Leinewebertod - Matthias Löwe - E-Book

Leinewebertod E-Book

Matthias Löwe

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Beschreibung

Der 5. Fall für Bröker, der Mr. Marple von der Sparrenburg! Bei einer Tanzshow auf dem Leineweber-Markt fällt ein Scheinwerfer aus. Als ein Techniker auf das Gerüst über der Bühne klettert, um den Schaden zu beheben, stürzt er zu Tode. Hobby-Detektiv Bröker wird zufällig Zeuge des Unfalls und ahnt: Hier stimmt was nicht! Sein Verdacht bestätigt sich, als die Polizei K.-o.-Tropfen im Blut des Toten findet. Unerschrocken geht ­Bröker allen Spuren nach. Mit dabei natürlich seine alten Freunde ­Gregor, Mütze und Charly.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Matthias Löwe • Leinewebertod

Matthias Löwe wurde 1964 in Löhne (Westfalen) geboren. Er studierte in Bielefeld und wohnte in der Teuto-Stadt – mit Unterbrechungen – von 1985 bis 1998. Nach einigen Lehrtätigkeiten in der Bundesrepublik und den Niederlanden ist er seit 2003 Professor für Mathematik in Münster.

Matthias Löwe

PENDRAGON

Kapitel 1Leineweber

„Und auf geht die Fahrt, alle Mann einsteigen! Jetzt noch besser, jetzt noch schneller! Schnallt euch fest, heute ist herrliches Reisewetter!“, tönte die durchdringende Stimme des Ausrufers über den Rathausplatz. Hier, direkt vor dem Eingang zur Bielefelder Altstadt, stand ein Ungetüm von einem Fahrgeschäft, das passenderweise den Namen Jekyll & Hyde trug. Es bestand lediglich aus zwei 20 Meter langen Armen, an deren Enden bewegliche Körbe für die Fahrgäste befestigt waren.

„Das Ding ist mega! Das lasse ich mir nicht entgehen, da muss ich mit!“, schrie Gregor in Brökers Ohr, um die Stimme des Rekommandeurs zu übertönen. Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht und seine schwarzen Augen funkelten erwartungsfroh.

„Das wirst du schön bleiben lassen!“, entgegnete Bröker und sah seinen um mehr als 20 Jahre jüngeren Freund entsetzt an. „Das ist doch lebensgefährlich, ich will dich schließlich noch ein bisschen als Mitbewohner behalten. Mir wird ja schon vom Hingucken schlecht!“

„Dann schau halt weg!“, lachte Gregor. „Du weißt ja: Ich habe dich wirklich gern, Bröker, und ich will nicht, dass dir übel wird. Aber du kannst mich nicht davon abhalten mitzufahren.“ Er drehte sich um, und winkte Bröker noch einmal zu. „Wenn du willst, geh doch schon mal zum Riesenrad vor und dreh eine Runde, auf dieses Seniorenkarrussel stehe ich nämlich nicht so! Am besten treffen wir uns in einer halben Stunde wieder. Dann habe ich auch noch Zeit für eine zweite Fahrt“, rief er ihm gegen den Lärm der Menschenmassen zu.

Dann sah Bröker, wie sein junger Freund am Kassenhäuschen anstand und ein Ticket kaufte. Als Gregor eine der beiden Gondeln bestieg, wandte sich Bröker mit einem Kopfschütteln ab. Sein Mitbewohner hatte seinen eigenen Kopf. Nach den fast neun Jahren, die sie nun schon eine Hausgemeinschaft in Brökers Stadtvilla an der Sparrenburg bildeten, war das für ihn keine Überraschung mehr. Dennoch fiel es ihm gerade jetzt schwer sich einzugestehen, dass Gregor mit seinen mehr als 26 Jahren kein Kind mehr war, sondern ein junger Erwachsener, der genau wusste, was er wollte.

„Jetzt geben wir Gas, das wird lustig, jetzt gibt’s Action!“, hörte Bröker erneut die Stimme des Ausrufers, als sich der eine der beiden Krakenarme langsam hob und sich die daran hängende Gondel zu drehen begann.

Mit Grauen wandte er sich ab. Bröker hatte nicht übertrieben: Er würde sich Gregors Fahrt in dem Horrording wirklich nicht ansehen können, eher würde er selbst mitfahren und auch dafür hätte man ihm einen hohen Preis bieten müssen. Er vernahm noch das halb erregte, halb erschrockene Schreien der Fahrgäste, als die Umdrehungen des Ungetüms schneller wurden. Eine Frauenstimme kreischte: „Ich will aussteigen, anhalten, es ist nicht mehr lustig!“ – dann hatte Bröker den Platz verlassen und die Menschenmenge, die sich über den Altstädter Kirchplatz wälzte, saugte ihn auf.

Jetzt, da er ihn nicht mehr sah, machte sich Bröker um seinen Mitbewohner weit weniger Sorgen. Es würde schon alles gut gehen und in einer halben Stunde würde er ihn vor dem Riesenrad am anderen Ende der Fußgängerzone wiedersehen. Diese uralte Kirmesattraktion kam mit ihrer behäbigen Gemütlichkeit und ihrem großartigen Ausblick über die Stadt, in der er nun schon beinahe ein halbes Jahrhundert lebte, Brökers Temperament viel mehr entgegen als die modernen Fahrbetriebe, in denen er sich stets dem Tod näher wähnte als dem Leben. Ja, auf das Riesenrad hatte er sich heimlich schon den ganzen Tag gefreut.

Bröker blieb stehen und atmetet tief ein: Es war Ende Mai, doch es roch nicht nach der Blütenpracht, die es an diesem Spätnachmittag im Frühling überall zu sehen gab. Stattdessen war die Luft schwer vom Duft nach gebratenem Fleisch, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte: Es war Leinewebermarkt. Und wenn ihm auch sonst größere Menschenansammlungen eher suspekt waren, wenn sie sich nicht in einem Fußballstadion befanden, so liebte Bröker dieses Volksfest in der Bielefelder Innenstadt heiß und innig. Fahrgeschäfte, Essensstände, Musik, Kultur – alles wurde ihm hier geboten.

Apropos Essen, kam es ihm in diesem Moment in den Sinn: Wieso sollte er seine Zeit ohne Gregor nicht dazu nutzen, eine oder zwei Bratwürstchen zu sich zu nehmen, ohne dabei den Sticheleien seines Mitbewohners ausgesetzt zu sein? Gregor hatte ihm erst neulich erklärt, mit einem Body-Mass-Index von 35 oder mehr sei man nicht mehr mollig, da sei man einfach dick. An dem besorgten Unterton dabei hatte Bröker allerdings bemerkt, dass der Junge sich Sorgen zu machen schien, die er wie so häufig hinter einer flapsigen Bemerkung verbarg. Du stirbst eben, weil du aus der Achterbahn fliegst und ich, weil ich es mir gutgehen lasse, erwiderte Bröker in diesem Augenblick in Gedanken. Er ärgerte sich kurz, dass ihm diese Antwort nicht schon früher eingefallen war und beschloss, sie sich für Gregors nächsten Kommentar zu merken. Dann stellte er sich in der Schlange vor einer Würstchenbude an.

Zehn Minuten später hatte er nicht nur drei Bratwürstchen vertilgt, er hielt auch einen Halbliterbecher Pils in seinen Händen. Und auch wenn er den schon zur Hälfte geleert hatte, erschwerte er ihm trotzdem den Weg durch den immer dichter werdenden Besucherstrom.

Vor der Bühne am Alten Markt sah er ein altes Ehepaar, das Handzettel verteilte. Bestimmt war es irgendein 450-Euro-Job, den sie angenommen hatten, um ihre Rente aufzubessern, dachte Bröker und hatte Mitleid. Ohne auf den Inhalt zu achten, nahm er sich eines der Flugblätter, faltete es und steckte es in die Hosentasche. Viel würden sie davon hier ohnehin nicht loswerden. Freundlich lächelte er den beiden zu und beschleunigte seinen Schritt. Vielleicht könnte er die restliche freie Zeit sinnvoll nutzen und noch ein Brötchen mit Steak verdrücken – sein Bier war mittlerweile auch schon leer.

Entschlossenen Schrittes bog er in die Obernstraße ein. Dort gab es einen Fleischstand, der immer besonders gut gewürzte Stücke hatte. Ein lautes Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Gruppe von fünf männlichen Jugendlichen, die dem Alkohol schon mehr zugesprochen hatten als es ihnen guttat, stand wenige Meter von ihm entfernt und zeigte mit dem Finger auf Bröker.

„Du hast dein Kind verloren, vielleicht solltest du es suchen!“, grölte einer von ihnen, kam näher und schlug ihm auf die Schulter.

Bröker stutzte. „Was für ein Kind? Ich habe gar kein Kind!“, stotterte er verdattert.

Die Gruppe grölte noch lauter. „Ach nein?“, rief der längste von ihnen. „Und wer hat dir dann das hier geschenkt?“. Dabei stupste er mit dem Finger gegen Brökers Brust.

Instinktiv griff der sich an den Bauch. Der andere wollte doch wohl keine Schlägerei anfangen? Er spürte ein Band mit einem schweren Gegenstand daran und er atmetet erleichtert auf. Richtig: Er hatte sich ja das Lebkuchenherz umgehängt, das ihm Gregor gleich zu Beginn ihres Ausflugs gekauft hatte. „Dem besten Papi der Welt“, stand darauf.

Beschämt wandte Bröker sich ab. Der Appetit auf ein Steak war ihm für den Augenblick vergangen. Überhaupt wäre es vielleicht gut, sich eine kleine Pause von den vielen Menschen zu gönnen. Am Bunnemannplatz gab es stets eine Sport- und Kulturbühne und obwohl viele Darbietungen dort sehenswert waren, gab es oft bei weitem nicht so viel Publikum wie in der Obernstraße, am Alten Markt oder vor dem Rathaus. Das war ein guter Ort, um wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen. Anschließend konnte er vielleicht noch rasch einen Happen auf dem Klosterplatz essen, auf dem es in diesem Jahr einen Street-Food-Markt gab. Wenn er dabei nicht zu lange trödelte, würde er so immer noch rechtzeitig vor dem Riesenrad einzutreffen, um Gregor nicht zu verpassen. Zufrieden mit diesem Entschluss setzte sich Bröker wieder in Bewegung.

Fünf Minuten später hatte er die anvisierte Kultur- und Sportbühne erreicht. Gerade lag der Schwerpunkt wohl mehr auf Kultur. Ein Mann saß einsam auf der Bühne und deklamierte von einem Barhocker aus einen Text, den er aus einem Buch vorlas, dessen Titelseite ein Bild der Sparrenburg zierte. Als er die ersten Sätze gehört hatte, begriff Bröker, dass es sich um einen Krimi handelte, der in seiner Heimatstadt spielte und dessen Protagonist ein alleinstehender Herr war, der im Alleingang Mordfälle löste. Was für eine skurrile Idee, grinste Bröker innerlich. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass man bei so einer Recherche die richtigen Freunde ebenso dringend benötigte wie einen guten Riecher, wenn man erfolgreich sein wollte. Nun, es war eben Fiktion. Dennoch schienen die Krimis des Autors Anklang zu finden, jedenfalls hatten viele der Zuschauer ein Buch mit dem Bielefeld-Cover unter dem Arm und ein paar trugen sogar T-Shirts mit dem Namen des Titelhelden auf der Brust. Bröker lachte – zumindest das wäre in der Realität unrealistisch.

Doch offenbar hatte der Autor nicht nur Fans: „Bielefeld gibt es doch gar nicht!“, grölte in diesem Augenblick ein junger Mann aus einer der hinteren Reihen. Allem Anschein nach war das kein Ostwestfale und besonders helle war er auch nicht – vielleicht ein Münsteraner, mutmaßte Bröker. Die Zuschauer um ihn herum begannen missmutig zu murren.

Der Autor aber reagierte schlagfertig. „Darum ist Bielefeld ja so ein perfekter Ort für einen Krimi“, lächelte er und das Lachen des Publikums begleitete seine Äußerung. „Vielleicht ist das auch ein gutes Schlusswort“, fuhr er fort. „Ich habe ohnehin nur noch eine Minute. Ich bedanke mich also für Ihre Aufmerksamkeit und sollte es Ihnen gefallen haben, würde ich mich freuen, wenn Sie meine Bücher auch kauften!“ Unter dem Applaus der Zuschauer verließ er die Bühne.

Auch Bröker klatschte. Ein Bielefeld-Krimi, dachte er, was für eine großartige Idee. Nun wieder mit deutlich mehr Energie als ein paar Minuten zuvor, wandte er sich um und wollte seine Schritte in Richtung Klosterplatz lenken.

„Als Nächstes folgt wieder eine sportliche Darbietung auf dieser Bühne“, vernahm er noch die Stimme einer Ansagerin. „Die Zumba-Gruppe der Lady-Power-Lounge wird uns unter der Leitung ihrer Trainerin Bianca Ebbesmeyer einen kleinen Einblick in das Workout geben, das Interessierte in diesem Studio erwartet. Wie der Name schon sagt, richtet sich dieses Angebot natürlich vor allem an die Frauen unter Ihnen.“

Bröker hielt inne. Bianca Ebbesmeyer: Er brauchte nicht lange in seinem Gedächtnis zu kramen, um diesen Namen richtig einzuordnen. Es mochte vier oder fünf Jahre her sein, dass er der Dame, die von ihren Mitarbeiterinnen auch Bombi genannt wurde, bei seinen Ermittlungen in einem früheren Fall über den Weg gelaufen war. Sie besaß schon damals ein kleines Imperium von Fitnessstudios für Frauen, das sich über ganz Nordrhein-Westfalen verteilte. Kurzzeitig hatte Bröker die Fitnesstrainerin sogar verdächtigt, in den Mord an einem Bankangestellten verwickelt zu sein. Unter dem Vorwand, sich ohnehin als Frau zu fühlen, hatte sich Bröker eine Probestunde in der Bielefelder Filiale des Sportstudios erschlichen, um zu recherchieren. Dort hatte er gelernt, dass Workout nicht bedeutete, dass er draußen arbeiten musste. Leider war dann alles aus dem Ruder gelaufen und Bröker hatte von Glück sagen können, dass ihn Bombi nicht auf die Straße gesetzt hatte.

Interessiert drehte er sich wieder zur Bühne um. War das nicht eine gute Gelegenheit zu sehen, wie die Übungen in den Lady-Power-Lounges aussahen, wenn sie von trainierten Sportlern und nicht von ihm selbst ausgeführt wurden? In diesem Moment betraten zwölf Frauen unter Bombis Leitung die Bühne. Während die Inhaberin der Fitnessclubs ihre kompakte Gestalt in einen schwarzen Trainingsanzug gehüllt hatte, steckten die übrigen Tänzerinnen in hautengen rosafarbenen Trikots. Richtig, fiel es Bröker ein, diese Bonbonfarbe war ja eines der Markenzeichen von Bombis Studios. Wie die Trikots zeigten, waren die Tänzerinnen eine wie die andere durchtrainiert.

Die Frauen nahmen Aufstellung, Bombi in vorderster Position, die Scheinwerfer richteten sich auf sie, aus den Lautsprechern am Rande der Bühne kamen die ersten Beats eines Techno-Rhythmus. Auch wenn dies überhaupt nicht sein Musikstil war, schob sich Bröker ein paar Reihen weiter nach vorn. Bombis Auftritt wollte er sich nicht entgehen lassen. Diese Entscheidung würde er noch bereuen.

Kapitel 2Fall …

„Itz, itz, itz!“, dröhnte der Beat aus den Lautsprecherboxen so laut, dass er sogar die Durchsagen der Ausrufer der nahen Fahrgeschäfte übertönte. Ohne es zu wollen, begann Bröker mit dem Fuß zu wippen. Die Frauen auf der Bühne stellten sich breitbeinig hin, streckten die linke Faust in die Höhe und warteten auf ein Kommando.

„Und eins, zwei, drei, vier!“, zählte Bombi an. Die Frauen spannten ihre Körper. Gleich würde ihre Darbietung beginnen.

„Halt, halt, halt, halt!“, unterbrach Bombi die Vorbereitungen in diesem Augenblick. Schlagartig verstummte der mitreißende Rhythmus. Die Tänzerinnen blickten einander verwirrt an. Den Zuschauern ging es nicht anders. Es wurde merkwürdig ruhig auf dem Bunnemannplatz. Auch Bröker zog die Stirn in Falten. Was hatte Bombi davon abgehalten, mit der Show anzufangen?

„Ja, wen haben wir denn da?“, ertönte ihre rauchige Stimme auch schon wieder von der Bühne. Die Inhaberin der Fitnessclubs zeigte mit ausgestrecktem Arm ins Publikum, zu Brökers Schrecken sogar in seine Richtung. Er blickte sich um. Hatte sie einen Freund entdeckt? Vielleicht einen bekannten Sportler oder Politiker?

„Wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich einer der bekanntesten Bielefelder in unserer Mitte!“, verkündete Bombi so, dass jeder es hören konnte. Bröker drehte sich um, konnte aber niemanden erkennen. War es möglich, dass sie ihn meinte? Dass sie sich nicht nur an ihn erinnerte, sondern ihn auch inmitten der Menge erkannt hatte?

„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir den Mister Marple von der Sparrenburg, begrüßen Sie Bröker!“, zerstreute die Fitnesstrainerin nun auch die letzten Zweifel.

Bröker bemerkte, wie er rot anlief. Er mochte es gar nicht, im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. In Augenblicken wie diesen verwünschte er den Erfindungsreichtum Charlys, einer befreundeten Journalistin von der Neuen Westfälischen, auf die sein Beiname – Mister Marple von der Sparrenburg – zurückging und die ihn nach jedem gelösten Fall aufs Neue ausgrub. Zudem begann Bröker zu ahnen, dass diese Situation nicht gut für ihn ausgehen würde.

„Sie müssen wissen: Obwohl Herr Bröker vom Geschlecht her nicht ganz unserer Zielgruppe entspricht, hat er vor Jahren einmal ein Probetraining bei uns absolviert“, erklärte Bombi dem gespannten Publikum weiter. „Wie soll ich sagen? Es hat sich gezeigt, dass er einen gewissen Trainingsrückstand hatte.“ Sie lachte heiser. „Ich schweige natürlich über die Details – auch wir Fitnessunternehmer kennen schließlich so etwas wie ein Beichtgeheimnis – nur so viel verrate ich: Er musste das Training vorzeitig abbrechen.“

Vereinzeltes Kichern aus dem Publikum untermalte die Schilderung Bombis. Bröker wollte sich vor Scham am liebsten hinter der nächsten Würstchenbude verstecken, aber die Blicke der Leute waren schon auf ihn gerichtet.

„Jedenfalls denke ich, dass es eine gute Idee wäre, zu sehen, ob Bröker seinen Konditionsrückstand inzwischen aufgeholt hat“, erklärte die Trainerin mit süffisantem Grinsen.

Wieder lachte das Publikum. Diesmal war darin deutlich Zustimmung zu erkennen.

„Bröker, komm doch zu uns auf die Bühne!“, forderte die Vortänzerin ihn auf.

Bröker hob abwehrend die Hände und machte Anstalten den Platz zu verlassen. „Ich muss weiter, ich bin verabredet“, murmelte er entschuldigend, aber niemand hörte ihn. Er bemerkte, wie das Publikum ihn immer weiter nach vorne in Richtung Bühne schob. Sich zu sträuben war zwecklos, die Masse war einfach stärker als er. Als er vor dem Podium stand, griffen ihn links und rechts jeweils ein starkes Paar Arme. Bröker guckte hinter sich. Dort standen – ebenfalls in rosa gekleidet – zwei von Bombis Muskelfrauen. Sie überragten Bröker um etliche Zentimeter und unter den Trainingsjacken wölbten sich beeindruckende Muskelberge. Bröker wusste, wann er verloren hatte. Hier war jede Gegenwehr sinnlos. Widerstandlos ließ er sich auf die Bühne heben.

„Applaus für den Bielefelder Meisterdetektiv auf ganz ungewohntem Terrain, auf unserer Kunst- und Kulturbühne!“, feuerte Bombi unterdessen das Publikum weiter an. Dieses reagierte frenetisch.

„Du siehst, Bröker, die Leute wollen, dass du bei unserer kleinen Show mitmachst!“ Bombis Lachen dröhnte tief über den ganzen Bunnemannplatz und war vermutlich auch noch am Rathaus zu hören. Hoffentlich bekam Gregor nichts von seinem Dilemma mit. Er würde die Situation vermutlich aus der Distanz genießen und später jedem davon erzählen, der es hören wollte. Zu allererst natürlich Charly, die vielleicht auch von diesem Ereignis in der Neuen Westfälischen berichten würde, und Mütze, einem Hauptkommissar, den Bröker bei den Heimspielen der Bielefelder Arminia kennen und schätzen gelernt hatte.

„Hey, träumst du?“ Bröker war so in Gedanken versunken, dass die Fitnesstrainerin er für einen Moment lang ausgeblendet hatte.

„Entschuldige, ich habe dich nicht richtig verstanden. Ist ja so laut hier“, erwiderte er und registrierte irritiert, dass auch diese Antwort von den Lautsprechern durch die ganze Stadt geblasen wurde.

„Ich sagte: In den Klamotten kannst du ja unmöglich an unserer Show teilnehmen!“, wiederholte Bombi.

„Das tut mir leid, dann gehe ich wohl besser wieder“, antwortete Bröker prompt. Er wusste nicht, was an seiner braunen Cordhose und dem beigen Poloshirt auszusetzen war. Aber in seiner Stimme schwang eine ordentliche Portion Erleichterung mit, als er sich anschickte, die Bühne über einen Abgang an der Seite wieder zu verlassen.

„Das könnte dir so passen!“ Bianca Ebbesmeyers Lachen war inzwischen in seinem satten Bass angekommen. „Nein, nein, mein Freund, geh einfach einen Moment zu Jasmin und Daggi hinter die Bühne. Die helfen dir dann schon weiter – wir machen uns unterdessen schon einmal warm.“

Wie ferngesteuert tat Bröker, wie ihm geheißen. Als er den Backstage-Bereich betrat, hörte er, wie auf der Bühne wieder die Technorhythmen erklangen. Ihn hingegen erwarteten die beiden Muskelfrauen, die ihn auch schon auf der Tribüne abgesetzt hatten.

„Hi, ich bin Daggi!“, stellte sich die Dunkelhaarige der beiden vor. „Und Bombi hat recht, in Cordhose und Polohemd kannst du echt nicht auftreten. Schon gar nicht in den Farben!“

„Du brauchst was in Rosa!“, pflichtete ihr Jasmin bei. „Soll ja so aussehen, als gehörst du zu uns.“ Sie zog sich wie beiläufig ihre Trainingsjacke aus. Darunter wurde ein hautenges Trikot sichtbar – natürlich war es auch rosa. Sie warf Bröker die Sportjacke zu. „Die müsste eigentlich passen“, kommentierte sie dazu. „Aber meine Hose kriegst du nicht, die ist dir wahrscheinlich sowieso zu eng!“

„Die will ich auch gar nicht!“, erwiderte Bröker.

Bevor er auch die Jacke wieder zurückgeben konnte, hatte Daggi ihre Sporttasche geöffnet und wühlte darin herum. „Ich glaube, ich habe da was für dich“, sagte sie triumphierend und zog eine rosafarbene Gymnastikhose hervor. „Probier die mal an, die sieht nur so eng aus, aber der Stoff ist super dehnbar!“, forderte sie Bröker auf.

„Nein!“, protestierte der. Dann wurde ihm klar, dass dies kein Vorschlag der Muskelfrau war.

„Na los, zieh sie schon an!“, drängte ihn Daggi.

Noch einmal warf Bröker einen Blick auf ihre Muskeln, dann gab er klein bei. Ohne weiter zu widersprechen, streifte er Cordhose und Poloshirt ab, vergaß dabei auch das Lebkuchenherz nicht und schlüpfte in das rosa Outfit der Lady-Power-Lounges.

„Und jetzt ab mit dir auf die Bühne, sonst ist die Show zu Ende, bevor du deinen ersten Schritt getanzt hast!“ Mit einem energischen Schubs beförderte Jasmin Bröker ins Rampenlicht.

Der stolperte auf das hölzerne Podest. Wieder hörte er Lacher aus der Gruppe der Zuschauer, die lauter wurden, als die Musik verstummte.

„Bröker, Bröker, die Mädels haben dich ja fein hergerichtet, richtig fesch!“, war Bombis Stimme wieder zu vernehmen. Das Publikum johlte dazu begeistert.

Bröker versuchte zu sehen, ob sich Gregor in der Menge befand, blickte aber versehentlich in einen Scheinwerfer. Für einen Moment lang sah er gar nichts mehr, dann genas er von seiner vorübergehenden Blindheit – und wünschte sofort, sie hätte angedauert. Hinter Bombi, die etwa zwei Meter von ihm entfernt stand, befand sich ein mannshoher Spiegel, den Bröker zuvor übersehen haben musste. Und aus diesem Spiegel blickte ihn ein überdimensionales rosa Knallbonbon an. Das konnte doch unmöglich er sein: Die Trainingsjacke spannte über seinem Bauch und drohte jeden Moment zu platzen und unter der engen Gymnastikhose zeichnete sich jedes Speckröllchen ab. Seine dunkelrote Gesichtsfarbe harmonierte auffällig gut mit der Schweinchenfarbe des Trainingskostüms.

„Sie sehen, meine Damen und Herren, heute wird Ihnen einiges geboten“, schaltete sich die Fitnesstrainerin wieder ein. „Auch wenn Sie bisher gemeint haben sollten, unseren Mister Marple zu kennen: So haben Sie ihn bestimmt noch nie gesehen!“

Wieder lachten die Zuschauer, gleichzeitig setzte die Musik wieder ein.

„Und wenn Sie dachten, Sie seien für unsere Studios vielleicht etwas zu füllig, können Sie sich hier vom Gegenteil überzeugen: Unsere Outfits passen jedem und wir haben auch für jeden die richtige Übung“, übertönte Bombi die anschwellenden Rhythmen. „Und nun wollen wir sehen, wie Bröker sich in unserer Choreografie schlägt!“, fuhr sie fort und dann an ihre Tänzerinnen gewandt: „Aufstellung!“

Die zwölf jungen Frauen bildeten Dreierreihen hinter der Vortänzerin. Bröker stand verdattert in ihrer Mitte.

„Du stellst dich neben mich!“, befahl Bombi leise und zerrte ihn in die erste Reihe. „Mach einfach alles genauso wie ich!“ Sie stellte sich breitbeinig auf und reckte die linke Faust in die Höhe. „Eins, zwei, drei, vier!“, begann sie wie wenige Minuten zuvor.

Vielleicht war es die Kommandostimme Bombis, vielleicht auch der mitreißende Beat, jedenfalls gehorchte Bröker instinktiv und versuchte sich auf den Rhythmus zu konzentrieren.

„Du muss die Faust hochstrecken“, zischte die Blonde hinter ihm.

Richtig, das hatte er in der Aufregung ganz vergessen. Kurz zögerte er. Sollte er sich nicht besser einfach von der Bühne schleichen? Aber nun, da er einmal im Rampenlicht stand, war sich zu drücken keine Option. Er würde von allen gesehen werden. Nein, die Blöße wollte er sich nicht geben. Schnell reckte er die Faust in die Luft.

„Die andere!“, korrigierte ihn seine Mittänzerin.

Sofort ließ er die rechte Faust wieder sinken und streckte stattdessen die linke in die Höhe. Dabei verpasste er, dass Bombi inzwischen begonnen hatte mit kraftvollen Schritten auf der Stelle zu schreiten und dabei die Ellbogen in Richtung der Knie zu ziehen.

„Marschieren!“, zischte eine andere Stimme. Diesmal kam sie von hinten rechts.

Bröker marschierte. Dabei wurde er den Gedanken nicht los, dass das bei den jungen Frauen ungleich eleganter aussah als bei ihm. Aus gutem Grund hatte er den Militärdienst verweigert, auch damals hatte er sich mit dem Gedanken, marschieren zu müssen, nicht anfreunden könnten. Er merkte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat, doch alle Mühe half nichts, er war einfach nicht im Takt. Hoffentlich fiel dem Publikum das nicht so auf. Ein Blick nach vorne belehrte Bröker eines Besseren. Die Leute lachten, einige zeigten sogar auf ihn. Kein Wunder, dachte er: Nicht nur, dass seine Schritte nicht zur Musik passen wollten, die Tänzerinnen hatten inzwischen auch aufgehört, auf der Stelle zu schreiten und tanzten stattdessen schwungvoll nach links und nach rechts. Beinahe hätte Bombi ihn gerammt.

„Los, beweg dich!“, rief sie ihm zu. Im Gegensatz zu Bröker wirkte sie kein bisschen angestrengt – ja, sie schien sogar noch Zeit zu haben, sich an Brökers Darbietung zu erfreuen.

Gerade vollführte das ganze Ballett eine schwungvolle Drehung. Da konnte er ja wieder einsteigen, beschloss Bröker und drehte sich ebenfalls. Natürlich in die falsche Richtung. Zudem geriet sein Schwungbein unglücklich hinter sein Standbein. Er wankte, strauchelte und landete mit einem Platsch auf seinem Allerwertesten. Trotz des dröhnenden Beats konnte er das Kichern der Zuschauer bis auf die Bühne hören. Bröker beschloss liegenzubleiben. Vielleicht konnte er sich ja einfach totstellen.

In diesem Moment übertönte ein lautes Krachen Gelächter und Musik. Dann folgte eine tiefe Stille. Nun waren wieder die Ansager von den Fahrgeschäften am Rathausplatz zu hören. Die Musik, die eben noch ohrenbetäubend die Bühne beschallt hatte, schwieg.

Was war das?, fragte sich Bröker. Ob seine Hose bei der kühnen Drehung gerissen war? Nein, das konnte unmöglich einen solchen Knall gegeben haben. Ihm fiel auf, dass es nicht nur still auf der Bühne war, sondern auch erheblich dunkler als zuvor.

„Meine Damen und Herren, uns sind die leider die Lautsprecher und zwei Scheinwerfer durchgebrannt“, meldete sich Bombi zu Wort. Obwohl sie ihre Stimme anstrengte, war sie ohne die Lautsprecher wahrscheinlich nur in den ersten Reihen zu verstehen. „Bitte haben Sie einen Moment Geduld, der Schaden wird sofort repariert.“

Doch damit leitete sie nur die nächste Katastrophe ein.

Kapitel 3… auf Fall

Die Ansagerin, die Bombis Auftritt angekündigt hatte, sprang auf die Bühne, ohne jedoch ein Wort zu sagen. Stattdessen gestikulierte sie in Richtung eines Bierstandes, der sich am Ausgang des Bunnemannplatzes zur Obernstraße befand.

Nach ein paar Augenblicken erhob sich dort tatsächlich ein schlaksiger, junger Mann im Blaumann von einer der Klappbänke. Seine Freunde, mit denen er dort gesessen hatte und die sich anscheinend auf einen entspannten Abend eingestellt hatten, beklatschten die Tatsache, dass er nun arbeiten musste, mit höhnischem Applaus.

„Los Jan, dein großer Einsatz“, kommentierte einer von ihnen lachend.

„Meine Damen und Herren, bleiben Sie bei uns! Es dauert nur ein paar Minuten, dann geht es hier sofort weiter.“ Indem sie Bombis Worte beinahe wortwörtlich wiederholte, versuchte die Ansagerin das Publikum bei Laune zu halten, während sich der Techniker durch die Menschenmenge nach vorne drängte. Sie drang damit aber ebenso wenig in die hinteren Reihen vor wie die Fitnesstrainerin.

Bröker beobachtete den Elektrofachmann, wie er sich der Bühne näherte. Täuschte er sich oder schwankte der junge Mann? Hatte er vielleicht dem Bier während der Wartezeit zu fleißig zugesprochen? Ach Unsinn, beruhigte Bröker sich, es war vermutlich nicht das erste Fest, bei dem der Techniker im Einsatz war, und er würde wissen, wie viel er trinken durfte.

Der Elektriker ging zu einem Sicherungskasten neben der Bühne, öffnete ihn und begann in seinem Inneren herumzufingern. „Ist gleich wieder alles in Ordnung“, rief er der Ansagerin dabei zu. Bröker fand, dass die Sprache des jungen Mannes ein wenig verwaschen war.

Einen Lidschlag später tauchte der Kopf des Technikers wieder aus dem Sicherungskasten auf. „Also mit den Sicherungen ist alles okay“, erklärte er.

„Licht und Ton gehen aber immer noch nicht“, entgegnete Bombi lakonisch.

Der Mann, den seine Freunde Jan genannt hatten, seufzte vernehmlich. „Dann gibt’s nur eins: Ich muss nach oben.“ Er schloss den Sicherungskasten wieder und ging auf die Bühne zu.

Diesmal hörte Bröker genau auf seine Aussprache: Kein Zweifel, der junge Mann wirkte deutlich angeschlagen. Besorgt fragte er sich, was der Blaumann mit ‚nach oben‘ gemeint hatte. Ein paar Augenblicke später wusste er es: Mühsam begann der Elektriker sich an einem der Masten hochzuarbeiten, an dem die Scheinwerfer und Lautsprecher angebracht waren. Mit angehaltenem Atem beobachtete Bröker ihn dabei, jeden Handgriff, jedes Haltsuchen des Mannes verfolgte er, ja, er vergaß sogar für einen Moment, dass er selbst in einem schweinchenfarbenen Aufzug auf einer Bühne mitten in der Bielefelder Innenstadt stand. Zum Glück erging es den meisten Zuschauern auf dem Bunnemannplatz ebenso.

Als er in etwa vier Metern Höhe über Bröker schwebte, wurden die Bewegungen des Technikers noch unsicherer. Zaghaft blickte er in die Tiefe. Sicher hatte er Angst, vielleicht machte sich der Alkohol, den er wahrscheinlich getrunken hatte, in der Höhe noch deutlicher bemerkbar. In diesem Moment versuchte Jan die nächste Strebe des Mastes zu fassen, zögerte und griff daneben.

„Hui, das war knapp!“, kommentierte er, während er sich mühsam wieder fing. Dabei stieß er ein halb erschrockenes, halb irres Lachen aus. Inzwischen war sich beinahe jeder des Ernstes der Lage bewusst.

„Jan, pass auf und halt dich gut fest!“, riet ihm einer der Freunde zu, mit denen er an der Bierbude gesessen hatte. Die hätten ihn besser davon abhalten sollen, so viel zu trinken, dachte Bröker. Auch jetzt, da ihr Kumpel schwankend in immer größere Höhen kletterte, schien keiner von ihnen eingreifen zu wollen. Wahrscheinlich waren sie von den Geschehnissen ebenso in Bann gezogen wie die anderen Besucher auf dem Platz.

„Klar, sicher doch, alles cool, Mann“, gab sich der Techniker selbstbewusst. Doch auch sein nächster Schritt ging fehl und er strauchelte erneut. „Ist ganz schön windig hier oben!“, kommentierte und lachte er wieder. „Aber es ist ja nicht mehr weit.“

Damit hatte er zweifelsohne Recht – der Scheinwerfer war nur noch zwei, drei Handbreit von ihm entfernt. In einer letzten Anstrengung beugte er sich nach vorne und griff nach dem Strahler.

„Hab ich dich“, lallte er triumphierend, als er dessen Kabel in den Händen hielt. Mühevoll zog er aus seinem Blaumann einen Schraubenzieher hervor und versuchte die Rückwand der Lampe zu öffnen. Doch sein Zustand und die Entfernung zu dem Strahler machten es ihm nicht leicht, die richtigen Handgriffe zu auszuführen. Dreimal rutschte er mit dem Werkzeug ab.

„Das kleine Mistding ist einfach zu weit weg“, rief er nach unten und versuchte, noch näher an den Schweinwerfer heranzurobben.

Das Publikum auf dem Bunnemannplatz stöhnte auf. Inzwischen war es beinahe jedem egal, ob die Scheinwerfer und Lautsprecher funktionierten, wenn nur der Techniker die Aktion überstand. Der zog sich mit zwei Armzügen in Richtung des defekten Strahlers, dann, beim dritten Armzug, geschah es: Wieder griff Jan ins Leere, versuchte nachzufassen und verpasste auch diesmal das Metall des Masts.

„Nein!“, rief einer seiner Freunde, bevor der junge Mann begriffen hatte, was geschah.

Der Techniker taumelte, versuchte sich mit einem letzten Griff festzuhalten, doch es war zu spät: Mit einem Schrei stürzte er in die Tiefe. Dumpf prallte er auf dem Boden auf. Wie ein Echo wiederholte das Publikum den Schrei – dann ummantelte tiefes Schweigen den Platz.

Bröker erlebte diese Sekunden wie in Zeitlupe. Wie in einem Albtraum, bei dem man genau weiß was geschehen wird und es dennoch nicht verhindern kann, hatte er den langsamen Aufstieg und abrupten Fall des jungen Technikers beobachtet. Auch jetzt war er wie gelähmt, den meisten anderen schien es ebenso zu ergehen. Obwohl viele das Unglück hatten kommen sehen, hatte niemand eingegriffen. Vielleicht war das ein Effekt dessen, dass man solche Unglücke beinahe tagtäglich im Fernsehen sehen konnte. Auch da konnte man ja nichts machen außer gebannt zuzusehen.

Selbst Bombi, die sonst nie um einen Spruch verlegen war, stand betroffen am Bühnenrand und sah auf den leblosen Körper hinab. Die Ansagerin, die noch vor wenigen Minuten das Publikum ermuntert hatte nicht zu gehen, war nun selbst verschwunden. Aus der Ferne hörte Bröker Sirenen. Ob jemand so geistesgegenwärtig gewesen war, einen Krankenwagen zu rufen? Er hoffte es. In eine Menschengruppe am oberen Ausgang des Platzes kam Bewegung.

Jemand rief: „So lassen Sie mich doch durch!“

„Ich bin Arzt“, ergänzte Bröker im Kopf.

„Ich bin Arzt“, sagte ein kleiner Mann mit Halbglatze mittleren Alters auch prompt und drängte sich nach vorne.

Bröker fragte sich unvermittelt, ob es im Medizinstudium ein Seminar gab, bei dem man genau diese beiden Sätze einübte.

Als der Arzt den Techniker erreicht hatte, bildeten die Zuschauer einen Kreis um den Körper. Der Arzt kniete nieder und begann routiniert an Hals und Handgelenk den Puls zu fühlen. Dann griff er dem Elektriker an die Halswirbelsäule, tastete sie ab, hob die Augenlider des Technikers und schüttelte resigniert den Kopf.

„Es tut mir leid, der junge Mann ist tot“, sagte er, als er sich schließlich erhob.

Kapitel 4Kehraus

Wie betäubt schlich Bröker durch die Straßen der Bielefelder Altstadt. Die Bier- und Fressbuden schlossen ihre Läden, an einem anderen Stand holte ein Verkäufer gerade die letzten Teddybären von einer Stange.

Die Ereignisse nach dem Unfall des Technikers waren einer unabänderlichen Logik gefolgt. Die Polizei und ein Krankenwagen waren fünf Minuten nach dessen Sturz am Bunnemannplatz eingetroffen, aber der Notarzt hatte nur die Diagnose seines Kollegen bestätigen können: Jan war tot. Kurz darauf waren die Fahrgeschäfte angehalten worden – aufgrund eines Unglücksfalls würde der Leinewebermarkt heute vorzeitig geschlossen, verkündeten die gleichen Ausrufer, die noch wenige Minuten zuvor ein Mordsvergnügen versprochen hatten. Allmählich drang die Nachricht auch zu den Festbesuchern durch. Bis auf ein paar Jugendliche, die angetrunken waren, protestierte niemand. Beinahe friedfertig verließen die Leute das Fest.

Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, hatte Bröker bemerkt, dass die Polizisten begannen, die Tänzerinnen als Zeugen zu vernehmen. Nicht auch noch das, hatte er sofort gedacht. Wenn er, der beständige Konkurrent der Bielefelder Kripo, in seinem schweinchenfarbenen Kostüm entdeckt würde, wäre er auf Monate das Gespött der Polizei. Also war er in den Backstage-Bereich zurückgekehrt und hatte schnell die albernen rosa Klamotten abgelegt und seine Cordhose und sein Polohemd wieder übergestreift. Irgendwann hatte ihn Bombi erblickt, war zu ihm gekommen und hatte ihm ihre Hand auf die Schulter gelegt. „Tut mir echt leid“, hatte sie dabei gemurmelt.

Bröker hatte nur die Schultern gezuckt. Was sollte er auch sagen, schließlich ging der Unfall ja nicht auf Bombis Konto.

„Man sieht sich“, hatte er geantwortet, als er die Bühne verließ, ohne dass ihn einer der Streifenpolizisten bemerkte, die inzwischen das Areal säumten. Bröker war in den Strom der Menschen eingetaucht und hatte sich von ihm treiben lassen.

Er merkte, wie ihn eine tiefe Traurigkeit erfasste. So schön war es noch vor einer halben Stunde gewesen, so sehr hatte er sich auf die Darbietungen des Leinewebermarktes gefreut: Pilze hatte er noch essen wollen und Steak und mit dem Riesenrad wollte er fahren. Und nun war die Unbeschwertheit dieses Festes durch den grausamen Unfall hinweggefegt worden. Obwohl die Luft um ihn herum frühlingshaft warm war, fühlte sich Bröker in ein herbstliches Grau getaucht.

Ein Pärchen überholte ihn. Der Mann stieß ihn an, Bröker bemerkte es kaum. Was er hingegen schon spürte, war, dass ihm etwas gegen die Brust schlug. Er griff danach. Ach ja, das Lebkuchenherz. Daggi hatte es ihm wieder umgehängt, kurz bevor er den Bunnemannplatz verließ. Sie hatte ihm zugezwinkert und „Shit happens“ gesagt und irgendwie hatte das tatsächlich ein wenig tröstlich geklungen.

Bröker passierte den Alten Markt. Auch hier war die Bühne leer. Ein paar Besucher standen noch in Gruppen beieinander und diskutierten den Unfall. Doch offenbar hatten alle ihre Informationen aus zweiter oder dritter Hand.

„Ein Veranstalter hat den jungen Mann gezwungen, den Lautsprecher zu reparieren, obwohl der völlig verängstigt war“, wusste ein kräftiger Kerl im rot-weiß-karierten Hemd.

„Ich habe gehört, er ist von einer Gruppe Jugendlicher auf den Mast gejagt worden“, erwiderte ein kleiner untersetzter Mann, an dessen glasigem Blick man den Alkoholgenuss erkennen konnte.

Bröker hatte weder die Lust noch die Kraft die beiden aufzuklären. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Spätestens morgen würden sie alles in der Zeitung lesen können. Bröker fragte sich, wo Gregor war. Ob er ihn suchte? Aber er wusste ja, dass er ihn notfalls in der Villa treffen würde.

Er beschloss sich noch ein Glas Wein zu genehmigen. Ach was, eine ganze Flasche. Doch das große weiße Zelt am Rande des Platzes, in dem eine halbe Stunde zuvor noch literweise Wein ausgeschenkt worden war, hatte ebenfalls den Verkauf eingestellt und der Reißverschluss der Stofftür am Eingang war zugezogen worden. Bröker stellte sich so, dass die Bedienung, die noch Gläser einsammelte, ihn sehen konnte. Er gab ihr ein Zeichen, dass er noch etwas trinken wollte. Doch die Kellnerin antwortet mit einer Geste, die wohl bedeuten sollte, dass ihr in dieser Hinsicht die Hände gebunden waren. Bröker seufzte.

Hinter ihm erklang mit einem Mal eine vertraute Stimme. „B., ich hätte mir denken sollen, dass ich dich in der Nähe eines Weinzelts finde.“ Wäre ihm nicht schon die Stimme bekannt vorgekommen, so hätte Bröker spätestens bei der Anrede gewusst, wer ihn da ansprach. B., so nannten ihn nicht mehr viele. Zu seinen Studienzeiten hatte Bröker seinen Vornamen nicht verraten wollen und so war es schließlich dazu gekommen, dass er für seine Freunde nur noch B. hieß. Das war allerdings mehr als 20 Jahre her und inzwischen kannten ihn alle, die sich mit ihm unterhielten, als Bröker.

„Charly“, sagte er und drehte sich um. Er hatte richtiggelegen. Keinen Meter von sich entfernt erblickte er die Journalistin der Neuen Westfälischen, deren unverwechselbare rote Mähne ihren Kopf umrahmte wie ein Feuerschweif.

„Richtig“, lachte Charly. „Ach, was tut das gut, an der Stimme erkannt zu werden.“

„Und es tut gut, an so einem Tag eine Freundin zu sehen“, erwiderte Bröker. Dies versprach eines der seltenen Treffen mit der Reporterin zu werden, bei dem sie sich nicht gegenseitig mit ironischen Bemerkungen aufzuziehen versuchten. Der Tod des jungen Technikers wenige Minuten zuvor gab auch dieser Begegnung ihre eigene Tonart. „Ich vermute, dass du weißt, was eben passiert ist“, fügte er halb fragend hinzu.

„Mehr noch, ich habe es sogar aus nächster Nähe gesehen“, bestätigte Charly.

„Wie?“ Bröker war verwirrt. „Warst du …?“

„… genau, ich war am Bunnemannplatz, als dieser Techniker abgestürzt ist.“

„Aber dann, dann hast du ja …“, begann es in Brökers Gehirn zu rattern.

„Auch richtig. Ich habe alles gesehen.“

„Alles?“

„Alles. Also nicht nur den Tod dieses bedauernswerten jungen Mannes. Sondern auch, wie ein nicht ganz so junger aber ebenso bedauernswerter Mann zuvor in einem rosa Kostüm auf der Bühne versucht hat, Zumba zu tanzen.“ Trotz des traurigen Anlasses musste Charly lachen – und ihr Lachen war so ansteckend wie immer.

„Du hast mich tanzen gesehen?“ Bröker konnte es noch immer nicht fassen.

„Wenn man das tanzen nennen kann.“ In Charlys Augen blitzte der Schalk. „Ich habe es sogar hier auf der Kamera.“ Sie zeigt auf den Apparat, den sie sich um den Hals gehängt hatte. „Bis vor einer halben Stunde dachte ich, dass sei ein super Aufmacher für den Lokalteil morgen.“

„Das hättest du nicht gewagt“, drohte Bröker mit dem Zeigefinger.

„Wer weiß.“ Die Journalistin lächelte geheimnisvoll. „Niemand wird das je überprüfen können. Denn jetzt wird natürlich alles von dem unglücklichen Tod dieses Elektrikers überschattet und du bist raus aus den Schlagzeilen.“

„Gott sei Dank“, hätte Bröker unter anderen Umständen geantwortet, aber das schien ihm wenig angebracht.

„Vielleicht kannst du mir aber mit einer Beobachtung weiterhelfen“, fuhr Charly stattdessen fort.

„Was für einer Beobachtung?“

„Ich glaube, du warst an dem Geschehen noch etwas näher dran als ich. Ich stand ja ganz am Rand des Platzes und da deine Tanzeinlage so viele Zuschauer angezogen hat, kam ich auch nicht weiter nach vorne“, erläuterte die Journalistin.

„Und du willst nun wissen, ob ich vielleicht ein Selfie von meinem Auftritt gemacht habe?“, gab Bröker sarkastisch zurück.

„Ein Selfie? B., ich habe bis zu diesem Augenblick noch nicht einmal geahnt, dass du weißt, was so etwas ist. Nein, ich wollte wissen, ob dir an diesem Techniker nichts aufgefallen ist?“

„Hm, was soll mir denn aufgefallen sein?“, sinnierte Bröker. „Unsicher war er. Und ich glaube das kommt daher, dass er vielleicht zwei, drei Bierchen zu viel getrunken hatte.“

„Also doch“, bestätigte Charly. In ihrer Stimme schwang nun eine professionelle Begeisterung mit. „Ich habe mich gefragt, ob ich das nicht aus der Entfernung falsch eingeschätzt habe.“

„Hast du nicht“, bestätigte Bröker. „Soweit ich es beurteilen kann, war da tatsächlich Alkohol im Spiel.“

„Und wer könnte das besser wissen als du“, spielte die Reporterin darauf an, dass auch Bröker gelegentlich den einen oder anderen Tropfen zu viel trank.

„Schon bei den ersten Sätzen dachte ich, dass seine Sprache ein wenig undeutlich ist“, ignorierte der den Seitenhieb seiner Freundin. „Und dann die unsicheren Bewegungen: Wenn er immer so tollpatschig war, wäre es ein kleines Wunder, dass er nicht schon viel früher abgestürzt ist.“ Bei diesen Sätzen kam sich Bröker pietätlos vor, aber schließlich hatte Charly ihn um seine Einschätzung gebeten. Und davon, dass er den Zustand des Technikers beschönigte, würde Jan schließlich auch nicht wieder lebendig werden. „Ich dachte jedenfalls, dass seine Freunde nicht hätten zulassen dürfen, dass er in diesem Zustand auf den Mast geklettert ist.“

„Vielleicht waren die genauso knülle wie er“, gab Charly zu bedenken.

„Mag sein, aber wäre ich einer der Freunde gewesen, hätte ich ihn gewarnt, egal wie viel ich getrunken hätte“, warf Bröker ein.

„Vielleicht werden wir ja schon bald klüger sein, was die Gedanken dieser Freunde angeht.“

„Was meinst du?“

„Wenn ich es richtig gesehen habe, hat die Polizei eben begonnen, diese Freunde zu befragen. Sie saßen ja immer noch am Bunnemannplatz und waren sichtlich geschockt.“

„Na, ob die Polizei uns ihre Erkenntnisse auch freizügig weitergeben wird?“, zweifelte Bröker.

„Die Polizei im Allgemeinen vielleicht nicht“, orakelte Charly. „Aber ich meine, auch Mütze unter den Polizisten gesehen zu haben.“

„Na, dann ist es in der Tat etwas anderes“, lachte Bröker und wusste gleichzeitig, dass es doppelt richtig gewesen war, sich der polizeilichen Befragung zu entziehen. „Allerdings weiß ich nicht, was uns das nützen sollte. Schließlich glaube ich nicht, dass wir es hier mit einem neuen Fall zu tun haben.“

„Wer weiß?“, erwiderte Charly und lächelte erneut geheimnisvoll.

Kapitel 5Der Morgen danach

Bröker trank an diesem Abend keinen Wein mehr. Auch wenn er am Alten Markt noch das Bedürfnis nach dem einen oder anderen Glas verspürt hatte, änderte sich dies, als er zu Hause und in Reichweite seines Weinkellers war. Zunächst hatte er sich nicht entscheiden können, ob ein kräftiger Rotwein oder ein leichter Weißwein eher zu der gedrückten Stimmung des Tages passten. Dann, als seine Wahl auf einen Kerner gefallen war, kam ihm ein Bericht in den Sinn, den er ein paar Tage zuvor gelesen hatte. Fruchtfliegen, so hatte es dort geheißen, vertrieben sich ihren Frust gerne damit, dass sie sich auf in Alkohol getränktes Futter stürzten. Bröker konnte der Idee von Lebensmitteln, die man in Wein oder Cognac marinierte, zwar einiges abgewinnen, aber auf die Ebene von Fruchtfliegen wollte er sich dann doch nicht hinabbegeben.

Also keinen Wein, beschloss er grummelig, weil er sich seinen schönen Plan zur Abendgestaltung selbst kaputt gemacht hatte, und brachte den Wein zurück ins Regal.

Und da ein Unglück selten allein kam – meist hatte Bröker den Eindruck, dass sie sich zu Gruppenausflügen zusammenrotteten – war auch Gregor noch nicht da. Auf dem Leinewebermarkt konnte er ja nicht mehr sein, aber dessen Abbruch hatte ihn scheinbar nicht dazu gebracht, nach Hause zu kommen. Wahrscheinlich hatte ihm der Junge eine Nachricht auf dem Mobiltelefon geschrieben. Bröker griff in seine Hosentasche und zog sein Handy hervor. Der Bildschirm war schwarz. Wieder einmal hatte er vergessen, das Ding aufzuladen. Mit Bedauern dachte er an sein Nokiagerät zurück, das ihm bis vor drei Jahren gute Dienste geleistet hatte. Damit hatte man zwar weder einen Schatz beim Geocaching suchen, noch im Internet surfen können, dafür hatte der Akku aber auch wochenlang gehalten. Er schüttelte den Kopf. So gerne er noch mit Gregor über die Erlebnisse des Tages gesprochen hätte, er hatte jetzt keine Lust nach einem Ladegerät zu suchen. Der Junge würde schon nicht verloren gegangen sein.

Seufzend stieg Bröker die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo ihn sein Kater Uli mauzend begrüßte. Bröker strich ihm über den Kopf. Uli, der auch zu seinen besten Zeiten ein wenig pummelig gewesen war und in puncto Beweglichkeit nie an seinen Namensgeber, die Bielefelder Torwartlegende Uli Stein, hatte heranreichen können, war alt geworden. Er verbrachte den lieben langen Tag an seinem bevorzugten Platz in Brökers Ohrensessel, von dem er sich selbst dann nicht erhob, wenn Bröker sich setzen wollte. Dass er seinem Herrchen gerade bis zur Treppe entgegengekommen war, war ein echter Liebesbeweis.

„Komm, Uli!“, forderte Bröker das Tier auf. „Ich kann mich ja auch mal am Abend um meinen Kater kümmern, statt immer erst am Morgen danach!“ Wenn er ehrlich war, musste Bröker zugeben, dass an diesem Abend sein Haustier mehr für ihn sorgte als umgekehrt. Geduldig lauschte die Katze dem Lamento des Hausherrn und das, obschon sich dieser in deren Lieblingssessel niedergelassen hatte.

„Uli, Uli, nun habe ich schon einige Morde aufgeklärt, aber das ist das erste Mal, dass jemand vor meinen Augen umgekommen ist“, erklärte er der geduldigen Katze Mal um Mal, obwohl ja nichts darauf hindeutete, dass es sich auch in diesem Fall um ein Verbrechen handelte. Der junge Techniker war einfach betrunken vom Mast gestürzt. Fahrlässig war das gewesen, dumm vielleicht, aber gewiss kein Mord.

Irgendwann wurde Brökers Gejammer selbst für Uli zu viel und der Kater schlief ein. Sein Herrchen tat es ihm wenige Minuten später gleich.

„Bröker! Bröker! Wach auf, du alte Schnarchnase!“, weckte ihn Gregors aufgeregte Stimme keine Viertelstunde später. Jedenfalls kam es ihm so vor, als habe er nicht länger als 15 Minuten geschlafen.

„Ich bin keine Schnarchnase“, erwiderte er reflexartig und streckte sich. „Oi“, stöhnte er dabei. Verdattert begriff er, dass er noch in seinem Ohrensessel saß. Kein Wunder, dass ihm alle Knochen wehtaten. „Was schreist du mich eigentlich mitten in der Nacht so an?“, fragte er in Richtung des Jungen.

„Bröker, Bröker. Was soll aus dir nur werden.“ Noch immer begleitete ein spöttisches Grinsen Gregors Vorwürfe. „Zum einen ist es halb zehn – morgens, bevor du fragst. Zum zweiten hast du gesägt, als wolltest du die letzten Reste des Teutos abholzen und es war bestimmt kein Süßholz, das du geraspelt hast. Und drittens wäre zu diesem Zweck gerade jemand für dich am Telefon.“

„Oh, ist Charly am Apparat?“ Bröker hätte selbst nicht sagen können, wieso er so schnell geschaltet hatte, fühlte sich aber im gleichen Augenblick schon um eine Nuance wacher.

„Nein, Mütze“, erwiderte der Junge. Die Freude darüber, seinen Mitbewohner auf eine falsche Fährte gelockt zu haben, ließ seine Augen blitzen.

„Na gib den Hörer schon her.“ Bröker wedelte ungeduldig mit der Hand.

„Das ist nicht der Hörer, das ist das ganze Telefon“, lachte Gregor. Brökers Unbeholfenheit in technischen Fragen war legendär und dass sich der Junge mit jedem Gerät, das in puncto Komplexität einen Kamm übertraf, besser auskannte als er, war immer wieder Anlass zu Neckereien unter den Freunden.

„Klugscheißer“, erwiderte Bröker und nahm dem Jungen das Mobilteil aus der Hand. Dieser schlich auf Zehenspitzen aus dem Raum, als könne jedes Geräusch das folgende Gespräch stören.

„Mütze?“, fragte Bröker, als er seinen Kopf in die Nähe des Mikrofons gebracht hatte.

„Hauptkommissar Schikowski, wenn du es genau wissen willst“, lachte die freundliche Stimme mit dem leichten Ruhrpottakzent am anderen Ende der Leitung. Obwohl Mütze gebürtiger Bochumer war und daher ein Anhänger des dort ansässigen Fußballclubs, besuchte er seit Jahr und Tag die Heimspiele von Arminia Bielefeld und war nicht zuletzt deshalb einer von Brökers besten Freunden.

„Okay, Hauptkommissar Schikowski, du siehst mich in Habachtstellung“, erwiderte Bröker mit gespielter Förmlichkeit.

„Von wegen, ich fresse einen Besen, wenn du nicht noch im Bett liegst“, mutmaßte Mütze.

„Dann guten Appetit!“, grinste Bröker. „Ich sitze in meinem Sessel.“

„Vermutlich hast du darin geschlafen.“

Nicht umsonst war Mütze einer der fähigsten Polizisten, die Bröker kannte. Er schwieg ertappt. „Also, sag schon, warum rufst du an?“, fragte er nach einer Pause.

„Ich habe mit Charly gesprochen“, erklärte der Polizist. „Es ging um den jungen Mann, der gestern Abend auf dem Leinewebermarkt in den Tod gestürzt ist.“

„Ja. Ich verstehe.“ Sofort hatte sich Brökers Stimmung vom Vorabend wieder eingestellt.

„Charly hat mir auch gesagt, dass du dabei warst“, klärte ihn Mütze auf.

„Stimmt.“ Immerhin musste Bröker auf diese Weise nicht noch einmal alles wiederholen.

„Und wieso bist du dann nicht vor Ort geblieben? Wir hätten dich als Zeugen befragen müssen.“ Aus Mützes Stimme klang eine ungewohnte Strenge.

„Ich hoffe, du verhaftest mich jetzt nicht“, versuchte Bröker sein schlechtes Gewissen mit einem Scherz zu überspielen.

„Du kannst dich retten, wenn du mir sagst, ob dir gestern irgendetwas Besonderes aufgefallen ist?“, sagte Mütze gleich milder.

„Ich glaube, das meiste weißt du schon von Charly. Wir haben gestern Abend darüber gesprochen, dass uns beiden dieser, wie haben ihn seine Freunde noch gerufen? Richtig: Jan …“, erinnerte sich Bröker.

„Jan Poggemeier“, ergänzte Mütze den Nachnamen des toten Technikers.

„Genau, dass dieser Jan Poggemeier uns ziemlich betrunken vorkam.“