Lenovara - Luna Harmony - E-Book

Lenovara E-Book

Luna Harmony

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Beschreibung

Ein Lied, das verbindet. Magie, die vereint. Ein Mädchen mit einem Geheimnis im Herzen. Nach ihrem Abschluss zieht Mila in das leerstehende Haus ihrer verstorbenen Eltern. Während ein geheimnisvoller Junge eine magische Anziehungskraft auf sie zu haben scheint, geschehen surreale Dinge. Mila entdeckt Hinweise, die ihr ganzes Leben verändern könnten. Ist sie des Rätsels Lösung oder sind es vielleicht nur Wunschgedanken? Spielt ihr die Fantasie einen Streich oder schwebt sie wirklich in Lebensgefahr?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über die Autorin

Luna Harmony, 2004 geboren, hat sich schon immer gerne Fantasygeschichten ausgedacht. Mit dreizehn Jahren fing sie an Lenovara zu schreiben. Mit fünfzehn verfasste sie es erneut von Anfang an. Neben der Schule schrieb Luna Lenovara weiter, bis sie schließlich mit siebzehn den ersten Band veröffentlichte.

Luna steht für den Mond. In der Stimmausbildung spricht man hier von lunaren und solaren Sängern. Die Autorin besitzt eine lunare Stimme. Das bedeutet, dass sie ein Nachtmensch ist und gerne lange schläft.

Harmony steht für die Harmonie. Sie bildet innerhalb einer Musikkomposition das Fundament und somit die Grundlage der Melodie. Auf ihr baut ein Lied auf.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25 - Leseprobe Band 2

Kapitel 1

Ich wache auf und höre die Vögel zwitschern. Durch die Gardinen leuchten erste zarte Sonnenstrahlen, die den Frühling ankündigen. Nachdem ich tief eingeatmet und den leckeren Duft von Kuchen wahrgenommen habe, seufze ich zufrieden und stehe schließlich auf. Wirklich ein wundervoller Morgen. Ich ziehe die Gardinen auseinander und blinzele, sobald mich die hellen Sonnenstrahlen treffen. Nach einem Moment gewöhnen sich meine Augen an das Licht, und ich blicke in den Garten meiner Tante Ella. Die ersten Knospen und Blümchen trauen sich ans Tageslicht. Der sanfte Wind trägt kleine Blätter mit sich, und die Grashalme tanzen in der leichten Brise. Ich muss lächeln. Es gibt nichts Schöneres als die Natur. Sie ist faszinierend, einzigartig, unglaublich. Es klopft an meine Zimmertür. Ich wende meinen Blick vom Garten ab, und keinen Augenblick später reißt Lilli die Tür auf. „Mila!“ Sie lächelt mich verschmitzt an und tritt einen Schritt vor. „Dir auch einen guten Morgen, Schwesterherz.“ Ich schüttele leicht den Kopf und erwidere ihr Lächeln. „Mama hat Schokoladenkuchen gebacken, und ich soll dich zum Frühstück holen. Außerdem...“ Sie macht eine Pause, schaut mich wieder an und sagt dann dramatisch: „Du wirst nichts von dem Kuchen abbekommen.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Warum denn nicht?“ Lilli zuckt mit ihren Schultern und legt die Stirn in Falten. „Tja, du wirst bald umziehen und du bekommst nur etwas von dem Kuchen, wenn du bleibst.“ „Ach, Lilli, du weißt doch, dass ich mein Abitur am Jakobusgymnasium machen will. Sie haben mich angenommen, und es ist doch echt cool, dass das Haus von meiner Mama und meinem Papa in der Nähe der Schule liegt.“ Ich seufze kurz. „Außerdem kannst du mich doch jederzeit besuchen kommen.“ Sie wirft mir einen traurigen Hundeblick zu. „Unter einer Bedingung.“ Ich schaue sie fragend an. „Ich darf jedes Wochenende kommen“, bettelt sie und schmunzelnd antworte ich: „Natürlich darfst du das.“ Sie klatscht in die Hände und rennt nach unten in die Küche. Manchmal frage ich mich, ob sie in ihrem früheren Leben ein Flummi war.

Ich schaue in den Spiegel. Meine grünen Augen starren mir entgegen, mein orangerotes Haar ist verstrubbelt und meine Nasenspitze von Sommersprossen bedeckt. Ella sagt immer, je älter ich werde, desto mehr sehe ich aus wie Mama. Ich fahre mit meinen Fingerspitzen über die kreisförmige, hellere Stelle an meinem Hals. Ich seufze, wende den Blick vom Spiegel ab und gehe ins Erdgeschoss.

Als ich in der Küche ankomme, duftet es köstlich, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ella schaut mich fröhlich an. „Guten Morgen, mein Schatz.“ „Guten Morgen, Ella. Das riecht wirklich lecker.“ Sie zeigt auf den Ofen. „Eine halbe Stunde noch, dann ist er fertig.“ Jan schlendert in die Küche, murmelt ein undeutliches Morgen und setzt sich an den Küchentisch. „Ach, Papa, du Morgenmuffel“, stichelt Lilli ihn und setzt sich auf seinen Schoß. Er grummelt, fängt aber an zu lachen, als sie ihn kitzelt. Nach einer Weile dreht er sich zu mir und seufzt. „Meine große Mila. Bist du dir sicher, dass du Anfang Sommer schon ausziehen möchtest? Wenn es nach mir ginge, könntest du noch ewig hier bleiben.“ Er ist so fürsorglich, behandelt mich wie seine Tochter, wie auch Ella. Ich werde sie vermissen, wenn ich ausgezogen bin. „Jan, mir fällt es doch auch schwer, aber ich möchte gerne in das Haus meiner Eltern ziehen.“ Ich schaue in die Runde. „Ihr könnt mich jederzeit besuchen. Außerdem bin ich ja noch zwei Monate hier bei euch.“ Die Uhr an der Wand tickt, und eine Weile sagt niemand etwas. Schließlich ergreift Ella das Wort: „Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Wir sollten diese zwei Monate genießen und jede Minute auskosten. Lasst uns frühstücken und danach Wolle ausführen.“ Wir stimmen zu und fangen an zu essen. Keine Stunde später stehe ich vor der Haustür. Wolle, mein süßer Golden Retriever sitzt neben mir und freut sich auf die große Runde, die wir mit ihm laufen werden.

Während der nächsten Tage lerne ich für die Abschlussprüfungen und habe kaum Zeit, über den Umzug nachzudenken. Nachdem ich mein ganzes Wochenende mit Quadratwurzeln und linearen Funktionen verbracht habe, bin ich total erschöpft. Ich seufze. Wie soll ich die Prüfung nur schaffen. Ich verstehe zwar die Themen, brauche aber Hilfszettel. Zum Glück sind Taschenrechner erlaubt, sonst würde ich bitterlich scheitern. Aber genug nachgedacht für heute. Ich spüre die Sehnsucht in mir, möchte nur noch eins. Spielen. Die verschiedensten Töne. Die mysteriösen, dunklen, geheimnisvollen und die gegensätzlichen hellen, fröhlichen Melodien. Mich in der Musik verlieren.

Ich gehe aus dem Zimmer und setze mich an mein Klavier. Meine Hände streichen über die Tasten. Ella hat mir erzählt, dass es meiner Mama gehörte, obwohl sie wohl nie gespielt hatte. Meine Finger wandern zu der Gravur in der Mitte des schwarzen, glatten Holzbrettes. Ein goldener Metallring umkreist eine rote Flamme. Mein Klavier ist der wertvollste Gegenstand in meinem Leben und der einzige Gegenstand, den ich von meinen Eltern habe. Ich atme tief ein, schließe die Augen, horche in die Stille und fange an zu spielen. Zuerst fällt es mir noch schwer, mich treiben zu lassen und nicht an die Prüfungen zu denken, doch dann geht es und ich versinke in den Melodien. Sie sind so unterschiedlich wie jeder Mensch. Ich spüre die Musik. Ich bin die Musik. Die Melodie spiegelt meine Gefühle wider, klingt erst verwirrend, wird stärker und schließlich wieder leiser. Als ich die Augen öffne, ist es schon dunkel. Ich fühle mich viel freier, wacher. „Das ist eine der Sachen, die ich am meisten vermissen werde, wenn du ausgezogen bist.“ Ella steht zu Tränen gerührt am Treppenabsatz und lächelt mich an. „Du bist so begabt. Ich hoffe, das behältst du für immer in dir. Es zeigt Menschen, was du fühlst und berührt sie in ihrem Herzen.“ Ich werde rot und schaue auf die Tasten. „Danke, Ella. Du hast mich schon immer unterstützt, ohne dich wäre ich nicht so weit gekommen, wie ich es jetzt bin.“ Sie kommt einen Schritt auf mich zu und streicht mir über den Rücken. Ich stehe auf und umarme sie fest, und sie flüstert: „Ich habe dich ganz dolle lieb und möchte, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin.“ Ich atme ihren Duft ein, schmiege mein Gesicht an ihre Schulter. „Danke, ich habe dich auch lieb. Ich gehe jetzt mal wieder lernen.“ Sie nickt, lächelt und geht.

Etwas Nasses schleckt über mein Gesicht, und ich schrecke hoch. Als ich die Augen öffne, schaut mich ein braunäugiges Hundegesicht an. „Wolle! Erschrick mich doch nicht so.“ Wolle fordert mich auf aufzustehen. „Ja, ich weiß, du musst mal raus. Ich bin ja gleich so weit.“ Ich kraule ihn hinter den Ohren und schaue mich um. Ich liege auf meinem Bett mit einem Buch neben meinem Kopf und Mathematiknotizen um mich herum verteilt. Ich muss während des Lernens eingeschlafen sein. Ächzend stehe ich auf und strecke mich. Irgendetwas juckt an meiner Wange und ich stelle fest, dass ich auf Post-It Zetteln eingeschlafen bin, die nun in meinem Gesicht kleben. Nachdem ich mit Wolle draußen gewesen bin, kommt Lilli auf mich zu. „Hey, ich wollte fragen, ob du mit mir ins Kino willst. Da läuft ein total cooler Film.“ Ich lächle entschuldigend. „Es tut mir leid, aber das geht nicht. Ich muss für meine Abschlussprüfungen echt viel lernen. Aber wenn die geschafft sind, können wir etwas zusammen machen.“ Sie verzieht das Gesicht. „Wenn deine Prüfungen fertig sind, haben wir nur noch zwei Wochen gemeinsam. Aber ok. Dann müssen wir in denen halt ganz viel machen.“ Sie zwinkert mir zu und geht in ihr Zimmer. Doch keinen Wimpernschlag später schaut ihr Kopf durch den Türspalt: „Ach so, und, Mila, du weißt, dass wir noch dein Abschlusskleid aussuchen müssen.“ Ich stöhne auf. Natürlich freue ich mich auf die Abschlussfeier und darauf, mit Ella und Lilli ein Kleid zu besorgen, aber es ist so anstrengend.

Kapitel 2

„Oh mein Gott, Mila. Wir haben es wirklich geschafft. Also ich habe mir die Prüfungen wirklich schwerer vorgestellt. Jetzt können wir uns ganz auf die Abschlussparty konzentrieren.“ Kimi läuft neben mir und hört gar nicht mehr auf zu reden. Sie bleibt stehen und schaut mich traurig an. „Und dann bist du ja auch schon weg. Ich besuche dich auf jeden Fall.“ Ich lächle sie an. „Es ist ja auch nicht so, als ob ich aus der Welt bin.“ Nils kommt auf uns zugelaufen. „Na, ihr beiden. Wie ist es gelaufen?“ „Ganz gut und bei dir so?“, frage ich. Er seufzt theatralisch. „Naja, lasst uns lieber nicht darüber reden.“ Kimi runzelt die Stirn. „Wirklich so schlimm?“ Nils nickt niedergeschlagen. „Ich sag es euch, meine Eltern werden mich umbringen. Wahrscheinlich lassen sie mich nie wieder auf eine Party.“ Ich schaue ihn an. „Naja, Nils, aber du übertreibst auch ziemlich oft. Ich will dir nicht in den Rücken fallen, aber was hat deine Mutter eigentlich zu der kaputten Vase gesagt, als du das letzte Mal bei dir gefeiert hast?“ Er schüttelt nur den Kopf und wechselt das Thema. „Ach so, wenn wir schon über Partys reden, du kommst doch an Lucas Siebzehntem, oder?“ Nils schaut mich an. Nach kurzem Überlegen sage ich: „Wahrscheinlich.“ Kimi schaut ungläubig zu mir. „Nicht dein Ernst. Wahrscheinlich. Hallo? Der ist total heiß und außerdem merkt man, dass er auf dich steht.“ Würde sie bloß verstehen, dass ich ihn zwar als Freund mag, aber nicht mehr von ihm will. Meine Oma hat mir schon früher geraten, immer darauf zu achten, nicht Lieben mit Begehren zu verwechseln. Diese Begriffe ähneln sich, doch Begehren verblasst nach einiger Zeit. Die Liebe bleibt. Wenn ich mir das vor Augen führe und an Luca denke, ist da keine Liebe. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten, aber er ist und bleibt ein guter Freund. Nicht mehr, nicht weniger. Kimi zwickt mich. „Autsch, musste das sein?“ Ich schaue auf und, was ein Wunder, Luca steht genau vor mir. Er grinst auf mich herunter und wirkt etwas verlegen. „Hey, Mila.“ Mir wird heiß. „Hi, Luca.“

Was ist noch einmal der Unterschied zwischen Begehren und Lieben? Höre ich meine innere Stimme. Er ist wirklich süß, ich sollte ihn nicht stehen lassen. Eine andere Stimme unterbricht die erste. Hey, vergiss es. Ich wurde gut erzogen. Ich werde ihn nicht verletzen. „Mila?“ Ich schüttele den Kopf, um wieder in die Realität zurückzukehren. „Was?“ Lucas Stirn liegt in Falten. „Du kommst doch auch zu meinem Geburtstag, oder?“ Ich nicke. „Sehr wahrscheinlich. Ich muss halt schauen, ob es wegen des Umzuges klappt, aber wahrscheinlich schon.“ „Cool.“ Damit geht er zu seinen anderen Freunden. „Was war das denn bitte? Bist du vollkommen verrückt? Der heißeste Typ der Schule fragt dich so gesehen nach einem Date und du lässt ihn abblitzen.“ Kimi rollt die Augen. „Ich habe ihn nicht abblitzen lassen. Das ist die Wahrheit. Ich muss halt schauen, ob es klappt.“ Nils schaut uns an. „Was heißt hier eigentlich heißester Typ der Schule? Das bin ja wohl ich!“ Kimi fängt an zu lachen. „Das glaubst auch nur du.“ Ich verdrehe die Augen, während Nils grimmig sein Gesicht verzieht. „Warum muss es denn dauernd um Typen gehen. Es gibt doch wirklich Interessanteres im Leben.“ Kimi verschränkt die Arme. „Ach, Mila. Typen sind doch interessant.“ Nils und ich wechseln Blicke und schütteln gleichzeitig den Kopf. Nach kurzem Schweigen ergreift Nils das Wort. „Wollen wir morgen Mittag in die Stadt gehen?“ Ich sehe ihn entschuldigend an. „Tut mir leid, aber ich kaufe mit Ella und Lilli mein Abschlusskleid.“ Kimi horcht entsetzt auf. „Ohne mich?“ Ich beruhige sie. „Natürlich nicht. Genau das wollte ich dich die ganze Zeit fragen, aber du redest ja über nichts anderes als Jungs.“ „Nein, ich werde vor Langeweile sterben. Ich kann euch keinen Moment entbehren!“, ruft Nils ironisch, seufzt dramatisch und streckt seine Hände nach uns aus. „Du kannst doch bestimmt deiner Oma im Garten was helfen. Die freut sich.“ Er runzelt die Stirn und Kimi und ich lachen.

Als ich nach Hause komme, steigt mir Spaghetti-Duft in die Nase. Ich liebe Spaghetti. Ella tritt aus der Küche und umarmt mich. „Na, Maus, wie war die letzte Prüfung?“ Ich lächle sie an. „Leichter als erwartet. Bin ich froh, dass die Prüfungen jetzt geschrieben sind.“ Sie geht wieder in die Küche und ruft mir zu, dass sie sich auch darüber freue. „Ich habe dein Lieblingsgericht gekocht.“ Ich rufe zurück: „Ja, danke. Das habe ich schon gerochen!“, und ziehe meine Schuhe aus. Nachdem wir gegessen und mich auch Jan und Lilli gefragt haben, wie die Prüfung gewesen sei, ziehe ich mich zurück und falle auf mein Bett.

Wolle legt sich neben mich und schleckt meine Hand ab. „Ach, Wolle. Endlich habe ich es geschafft. In zwei Wochen sind wir schon woanders. Die Zeit vergeht so schnell.“ Ich vertreibe meine Zeit mit einem Buch. Ich liebe Fantasyromane. Es ist spannend, darüber nachzudenken, wie es sich in einer Welt voller Magie, Fabelwesen und Königreiche leben würde. Als kleines Kind bin ich immer durch die Wälder gelaufen und habe mir vorgestellt, dass kleine Elfen und Feen in moosbewachsenen Baumstämmen leben. So habe ich meine Zeit fast immer draußen verbracht, egal bei welchem Wetter. Im Frühling erwachen die kleinen Wesen und fangen an, ihre Häuser zu gestalten. Im Sommer genießen sie die Sonne und bei Hitze schlüpfen sie unter große Farne, Pilze und andere kleine Pflanzen. Im Herbst lassen sie den Wald in wunderschönen bunten Farben erscheinen. In der kalten Schneelandschaft des Winters verkriechen sie sich in kleinen Höhlen. Nur vereinzelt kann man sie sehen. Das erzählte ich damals jedem und wünschte mir nichts sehnlicher, als eines der kleinen Wesen zu sehen. Eine Elfe oder eine Fee. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man sie, wie sie über die Blätter tanzen. Das hat meine Oma mir immer wieder gesagt. So saß ich oft im Garten, in Wiesen und Wäldern und beobachtete die Natur. So wunderschön es auch war, eine Elfe oder Fee sah ich nie. Ich spielte, ich sei selber eine Elfe, die vor bösen Kreaturen flüchten muss, mutig und tapfer gegen sie kämpft und alle Feen und Elfen rettet. Ich jagte oft durch die Wälder. Im Frühling begutachtete ich die Knospen, die kleinen ersten Grashalme, die sich an die Oberfläche kämpften. Im Sommer rannte ich durch die Felder voller Blumen, legte mich im hohen Gras auf die Lauer. Im Herbst betrachtete ich die bunten Blätter, verschiedenste Formen. In der kältesten Jahreszeit kämpfte ich mich durch den Schnee und kroch unter Ästen und umgefallenen Bäumen umher. Wenn Büsche aussahen wie Höhlen, versteckte ich mich darin.

Bei dem Gedanken an diese Zeit muss ich schmunzeln. Es hat Spaß gemacht so zu tun, als wäre ich in einer Fantasiewelt. Als wäre ich eine Prinzessin, die ihr Volk beschützen müsste. Doch, was bringt es? Unbewusst streiche ich über die runde Erhebung an meinem Hals. Man kann sich so viele Geschichten ausdenken, wie man möchte. Sich in Rollen begeben. Zum Schluss sind es doch nur Vorstellungen. Man kann versuchen, sich so einen Fluchtweg aus der Realität zu bauen. Doch irgendwann holt sie einen ein.

Als Kind verstand ich nicht, was mit meinen Eltern passiert ist. Sie fehlten mir, aber ich wusste nicht, was tot sein bedeutet. Mit den Jahren verstand ich, was dieser traurige Begriff aussagt. Ella und Jan erklärten mir, dass ich vier Jahre alt war, als meine Eltern und ich mit dem Auto zu einer Feier fuhren. Sie erzählten, wir hätten einen schweren Autounfall erlitten, bei dem meine Eltern gestorben seien. Ich bin mit einer kreisförmigen Brandwunde an meinem Hals davongekommen, doch meine Eltern hatten keine Überlebenschance. Sie fehlen mir noch immer. In meinem Inneren klafft eine Wunde, die sich nicht verarzten lässt. Ich sehne mich nach ihnen, auch wenn Ella und Jan ihr Bestes geben und mich wie ihre leibliche Tochter behandeln. Ich öffne meine Nachttischschublade und hole das verblichene, alte Bild meiner Eltern heraus. Es ist das Einzige, was ich besitze. Wegen der vielen Berührungen schon ganz abgegriffen. Es zeigt meine Eltern in meinem Alter auf einer farbenfrohen Wiese. Sie schauen sich verliebt an und schlingen die Arme umeinander. Mein Papa bewundert meine Mama mit einem Lächeln und dunkles Haar fällt ihm in die Stirn. Meine Mama trägt ihre Haare offen und kleine Sommersprossen schmücken ihr Gesicht. Ella hat Recht. Ich sehe aus wie sie. In Gedanken erzähle ich meinen Eltern von der letzten Zeit. Mir rollt eine Träne über das Gesicht und ich lächle traurig. „Ach, Mama und Dad, ihr fehlt mir so sehr. Ich wünschte ich hätte viele Erinnerungen an euch. Ich wünschte, ich könnte euch so glücklich wie auf dem Bild sehen.“ Zitternd streiche ich über das Stück Papier. Wolle kuschelt sich an mich und stupst mit der Nase gegen meine Wange. „Danke, dass du mich tröstest.“ Ich kraule ihn und stehe schließlich auf. Eine Melodie erfüllt meinen Kopf, und ich setze mich an das Klavier. Leise Töne erklingen. Ich schließe die Augen. Dieses Mal spiele ich eine traurige Melodie. Sie bringt meine Gefühle zum Ausdruck. Klingt verzweifelt, fragend, traurig. Ich öffne mein Herz und spiele diese bittersüße Melodie, die wunderschön und zugleich schrecklich verletzlich wirkt. Ich spiele und spiele und spiele. Bringe die Verzweiflung, Angst und die Fragen zum Vorschein. Spiele alles aus mir raus.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich klappe den Klavierdeckel runter, doch mir fällt es schwer, mich von meinem Klavier zu lösen. Am liebsten würde ich noch viele Stunden spielen. „Mila?“ Ich erschrecke und drehe mich um. Jan steht an der Treppe und schaut mich traurig an. „Ist alles ok?“ Ich antworte ihm lächelnd: „Jetzt schon. Ich musste an“, ich seufze kurz und setze meinen Satz fort, „ich musste an Mama und Papa denken.“ Sein Gesicht hellt sich auf. „Sie wären wirklich stolz auf dich, wenn sie dich spielen hören könnten.“ Er kommt einen Schritt auf mich zu, ich stehe auf und wir umarmen uns. „In letzter Zeit ist es sehr stressig für dich. Habe ich Recht?“ Ich seufze und drücke mich an ihn. „Ja. Jetzt kurz bevor ich ins Haus von Mama und Papa ziehe, muss ich dauernd an sie denken.“ Er streicht mir über den Rücken. „Das ist doch verständlich. Wenn du dich noch nicht bereit für den Umzug fühlst, musst du es nicht tun. Wie ich es schon einmal gesagt habe, du bist bei uns immer herzlich willkommen.“ „Danke, das weiß ich wirklich zu schätzen, aber ich werde das durchziehen. Ich möchte es.“ „Ok, meine Prinzessin. Wir werden immer für dich da sein und dich unterstützen. Lass uns jetzt runter gehen. Es gibt Abendessen.“

Nach dem Abendessen gehe ich in mein Zimmer und verschlinge meinen Fantasyroman. Das Buch ist wirklich spannend. Ich seufze und stelle mir vor, wie es wäre eine Prinzessin zu sein, die ihr Land beschützt. Vielleicht ist das kindisch, aber ich liebe es noch immer, mir Geschichten auszudenken, wenn ich das auch nie offen zugeben würde. Es muss schon spät sein, als ich das Buch zuschlage. Ich will auf meinem Handy nach der Uhrzeit sehen, als mir auffällt, dass es noch unten auf dem Küchentisch liegt. Um niemanden aufzuwecken, schleiche ich die Treppe runter. Komisch, im Wohnzimmer brennt noch Licht. Die Tür ist angelehnt, und ich höre Ella und Jan dahinter leise reden. Als ich mein Handy hole und auf die Uhr schaue, fällt mir auf, dass es wirklich spät ist. Zwei Uhr. Morgen ist Schule. Ich verziehe mein Gesicht und will mich wieder leise hochschleichen. Doch dann höre ich meinen Namen und dass die Stimmen ernster werden. Eigentlich lausche ich nie, aber es geht um mich, also habe ich ein Recht zu erfahren, um was es geht. Ella flüstert leise: „Jan, wir müssen Mila … erzählen. Sie ist alt genug und ich glaube, dass sie es bald herausfinden wird. Wir müssen ihr sagen, dass sie…“ Ella macht eine kurze Pause und flüstert etwas Unverständliches. Ich gehe näher an die Tür und höre Ella sagen: „… wenn sie im Haus von meiner Schwester lebt.“ Jan sagt leise, aber mit fester Stimme: „Nein, Ella, das ist zu gefährlich. Wir würden sie in zu große Gefahr bringen. Sie darf nichts von Lenovara wissen.“ Ella seufzt. „Ja, du hast ja recht.“ Es wird still und ich drücke mich näher an die Tür. Doch dann bemerke ich, wie einer der beiden in meine Richtung läuft und schnell mache ich einen Satz hinter den Garderobenständer im Flur. Jan und Ella kommen aus dem Wohnzimmer, sie schauen sich um und schleichen dann hoch in ihr Zimmer. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass keiner der beiden mehr aus dem Zimmer kommt, trete ich hinter dem Garderobenständer hervor. Tief atme ich durch und schleiche in mein Zimmer. Ich liege wach, wälze mich herum und öffne schließlich die Augen. Das Einschlafen ist mir heute nicht gegönnt, mir schwirren zu viele Sachen im Kopf herum. Warum haben Ella und Jan über mich geredet? Warum erwähnten sie das Haus meiner Eltern? Es schien wie ein sehr ernstes Gespräch. Und was haben sie noch erwähnt? Lenavaro oder so etwas in der Art. Was soll das sein? Ich knipse mein Nachttischlicht an und schaue zu Wolle. Er schaut mich aus seinen braunen Hundeaugen an. Ich flüstere ihm zu: „Kannst du es mir sagen? Was hat es damit auf sich? Was ist Lenavaro?“ Er schaut mich nur weiter an. „Hmm, du kannst es mir also auch nicht sagen. Denkst bestimmt: was macht die nur um die Uhrzeit, dass sie nicht schlafen kann.“ Ich kraule ihn hinter den Ohren. Danach hole ich mir einen Zettel und schreibe Lenavaro darauf. Dieses Wort darf ich nicht vergessen. Den Zettel stecke ich in mein Tagebuch. Vor Müdigkeit reibe ich mir die Augen und gähne. Es ist schon halb vier. Schließlich lege ich mich wieder hin und knipse die Lampe aus. Meine Gedanken sind noch eine ganze Weile bei dem Gespräch von meiner Tante mit ihrem Mann.

Kapitel 3

Mein Wecker reißt mich aus dem Schlaf. Ich fühle mich schrecklich, lag die halbe Nacht wach und musste über das Gespräch von Ella und Jan nachdenken. Wolle liegt an meinem Fußende und schaut mich vorwurfsvoll an. „Ich weiß, dass ich zu wenig geschlafen habe, aber es ging nicht anders. Lass uns herausfinden, worüber Ella und Jan geredet haben.“ Ich stehe auf und wage es erst gar nicht, in den Spiegel zu schauen. Ich weiß auch so, dass ich schrecklich aussehen muss. Gähnend schlurfe ich in die Küche. „Guten Morgen.“ Meine Tante runzelt die Stirn. „Hast du nicht gut geschlafen?“ Ich schüttele den Kopf. Den ganzen Morgen verhalten sich Ella und Jan normal und erwähnen kein Wort des Gesprächs.

Als ich in der Schule ankomme, schaut mich Kimi geschockt an. Ich stöhne. „Warum schaut mich denn jeder so an? Ich habe doch nur nicht gut geschlafen.“ Sie nickt. „Das glaube ich dir sofort. Gegen die Augenringe kann ich dir meinen Cover Stick ausleihen.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Deinen was?“ Sie wiederholt das Wort: „Meinen Cover Stick. Das ist ein Stift, mit dem du Pickel und auch Augenringe abdecken kannst. Mila, du bist ein sechzehnjähriges Mädchen, müsstest du nicht langsam mehr über Schminke wissen?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe eine Wimperntusche und ein Lipgloss. Ich finde, das reicht.“ Kimi seufzt. „Dabei würde ein bisschen Schminke deine schönen Augen nur noch mehr betonen. Sei doch nicht immer so ein graues Mäuschen.“ Demonstrativ schaue ich an mir runter. Ich trage Blue-Jeans und einen weißen Kapuzenpulli. „Ich habe nichts Graues an, und außerdem gibt es nicht sehr viele Farben, die sich mit meinen Haaren kombinieren lassen.“ „Ach, Quatsch. Wir suchen dir heute Mittag ein schönes, buntes Kleid aus.“ Sie nickt optimistisch. Nils taucht hinter uns auf. „Und mich lasst ihr hier ganz allein stehen?“ „Du wirst schon noch eine interessante Beschäftigung finden. Warum hilfst du nicht deiner Omi im Garten und pflanzt mit ihr ein paar Blümchen“, schlage ich vor. Er rollt die Augen. „Hast du heute Morgen einen Clown gefrühstückt? Den Witz hast du gestern schon gebracht und ich helfe sicher nicht beim Blumen pflanzen.“ Luca kommt um die Ecke und entdeckt uns. „Na, wie geht’s? Wollen wir uns heute treffen? Die Eisdiele eröffnet.“ Nils schaut ihn an. „Das wird nichts. Die Damen müssen ihre Abschlusskleider einkaufen. Ich habe sie auch schon zu überreden versucht.“ Luca sieht zu mir rüber und grinst mich an. „Dann wünsche ich euch viel Spaß.“ Damit verschwindet er in der Schülermenge. Nils verdreht die Augen. „Der kommt auch nur, wenn er etwas von dir will. Sonst sind wir ihm zu uncool.“ Kimi schubst Nils. „Er hat außer uns auch noch andere Freunde im Gegensatz zu dir.“ Ich höre den beiden zu, wie sie über Nils Freunde diskutieren.

Meine Gedanken schweifen nach kurzer Zeit ab, und ich denke wieder über das Gespräch nach. Soll ich Ella oder Jan einfach darauf ansprechen? Ich verwerfe den Gedanken. Es kam mir so vor, als wollten sie mir etwas verheimlichen. Wenn ich sie darauf anspreche, werden sie mich bestimmt nur anlügen. Ich werde einfach selbst herausfinden, um was es geht. Frau Kress, unsere Klassenlehrerin, wünscht uns einen guten Morgen, als sie in die Klasse tritt. „Na, ihr. Nun, da die Prüfungen geschrieben sind, gebe ich euch ein Eis aus. In der vierten Stunde gehen wir zur Eisdiele, und jetzt schauen wir den Film „Die Welle“ über das Buch, was wir gelesen haben.“ Sie stellt ihre Tasche auf das Pult und fährt den PC hoch. Währenddessen brechen Lucas Freunde in Gelächter aus. Ich drehe mich um, und unsere Blicke treffen sich, er lächelt mich an. Ich schaue schnell wieder an die Tafel. Nicht, dass er denkt, ich beobachte ihn. Lenavaro. Im nächsten Augenblick kommt mir eine Idee. Ich hole meinen Zeichenblock aus meinem Rucksack und zeichne meinen Gedankenblitz. Als ich fertig bin, betrachte ich meine Skizze. Das Bild zeigt auf der linken Hälfte des Papiers dunkle Gestalten, die an der Seite eines Zauberers kämpfen. Die rechte Hälfte ist mit Elfen, Drachen und anderen Fabelwesen bedeckt. Beide Hälften bekriegen sich, und in der Mitte des Blattes herrscht ein wildes Chaos aus Fantasiewesen. Ich stutze. Mir kommen die Wesen bekannt vor, und ich frage mich auch, woher ich diese Idee habe. Je länger ich die Skizze ansehe, desto mehr will ich mich an etwas Wichtiges erinnern.

Als mich jemand antippt, schrecke ich zusammen. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken“, ertönt Lucas Stimme hinter mir, und ich drehe mich zu ihm. Als ich auf die Uhr schaue, fällt mir auf, dass wir Pause haben. „Ich habe mir nur Sorgen gemacht, weil du heute so komisch drauf bist und auch krank aussiehst.“ Ich lächle ihn an und drehe mich so, dass sein Finger meine Schulter nicht mehr berührt. „Ich habe schlecht geschlafen und bin total müde.“ Sein Gesicht hellt sich etwas auf. „Aber du weißt, wenn etwas ist, kannst du mit mir reden. Ich bin immer für dich da.“ Das hat er auch schon immer im Kindergarten gesagt, wenn es mir nicht gut ging. „Danke, aber es ist wirklich alles gut.“ Luca lächelt und nickt in Richtung von meinem Bild. „Das sieht echt cool aus. Du kannst wirklich nice malen.“ Ich werde rot. „Danke.“ Als es gongt, schauen wir den Film weiter. Er ist zwar cool gemacht und interessant, aber ich bin der Meinung, dass das Buch besser ist.

Als wir an der Eisdiele ankommen, grinst Nils wie ein Honigkuchenpferd. „Dann machen wir heute also doch was zusammen.“ Kimi neckt ihn. „Tja, heute Mittag musst du trotzdem etwas mit deiner Oma machen. Wir sind ja deine einzigen Freunde, aber deine Oma unterstützt uns bestimmt.“ Sie wirft ihm aus Spaß einen Luftkuss zu. „Danke, dass du so nett zu mir bist. Ich werde schon rot vor lauter Komplimenten.“ Nils verdreht die Augen. „Oh Lord, so helfen Sie mir doch, dieses Weib ist von hinterlistiger Natur!“ Ich seufze theatralisch und verbeuge mich vor ihm. „Dies ist mir leider nicht gestattet, da ich die Mylady kenne und schätze.“ Wir schauen uns an, fangen an zu lachen und ich denke an unser Theaterstück, aus dem wir zitiert haben. Kimi schaut zwischen uns hin und her. „Ihr habt einen komischen Humor.“ Nils hebt seine Augenbrauen und dreht sich zu mir. „Ich werde die Theater-AG wirklich vermissen und dich besonders.“ Ich werde ernst und nicke. „Ich auch, aber während deines Praktikums als Bühnenbildner wirst du bestimmt noch viel mehr über das Spielen lernen. Ich beneide dich wirklich.“ „Du wirst mir während des Praktikums fehlen, und wenn du umgezogen bist erst recht.“ Er umarmt mich, und ich packe Kimi am Arm. „Gruppenumarmung.“ Wir drücken uns fest, und ich ergreife das Wort. „Ihr werdet mir fehlen.“ „Und du uns erst“, antwortet Kimi.

Am Mittag ruhe ich mich aus, doch komme durch das Gespräch meiner Tante nicht zu Ruhe. Gerade als ich in einen Halbschlaf nicke, klingelt es an der Tür.

„Na, ihr beiden. So schnell werdet ihr groß. Freut ihr euch auf euren Abschluss?“ Kimi antwortet Ella: „Ja, ich freue mich. Ich bin so gespannt auf meine Ausbildung.“ Ella nickt. „Du möchtest Sozialpädagogin werden. Ist das richtig?“ Kimi strahlt. „Ja. Ich freue mich jetzt schon, mit Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten.“ Sie dreht den Kopf zu mir. „Auf der anderen Seite bin ich traurig, weil Mila, Nils und ich uns nach dem Abschluss nicht mehr sehen.“ „Nur weil ihr nicht mehr auf die gleiche Schule geht, heißt es doch nicht, dass ihr euch nicht mehr treffen könnt. Ihr werdet bestimmt eine Lösung finden. Ich treffe mich auch heute noch mit Freunden aus den Abizeiten.“ Ich hoffe, Ella hat Recht, denn ich möchte den Kontakt zu meinen besten Freunden nicht verlieren. Als wir im Laden ankommen, flitzt Lilli los, kommt kurz darauf zurück und hält zwei enge, lange Kleider in den Händen. „Die musst du anprobieren.“ Ich schüttele den Kopf. „Die sind doch viel zu eng.“ Kimi hält sie vor meinen Körper. „Die könnten dir stehen. Mila, Probieren geht über Studieren. Das sagst du immer zu mir.“ Ich gebe mich geschlagen und gehe in die Umkleidekabine.

Eines der Kleider ist rot, es ist hauteng geschnitten, trägerlos und reicht bis zum Boden. „Vergesst es. Das ist viel zu eng, und ich finde, dass meine Haare und die Farbe nicht harmonieren.“ Drei Augenpaare schauen mich an. „Du kannst es auf jeden Fall tragen, aber es stimmt. Das Rot passt nicht zu deinen Haaren, außerdem sollst du dich ja auch wohl fühlen“, meint Ella. Kimi und Lilli nicken. Das zweite Kleid ist blau und hat den gleichen Schnitt wie das erste. Es passt zwar zu meinen Haaren, aber ich fühle mich nicht wohl. Ich möchte kein hautenges Kleid. Nachdem uns die Verkäuferin fünf weitere Kleider gezeigt und mir keines gefallen hat, setze ich mich auf den Sessel. „Das ist doch hoffnungslos. Ich mag Kleider wirklich, aber die sind alle so eng oder in Farben, die mir nicht stehen.“ Kimi steht auf und setzt sich auf die Sessellehne. „Jetzt sei mal nicht so. Wir finden noch ein Kleid.“ Lilli stimmt ihr zu und sagt: „Außerdem hat die Verkäuferin eben gesagt, sie hat noch zwei Kleider im Lager.“ Ich nicke. Vielleicht habe ich ja noch Glück, und mit meiner orangeroten Mähne lässt sich doch ein Kleid finden. Die Verkäuferin kommt aus dem Lager zurück und lächelt mich freundlich an. „Das sind die letzten zwei Kleider, die ich in deiner Größe habe. Sie reicht mir das erste. Es ist cremefarben und fällt weit. Als ich es anziehe, passt es sogar, sieht aber aus wie ein Hochzeitskleid. Ich trete niedergeschlagen aus der Kabine. Lilli und Kimi schütteln gleichzeitig den Kopf. Ella ergreift das Wort. „Es ist zwar schön und betont deine Figur, aber es sieht aus wie ein Hochzeitskleid.“ Ich stimme ihr zu und probiere das letzte Kleid an. Hoffnungslos. Ich schnaufe. „Das können wir vergessen.“ Mir fehlt es an Oberweite, und so wirft das Kleid komische Beulen. „Es tut mir leid. Mehr Kleider habe ich leider nicht“, entschuldigt sich die Verkäuferin. Ich lächle sie an. „Ist nicht schlimm. Das liegt an meinen Haaren.“ Sie seufzt. „Dabei sind deine Haare so schön.“ Wir verabschieden uns und steigen in Ellas Auto. „Das ist der einzige Laden für Abschlusskleider“, sage ich verzweifelt. Kimi nickt. Ella schaut mich an. „Es gibt immer mehrere Lösungen. Ich glaube, ich habe etwas zuhause, was dir gefallen könnte.

Ich frage sie, wovon sie spricht, aber sie gibt mir keine Antwort.

Als wir zuhause sind, verschwindet Ella auf dem Dachboden. Kimi, Lilli und ich sitzen im Wohnzimmer. „Weißt du, was sie vorhat?“, fragt Lilli. Ich schüttele den Kopf. Nach gefühlten zehn Minuten kommt Ella die Treppe herunter. Sie trägt eine staubbedeckte Kiste in ihren Händen. Wir drei Mädchen schauen sie neugierig an. Endlich spricht sie: „Also.“ Sie macht eine Pause, setzt sich zu uns und gibt mir die Kiste. „Das ist ein Kleid von Violana.“ Sie hält inne und wartet darauf, dass ich die Kiste öffne. Das Kleid meiner Mama. Ich hebe den Deckel hoch, und ein seidiges, rotes Kleid kommt zum Vorschein. „Sie hatte es zu meiner Hochzeit an, und es passte perfekt zu ihren rotorangefarbenen Haaren.“ Ich streiche über den weichen Stoff. „Eigentlich wollte ich es dir an deinem achtzehnten Geburtstag schenken, aber ich denke, du kannst es jetzt besser gebrauchen.“ Sie lächelt mich an. Ich hole das Kleid aus der Kiste und staune. Es ist wunderschön. Ich gehe ins Badezimmer und ziehe das Kleid an. Als ich in den Spiegel schaue, muss ich lächeln. Es sitzt wie angegossen. Das Kleid hat eine Empire-Taille, unterhalb davon fällt es in seidigem Tüllstoff bis zum Boden. Es ist trägerlos und der Rand des Oberteils ist mit kleinen Perlen besetzt. Ich ziehe die Schuhe an, die wir vorhin noch im Schuhgeschäft ausgesucht haben, und sie passen perfekt zu dem Kleid. Schwarze Pumps mit Riemchen an den Knöcheln. Ich trete aus dem Badezimmer und gehe in das Wohnzimmer. „Hier bin ich.“ Erst sind alle wie erstarrt. Kimi erlangt zuerst wieder ihre Fassung. „Mila. Das ist dein Kleid. Du siehst wunderschön darin aus. Ich sage dir, die Jungs werden Augen machen.“ Ich verdrehe aus Spaß die Augen. „Mila, du siehst aus wie eine Prinzessin. Das Kleid steht dir wirklich mega gut.“ Lilli lächelt mich an. Ella schaut mich an und kommt auf mich zu. „Du siehst aus wie deine Mutter. Es sitzt wirklich perfekt. Meine Große, du bist wunderschön.“ Sie umarmt mich. Ich strahle vor Freude. Das Kleid ist wirklich unglaublich toll, und ich kann noch immer nicht glauben, dass es meiner Mutter gehörte.