgeknöpft hatte.

»Das war meine Frau«, sagte Schäfer. Er zog den Bauch ein und knöpfte sich die Hose zu. »Sie hat gerade mit dem Gärtner gevögelt und findet, ich habe mir jetzt eine Kopfmassage verdient. Die Masseurin ist gerade auf dem Weg nach oben.«

3

Der Septemberregen nieselte bereits den fünften Tag in Folge in hauchzarten, beinahe lautlosen Bindfäden auf Kopenhagen nieder. Der Sommer war längst vorbei und durch einen langgezogenen, schmuddeligen Herbst ersetzt worden.

Heloise Kaldan schloss gerade das Küchenfenster, von dem der Regen auf die Fensterbank tropfte, als ihr Telefon auf dem Küchentisch zu vibrieren begann. So ging es schon das ganze Wochenende, beinahe ununterbrochen. Dieses Mal kannte sie die Nummer auf dem Display nicht, also drückte sie den Anruf weg und warf eine dunkelgrüne Kapsel in die Nespressomaschine. Diese begann sofort, einen teerschwarzen Lungo auszuspucken. Vom Wohnzimmer aus konnte sie die grüne Kuppel der Frederikskirche sehen. Die Dachgeschosswohnung in dem alten Eckhaus an der Olfert Fischers Gade hatte weder einen geräumigen noch schicken Eindruck gemacht, als Heloise sie damals gekauft hatte. Es hatte nicht einmal eine Dusche existiert, und die Küche, die inzwischen Heloises Lieblingszimmer war, war in einem geradezu unappetitlichen Zustand gewesen. Doch von dem kleinen Wohnzimmerbalkon hatte sie freie Sicht auf die Marmorkirche, und das war eines der wenigen Kriterien, die sie beim Immobilienmakler angegeben hatte: Die Kuppel musste von mindestens einem Fenster der Wohnung aus zu sehen sein.

Wenn sie als Kind die Wochenenden bei ihrem Vater verbracht hatte, war die Kuppel ihr Ort gewesen. Jeden zweiten Samstag hatten sie in der Konditorei La Glace Torte gegessen und heiße Schokolade getrunken, er hatte mit der Bedienung geflirtet, und dann waren sie gemeinsam zur Bredgade geschlendert, bis hinauf zur Frederikskirche. Dort waren sie die vertraute enge Wendeltreppe hinaufgestiegen, waren über die knarrenden Dielen im Dachboden unter der Kuppelkonstruktion gelaufen und hatten sich auf eine der Bänke im obersten Turm gesetzt.

Arm in Arm hatten sie die Aussicht auf Kopenhagen genossen – an manchen Tagen schneebedeckt, an anderen in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Doch meistens war die Stadt einfach nur grau und windig. Ihr Vater hatte auf historische Gebäude gezeigt und ihr lange, spannende Geschichten über die Könige und Königinnen des Landes erzählt. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und ihn mit einem Blick angesehen, der verriet, dass er für sie der tollste und schlauste Mensch auf der ganzen Welt war. Und jedes Mal hatte er ihr drei neue Wörter beigebracht, die sie bis zu ihrem Wiedersehen üben sollte.

»Na, lass mal sehen«, hatte er immer gesagt, die Spitze seines Zeigefingers an der Unterlippe befeuchtet und so getan, als würde er in einem imaginären Wörterbuch blättern.

»Aha! Die Wörter des Tages sind: Hitzkopf, Barock und … opulent.«

Dann hatte er ihr erklärt, was diese Wörter bedeuten, und sie in lustigen Zusammenhängen angewendet. Heloise hatte alles für bare Münze genommen. Sie hatte diese Stunden mit ihrem Vater geliebt, ganz oben auf dem Dach der Kirche. Dort, an seinen weichen Bauch gelehnt, der bei seinem Wortfluss auf- und abwogte, war ihre Leidenschaft für gute Geschichten geweckt worden.

In ihrer ersten Wohnung, die sie als junge Frau bezogen hatte, hatte sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus freien Blick auf die Kuppel gehabt. Mit der Zeit war sie zu so etwas wie einem Glücksbringer geworden, eine Erinnerung an eine behütete und wunderbare Kindheit. Wenn sie auf Reisen war, gehörte die Kuppel zu den Dingen, die sie am meisten vermisste.

Doch es kam eher selten vor, dass Heloise an einem Montagvormittag einfach nur dastand und die Kirche betrachtete. Unter normalen Umständen wäre sie jetzt bei der Redaktionssitzung der Zeitung, würde die Schwerpunktthemen dieser Woche diskutieren und ihre Recherchen planen.

Aber nicht heute.

Vor ihr auf dem Küchentisch lagen die aktuellen Zeitungen. Auf allen Titelseiten prangten Schlagzeilen zum Skriver-Skandal.

Sie schlug Seite zwei des Demokratisk Dagblad auf, der Zeitung, bei der sie seit fünf Jahren arbeitete, und las den Leitartikel. In ihm entschuldigte sich Chefredakteur Mikkelsen für den Artikel über den Modemogul Jan Skriver, der einige Tage zuvor erschienen war. Es ging um Skrivers Investitionen in ein Textilunternehmen in Bangalore, das mit katastrophalen Umweltschäden und Kinderarbeit in Verbindung gebracht wurde. Man sei »auf der Suche nach der Wahrheit zu gutgläubig gewesen«, schrieb er. Dieser Leitartikel war ein pathetisches, gut choreographiertes Hände-in-Unschuld-Waschen, dessen einziger Zweck es war, die Zeitung als ehrlich und neutral dastehen zu lassen und jegliche redaktionelle Verantwortung von sich zu weisen.

Schön und gut. Die Verantwortung lag auch nicht bei der Chefredaktion. Sondern bei Heloise. Sie hatte den Skandalartikel geschrieben, hatte sich auf ihre Quelle verlassen und hatte statt auf redaktionelle Gründlichkeit auf blindes Vertrauen gesetzt.

Wie hatte sie nur so dumm sein können? Wieso hatte sie nicht alles gegengecheckt? Wieso hatte sie ihm geglaubt?

Ihr Handy vibrierte schon wieder. Dieses Mal leuchtete eine Nummer auf dem Display auf, die sie schlecht wegdrücken konnte. Sie ließ es dreimal klingeln, bevor sie sich mit müder Stimme meldete.

»Kaldan hier.«

»Hej, ich bin’s. Hast du noch geschlafen?« Karen Aagaard, ihre Ressortleiterin, klang angespannt.

»Nein, warum?«

»Deine Stimme klingt ein bisschen kratzig.«

»Nein, ich bin schon lange wach.«

Heloise war tatsächlich fast die ganze Nacht auf gewesen und hatte die Weißweinflasche geleert, die sie und ihre Freundin Gerda am Abend zuvor geöffnet hatten. Sie hatte den Fall von allen Seiten beleuchtet, war jedes einzelne Detail noch einmal durchgegangen und hatte versucht, das Gesamtbild scharfzustellen. Aber egal, wie sehr sie sich bemühte, es blieb verschwommen. Oder wollte sie es einfach nicht wahrhaben? Sie war Journalistin – und zwar eine verdammt gute –, und es sah ihr einfach nicht ähnlich, so krasse Fehler zu machen. Sie war wütend auf sich selbst – und auf ihn.

»Ich weiß, dass ich dich gebeten habe, dir heute frei zu nehmen«, sagte Karen Aagaard, »aber der Schaufler will dich sehen.«

Carl-Johan Scowl, in der Redaktion besser bekannt als »der Schaufler«, war ein schmieriger Gartenzwergtyp und Leserredakteur beim Demokratisk Dagblad. Auf den Grundlagen der Presseethik ging er Beschwerden über Fehler in veröffentlichten Artikeln nach. Wenn er bei jemandem an die Tür klopfte, konnte man davon ausgehen, dass es ein langer Tag werden würde, dann und wann sogar eine lange Woche und im schlimmsten Fall das Ende einer Karriere.

»Schon wieder?« Heloise schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Sie konnte sich nicht vorstellen, den Fall noch ein weiteres Mal durchzukauen. Sie hatten bereits dreimal alles detailliert besprochen.

»Ja, du musst doch noch mal in die Redaktion kommen, dann können wir die Sache endlich abschließen. Es tauchen immer wieder ein paar Kleinigkeiten auf, die er gerne noch dokumentieren möchte. Das wird wohl auch in deinem Interesse sein.«

»Ich bin in einer Viertelstunde da«, sagte Heloise und legte auf.

Sie nahm die schwarze Lederjacke vom Haken, trat gegen einen Stapel Werbung, der auf ihrer Fußmatte lag, und knallte die Wohnungstür hinter sich zu.

 

Die Redaktion des Demokratisk Dagblad lag in einem denkmalgeschützten Haus in der Store Strandstræde, dessen antiquiertes, monarchisches Erscheinungsbild und Einrichtungsstil zum konservativen Ton der Zeitung passten. Das Gebäude hatte hohe, gewölbte Decken, an den Wänden klebten exquisite, handgeschöpfte Tapeten, und das Glas in den alten Sprossenfenstern war papierdünn, weshalb Heloise im Winterhalbjahr eigentlich immer frierend bei der Arbeit saß.

Sie stellte ihr Fahrrad vor dem Gebäude ab.

Vor dem Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite saßen ein paar junge Typen aus dem Vertrieb unter einer schwarzen Markise. Sie hatten vor dem Regen Unterschlupf gesucht und rauchten. Heloise grüßte sie mit einem Kopfnicken. Auf der Plane hatte sich eine Wasserlache angesammelt, die jeden Moment überlaufen konnte. Es regnete eimerweise, und Heloise wartete nur darauf, dass das Wasser über die Köpfe der Vertriebs-Kollegen schwappte.

Der eine Typ reagierte auf ihren Gruß mit einem frechen: »Hey, Kaldan, was geht?«

Sein Nebenmann beugte sich zu ihm herüber, ohne den Blick von Heloise abzuwenden, und flüsterte ihm etwas zu, woraufhin beide in Gelächter ausbrachen. Heloise wandte sich ab, zog ihre Schlüsselkarte durch den elektrischen Kartenleser rechts vom Haupteingang und tippte ihren Code ein. Die Tür gab ein surrendes Geräusch von sich und öffnete sich langsam.

Heloise entschied sich für die Treppe und lief, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf in die Nachrichtenredaktion in der dritten Etage. Karen Aagaard erwartete sie bereits. Sie und Aagaard kamen gut miteinander aus. Sie hatten ein gesundes, stabiles Arbeitsverhältnis, und Heloise respektierte ihre Vorgesetzte als Journalistin und als Mensch. Doch Freundinnen waren sie nie gewesen. Heloise wusste, dass Aagaard in Heller-up lebte, verheiratet war und einen Sohn in der Armee hatte, abgesehen davon hatte sie keinen Einblick in das Privatleben ihrer Redakteurin und vice versa. Dieses Level an Vertrautheit passte Heloise ganz hervorragend, besonders heute.

»Lass mich raten: Du hältst nichts von Regenschirmen.« Aagaard betrachtete Heloises durchnässte Kleidung mit fragendem Blick.

Heloise lächelte und schüttelte das Regenwasser ab. »Nein, so erwachsen bin ich noch nicht.«

»Ich gehe davon aus, dass du den heutigen Leitartikel gelesen hast?«

»Ja.«

»Und?«

Heloise zuckte mit den Schultern. »Was hätte Mikkelsen sonst schreiben sollen?«

»Das mag schon sein. Aber er war verdammt sauer, als ich vorhin mit ihm gesprochen habe. Wärst du nicht für einige der größten Reportagen verantwortlich, die wir dieses Jahr gebracht haben, wärest du jetzt draußen. Ich bin mir ehrlich gesagt immer noch nicht hundertprozentig sicher, ob du so glimpflich davonkommst.«

»Vielen Dank, das ist genau der Zuspruch, den ich jetzt brauche.« Heloise öffnete die Tür zum Großraumbüro. »Nach dir, Boss.«

»Da kann doch nichts mehr kommen, oder? Du hast doch schon alles ausgepackt? Ich meine, da ist nichts, was der Schaufler ausgegraben haben könnte, von dem ich noch nichts weiß?«

»Zum Beispiel?«

»Keine Ahnung, irgendwas, was dich noch schlechter dastehen lässt, als du es sowieso schon tust. Ein promptes ›Nein‹ wäre an dieser Stelle beruhigender gewesen.« Karen Aagaard schaute sie über den Rand ihrer Hornbrille an.

Verschwommene Bilder von entkleideten Körpern, Schweiß und salzigen Küssen tauchten in Heloises Kopfkino auf. Sie wollte gern kooperieren, denn sie hielt selbst nicht viel davon, Geschichten in die Welt zu setzen, die nicht wasserdicht waren. Aber sie hatte keine Lust, Details aus ihrem Privatleben preiszugeben. Nicht nur, weil es ihre Chefs nichts anging. Sie war schlicht und einfach zu stolz, zuzugeben, dass sie Martin vertraut hatte.

»Nein«, sagte sie und legte ihrer Redakteurin beruhigend die Hand auf den Arm. »Da kommt nichts mehr. Wollen wir es endlich hinter uns bringen? Wo finde ich den Schaufler?«

»Er sollte jetzt hier sein.«

Karen Aagaard steckte ihren Kopf in das Konferenzzimmer in der Mitte des Redaktionsflurs. Es war menschenleer.

»Er saß noch im Auto, als er angerufen hat. Vielleicht ist er einfach noch nicht angekommen. Nimm dir einen Kaffee, aber bleib hier auf der Etage. Ich sag dir Bescheid, sobald er im Haus ist.«

Auf dem Weg zu der kleinen Teeküche der Redaktion ging Heloise an den Postfächern vorbei. Es war relativ ungewöhnlich, dass sie etwas in ihrer Ablage vorfand. Heute jedoch wartete dort ein ganzer Stapel Briefe auf sie.

Sie nahm ihre Post und eine Tasse Pulverkaffee mit an ihren Platz in der Abteilung für investigativen Journalismus, schwang die Füße auf den Schreibtisch und riss den ersten Umschlag auf. Es war ein dicker Batzen, neun engbeschriebene Seiten voller Entrüstung über Kinderarbeit in Indien. Das Thema wiederholte sich in Brief zwei und drei, im vierten lag lediglich ein gelber Post-it-Zettel mit nur einem Wort:

Schlampe!

»Herrje, wie originell«, sagte sie und hielt ihrem Kollegen Mogens Bøttger, der am Schreibtisch gegenübersaß, den Zettel hin.

Er sah von seinem Notizblock auf und quittierte den Post-it unbeeindruckt mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Heloise knüllte den Zettel und den Umschlag zusammen und warf den Papierball zum Abfalleimer auf der anderen Seite des Großraumbüros. Er landete auf dem unebenen Frischgrätenparkett anderthalb Meter von seinem Ziel entfernt.

»Das hast du drauf.« Mogens Bøttger nickte gespielt anerkennend. »Vielleicht ein Plan B, falls Mikkelsen dich feuert.«

»Das wird er nicht tun.«

»Sei dir da mal nicht so sicher.«

»Er schmeißt mich nicht raus«, wiederholte Heloise.

Sie nahm den nächsten Umschlag vom Stapel und riss ihn mit dem Zeigefinger auf.

»Er hat die mit den Warzen gefeuert«, stellte Bøttger fröhlich fest. Die betreffende Kollegin war erst vor kurzem entlassen worden, weil sie eine Quelle erfunden hatte. Der Rausschmiss hatte in der gesamten Redaktion Wellen geschlagen und bei Chefredakteur Mikkelsen Äderchen in den Augen platzen lassen. Er hatte getobt vor Wut.

»Sie hatte es auch verdient. Das war etwas komplett anderes. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ich sage nicht, dass ich es genauso wieder machen würde, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte – hinterher ist man immer schlauer –, aber Mikkelsen und ich, wir …« Heloise schüttelte den Kopf. »Er schmeißt mich nicht raus.«

Sie faltete den nächsten Brief auseinander und begann zu lesen. Auf der anderen Seite des Schreibtisches redete Bøttger einfach weiter, doch der Klang seiner Stimmer verebbte, während sich ein kaltes, unheimliches Gefühl in Heloises Körper ausbreitete.

Der Brief war nicht lang.

Nur ein paar handgeschriebener Zeilen, doch sie sorgten dafür, dass Heloises Mund trocken wurde und sich ein eisiges Gefühl in ihrem Brustkorb ausbreitete. In dem Moment, als sie feststellte, dass sie die Luft angehalten hatte, schnitt Bøttgers Stimme durch die Kälte. »– aber man sollte sich nicht einschüchtern lassen, von –«

»Mogens«, unterbrach sie ihn. »Warst du damals nicht für diesen Fall zuständig, der vor einigen Jahren oben im Norden passiert ist? Mit diesem Anwalt, der ermordet wurde?«

»Hä?« Er schaute sie verständnislos an, richtete sich dann aber langsam in seinem Stuhl auf und registrierte den Ernst in ihrem Blick.

»Über wen sprechen wir?«

»Dieser Anwalt, der ermordet wurde. War das in Kokkedal oder Hørsholm oder ein anderer Ort da oben? Wie hieß der denn gleich?«

»Mossing. Und das war in Taarbæk. Was ist mit ihm?«

»Hast du damals über den Fall berichtet?«

Mogens Bøttger hatte sich als Investigativjournalist auf Kriminalfälle und gesellschaftspolitischen Sprengstoff spezialisiert, während Heloise die Ressorts Arbeit, Wirtschaft und Verbraucherschutz abdeckte und eher selten mit Gewalttaten zu tun hatte.

»Nein, ich war da noch in der Nachrichtenabteilung. Das muss Ulrich gewesen sein, der sich darum gekümmert hat. Warum?«

»Wie hieß sie noch gleich? Die Verdächtige?«

»Anna Kiel. Und es war mehr als nur ein Verdacht. Es lagen Beweise vor, die sie als Täterin identifizierten. Sie wurde von einer der Überwachungskameras in Mossings Einfahrt festgehalten, als sie den Tatort verließ. Und mit ›festgehalten‹ meine ich, dass sie stehen geblieben ist und mehrere Minuten lang in die Linse gestarrt hat, bevor sie das Anwesen verlassen hat, ohne auch nur zu versuchen, die Kamera abzumontieren oder zu zerstören. Sie war von Kopf bis Fuß mit Blut beschmiert und stand einfach nur seelenruhig da. Guckte in die Kamera, ohne eine Miene zu verziehen. Die krasseste Psychopathin.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Keine Ahnung. Sie wurde nie gefunden. Warum?«

Heloise stand auf und legte Bøttger den Brief hin. Sie lehnte sich über seine Schulter, und sie lasen ihn gemeinsam.

Liebe Heloise,

 

hast du jemals gesehen, wie jemand verblutet?

 

Das ist ein einzigartiges Erlebnis. Jedenfalls war es das für mich, aber ich hatte mich auch lange darauf gefreut.

 

Ich weiß sehr wohl, dass sie sagen, ich hätte ein Verbrechen begangen. Dass ich gefunden, gezähmt und bestraft werden muss.

 

Das habe ich nicht.

Das werde ich nicht.

Das kann ich nicht.

Das wurde ich schon.

 

… Und ich bin noch lange nicht fertig.

 

Ich wünschte, ich könnte noch mehr sagen, aber ich habe versprochen, es sein zu lassen.

 

Da mir deine Gegenwart entrissen ist, so schick mir doch wenigstens durch deine Worte, die dich so wenig kosten, einen süßen Hinweis auf dich selbst.

 

Anna Kiel

Verblüfft schaute Bøttger sie an. »Wo zur Hölle hast du das her?«

»Das lag in meinem Postfach.«

»Kennst du sie?«

»Nein. Ich kenne natürlich Bruchstücke von dem Fall von damals, aber sonst weiß ich nichts über diese Frau.«

»Meine Fresse …« Er kratzte sich am Kopf, so dass seine großen, dunkelbraunen Locken hin- und herwippten. »Glaubst du, das Ding ist echt?«

Heloise zuckte mit den Schultern.

»Es könnte also auch jemand sein, der dich verarschen will«, sagte Bøttger. »Ich bekomme manchmal die absurdesten Mails von irgendwelchen Leuten. Irgendjemand meint, er habe einen Jaguar auf einem Campingplatz in Hvide Sande gesehen, oder jemand kennt jemanden, der vielleicht oder vielleicht auch nicht Madeleine McCann entführt hat. Idioten gibt es überall, Heloise, das weißt du. Das kann gut einer von denen sein. Jetzt, wo du wegen der Skriver-Sache in den Nachrichten bist, verwandelt sich dein Posteingang automatisch in eine Freakshow.«

Heloise kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und sah sich den Umschlag an, in dem der Brief gekommen war. Er war mittelgroß und hellblau und laut Poststempel vor elf Tagen in Cannes abgeschickt worden. Das war lange, bevor die ganze Skriver-Sache über sie hereingebrochen war. Wer auch immer diesen Brief abgeschickt hatte, hatte es also nicht als Reaktion auf den ganzen Medienrummel getan.

»Das ergibt keinen Sinn«, sagte sie und schaute zu Bøttger. »Warum schreibt diese Person mir und nicht Ulrich, wenn er sich doch damals um den Fall gekümmert hat? Wo arbeitet Ulrich jetzt eigentlich?«

»Ich glaube, er arbeitet gerade gar nicht.« Bøttger zückte sein Handy und begann, darauf herumzuwischen.

»Wie meinst du das?«

»Er war wohl beim Ekspressen angestellt, aber ich habe gehört, dass er letztes Jahr unter einer Depression oder so etwas gelitten hat und krankgeschrieben ist. Ich habe seinen Namen jedenfalls schon längere Zeit nicht unter irgendwelchen Artikeln entdeckt. Aber er hat auch in ein paar echt krassen Sachen herumgestochert, und ich habe nicht den Eindruck, dass er der Typ ist, der rechtzeitig die Reißleine zieht. Kann gut sein, dass der Job ihm das Genick gebrochen hat. Aber ich glaube, ich habe irgendwo … ja, hier ist seine private Nummer. Soll ich sie dir weiterleiten?«

»Ja, danke, sehr gern.«

Heloise las den Brief ein weiteres Mal.

Sie schaltete ihren Computer an und googelte Anna Kiel. Auf ihrem Bildschirm tauchten 238 Suchergebnisse auf. Sie klickte auf den ersten Treffer – einen Artikel aus ihrer Zeitung, der tatsächlich von Ulrich Andersson verfasst worden war, am 24. April 2015.

Mordverdächtige identifiziert

Die Frau, nach der seit dem 22. April wegen dringenden Mordverdachts an dem 37-jährigen Anwalt Christoffer Mossing gefahndet wird, konnte identifiziert werden. Das gab die Kopenhagener Polizei in einer Pressemeldung bekannt. Die mutmaßliche Täterin heißt Anna Kiel ist 31 Jahre alt und dänische Staatsbürgerin.

Christoffer Mossing wurde in der Nacht zum 21. April in seinem Haus in Taarbæk erstochen. Nach Auffassung der Polizei waren zum Tatzeitpunkt keine weiteren Verdächtigen vor Ort. Außer Mossing sind keine weiteren Personen unter der betreffenden Adresse gemeldet.

»Es deutet nichts darauf hin, dass das Opfer und die Verdächtige sich kannten, aber die Gesuchte war schon in der Vergangenheit psychisch auffällig gewesen. Wir fordern deshalb alle, die mit ihr Kontakt haben, dringend auf, umgehend die Polizei zu informieren«, so der Ermittler Erik Schäfer.

Anna Kiel ist 172 cm groß und von gewöhnlicher Statur. Zum Tatzeitpunkt hatte sie langes, mittelblondes Haar. Alle Bürger, die Hinweise zu ihrem Aufenthaltsort geben können, werden gebeten, sich unter der Rufnummer 114 bei der Kopenhagener Polizei zu melden.

UA, Demokratisk Dagblad

»Kaldan …«

Heloise sah von ihrem Computer auf.

Karen Aagaard stand am Ende des Ganges und winkte sie zu sich.

»Es geht los.«

4

Kriminalkommissar Erik Schäfer schob die Tür zum Verhörzimmer mit seinem verdreckten Ecco-Riesenschuh auf.

An dem großen Linoleumtisch saß eine ältere, rundliche Dame und hielt ihre Tasche auf dem Schoß.

Sie nickte höflich, als er den Raum betrat.

»Guten Tag«, sagte sie. »Sind Sie Erik Schäfer?«

»Der bin ich.« Er reichte ihr eine raue Hand, die sie höflich schüttelte. »Aber Ihren Namen habe ich nicht mitbekommen.«

»Muss ich das angeben?«

Schäfer zuckte mit den Schultern. »Es würde die ganze Angelegenheit etwas vereinfachen, wenn ich wüsste, wer Sie sind und was Sie wollen.«

»Mein Mann«, sagte sie, »er findet, ich soll mich da raushalten. Seine Privatsphäre ist ihm wichtig, verstehen Sie, und er möchte nicht, dass wir in irgendetwas verwickelt werden. Ich habe ihm nicht erzählt, dass ich Sie aufsuchen wollte. Und ich will auch nicht, dass er herausfindet, dass ich hier war.«

»Okay. Dann begnüge ich mich erst einmal mit der Frage, was Sie hierherführt?« Schäfer nahm ihr gegenüber Platz.

»Es geht um diesen Anwalt.«

»Anwalt?«

»Ja, der hübsche Kerl, der ermordet worden ist. Oben in Taarbæk.«

»Christoffer Mossing?«

»Ja, der. Das war doch Ihr Fall, nicht wahr?«

»Ja, das ist er auch immer noch«, sagte Schäfer. »Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber der Fall ist noch nicht abgeschlossen.«

»Das war in dem Frühjahr, in dem meine Schwester und mein Schwager zu Besuch waren.« Die Frau nickte. »Ich erinnere mich sehr gut daran, weil wir an den Dünen in Tisvildeleje gewesen sind, und auf dem Nachhauseweg wollten die Männer Pfeifentabak in dem kleinen Tante-Emma-Laden neben der Touristeninformation kaufen. Wir haben draußen gewartet, meine Schwester und ich, und die Titelseiten in dem Zeitungsständer waren zugekleistert mit den schrecklichen Details über diesen Mord. Das muss wenige Tage nach der Tat gewesen sein.« Ihr Blick wurde verschwommen, sie schien den Faden verloren zu haben.

»Ja, Herr Mossing hat leider auf recht makabre Art und Weise den Löffel abgegeben«, gab Schäfer zu. »Aber ich verstehe noch nicht ganz, worauf Sie hinauswollen. Können Sie mir etwas über ihn erzählen?«

»Ich erinnere mich an dieses Mädchen«, sagte sie. »Die junge Frau, die zugegeben hat, dass sie es war. Auf der Titelseite einer dieser Zeitungen war ein großes Foto von ihr abgebildet. Es wurde in den folgenden Wochen immer wieder abgedruckt und auch in den Fernsehnachrichten gezeigt. Das war so ein Urlaubsbild, sie hatte etwas Kurzärmeliges an und stand vor einer hübschen Landschaft. Grand Canyon glaube ich war das. Erinnern Sie sich daran?«

Schäfer nickte.

Das Bild lag eine Etage tiefer in einer Akte, zusammen mit Aufnahmen vom Tatort, von Mossings wächsernem Kopf, der nach dem Mord nur noch durch wenige Sehnen an seinem Körper befestigt war, Fotos von der Mordwaffe – und von all dem Blut.

So unfassbar viel Blut …

»Ich erinnere mich noch, wie ich dachte, dass sie traurig aussieht«, fuhr die Frau fort. »Sie stand im Sonnenschein und lächelte den Fotografen an, aber da war etwas mit ihrem Blick. Er war ganz … tot. Wie ausgelöscht. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, aber auf jeden Fall war das mein Eindruck.« Sie fummelte nervös an dem Henkel ihrer hellbraunen Handtasche herum.

Schäfer räusperte sich und wollte sie gerade darum bitten, zur Sache zu kommen, als sie wieder zu ihm aufsah.

»Ich glaube, ich habe sie gesehen.« Sie hielt sich sofort eine Hand vor den Mund, als sei sie über ihre eigenen Worte erschrocken.

Schäfer sagte mehrere Sekunden lang nichts, sondern beobachtete die Frau nur.

»Sie glauben, Sie haben sie gesehen?« Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. »Was soll das heißen?«

»Ich habe sie gesehen«, antwortete sie mit bestimmterem Ton. »Sie sah anders aus als damals. Ihr Haar war viel kürzer. Dunkler. Aber es war dasselbe Gesicht, dieselben Augen. Das war sie. Ich bin mir sicher.«

»Und wo haben Sie sie gesehen?« Schäfer zog seinen Notizblock zu sich heran, holte einen Kugelschreiber aus seiner Innentasche und begann zu schreiben.

»Wir sind jedes Jahr im August und September in unserem Sommerhaus –«

»In Tisvildeleje?«

»Nein, in der Provence. Als Vilhelm in Rente ging, haben wir ein kleines Landhaus außerhalb von Saint-Rémy gekauft.« Die Frau zuckte zusammen, als ihr auffiel, dass sie soeben den Namen ihres Mannes preisgegeben hatte. Sie warf Schäfer einen verschreckten Blick zu.

»Ich habe nichts gehört«, versicherte er ihr augenzwinkernd und bat sie, weiterzusprechen.

»Mein Mann und ich haben ein Haus in Südfrankreich. Inzwischen haben wir bestimmt zwölf, dreizehn Sommer dort verbracht. Die ersten paar Jahre haben wir uns vor allem für die nähere Umgebung interessiert. Es dauert ja immer eine Weile, bis man eine neue Stadt richtig kennenlernt, auch wenn sie nicht besonders groß ist. Aber in den letzten Sommern haben wir auch kleinere Ausflüge in andere Städte in benachbarte Départements unternommen. Wegen der Abwechslung.«

»Und auf einem dieser Ausflüge, glauben Sie, sie gesehen zu haben?«

»Vilh… Mein Mann hat sie nicht gesehen, aber ich schon. Wir waren in einem kleinen Dorf, ungefähr eine Autostunde von Saint-Rémy entfernt. Wir saßen in einem Café und haben die Leute beobachtet, als ich die Frau bemerkt habe. Ich glaube, sie ist mir aufgefallen, weil sie für eine Weile einfach nur dastand und wütend aussah. Also, vielleicht nicht wütend, aber zumindest nicht fröhlich. Und während ich so dasaß und sie anguckte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie war es. Die, nach der Sie gesucht haben.«

»Haben Sie mit ihr gesprochen?«

»Nein, sie ist sofort gegangen, und ich habe sie leider nicht noch einmal gesehen.«

Schäfers aufkeimende Hoffnung klang wieder ab. Dass eine alte Dame in einem kleinen Kaff irgendwo in der Pampa für einen Augenblick eine Frau gesehen haben wollte, die Anna Kiel ähnelte, war nicht unbedingt das, was man eine heiße Spur nennen konnte.

»Es ging alles so schnell«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. »Ich kann also sehr gut verstehen, wenn es Ihnen schwerfällt, das zu glauben. Aber vielleicht hilft Ihnen das hier.«

Sie öffnete den Verschluss ihrer kleinen Damenhandtasche, fischte etwas daraus hervor und reichte es ihm.

Schäfer erhob sich von seinem Stuhl und nahm es entgegen, während sich ein warmes, zittriges Gefühl in seinem Körper ausbreitete.

In seiner Hand hielt er eine Fotografie. Rote Zahlen in der unteren Ecke des Bildes bestätigten, dass das Bild vor anderthalb Wochen aufgenommen worden war. Auf dem Foto standen eine Gruppe Kinder und ein großer, bärbeißiger Mann um einen Tisch herum. Sie waren mit etwas beschäftigt, das Schäfer nicht erkennen konnte. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Karton gerichtet, der in der Mitte des Tisches stand. Die Aufmerksamkeit aller – mit Ausnahme einer Person. Einer Frau, die nur wenige Meter von der Gruppe entfernt stand. Sie blickte direkt in die Kamera, und Schäfer hatte keinen Zweifel.

Das war sie.

Das war Anna Kiel.

5

Leserredakteur Carl-Johan »der Schaufler« Scowl saß an dem großen moosgrünen Konferenztisch und blätterte in einer dicken Akte, als Heloise den Raum betrat. Am Ende des Tisches zupfte Chefredakteur Mikkelsen nervös an seinem rotbraunen Vollbart. Er erhob sich kurz zum Gruß und winkte Heloise ungeduldig an den Tisch heran.

»Komm rein«, sagte er. »Lasst uns das hier schnell über die Bühne bringen, damit wir uns wieder den wichtigen Dingen zuwenden können, liebe Freunde. Trotz allem geben wir hier eine Zeitung heraus, die auch morgen wieder erscheinen soll. Und ich finde, wir haben uns jetzt genug mit diesem Mist herumgeschlagen.«

Mikkelsens Ton war munter, beinahe schon gutgelaunt, und Karen Aagaard, die neben Heloise Platz genommen hatte, schaute ihn einen Moment lang verblüfft an. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Schaufler, der weder die Bitte des Chefs noch dessen merkwürdige Freundlichkeit zu registrieren schien.

»Ja, setzten Sie sich, Heloise.« Der Schaufler sprach ihren Namen falsch aus, und sie unterstellte ihm, dass es Absicht war.

»Das H ist stumm«, warf sie ein. »Es wird È-loise ausgesprochen.«

Der Schaufler schaute nicht auf. »Schön, dass Sie so kurzfristig in die Redaktion kommen konnten.«

»Selbstverständlich. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mich doch sehr wundert, schon wieder hier zu sitzen.« Heloise ließ ihren Blick durch den Raum wandern. »Wir sind alle Details mehrmals durchgegangen, und es gibt nichts Neues hinzuzufügen.«

»Und da sind Sie sich sicher? Nicht ein einziges kleines Detail, das Sie eventuell übersehen haben? Informationen, die einen Einfluss auf meine Entscheidung haben könnten?« Schauflers Stimme war überraschend tief und kehlig und passte so gar nicht zu seiner schmächtigen, fast mädchenhaften Erscheinung.

»Nein. Ich habe Ihnen bereits alles mitgeteilt, was für den Fall von Bedeutung ist.«

»Tja, dann lassen Sie mich doch mal kurz zusammenfassen, was Sie mir geschildert haben. Ich will nur sichergehen, dass ich alles richtig verstanden habe, bevor ich meinen Bericht schreibe.«

Heloise schlug die Beine übereinander und sah ihn abwartend an.

Der Schaufler blätterte durch seine Akte und räusperte sich. »Ihren eigenen Aussagen zufolge sind Sie im Juni dieses Jahres darauf gestoßen, dass Jan Skriver im großen Stil in das Unternehmen Cotton Corp investiert, eine der größten Textilfabriken im indischen Bangalore.«

»Das ist korrekt.«

»In Ihrem Artikel vom 2. August schreiben Sie, dass Skriver im gleichen Zeitraum seine Zusammenarbeit mit Glæsel Tekstil in Vejle aufgekündigt und somit den Hauptteil der Produktion ins Ausland verlegt hat. Das hat zur Folge, dass achthundertundfünfzig dänische Arbeitsplätze abgebaut werden, was aus politischer Sicht … sagen wir, ziemlich unpopulär ist.«

»So kann man das nennen, ja. Die Regierung ist nicht begeistert, und das Vorgehen ist eine ausgesprochene Katastrophe für die Region.«

»Am 3. August werden Sie von einer – ich zitiere – ›anonymen Quelle‹ kontaktiert, die Sie bittet, die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie sollen überprüfen, ob Cotton Corp tatsächlich minderjährige Fabrikarbeiter beschäftigt und ob in der Fabrik hormonelle Schadstoffe wie Nonylphenol-Ethoxylate, besser bekannt unter der Abkürzung NPE, zum Einsatz kommen. Habe ich das richtig verstanden?«

»Ja.«

»Und Fakt ist, dass Kleidungsstücke, die unter Einsatz von NPE hergestellt wurden, nicht in die EU importiert werden dürfen, nicht wahr?« Der Schaufler schaute zum ersten Mal von seiner Akte auf.

»Richtig.«

»Wer war Ihre Quelle?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe einen Anruf entgegengenommen. Am anderen Ende war die Stimme eines Mannes zu hören. Er gab mir einige Hinweise zu dem Fall und forderte mich auf, diesen Hinweisen nachzugehen. Aber seinen Namen hat er mir nicht genannt.«

»Aber Sie haben eine Vermutung, um wen es sich gehandelt haben könnte?«

»Eine Vermutung, ja. Aber nichts Konkretes. Wie Sie selbst betont haben, gibt es von politischer Seite durchaus Kritik daran, dass Skriver die Produktion in Dänemark einstellen will. Ich kann mir vorstellen, dass der Tipp aus dieser Ecke kam. Aber ich kann, genau wie Sie, nur raten.«

»Hm …« Schauflers Blick blieb für mehrere Sekunden auf Heloise ruhen, dann fuhr er fort. »Bei Ihren Recherchen kamen Sie in den Besitz interner, vertraulicher Dokumente aus Skrivers Unternehmen, darunter Auszüge aus den Verträgen mit Cotton Corp. Diese Dokumente bestätigten, dass Minderjährige beschäftigt und chemische Stoffe benutzt werden, deren Import in die EU nicht zulässig ist.«

»Korrekt.«

»Auf diesen Dokumenten beruht Ihr aktueller Artikel.«

»Ja.«

»Wer hat Ihnen diese Dokumente gegeben?«

»Dazu kann ich mich nicht äußern. Meine Quelle möchte anonym bleiben, das muss und werde ich respektieren.«

»Aber Ihnen ist seine Identität bekannt?«

»Ja.«

»Und Sie haben die Authentizität dieser Dokumente geprüft?«

Heloise spürte, wie ihr Mund trocken wurde.

»Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Grund, an ihrer Echtheit zu zweifeln. Ich habe bereits mehrere Jahre bei etlichen anderen Fällen mit dieser Quelle zusammengearbeitet, ihre Auskünfte waren immer zuverlässig. Die Dokumente haben auf mich den Eindruck gemacht, echt zu sein, und ich habe den Hinweisen vertraut.«

»Was ganz schön dumm war«, sagte der Schaufler. »Finden Sie, dass Sie gründlich gearbeitet haben?«

»Rückblickend betrachtet, nein.«

»Und wenn Sie erneut in eine ähnliche Situation kommen – werden Sie Ihre Reportagen wieder auf einseitige, dilettantische Recherche aufbauen oder werden Sie sich beim nächsten Mal an die Fakten halten?« Er hielt seine Hände wie zwei Waagschalen, als wolle er beide Möglichkeiten präsentieren, die er Heloise vorschlug.

Heloise hätte sich am liebsten über den Tisch gelehnt und den Schaufler mit seinem dünnen, currygelben Schlips stranguliert. Doch sie beherrschte sich.

»Natürlich werde ich in Zukunft gründlicher sein. Ich bin absolut nicht scharf darauf, jemals wieder hier mit Ihnen zu sitzen.« Sie schickte ein gezwungenes Lächeln quer über den Konferenztisch.

»Gut. Dann können wir diese Debatte wohl abschließen.« Sichtlich zufrieden schlug Chefredakteur Mikkelsen mit der flachen Hand auf die Tischplatte und signalisierte so seinem Team, dass er gehört hatte, was er hören wollte. Er machte Anstalten, aufzustehen.

Heloise war im Gegensatz zu Karen Aagaard nicht überrascht über diese Nachsicht, die so gar nicht zu seinem Charakter zu passen schien. Einige Monate zuvor war sie nach einem langen Arbeitstag am Hafen entlang nach Hause geschlendert, hatte den Schlossplatz überquert, an der Marmorkirche vorbei. Es war einer der ersten milden, hellen Sommerabende gewesen, und sie hatte den Park Amaliehaven schon halb durchquert, als sie ihn sah.

Im dunkelsten Winkel des Parks, halb verdeckt von einem großen Kirschbaum, hatte Mikkelsen auf einer Bank gesessen – in inniger Umarmung mit einer dunkelhaarigen jungen Schönheit, die ganz bestimmt nicht seine Frau war.

Der Klang von Heloises Schritten hatte das Paar aufsehen lassen. Ihre Blicke hatten sich nur kurz getroffen; Heloise hatte schnell nach unten geschaut und war aus dem Park geeilt.

Aber sie wusste, was sie gesehen hatte.

Und er wusste, dass sie es wusste.

Falls ihr Job in Gefahr war, wäre Mikkelsen der Letzte, der sein Gewicht in die falsche Waagschale legen würde.

»Ich habe auch keine weiteren Fragen mehr«, sagte der Schaufler und schlug die Akte mit einem demonstrativen Knall zu. »Ach doch, Moment. Die Quelle, die Ihnen die Dokumente beschafft hatte … handelt es sich da möglicherweise um den Kommunikationschef des Wirtschaftsministeriums, Martin Duvall?«

Heloise saß reglos auf ihrem Stuhl.

Die Andeutung eines Lächelns zuckte in Schauflers Mundwinkeln.

»Ich kann, wie bereits gesagt, die Identität meiner Quelle in diesem Fall nicht preisgeben«, wiederholte Heloise. »Ich bin sicher, dass Sie, der Sie viel Wert auf Presseethik legen, das besser verstehen können als jeder andere.«

»Tja, dann lassen Sie es mich anders formulieren …« Er setzte seine Lesebrille ab, klappte die Bügel behutsam ein und legte die Brille vor sich auf den Tisch. »Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Martin Duvall?«

Heloise öffnete den Mund, doch es kam kein Laut hervor. Stattdessen schaute sie Mikkelsen an, und noch bevor sie antworten konnte, stand ihr Chef auf. Sein Blick war plötzlich finster vor Wut, auf der hohen Stirn pulsierte eine Ader.

»Vielen Dank, Scowl, das reicht.« Er spie die Worte nahezu aus. »Kaldans Privatleben hat mit dieser Sache nichts zu tun.«

 

Behutsam schloss Karen Aagaard die Tür zu ihrem Büro und wandte sich zu Heloise um.

»Was … in aller Welt … war das?«

»Meinst du dein merkwürdiges Stakkato?« Heloise fischte eine Packung Kaugummi aus ihrer Tasche. »Ich weiß nicht, aber vielleicht solltest du das untersuchen lassen. Es klingt nach etwas Ernstem.«

Aagaard ließ sich in den Ledersessel in der Ecke ihres Büros fallen. Resigniert hob sie die Arme.

»Findest du das lustig?« Sie klang eher verwundert als wütend.

»Nein, weiß Gott nicht«, sagte Heloise und setzte sich ihrer Ressortleiterin gegenüber. »Aber was hätte ich deiner Meinung nach denn sagen sollen? Ich habe einen Fehler gemacht, das gebe ich zu, und das wird nie wieder passieren. Und nun müsst ihr entscheiden, ob ihr mir einen neuen Auftrag oder den Laufpass gebt.«

Sie schob sich zwei Stimorol-Kaugummis in den Mund und reichte Aagaard die Packung, die ihre Chefin zögernd entgegennahm.

»Hm … Es kam mir da drinnen so vor, als wäre zwischen dir und Mikkelsen etwas vorgefallen, wovon ich vielleicht wissen sollte.«

»Nein.«

»Bezieht sich das ›Nein‹ darauf, dass nichts vorgefallen ist oder dass ich es nicht wissen sollte?«

»… Nein.«

»Kaldan?!«

»Da ist nichts!« Heloise hob abwehrend die Hände.

»Okay. Gut. Dann will ich das mal glauben.«

Karen Aagaard trommelte mit den Fingern auf dem Couchtisch vor sich und schaute Heloise nachdenklich an. Heloise schenkte ihr ein breites Lächeln, woraufhin Aagaard halb genervt abwinkte.

»Ja, ja, schon gut. Hast du etwas Neues, worauf du dich direkt stürzen kannst, oder sollen wir noch schnell die Leute zu einer Redaktionssitzung zusammentrommeln?«

Heloises Hand strich instinktiv über die Stelle ihrer Lederjacke, wo sich Anna Kiels Brief in der Innentasche verbarg. »Ich habe tatsächlich gerade etwas erhalten, was ich mir gerne genauer ansehen würde.«

»Was denn?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich möchte das alles in Ruhe untersuchen, bevor ich weiß, ob daraus eine Story wird oder nicht.«

»Okay, na los, mach dich an die Arbeit. Und halt mich auf dem Laufenden, ja?«

 

Als Heloise zurück an ihren Schreibtisch kam, saß Bøttger nicht mehr an seinem Platz. Stattdessen waren Kollegen aus anderen Ressorts an ihren jeweiligen Schreibtischen im Großraumbüro der Redaktion aufgetaucht. Heloise konnte die Blicke spüren und die Fragen hören, die unausgesprochen im Raum standen:

Was macht die hier? Wurde sie nicht suspendiert? Was geht hier ab?

Heloise rutschte tief in ihren Bürostuhl, und die Gesichter der anderen verschwanden hinter der Trennwand vor ihrem Schreibtisch. Sie wählte die Nummer der Rechercheabteilung im Erdgeschoss.

Sie ließ es klingeln, bis sie ihren massigen und stets vor Schweiß glänzenden Lieblingskollegen Morten Munk am Apparat hatte.

»Verdammt nochmal, Kaldan, bist du hier? Ich dachte, du hättest Stubenarrest!«

Munk klang wie immer heiser und außer Atem, obwohl er sich nie auf Aktivitäten einließ, die irgendeine Auswirkung auf seinen Puls haben könnten.

»Ach, du kennst mich doch«, antwortete Heloise. »Ich kann nicht ohne, und Mikkelsen kann nicht ohne mich. Und du übrigens auch nicht.«

»Touché, ma chérie. Was verschafft mir die Ehre?«

»Bist du an deinem Platz?«

»Wo sonst?«

»Kannst du mir ein paar Informationen raussuchen?«

»Zu dem Skriver-Fall?« Munk klang munter und skeptisch zugleich.

»Nein, die Sache ist durch. Es geht um was ganz anderes. Sagt dir der Name Anna Kiel etwas?«

»Fragst du mich, ob der Papst katholisch ist? Was ist mit der?«

»Ich brauche alles, was du über sie finden kannst. Artikel, die bei uns publiziert wurden, Beiträge aus anderen Medien, Hintergrundinformationen – das volle Programm.«

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Heloise konnte das Kratzen eines Kugelschreibers auf Papier hören.

»Okay, ich mach mich sofort an die Arbeit. Ich klingel durch, wenn ich was habe. Sollte nicht so lange dauern.«

Bereits zehn Minuten später trudelten die ersten Dokumente in Heloises Posteingang ein. Statt sie sofort zu lesen, stopfte sie ihren Laptop in die Tasche, warf sich die über die Schulter und verließ die Redaktion. Sie musste an die frische Luft. Sie wollte sich ohne die Blicke der anderen im Nacken an die Arbeit machen, und sie brauchte etwas Ordentliches zu essen.

Es hatte aufgehört zu regnen. Sie ließ das Rad stehen und ging rasch an der französischen Botschaft vorbei in Richtung Kongens Nytorv. Hier lag ihr Stammlokal, Bistro Royal, das sie jeden Freitag zum Lunch aufsuchte. Heute war Montag, doch das war egal. Heute war sowieso nichts so, wie es sein sollte.

Der Restaurantchef war ein kräftiger, herzlicher Mann. Er hieß sie erfreut willkommen.

»Meine Lieblingsjournalistin«, sagte er und beugte sich zu einem Wangenkuss vor.

Heloise verdächtigte ihn, noch nie einen ihrer Artikel gelesen zu haben, doch sie freute sich über die warme Begrüßung und erwiderte sie.

»Ich bin auf jeden Fall eine hungrige Journalistin«, sagte sie lächelnd.