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Die Pubertät alleine ist für ein junges Mädchen bereits eine Herausforderung. Wird einem dann auch noch ein Schutzengel wie Lenja an die Seite gestellt, ist die Zeit doppelt spannend. Die auf der Erde als junges Mädchen, aber nur für ihren Menschen sichtbare Lenja unterstützt die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens und vor allem hilft sie den Mädchen, die daneben auch noch mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Dass sie bei ihrer neuen Mission auf der Erde aber plötzlich selber in Schwierigkeiten gerät, damit hat sie nicht gerechnet und kann auch erst einmal gar nichts damit anfangen. Eines aber ist hier klar, dieser andere Engel, dieser Emil bringt irgendwie alles durcheinander.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Freunde sind Engel,
die uns auf die Beine helfen,
wenn unsere Flügel vergessen haben,
wie man fliegt.
(Otto von Bismarck)
Für meine Freunde
Für Euch, meine Liebsten.
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHSZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
ZWEIUNDDREISSIG
DREIUNDDREISSIG
EPILOG
In diesem Punkt unterscheidet sich Lenja nicht von anderen Mädchen. Auch sie hat Geheimnisse. Vorsichtig und mit einem Lächeln auf den Lippen legt sie das kleine Bild zurück in den Tresor, schließt die Tür und drückt ihren Daumen auf die dafür vorgesehene Vertiefung, bis sie ein Klicken hört.
Dann schaut sie sich noch einmal in ihrer Einheit um. Alles ist an seinem Platz.
In der kugelförmigen, hellgrünen Mini-Waschmaschine links neben dem Tresor drehen sich ihre sieben Kleider und zwei Umhänge. Drei Mal rechtsherum und zwei Mal in die andere Richtung, dann eine Minute Pause. Auf der rechten Seite befindet sich die ovale Schlafkoje, darin ordentlich gefaltet das Bettzeug aus Calma-Wolle. Schon allein beim Anblick vermisst sie es. „Wenn die Menschen doch endlich verstehen würden, was sich alles aus alten Laubblättern zaubern lässt“, sagt sie zu sich selbst. „Dann würden sie mit Sicherheit besser schlafen und hätten weniger Rückenschmerzen.“
Sie geht zum Schreibtisch, der den Mittelpunkt des Zimmers bildet. Bis auf eine saubere Unterlage und einen Briefumschlag ist er leer. Lenja greift nach dem geschlossenen Kuvert. Die im Papier eingewebten Silberfaden glitzern, als die Sonnenstrahlen, die durch die lichtdurchlässige Kuppel der Einheit dringen, sie berühren.
Die vier darauf geschriebenen Buchstaben sind gut zu erkennen. ANNA steht dort. Lenja steckt den Umschlag in ihren Lederbeutel, schaut noch einmal nach, ob sie die Puderdose, den goldenen Löffel und das Handy eingesteckt hat und geht ohne einen weiteren prüfenden Blick zur Tür.
Sie weiß auch so, dass alles sauber und ordentlich ist. Sie wird nicht ohne Grund von den anderen Engeln manchmal „putzig“ genannt.
Bevor sie sich auf den Weg macht, schaut sie noch einmal auf die Lücke, die zwischen ihrer und der benachbarten Einheit klafft.
„Ich hoffe, dir geht es gut. Wo auch immer du jetzt bist“, sagt sie leise und denkt an ihren ehemaligen Nachbarn, der erst vor wenigen Tagen mitsamt seines Zuhauses Atlantis verlassen hat. Doch sie weiß, dass es nicht lange dauern und ganz bald eine neue halbkugelförmige Einheit auf den vier dicken Pfählen aus Zedernholz ruhen wird. Bis dahin verschwinden die Holzpfosten ein wenig Herrenlos in den hellgrünen Wogen des Sees Califfa. „Genau sechszehn Meter im Durchmesser und acht Meter hoch. Genug Platz für einen Engel“, wiederholt sie die Worte ihrer Lehrerin. „Auch wenn ich gegen ein paar mehr Meter nichts hätte.“
Ihr Wolken-Kart parkt direkt neben dem Steg ihrer Einheit.
Eigentlich gleicht er einem dicken, weichen, weißen Wattebausch und verfügt weder über Reifen, Fenster, einen Kofferraum oder Türen. Zum einsteigen, braucht sich Lenja daher auch nur mit einem Sprung mitten hineinfallen lassen, um dann nach einem kurzen Abtauchen mit dem Kopf und Oberkörper wieder zum Vorschein zu kommen. Gesteuert wird das atlantische Auto über den Gedankenweg und so macht sich Lenja auf den Weg. Um diese Uhrzeit ist auf der Milchstrasse natürlich eine Menge los. Doch die gigantische Uhr am Firmament zeigt erst kurz nach elf. Lenja muss um halb zwölf atlantischer Zeit am Großen Tor sein, und so bleiben noch ein paar Minuten für einen kleinen Abstecher.
Sie gleitet an den anderen Einheiten vorbei. Andere Engel kommen ihr entgegen, nicken freundlich und sie lächelt zurück. Andere Karts sind leer, fahren aber ordentlich eingereiht im Verkehrsfluss mit.
Kurz darauf erreicht Lenja die Einheit von Gane. Sie würde den jungen Engel zwar nicht als Freundin bezeichnen, denn so etwas wie Freunde, Familie und Liebesbeziehungen gibt es nun einmal unter Engeln nicht. Doch Gane besucht die gleiche Klasse wie sie, sie sind im gleichen Wolkyball-Team und sie gehört auch zur Gruppe der Schutzengel. Daher verbringen sie viel Zeit zusammen, wenn sie beide nicht gerade auf einer irdischen Mission sind.
Lenja steuert ihren Kart auf den kleinen Steg vor Ganes Zuhause, steigt aus. „Gane?“ ruft sie.
Es dauert nur wenige Sekunden und ein Mädchen mit langen hellblonden Haaren tritt durch die Tür. Sie trägt das für Engel so typische, leicht violett schimmernde Kleid und lächelt:
„Lenja. Du bist ja schon reisefertig. Kannst es wohl kaum erwarten, wieder auf die Erde zu kommen, oder?“
Lenja lächelt zurück. Die schlichte, beige Stoffhose und das ebenfalls beige T-Shirt haben sie verraten. Die Reiseuniform der Engel könnte wirklich ein wenig schöner sein. Doch als sie einmal um etwas Bunteres bat, sagte Panari aus der Wäschekammer nur: „Und wie würde das aussehen, wenn du plötzlich in ein einem wild geblümten Hemd und gelben Hosen auf einem Friedhof stehen würdest? Da könntest du dir gleich rosa Flügel anschnallen, am besten noch eine Harfe unter den Arm klemmen und Hosianna singen.“
Seitdem hat Lenja nie wieder nachgefragt. Man sollte Engel nicht in Versuchung führen.
„Hallo Gane“, sagt sie. „Wie schön, dass wir uns noch sehen.“
„Das finde ich auch“, antwortet Gane: „Wohin geht’s denn diesmal?“
„Das Mädchen heißt Anna“, sagt Lenja. „Sie 14 und lebt seit ein paar Wochen in Berlin. Ihr Eltern haben sich getrennt und ihre Mutter hat sich in eine andere Stadt versetzen lassen.“
„Lass mich raten. Und diese Anna findet das alles nicht so spannend.“
„Sie findet es sogar extrem bescheiden“, Lenja nickt. „Aber ihre Eltern haben zusammen in der gleichen Bank gearbeitet. Und die neue Freundin des Vaters ist ebenfalls dort angestellt und das wollte sich Annas Mutter auf Dauer nicht antun.“
Gane nickt verständnisvoll. „14 Jahre sagst du?“ fragt sie dann.
„Ja. Mal wieder mitten drin in der Pubertät.“ Lenja lacht.
„Na, dann kann ich dir nur viel Glück wünschen“, meint Gane.
„Danke. Und wann geht’s für dich weiter?“ will Lenja wissen „Ich reise morgen ab. Diesmal zu einer 13-Jährigen, die unbedingt Model werden will und seit etwa einem Jahr nichts mehr isst. Ich bin echt mal gespannt, ob ich sie überhaupt noch sehen kann.“
„Wahrscheinlich erkennst du sie so gut, wie dich die anderen Menschen sehen.“ Die beiden kleinen Engel lachen.
Doch dann schüttelt Lenja den Kopf. „Ist schon echt komisch. Immer diese Sache mit dem Essen. Ich habe ja auch schon den einen oder anderen Schatzling betreut, der damit ein Problem hatte. Zuviel, zu wenig, nur schlechte Sachen.
Ich bin echt froh, dass es uns anders geht.“
„Das kannst du laut sagen“, meint Gane. „Essen können, was man will und wann man will, macht vieles einfacher.“
„Auf jeden Fall. Ich freue mich schon jetzt auf Eis und Starbucks-Kaffee“, sagt Lenja und wirft einen Blick auf die Uhr am Firmament. Sie zeigt nun kurz vor halb zwölf.
„Ich muss leider los. Adieu, liebe Gane. Viel Erfolg.“
„Adieu, liebe Lenja. Dir auch. Wir sehen uns in einigen Wochen beim Wolkyball?“
„Auf jeden Fall. Wir haben ja noch etwas gut zu machen!“
Als Lenja das Plateau mit dem Großen Tor erreicht, herrscht Hochbetrieb. Während Engel von der Erde zurückkommen, machen sich andere auf den Weg. Lenja hüpft aus ihrem Kart, wünscht im eine gute Heimfahrt und die Wolke fahrt zurück zu ihrer Einheit.
„Lenja“, hört sie plötzlich eine Stimme. „Warum musst du immer auf den letzten Drücker kommen?“
„Tut mir leid, Madame Salonia“, sagt sie und macht einen kleinen Knicks vor der Lehrerin. „Aber ich habe mich noch von Gane verabschiedet.“
„Du wirst echt immer menschlicher, Liebes. Aber ist schon gut. Es gibt ja auch nichts Neues, was ich dir nach 320 Missionen noch sagen könnte.“ Dann hebt Madame Salonia doch den Finger. „Außer: Übertreibe es diesmal bitte nicht so viel mit dem Puderzauber. Ich fände es schade, wenn du nach deiner Rückkehr wieder ewig lange in der Werkstatt und im Quellwerk arbeiten musst. Die Menschen auf der Erde brauchen dich.“
„Ich versuche es“, sagt Lenja.
„Das wäre schön. Dann wünsche ich dir eine gute Reise.
Adieu.“
„Danke und Adieu, Madame Salonia.“
Doch als Lenja zur Abfertigung geht und sich die Lehrerin dem nächsten abreisenden Engel widmet, sagt sie leise und ohne dass Lenja es hören kann: „Als wenn du es wirklich versuchen würdest, du kleiner verrückter Engel.“
Zehn Minuten später hat Lenja sich beim Schalter und den zuständigen Engeln aus dem Meldeamt exmatrikuliert. Als sie durch den Körperscanner geht, beginnt er wild zu piepsen.
„Stopp“, sagt der Wachengel mit tiefer Stimme.
„Herkommen.“
Lenja dreht sich um und sieht wie der junge Engel neben ihr mit zusammengekniffenem Mund auf den Wachengel zugeht. Er zieht einen iPod aus seiner Hosentasche.
Sie lächelt. In den ersten Jahren hat sie auch ein paar Mal versucht, etwas von der Erde nach Atlantis zu schmuggeln.
Aber nach einige gescheiterten Versuchen und vielen Stunden Wieder-Gut-mach-Dienst in der Werkstatt sah sie ein, dass es nichts bringt. Dafür ist die Technologie der Engel einfach zu ausgereift und die Sinne der Wachengel irgendwie überirdisch.
Vor sich sieht sie nun das Große Tor. Es besteht aus zwei riesigen Türflügeln, die ohne Mauer, Scharniere oder andere Befestigungen am Ende eines langen Stegs stehen. Während der linke Flügel nach innen aufschwingt und ein Engel nach dem anderen hineingeht, öffnet sich der rechte nach außen und Engel treten heraus. Als sie an der Reihe ist, greift sie nach dem dunklen Griff, schiebt die Tür auf und geht hinein. Wenige Sekunden später sitzt sie auf einer Parkbank, mitten auf einem Friedhof in Berlin. Sie blickt auf die neben ihr auf dem Grab stehende kleine Engelsfigur. Wie immer hat keiner der Menschen, die vereinzelt zwischen den Gräbern herumlaufen, ihre Ankunft mitbekommen. Lenja steht auf, versteckt sich in dem dicken Buschwerk hinter der Gruft, und tritt Sekunden später in einer hellblauen Jeans, Turnschuhen und einem roten T-Shirt wieder heraus. Nun sieht sie aus, wie jedes andere 12-jährige Mädchen. Knapp 1,50 Meter groß, ein rundes Gesicht, das von dunkelbraunen, zu einem Bob geschnittenen Haaren eingerahmt ist. Nur die grünen Augen leuchten ein wenig anders und verraten, dass sie eben doch nicht ganz normal ist. Sie klatscht in die Hände. Wuschelt sich dann einmal durch den Schopf und geht langsam Richtung Ausgang. Ihr Ziel ist die nächste S-Bahn-Station.
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Als das Mädchen sein Ticket vorzeigen muss, hebt es den Kopf. Die blonden, schulterlangen Haare öffnen sich wie ein Vorhang und ein ovales Gesicht mit großen blauen Augen und einer geröteten Stupsnase kommt zum Vorschein. Lenja sitzt vier Bankreihen hinter Anna und erkennt sofort, dass sie geweint hat. Doch der Kontrolleur sieht die Tränen nicht.
Jedenfalls wirft er nur einen Blick auf das Ticket, geht ohne ein Wort weiter und Anna lässt schnell wieder die Haare vor das Gesicht fallen, indem sie den Kopf senkt.
Lenja, die keine Fahrtkarte besitzt, aber auch als einzige im Abteil nicht kontrolliert wird, ballt die Faust und denkt: ‚Ach, wenn ich doch nur könnte, dann würde ich schon dafür sorgen, dass du ein bisschen aufmerksamer sein würdest, Idiot.’ Aber sie darf nicht. Auch für Engel gelten Regeln; vor allem auf der Erde.
Die Bahn erreicht den Alexanderplatz. Anna steckt das Buch in die Tasche und kann sich gerade noch zwischen den sich schließenden Türen ins Freie drängen. Lenja wartet schon auf dem Gleis und als das Mädchen sich auf den Weg zur U-Bahn aufmacht, spricht Lenja sie an.
„Entschuldigung“, sagt sie und schaut Anna in die Augen.
„Wie komme ich denn von hier zum Fernsehturm?“
Anna wischt sich schnell einmal mit dem Ärmel durch das verweinte Gesicht und versucht, zu lächeln.
„Einfach dort die Treppe runter und nach rechts. Du läufst direkt darauf zu.“
„Danke“, auch Lenja lächelt.
„Gerne“, erwidert Anna. Dann geht sie schnellen Schrittes Richtung Rolltreppe. Lenja wartet noch ein paar Augenblicke und folgt ihr.
Der Fernsehturm muss warten.
Eine Viertelstunde später erreicht Anna das Mehrfamilienhaus, in dem sie mit ihrer Mutter eine Wohnung gefunden hat. Doch anstatt direkt die Haustür aufzuschließen, geht sie weiter. Direkt an das Haus grenzt ein Minipark, ein paar Bäumen, wenige Grasflecken und eine Bank, die irgendwann einmal rot gewesen ist. Anna wirft ihren Rucksack auf den Boden, steigt auf die Bank, setzt sich auf die Lehne und vergräbt den Kopf in den Händen.
„Ich hätte da noch eine Frage“, sagt da Lenja, die nun wenige Meter vor ihr steht. Erschrocken reißt Anna den Kopf hoch und starrt Lenja an. „Spinnst du? Warum erschreckst du mich denn so?“
Dann erkennt Anna sie wieder. „Du? Bist du etwa hinter mir hergelaufen? Was machst du hier?“
„Die Frage ist doch wohl eher: Was machst du hier?“ fragt Lenja zurück und rührt sich nicht.
„Geht dich einen Scheißdreck an.“
„Weinst du?“
„Nein.“
„Tust du doch.“
„Und wenn schon, was geht es dich an?“
„Ich würde dir gerne helfen.“
„Ich brauche deine Hilfe nicht, lass mich einfach in Ruhe“, sagt Anna. „Und überhaupt. Den Fernsehturm findest du hier ganz sicher nicht.“
„Den habe ich auch nie wirklich gesucht.“
„Häh, aber du hast mich doch danach gefragt“, fragt Anna überrumpelt. „Du hast doch eben am Alex nach dem blöden Turm gefragt. Ich bin doch nicht bescheuert.“
„Habe ich, das stimmt“, sagt Lenja. „Aber ich wollte da nie hin.“
„Aber?“
„Aber nichts. Manchmal macht man eben Sachen oder sagt Dinge, die man gar nicht so meint oder will“, antwortet Lenja.
Anna schüttelt den Kopf.
„Na ja, nehmen wir einmal dich. Du sitzt hier weinst und behauptest, dass du keine Hilfe willst. Dabei könnte ich dir wirklich helfen.“
„Und woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es eben.“
Zehn Minuten später hat Anna Lenja erzählt, dass sie immer nach der Schule hier sitzt, weil sie in der großen Wohnung nicht alleine sein will. Dann muss sie noch mehr daran denken, dass der Vater weg ist und nichts mehr von sich hören lässt. Und weil sie dann am liebsten die Sachen der Mutter kaputt machen würde, die über ihren Kopf hinweg entschieden hat, dass sie alle ihre Freunde in einer anderen Stadt zurücklassen musste.
„Ich habe keine Ahnung, warum ich dir das erzähle“, sagt Anna. „Aber irgendwie scheinst du ganz nett zu sein.“
„Das bin ich auch“, sagt Lenja. „Und ich kann dich ja verstehen, finde aber, dass dich hier alleine rumsitzen und weinen auch nicht weiterbringt.“
Daraufhin schweigt Anna.
„Ich meine, es hilft doch keinem, wenn du traurig bist.“
„Es interessiert eh niemanden, was ich fühle“, sagt Anna leise.
„Das ist nicht wahr“, sagt Lenja. „Mich interessiert es und ich finde, dass alleine auf einer Bank sitzen und weinen keine gute Idee ist.“
Anna schweigt und Lenja kneift sie in die Seite. „Na komm’, sag’s schon. Es ist eine dumme Idee und bringt dich nicht wirklich weiter.“
Anna schaut auf den Boden und sagt leise: „Okay, du hast Recht. Es ist eine dumme Idee.“ Und dann beginnt sie, laut zu lachen, und auch Lenja grinst breit. „Siehst du, hat gar nicht weggetan.“
„Wie heißt du eigentlich?“ fragt Anna.
„Lenja. Und du?“
„Anna.“
„Ach, ein Palindrom“, meint Lenja. „Wie lustig.“
„Ein was?“
„Ein Palindrom.“
„Was ist das?“
„Jetzt sag nicht, du weißt nicht, was ein Palindrom ist?“
„Nein, ich weiß nicht, was das ist.“
„Das ist ein Wort, das man vorwärts und rückwärts lesen kann“, erklärt Lenja. „Lernt ihr so etwas nicht in der Schule?“
„Nein.“
„Was lernt ihr denn dann?“
„Ja die ganz normalen Dinge eben.“
„Normale Dinge?“
Anna schüttelt wieder den Kopf und steht auf.
„Ist doch auch egal. Hast du Lust, dass wir bei mir zuhause etwas zusammen trinken?“
Auch Lenja steht auf. „Sehr gerne. Aber hast du gar keine Angst, dass ich dir was tun könnte. Schließlich kennst mich doch gar nicht.“
„Naja. Ich denke, wer so klug daherredet, der stellt schon nichts an. Und wenn ich will, dass du gehst, schmeiße ich dich einfach raus“, antwortet Anna und schaut sie von oben bis unten an.
„Außerdem bin ich sicher ein bisschen stärker als du.“ Lenja lacht. ‚Na, wenn du meinst’, denkt sie und geht hinter Anna her.
Gemeinsam betreten die beiden die 4-Zimmer-Wohnung.
Lena fällt sofort auf, wie hell es ist. Die Decken sind hoch und dementsprechend riesig sind die Fenster. Dazu haben Maler alles vor dem Einzug von Mutter und Tochter in ein strahlendes Weiß getaucht. Der Boden besteht bis auf Küche und Bad aus alten Holzdielen, die knarzen und knirschen, wenn man darüber läuft. Anna fallt jedoch gar nicht auf, dass die Dielen keinen Ton von sich geben, wenn Lenja darauf tritt. Sie denkt immer noch über die Sache mit dem Rauchen nach.
Währenddessen schaut sich der kleine Engel weiter um. Vom Flur aus zweigen verschiedene Türen ab. Hinter den geschlossenen vermutet sie die Schlafzimmer.
„Komm’, ich zeige dir die Wohnung“, sagt Anna, nun wieder mit ihren Gedanken bei Lenja. „Offensichtlich findest du das hier interessant.“
„Gerne“, antwortet Lenja und folgt ihrem Schatzling ins Wohnzimmer. Ein gigantisches Sofa und ein großer Fernseher. Sie muss daran denken, wie sich die Welt in den letzten Jahrhunderten verändert hat. Die Lebensumstände der Menschen entwickeln sich immer schneller weiter. Fernseher, riesige Wohnungen, in denen nur zwei oder drei Menschen leben, Autos, S-Bahnen, Computer, Telefone – all das war der Bevölkerung des 17. Jahrhunderts vollkommen fremd.
Um bei diesen tausend Veränderungen auf dem Laufenden zu bleiben, beobachten die Engel im Meldeamt das Treiben auf der Erde ganz genau. Das gesammelte Wissen wird den jungen Engeln in der Schule beigebracht und die älteren können es in der Bibliothek von Atlantis oder in der Atlantischen Zeitung, der Delphi Post, nachlesen.
Direkt vom Wohnzimmer erreicht man über eine Flügeltür das Esszimmer. Lenja sieht als erstes den großen Arbeitstisch von Beatrice Eiger, Annas Mutter. Jeder Zentimeter ist mit Zetteln und Büchern bedeckt, aber dennoch herrscht irgendwie Ordnung. Zudem sieht sie ein Bücherregel mit Lenja – sicher schätzt – 2000 Büchern, alle ordentlich nach dem Alphabet sortiert. Auch wenn das nur ein Bruchteil der über sieben Milliarden Bücher ist, die in der Bibliothek von Atlantis stehen, ist das für einen Menschen schon eine ganze Menge.
„Hat deine Mutter die alle gelesen?“ fragt Lenja.
„Keine Ahnung“, meint Anna. „Sie liest schon sehr viel.
Aber in welche davon sie jetzt schon ihre Nase gesteckt hat, weiß ich nicht.“
„Liest du auch viel?“ fragt Lenja.
„Ich lese nur, was mich interessiert oder eben den Mist, den wir für die Schule lesen müssen.“
„Was interessiert dich denn?“
„Du bist echt neugierig. Warum willst du das denn alles wissen? Ich quetsche dich doch auch nicht aus.“
„Interessiert mich eben“, meint Lenja. „Schließlich werden wir nun einiges an Zeit miteinander verbringen. Da würde ich einfach gerne wissen, was dich so interessiert und was eben nicht.“
Anna, eigentlich schon auf dem Weg zurück in den Flur, bleibt abrupt stehen und legt den Kopf schief. „Wie meinst du das, dass wir nun Zeit miteinander verbringen?“ fragt sie skeptisch.
„Naja, sagen wir mal so. Mich schickt der Himmel als deine neue Freundin, weil du doch in Berlin noch niemanden richtig kennst.“
Anna verengt die Augen zu Schlitzen. „Jetzt mal langsam. Woher weißt du, dass ich hier noch niemanden kenne?“
„Weiß ich eben.“
„Woher?“
„Okay“, Lenja setzt sich auf das Sofa. „Ich war nicht ganz ehrlich.“
Anna bleibt im Türrahmen stehen. „Was soll das heißen?“
„Gut. Ich erkläre es dir. Also: Ich heiße wirklich Lenja. Doch ich bin kein normales Mädchen.“
„Das glaube ich auch“, unterbricht sie Anna. „Was ist dein Problem?“
„Ich habe keine Probleme. Ich bin hier, weil du Probleme hast.“
Anna öffnet ihre Augen wieder und starrt Lenja nun an.
„Du bist doch wirklich nicht normal. Woher willst du denn wissen, dass ich Probleme habe? Ich habe nämlich keine.“
„Sagen wir mal so, ich habe da meine Quellen“, erklärt Lenja. „Aber darüber reden wir in den nächsten Tagen. Jetzt müssen wir erst einmal ein paar grundsätzliche Sachen besprechen.“
„In den kommenden Tagen?“
„Ja, in den kommenden Tagen. Ich werde nämlich ein bisschen bleiben.“
„Nein! Auf gar keinen Fall!“ ruft Anna erschrocken. „Du kannst hier nicht bleiben.“
„Warum nicht?“
„Weil …“, Anna stockt. „Weil …weil … meine Mama wird das nicht erlauben.“
„Und du hörst immer auf das, was deine Mama sagt?“ Lenja lacht.
Anna wird rot.
Lenja blickt Anna liebevoll an: „Ich weiß, das klingt alles abgefahren, was ich dir gerade erzähle. Aber du hattest eben nicht ganz Unrecht. Ich bin wirklich nicht ganz normal. Ich bin nämlich nicht von dieser Welt, zumindest nicht von der irdischen.“
„HÄÄÄH?“
„Wie ich sagte: Mich hat der Himmel geschickt.“
Anna muss einfach lachen. „Du spinnst doch. Und gleich behauptest du noch, so etwas wie ein Schutzengel oder so zu sein.“
„Du hast es erfasst.“
Das Mädchen tippt sich an die Stirn. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dir diesen ganzen Mist glaube? Sorry, aber du sitzt hier wie jeder Mensch auf dem Sofa, bist ganz normal durch die Tür gekommen und behauptest nun, ein Engel zu sein. Außerdem siehst du aus wie ein ganz normales Mädchen. Dazu kannst du anscheinend nicht einmal fliegen. Deine Schuhe sehen nämlich ziemlich mitgenommen aus und Flügel hast du auch keine.“
Lenja grinst. „Du hast Recht, ich kann nicht fliegen. Dafür kann ich aber durch Wände gehen und ich kann zaubern.“
„Klar“, meint Anna. „Und ich bin Jesus und kann übers Wasser laufen.“
Sofort steht Lenja auf, geht auf das Bücherregal zu und verschwindet einfach darin. Eine Sekunde später ist sie wieder zurück.
„Scheiße, wie krass!“ Anna hat die Hand vor den Mund geschlagen und die Augen weit aufgerissen. „Du … du bist da echt gerade durch das Regal in der Wand verschwunden.“ Lenja stemmt die Hände in die Hüften und schaut vorwurfsvoll:
„Engel lügen nicht, wo kämen wir denn da hin.“ Dann fügt sie an: „Auch wenn die eine oder andere Notlüge vielleicht gar nicht so schlecht wäre.
Aber ein paar Dinge gehören sich einfach nicht für atlantische Wesen. Wir dürfen nicht lügen und auch nicht wahllos irgendeinem Menschen sagen, was er zu tun oder zu lassen hat.“
Anna starrt sie immer noch an. „Du bist da eben echt durch die Wand gelaufen. Wie hast du das gemacht?“
„Ich sagte doch, ich bin nicht menschlich. Und Engel können sich im Gegensatz zu Menschen entmanifestieren. Und das tue ich, wenn ich durch Gegenstände oder Mauern gehen möchte.“
„Das ist doch ein Trick“, meint Anna.
„Wenn du meinst, dann kannst du ja versuchen, ihn herauszufinden. Wie gesagt, werde ich ja nun ein wenig bleiben.“
„Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass du bleibst?“
„Dann haben wir ein Problem.“
„Das ich nicht lache, als wenn ich nicht schon genug Probleme hätte. Da macht eines mehr oder weniger auch nichts mehr aus.“
Lenja lacht. „Eben hast du noch behauptet, dass du keine Probleme hast. Kannst du dich mal für etwas entscheiden?“
Anna schaut verlegen zu Boden.
„Mein Vorschlag“, sagt Lenja daher. „Gib mir doch einfach ein paar Tage Zeit und du schaust, ob du es mit mir aushalten kannst. Und wenn du nach einer Woche keinen Bock mehr auf mich hast, kann ich immer noch gehen.“
Nun kann auch Anna sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. „Weißt du was?“ sagt sie. „So machen wir das. Mir ist eh langweilig und irgendwie finde ich dich lustig.“
Lenja ist zufrieden. „Sehr schön, probieren wir es aus. Dann müssen wir nur noch ein paar Dinge klären. 1. Ich kann dir nicht verbieten, dass du einem anderen von mir erzählst. Da ich aber für den Rest der Menschen unsichtbar bin, würde ich dir einfach raten, nicht über mich zu reden.“
Anna nickt, muss sich das Lachen aber verkneifen und Lenja ahnt, dass das Mädchen die Sache mit dem Unsichtbar sein, nicht glaubt. Doch das wird Anna noch schnell genug herausfinden und Lenja freut sich schon jetzt auf ihre Reaktion. Jeder Mensch ist da anders, aber es ist immer lustig. Und so grinst Lenja kurz in sich hinein und fährt fort:
„2. Ich werde dir viele Ratschläge geben. Es liegt an dir, ob du sie beherzigst.“
Anna nickt noch einmal: „Schauen wir mal.“
„3. Ich kann zaubern und werde das hin und wieder auch tun. Aber ich entscheide, wann und wieso. Du kannst noch so viel bitten und betteln, ich werde darauf nicht eingehen.“
Anna zieht die Stirn kraus. „Jetzt reicht es aber. Ich werde dich sicher nicht um Rat fragen und schon erst Recht nicht darum betteln.“
„Warten wir es ab“, sagt Lenja. „Ich kann ja auch deine Gedanken lesen. Daher musst du deine Wünsche nicht einmal laut aussprechen.“
„Du kannst was?“ Anna fasst sich automatisch an den Kopf.
„Ich kann deine Gedanken lesen“, wiederholt Lenja. „Über diesen telepathischen Weg sollten wir übrigens auch kommunizieren, wenn wir unter anderen Menschen sind.“ „Jetzt mal ganz im Ernst. Unsichtbar sein, Gedanken lesen und Zaubertricks, du bist dir sicher, dass du nicht lügen darfst?“ hakt Anna nach, klingt aber verunsichert.
„Bin ich und bis zu meiner Abreise wirst du ausreichend Gelegenheit haben, dich von meinen Fähigkeiten zu überzeugen“, antwortet Lenja.
„Wie Abreise? Du haust also irgendwann einfach wieder ab?“ fragt Anna.
Lenja nickt: „Na klar. Ich bin doch kein Dauerzustand.“ Sie schüttelt den Kopf. Immer das Gleiche mit diesen Menschen. Erst soll sie schnell wieder verschwinden, darf dann doch bleiben und am Ende soll sie am besten zum Hausfreund werden.
„Aber ich gehe erst, wenn wir dein Leben wieder in die richtige Spur gebracht haben. Versprochen.“
„Warten wir mal ab. Mein Leben ist ziemlich beschissen im Moment. Das kann eine Weile dauern“, sagt Anna. „Muss ich noch etwas wissen?“
„Eine ganze Menge, aber das kommt mit der Zeit.“
Lenja steht auf. „Schauen wir uns nun erst einmal Berlin an.“
Anna folgt dem kleinen Engel, wenig motiviert Richtung Bahnstation. „Ich kenne Berlin. Wir werden also nichts Neues entdecken.“
„Jetzt warte doch erst einmal ab“, erwidert Lenja. „Das Berlin, das ich dir zeige, kennst du sicher nicht.“
Die Straßen sind wie immer bei gutem Wetter in Berlin voller Menschen und wie üblich weicht niemand aus. Es gilt das Gesetz des Stärkeren. Doch während Anna der Gruppe junger Mädchen Platz macht, die den beiden entgegenkommt, spaziert Lenja einfach durch sie hindurch.
Anna bleibt wie angewurzelt stehen. Auch Lenja hält ebenfalls an und meint: „Jetzt tu doch nicht so schockiert.
Wenn ich durch Regale und Wände gehen kann, kann ich sicher auch durch Menschen gehen. Ihr seid nichts anderes als materialisierte Atome.“
Anna streckt ihre Hand aus und berührt den Engel an der Schulter.
„Aber … ich kann dich doch fühlen. Ich sehe dich. Wie kannst du da durch Menschen hindurchgehen? Und warum sehen sie dich nicht?“
„Weil ich ein Engel bin“, erklärt Lenja. „Ich bin dein Schutzengel und nur für dich auf die Welt gekommen. Darum kannst du mich sehen und auch fühlen. Ich habe mich quasi nur für dich vermenschlicht. Großes Kino, oder?“
„Gibt es denn noch mehr von euch auf der Welt?“ fragt Anna.
„Insgesamt leben in Atlantis rund acht Millionen Engel“, erklärt Lenja. „Davon arbeiten aber nur rund die Hälfte als Schutzengel.“
„Wie bitte? Und wie viele von euch sind gerade in Berlin?“
„Ich würde schätzen, dass sich ungefähr gerade viertausend Engel in Berlin und Umgebung aufhalten.“
Anna schaut nach rechts, dann nach links. Sie dreht sich um.
„Dann sind also noch andere hier?“ fragt sie laut.
„Hörst du mir eigentlich zu?“ fragt Lenja belustigt. „Ich habe dir doch gerade erklärt, dass kein Mensch den Schutzengel eines anderen Menschen sehen kann. Daher brauchst du auch nicht nach ihnen Ausschau halten.“
„Du kannst sie aber sehen?“ fragt Anna.
„Nein, ich kann sie spüren“, erwidert Lenja.
Anna ist wenig überzeugt und blickt den kleinen Engel an.
Doch bevor sie noch etwas sagen kann, meint Lenja: „Ich denke, du setzt deinen Po jetzt mal besser wieder in Bewegung. Die anderen Menschen schauen schon komisch.
Du siehst nämlich ziemlich witzig aus, wie du da stehst und mit dir selber redest.“
Erschrocken rennt Anna sofort los, stolpert fast über ihre eigenen Füße und wird rot wie eine Tomate. Und Lenja hüpft lachend hinter ihr her.
Wenig später sitzen die beiden in der U-Bahn Richtung Station Gesundbrunnen. Auf dem weiteren Weg hat Lenja Anna das mit der telepathischen Kommunikation detailliert erklärt. Da Lenja Annas Gedanken lesen kann, ist es für den kleinen Engel kein Problem, das Mädchen zu hören. Und da Lenja ihre Gedanken ganz klar auf Anna fokussiert, kann auch das Mädchen seinen Engel gut verstehen. Eine einfache, aber praktische Möglichkeit, um von der Außenwelt ungehört und ungesehen miteinander zu sprechen.
Gleichzeitig hat Lenja Anna auch noch ein wenig mehr von der Engelwelt berichtet, auch wenn die immer noch davon ausgeht, dass Lenja zwar nicht normal, aber sicher auch kein Engel ist. Auch wenn sie sich nicht erklären kann, dass die anderen Menschen Lenja offensichtlich nicht sehen.
„Die Zahl der Engel auf Erden steigt seit Jahren an. Wie ich sagte sind etwa vier Millionen von uns ausgebildete Schutzengel. Das bedeutet, dass ungefähr ein Engel für 1760 Menschen verantwortlich ist. Wir kommen immer dann, wenn der Mensch in einer schwierigen Situation feststeckt und keinen Weg mehr herausfindet“.
„Acht Million?“ Anna hat gelacht und sich an den Kopf getippt. „Du verarscht mich. Wo verstecken sich denn acht Million Engel, wenn sie Urlaub haben?“
„Da wo Menschen nichts zu suchen haben. In Atlantis.“ Und bevor Anna weiterfragen konnte, wechselte Lenja zurück zum eigentlichen Thema: „Und wenn ein Mensch seine Probleme nicht mehr selber lösen kann, kommen wir, begleiten ihn ein wenig und kehren nach erfolgreicher Mission nach Hause zurück.“
Anna hat nur mit dem Kopf geschüttelt. „Na, wenn du meinst. Du hast echt eine lebhafte Fantasie.“ Und dann hat sie Lenja am Arm gefasst und gemeint: „Das mit den acht Million Engeln glaube ich aber ganz sicher nicht. Nur damit du das weißt.“
Während Anna sitzt, ist Lenja schnell wieder aufgestanden, als sich das Abteil gefüllt hat. Es tut zwar nicht weh, wenn sich ein Mensch auf sie draufsetzt, aber ihr Körper würde automatisch mit dem des Sitzenden verschmelzen und diesen Anblick möchte sie Anna ersparen.
Als die Bahn Fahrt aufnimmt, sagt sie: „Wenn wir gleich in der nächsten Bahn sitzen, einfach die Augen offen halten und gucken. Ich garantiere dir, du lernst Berlin heute von einer anderen Seite kennen.“
Anna dreht sich zur Seite: „Na, wenn du meinst. Aber ich sagte dir doch schon, dass ich oft genug in Berlin herumgefahren bin und das ist alles andere als spannend.
Diese Bahn fahrt jeden Tag den gleichen Weg und es sieht überall gleich langweilig aus. Können wir nicht einfach zurück in unsere Wohnung und du erzählst mir noch ein bißchen über die angebliche Engelwelt?“
„Geht es ihnen gut?“ fragt da plötzlich die Dame, die auf dem Platz ihr gegenüber sitzt. Anna wechselt sofort erneut die Gesichtsfarbe vom gesunden Haut-, zum aggressiven Tomatenton. Sie senkt den Kopf.
„Ich habe dir doch eben schon gesagt, dass du nicht laut reden sollst. Nur denken“, erinnert Lenja sie.
Anna schaut weiterhin zu Boden und denkt: ‚Ist das peinlich.
Mach’ dass ich mich in Luft auflöse.’
„Bin ich David Copperfield?“ meint Lenja.
,Wer?’ Anna schaut immer noch auf den Boden.
„Du kennst David Copperfield nicht?“ Lenja ist wirklich erstaunt. Dann aber fallt ihr ein, dass der Magier seine besten Zeiten hatte, als Anna noch nicht geboren war. „Der Typ war vor zwanzig Jahren ein ziemlich angesagter Zauberer.“
„Okay“, meint Anna. „Und der konnte Menschen verschwinden lassen?“
„Zumindest hat er es behauptet“, lacht Lenja. „Oder anders: Er hat es einigen Menschen vormachen können, und die haben ihn dafür reich gemacht.“
„Du musst es ja wissen“, sagt Anna nur.
An der Station Gesundbrunnen steigen sie aus und Lenja geht zielstrebig Richtung S-Bahn. Fünf Minuten später sitzen sie in der Linie S41. Sie gehört zu den beiden Ringlinien von Berlin. Mit dem Bau wurde schon 1867 begonnen und zehn Jahre später war die gut 37 Kilometer lange Strecke fertig.
Während der Teilung von Berlin wurde der Bahnverkehr eingestellt und erst seit 2002 fahren die beiden Linien wieder; die S41 gegen den Uhrzeigersinn und die S42 mit dem Uhrzeigersinn.
Anna setzt sich an ein Fenster auf der linken Seite und schaut hinaus.
„Und?“ will sie wissen. „Was ist nun so besonders daran? Wir fahren im Kreis und ich sehe Häuser. Wow. Ich bin maßlos beeindruckt. Hat ein bisschen was von 3D-Kino.
Aber ein wirklich schlechter Film.“
„Guck’ einfach hin und halt’ die Klappe“, sagt Lenja und blickt ebenfalls aus dem Fenster. Sie fahren an Hochhäusern und Wohnblocks vorbei. Sie sehen unzählige Kaufhäuser sowie Bürogebäude. In den Stationen selber herrscht in der Regel ein Getümmel. Menschen steigen aus, andere ein. Und die, die rein wollen, warten nicht erst ab, bis die anderen die Bahn verlassen haben. Mal riecht es nach Essen, mal nach zu viel Parfüm und an einigen Stationen stinkt es einfach nur.
An der Haltstelle Prenzlauer Allee füllt sich das Abteil mit einer ganzen Kindergartengruppe, und es wird ziemlich laut. Alle hampeln herum, schreien durcheinander, und die Betreuerinnen haben alle Hände voll zu tun, die kleine Meute zu beruhigen. Einige Passagiere verdrehen die Augen, anderen den iPod lauter.
Weiter geht es an bunten Häusern und einer Vielzahl an Schrebergärten vorbei. Und natürlich an einem IKEA. Das gelbe Schild auf dem blauen Komplex leuchtete meilenweit. „
Gibt es eigentlich noch Städte ohne IKEA?“ fragt Anna mehr sich selbst als den kleinen Engel.
„Sicher“, antwortet Lenja. „Bislang gibt es weltweit um die 330 Läden in etwa 40 Ländern.“
Anna schüttelt den Kopf. „War ja klar. Gibt es eigentlich etwas, was du nicht weißt?“
„Kaum“, Lenja grinst. „Ich weiß eben gerne mehr und alles besser.“
Und nun muss auch Anna lachen.
„Da gebe ich dir sofort Recht“, sagt das Mädchen. „Dann kannst du mir sicher auch verraten, wie viele Menschen in Berlin leben. Wenn ich hier so aus dem Fenster schaue, scheint mir, dass s ganz schön viele sind.“
„In Berlin leben etwa fast vier Million Menschen, also halb viele wie in Atlantis“, klärt Lenja sie auf.
„Wow“, meint Anna. „Das ist ne’ ganze Menge.“
„Auf jeden Fall. Aber ihr Menschen vergesst leider ziemlich oft, wie viele ihr seid, weil ihr nur an euch denkt.“
„Und dann fühlen wir uns einsam“, meint Anna. „Und das obwohl wir in einer Stadt mit so vielen Menschen leben.“
Als sie nach genau 60 Minuten Fahrtzeit wieder in der U-Bahn auf dem Rückweg sitzen, sagt Anna: „Okay, ich gebe dir Recht. So habe ich Berlin noch nie gesehen. Und schon irgendwie komisch, dass ich mich in einer Stadt mit so vielen Menschen alleine fühle. Wahrscheinlich laufe ich jeden Tag an Menschen vorbei, die vielleicht ganz interessant sind und mit denen ich mal ein bisschen Zeit verbringen könnte.“
Lenja lächelt und überlässt den Satz „Hab ich es dir nicht gesagt.“ den Menschen.
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Später am Abend, Annas Mutter ist von der Arbeit zurück und hat für die Tochter und sich noch ein schnelles Abendbrot zubereitet und sich dann in ihr Zimmer zurückgezogen, liegt die 14-Jährige in ihrem Himmelbett und hat die dunkelblaue Decke bis zum Hals gezogen.
Lenja hockt auf dem antiken Schreibtisch aus dunklem Nussbaumholz und hat die Beine unter sich zum Yoga-Sitz verknotet.
Anna durfte der Mutter nach dem Umzug helfen, die neuen Möbel auszusuchen. Beatrice Eiger war es wichtig, dass nichts mehr in der Wohnung an ihren Ex-Mann Frank erinnern sollte. Begeistert hat sich Anna so auch ihr eigenes Zimmer neu einrichten können. Neben einem Himmelbett hat sie diesen alten Schreibtisch erhalten. Der Antiquitätenhändler war verhandlungsbereit und schien auf rothaarige Frauen zu stehen. Er gab Beatrice Eiger zumindest noch einen satten Rabatt.
Lenja erkennt auf dem Nachtisch von Anna ein Foto, auf dem ihr Schatzling und zwei weitere Mädchen zu sehen sind.
Anna hält eine Klarinette in der Hand, vor ihr liegt ein Geigenkasten. Sie grinst von einem Ohr zum anderen.
„Warum bist du eigentlich genau zu mir gekommen?“ fragt Anna. „Wenn du doch für mehr als 1700 Menschen verantwortlich bist, hättest du doch auch zu jemand anderem gehen können?“
„Auftrag ist Auftrag“, antwortet Lenja wahrheitsgemäß.
„Wenn sich eine Seele auf der Erde in Not befindet, ruft sie um Hilfe. Und jeder Hilferuf erreicht Atlantis. Dabei unterscheiden wir jedoch, ob die Seele des Menschen ruft oder eben der Mensch selber nach himmlischer Unterstützung schreit.“
„Häh. Das verstehe ich nicht.“
„Viele Menschen jammern und stöhnen und verlangen lautstark nach Dingen. In Atlantis haben wir sogar ein kleines Kino, in dem werden statt Werbung, kleine Videosequenzen gezeigt, auf denen die lustigsten Ausschnitte von diesen Jammerlappen gezeigt werden.“
Lenja muss bei dem Gedanken daran lächeln, doch Anna ist erschüttert: „Wie bitte? Ich dachte Engel sind heilig. Aber stattdessen macht ihr euch über das Leid der Menschen lustig.“ Sie setzt sich auf und starrt Lenja böse an:
„Frechheit! Hast du mich etwa auch in eurem Kino gesehen?“
Doch bevor der kleine Engel antworten kann, schimpft Anna weiter: „Bestimmt und laut gelacht hast du auch.“ Sie hebt die Stimme: „Die kleine blöde Anna. Hat doch alles, was sie braucht und macht dennoch ein Geschrei darum, dass sie in eine der spannendsten Städte der Welt ziehen muss!“
Lenja findet die Vorstellung ziemlich lustig, versteht aber auch, dass sie nicht ganz unschuldig an dieser überzogenen Reaktion ist. „Ist ja schon gut. Krieg doch mal wieder ein. Da habe ich wohl ein wichtiges Detail vergessen“, gibt sie zu.
Anna ist immer noch sauer: „Und das wäre?“
„Wir lachen natürlich nicht über Menschen, die wirklich ein Problem haben, das ihr Leben negativ beeinflusst. Auf unserer Videowand zeigen wir das verwöhnte Kind reicher Eltern, das einen Riesenaufstand probt, weil es den neuen Harry Potter nicht vor Erscheinen schon lesen kann. Oder aber die eingebildete Tussi, die nicht gleich im Restaurant erkannt wurde und dabei war sie doch extra in diesem Fernseh-Container. Und natürlich die Klassenschickse, die sich gerade einen Fingernagel eingerissen hat und darum einfach nicht an der Klausur teilnehmen kann. Wie sähe denn das aus?“
Jetzt muss sich Anna erst Recht zusammenreißen, aber diesmal vor Lachen. „Okay“, sie gluckst auf. „Darüber darf man Witze machen … und das nicht zu knapp!“
„Madeleine wäre übrigens dort auch gut aufgehoben“, sagt Lenja und ist auf Annas Reaktion gespannt. Der kleine Engel weiß, dass die 24-jährige neue Freundin von Annas Papa ihren mit 47 Jahren wesentlich älteren Freund als Sponsor für alle nur erdenklichen Luxusgüter benutzt und zickt, wenn sie mal eines nicht bekommt.
Anna zickt nicht, sie zuckt stattdessen zusammen und schaut ziemlich traurig aus. „Darüber mag ich nicht reden, Lenja. Ist das okay?“
„Ist es. Natürlich.“
Lenja braucht auch nicht mehr wissen. Sie kennt die Geschichte über die Scheidung der Eigers natürlich aus Annas Lebensbuch und hat sich die wichtigsten Dinge in dem Umschlag notiert, den sie in ihrer Ledertasche bei sich trägt.
Kurz zusammengefasst steht da, dass Beatrice Eiger hat ihren Mann im Studium kennengelernt hat. Nach dem Abschluss im Fachbereich Volks- und Betriebswirtschaft wurden beide bei der gleichen Bank genommen. Vor ein paar Monaten nun traf Annas Papa diese Madeleine. Die junge Bankerin war gerade mit dem Studium fertig und fand den sportlichen Frank Eiger seit ihrem ersten Tag „interessant“. Und dieser war extrem angetan von der jungen Frau.
Rasch entwickelte sich mehr aus einem einfachen Arbeitsverhältnis, als dass es einem verheirateten Mann zustehen würde. Am Ende kam Beatrice Eiger schnell hinter die Affäre ihres Mannes und räumte ihm noch eine Chance ein. Aber dieser war einfach „zu geil“ – um es mit Annas Worten zu sagen – auf die kleine Brünette, als das er die Finger von ihr lassen konnte und wollte.
Einige Augenblicke schaut Anna traurig auf ihre Decke, dann fragt sie: „Warum sprichst du eigentlich nicht auch hier drinnen über den Gedanken-Weg mit mir?“
„Weil das doch vollkommen bescheuert wäre“, lautet Lenjas trockene Antwort. „Hier hört und sieht uns keiner und schließlich sind wir auf der Erde. Da können wir auch miteinander reden wie ihr Menschen das macht.“
„Na ja, jedenfalls einige von uns“, meint Anna. „Wenn ich an meine Eltern denke, dann haben dies es nicht mehr oft getan in den letzten Wochen.“
„Sei nicht traurig, Anna“, sagt Lenja. „Es kommt eben manchmal vor, dass Menschen sich nichts mehr zu sagen haben. Die Gründe dafür sind dabei so verschieden, wir ihr Menschen es seid.“
„Ja, aber warum musste Papa Mama so weh tun, dass sie gleich aus Frankfurt fliehen musste?“ fragt Anna.
„Weil dein Papa nur an sich gedacht hat. Alles andere hat ihn dann nicht mehr interessiert. Auch nicht, wie sich deine Mutter oder du dabei fühlen würdet“, antwortet der kleine Engel.
„Aber sie haben sich doch mal geliebt?“
Lenja lächelt und sagt: „Sicher, und es gibt keinen besseren Beweis dafür als dich.“
Anna zieht die Decke wieder bis zum Kinn. Als sie aufgeschreckt ist, war sie herunter gerutscht. „Lenja, das ist alles Mist. Das Leben und die Liebe ganz besonders. Ich jedenfalls werde mich niemals verlieben. Dann kann mich auch niemand verlassen.“
„Das ist auch absoluter Mist, liebe Anna. Verlassen werden wir alle mal. Das gehört zum Leben dazu. Lebewesen sind nicht zum Bleiben gemacht, sie müssen weiterziehen, sich weiterentwickeln“, sagt Lenja. „Auch ich werde dich wieder verlassen.“
„Du bist ja auch nicht mit mir verheiratet oder verwandt“, sagt Anna. „Da ist es normal, da gebe ich dir Recht. Aber seine Familie verlassen und sich dann einfach nicht mehr melden? Da geht doch nicht.“
Der Engel schüttelt den Kopf: „Klar geht das. Aber es ist eben schwieriger zu ertragen, weil die Beziehung intensiver ist und man sich an einen Partner besonders schnell gewöhnt.“
Anna rollt eine erste Träne über die Wange. Und der kleine Engel pustet in die Luft. Augenblicklich verschwindet sie.
„Aber es tut doch weh, wenn man sein Familie verlässt.
Liebe hört doch nicht einfach auf.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ fragt Lenja.
„Nein“, gibt Anna zu. „Nicht wirklich. Ich war noch nie verliebt.“
„Dann müssen wir diese Diskussion wohl verschieben. Denn ich habe nämlich auch keinen blassen Schimmer von der Liebe.“
„Häh? Können sich Engel nicht verlieben?“ fragt Anna überrascht.
„Nein. In bin zwar in meiner ursprünglichen Form reine Liebe. Also lebe ich Liebe“, erklärt Lenja. „Aber ich kann sie nicht erleben.“
„Das verstehe ich nicht. Du musst doch auch Gefühle haben?“
„Es sagt ja keiner, dass ich die nicht habe“, antwortet Lenja.
„Ich kann nur keine Liebe empfinden, zumindest nicht in der Form wie Menschen sie erleben. Wir Engel lieben auf andere Art und Weise.“
„Und die wäre?“
Der kleine Engel schließt die Augen und denkt an all die schönen Dinge. „Wir lieben allumfassend und vorurteilslos. Ich liebe grüne Wiesen. Ich liebe die Sonne und den Geschmack von Morgentau. Ich liebe Atlantis und ich liebe Regenbogen. Ich liebe Wolkyball und meine Bettwäsche aus Calma-Wolle. Im Grunde liebe ich tausend Sachen, eben einfach alles, was ist. Aber eben keinen anderen Engel so sehr, dass ich mit ihm gehen will.“
„Und wie entstehen dann neue Engel?“ fragt Anna weiter.
„War ja klar, dass du darauf kommen musst“, Lenja schmunzelt. „Wir vermehren uns durch eine besondere Form der Verbindung, die aber nicht körperlich ist.“
„Also Kinderkriegen ohne Sex?“ fragt Anna.
„Also Kinderkriegen ohne Sex“, stimmt Lenja zu.
„Im Reagenzglas also?“
„Nein, so weit kommt das noch. Wir spielen doch nicht Gott.“
„Na dann sag’ doch endlich, wie das bei euch geht“, fordert Anna.
