Leinen los, Seeräubermoses - Kirsten Boie - E-Book

Leinen los, Seeräubermoses E-Book

Kirsten Boie

4,6
12,99 €

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Beschreibung

Nase im Wind! Moses möchte wieder Seeräuber sein. Sticken und Knicksen ist nicht ihre Sache. Immer wieder denkt Moses sehnsüchtig an die Zeit zurück, als sie noch ein Seeräubermädchen auf der Wüsten Walli und keine vornehme Prinzessin war. Wie gern würde sie sich auf die Jagd nach dem gestohlenen Blutrubin machen, aber Prinzessinnen dürfen das nicht. Da trifft es sich fast günstig, dass gleich zwei Fremde behaupten, nicht Moses, sondern ihre Töchter seien die wahre Prinzessin. Mast- und Schotbruch! Da kann Moses doch gleich wieder Seeräuber werden! Das zweite Abenteuer von Kirsten Boies Seeräubermoses: Eine seeräuberstarke, super spannende und unwiderstehlich lustige Schatzsuche mit wilden Bösewichtern und echten und falschen Prinzessinnen. Mit wunderbaren farbigen Bildern von Barbara Scholz.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 403




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Diese Personen kommen in der Geschichte vor. Hier kannst du nachschlagen, wenn du dich mal nicht mehr erinnerst.

 

Käptn Klaas, ehemaliger Seeräuberhauptmann und Kapitän der »Wüsten Walli«

 

Nadel-Mattes, ehemaliger Seeräuber und Segelmacher auf der »Wüsten Walli«

 

Bruder Marten, der Smutje, ehemaliger Seeräuber und Schiffskoch auf der »Wüsten Walli«, früher Mönch

 

Haken-Fiete, ehemaliger Seeräuber und Steuermann auf der »Wüsten Walli« und leider nicht besonders schlau

 

Lütt Hein, der jüngste Sohn von Käptn Klaas und ein ziemlich frecher Bengel, ohne den manches anders gekommen wäre

 

Moses, ein Findelkind, das zuerst ein Seeräuberkind auf der »Wüsten Walli« war und dann die Prinzessin Isadora Felicia Beata Bianca geworden ist

 

Olle Holzbein, Bruder und früher größter Feind und Erzrivale von Käptn Klaas, Kapitän der »Süßen Suse« und damals auch ein sehr gefährlicher Seeräuberhauptmann

 

Hinnerk mit dem Hut, ehemaliger Seeräuber auf der »Süßen Suse«, vorher ältester und allertreuester Diener im Hause des Vaters von Käptn Klaas und Olle Holzbein

 

Dohlenhannes, früher Schiffsjunge auf der »Süßen Suse« und Moses’ allerbester Freund

 

Schnackfass, seine sprechende Dohle

 

Euter-Klaas, Schiffsziege auf der »Wüsten Walli«, die unter dem Namen Milchmarie Dohlenhannes gehört hatte, bevor Käptn Klaas sie für Moses geraubt hat

 

Der Herr König, Moses’ Vater – oder vielleicht doch nicht?

 

Die Frau Königin, Moses’ Mutter – hoffentlich!

 

Der Oberhofzeremonienmeister, der genau weiß, wie man sich bei Hofe zu benehmen hat

 

Ubbo Wutwalle, ein rauer Geselle und Häuptling aus den Ländern der Westsee, durch den es am Schluss eine ziemliche Überraschung gibt

 

Folke Ubbotochter, Tochter von Ubbo Wutwalle

 

Simon von Utrecht, Anführer der Kaufleute, die mit ihren Schiffen ausgezogen sind, die Seeräuber in Ost- und Westsee zu besiegen

 

Rosalinda Rosenduft, eine Dame, die behauptet, ein königliches Findelkind zu haben

 

Isadora Rosenduft, ihre Findeltochter, ein Mädchen, dem gute Manieren im Blut liegen

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Achtung!

Hinweis für alle, die zufällig kein Seeräuberkind sind, und Prinzessin schon gar nicht!

Diese Seeräuber mussten damals leider für alles ihre eigenen Wörter haben, und wenn du vielleicht kein Seeräuberkind bist – was ja sein kann! –, dann könnte es passieren, dass du mal eins davon nicht so gut kennst. Darum sind hinten im Buch alle Seeräuberwörter und Seeräubersachen noch mal extra aufgeschrieben und gemalt. Und Prinzessinnenwörter und -sachen auch. Nur vorsichtshalber.

Und jetzt: Viel Spaß!

Und das heißt in der Seeräubersprache:

Mast- und Schotbruch! Guten Wind und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

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1. Teil,in dem erzählt wird, wie es Moses bei Hofe ergeht

1. Kapitel

in dem Moses’ Zofe ordentlich Grundzum Seufzen hat

Es war eine wilde, stürmische Gewitternacht, als Moses zu den Seeräubern kam, aber als sie Prinzessin wurde, war es ein sonniger, warmer Sommertag, und das passt ja auch viel besser dazu.

Nun fragst du dich vielleicht, wie man so mitten im Leben plötzlich Prinzessin werden kann, schon gerade, wenn man vorher ein Seeräuberkind gewesen ist. Und vielleicht möchtest du den Trick dann ja gleich selbst nachmachen. Aber leider klappt das nicht bei jedem. Moses war nämlich in Wirklichkeit schon ihr ganzes Leben lang eine Prinzessin, sie hatte es nur nicht gewusst. Als sie noch ein winziger Säugling war, hatte Olle Holzbein mit seiner Seeräuberbande und seiner Seeräuberkogge »Süße Suse« das stolze Schiff überfallen, auf dem Moses mit ihren Eltern, dem König und der Königin, über die Meere gesegelt war; und bei der Gelegenheit hatte Olle seinem ältesten Vertrauten Hinnerk mit dem Hut befohlen, das brüllende Bündel über Bord zu schmeißen, weil Seeräuber mit einem Säugling meistens nicht so viel anfangen können.

Aber Hinnerk fand das keine gute Idee, er wollte schließlich in den Himmel kommen, wenn er mal tot war, und nicht in die Hölle, wo Kinder-ins-Wasser-Schmeißer ziemlich sicher landen würden, glaubte er, und darum hatte er Moses vorsichtshalber in eine hölzerne Waschbalje gelegt und mit einem wunderschön bestickten Tuch zugedeckt, bevor er sie behutsam über Bord ließ.

Und haargenau diese Waschbalje hatten noch in derselben Nacht Käptn Klaas Klappe und seine Männer aufgefischt, die waren Olle Holzbeins größte Feinde und Erzrivalen, und sie hatten Moses an Bord ihrer »Wüsten Walli« genommen und sie aufgezogen, als wäre sie ihr Kind, und hatten einen tüchtigen Schiffsjungen aus ihr gemacht, der Klampen belegen und die tollsten Seemannsknoten knüpfen und den Schiffsrumpf kalfatern und vor einem Sturm die Segel reffen konnte wie nichts. (Und wenn du jetzt nicht weißt, was das alles bedeutet, weil du ja vielleicht kein Seeräuberkind bist, dann kannst du es hinten im Buch nachlesen.) Und Moses wollte auch in ihrem ganzen Leben nichts anderes werden als genauso ein kühner Seeräuberhauptmann wie Käptn Klaas; und dass sie eigentlich eine kleine Dame war, störte sie dabei gar nicht.

Aber dann entdeckte sie auf abenteuerliche Weise zusammen mit ihrem Freund Dohlenhannes tief unter der Erde den Blutroten Blutrubin des Verderbens (und was es damit auf sich hat, das erzähle ich gleich noch), und in Stein gemeißelt stand an der Rückwand der Höhle, dass er einer schönen Prinzessin gehörte, die dereinst den Menschen ihres Landes Glück und Gerechtigkeit bringen würde. Darum brachten Moses und Hannes den Rubin natürlich aufs Schloss, damit die Prinzessin ihren Besitz auch bekäme, und dabei stellte sich heraus – kann man so was denn glauben? –, dass niemand anderes als Moses selbst diese wunderschöne Prinzessin Isadora Felicia Beata Bianca war und die lange vermisste Tochter der traurigen Königin und des traurigen Königs. Man stelle sich vor!

Und so hatte Moses plötzlich neue Eltern (vorher hatte sie ja schon ihr Leben lang Klaas Klappe und seine Seeräuber als Väter gehabt, und eigentlich hatten die ihr als Eltern auch genügt), und einen neuen Namen und ein ganz neues Leben hatte sie auch. Da musste sie erst mal lernen, was man als Prinzessin alles wissen muss; das war gar nicht so wenig, und manchmal vergaß sie es auch, wie du gleich merken wirst. Denn in genau dem Augenblick, in dem unsere Geschichte beginnt, versuchte Moses gerade, in ihrem Prinzessinnenzimmer ihrer Zofe das Fechten mit dem Säbel beizubringen.

»Teufel auch, verdammich!«, schrie Moses, und fluchen, das kannst du dir ja vorstellen, dürfen Prinzessinnen eigentlich auch nicht. Dazu holte sie mit dem Säbel aus, dass es in der Luft ein richtig lautes Zosch!-Geräusch gab. »Beim Klabautermann! Jetzt hab ich dir schon wieder deinen Kopf abgeschlagen, Zofe, du musst aber mal besser aufpassen, wenn ich dein Schiff geentert habe!« Das Schiff war nämlich Moses’ großes Himmelbett mit dem golden bestickten Baldachin, da kauerte die Zofe mit angezogenen Beinen auf der Bettdecke und versteckte erschrocken den Kopf in ihren Armen. »So wird ja nie ein richtiger Seeräuber aus dir!«

»Muss denn ein Seeräuber aus ihr werden, mein Kind?«, fragte da eine freundliche Stimme, und dann steckte Moses’ Vater, der König, lächelnd seinen Kopf durch die Tür. »Genügt es denn nicht, wenn deine Zofe eine gute Zofe ist, meine liebe Tochter Isadora Felicia Beata Bianca?«

»Ich heiß doch Moses!«, sagte Moses und ließ ihren Säbel sinken. »Du hast gesagt, so darf ich weiter heißen! Und ich bring ihr doch nur bei, was sie können muss, wenn sie mal zur See fahren will!«

»Hm!«, sagte der König und nahm seine Tochter in den Arm, das hatte er ja viele Jahre lang nicht tun können. »Eigentlich fahren Zofen aber nicht so oft zur See, meine kleine Moses! Zofen bedienen Prinzessinnen und stauben ihnen die Kleider aus und kämmen ihnen die Locken und kleiden sie an …«

»Locken hab ich ja gar nicht!«, sagte Moses, und das war die heilige Wahrheit. Denn als sie noch bei den Seeräubern gelebt hatte, hatte Nadel-Mattes, der Segelmacher, ihr so ungefähr alle zwei Wochen die Haare mit dem Entermesser geschnitten, damit man sie für einen richtigen Schiffsjungen halten konnte, und darum sah Moses am Kopf leider noch immer nicht wie eine Prinzessin aus, nicht mal, wenn sie sich ihre Krone aufsetzte.

»Locken hin oder her, jedenfalls soll deine Zofe dir die Haare kämmen und dich ankleiden!«, sagte ihr Vater, der König, mit einem kleinen Seufzer. »Und mit dem Säbel muss sie nun wahrhaftig nicht kämpfen können!«

Da seufzte Moses auch. »Aber ankleiden kann ich mich ja allein, seit ich alt genug bin, um Schimpfwörter zu erfinden und Pflaumenkerne zu spucken!«, sagte sie. »Das hab ich doch schon mein ganzes Leben lang getan, Königspapa, du glaubst doch nicht, dass Käptn Klaas oder Nadel-Mattes oder Haken-Fiete oder Bruder Marten, der Smutje, die Zeit gehabt hätten für solchen Tüdelüt!« Das waren natürlich die Kerle auf der »Wüsten Walli« gewesen.

Der König sah sie nachdenklich an. »Ja, du bist ein tüchtiges Mädchen, Moses, meine Tochter!«, sagte er. »Und ein tüchtiger Schiffsjunge noch dazu! Aber nun musst du eben auch noch lernen, eine tüchtige Prinzessin zu werden. Das ist schließlich ein wenig anders als Seeräuber.«

Da nickte Moses ein kleines bisschen traurig, denn manchmal sehnte sie sich eben doch zurück nach der »Wüsten Walli« und dem wilden Seeräuberleben und ihren Seeräubervätern; aber dann fiel ihr wieder ein, was in der Höhle in Stein gemeißelt gestanden hatte, und da wusste sie, dass sie sich mit dem Prinzessinsein wirklich Mühe geben musste.

»Ja, wenn ich eine schöne Prinzessin sein will, die dereinst den Menschen ihres Landes Glück und Gerechtigkeit bringt, dann muss ich wohl auch alles lernen, was man als Prinzessin können muss«, sagte sie düster. »Glück und Gerechtigkeit bringen ist ja vielleicht auch nicht schlecht, vielleicht macht das genauso viel Spaß wie Schiffe entern, beim Klabautermann«, und sie guckte nachdenklich auf ihren Säbel. »Und sowieso kann ich es nicht ändern. Wenn ich nun mal Prinzessin sein muss, dann will ich auch Prinzessin sein«, und bei diesen Worten ließ sie den Säbel einfach auf den Boden fallen, wo er in dem wunderschönen Schlossfußboden aus verschiedenfarbigen Hölzern leider eine kleine Schramme hinterließ. »Na gut.«

Da nahm die Zofe erleichtert ihre Hände vom Kopf und stieg vorsichtig von Moses’ Bett, das nun nichts anderes mehr war als ein Prinzessinnenbett, und dann machte sie vor Moses einen tiefen Hofknicks. »Darf ich Euch vielleicht etwas bringen, kleine Hoheit?«, fragte sie, und ich bin sicher, sie rechnete noch immer damit, dass ihre Prinzessin vielleicht gleich wieder den Säbel zücken würde. »Etwas zu essen oder zu trinken vielleicht? Sagt mir nur, womit ich Euch dienen kann, und schon ist es geschehen.«

»Teufel auch, Zofe!«, rief Moses. »Du sollst doch nicht immerzu einen Knicks vor mir machen! Aber bringen kannst du mir gerne was, weil ich nämlich leider nicht weiß, wo hier in diesem riesigen Schloss die Seekisten mit dem Proviant versteckt sind, sonst würde ich sie mir ja selber holen!«

Die Zofe machte gleich noch mal einen Knicks, aber dann hörte sie verwirrt damit auf. Denn eigentlich hatte sie gelernt, dass eine gute Zofe vor ihrer Herrschaft immerzu einen Knicks nach dem anderen machen muss, aber jetzt hatte ihre Herrschaft ihr ja gerade gesagt, dass sie genau das nicht tun sollte, darum wusste sie plötzlich überhaupt nicht mehr, was nun richtig war.

»Schiffszwieback!«, sagte Moses sehnsüchtig, denn Schiffszwieback hatte es auf der »Wüsten Walli« ja so ungefähr jeden Tag gegeben, so war das damals in den wilden Seeräuberzeiten auf den Schiffen, darum war Moses einfach daran gewöhnt. »Und wenn es geht, mit richtig vielen Käfern und Krabbeltieren dazwischen, so gehört es sich! Jetzt bin ich schon so lange hier auf dem Schloss, und es hat noch nicht ein Mal Schiffszwieback gegeben!«

»Krabbeltiere?«, flüsterte die Zofe erschrocken, denn sie wusste ja nicht, dass die sich an Bord der Schiffe auf langen Überfahrten damals immer im Schiffszwieback getummelt hatten, irgendwas mussten sie schließlich auch essen.

Aber noch erschrockener als die Zofe war die Königin, die trat nämlich gerade in diesem Augenblick in ihrem wunderschönen Gewand und mit der Krone auf dem Kopf durch die Tür. »Wenn du solchen Hunger hast, meine geliebte Tochter, warum befiehlst du dann nicht dem Oberhofkoch, dir ein köstliches Mahl zu bereiten?«, sagte sie und guckte ein bisschen kummervoll. Denn natürlich war die Königin überglücklich, dass sie nun endlich ihre Tochter wiederhatte, das wäre ja jede Mutter, wenn sie jahrelang geglaubt hätte, dass Seeräuber ihr Kind den Fluten überantwortet haben, und auf einmal ist es wieder da. Aber wenn sie ganz ehrlich war, hätte sie sich vielleicht doch gewünscht, dass Moses sich ein winziges bisschen prinzessinnenhafter benommen hätte, sonst musste man ja glatt Angst haben, dass sich später kein Prinz finden würde, der sie zur Frau nehmen wollte, ja, so dachten sie damals. »Komm in den Thronsaal, mein Kind, denn die Köche haben uns ein wunderbares Mahl bereitet, und gewiss keinen Käferzwieback, kleine Isadora Felicia Beata Bianca!«, und man konnte gut den Abscheu in der Stimme der Königin hören.

»Ich heiß doch Moses!«, sagte Moses da wieder, aber dann lief sie schon hinter ihrer Mutter, der Königin, her in den Thronsaal, denn ein gutes Essen ist für ein Kind, das sein Leben lang auf den Meeren gesegelt ist und jeden Tag immer nur Zwieback und Linsen und mit Glück auch mal Steckrübenmus gegessen hat, so ungefähr das Verlockendste, was es sich vorstellen kann. »Ich heiß doch Moses, ihr habt gesagt, das darf ich!«

Im Prinzessinnenzimmer aber setzte sich die Zofe erleichtert wieder auf das Himmelbett. Sie fand es wirklich gar nicht so einfach, einer Prinzessin zu dienen, die einmal ein Seeräuberkind gewesen war.

2. Kapitel

in dem ein wüster Häuptling aus den Ländern der Westsee beim Essen stört

Da saßen sie also im Thronsaal bei Tisch, der König und die Königin und ihre wiedergefundene Tochter, und vor ihnen türmten sich in den Schüsseln gekochte Zwiebeln, weil die Menschen die damals übermäßig lecker fanden, und auf den Platten Hähnchenkeulen und Schweinshaxen und Rindersteaks, und auf Holzbrettern, hübsch geformt, Berge von Brei: Hirsebrei und Haferbrei und Karottenbrei und was du dir sonst noch so vorstellen kannst; denn Brei aßen die Menschen in den alten Zeiten, bevor die Kartoffeln aus Amerika zu uns gekommen waren, ziemlich gerne. Und am Ende der Tafel warteten in kostbaren Gefäßen in Honig kandierte Früchte und Marzipan darauf, ob irgendwer nach der ganzen Schlemmerei vielleicht noch ein kleines Loch in seinem Bauch für sie übrig hatte.

»Dunnerlittchen aber auch!«, sagte Moses zufrieden, und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schnell sie sich gesetzt hatte. »Das nenne ich mal ein Festessen!«

»Es freut mich, wenn es dir schmeckt, Isadora!«, sagte die Königin, aber nachdem ihr Mann, der König, die Stirn gerunzelt und ein wenig den Kopf geschüttelt hatte, sagte sie: »Moses Isadora, stimmt, wir hatten ja gesagt, dass du immer noch Moses heißen darfst.«

»Ich bin einfach so daran gewöhnt!«, sagte Moses entschuldigend, aber es war ein Wunder, dass ihre Eltern das überhaupt verstehen konnten, sie hatte nämlich gerade von einer Schweinshaxe abgebissen und sprach darum mit einem so vollen Mund, wie du es bestimmt in deinem ganzen Leben noch nicht getan hast, das hoffe ich wenigstens; und vielleicht wunderst du dich jetzt, dass die Königin nicht zu Moses sagte, sie solle gefälligst bitte erst mal runterschlucken, bevor sie sprach, und dass Reden mit vollem Mund sich nicht gehört. Aber damals in den wilden Seeräuberzeiten hatten sie auch bei Hofe noch keine richtig guten Tischmanieren, auch wenn es mir ein bisschen peinlich ist, das sagen zu müssen; und darum sprachen sogar die Königin und der König mit vollem Mund, und ab und zu rülpsten sie zwischendurch sogar mal kurz. Ja, das ist keine schöne Vorstellung! Aber für Moses war es doch eigentlich nur gut, denn sie musste als Prinzessin ja sowieso schon genug Neues lernen, musst du bedenken, da war es doch ein Glück, dass sie sich wenigstens nicht auch noch um Tischmanieren kümmern musste.

Und gerade als Moses fand, dass sie nun wirklich genug Fleisch und Gerstengrütze und Zwiebeln gehabt hatte, und darüber nachdachte, ob sie vielleicht trotzdem noch ein kleines Stück Marzipan und ein paar kandierte Früchte obendrauf quetschen könnte, wurde die Tür aufgerissen, und der Oberhofzeremonienmeister kam in den Thronsaal gestürzt.

»Majestät!«, keuchte er, und daran konnte man ja gleich merken, dass er ordentlich aus der Puste war, so war er gerannt. »Hoheiten!« Und dabei verbeugte er sich bis fast auf den Boden, was, übrigens, für ihn gar nicht so einfach war, weil so ein Oberhofzeremonienmeister bei Hofe ja auch jeden Tag die köstlichsten Speisen und Getränke genießt und er darum einen recht stattlichen Bauch hatte, der ihm jetzt ein bisschen im Wege war. »Ein Häuptling aus den Ländern der Westsee …«

»Westsee?«, fragte der König, und: »Häuptling?«, fragte gleichzeitig die Königin; und beide ließen sie dabei ihre Hähnchenkeulen sinken und wischten sich die fettigen Hände am Tischtuch ab. Nur Moses kaute ungerührt weiter, sie wollte schließlich noch ihr Marzipan schaffen.

Und weil der Oberhofzeremonienmeister tatsächlich immer noch so schnaufte, dass es bestimmt noch ein Weilchen dauert, bevor er in Ruhe antworten kann, sage ich dir in der Zwischenzeit mal kurz, was die Westsee war, das geht nämlich schnell, weil »Westsee« nichts anderes ist als ein Wort für das Meer, das wir heute »Nordsee« nennen. Und da bleibt sogar noch Zeit, dir zu erklären, was der Oberhofzeremonienmeister mit »Häuptling aus den Ländern der Westsee« gemeint hat. Wir denken bei dem Wort »Häuptling« ja heute immer gleich an Indianerhäuptlinge, und die lebten schließlich nicht an der Nordsee, sondern im fernen Amerika, und das war zu Moses’ Zeiten noch nicht mal entdeckt. Aber im flachen Land an der Nordsee wurden die Menschen damals auch von Häuptlingen regiert, so hießen die wirklich, und das waren raue Gesellen, kann ich dir sagen, die immerzu nur kämpften und sich heute miteinander verbündeten und morgen gegenseitig die Köpfe einschlugen. Das taten die Grafen und Herzöge und Fürsten an der Ostsee natürlich auch öfter mal, aber sie taten es auf eine viel vornehmere Weise, verstehst du, und bessere Manieren hatten sie auch, selbst wenn es zugegebenermaßen bei Tisch daran haperte; und darum verachteten die Grafen und Herzöge und Fürsten an der Ostsee die Häuptlinge aus den Ländern der Westsee auch ein bisschen und hatten außerdem Angst vor ihnen (sogar mehr als ein bisschen), und dass der König und die Königin darum ihre Hähnchenkeulen sinken ließen, als sie hörten, dass so einer vor ihrer Tür stand, ist ja kaum verwunderlich.

»Aber was will er denn?«, fragte die Königin erschrocken, denn wenn ein Häuptling aus den Ländern der Westsee an ihrem Hof auftauchte, konnte man damit rechnen, dass demnächst Köpfe rollen würden, und den Gedanken fand sie gar nicht schön.

»Er will«, keuchte der Oberhofzeremonienmeister, und inzwischen finde ich, dass er wirklich gut mal ein bisschen abnehmen könnte, dann müsste er nicht immer so schnaufen und prusten, und wir müssten nicht ewig auf seine Antwort warten, »er behauptet …«

Aber zu sagen, was der Häuptling aus den Ländern der Westsee wollte und was er behauptete, dazu kam der Oberhofzeremonienmeister gar nicht mehr; denn auf einmal wurde die Tür zum Thronsaal aufgerissen (ganz ohne Anklopfen, wie es sich bei Hofe ja eigentlich gehören würde), und da stand ein Kerl, der war so groß, dass er fast nicht unter den Türrahmen gepasst hätte, breit und kräftig wie ein Bär, die gab es damals nämlich noch in unserer Gegend; und mit Haaren, so wild, dass man gleich sehen konnte, die hatte er bestimmt nicht mehr geschnitten, seit er groß genug war, um über eine Tischkante zu gucken, so lang waren sie; und gewaschen hatte er sie mindestens ebenso lange auch nicht, so verstrubbelt und verfilzt, wie sie waren. Und sein Gesicht, übrigens, sah auch nicht viel besser aus, und dass er nicht gerade nach Rosenwasser duftete, kannst du dir jetzt bestimmt auch schon vorstellen.

Aber all das erschreckte Moses kein bisschen, die war als Seeräuberkind schließlich jahrelang an die rauesten Kerle und das dollste Gemüffel gewöhnt gewesen, und darum kaute sie auch ganz zufrieden weiter an ihrem Marzipan (es passte tatsächlich noch in sie rein) und wartete gespannt darauf, was nun wohl kommen würde.

»Ubbo Wutwalle!«, grölte der Riese, und seine Stimme klang ganz genau so, wie man sie sich vorgestellt hätte, tief und laut und rau. »So, König, dann wollen wir doch mal sehen, wem der Blutrote Blutrubin in Wirklichkeit gehört!«

3. Kapitel

in dem Ubbo Wutwalle rülpst und furzt und den Blutrubin verlangt

Und bevor irgendwer im Saal auch nur anfangen konnte, darüber nachzudenken, was das denn nun wohl bitte sehr bedeuten sollte, winkte er ungeduldig mit einer Hand, so groß wie, sagen wir mal, eine Bratpfanne; und da kam hinter seinem Rücken ein Mädchen hervor, das war ungefähr genauso alt wie Moses, und ungefähr genauso strubbelige Haare wie Moses hatte es auch. Aber Moses hatte ja von ihren Vätern auf der »Wüsten Walli« gelernt, dass man sich jeden Tag mit einer Wurzelbürste die Fingernägel schrubben und mit einem alten Lappen die Ohren waschen muss, auch wenn es nur mit Meerwasser ist, und das hatte diesem Mädchen wohl niemand beigebracht. Jedenfalls sah sie genauso schmuddelig und zerzaust aus wie der wüste Kerl mit den Bratpfannenhänden, und dass der erstens der angekündigte Häuptling aus den Ländern der Westsee und zweitens wahrscheinlich ihr Vater war, das dachten sich alle im Thronsaal sofort.

»Ubbo Wutwalle, so, so«, sagte der König und räusperte sich ein wenig verwirrt, denn normalerweise stampften seine Gäste ja nicht einfach so ohne Anmeldung in sein Schloss, schon gar nicht, wenn er gerade gemütlich beim Essen saß. Aber weil ein König ein König ist und sich auskennt mit gutem Benehmen und weiß, dass man niemanden bloßstellen oder beleidigen darf, tat er so, als wäre das Verhalten des Häuptlings das Selbstverständlichste von der Welt. »Ich glaube nicht, dass wir uns bereits vorgestellt wurden, Ubbo Wutwalle? Aber offenbar ist Euer Anliegen dringlich und duldet keinen Aufschub, denn sonst hättet Ihr es ja gewiss nicht auf Euch genommen, mich beim Essen zu stören«, und dabei guckte er nun doch ein klein wenig streng. »Setzt Euch doch, Ubbo Wutwalle, und wenn Ihr mögt, langt gerne zu, die Tafel ist reich gedeckt. Erst wenn Ihr gesättigt seid, wollen wir reden, denn mit vollem Magen redet es sich besser als mit leerem, will mir scheinen«, und bei diesen Worten griff auch der König wieder nach seiner Keule und aß ruhig weiter, als ob gar nichts geschehen wäre. Und Ubbo Wutwalle machte es ihm tatsächlich nach und das strubbelige Mädchen an seiner Seite auch.

Habe ich vorhin gesagt, dass sie damals auch bei Hofe keine Tischmanieren kannten? Ja, das mag alles stimmen, aber trotzdem war das, was König, Königin und Moses (und der erschrockene Oberhofzeremonienmeister noch dazu) jetzt in ihrem eigenen Thronsaal zu sehen und zu hören bekamen, auch für sie nicht ganz alltäglich. Denn offenbar hatten ihre beiden Gäste seit Langem nichts Vernünftiges mehr zwischen die Zähne gekriegt, und sie stürzten sich auf die Platten und die Schüsseln und die Bretter und stopften sich das Fleisch und den Brei mit beiden Händen gleichzeitig in den Mund, dass kaum Zeit zum Schlucken blieb, und dabei ächzten und schmatzten sie, wie Moses es nicht mal von ihren Kerlen von der »Wüsten Walli« kannte, und die abgenagten Knochen flogen nur so durch die Gegend.

»Das war kein schlechtes Essen, König!«, sagte der raue Geselle von der Westsee mit dem lautesten Rülpser, den du dir vorstellen kannst, nachdem er seinen Blick noch einmal sehnsüchtig über die ganze Tafel hatte schweifen lassen; aber da war auf den Platten und Brettern kein Krümel mehr übrig und in den Schüsseln auch nicht, so viel hatte er zusammen mit seiner Tochter runtergeschlungen. Und als ihm klar wurde, dass wirklich nichts mehr zu holen war, rülpste er noch einmal (oder zweimal oder dreimal) kräftig, und dann streckte er die Beine weit von sich und faltete die Hände über seinem Bauch.

»Na, denn man los!«, sagte er, und dabei rülpste er sogar noch ein – hoffentlich letztes! – Mal. »Tja, König, dann mal her damit, aber fix!« Und jetzt guckte er den König an auf eine Weise, die jedem klarmachte: Da sollte es besser keinen Widerspruch geben.

Na, das konnte ja lustig werden! Deshalb beugte Moses sich auch ganz gespannt vor, denn wenn es irgendwo einen Streit gab, fand sie das immer spannend. Früher auf der »Walli« hatten sich die Kerle ja auch immerzu gestritten und Schimpfwörterwettkampf gemacht, damit sie sich nicht ständig prügeln mussten, und das war ziemlich lustig gewesen, und es hatte ihr hier an dem höflichen Hof doch ziemlich gefehlt, merkte sie gerade.

»Nun, nun, Ubbo Wutwalle!«, sagte ihr Vater, der König, beschwichtigend. »Ich stehe ja zu Eurer Verfügung! So sagt nun also, was Euer Begehr ist, dann werden wir sicher in Frieden darüber verhandeln können.«

»Oder ihr macht Schimpfwörterwettkampf!«, rief Moses.

»Schimpfwörterwettkampf!«, flüsterte da ihre Mutter, die Königin, ganz erschrocken und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, denn eine Prinzessin sollte ja natürlich eigentlich nicht mal ein einziges klitzekleines Schimpfwort kennen, dafür ist sie viel zu vornehm. Aber bevor sie ihrer Tochter das erklären konnte, fiel ihr Häuptling Wutwalle schon ins Wort.

»Papperlapapp!«, rief Ubbo Wutwalle und sprang auf. Dass dabei die Bank umkippte, auf der er bis eben noch gesessen hatte und seine Tochter mit ihm, kümmerte ihn kein bisschen. Offenbar kümmerte es ihn nicht mal, dass dabei seine Tochter von der Bank geplumpst war, na, das war vielleicht mal ein Vater. »Hast du Gerstengrütze auf den Ohren, König, oder hast du eben nicht zugehört? Ich bin gekommen, den Blutroten Blutrubin zu holen für seine rechtmäßige Besitzerin, also her damit!«

Und damit stellte er sich doch tatsächlich breitbeinig vor dem König auf und packte ihn an seiner goldenen Königskette. »Aber dalli!«, sagte Ubbo Wutwalle; und dabei zerrte er den König sogar von der Bank. Da begriff Moses, dass hier mit einem Schimpfwörterwettkampf vermutlich nichts geregelt werden konnte und dass es vielleicht gleich noch ordentlich was zu gucken geben würde.

4. Kapitel

in dem ein Schnuffeltuch gar nichts beweist

Nun ist ein König ja ein König und hat gelernt, sich in jeder Situation königlich zu verhalten; darum blieb Moses’ Vater auch jetzt immer noch ganz ruhig und beinahe freundlich, und das hätte Käptn Klaas bestimmt nicht hingekriegt, und Nadel-Mattes und Haken-Fiete und Marten Smutje hätten das auch nicht, ganz zu schweigen von dem rüpeligen Olle Holzbein. Darum war Moses schon ziemlich verblüfft über das Verhalten ihres Vaters, und am liebsten hätte sie sich selbst eingemischt; denn eigentlich fand sie, dass dem ungezogenen Ubbo jetzt mal ordentlich eins auf die Rübe gehörte. Aber dann fiel ihr wieder ein, dass sie ja gerade erst lernen sollte, sich wie eine echte Prinzessin zu benehmen, und eine echte Prinzessin hätte dem frechen Häuptling vielleicht nicht einfach eine gescheuert, dass sich der Kopf auf seinem Stängel einmal halb im Kreis gedreht hätte. Das war es nämlich, muss ich leider sagen, was Moses eigentlich vorgehabt hatte, aber nun riss sie sich doch lieber zusammen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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