Leonore und ihre Töchter - Gina Mayer - E-Book

Leonore und ihre Töchter E-Book

Mayer Gina

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Beschreibung

Nimm dein Glück in beide Hände. Im Paris des Jahres 1900 erfährt die unglücklich verliebte Nanette von einem gutgehüteten Geheimnis, das auf ihrer Familie lastet: Als ihre Urgroßeltern Leonore und Anton einst heirateten, verfluchte eine eifersüchtige Freundin das Brautpaar und prophezeite ihnen lebenslanges Unglück. Drei Generationen später hadern nicht nur Leonore, sondern auch ihre Tochter, ihre Enkelin und ihre Urenkelin Nanette mit dem Schicksal und finden kein Glück in der Liebe. Bis Nanette eines Tages beschließt, den Familienfluch endlich zu bannen, denn nicht der Fluch trägt die Schuld für das Scheitern der Frauen in ihrer Familie – jede ist ihres eigenen Glückes Schmied ... Eine große Familiensaga über Liebe, Selbstbestimmung und das Schicksal, das Leonore und ihre Töchter auf eine harte Probe stellt. „Gina Mayer schreibt intensiv, emotional, sehr bildhaft.“ Lovelybooks.

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Seitenzahl: 622

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Gina Mayer

Leonore und ihre Töchter

Roman

Inhaltsübersicht

ERLKÖNIG

PERSONEN

PROLOG

TEIL 1: DORA

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

TEIL 2: MATHILDE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

TEIL 3: ANTON UND LUISE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

TEIL 4: LEONORE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

TEIL 5: MATHILDE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

TEIL 6: NANETTE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

EPILOG

DANKSAGUNG

Informationen zum Buch

Über Gina Mayer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

ERLKÖNIG

von Johann Wolfgang von Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

»Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«

»Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?«

»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.«

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand;

Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

»Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

Was Erlenkönig mir leise verspricht?«

»Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind.«

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön;

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

»Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düstern Ort?«

»Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:

Es scheinen die alten Weiden so grau.«

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«

»Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan!«

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,

Er hält in Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.

PERSONEN

TEIL 1: DORA

Paris, 1900

Dora Boucher, geb. Zeller

Gustave Boucher, Architekt, ihr Mann

Nanette Boucher, ihre gemeinsame Tochter

Mathilde Zeller, geb. Seele, Doras Mutter

Sebastian Zeller, Doras Vater

Odile de la Riche-Salé, Witwe und Doras Freundin

Yves Charpentier, Nanettes Verehrer

Chloé du Rouge, Frauenrechtlerin

TEIL 2: MATHILDE

Düsseldorf, 1848

Mathilde Seele

Arthur Seele, ihr Zwillingsbruder

Anton Seele, Tuchhändler, ihr Vater

Leonore Seele, geb. Bredt, ihre Mutter

Theres, Magd, Ziehmutter von Mathilde und Arthur

Edgar Walz, Schauspieler

Julius Unruh, Musiker, Mathildes Geliebter

TEIL 3: ANTON UND LUISE

Ratingen, 1813

Anton Seele, Kinderarbeiter in Cromford

Luise Merkels, seine Freundin

Leonore Bredt, Nichte von Frau Brügelmann

Sophie Brügelmann, Unternehmerin (Cromford)

Herr Schüller, Vorarbeiter in Cromford

TEIL 4: LEONORE

Ratingen, 1823

Leonore Bredt

Charlotte Brügelmann, Tochter von Sophie Brügelmann

Carl Heinrich Engelbert Oven, ihr Mann

Julius und Moritz Brügelmann, ihre Brüder

Friedrich Bredt, Leonores Vater

Justus Zeller, Kaufmann, Leonores Verehrer

TEIL 5: MATHILDE

Düsseldorf, 1849

Mathilde Seele

Anton Seele

Leonore Seele, geb. Bredt

Sophie Brügelmann

Julius Unruh

Sebastian Zeller, Kaufmann

Emme, Mathildes Cousine

Luise Merkels, Wirtin in Ratingen

Theodora Merkles, ihre Tochter

TEIL 6: NANETTE

Paris/Ratingen, 1900

Nanette Boucher

Yves Charpentier

Dora Boucher, geb. Zeller

Chloé du Rouge, Frauenrechterin und Doras Freundin

Julius Brügelmann, Enkel von Sophie Brügelmann

Theodora Schwan, geb. Merkels, Witwe

Rudolf Schwan, ihr Schwager

PROLOG

Am ersten Montag in jedem Monat fuhr sie nach Düsseldorf. Der Droschkenfahrer wusste längst Bescheid und holte sie ab, ohne dass sie ihn bestellte. Er fuhr sie zur Lindenallee, dort stieg sie aus und ging die letzten Meter zu Fuß. Nicht zu nah an das Haus heran. Man durfte sie nicht erkennen.

Manchmal sah sie Anton. Den Hut auf dem Kopf, den Mantelkragen hochgeschlagen, sogar im Sommer trug er den Mantelkragen hochgeschlagen, als müsste er sich dahinter verstecken. Als wollte auch er unerkannt bleiben. Manchmal fuhr er in der Droschke weg, manchmal verschwand er im Laden. Sie sah ihn, er sah sie nicht.

Aber darum ging es nicht.

Es ging um das Kind.

Manchmal wartete sie bis zum späten Nachmittag, bis sich die Tür im Tor zum Hof endlich öffnete, bis es herauskam. Eine der Frauen war bei ihm und hielt es an der Hand.

Der blaue Wollmantel stand ihm so gut. Sie freute sich jedes Mal, wenn das Kind den blauen Mantel trug. Es gab ein Mützchen aus dem gleichen Stoff, aber das trug es nur selten. Vielleicht kratzte es.

Sie folgte ihnen unbemerkt, jeden ersten Montag im Monat. Durch den Park, über den Markt. Manchmal gingen sie mit dem Kind in die Kirche, dann wartete sie vor dem Portal, bis sie wieder herauskamen. Unbemerkt, sie blieb immer unbemerkt.

Das Kind hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Redete in einem fort. Sie konnte nicht verstehen, was es sagte, dazu war sie zu weit weg. Sie sah aber, dass es glücklich war.

TEIL 1

DORA

Paris, 1900

I

Das Licht. Es strahlte aus der hohen Wölbung des Kuppelsaals, leuchtete von den Wänden und brachte die Diamanten und Brillantarmreife, die Siegelringe, Uhrketten und Monokel zum Funkeln. Es floss vom Kronleuchter des kleinen Palais direkt in Doras Champagnerglas und brach sich in jeder einzelnen aufsteigenden Perle.

Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens, dachte Dora und drehte sich lächelnd zu Gustave um, aber er stand nicht mehr hinter ihr. Dafür sah sie Nanette, umringt von Bewunderern. Nanette lächelte, und die jungen Männer versuchten ihr Lächeln festzuhalten, aber es ließ sich nicht fangen, es flog von einem zum anderen.

Meine Tochter, dachte Dora stolz.

Sie nahm einen Schluck Champagner und spürte, wie es nun auch in ihrem Kopf zu perlen begann. Der Tag war voller Aufregungen gewesen, sie hatte so gut wie nichts gegessen. Sie stellte das Glas auf dem Tablett eines Kellners ab und nahm sich stattdessen ein Glas Limonade. Sie brauchte keinen Champagner, sie war beschwingt von ihrem Glück. Von der Schönheit ihrer Tochter. Von Gustaves Erfolg.

Die fünfte Weltausstellung in Paris, die vor wenigen Stunden eröffnet worden war, war sein Triumph. Die letzten Jahre hatte er damit verbracht, die Ausstellung zu konzipieren, zu entwerfen, zu planen. Sie war selbstverständlich nicht allein sein Werk – für ein Projekt dieser Größenordnung brauchte es eine Vielzahl an Architekten, Planern, Zeichnern und Baumeistern. Aber Gustave Boucher war der Kopf des Ganzen, der Mann, der vordachte und vorausschaute und die anderen anleitete und beaufsichtigte.

Worin seine Arbeit genau bestand, das war Dora allerdings bis heute nicht ganz klar. Die einzelnen Pavillons waren von den Architekten der Teilnehmerländer konzipiert worden, auch für die Attraktionen wie etwa die Himmelskugel oder die prächtigen Panoramen gab es spezielle Planer. Das große Portal an der Place de la Concorde stammte von René Binet und das Kunstpalais, in dem heute auch der Empfang stattfand, von Charles-Louis Girault.

»Und wo taucht dein Name auf?«, hatte sie ihren Mann gefragt.

»Ich bin überall«, hatte Gustave entgegnet. »Ich kümmere mich nicht um die Details. Mein Anliegen ist das große Ganze.«

Das große Ganze – es war hervorragend gelungen, das hatte auch Monsieur Picard, der Generalkommissar der Ausstellung, bei seiner Begrüßungsrede betont. Er hatte Gustave namentlich erwähnt, und anschließend war der Präsident der Republik persönlich auf Gustave zugekommen und hatte ihm die Hand geschüttelt. »Meinen Respekt«, hatte er gesagt, und dann hatte er Doras Hand geküsst. Émile Loubet. Der Präsident von Frankreich. Hatte ihre Hand geküsst.

Dora wurde heiß und kalt, wenn sie sich daran erinnerte. Wenn das Mutter hört, dachte sie. Selbst Mutter wird beeindruckt sein, wenn ich ihr davon erzähle.

»Madame Boucher?« Ein junger Herr im Frack trat jetzt neben sie, ein Herr, den Dora kannte oder vielmehr kennen sollte, denn Gustave hatte ihn ihr eine halbe Stunde zuvor vorgestellt. Doch sie hatte den Namen bereits vergessen. »Monsieur Ronvard würde sich gern von Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl verabschieden.«

Monsieur Ronvard, das wusste Dora, war der Finanzdirektor der Ausstellung. Und der junge Herr – jetzt fiel es ihr wieder ein – war sein Sekretär.

»Mein Mann ist … Ich weiß leider auch nicht, wo er im Augenblick steckt. Er kommt bestimmt gleich zurück.«

»Monsieur Ronvard erwartet Sie am Ausgang.«

»Natürlich.« Doras Augen flogen durch den Saal. »Sobald mein Mann auftaucht, schicke ich ihn zu Ihnen.«

»Merci beaucoup, Madame.« Der Sekretär verbeugte sich mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie ihm gerade einen Orden verliehen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.

Dora reckte den Hals und sah sich in dem Saal um, aber ihr Mann war nirgends zu sehen. Dafür kam jetzt ein anderer Herr mit wehenden Frackschößen auf sie zugeeilt, die Hände zur Begrüßung ausgestreckt, ein entzücktes Lächeln auf den Lippen. »Bonsoir, bonsoir, Madame Boucher.«

Dora lächelte hilflos zurück. Der Mann war rundlich und trug einen geschwungenen Schnurrbart, sie kannte ihn nicht. Oder kannte sie ihn doch? Im Lauf des Abends hatte Gustave sie mit so vielen Menschen bekannt gemacht, dass sie es nicht mehr wusste.

»Enchantée«, sagte sie nervös.

»Aber, aber, Madame«, erwiderte der Schnurrbart auf Deutsch. »Wir beide verstehen uns doch besser in unserer Muttersprache, n’est-ce pas?« Er ergriff ihre Hand, beugte sich darüber und hauchte einen Kuss in die Luft. »Wilhelm Freiherr von Schoen«, stellte er sich dann vor. »Sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen.«

Wilhelm von Schoen, der deutsche Botschafter in Paris. Ein guter Bekannter ihres Mannes. Dora war ihm bisher nicht persönlich begegnet, aber vermutlich hatte Gustave ihm erzählt, dass er mit einer Deutschen verheiratet war.

»Es ist mir ein Vergnügen«, sagte Dora und begann zu schwitzen. Hoffentlich erwartete der Botschafter nicht, dass sie mit ihm über die deutsch-französischen Beziehungen sprach. Sie interessierte sich nicht für Politik, und nach fünfundzwanzig Jahren in Paris wusste sie nur noch wenig über die Verhältnisse in Deutschland. »Mein Mann hat mir viel von Ihnen erzählt.«

»Ah, hoffentlich nur Gutes!« Freiherr von Schoen zwinkerte ihr zu, wodurch die eine Hälfte seines Schnurrbarts heftig auf und ab tanzte. »Ihr Mann ist Gold wert, aber das ist Ihnen sicher bewusst. Ohne ihn wäre diese Weltausstellung niemals vollendet worden.«

»Zu freundlich«, sagte Dora. »Vielen Dank.« Obwohl das Kompliment ja gar nicht ihr galt, sondern Gustave. Sie warf einen raschen Blick über die Schulter. Allmählich vermisste sie Gustave auch, wo steckte er bloß? Vielleicht war ihm die Aufregung der letzten Tage auf den Magen geschlagen. Verwunderlich wäre es nicht.

»Was sagen Sie zum deutschen Pavillon? Ist er nicht prachtvoll gelungen?«, fragte von Schoen.

»Ich muss gestehen, ich habe bisher nur einen kleinen Teil der Ausstellung gesehen.« Seit der offiziellen Eröffnung waren erst ein paar Stunden vergangen. Dora und Nanette hatten das Wasserschloss von Paulin besichtigt, aus dem sich ein gigantischer Wasserfall ergoss, und das verkehrte Haus besucht. Und natürlich waren sie auf dem rollenden Bürgersteig gefahren, der das ganze Ausstellungsgelände durchzog. Das deutsche Haus hatten sie nur von weitem gesehen, eine bizarre Mischung aus einer mittelalterlichen Burganlage und einem Fachwerkhaus, verziert mit einem gotischen Kirchturm. Es war groß, viel größer als die Pavillons der anderen Nationen. Unangenehm groß, hatte Dora gedacht. Dass die Deutschen sich immer so aufspielen mussten. Dabei schätzte man diese ungenierte Machtdemonstration in Paris ganz und gar nicht. Sedan lag schließlich gerade einmal dreißig Jahre zurück.

»Na, das müssen Sie aber schleunigst nachholen«, sagte von Schoen vorwurfsvoll, als wäre die Ausstellung nicht noch sieben Monate geöffnet, sondern gleich am nächsten Tag wieder beendet. »Das ist ein ganz dolles Ding, das kann ich Ihnen versichern.«

»Zweifelsfrei«, sagte Dora und überlegte, ob es dieses Wort im Deutschen wirklich gab oder ob sie es soeben erfunden hatte. Ihr Korsett klebte an ihrem Körper, der üppige Spitzeneinsatz, der ihr Dekolleté bedeckte, kratzte auf der feuchten Haut.

»Maman?« Jetzt trat Nanette neben sie, und die Augen des Botschafters begannen sofort zu leuchten, als wäre er am Verdursten und Nanette ein Glas Wasser.

»Das Fräulein Tochter, nehme ich an?«

Nanette schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

»Où est Papa?«, fragte sie dann Dora. »On demande après lui…«

»Wir sprechen Deutsch«, unterbrach Dora sie. »Herr von Schoen, der deutsche Botschafter aus Berlin, meine Tochter Nanette.«

»Enchantée.« Nanette reichte von Schoen ihre Hand zum Kuss. »Ich bin entzückt.«

»Das Entzücken ist ganz meinerseits, meine Liebe.« Von Schoen deutete einen Diener an. »Ihr Deutsch ist ja ganz hervorragend.« Er warf Dora einen anerkennenden Blick zu, dabei waren Nanettes Deutschkenntnisse ganz gewiss nicht ihr Verdienst. Sie hatte sich stets auf Französisch mit ihrer Tochter unterhalten. Wenn Nanette nicht immer ihre Ferien bei ihren Großeltern in Düsseldorf verbracht hätte, hätte sie kein Wort Deutsch gesprochen.

»Man fragt nach Papa«, raunte Nanette Dora auf Französisch zu, danach schenkte sie von Schoen ein bezauberndes Lächeln und verabschiedete sich. »Es war mir ein Vergnügen, Herr von Schoen.«

Der Freiherr sah ihr bedauernd nach. Dora erinnerte sich plötzlich wieder an den Finanzdirektor, der am Ausgang stand und auf sie wartete.

»Ich muss wirklich schauen, wo mein Mann bleibt«, sagte sie. »Nicht, dass ihm am Ende etwas zugestoßen ist.«

Das sollte ein Scherz sein, aber von Schoens Gesicht verzog sich sofort zu einem Ausdruck der Bestürzung. »Ja, natürlich. Unbedingt. Sehen Sie besser nach ihm.«

Sie reichte ihm die Hand, er küsste in die Luft, dann eilte sie in Richtung der Waschräume davon.

Wie Bienensummen drangen die Stimmen aus den Empfangssälen zu Dora, während sie durch den Seitentrakt lief. Sie schloss die Augen und spürte das Hämmern in ihren Schläfen. Der Tag war anstrengend gewesen, und der Empfang ermüdete sie. Sie würde Gustave bitten, dass sie sich ebenfalls bald auf den Weg nach Hause machten. Einen Cognac für ihn, ein Glas heiße Milch für sie, vielleicht ein schnelles Bad. Dann ins Bett. Sie konnte es kaum erwarten.

Aber erst musste sie Gustave finden. Sie ging den Flur entlang, der zu den Toiletten führte. Ratlos blieb sie stehen: Bei den Damen war er bestimmt nicht, und die Herrenräume konnte sie wohl kaum betreten. Sie wartete eine Weile, doch als niemand herauskam, ging sie weiter. Geradeaus, dann nach links, dann ein paar Stufen hinunter, bis sie schließlich in den Innenhof des kleinen Palais gelangte. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es war eine milde Aprilnacht, aber Dora trug nur ein ärmelloses Abendkleid, ihre Pelzstola hatte sie an der Garderobe abgegeben. Sie wollte schon umkehren, aber was immer sie hierhergebracht hatte, zu den Palmen, Zypressen und Thujen, die aus stuckverzierten Steintrögen wuchsen, es zog sie weiter, zu den flachen Wasserbecken in der Mitte des Hofes. Auf der Wasseroberfläche schwamm Licht, das durch die hohen Fenster des Kuppelsaals fiel. Das Glück, das sie eben noch empfunden hatte, war nun eine ferne Erinnerung.

Atmen. Es tat gut zu atmen.

Die kalte Nachtluft durchströmte ihren Körper und reinigte sie von dem Gelächter und Geschwätz und Zigarrenrauch. Sie legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war sternenlos, ein schwarzes Tuch, das ein noch größerer Architekt als Gustave über das Dach des kleinen Palais gespannt hatte.

Sie dachte an den Finanzdirektor und seinen Sekretär, die am Ausgang auf Gustave warteten. Aber wahrscheinlich warteten sie gar nicht mehr. Vermutlich waren sie längst nach Hause gegangen.

Wir sollten auch gehen, dachte sie und ließ sich dennoch auf den golden glitzernden Beckenrand sinken.

Und dann hörte sie die Stimmen.

Sie kamen von der anderen Seite des Bassins. Aus dem Gewirr der Palmen und Büsche.

Da stand jemand. Und noch jemand.

Ein Mann. Und eine Frau.

»Ich muss gehen«, sagte der Mann. »Wirklich. Ich hab mich schon viel zu lange aufgehalten.«

»Bleib«, hauchte die Frau. »Halt mich fest. Fühl mich.«

Und der Mann blieb und fühlte, und Dora hörte, wie die Frau leise stöhnte. Und hörte, wie sie sich küssten.

»Ich liebe dich«, flüsterte die Frau.

Der Mann antwortete nicht, er umfasste die Frau mit beiden Händen und fühlte ihre Brüste und spürte ihre Lippen und ihren weichen, warmen Leib und atmete ihr Verlangen ein. Das wusste Dora, obwohl sie die beiden nicht sehen konnte.

Die Frau sagte: »Bleib doch bei mir heute Nacht.«

»Es geht nicht«, flüsterte er. »Du weißt doch, dass es nicht geht.«

Sie schluchzte leise, oder war es ein leidenschaftliches Seufzen?

»Odile«, flüsterte der Mann. »Odile, Odile, Odile.«

Und dann das Geräusch von raschelndem Stoff und keuchender Atem. Die Liebenden zitterten, und Dora zitterte ebenfalls.

»Genug«, flüsterte Odile. »Nicht hier. Komm morgen zu mir. Nicht hier.«

»Odile«, wisperte der Mann. Er küsste sie ein letztes Mal und löste sich dann von ihr, obwohl es ihn fast zerriss vor Gier und Verlangen, auch das spürte Dora, ohne es zu sehen. Sekunden später eilte er an ihr vorbei und nahm sie nicht einmal zur Kenntnis.

Aber sie sah und erkannte ihn.

Gustave verschwand durch den Hintereingang der Kuppelhalle. Dora aber blieb sitzen und spürte die eiskalten Steine durch ihren Rock. Und spürte, wie sie innerlich erstarrte. Unter der Palme blitzte es jetzt weiß, Odile knöpfte ihr Mieder zu und steckte ihr Haar hoch, das Gustave gelöst hatte.

Odile, dachte Dora. Odile, Odile, Odile.

Sie versuchte sich darüber klarzuwerden, was das Ganze bedeutete. Warum Gustave sie betrog. Warum er sie mit ihrer Freundin Odile betrog. Und was nun werden würde.

Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Da war nur ein Name in ihrem Kopf.

Odile. Odile. Odile. Odile.

Vor einem Jahr hatte Odile ihren Mann verloren. Jacques de la Riche-Salé. Er war Oberster Richter am Tribunal de Police gewesen, bis ihn ein Jahr vor der Pensionierung der Krebs befiel und vier Monate später tötete. Und Odile, seine um dreißig Jahre jüngere Frau, zur Witwe machte.

Sie war untröstlich gewesen. Ihre Augen waren rotgeweint und entzündet, wenn sie Dora empfing, die ihr Hühnerbouillon und selbstgebackene Apfeltorten und Biskuits brachte.

»Mein Leben ist vorbei«, schluchzte Odile. »Verbrennt mich wie die indischen Witwen. Was soll ich auf einer Welt, in der Jacques nicht ist?« Dora tätschelte ihre Arme, streichelte ihre Wangen und sagte: »Die Zeit heilt alle Wunden.«

Und sie behielt recht damit.

Halt mich fest. Fühl mich.

Odile. Odile. Odile. Odile.

Dora hörte, wie Odile ihren Rock raffte, und dann huschte auch sie an Dora vorbei, ohne sie zu bemerken. Odile war die Geliebte, Dora die betrogene Ehefrau, ein Schatten, den man nicht wahrnahm.

Dora blieb sitzen. Haltung, Dora, flüsterte eine Stimme mit russischem Akzent in ihrem Kopf. Madame Drosskova, ihre alte Ballettlehrerin. Jahrelang hatte Dora nicht mehr an sie gedacht. Warum fiel sie ihr ausgerechnet jetzt ein? Und wie sollte man Haltung bewahren, wenn einem sein Leben aus den Händen glitt?

II

»Da bist du ja endlich«, sagte Nanette, als ihr Vater neben ihr auftauchte, mit einem halbgefüllten Champagnerglas in den Händen. »Man hat bereits nach dir gefragt.«

»Wer hat nach mir gefragt?«

»Monsieur Waldeck-Rousseau«, sagte Nanette so beiläufig, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Name und Waldeck-Rousseau ein ganz gewöhnlicher Mann.

»Bitte, wer?« Es amüsierte sie, wie ihr Vater zusammenfuhr und dabei fast seinen Champagner verschüttete. »Le Président du Conseil des Ministres?«

Der Präsident des Ministerrats war einer der mächtigsten Männer der Republik. Gustave bewunderte ihn, seitdem er seinen Einfluss dazu genutzt hatte, dass Dreyfus begnadigt und die unselige politische Affäre endlich beendet wurde. Und nun hatte er ihn um ein paar Sekunden verpasst.

»Der Ministerpräsident persönlich«, bestätigte Nanette. »Leider warst du nicht da.«

»Was wollte er von mir? Und wo ist er hin?«

»Das hat er mir nicht verraten. Aber er hat versprochen, später noch einmal zurückzukommen.«

Gustave reckte den Kopf.

»Maman hat dich auch gesucht«, fiel es Nanette jetzt wieder ein. »Irgendjemand wollte sich von dir verabschieden. Und dieser Botschafter aus Deutschland wollte dich sprechen.«

»Freiherr von Schoen?« Gustave winkte ab. »Den treffe ich morgen früh. Das ist jetzt nicht so wichtig.« Waldeck-Rousseau war wichtig. Aber der unterhielt sich nun leider anderweitig. Nanette betrachtete dabei den jungen Mann, der nun schon eine ganze Weile in ihrer Nähe stand, ein Glas Champagner in der Hand, an dem er hin und wieder nippte. Er sah atemberaubend gut aus, hatte breite Schultern, dunkles lockiges Haar, einen schmalen Schnurrbart, aber er stand ganz allein da und unterhielt sich mit niemandem. Und jetzt blickte er zu ihr herüber, Nanette senkte hastig den Blick. Der Herr kam ihr bekannt vor, irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen, aber wo?

»Wo warst du denn die ganze Zeit?«, fragte sie ihren Vater.

Gustave nahm einen Schluck Champagner und runzelte die Stirn. »Wo steckt eigentlich deine Mutter?«, fragte er dann zurück.

»Sie sucht dich.«

Er sah sich um. »Und du?«, erkundigte er sich dann bei seiner Tochter. »Wie geht es dir? Amüsierst du dich?«

»C’est très agréable.«

Agréable. Das war eine Lüge. Der Empfang war nicht angenehm, er war berauschend! Es war Nanettes erster gesellschaftlicher Auftritt, sie hatte monatelang darauf hingefiebert. Das Kleid, der Hut, die Frisur, die Schuhe, der Schmuck, in den letzten Wochen hatte sie sich mit nichts anderem beschäftigt. »Nimm roten Atlas für das Abendkleid«, hatte ihre Freundin Claudine vorgeschlagen. »Das sieht hinreißend aus zu deinen braunen Augen.«

Aber Dora ging schon in Rot, und in der gleichen Farbe aufzutreten wie ihre Mutter war natürlich undenkbar. Also hatte sich Nanette für Altrosa entschieden. Ein einfarbiges Kleid mit schwarzem Atlasgürtel und Tüllschärpe. Dazu ein Strohhut, den ebenfalls ein rosafarbenes Band schmückte. Pantoletten im japanischen Stil. Schlicht. Aber offensichtlich überzeugend, denn seit sie die Kuppelhalle des kleinen Palais am Arm ihres Vaters betreten hatte, hingen die Blicke der Männer an ihr wie Wespen an einem Pflaumenkuchen. Auch der gutaussehende Fremde blickte wieder unverhohlen zu ihr herüber.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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