Almfieber - Matthias Löwe - E-Book

Almfieber E-Book

Matthias Löwe

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Beschreibung

Während eines Fußballspiels bricht ein Spieler der Arminia Bielefeld tot zusammen. Bröker ist schockiert. Noch schlimmer kommt es für den eingefleischten Arminia-Fan, als bekannt wird, dass es keine natürliche Todesursache war. Sofort brodelt die Gerüchteküche, und schnell ist von Dopingmissbrauch die Rede. Bröker kann nicht länger tatenlos zusehen, wie sein Lieblingsverein in den Medien durch den Dreck gezogen wird. Unterstützt von seinen Freunden Gregor, Mütze und Charly ermittelt der Mr. Marple von der Sparrenburg erneut auf eigene Faust.  Dabei trifft er auf dubiose Spieler­vermittler, redselige Sportmediziner und einen besorgten Zeugwart und gerät immer wieder in skurrile Situationen, die ihn überraschend auf eine heiße Spur bringen … Bröker im Almfieber: gewohnt humor­voll nimmt er seinen vierten Fall in Angriff.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Matthias Löwe • Almfieber

Alle Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die in diesem Buch dargestellten Vorgänge und Ansichten haben keinerlei Bezug zu realen Vorgängen oder Ansichten von Arminia Bielefeld oder Personen des Vereins. Sie sind vollkommen frei erfunden.

Während eines Fußballspiels bricht ein Spieler der Arminia Bielefeld tot zusammen. Bröker ist schockiert. Noch schlimmer kommt es für den eingefleischten Arminia-Fan, als bekannt wird, dass es keine natürliche Todesursache war. Sofort brodelt die Gerüchteküche, und schnell ist von Dopingmissbrauch die Rede.

Bröker kann nicht länger tatenlos zusehen, wie sein Lieblingsverein in den Medien durch den Dreck gezogen wird. Unterstützt von seinen Freunden Gregor, Mütze und Charly ermittelt der Mr. Marple von der Sparrenburg erneut auf eigene Faust. Dabei trifft er auf dubiose Spielervermittler, redselige Sportmediziner und einen besorgten Zeugwart und gerät immer wieder in skurrile Situationen, die ihn überraschend auf eine heiße Spur bringen …

Bröker im Almfieber: gewohnt humorvoll nimmt er seinen vierten Fall in Angriff.

Matthias Löwe

ALM

FIEBER

PENDRAGON

Kapitel 1Verletzungen

Blut, Blut, da war überall Blut! Es rann in kleinen Bächen über den Küchentisch und tropfte über dessen Rand. Auch auf dem Boden hatte sich schon eine kleine Lache gesammelt. Die Luft war erfüllt von seinem süßlichen, metallischen Geruch.

Bröker schrie. „Verdammter Mist!“, fluchte er so laut, dass er sogar die aufgeregte Reporterstimme im Radio, das er auf volle Lautstärke aufgedreht hatte, übertönte. Dann rannte er ins Bad, so schnell es ihm seine beachtliche Körperfülle gestattete.

Er hatte für Gregor und sich kochen wollen. Ein Festmahl hatte es werden sollen. Drei Gänge, dazu reichlich Wein. Und wieder einmal hatte er sich dabei in den Finger geschnitten. Nun schon zum dritten Mal im letzten halben Jahr! Noch dazu mit seinem Lieblingswerkzeug, einem Damaszenermesser, das besonders scharf war. Eine Blutspur zeichnete den Weg von der Küche ins Badezimmer nach, das im oberen Stockwerk seiner kleinen Stadtvilla am Sparrenberg lag.

Bröker hasste sich in solchen Momenten inbrünstig. „Was bin ich doch für ein verdammter Idiot!“, stieß er hervor, während er unbeholfen versuchte, die Tür des Arzneimittelschränkchens zu öffnen, ohne sie mit einer Vielzahl von Fingerabdrücken zu übersäen. Dahinter befand sich das Verbandsmaterial.

Unter dessen tropfte das Blut munter weiter aus seinem Daumen. Mittlerweile machte sich neben Brökers Wut auf sich selbst auch ein weiteres Gefühl bemerkbar: Schmerz. Die Wunde pochte heftig. Ihm wurde schummrig.

Nur einen Moment ausruhen, dachte er, und setzte sich auf den Rand der Badewanne. Aber auch das war keine gute Entscheidung. Schließlich konnte er den verletzten Daumen ja nicht unversorgt lassen. Also erhob er sich widerwillig. Er ächzte. Wer hatte den kleinen Kasten für die Medikamente auch derart hoch an der Wand angebracht?

Ein weiteres Mal fluchte er, dieses Mal innerlich. Dann dämmerte es ihm: Er war es vermutlich selbst gewesen – und zwar, um die zahlreichen Bohrlöcher zu verdecken, die sein vergeblicher Versuch, an gleicher Stelle eine Lampe zu installieren, hinterlassen hatte.

Noch einmal reckte er sich, schlang seinen wurstigen kleinen Finger durch den Türgriff des Arzneischranks und zog kräftig. Die Tür öffnete sich mit einem Ruck. Bröker taumelte rückwärts und glitt auf den Fliesen aus. Unsanft landete er auf seinem Hinterteil. Er fühlte eine gewaltige Zorneswelle in sich aufsteigen. Kurz bevor er ihr freien Lauf lassen konnte, hörte er noch ein verräterisches Knacken in seinen Lendenwirbeln.

Er brüllte. Wie bei einer Eruption Lava aus einem Vulkankegel bricht, schossen ihm Schimpfwörter aus dem Mund. Sicherlich konnte die gesamte Nachbarschaft sein Geschrei hören, aber das war ihm in diesem Moment egal. Seine Wut musste einfach raus, andernfalls, so wusste er, würde er platzen.

Erst zehn Minuten später hatte sich Bröker wieder so weit im Griff, dass er versuchen konnte sich aufzurappeln. Noch immer spürte er, wie er vor Zorn bebte. Doch das war noch das kleinste Hindernis bei seinem Versuch, wieder in eine vertikale Lage zu gelangen. Mit seiner Rechten hielt er seinen verletzten linken Daumen, damit ihm das Blut nicht weiter auf den Pullover floss, doch dadurch fehlten ihm beide Hände bei seinen Bemühungen sich aufzurichten. Schwerfällig rollte er sich auf seine Knie, winkelte das rechte Bein an – und rutschte wieder aus. Erneut landete er auf seinem lädierten Rücken.

Verdammt, wie das schmerzte! Hoffentlich hatte er sich nichts gebrochen.

Erst fünf Minuten später gelang es ihm, unter Verwünschungen von Küchenmessern, Badezimmerschränkchen und seiner eigenen Dummheit, sich erneut auf den Badewannenrand zu setzen. Nun konnte es an das Verarzten seiner Wunde gehen. Umständlich umwickelte er den verletzten Daumen mit einer Mullbinde und verklebte den Verband anschließend mit einem Pflaster, bis dieser aussah, als wolle er jemandem mit einem überdimensionalen „Viel Glück!“ bedenken.

Als Bröker sah, wie schnell sich das Weiß des Verbands dunkelrot färbte, stöhnte er noch einmal auf. Nein, er war kein Held und der Anblick von Blut ließ ihn einer Ohnmacht nahekommen. Eine Eigenschaft, die ihm regelmäßig den Spott seines jugendlichen Mitbewohners Gregor eintrug.

Dabei musste er in diesem Moment zugeben, dass der Schnitt im Daumen zwar wehtat, die Verletzung, die er sich bei seinem Sturz auf den Rücken zugezogen hatte, aber um ein Vielfaches schmerzhafter war. Er ächzte vernehmlich, als er aufstand und mit einer halben Rolle Toilettenpapier oberflächlich das Blut vom Boden aufwischte und langsamen Schrittes wieder ins Untergeschoss zurückkehrte.

Aus der Küche plärrte das Transistorradio, mit dem Bröker seit seiner Kindheit die Bundesligakonferenz verfolgte, fröhlich weiter. Brökers Laune hatte sich in den letzten Minuten wieder ein wenig gebessert. Trotzdem lauschte er der Reporterstimme bei Weitem nicht so intensiv, wie das ohne sein Missgeschick der Fall gewesen wäre. Schließlich spielte doch die Bielefelder Arminia, Brökers absoluter Lieblingsclub. Er verpasste nur selten ein Spiel. Ja, dass er gerade nicht im Stadion war, sondern vor dem heimischen Herd, war nur der Tatsache geschuldet, dass die Arminia an diesem Wochenende ein Auswärtsspiel hatte, noch dazu in Heidenheim. Die Anreise dorthin war selbst ihm als eingefleischtem Fußballfan zu weit gewesen.

Allmählich aber dämmerte es Bröker: Irgendetwas Aufregendes musste sich in dem Fußballstadion rund vierhundert Kilometer südlich seiner Heimat zugetragen haben. Die Stimme des Reporters war merkwürdig hoch und überschlug sich mehrfach. Zunächst dachte Bröker, es sei ein Tor gefallen. Dann aber merkte er, dass sich die Schilderung weniger um das eigentliche Spiel drehte. Vielmehr musste etwas anderes auf oder neben dem Feld geschehen sein, das den Radiomann dermaßen in Aufregung versetzte.

„Das sieht schlimm aus, ganz, ganz schlimm!“, rief er immer wieder.

Nein, um den Spielstand konnte es nicht gehen, es sei denn die Arminia hatte während Brökers Abwesenheit gleich mehrere Gegentreffer kassiert. Doch das schien ihm angesichts des Spielverlaufs eher unwahrscheinlich, schließlich war die Partie zuvor eher dahingeplätschert. Was aber mochte dann passiert sein? Ob es zu Zuschauerausschreitungen gekommen war? Allerdings kam das Publikum Bröker eher verdächtig leise vor. Vielleicht hatte sich ja jemand verletzt? Hoffentlich nicht Gärtner, der Mittelstürmer, den die Arminia erst zu Saisonbeginn gekauft hatte und der die Bielefelder mit seinen Treffern beinahe im Alleingang in der zweiten Bundesliga gehalten hatte. Jedenfalls sah es jetzt, da die Saison auf die Schlussgerade einbog, nicht nach einem Abstieg von Brökers Lieblingsclub aus – und das war mehr, als er zu Saisonbeginn zu hoffen gewagt hatte.

„Das erinnert mich fatal an einen Vorfall beim Confed-Cup 2003“, fuhr die Radiostimme fort. „Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch erinnern: Damals brach der Kameruner Mittelfeldspieler Marc-Vivien Foé auf dem Spielfeld zusammen und verstarb wenig später. Lassen Sie uns die Daumen drücken, dass Philip Janowski hier und heute nicht das gleiche Schicksal erleidet!“

Um Janowski ging es also. Auch der war erst seit dieser Saison bei der Arminia. Ein Mittelfeldspieler, der die Bälle für den Spielmacher schleppte. Ein kleines Laufwunder. Er hatte zwar nicht so eingeschlagen wie Gärtner, sich aber immerhin innerhalb kurzer Zeit einen Stammplatz in der Mannschaft erkämpft. Und nun war er zusammengebrochen? Instinktiv versuchte Bröker die Lautstärke des kleinen Transistorgeräts hochzudrehen, bemerkte aber, dass diese schon ihr Maximum erreicht hatte.

„Der Mannschaftsarzt, der Physio und die Sanitäter sind auf das Spielfeld geeilt. Einer macht sich an Janowskis Mund zu schaffen. Wahrscheinlich will er seine Zunge herausziehen. Das ist ja immer eine große Gefahr, wenn ein Spieler bewusstlos wird, dass er sich an seiner eigenen Zunge verschluckt“, gab der Reporter mit seinem Expertenwissen an. „Ein Sanitäter winkt eine Trage herbei!“ Er schwieg einen Moment, nur um kurze Zeit später fortzufahren: „Janowski wird gerade darauf festgeschnallt und Richtung Außenlinie getragen. Meine Damen und Herren, man mag ein Anhänger der Bielefelder Arminia sein oder nicht: Ich glaube, in diesem Moment wünschen wir alle hier im Stadion dem Spieler das Allerbeste!“

Bröker nickte. Nachdenklich setzte er einen Kaffee auf. Der Verband um seinen Daumen behinderte ihn dabei. Doch das war in diesem Moment zweitrangig. Seine ganze Aufmerksamkeit war bei der Übertragung aus Heidenheim.

„Nun geht das Spiel mit einem Schiedsrichterball weiter“, wusste der Reporter zu berichten. „Ich weiß nicht, wie die Spieler nun noch die notwendige Konzentration aufwenden können, um diese Partie zu Ende zu bringen. Den meisten von ihnen steht der Schrecken über den Zusammenbruch von Philip Janowski ins Gesicht geschrieben.“

Wieder nickte Bröker. Eigentlich hatte er genug gehört. Unwillkürlich schenkte er sich Kaffee in seine Lieblingstasse mit dem Logo von Arminia Bielefeld ein. Dann ließ er sich langsam auf der Eckbank in der Küche nieder. Sein Rücken schmerzte noch immer und er konnte kaum aufrecht sitzen.

Dass es im Spiel noch 0:0 stand, bekam er nicht mit. Wie der Reporter dachte auch er an den tragischen Tod des Kameruner Spielers vor mehr als zehn Jahren. Soweit er sich erinnern konnte, war Marc-Vivien Foé damals noch am selben Tag gestorben. Hoffentlich erging es Janowski nicht ebenso. Der Berichterstatter hatte nichts dergleichen erwähnt, aber Bröker schwante nichts Gutes.

Kapitel 2Schlechte Neuigkeiten

Es dämmerte bereits, als sich ein paar Stunden später ein Schlüssel im Schloss zu Brökers Stadtvilla drehte. Die Tür schwang auf und eine dünne Gestalt mit schwarzen Haaren stürmte mit jugendlicher Behändigkeit herein.

„Bröker?“ Es war wie immer: Kaum hatte Gregor das Haus betreten, war er voller Mitteilungsbedürfnis und suchte seinen Mitbewohner überall. Doch Bröker hörte ihn nicht.

„Bröker?“, rief der Junge noch einmal. Als er keine Antwort bekam, stürmte er die Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Vermutlich war sein älterer Freund in seiner sogenannten Bibliothek und so in ein Buch versunken, dass er die Welt um sich herum vergessen hatte. Oder er versuchte sich mal wieder mit dem dort stehenden Rechner, einem Gerät, das nur Antiquitätenhändler noch als einen Computer erkannten, einen Weg durch das Internet zu bahnen. Gregor stieß die Tür zu dem Zimmer auf, das mit Bücherregalen vollgestopft war. Doch auch hier war Bröker nicht zu entdecken. Schnell durchsuchte Gregor auch die anderen Zimmer im ersten Stock des Hauses. „Bröker! Bröker!“, rief er dabei immer wieder.

Seine Rufe wurden von einem schrillen Schrei unterbrochen. „Himmelherrgott! Wäre ich doch als kleines Kind gestorben!“, hörte er einen ihm wohlbekannten Fluch aus dem Untergeschoss. „An Brechdurchfall!“

Gregor raste die Treppe wieder hinab und riss die Küchentür auf. „Sag mal, spinnst du eigentlich? Wieso antwortest du denn nicht?“, rief er ungehalten, als er seinen Freund entdeckte. Sein Gesicht allerdings ließ Erleichterung erkennen. „Und was ist verdammt noch mal passiert, dass du so fluchst wie eine Prostituierte, der ihr Freier 200 Euro geklaut hat?“

„Nun mach mal nicht so einen Wind“, erwiderte Bröker und lächelte Gregor an. „Ich habe dich einfach nicht gehört. Und außerdem ist mir nun schon zum dritten Mal die Schere aus der Hand gefallen.“

„Nicht gehört?“ Gregor konnte es nicht fassen. „Bröker, ich habe das halbe Haus zusammengeschrien. Aber man sagt ja immer, dass im Alter die Sinne schwächer werden.“

„Mag sein, mag sein“, erwiderte Bröker ungewohnt schlapp.

„Anscheinend ist es auch nicht das Einzige, was sich bei dir mit zunehmendem Alter ändert“, stichelte der Junge weiter.

„Was meinst du?“

„Ich meine, dass unser Haus nie das Ordentlichste war“, erläuterte Gregor, „das verlangt ja auch niemand. Aber früher sah das Bad zumindest nicht so aus, als habe man ein Schwein darin geschlachtet. Bröker, bist du nun zum Islam konvertiert und hast angefangen zu schächten?“

„Ach, mit einem Mal ist es schon unser Haus“, konterte Bröker, der nun allmählich in die Realität zurückzufinden schien. „Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, dir eine Hälfte überschrieben zu haben.“

„Vergesslichkeit ist auch eine Begleiterscheinung des Alters“, spielte der Junge weiterhin die mehr als 20 Jahre aus, die ihn und Bröker trennten.

„Nun ja, immerhin kann ich mich noch daran erinnern, dass Muslime vielleicht Vieles schächten, aber bestimmt keine Schweine.“

„Ach, lenk doch nicht ab“, fuhr Gregor dazwischen. Am Blitzen seiner kohlrabenschwarzen Augen konnte man sehen, welche Freude ihm solche Dialoge mit seinem Freund machten. „Was ist das für Blut im Badezimmer? Es sieht beinahe aus, als hättest du jemanden ermordet.“

Er blickte sich um. „Hier ist ja auch alles rot!“, rief er. „Bröker, kann man dich nicht einmal einen halben Tag alleine lassen?“

„Ich habe mir in den Finger geschnitten, als ich für uns kochen wollte. Darum kann ich ja auch die Schere nicht festhalten“, gab Bröker kleinlaut zu, reckte demonstrativ den verbundenen Daumen in die Höhe und blickte sich um.

Tatsächlich, seine Küche glich einem Schlachtfeld. Er wollte aufstehen, um die Blutflecken wegzuwischen, zuckte aber wegen seiner Rückenschmerzen sofort zusammen und setzte sich wieder.

„Anscheinend ist nicht nur dein Daumen lädiert“, kommentierte der Junge trocken. „Was ist los?“

„Na ja, als ich das Apothekerschränkchen öffnen wollte, bin ich ausgerutscht und auf dem Allerwertesten gelandet“, beichtete Bröker ihm nun die gesamte Geschichte und rieb sich dabei seinen Rücken und sein Hinterteil.

Gregor blickte ihn mitleidig an. Dann bedachte er die praktischen Konsequenzen. „Bleib du mal sitzen“, entschied er. „Ich mache gleich erst einmal alles sauber und heute Abend koche ich für uns.“

„So weit kommt es noch“, brummte Bröker, gehorchte aber notgedrungen Gregors Aufforderung. Wenn er ehrlich war, so musste er zugeben, dass sich sein junger Freund tatsächlich in den sechs Jahren, in denen er nun schon bei ihm wohnte, einiges von seiner eigenen Kochkunst abgeschaut hatte. Schon seit längerer Zeit konnte man seine Gerichte nicht nur mit einem guten Rotwein herunterbekommen. Außerdem war es mit seinem verletzten Finger und dem noch stärker in Mitleidenschaft gezogenen Rücken tatsächlich nicht ganz einfach für Bröker, selbst den Kochlöffel zu schwingen. Die Schere, die ihm dreimal zu Boden gefallen war, war dafür ein schlagender Beweis gewesen.

„Was soll es denn geben?“, erkundigte sich Gregor und blickte sich um.

„Nun ja, ich wollte ein Tandoori-Hähnchen machen“, erklärte Bröker. „Dazu eine Gemüsepfanne aus Fenchel, Kirschtomaten und Paprika, außerdem noch Süßkartoffeln vom Blech.“

„Lecker“, kommentierte Gregor. „Ich muss schon sagen, dass du mich mit deiner Küche bisher selten enttäuscht hast. Aber, sag mal, muss Tandoori-Hähnchen nicht ewig lange mariniert werden?“

„Klar, das habe ich deshalb ja auch schon gestern eingelegt“, bekam Bröker Oberwasser. Dann stutzte er: „Woher weißt du das eigentlich?“

„Von dir“, grinste Gregor und verschwand aus der Küche. „Ich bin gleich wieder da!“, rief er von der Treppe hinauf. „Wag ja nicht aufzustehen oder gar etwas zu schneiden. Du hast ja gesehen, wie das endet.“

Tatsächlich kehrte Gregor keine fünf Minuten später in die Küche zurück. Er hatte sich nicht nur umgezogen und eine Schürze umgebunden, sondern schwenkte in einer Schüssel auch das marinierte Hähnchen, das er aus dem Keller geholt hatte. In der anderen hatte er eine Flasche Rotwein. „Damit es dir leichter fällt, mir beim Kochen zuzugucken“, zwinkerte er.

„So betrunken kann ich gar nicht sein, dass ich nicht bei jedem Handgriff von dir Angst hätte“, brummte Bröker.

„Das sagt der Richtige“, erwiderte Gregor mit einem Blick auf Brökers Verband, durch den eine ordentliche Portion Blut gesickert war.

Dem war die Diskrepanz zwischen seinen Worten und seinem äußeren Erscheinungsbild unterdessen selbst aufgegangen. „Und seit wann bedienst du dich eigentlich in meinem Weinkeller? Ich hatte in letzter Zeit schon öfter den Eindruck, dass meine Vorräte ungewöhnlich schnell zur Neige gehen“, versuchte er abzulenken.

„Nichts da, dafür bist du ganz allein zuständig!“ Ohne weiter auf die Einwände seines Mitbewohners zu achten, zog Gregor den Rotwein auf, einen kräftigen chilenischen Carménère, und goss seinem Freund und sich ein.

„Auf dich und deine baldige Genesung“, sagte er und hob das Glas mit der tiefroten Flüssigkeit.

Wenige Minuten später hatte es sich Bröker gänzlich auf der Eckbank gemütlich gemacht und beobachtete, wie sein junger Freund dort weitermachte, wo er selbst Stunden zuvor verletzungsbedingt aufgehört hatte: beim Gemüse putzen. Das Schneiden ging Gregor erstaunlich gut von der Hand – in Windeseile zerteilte er das Gemüse und im Gegensatz zu ihm selbst schnitt er sich dabei auch nicht in die Finger.

Brökers Gedanken glitten wieder zu der Radioreportage vom Nachmittag. Wie es Janowski wohl inzwischen ging?

„Was hast du heute Nachmittag eigentlich gemacht?“, fragte Gregor, als habe er telepathische Fähigkeiten.

„Na, was wohl?“, erwiderte Bröker geistesabwesend.

„Ach ja, ich vergaß, es ist ja Sonntagnachmittag. Da hat sich mein lieber Freund und Vermieter dem Spiel der Arminia und nebenbei einem Gemetzel an unschuldigem Gemüse und seinem Daumen gewidmet.

„Vermieter, dass ich nicht lache“, kam prompt die Antwort. Auch wenn Brökers Gedanken inzwischen wieder beim Fußball waren, war es ihm eine Freude, sich gleichzeitig mit Gregor ein Wortgefecht zu liefern: „Als ob ich von dir schon jemals einen einzigen Cent Miete gesehen hätte.“

„Dafür bekoche ich dich und pflege dich in deinem hohen Alter. Das hat eben auch seinen Preis! Aber wenn du willst, kann ich ja ausziehen. Jetzt, wo ich Geld verdiene, kann ich mir auch eine eigene Wohnung leisten.“

Gregor wusste, dass Bröker nie im Leben auf diesen Vorschlag eingehen würde. Auch wenn Bröker es nur zugab, wenn er schon ordentlich am Wein genippt hatte, wusste der Junge, dass sein älterer Freund das Zusammenleben mit ihm genoss. Nicht nur, dass auf diese Weise stets Leben im Haus war, Gregor, der nun eine Ausbildung zum Erzieher machte, war ihm bei seinen Ermittlungen auch mit seinen Computerkenntnissen eine unschätzbare Hilfe. Nicht zu Unrecht hatte er sich einen Ruf als Hacker erworben und verfügte damit über Fähigkeiten, die weder Brökers Polizistenfreund Mütze noch die Journalistin Charly, die er schon seit Studienzeiten kannte, besaßen.

„Das wirst du schön bleiben lassen“, erwiderte Bröker prompt und wechselte schnell das Thema, um sich nicht zu Sentimentalitäten hinreißen zu lassen: „Und was hast du heute Nachmittag so getrieben?“

„Ich war bei den Hoods.“

„Bei den Hoods?“

„Bröker, wie lange setze ich meine Computerkenntnisse nun schon für die Cyberhoods ein, damit auch unsere Umwelt und diejenigen, die sich im Internet nicht so gut auskennen wie ich, davon profitieren? Zwei Jahre? Drei? Du hättest dir zumindest unseren Namen in der Zwischenzeit mal merken können! Du hast doch sogar schon bei einer unserer Aktionen mitgemacht.“

„Ja, sicher, den Namen kenne ich doch“, murmelte Bröker. „Da also warst du.“ Seine Aufmerksamkeit ließ gerade tatsächlich etwas zu wünschen übrig. „Und habt ihr wieder etwas geplant?“, fragte er, um seinen Fauxpas wieder wettzumachen.

„Wir sind dabei. Was wir machen wollen, wird jedoch noch nicht verraten“, erklärte der Cyberhood. „Aber der heutige Abend war auch deshalb erfolgreich, weil ich zwei neue Mitglieder anwerben konnte.“

„So, so.“ Schon wieder schweiften Brökers Gedanken ab. „Gleich zwei?“

„Ja, Alice und Celia sind mitgekommen.“

„Alice und Celia?“

„Ach Mensch, von den beiden habe ich dir doch schon erzählt. Die Mädchen sind in meiner Berufsschulklasse, sie wollen auch Erzieherinnen werden. Und sie sind Zwillinge. Eineiige sogar.“

„Merkt man schon an den Namen“, murmelte Bröker. Obwohl er sich noch immer gedanklich mit dem Spiel der Arminia und Janowskis Gesundheitszustand befasste, war ihm das doch aufgefallen. Es war ihm selbst manchmal rätselhaft, wie sein Gehirn Zusammenhänge herstellte. Doch die Gabe, Kleinigkeiten eine besondere Bedeutung zuzumessen, war ihm auch schon manchmal bei seinen Ermittlungen zugutegekommen und lenkte in manchen Momenten sein Denken stärker, als es ihm bewusst war.

„Wieso merkt man das an den Namen?“ Gregor war die Sache weniger klar. „Und was eigentlich?“

„Na ja, Alice und Celia halt“, erklärte sein Freund.

„Hm?“

„Alice ist ein Anagramm von Celia. Oder eben umgekehrt – ganz wie du magst. Jedenfalls liegt es deshalb nahe, dass die beiden eineiige Zwillinge sind.“

„Mann Bröker, manchmal bist du mir echt unheimlich“, stöhnte Gregor kopfschüttelnd. „Auf jeden Fall konnte ich die beiden überreden, heute Nachmittag zu uns zu kommen.“

„Hierher?“

„Nicht hierher! Mann, wovon rede ich denn die ganze Zeit? Von den Cyberhoods. Dahin habe ich sie heute Nachmittag mitgenommen.“ Er stutzte. „Jetzt, wo du es sagst: Sie hierher mitzunehmen wäre vielleicht gar nicht die dümmste Idee.“

„Wieso?“ Brökers Antworten kamen beinahe mechanisch. Trotzdem versuchte er, den Anschein von Höflichkeit zu wahren. Wie konnte er es nur anstellen, herauszufinden, wie es dem Arminenspieler ging, ohne dem Jungen in seiner Begeisterung für die Cyberhoods vor den Kopf zu stoßen?

„Die beiden haben gerade ihre Wohnung verloren. Sie arbeiten nebenberuflich als Sängerinnen. Das hat den Vermieter irgendwie gestört.“

„Schlimm so was“, murmelte Bröker.

„Ich sage es dir! Wenn ich so etwas höre, denke ich manchmal, dass ich mit dir als Vermieter sogar echt Glück gehabt habe.“ Zwinkernd hob Gregor sein Glas und prostete Bröker zu.

Der stieß mit ihm an und nahm tief in Gedanken einen Schluck. „Nicht schlecht“, kommentierte er dabei.

„Jedenfalls ist es echt cool, dass die beiden nun auch bei den Hoods sind“, berichtete Gregor weiter.

„Hm.“

„Wir können wirklich immer Verstärkung gebrauchen. Und viele Leute kennen sie durch ihren Gesang. Das gibt Publicity. Das braucht man ja heute.“

„Hm.“ Bröker überlegte unterdessen, ob er sich nicht heimlich sein nagelneues Smartphone greifen könnte. Er hatte es sich nur äußerst widerwillig zugelegt, weil sein altes Mobiltelefon nach beinahe zehn Jahren den Geist aufgegeben und ihm Gregor strikt verboten hatte, im Internet nach exakt demselben Modell zu suchen. In diesem Moment, so musste Bröker zugeben, wäre es sehr nützlich das kleine Wunderding benutzen zu können. Eine der vielen Nachrichtenseiten im Internet würde sicherlich berichten, wie es Janowski nach seinem Zusammenbruch ergangen war. Aber die gute Erziehung, die seine Eltern ihm hatten angedeihen lassen, hinderte Bröker daran, sich dermaßen demonstrativ von Gregor abzuwenden.

Radio Bielefeld würde gewiss auch weiterhin über den verletzten Spieler berichten, wenn es was Ernstes war, ging es Bröker durch den Kopf. Diesmal machte sein Gehirn nicht erst den Höflichkeitscheck. Wie von unsichtbaren Schnüren gezogen, erhob er sich mit einem leisen Stöhnen, humpelte zum Transistorgerät auf dem Küchenregal und schaltete es ein. Gregor folgte der Aktion seines Freundes mit wachsendem Staunen. Dennoch versuchte er das Gespräch in Gang zu halten.

„… das finde ich echt cool von dir, dass du bei diesen Sachen immer so entspannt bist“, hörte Bröker ihn aus weiter Entfernung sagen.

„Klar doch“, erwiderte er, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, worum es ging. „Entspannung ist doch total wichtig.“

„Dann geht das also in Ordnung?“

„Sicher“, erwiderte Bröker und dreht den Lautstärkeregler des Radios hoch, um Gregor unmissverständlich zu zeigen, worauf er seine Aufmerksamkeit in den nächsten Minuten richten würde.

„… beim Auswärtsspiel von Arminia Bielefeld in Heidenheim kam es heute zu einem tragischen Zwischenfall“, tönte sogleich die Stimme einer Nachrichtensprecherin durch die gesamte Küche. „Der Bielefelder Mittelfeldmann Philip Janowski erlitt Mitte der zweiten Halbzeit auf dem Spielfeld einen Zusammenbruch und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dort verstarb er wenige Minuten später an akutem Kreislaufversagen. Das Spiel wurde nach Janowskis Zusammenbruch fortgesetzt, endete aber mit einem torlosen Remis.“ Darauf folgten Nachrichten aus aller Welt.

Bröker schaltete das Radio wieder aus und starrte Gregor gedankenverloren an. Er hatte es insgeheim befürchtet, ja vielleicht sogar geahnt, dennoch war diese Nachricht für ihn ein Schock. Auch der Junge schien nicht zu wissen, was er sagen sollte und schwieg. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist ja der Hammer“, murmelte er. „Das hast du heute Nachmittag schon mitbekommen, oder?“

Bröker nickte. „Zumindest von dem Zusammenbruch habe ich gehört.“

„Deshalb warst du den ganzen Abend so seltsam.“

Wieder ein Nicken.

„Warum hast du denn nichts gesagt?“

„Mensch Gregor, ich wusste doch auch nicht, was da los ist!“, erwiderte Bröker. „Ich hab mir Sorgen um den Spieler gemacht. Außerdem dachte ich, dass du das albern findest, wenn ich mir darüber Gedanken mache, anstatt dir zuzuhören.“

„Ach Bröker, du kennst mich doch nun schon ein paar Jahre und ich dich“, kommentierte der Junge. „Ich weiß doch, wie sehr du an deinem Verein hängst und wie sehr dich schon eine Niederlage der Arminia mitnimmt. Dann doch erst recht so eine Geschichte …“

Erneut nickte Bröker nur.

„Weiß man denn schon, welche Ursache der Zusammenbruch hatte?“, erkundigte sich Gregor.

Bröker schüttelte den Kopf. „Während des Spiels haben sie nichts gesagt und gerade in den Nachrichten war davon ja auch nicht die Rede. So was kann ja immer viele Gründe haben. Das Wetter …“

„Das Wetter, ich bitte dich“, unterbrach ihn Gregor. „Es ist Mitte März!“

„Ja, stimmt“, bestätigte Bröker. „Na, zum Glück bin ich kein Arzt und muss die Todesursache nicht herausfinden.“

Doch da sollte er sich gründlich täuschen.

Kapitel 3Ein böses Erwachen

Bröker blickte sich verwirrt um. Konnte das wirklich wahr sein? Er zögerte. Aber nein, kein Zweifel, das war er selbst! Bröker höchstpersönlich. Und er stand auf einem Fußballfeld – im Mittelfeld, genau im Anstoßkreis. Ja, wenn er es richtig sah, war das sogar der Rasen auf der Bielefelder Alm. Aber wie war er hierhergekommen? Und was wollte er hier? Egal, er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Die Mannschaft der Arminia lief ein. Er stand inmitten der Spieler. Er war Teil des Teams. Ein Mannschaftskamerad trat von hinten auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. Als er sich umdrehte, blickte er Philip Janowski direkt in die Augen. War der nicht tot? Also war die Nachricht im Radio eine Ente gewesen! Bröker hatte es doch gleich gewusst – Janowski lebte, er war kerngesund.

„Los Dicker, auf geht’s“, rief ihm der Mittelfeldspieler ins Ohr.

Entrüstet blickte Bröker an sich hinab. Dicker. Also bitte! Bröker fand sich deutlich dünner, als er vermutet hatte. Heute Morgen hatte er jedenfalls noch einen sehr viel negativeren Eindruck von sich gehabt. Na gut, er war nicht gertenschlank, war es nie gewesen, aber das Trikot, von dem er intuitiv wusste, dass der Name Frank Pagelsdorf auf dem Rücken stand, spannte deutlich weniger, als es beim Original der Fall gewesen wäre.

Auch Gärtner kam zu Bröker. „Heute schlagen wir sie“, rief der Stürmer ihm zu. „Wir zählen auf dich!“

Bröker hatte keine Ahnung, wer sie waren, eine gegnerische Mannschaft stand nicht auf dem Platz. Aber er fühlte sich bereit. Mehr als das. Er brannte darauf, ein Tor zu schießen. So war es zuletzt gewesen, als er als Ersatzmann der Schülermannschaft des Ratsgymnasiums neunzig Minuten auf der Bank verbracht hatte, nur um danach enttäuscht dem aktiven Fußball für immer den Rücken zu kehren.

„Ja, wir schlagen sie“, rief er kämpferisch zurück und wiegte sich dabei in den Hüften. Er merkte, dass seine Stimme heiser klang. „Heute packen wir’s!“

Auch das Publikum war Brökers Meinung. Erst jetzt merkte er, dass die Schüco-Arena vollbesetzt war. Auf der Südtribüne standen die treuesten Fans und schwenkten ihre Fahnen. Und sie hatten sich auch einen Liebling auserkoren – ihn!

„Bröker, Bröker, Bröker“, schallte es über die Ränge durch das Stadion.

Bröker stutzte. War er nicht Frank Pagelsdorf? Vermutlich hatte das Publikum sein Inkognito durchschaut. Sie wussten, wer da vor ihnen stand.

„Bröker, Bröker, Bröker“, riefen sie wieder – und dann überraschenderweise: „Bröker, wach auf!“

Was meinten die Leute? Das Spiel hatte doch noch gar nicht begonnen, so schläfrig konnte er also noch gar nicht gewirkt haben.

„Bröker, aufwachen!“, beharrten die Zuschauer. Dabei klangen sie verdächtig wie Gregor.

„Ich bin doch wach“, antwortete Bröker ihnen, doch er spürte, wie ihm die Worte im Halse steckenblieben.

„Bröker, wach auf!“, erklang der Ruf nun schon zum dritten Mal.

Bröker schlug die Augen auf. Das Licht fiel grell durch das Fenster. Ansonsten war alles verschwommen.

„Endlich kommst du zu dir“, hörte er Gregors Stimme erneut. „Ich hatte schon befürchtet, du wärst genau so tot wie dieser Janowski.“

„Janowski ist nicht tot. Ich habe ihn gerade gesehen“, wollte Bröker antworten, hatte aber das unbestimmte Gefühl, dass ihn das in den Augen des Jungen diskreditieren würde.

„Gregor, was brüllst du denn am frühen Morgen so?“, nuschelte er stattdessen.

„Früher Morgen, dass ich nicht lache!“, erwiderte dieser. „Es ist schon zehn Uhr und du schläfst gerade deinen Rausch aus.“

Jetzt erinnerte sich Bröker vage. Richtig, Gregors Mahlzeit am vergangenen Abend war wider aller Erwartung nicht nur genießbar, sondern richtig gut gewesen und er hatte gefunden, dass zu einem so guten Essen auch ein guter Wein gehörte. Von dem chilenischen Carménère waren sie auf einen Merlot umgestiegen und danach auf einen Haut Médoc, den Bröker schon seit Jahren zu seinen Lieblingsweinen zählte und daher kistenweise in seinem Keller aufbewahrte. Deshalb war er also leicht benommen.

„Mag ja sein, dass es zehn Uhr ist – aber das ist noch lange kein Grund so zu brüllen“, grunzte er. „Und überhaupt: Müsstest du nicht schon lange bei der Arbeit sein?“

„Erstens: Danke, dass du dich so um mich sorgst, aber ich habe diese Woche Spätschicht. Du wirst mich also erst gegen Mittag los. Und zweitens: Ich würde gar nicht brüllen, aber zum einen warst du nicht anders wachzukriegen und zum anderen ist hier jemand, der mit dir sprechen möchte“, entgegnete der Junge trocken und schwenkte dabei ein schnurloses Telefon in der Hand.

Dieses Teufelsding! Brökers alter Festnetzapparat, den noch seine Mutter in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der Post bekommen hatte, hatte vor ein paar Monaten den Dienst versagt. Na ja, wenn er ehrlich war, war er selbst nicht ganz schuldlos daran. Er hatte das Gerät versehentlich mit einem Glas Weißburgunder übergossen und danach nicht gewusst, ob er den Verlust des Telefonapparats oder das verschüttete Glas Wein mehr betrauern sollte. Jedenfalls hatte anschließend auch das ansonsten so unverwüstliche Gerät keinen Ton mehr von sich gegeben. Einen Vorteil hatte der schnurgebundene Apparat aber unbestreitbar gehabt: Man hatte ihn nicht in alle Zimmer tragen können, um Bröker mittels eines Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung zu wecken. Wer dieser Quälgeist auch immer sein mochte!

„So früh will schon jemand mit mir sprechen?“, brummte der Hausherr. „Der kann mich nicht besonders gut kennen.“

„Da gebe ich dir recht“, erwiderte der Junge. „Es ist Charly. Soll ich dir das Telefon trotzdem geben? Oder soll ich ihr sagen, dass du deinen Alkoholpegel abbaust und erst heute Abend wieder gesprächsbereit bist?“

Charly arbeitete als Journalistin bei der Neuen Westfälischen und sie kannte Bröker schon von der Uni, wo beide gemeinsam den Rotbarsch, eine Studentenzeitung, herausgegeben hatten.

„Na, gib schon her“, ordnete Bröker nun endlich mit klarerer Stimme an und griff nach dem Telefon.

„Bröker hier, hallo“, meldete er sich kurz darauf, sehr darum bemüht, seiner Stimme einen besonders energischen Klang zu geben. „Ist ja nicht zu fassen: Du bist auch schon wach, Charly?“

Auf der anderen Seite der Leitung erklang ein volles, ansteckendes Lachen. „Bröker, gib dir keine Mühe!“, entgegnete die Journalistin und Bröker konnte förmlich sehen, wie sie ihren Pferdeschwanz nach hinten warf. „Du solltest wissen, dass man diese neuartigen Telefone nicht nur in jeden Raum tragen kann – ich kann auf diese Weise auch jedes Wort hören, das du sagst.“

„Ja, ja, du warst ja schon immer so ein Technikfreak“, gab Bröker zurück und versuchte, zumindest ein wenig verstimmt zu klingen. In Wahrheit freute er sich jedes Mal, seine alte Studienkollegin zu sprechen, doch gerade wenn diese ihre ironische Phase hatte, durfte er es ihr nicht zu deutlich zeigen.

„Klar, wenn Technik mit der Erfindung des Feuers beginnt“, erwiderte die Journalistin schlagfertig.

„Charly, da du mich ja so gut kennst, weißt du auch, dass es für derartige Diskussionen zu früh für mich ist“, gab Bröker sich geschlagen. „Was verschafft mir denn die Ehre deines Anrufs?“

„Deine intimen Kenntnisse über Arminia!“

„Intim würde ich das nicht gerade nennen“, antwortete Bröker und fragte sich, ob die Journalistin in den letzten Monaten gelernt hatte, Gedanken zu lesen. Schließlich hatte er ja gerade erst geträumt, er sei ein Spieler des Bielefelder Fußballclubs, doch wenn er das verriete, brachte seine alte Freundin es womöglich morgen in der Zeitung. Sie war es ja auch gewesen, die ihn nach jedem gelösten Fall aufs Neue als Mr. Marple von der Sparrenburg gefeiert hatte.

„So oder so, du kennst dich gut mit dem DSC aus“, erklärte Charly. „Und da dachte ich, dass du bestimmt auch schon von den neuesten Vorfällen gehört hast und mir da weiterhelfen kannst.“

„Sicher habe ich davon gehört“, erwiderte Bröker mit einer Mischung aus Stolz und Betroffenheit. „Ich war gestern Nachmittag sogar live bei Janowskis Zusammenbruch dabei.“

„Live?“

„Nun ja, quasi. Ich habe es live am Radio mitverfolgt. – Und mir dabei in den Finger geschnitten!“

Wieder erklang Charlys dunkles, wirbelndes Lachen am anderen Ende der Leitung: „Na, dann weißt du ja sicher auch, was dahintersteckt?“

„Hinter dem Zusammenbruch? Keine Ahnung. Radio Bielefeld wusste gestern Abend noch von nichts.“ Bröker zögerte. „Nur dass Janowski gestorben ist, haben sie berichtet“, fuhr er mit betrübter Stimme fort. „Meinst du das?“

„Nicht ganz …“, erwiderte seine Freundin gedehnt.

„Sondern? Ich meine, woher soll ich wissen, woran der Spieler gestorben ist? Ich dachte eigentlich, er habe einen Herzanfall gehabt, obwohl das bei einem so jungen, durchtrainierten Kerl ja eher ungewöhnlich wäre. Was weiß denn ich, warum man so etwas kriegt – vielleicht war es ja die Aufregung, ein verschleppter Infekt. Vielleicht hatte er was Schlechtes gegessen …“

„Das kommt der Wahrheit schon näher“, erklärte Charly ruhig. „Dann weißt du es also tatsächlich noch nicht …“

„Natürlich nicht! Charly, wie du bereits mitbekommen hast, habe ich bis eben geschlafen. Also mach es bitte nicht so spannend!“

„Gut! ‚Gegessen‘ ist nicht ganz der fachgerechte Ausdruck: Eingenommen trifft es schon besser. Heute Morgen hat das Krankenhaus in Heidenheim eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin heißt es, dass in Janowskis Blut Medikamente gefunden wurden.“

„Medikamente?“, wiederholte Bröker schwach. „Was bedeutet das?“

„Das kann eine Menge bedeuten. Das sagen zumindest meine Kollegen vom Sport.“

„Was denn zum Beispiel?“ Bröker war nicht nur schlagartig hellwach, sondern auch so aufgeregt, dass es ihm schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Im günstigsten Fall war Janowski krank – herzkrank vielleicht, und musste deshalb Medikamente nehmen“, erklärte die Journalistin.

„Herzkrank? Als Profisportler?“

„Ich sagte ja schon, dass das gewissermaßen die günstigste Variante ist – nicht die wahrscheinlichste.“

„Und was wäre die Wahrscheinlichste?“

„Meine Kollegen vom Sport sagen, dass in mehr als 80 Prozent aller Fälle der Satz ‚Es wurden Medikamente in seinem Blut gefunden‘ bedeutet, dass der Sportler gedopt war“, erläuterte Charly. „Die vorgeblichen Medikamente waren dann halt Aufputschmittel.“

„Doping? – Alles, bloß das nicht!“, stöhnte Bröker auf. Ein Arminenspieler sollte gedopt haben! Das durfte doch einfach nicht wahr sein!

„Hm. Doping ist selbstverständich nur eine Möglichkeit. Wenn die Medikamente den Tod des Spielers verursacht haben, ist es vielleicht interessant zu erfahren, warum er sie genommen und wer sie ihm verschrieben hat. Darum habe ich dich ja auch angerufen: Ich wollte wissen, ob du vielleicht schon in diesem Fall ermittelst.“

„Ermittelst?“ Bröker lachte trocken.

Auch, wenn es ihm mittlerweile mehrfach gelungen war, der Polizei bei ihrer Arbeit zu helfen, so wäre er nie auf die Idee gekommen, seine Tätigkeit als Ermittlungsarbeit zu bezeichnen. Er machte sich seine Gedanken – und interessanterweise lag er damit in manchen Fällen richtig. „Nein, ermittelt habe ich bislang nicht“, erwiderte er wahrheitsgemäß. „Wie du ja gerade mitbekommen hast, bist du die Erste, die mir Details verraten hat.“

„Das ist ja immerhin etwas.“ Bröker hörte ein Lächeln in Charlys Stimme. „Wozu alte Freundinnen doch manchmal gut sind. Jetzt kannst du dir ja wenigstens überlegen, ob du in den Fall eingreifst.“

„Das werde ich“, erwiderte Bröker. Er wusste nur zu genau, was sich die Journalistin wünschte. Wenn er tatsächlich anfinge, über den Tod Janowskis nachzudenken, und wenn er eine Unregelmäßigkeit fände, hätte sie ihre nächste Schlagzeile und ihren nächsten Artikel auf Seite eins – zumindest auf der ersten Seite des Lokalteils.

„Dann werde ich ja bestimmt bald wieder von dir hören“, kam prompt Charlys Antwort.

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, dämpfte Bröker ihren Optimismus.

Wenn Janowski wirklich gedopt hatte, gab es nicht viel, was er machen konnte. In dem Fall konnte er nur hoffen, dass der Fleck auf der Weste des Spielers nicht auch einen Schatten auf die Arminia warf.

„Na, wir werden sehen“, erwiderte die Journalistin optimistisch und legte auf.

Bröker drückte den roten Knopf seines Telefons. Der Hörer hörte auf zu tuten. Er legte das Gerät auf seinen Nachttisch und ließ sich zurück ins Bett fallen. Was waren das nur wieder für Neuigkeiten? Die Saison war so hervorragend für die Arminia gelaufen. Die Neuzugänge Gärtner und Janowski waren eine echte Verstärkung für die Mannschaft gewesen. In dieser Saison hatte Brökers Lieblingsclub nichts mit den unteren Tabellenrängen zu tun gehabt – und das obwohl die Bielefelder zu Saisonbeginn mal wieder als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt worden waren. Ja, Anfang des Monats hatte sich Bröker bei dem verwegenen Gedanken erwischt, dass man vielleicht mal wieder an die Erste Liga denken könnte, wenn die nächste Saison ebenso gut liefe. Heimlich natürlich. Aber immerhin ein Gedanke, der beinahe zehn Jahre lang weit aus Brökers Gehirn verbannt gewesen war.

Und jetzt das! Ein Bielefelder Spieler war womöglich gedopt gewesen. Und vielleicht war das erst die Spitze des Eisbergs. Wer konnte schon sagen, welche bösen Überraschungen in den nächsten Tagen noch auf ihn warten würden.

Kapitel 4Doppelte Überraschung

Zwei Stunden später saß Bröker mit einem Kaffee vor seinem Computer im Arbeitszimmer. Es hatte einige Zeit gedauert, bevor er sich nach dem Telefonat mit Charly aus seinen finsteren Gedanken hatte lösen können. So sehr er sich auch etwas anderes wünschte: Es sah alles danach aus, dass Janowski gedopt hatte und Opfer seiner eigenen unsportlichen Praktiken geworden war. Bröker mochte sich gar nicht ausmalen, was die Zeitungen – die Neue Westfälische, das Westfalen-Blatt und erst die überregionalen Blätter – daraus für Schlagzeilen machen würden.

Als Bröker schließlich den Weg ins Erdgeschoss fand, war von Gregor keine Spur mehr zu sehen. Immerhin hatte er ihm in der Kaffeemaschine einen Kaffee hinterlassen, der allerdings unterdessen eine teerähnliche Konsistenz angenommen hatte, sodass Bröker ihn, ohne zu zögern in das Spülbecken kippte und sich anschließend einen neuen aufsetzte. Selbst die edelsten Kaffeebohnen waren kein Genuss mehr, wenn man sie so malträtierte.

Vielleicht hatte der Junge Bröker den Kaffee auch gar nicht hinstellen wollen, sondern schlichtweg vergessen, die Maschine abzuschalten, bevor er das Haus verlassen hatte. Wahrscheinlich war er wie meistens in Eile gewesen. Ja, er hatte doch vorhin irgendetwas gesagt – dass er heute ab mittags arbeiten müsse. Oder war das morgen? Bröker schämte sich ein wenig. Er wusste, dass er oft nicht richtig zuhörte, wenn er in Gedanken war. Und gerade war er schwer in Gedanken.

Nicht nur, dass ihn der seltsame Tod des Arminenspielers beschäftigte, es gab noch mehr, um das er sich Sorgen machte. Bislang war er immer davon ausgegangen, dass das Erbe, das ihm seine Mutter hinterlassen hatte, die Stadtvilla am Sparrenberg und ein recht gut gefülltes Konto, bei seinem jetzigen Lebenswandel reichen würde, um ihm ein sorgenfreies Leben zu bescheren, bis er 68 war. Und da er es albern fand, in so einem Alter noch eine Arbeit aufzunehmen, hatte er, als seine Mutter starb, beschlossen, nicht älter zu werden als 68. Damals war ihm das utopisch weit weg vorgekommen. Vermutlich würde er dieses Alter ohnehin nicht erreichen, so, wie er den guten Wein und das exquisite Essen liebte, hatte er damals gedacht.

Dann aber, es mochte nun drei Monate her sein oder vier, war ihm mit einem Mal dieser Gedanke gekommen. Mitten in der Nacht war er hochgeschreckt und hatte angefangen sich zu fürchten: Was sollte er machen, wenn er doch 68 würde? Würde er sein Haus verkaufen und in die Enge einer Mietwohnung ziehen müssen? Bröker gruselte sich allein bei dem Gedanken, die Gespräche der Nachbarn über sich zu belauschen oder alle zwei Wochen das Treppenhaus kehren und wischen zu müssen – und das dann mit beinahe 70!

Nein, eine andere Lösung musste her, hatte er entschieden. Und er hatte auch sogleich nach einer solchen gesucht. Diese machte ihm allerdings gerade nicht weniger Angst als das ursprüngliche Problem.

Und so hatte Bröker an diesem Morgen den uralten Computer angeworfen, den noch seine Mutter angeschafft hatte. Der brummte zwar laut, als er zum Leben erwachte, würde ihm aber sowohl im Fall um den toten Janowski als auch beim Problem um seine Altersvorsorge wichtige Hinweise liefern können.

An Letzteres verschwendete Bröker allerdings an diesem Morgen weniger Gedanken, als er ursprünglich vorgehabt hatte. Immer wieder rief er verschiedene Sportseiten im Internet auf, wartete geduldig, bis sich die Bilder auf dem vorsintflutlichen Computer aufgebaut hatten, und las anschließend, was die Medien über Janowskis Tod zu berichten hatten. Viel Neues konnte er dabei aber nicht in Erfahrung bringen. Unisono berichteten die Internet-Gazetten über das Spiel, den Zusammenbruch des Spielers, seinen Tod und die Presseerklärung der Ärzte am Morgen. Nur darin, wie konsequent sie ihre Schlussfolgerungen äußerten, unterschieden sie sich. Während einige noch schrieben, die Medikamente in Janowskis Körper ließen vielerlei Schlussfolgerungen zu, sprachen andere bereits unverhohlen von Doping.

Daneben gab es auf verschiedenen Seiten mehr oder weniger ausführliche Schilderungen von Janowskis Karriere. Bröker überflog sie kurz und staunte, für wie viele Vereine der Spieler schon tätig gewesen war. Da kam mehr als ein halbes Dutzend zusammen. Allerdings war er dabei nie über die Zweite oder Dritte Liga hinausgekommen. Das Westfalen-Blatt hatte es sogar geschafft, einige von Janowskis Mitspielern zu einer Stellungnahme zu bewegen. Bröker war wenig überrascht, dass diese sich schockiert zeigten. Echte Trauer aber vermisste er. Nun ja, sagte er sich, schließlich war der Spieler ja auch erst seit Kurzem für Bielefeld aufgelaufen, enge Freunde hatte er im Team vermutlich noch nicht gefunden. Merkwürdig war nur, dass sich der Deutsche Fußballbund noch nicht zu Wort gemeldet hatte. Vermutlich wollten die erst das Ergebnis der medizinischen Untersuchung abwarten. Bröker graute beim Gedanken an die Konsequenzen, die auf die Arminia warten würden, sollte sich der Dopingverdacht bestätigen. Immerhin hatte die sich in einer Pressemitteilung schon prophylaktisch von einem möglichen Dopingvergehen Janowskis distanziert. Man sei zutiefst schockiert über den Tod des Spielers, hatte die Vereinsführung verkünden lassen. Auch wenn man nicht davon ausgehe, dass er gedopt gewesen sei, lehne man die Einnahme illegaler leistungs-fördernder Mittel auf das Entschiedenste ab.

Bröker seufzte. Das klang nicht danach, als schlössen die Verantwortlichen der Arminia den Dopingvorwurf, der gegen Janowski im Raum stand, kategorisch aus. Er klickte die Sportportale weg und wandte sich den Wirtschaftsseiten zu. Die sollten für seine eigene Zukunft ohnehin bedeutender sein, auch wenn die Nachrichten in diesen Tagen kaum weniger beunruhigend waren als das, was er über die Arminia erfuhr. Seine Konzentration auf die Wirtschaftsereignisse aber hielt trotzdem kaum zehn Minuten an. Danach klickte er zurück zu den Sportseiten und schaute dort, ob es etwas Neues zur Arminia gab. Anschließend stürmte er in die Küche, um sich Nachschub an Koffein zu besorgen, ehe er seine Tour durch die Nachrichtenseiten aufs Neue begann.

Gerade war er wieder in einen besonders langen Artikel über den Fall Janowski, wie es inzwischen hieß, und den Medikamentenmissbrauch im Sport im Allgemeinen vertieft, als ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken riss. Er schaute beunruhigt auf, aber außer seinem fetten Kater Uli, von dem niemand mehr vermutet hätte, dass er ausgerechnet nach der Bielefelder Torwartlegende Uli Stein, einer wahren Katze im Tor, benannt worden war, war da niemand. Und Uli lag faul zu – nein, AUF Brökers Füßen und rührte sich nicht.

Da war es wieder – das Geräusch. Bröker lauschte. Jetzt erkannte er es. Es war seine Türklingel. So selten war es, dass jemand sie benutzte, dass er sich an ihren Klang kaum erinnerte. Aber er selbst und Gregor hatten ja einen Schlüssel und wenn sie nicht gelegentlich für kurze Zeit einen Mitbewohner aufnahmen, wohnte sonst niemand in dem Haus unterhalb der Sparrenburg. Und weder er noch Gregor besaßen viele Freunde, schon gar nicht solche, die regelmäßig zu Besuch kamen – und das war Bröker auch ganz recht.

Wieder schellte es. Bröker erhob sich mit einem klagenden Laut. Noch immer schmerzte sein Rücken. Der Schaden, den dieser bei seinem Sturz davongetragen hatte, war anscheinend weitaus größer als die Verletzung am Daumen, den er mittlerweile nur noch mit einem Pflaster verarztet hatte. Auch Uli erhob sich und sprang behäbig auf ein Bücherregal, nicht, ohne dabei lautstark mauzend zu protestieren.

Der unangekündigte Besucher verlor unterdessen die Geduld. Er war dazu übergegangen, Sturm zu läuten.

„Gemach, gemach, ich komme ja schon!“, rief Bröker und machte sich daran, so schnell wie es ihm mit seinem lädierten Rücken möglich war, ins Untergeschoss zu eilen. Beinahe wäre er auf der vorletzten Stufe noch gestolpert, fing sich aber noch gerade so und landete mit einem Hopser, der beinahe als elegant zu bezeichnen war, im Erdgeschoss.

Schnell öffnete er die Tür.

„Gregor, du?“ Bröker machte sich gar nicht erst die Mühe, seine Mischung aus Erstaunen und Ärger zu unterdrücken. „Musst du gleich schellen, als wolltest du Tote erwecken? Und überhaupt: Habe ich dir nicht schon vor sechs Jahren einen Schlüssel gegeben? Was spricht dagegen, dass du ihn auch benutzt?“

„Du“, grinste der Junge.

„Ich?“

„Deine Angewohnheit, nachts abzuschließen und den Schlüssel die ganze Nacht steckenzulassen. Und dein Tagesrhythmus, bei dem die Nacht noch nicht einmal um halb eins am nächsten Tag beendet ist. Jedenfalls hast du den Schlüssel noch immer nicht abgezogen. Und deshalb musste ich klingeln.“

Betreten sah Bröker auf den Schlüssel, der beinahe stolz im Türschloss steckte.

„Mist“, murmelte er. „Aber ich dachte, du wärst arbeiten“, fügte er entschuldigend hinzu.

„Ja, natürlich“, lachte Gregor. „Das Gleiche hast du mir heute Morgen auch schon gesagt. Bröker, willst du mir damit vielleicht andeuten, dass ich Miete zahlen und meinen Beitrag zur Haushaltskasse leisten soll?“

„Ach Quatsch!“ Bröker schüttelte energisch den Kopf und sah auf diese Weise nicht, dass sich der Junge nach hinten umblickte.