Leonies großer Weihnachtswunsch - Simone Aigner - E-Book

Leonies großer Weihnachtswunsch E-Book

Simone Aigner

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Von seinem Platz am Schreibtisch im ersten Stock seines Hauses konnte Steffen Kröger direkt in den Nachbargarten sehen. Eine dünne Schneeschicht hatte sich über Nacht auf die Landschaft gelegt. Diesen Schnee versuchte das kleine Mädchen, das immer mal wieder bei Lotta Schmittke wohnte, zusammenzukratzen. Eine winzige Kugel hatte die Kleine schon geformt und auf den Gartentisch gelegt, den die Nachbarin wie jedes Jahr über die kalten Monate einfach draußen stehen ließ. Dementsprechend war er auch nicht in bestem Zustand. Steffen beobachtete das Kind. Offenbar wollte es einen kleinen Schneemann bauen, denn eben drückte es eine zweite Kugel auf die erste. Das Gebilde wollte aber nicht halten. Die zweite Kugel rutschte immer wieder herunter. Zudem schmolz die weiße Pracht bereits zu einer wässrigen Masse zusammen. Nebenan ging die Terrassentür auf. Lotta Schmittke erschien im Türrahmen. Ihre Miene war unfreundlich. Sie trug ein schwarzes Wollkleid mit auffälligen bunten Blumen darauf und kniehohe rote Stiefel. An ihrer Schulter baumelte eine Lacklederhandtasche in glänzendem Lila. Ihre dunklen Haare hatte sie seitlich zu einem Zopf gebunden, auf ihrem Mund leuchtete orangefarbener Lippenstift. Für seinen Geschmack zeigte sie sich wieder mal zu bunt und zu schrill gekleidet. Lotta Schmittke sagte etwas zu dem Kind. Die Kleine sah sie mit großen Augen an und nickte schließlich verschüchtert. Die Schmittke wandte sich ab.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust - Die nächste Generation – 75 –Leonies großer Weihnachtswunsch

… jemand, der sie lieb hat!

Simone Aigner

Von seinem Platz am Schreibtisch im ersten Stock seines Hauses konnte Steffen Kröger direkt in den Nachbargarten sehen. Eine dünne Schneeschicht hatte sich über Nacht auf die Landschaft gelegt. Diesen Schnee versuchte das kleine Mädchen, das immer mal wieder bei Lotta Schmittke wohnte, zusammenzukratzen. Eine winzige Kugel hatte die Kleine schon geformt und auf den Gartentisch gelegt, den die Nachbarin wie jedes Jahr über die kalten Monate einfach draußen stehen ließ. Dementsprechend war er auch nicht in bestem Zustand.

Steffen beobachtete das Kind. Offenbar wollte es einen kleinen Schneemann bauen, denn eben drückte es eine zweite Kugel auf die erste. Das Gebilde wollte aber nicht halten. Die zweite Kugel rutschte immer wieder herunter. Zudem schmolz die weiße Pracht bereits zu einer wässrigen Masse zusammen.

Nebenan ging die Terrassentür auf. Lotta Schmittke erschien im Türrahmen. Ihre Miene war unfreundlich. Sie trug ein schwarzes Wollkleid mit auffälligen bunten Blumen darauf und kniehohe rote Stiefel. An ihrer Schulter baumelte eine Lacklederhandtasche in glänzendem Lila. Ihre dunklen Haare hatte sie seitlich zu einem Zopf gebunden, auf ihrem Mund leuchtete orangefarbener Lippenstift. Für seinen Geschmack zeigte sie sich wieder mal zu bunt und zu schrill gekleidet.

Lotta Schmittke sagte etwas zu dem Kind. Die Kleine sah sie mit großen Augen an und nickte schließlich verschüchtert. Die Schmittke wandte sich ab. Sie lehnte die Terrassentür von innen an, sodass sie noch einen winzigen Spalt offen stand. Das Mädchen bohrte einen Finger in seine erste Schneekugel, die daraufhin in etliche Teile zerfiel. Mit gesenktem Kopf stand das Kind am Tisch.

Steffen stand auf, ging zum Fenster und öffnete es. Eines der beiden Scharniere gab ein knarrendes Geräusch von sich. Er musste es ölen. Die Kleine sah hoch. Ihr Gesichtchen war schmal und blass, umrandet von weichen Locken, die unter einer hellrosa Strickmütze hervorlugten, und sie sah unglücklich aus. Ihre Jacke schien ihm zu dünn für den nasskalten Dezembertag, und die Ärmel waren zu kurz. Die mageren Beinchen steckten in abgetragenen Stiefeln mit kurzem Schaft, dazu trug sie einen grauen Rock und geringelte Wollstrumpfhosen.

Am liebsten hätte er sie zu sich in die warme Küche geholt oder ins Wohnzimmer, um ihr Kakao zu kochen und ein Stück Kuchen anzubieten. Er hatte nur die Fertigware vom Discounter, die es in drei Geschmacksrichtungen gab: Marmor, Zitrone und Schokolade. Wenn man nicht backen konnte oder wollte, war der Kuchen aber völlig okay. Beim letzten Einkauf hatte er die Sorte ›Marmor‹ mitgenommen.

»Hallo«, sagte er und lächelte dem Kind zu. Die Kleine senkte den Kopf und drehte ihm den Rücken zu.

»Ich bin Steffen«, fuhr er fort, als hätte sie sich nicht abgewandt. Er sprach ein wenig lauter, als er es unter anderen Umständen getan hätte, damit sie ihn auf die Entfernung von vielleicht fünf Metern verstand.

»Und wie heißt du?«, fuhr er fort. Das Kind malte mit einem Finger Linien in den Rest des Schnees auf der Tischplatte. Feiner Schneeregen setzte ein und wurde in Sekundenschnelle dichter. Eigentlich hätte die Kleine jetzt ins Haus gehen sollen. Schnell mochten die nassen, schweren Flocken ihre Jacke durchfeuchtet haben.

»Es ist besser, du gehst ins Haus«, sagte er. »Du wirst doch ganz nass.« Obwohl ihn das Mädchen nach wie vor weder ansah, noch ihm antwortete, hörte sie ihn sehr genau. Das merkte er daran, dass sie, kaum hatte er ausgesprochen, plötzlich zur Terrassentür lief. Genau in dem Augenblick schlug die Tür zu. Das Kind drückte von außen dagegen, doch sie ging nicht auf.

»Du solltest klopfen«, sagte Steffen. »Damit deine Mama dich hört.« Das Mädchen gab keine Antwort, sondern drückte mit der Schulter gegen die Scheibe. Vergeblich.

»Nun klopf doch mal«, forderte Steffen sie erneut auf. Die Kleine senkte den Kopf, setzte sich auf die Stufe, die zur Tür führte, und zog die Beine an den Bauch.

»Kleines, du kannst dich doch nicht auf die nasse Stufe setzen«, sagte Steffen besorgt. Wieder reagierte sie nicht. Er trat vom Fenster zurück, schloss es und eilte die Treppe hinunter. Im unteren Flur schlüpfte er in seine Jacke, die an der Garderobe hing, und verließ das Haus. Keine Minute später läutete er an der Haustür von Lotta Schmittke. Es öffnete niemand, und nach dem zweiten Läuten bekam er eine Ahnung: Die Schmittke war nicht daheim. Offenbar hatte sie sich vorhin von dem Kind verabschiedet und es einfach im Garten gelassen. Vermutlich hatte ein Luftzug die Terrassentür zugeschlagen. Entweder das Mädchen hatte nicht genügend Kraft, sie von außen aufzudrücken, oder es klemmte etwas. Und je nachdem, wohin Frau Schmittke gegangen war, mochte es lange dauern, bis sie der Kleinen aus der misslichen Lage helfen konnte. Wobei es auch für kürzeste Zeit absolut verantwortungslos war, ein Kind in dem Alter alleine zu lassen. Wahrscheinlich war das Mädchen erst vier oder höchstens fünf Jahre alt.

Steffen beschloss, durch den Garten um das Haus herumzugehen. Vielleicht konnte er die Terrassentür öffnen. Obwohl … Nein, wenn die Schmittke wirklich unterwegs war, war es auch keine gute Idee, das Kind im Haus sich selbst zu überlassen. Und dem Mädchen Gesellschaft zu leisten war auch keine gute Idee. Er konnte ja schlecht ein fremdes Haus betreten und sich dort aufs Sofa setzen.

Es schneite immer stärker, die kalten Flocken stoben ihm ins Gesicht, setzten sich in seinen Nacken und rannen unter seinen Kragen. Er würde jetzt noch einmal versuchen, mit der Kleinen zu reden, und dann entscheiden, was weiter zu tun war.

Die Kleine saß noch immer auf der Stufe, den Kopf gesenkt. Die schmalen Schultern zuckten.

»Kleines«, sprach Steffen sie an und ging in die Knie. »Guckst du mich bitte mal an?« Das Kind hob langsam den Kopf. Das Gesichtchen war gerötet und tränenverschmiert. Er fasste in seine Jackentasche und war beinahe überrascht, ein Päckchen Taschentücher dabei zu haben. Er nestelte eines aus der Umhüllung und reichte es dem Mädchen. Schüchtern nahm sie es, drückte es, ohne es aufzufalten einmal auf die linke Wange und einmal auf die rechte.

»Also noch mal. Ich bin Steffen und wohne nebenan«, sagte er und zeigte auf sein Haus. »Und wie heißt du?«

»Leonie«, wisperte das Kind. Sein Stimmchen war heiser.

»Schön, Leonie. Du bekommst die Tür nicht auf. Ich kann es gern für dich versuchen, damit du nicht länger hier außen im Schneeregen sitzt. Aber mir scheint, es ist niemand zu Hause, und dann bist du zwar im Trocknen, aber ganz alleine.«

»Tante Lotta ist zu ihrer Freundin«, gab Leonie plötzlich Auskunft. Sie sprach jetzt ein bisschen lauter. ›Tante Lotta‹. Die Schmittke war also gar nicht die Mutter des Mädchens. Vermutlich passte sie gelegentlich auf die Kleine auf. Das erklärte auch, warum er Leonie manchmal wochenlang nicht sah, dann wieder ständig. Bisher hatte er, wenn er überhaupt darüber nachgedacht hatte, vermutet, das Mädchen wäre ein Trennungskind, welches wechselweise bei Mutter oder Vater wohnte.

»Sie hat gesagt, auf dem Küchentisch steht was zu essen, und wenn ich nicht mehr draußen sein mag, darf ich fernsehen. Ich weiß, wie das geht«, fuhr Leonie fort.

»Ach was.« Steffens schlimmste Befürchtungen wurden eben bestätigt. Die Schmittke hatte die Kleine sich selbst überlassen, und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Er wohnte nun seit einem Jahr nebenan, und über die ganze Zeit war ihm immer wieder aufgefallen, dass das Mädchen häufig und lange alleine im Garten war. Im Frühling, Herbst und Sommer hatte er sich nicht so viel dabei gedacht, weil er stets Lotta Schmittke im Haus vermutet hatte. Das war wohl ein Irrglaube gewesen.

»Weißt du, wann deine Tante wiederkommt?«, fragte er.

Leonie schüttelte den Kopf. »Kannst du die Tür aufmachen?«, bat sie ihn.

»Ich versuche es.« Er erhob sich, fasste an den Griff und drückte dagegen. Ein klein wenig bewegte sich der Rahmen, doch sie öffnete sich nicht. Irgendetwas klemmte. Mehr Druck mochte er nicht anwenden, zudem löste eine offene Tür nicht die Betreuung der Kleinen.

»Sag, Leonie«, begann er. »Wo sind denn deine Eltern? Kannst du mir sagen, wo sie arbeiten?« Er konnte versuchen, die Leute zu erreichen.

»Hab ich keine.« Du lieber Himmel. Das wurde ja immer schlimmer.

»Aber du bist doch nicht immer bei deiner Tante Lotta, oder? Bei wem wohnst du denn noch, wenn du nicht bei ihr bist?«, forschte er weiter.

»Bei Tante Sabine und Onkel Rudi. Und manchmal bei Oma Ilse«, gab Leonie Auskunft.

So kam er nicht weiter. Entweder er nahm das Kind mit zu sich und steckte der Schmittke einen Zettel an die Tür, wo Leonie zu finden war, oder … Sollte er das Jugendamt informieren? Aber das ging wohl doch ein wenig weit. Andererseits war es unverantwortlich, so ein kleines Kind sich selbst zu überlassen, womöglich stundenlang. Er wusste aber auch nicht, wie die Schmittke reagieren würde, wenn er Leonie einfach mit zu sich nahm. Sie kannten sich eigentlich gar nicht, grüßten einander nur der Höflichkeit halber, wenn sie sich zufällig begegneten. Eventuell würde sie aufgebracht reagieren und ihm üble Absichten unterstellen, um von ihrer eigenen Verfehlung abzulenken.

Also doch das Jugendamt?

Über den Gehweg hinter dem Haus schlurfte der alte Herr Hansen, auf seinen Stock gestützt. Ihm voran tappte sein Dackel Hector. Steffen konnte Herrn und Hund durch die kahlen Zweige des Fliederbusches sehen. Hansen blieb stehen, um sich die Brille zu putzen. Nachdem er sie wieder aufgesetzt hatte, sah er sich um, entdeckte Steffen und winkte ihm zu.

»Ich bin gleich wieder da, Leonie«, sagte Steffen. Herr Hansen wohnte schon lange in der Gegend. Vielleicht wusste er etwas über die sonstige Verwandtschaft der Kleinen und konnte ihm weiterhelfen.

»Hallo, Herr Hansen, ich habe eine Frage«, begann Steffen. Interessiert kam der alte Herr dicht an den Zaun. Allerdings konnte Steffen nur ahnen, dass er dort stand. Ein dichtes Gewirr von Zweigen der dort stehenden Büsche versperrte ihm die Sicht. Rasch teilte er ihm durch das Geäst mit, dass Lotta Schmittke außer Haus war, die Terrassentür klemmte und Leonie quasi ohne Dach über dem Kopf war, möglicherweise noch etliche Zeit.

»Also, nee.« Der alte Mann massierte sich den Nacken, nachdem Steffen seine Frage nach weiterer Verwandtschaft gestellt hatte. »Hat die die Kleine schon wieder alleine gelassen. Die ist so was von verantwortungslos«, empörte er sich. »Das ist ja nicht das erste Mal. Letzten Herbst haben Hilde und ich Leonie auch mal zu uns genommen, weil die feine Dame das Kind sich selber überlassen hat. Auch im Garten, da war aber immerhin die Tür offen und es war noch mal ein richtig warmer Tag. Die Kleine war wohl von einer Wespe gestochen worden und hat bitterlich geweint. Na ja. Meine Frau hat Erste Hilfe geleistet und dann das Mädelchen mit zu uns genommen. Als die Schmittke zurückgekommen ist, hat sie behauptet, sie hätte einen dringenden Arzttermin gehabt, und sich auch noch über unsere Einmischung empört. Nicht mal ein Dankeschön. Ich habe damals schon zu Hilde gesagt, eigentlich müsste man der das Amt schicken. Die ist doch zur Beaufsichtigung für ein Kind gar nicht geeignet. Also, tut mir sehr leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann.« Betrübt schüttelte der alte Mann den Kopf. »Ich muss dann jetzt weiter. Hilde wartet mit dem Essen«, sagte er, tippte sich grüßend an die Stirn und schlurfte weiter. Dackel Hector hatte während des Gesprächs geduldig auf seinen Herrn gewartet.

Steffen ging zur Terrasse zurück. Er würde jetzt Leonie mit zu sich nehmen und von zu Hause aus sofort das Jugendamt anrufen. Und wenn ihn die Schmittke danach in Stücke riss.

*

Annika Kettler trommelte mit ihrem Bleistift auf die Schreibunterlage. Eben hatte ein Steffen Kröger angerufen und von Missständen bei der Betreuung der kleinen Leonie Büchner berichtet. Schon wieder Probleme.

Sie war nicht länger bereit, den jetzigen Zustand hinzunehmen. Es wurde höchste Zeit, dass Ruhe in das Leben der Kleinen einkehrte.

Seit die Eltern des Kindes vor drei Jahren bei einem Zugunglück ums Leben gekommen waren, lebte das Mädchen offiziell bei seiner Tante Sabine Renner und deren Mann Rudolf. Doch mehrfach, wenn sie zu einem unangekündigten Besuch bei den Leuten erschienen war, um zu überprüfen, ob es Leonie gut ging, war das Kind nicht dort gewesen. Laut Aussage von Sabine Renner war Leonie dann bei ihrer Schwiegermutter Ilse Renner zu Besuch oder bei der Cousine ihres Mannes, Lotta Schmittke. Bei Ilse Renner hatte sie die damals Zweieinhalbjährige in einem Gitterbett vorgefunden, vor dem ein laufender Fernseher stand, der das Kind beschäftigen sollte, während die Ersatz-Oma beim Kaffee mit einer Bekannten in der Küche saß. Ilse Renner hatte sich damals sehr schnell einsichtig gezeigt, dass man ein Kind in dem Alter nicht in einem Gitterbett vor dem Fernseher parkte. Zu schnell, genau genommen. Annika hatte den Eindruck gehabt, diese Einsicht würde in sich zusammenfallen, kaum, dass sie zur Tür hinaus war.

Auch Besuche bei Lotta Schmittke waren nicht allzu erfreulich ausgefallen. Die Frau ging einem Telefonjob von zu Hause aus nach, und wenn sie arbeitete, schickte sie das Kind entweder in den Garten oder in einen kleinen Raum im oberen Stock ihres Hauses, den man nur schwerlich als Kinderzimmer bezeichnen konnte. Es war ein besserer Abstellraum, in dem zwischen einem Bügelbrett, einem Stapel gefüllter Umzugskartons und einem alten Sessel, auf dem sich Bücher türmten, ein Bett stand, in dem das Kind schlafen sollte. Unter dem Bett lagen ein paar abgegriffene Spielsachen, womöglich noch aus der eigenen Kindheit von Frau Schmittke. Die Kritik am Kinderzimmer hatte Frau Schmittke mit einer Handbewegung beiseite gewischt. Leonie käme nur sporadisch zu ihr, und langfristig wollte sie den Raum kindgerechter gestalten. Sie wäre nur noch nicht dazu gekommen.

Längst war Annika Kettler überzeugt, dem Ehepaar Renner ging es nur um das Geld für die Pflegschaft, welches die Leute über das Jugendamt für die Versorgung von Leonie bezogen.

Und nun rief dieser Steffen Kröger an und erzählte, dass die Kleine alleine im Schneeregen im Garten von Lotta Schmittke gestanden hätte und nicht ins Haus konnte, weil die Terrassentür zugefallen war und klemmte. Während die Schmittke wer weiß wo unterwegs war. Leonie war noch keine fünf Jahre alt. Das war Kindesvernachlässigung, wenn nicht sogar Gefährdung.

Annika stand auf und nahm ihre Jacke von der Rückenlehne des Stuhls. Sie würde jetzt zu diesem Herrn Kröger fahren, der sich der Kleinen angenommen hatte, und Leonie per sofort ins Kinderheim Sophienlust in Wildmoos bringen. Dort war sie gut aufgehoben. Das hätte sie längst tun sollen.

Sie fasste in ihre Jackentasche. Ja, da lag ihr Handy. Sie würde von unterwegs aus mit Nick von Wellentin-Schoenecker telefonieren, dem Eigentümer des Heims, um ihn von seinem Neuzugang in Kenntnis zu setzen. Einen Platz für sie hatte er, daran bestand kein Zweifel. In Sophienlust wurde jedes Kind in Not herzlich willkommen geheißen.

*

Leonie saß stocksteif auf dem Sofa. Steffen hatte ihr eine leichte Fleecedecke gegeben, damit sie sich darin einwickeln konnte, weil sie vor Kälte gezittert hatte. Sie hatte die Decke aber nicht angerührt, ebenso wenig wie den Kakao, den er ihr gekocht hatte. Auch vom Kuchen hatte sie nichts gewollt. Er hatte beinahe den Eindruck, sie fürchtete sich. Vielleicht hatte man ihr beigebracht, dass sie mit keinem Fremden mitgehen durfte.

Er hätte ihr gerne ihre Angst genommen. Doch außer größtmöglichen Abstand zu ihr zu halten, fiel ihm nichts ein. So saß er auf einem dem Sofa gegenüber stehenden Sessel und wartete auf das Eintreffen der Frau vom Jugendamt. Oder machte Leonie der angekündigte Besuch von Annika Kettler Angst? Auch das war möglich. Dabei hatte er ihr vom Jugendamt gar nichts erzählt. Er hatte ihr nur gesagt, dass gleich eine Frau vorbeikommen würde, die sich um sie kümmerte, bis Tante Lotta wieder daheim wäre.

Es läutete an seiner Haustür. Leonie zuckte zusammen und machte sich ganz klein.

»Ich mache schnell auf, Leonie«, erklärte er ihr und erhob sich. »Ich bin gleich wieder bei dir«, ergänzte er. Leonie gab keine Antwort.

Die Frau, die vor seiner Tür stand, war Anfang vierzig, mit kinnlangen braunen Haaren, völlig ungeschminkt und sehr sympathisch.

»Herr Kröger?« Sie hielt ihm die Hand hin. Ihr Händedruck war fest. Er nickte.

»Mein Name ist Annika Kettler. Wir haben telefoniert.«

»Hallo, Frau Kettler. Schön, dass Sie so rasch gekommen sind. Leonie ist im Wohnzimmer. Seit wir hier sind, redet sie kein Wort. Sie will auch nichts essen oder trinken. Sie scheint mir völlig verschreckt.« Er sprach mit gesenkter Stimme. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt.

»Das wundert mich, ehrlich gesagt, nicht. Ihr Fall ist uns im Jugendamt bekannt. Ich nehme sie jetzt mit«, erklärte Annika Kettler. Er hätte gerne gewusst, inwiefern ›ihr Fall‹ dem Jugendamt bekannt war, doch das ging ihn nichts an.

»Bringen Sie sie später wieder zu ihrer Tante?«, fragte er stattdessen. »Oder was geschieht jetzt mit ihr?« Die Kleine tat ihm furchtbar leid.

»Sie kommt fürs Erste in die Obhut eines Kinderheims. Es gibt ganz in der Nähe ein sehr schönes Heim, wo wir häufiger Kinder in Notlagen hinbringen. Ich denke, sie wird sich dort wohlfühlen.«

»In ein Heim? Ach du liebe Güte.« Am Ende hatte er die Lage für das Mädchen nur noch verschlimmert.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Kröger. Sophienlust ist das reinste Paradies für Kinder«, versuchte ihn die Frau vom Jugendamt zu beschwichtigen. Er lächelte unsicher.

»Wo ist denn Leonie nun?«

»Im Wohnzimmer«, wiederholte er und ging voran.

»Leonie?« Verblüfft blieb er stehen. Ihr Platz auf dem Sofa war leer, die Kleine war weg. Das konnte doch nicht sein.

*

Leonie lag unter dem Sofa, die Hände vors Gesicht gepresst. Sie hörte, wie der Mann ihren Namen sagte, und wenn sie durch die Finger blinzelte, sah sie vier Füße. Zwei davon gehörten zu dem Steffen-Mann, die anderen zwei zu Annika. Sie hatte ihre Stimme erkannt, während Annika mit Steffen geredet hatte. Sie hatte schöne graue Stiefel an, mit goldenen Schnallen unten an den Seiten.