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Sam Acquillo ist am Ende. Der Aussteiger mittleren Alters lebt in den Hamptons im baufälligen Häuschen seiner verstorbenen Eltern, hat Freunde, Familie und einen hochdotierten Job hinter sich gelassen, um nur noch auf seiner Veranda zu sitzen, Wodka zu trinken und kontemplativ auf die Little Peconic Bay hinauszuschauen. Als dann die alte Dame von nebenan tot in ihrer Badewanne gefunden wird, scheint sich nur Sam über den Grund dafür Gedanken zu machen. Der ausgebrannte, kaputte und zynische ehemalige Ingenieur, Profi-Boxer, liebevolle Vater und Ehemann deckt fast gegen seinen Willen Geheimnisse auf, von deren Existenz niemand auch nur eine Ahnung hatte, am allerwenigsten Sam. In dieser Geschichte um Geld und Mord kreuzen eine ganze Reihe höchst skurriler Typen den Weg des misanthropischen Sam: Eine schöne Bankerin, ein kiffender Anwalt, ein glupschäugiger Fischer und ein schwuler Milliardär gesellen sich zu der ohnehin bunten Schar aus Cops, Gangstern und Lokalberühmtheiten.
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2017
Namen, Personen und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Erste eBook–Ausgabe 2017, v3.0
Titel der amerikanischen Originalausgabe »The Last Refuge«
The Permanent Press, Sag Harbor, New York
www.thepermanentpress.com
Copyright © 2005, 2017 by Chris Knopf
Copyright © 2017 der deutschen Übersetzung by Doris Engelke
Lektorat Denise Hillebrand
Korrektorat Stefan Linster
Copyright © dieser Ausgabe 2017 bei spraybooks, August 2017
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spraybooks Verlag Bielfeldt und Bürger GbR
Remigiusstr. 20, 50999 Köln
www.spraybooks.com
ISBN: 978-3-945684-31-3
Für Jacqueline Hood Knopf
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
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Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Über den Autor
Mehr spraybooks …
Mein Vater hatte das Haus an der Little Peconic Bay in Southampton, Long Island, Mitte der 1940er Jahre gebaut, als niemand dort irgendwas baute. Es herrschte noch Krieg, die meisten jungen Männer waren Soldaten, und die Älteren waren entweder zu arm oder hatten zu viel Angst vor der Zukunft – oder sie waren zu verstört wegen der Wirtschaftskrise – um an die Zukunft zu denken. Aber mein Vater hatte eine Vision, lange bevor Leute anfingen, mit diesem Wort um sich zu werfen, und er kaufte die 4.000 qm Land an der Bucht. Heutzutage nennt sich so was Strandlage, damals galt ein solches Projekt nur als dumm und teuer, obwohl die Parzelle gerade mal 560 Dollar gekostet hat.
Die Preise für solche Grundstücke sind seitdem durch die Decke gegangen.
Mein Vater hat das Haus eigenhändig gebaut, Stein auf Stein, ohne eine Hypothek von der Bank. Im ersten Jahr hat er mit Pickel und Schaufel das Fundament ausgehoben, die Schlackenbetonblöcke gesetzt und den Estrich fürs Parterre gelegt. Dann wuchs das Haus Zimmer für Zimmer, wann immer er Geld und Baumaterial hatte. Das meiste hat er aus Müllhalden und Ruinen mitgehen lassen und von der Handvoll Baustellen, die es damals in New York und auf Long Island gab.
Für den Krieg war er zu alt, aber zu Hause trug er jede Menge Kämpfe aus. Mein Dad war kein besonders netter Mensch. Tatsächlich war er ein echter Dreckskerl, aber mir gegenüber war er ganz okay, meistens jedenfalls.
Heute lebe ich in diesem Haus, allein. Ich wurde zu der Zeit geboren, als er gerade dabei war, das Haus winterfest zu machen. Gewissermaßen bin ich also hier aufgewachsen. Wir besaßen noch eine Wohnung in der Bronx, die mein Vater unter der Woche benutzte, aber nachdem er dort die Ölheizung installiert hatte, lebten meine Mutter, meine Schwester und ich das ganze Jahr über an der Bucht. Ich kann mich an die Bronx nicht erinnern, obwohl er mir oft von meinem Zimmer dort erzählt hat und davon, wie meine Schwester und ich auf dem Hinterhof zwischen Fingerhirse und Sumachbäumen gespielt haben, bis die »Schwarzen gekommen sind und die normalen Leute vertrieben haben.« So ungefähr hat er sich ausgedrückt, die Worte kamen ihm mit eiskaltem Zorn über die Lippen. Er war ein aktiver Rassist, wie alle aus der Generation meines Vaters, die ich kannte.
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich nur an das kabbelige Wasser und den neonbunten Sonnenuntergang über der Bucht. Den ständigen Wind, der urplötzlich auffrischen konnte, und den Gestank von verrottendem Fisch bei Ebbe. Den rieche ich auch jetzt. Er scheint bisweilen der einzig verlässliche Fixpunkt in meinem Leben zu sein.
Das Häuschen ist eingeschossig, eine Veranda mit Fliegengittern erstreckt sich über die gesamte Breite und gibt den Blick aufs Meer frei. Dieser Ort ist der beste im ganzen Haus, und hier schlafe ich das ganze Jahr über. Von Anfang April bis kurz vor Weihnachten lebe ich ohne Sturmfenster. Deswegen konnte ich nachts Regina Broadhurst auch immer stöhnen hören. Sie schlief bei offenem Fenster, und weil ihr Haus dicht neben meinem steht, konnten nur die Zikaden, das Plätschern der kleinen Wellen in der Bucht und der Wind über Long Island sie übertönen.
Nach dem Tod meiner Mutter habe ich den örtlichen Gebrauchtmöbelhändler das Haus ausräumen lassen. Gelegentlich sehe ich einige von unseren alten Möbeln in Schaufenstern von Antiquitätengeschäften oder im Trödelladen an der Main Street, je nachdem wie wertvoll das Stück vermeintlich war. Ich habe 2.000 Dollar für alles bekommen, Abtransport inclusive. Sie mussten viel Zeug mitnehmen, das sie eigentlich gar nicht haben wollten, aber das war Teil des Deals.
Den 67er Pontiac Grand Prix von meinem Alten habe ich behalten. Ich fahre mit ihm auf dem Ostteil der Insel herum. Im Sommer versuche ich, auf den Nebenstraßen zu bleiben. Dieses große blöde Auto hat einen riesigen Motor. Wenn viel Verkehr ist, läuft er gern heiß.
Weil er so riesig und unförmig ist, ahnt keiner, dass der 67er Pontiac eines der schnellsten Autos war, die je in Detroit gebaut wurden. Dad und ich haben ihn mit einem Vierganggetriebe aus einem GTO nachgerüstet, dadurch ist er noch schneller geworden. Die Lackierung habe ich bis auf die Grundierung verbleichen lassen, aber die Roststellen behandle ich sorgfältig, sobald sie sichtbar werden. So habe ich immer was zu tun.
Mein Dad hat das Auto nie so zu schätzen gewusst wie ich. Er hat nur ein paar gute Jahre mit ihm genossen, bevor diese Typen ihn erschlagen haben in der Bar in New York, wo er immer rumhing.
Nachdem der Möbelhändler das Haus leergeräumt hat, habe ich die Farbe runtergeholt, mit der meine Mutter die alte Pinienvertäfelung der Wände gestrichen hatte. Das war ihre Rache an meinem Vater, weil er sich hat umbringen lassen und sie danach ständig allein war, nicht nur unter der Woche. Ich habe das Holz wieder gebeizt und eine neue Couch und einen Ofen fürs Wohnzimmer gekauft. Dazu einen Küchentisch, Stühle und ein Bett für die Veranda. Zu sehr viel mehr bin ich nicht gekommen, aber das kleine Haus wirkt jetzt größer und hallt sogar ein wenig. Außerdem ist das in unnützem Krempel erstarrte, kruschelige Elend des Lebens meiner Eltern verschwunden.
All das ist vor etwa vier Jahren passiert, direkt nachdem ich hier eingezogen bin. Das Häuschen hatte eine Zeitlang leer gestanden – meine Mutter war über den Zeitraum von ein paar Jahren in einem Pflegeheim in Riverhead langsam erloschen. Meine Schwester hat sie häufiger besucht als ich, obwohl sie aus Wisconsin rüberfliegen musste. Ich habe behauptet, ich hätte in der Firma zu viel um die Ohren und könnte mich nicht freimachen. Tatsächlich jedoch konnte ich es nicht ertragen, meine Mutter in diesem Heim zu sehen, inmitten all dieser dementen, hohlen Mumien. Oder den stummen Vorwurf ertragen, den ich immer an ihren zusammengebissenen Zähnen zu erkennen glaubte.
Es stimmt allerdings, dass die Firma mich sehr viel Lebenszeit gekostet hat, auch Zeit, die ich besser für andere Dinge und andere Leute hätte haben sollen.
Meine Mutter konnte Regina Broadhurst, die Nachbarin, nicht leiden. Die anderen Leute in der Gegend mochte sie gern. Unter der Woche waren ständig alle bei uns und verschwanden, sobald Dad am Wochenende kam und im Vorgarten mit in die Hüften gestemmten Händen potentiellen Störenfrieden finstere Blicke zuwarf.
Regina zu mögen, war nicht leicht und wurde noch schwerer, als ich vor vier Jahren hierherzog. Inzwischen war sie an die Achtzig und knorrig wie ein Hickorybaum. Zäh und nicht besonders freundlich. Ihre weißen Haare standen in verfilzten Büscheln wirr von ihrem Kopf ab. Hände und Knie waren knotig und krumm vor Arthritis. Wenn sie mir etwas klarmachen wollte, (was häufig geschah) hielt sie mir drohend ihre Fingerknöchel unter die Nase.
Ihr aus dem Weg zu gehen, war gar nicht so einfach, weil sie ständig nach mir rief – ich solle rüberkommen und irgendwas reparieren. Diese Angewohnheit war noch zu Lebzeiten meines Vaters entstanden, der für sämtliche technischen Probleme in der Nachbarschaft zuständig war. Er war der einzige Mechaniker weit und breit und fühlte sich aus einer merkwürdigen Philanthropie heraus verantwortlich. Reginas Mann war schon so lange tot, dass es ihn genauso gut nie gegeben haben konnte. Das Haus, das er genauso improvisiert gebaut hatte wie mein Vater unseres, war ständig dem finalen Zusammenbruch nahe. Regina stand oft an dem armseligen Wildblumenbeet, das die Grenze zwischen unseren Grundstücken markierte, und gab ein Geräusch von sich, wie wenn man eine Brieftaube auf den Weg schickt. Irgendwas, das sich vage nach »Heizung« anhörte, und mein Vater fluchte und ging sein Werkzeug holen. Das geschah so häufig, dass ich, als sie dieses Spiel zum ersten Mal mit mir trieb, ohne zu zögern gehorchte.
Wie mein Vater habe ich sie leise verflucht. Manches geht nur ganz oder gar nicht.
Die Leute, die in dieser Gegend gebaut hatten, waren alle wie mein Vater. Sie hatten Jobs, bei denen sie sich mindestens die Hände schmutzig machten, waren in der Gewerkschaft, kauften billige Möbel und stellten Madonnen in riesigen Traktorreifen auf den Rasen ihrer Vorgärten. Viele sprachen mit starkem Akzent, oder zumindest noch ihre Eltern. Die Söhne spielten Baseball auf der Straße, genau wie in der Stadt. Die Töchter waren meist bleich und viel zu dick, ein paar von ihnen waren allerdings echte Hingucker, kurz bevor sie sich aus dem Staub machten.
Unsere Siedlung, ungeordnet gewachsen auf einer zerklüfteten Halbinsel aus Sand mit Buscheichen und großem Berglorbeer, war für die ersten dreißig Jahre kaum mehr als eine armselige Ansammlung von Sommerhäusern. Dass es an einem angrenzenden Küstenstreifen ein altes Fabrikgelände gab, machte die Sache nicht unbedingt besser. Deren letzter größerer Auftrag hatte während des Zweiten Weltkriegs in der Produktion von Gummibooten für die Navy bestanden. Ungefähr dreißig Jahre nach den Japanern hat schließlich auch die Fabrik kapituliert. Danach stieg der Wert der umliegenden Grundstücke, die Häuser wurden winterfest gemacht und der Immobilienmarkt ging förmlich durch die Decke. Aber noch heute, im ersten Jahr des neuen Jahrtausends, erinnert eine Siedlung wie unsere in dieser Gegend ein bisschen an einen Mann in einem billigen Anzug, der versehentlich auf einer Vernissage gelandet ist.
Wie gesagt, ich schlief auf der Veranda; aber die meiste Zeit saß ich am Tisch, rauchte, trank überteuerten Wodka und schaut auf die Bucht hinaus. Ich hatte einen Deal mit der Natur gemacht. Sie würde mich das tun lassen, bis ich genug davon hatte, und erst dann meine Organe außer Gefecht setzen. Dafür würde ich ihre Wunder bestaunen, die Hortensien, die den Rasen einfassten, den Salzgeruch des Windes und den kitschigen, rotgelben Himmel, der, über die Little Peconic Bay spielend, in Millionen Scherben zu zerspringen schien.
Spät nachts, wenn es vollkommen dunkel war, hörte ich Regina im Schlaf stöhnen. Das klang wie ein Verdammter bar jeder Hoffnung. Dies Geräusch war entweder Ausdruck ihres Seelenzustandes, oder die Lady machte einfach viel Krach im Schlaf. Aber dem zuzuhören, wie es durch den schwarzen Frieden einer stillen Sommernacht zu mir herüber wehte, war nicht besonders angenehm.
Zu meinem Glück verstummte sie immer nach einiger Zeit, und ich konnte mich wieder ohne unerfreuliche Geräuschkulisse meinem Innenleben widmen.
Wenn man viel allein ist, verlernt man das Reden. Die Worte entstehen zwar weiter im Kopf, aber die Mechanik rostet ein. Deswegen hatte ich mir einen Hund angeschafft. So konnte ich laut sprechen, ohne Selbstgespräche zu führen. Die Vorstellung, in dem kleinen Haus mit Gott oder leblosen Objekten oder meinen toten Freunden und meiner Familie zu reden, hatte etwas zutiefst Verstörendes. Eddie kam aus dem Tierheim und hatte bereits quasi in der Todeszelle gesessen, weswegen er auch bereit war, mir klaglos zuzuhören, wenn auch manchmal nur mit halbem Ohr. Andere Lebewesen haben weniger Glück.
Die Strategie funktionierte größtenteils – hielt allerdings weder Gott noch tote Freunde oder meine Familie davon ab, mich auf meiner Veranda mit Einzelheiten meiner stattlichen Anzahl von Fehlern und Irrtümern zu piesacken – meist in den frühen Morgenstunden, wenn der Wodka noch durch mein Nervenkostüm rauschte, mich aus dem Schlaf hochschrecken ließ, mein Magen in Flammen stand und mir das Herz bis zum Hals schlug.
Eddies Reich waren die zweitausend Quadratmeter Rasenfläche, die Reginas Haus von meinem trennte, und der schmale Streifen Kieselstrand an der Peconic Bay. Er kontrollierte regelmäßig das Terrain, die Nase am Boden, den Schwanz in die Höhe gereckt wie ein Großsegel. Gelegentlich bumste er Tennisbälle, die ich ihm mit dem Baseballschläger servierte, der neben der Seitentür lehnte. In den Hartholzgriff war der Namenszug Harmon Killebrew eingebrannt. Mein Vater hatte den Schläger früher im Kofferraum des Grand Prix aufbewahrt, um für alle Fälle von Verkehrsproblemen gewappnet zu sein.
Die meisten Bälle rollten Richtung Strand. Manche flogen über das Blumenbeet in Reginas Hof. Eddy reagierte kaum auf Regina, behielt sie aber sicherheitshalber im Auge, wann immer sie ihre zerrupften Blumen bearbeitete. Sie hatte für uns beide dieselbe Herzlichkeit in der Stimme, wenn sie uns ansprach. Wann immer er ihr einen Ball zurückbrachte, kraulte sie ihn hinter den Ohren. Er reagierte mit verhaltenem Schwanzwedeln, was ich – zugegeben – niemals tat.
Eines Nachmittags im Herbst 2000 bastelte ich in der Einfahrt an meinem Grand Prix – wie immer, wenn es nicht fror oder über 30 Grad war. Ich lag auf einem Rollbrett unter dem Wagen, als mir ein Geruch in die Nase zog. Er war intensiv und merkwürdig genug, dass ich meine Schrauberei unterbrach. Dann schien er zu verfliegen, fortgeweht von der klaren, trockenen Oktoberluft. Etwa zwanzig Minuten später war er wieder da. Den Schlüssel noch auf der Schraube, hörte ich auf zu drehen und schnupperte. Die Luft hatte etwas Ursprüngliches. Sie erinnerte mich an einen Haufen Herbstlaub, den ich mal angezündet hatte und in dem offenbar ein totes Eichhörnchen verborgen war. Es roch verdorben, vergammelt.
Ich rollte unter dem Auto hervor, wusch mir die Hände, ging zurück, hinaus auf die Einfahrt, und griff mir einen dicken Baumwolllappen. Ich befahl Eddy, im Garten zu bleiben, und ging zu Reginas Haus hinüber. Ich klingelte, doch sie reagierte nicht. Ich ging ums Haus und versuchte, durch ein Fenster hineinzusehen, aber dichte Spitzenvorhänge versperrten mir den Blick. Ich ging zur Hintertür und hämmerte gegen den Rahmen. Nichts. Ich rief nach ihr. Immer noch nichts. Ich wickelte mir den Lappen um die Hand und schlug eine kleine Scheibe in der Küchentür ein. Als ich hineingriff, um aufzuschließen, traf mich dieser merkwürdige Geruch wie ein Faustschlag, denn jetzt war er ganz nah und so intensiv, dass er praktisch körperlich Gestalt annahm.
»Verdammt.«
Ich drückte mir den Lappen vor den Mund und ging ins Haus. Sie lag in der Badewanne. Schwarz und aufgedunsen im Wasser, mit dem Gesicht nach unten.
Joe Sullivan war ein geradezu klassischer Cop. Dicker Bauch und breite Schultern, vorzugsweise Sonnenbrille auf der Nase, eine Smith & Wesson am Gürtel und immer leicht gereizt. Sein Haar war blond und kurz. Das Hemd perfekt gebügelt und die Schuhe schimmerten wie Porzellan. Er war ein städtischer Bulle, sein Revier der North Sea-Bezirk von Southampton. Der gelangweilt verkniffenen Miene und seiner makellosen Aufmachung nach zu urteilen, war er schon viel zu lange Cop.
Ich saß in einem meiner beiden Adirondack-Gartensessel auf dem Rasen vorm Haus und wartete, dass er rüberkam. Vor Reginas Haus parkten ein halbes Dutzend Autos, die meisten mit blinkenden Kaugummiautomaten auf dem Dach. Ein paar Leute hielten respektvolle Distanz und tuschelten miteinander, aber Ereignisse wie dieses sind irgendwie immer Routine, sobald man weiß, dass es sich nur um eine alte Lady handelt, die tot in ihrer Badewanne liegt.
»Sam Acquillo, stimmt’s?«, fragte Sullivan und ließ sich in den zweiten Adirondack plumpsen.
»Stimmt.«
»Ich hab Ihre Leute gekannt. Also, ein bisschen. Ihre Mutter jedenfalls. Hab mit einem Kind aus eurer Straße gespielt. Da hab ich Sie von Zeit zu Zeit gesehen.«
Ich nickte.
Als er merkte, dass ich keinen Small Talk machen wollte, klappte er ein kleines Notizbuch auf. War vermutlich erleichtert.
Ich nannte ihm die üblichen Daten, Zeit und Ort, wie wir’s aus dem Fernsehen kennen.
Er schrieb bedächtig mit.
»Naja, niemand lebt ewig, oder?«, sagte er und sah mich an.
»Bisher hat’s noch keiner geschafft.«
Eddie kam herangetrottet, wachsam und leichtfüßig. Die vielen Leute, die rumstanden und die blinkenden Lichter der Polizei- und Krankenwagen hatten einen hohen Unterhaltungswert. Wenn Eddie nicht gerade auf dem Hof seine Kreise zog, lag er meist zufrieden zu meinen Füßen. Aber er ließ sich keine Party entgehen. Sullivan machte ein Geräusch mit den Lippen und lockte ihn. Eddie ging hin und bekam zur Belohnung die Ohren gekrault. Sich bei den Ordnungshütern einschleimen, ha!
»Wissen Sie, ob sie Familie hat?«
»Einen Neffen in Hampton Bays. Hab ihn aber schon Jahre nicht mehr gesehen. Ein merkwürdiger Typ. Mäht Rasen oder so. Als ich damals mit der Renovierung anfing, ist er mit einem klapprigen roten Pickup hier aufgetaucht. Sie mochte ihn nicht.«
»Woher wissen Sie das?«
»Sie hat’s mir gesagt.«
»Der Name?«
»Weiß ich nicht mehr.«
»Macht nichts. Ich finde ihn, wenn er noch hier wohnt. Irgendwen muss ich schließlich informieren.«
Zu sehen, wie Regina in einen Leichensack verpackt aus dem Haus gerollt wurde, brachte mich etwas aus dem Konzept. So hatte meine Mutter enden wollen, in ihrem Haus, aber wir haben ihre Pflege nicht geregelt bekommen. Am Ende war’s ein Fulltimejob. Herz und Lunge waren in bester Verfassung, aber sie zog sich immer wieder aus, irrte durch die Gegend und beschwerte sich lautstark darüber, wie Henry Truman das Land regierte.
Meine Schwester schleppte eine Reihe von Pflegerinnen an, die bei ihr wohnen sollten, aber niemand kann eine demente alte Frau rund um die Uhr im Auge behalten. Meine Schwester hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht vor Ort sein konnte, aber sie hatte einen Mann und zwei völlig verpeilte Kinder in Wisconsin. Der Vorschlag, sie zu sich zu holen, kam nie auf den Tisch, vorgeblich, weil Mutter fest entschlossen war, im Haus an der Peconic Bay zu bleiben. Natürlich hätte sie zu dem Zeitpunkt bereits auf dem dritten Jupitermond leben können, ohne es zu merken.
»Ist es okay, wenn ich jetzt weiterarbeite?«, fragte ich den Cop.
Am liebsten hätte er sich vermutlich über mein mangelndes Engagement ereifert, aber offenbar war ich den Aufwand nicht wert. Also stand er einfach auf und rückte den Gürtel zurecht, der unter dem Gewicht seines Bauches und seiner Waffe verrutscht war.
»Was machen Sie eigentlich die ganze Zeit hier draußen?«, fragte er, eher neugierig als freundlich.
»Hauptsächlich diese Scheißkarre wieder in Schuss bringen«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Vorruhestand muss nett sein. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin.«
»Ich bin kein Rentner«, erwiderte ich, ging zum Grand Prix, legte mich aufs Rollbrett und schob mich darunter, um zu sehen, ob das vordere Kardangelenk wirklich ausgewechselt werden musste oder ob seine angeschlagene, alte mechanische Seele noch ein paar Jahre durchhalten würde.
Im Sommer hier draußen eine Kneipe zu finden, wo man in aller Ruhe trinken kann, ist aus nachvollziehbaren Gründen nicht ganz einfach, aber ab Anfang Oktober sind die meisten guten Läden wieder okay. Meiner gehörte zu einem Arbeitshafen in einer kleinen Bucht außerhalb des belebteren Teils von Sag Harbour. Das Pequot war eine so abgewrackte kleine Bar, dass selbst die Einwohner von Sag Harbour sie meist übersahen. Die Innenverkleidung bestand aus rohen Balken und Holzlatten, die zu einem jedes Licht schluckenden Braun gedunkelt waren. Hier gab es nicht mal eine funktionierende Musikbox oder eine Budweiser-Reklame, aber Würstchen aus der Packung und das ganze Jahr über frischen Fisch, weil die Stammkunden von Beruf Fischer waren.
Als der Tag, an dem ich Regina gefunden hatte, zu Ende ging, fuhr ich mit dem Grand Prix rüber. Herbstliche Blätter wurden von vorbeifahrenden Autos in kleinen Wirbeln über die Straßen getrieben. Der Grand Prix rumpelte über die verschlungenen Straßen des Walfanghafens von Sag Harbour wie ein patrouillierendes Torpedoboot. Ich sah die Blätter hinter mir flattern wie eine Schleppe. Der Herbst ist im Nordosten überall schön, aber hier draußen, bei dem sanften Licht und in der kristallklaren Salzluft, ist er ganz besonders schön.
Im Pequot wurde man selten ungefragt in ein Gespräch verwickelt. Hier konnte man ungestört an einem kleinen Eichentisch sitzen, und eine junge Frau mit sehr blasser Haut und dünnen, angeklatschten schwarzen Haaren bediente einen solange, wie man nüchtern genug war, um seinen Drink verständlich zu bestellen. Man fand fast immer einen Tisch an der Wand, über dem eine kleine Messinglampe mit einem roten Glasschirm hing, der aussah wie plissierter Stoff. Obwohl es in der Kneipe ziemlich dunkel war, konnte man unter diesen Lampen lesen, was ich immer tat. So hatte ich was zu tun, außer meinen Wodka zu heben und abzusetzen und manchmal die anderen Gäste zu betrachten ... oder das wunderbare Ambiente. Man konnte viel lesen, bevor der Wodka die Oberhand bekam.
Ich weiß gar nicht, warum ich immer dorthin ging. Ich denke, es war der tief verwurzelte Impuls, abends ein sauberes Hemd anzuziehen, sich ins Auto zu setzen und irgendwo hin zu fahren. Um woanders zu sein als Zuhause. Zumindest für eine Weile.
»Was zu essen?«, fragte die Kellnerin und hielt die in Plastik eingeschweißte Speisekarte fest, bis ich ihr antwortete.
»Was ist heute das Tagesgericht?«
»Fisch.«
»Aha. Was für ein Fisch?«
»Keine Ahnung. Er ist weiß.«
»Wenn das so ist …«
»Ich könnte nachfragen.«
»Geht schon in Ordnung. Weiß passt zu allem.«
»Dazu gibt’s Kartoffelbrei.«
»Und Wodka. Kein Obst, nur ein Rührstäbchen.«
»Wir haben kein Obst.«
»Gut, dann kann mir nichts passieren.«
»Aber ich kann dir eine Scheibe Limette bringen.«
»Lass nur. Heb die für den Fisch auf.«
»Frittiert oder gebraten?«
»Frittiert.«
»Okay. Frittiert und mit Limette.«
»Genau.«
Ich hatte versucht, Alexandre de Tocqueville zu lesen, und war noch nicht weit gekommen. Der Text war okay, obwohl ich bei übersetzter Prosa immer das Gefühl habe, alle Insiderwitze zu verpassen. Da der Typ aber so oft zitiert wird, dachte ich, es sei die Mühe wert.
»Ich glaube, er hätte sich in die Hose gemacht«, sagte die Kellnerin und stellte den Wodka mit Limette auf meinen Tisch.
»Wer?«
Sie deutete auf mein Buch.
»Wenn er zurückkäme, würde er sich echt in die Hose machen, bei allem, was heutzutage so los ist.«
»Du hast das gelesen?«
»Auf der Columbia. Amerikanistik. Mein Dad fragt, wie du den Fisch haben willst.«
Ich sah hinter ihr den Besitzer des Pequot auf meinen Tisch zusteuern. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich hätte mit einer einfachen Essensbestellung den Anlass für einen Faustkampf gegeben, aber die Art, wie er sich die Hände an der Schürze abwischte, wirkte eher freundlich als streitlustig.
Der Mann hieß Paul Hodges und war früher selbst u.a. Fischer gewesen, war aber nicht der Typ, um sich über das u.a. näher auszulassen. Sein Gesicht passte gut zur Inneneinrichtung der Kneipe. Die Haut war braun und voller Narben und Beulen. Seine Augen standen hervor, als drücke ihn jemand fest um die Mitte. Alte Seebären sehen meist nicht aus wie die Jungs aus der Old Spice Werbung, sondern eher wie Hodges, irgendwie erschöpft und verrückt nach dem Meer. Er hatte sehr muskulöse Arme für einen Mann seines Alters und war, wie sich herausstellte, alt genug um eine Tochter zu haben, die an der Columbia Tocqueville studierte.
»Du hast nach dem Fisch gefragt?«
»Ich war bloß neugierig. Bestimmt ist er gut, egal, wie er heißt.«
»Er ist blau«.
Ich sah das Mädchen an. Es rollte die Augen.
»Ich hab gesagt, er ist weiß.«
»Ja, blau ist eine Art weißer Fisch. Vielleicht ein bisschen grau. Gefangen vor der Nordspitze von Jessup’s Neck.«
»Das klingt gut«, sagte ich und war erleichtert, dass er nicht wegen irgendwas sauer war, weil ich wirklich gern weiter hierherkommen wollte und keinen Nerv hatte, mich mit irgendwem wegen irgendwas in die Haare zu kriegen. Nie wieder.
»Bring ihn her. Den Fisch.«
Er stand immer noch da und wischte sich die Hände an der Schürze ab.
»Du bist der Sohn von Acquillo.«
Ich betrachtete ihn genauer, konnte mich aber nicht erinnern.
»Ja, denke schon.«
»Hab mit ihm gefischt. Du wirst dich nicht erinnern.«
»Das ist lange her.«
»Ja, aber ich habe dich manchmal mit ihm gesehen. Wir waren ja nicht so viele damals. Man wusste, wer wer ist.«
»Das stimmt.«
»Heute kenne ich keinen von diesen Idioten mehr.«
Ich versuchte, ihn mir zu der Zeit vorzustellen, sah aber nur den alten Mann hinter der Bar im Pequot. Außerdem konnte ich mir meinen Vater nicht beim Fischen vorstellen. Obwohl er immer einen Eimer voll Fisch mitbrachte, den meine Mutter ausnahm und zerkochte, wann immer Dad am Wochenende da war. Selbst wenn er nicht da war, aßen wir praktisch nur Fisch; so war das damals bei Leuten mit wenig Geld. Fisch war praktisch umsonst und immer vorhanden. Wenn es mal etwas Besonderes sein sollte, ging man ein Steak essen oder vielleicht ein Schweinekotelett. Etwas von einer Farm und nicht aus der alten Peconic Bay direkt vor der Tür.
Hodges schien es nicht eilig zu haben. Ohne zu fragen, zog er den zweiten Stuhl unter meinem Tisch hervor und setzte sich. Ich bekam plötzlich Hunger.
»Ich hab gehört, was mit ihm passiert ist.«
Ich konzentrierte mich auf meinen Wodka, musste aber antworten.
»Ist lange her«.
»Ich weiß. Dein Vater war ein Kerl mit ziemlich klaren Meinungen.«
»Stimmt, ja.«
»Und er hat nicht hinterm Berg gehalten, mit gar nichts. »
»Du hast ihn offenbar gekannt.«
»Nicht besonders gut. Er ist ein paarmal mit uns rausgefahren. Als Crew für mich und meinen Boss. Hat gute Arbeit gemacht. Wir mussten ihn nur von den Kunden weghalten. »
Er lehnte sich zurück, um seinem Bauch ein bisschen Platz zu geben und stützte die Ellbogen auf die Armlehnen des Stuhles.
»Er ist mir nie blöd gekommen«, sagte Hodges.
»Nee, mir auch nicht.«
Hodges nickte, kaute stumm an einem Gedanken herum.
»Das hätte ich auch nicht zugelassen. Nichts für ungut.«
»Kein Problem.«
»Wie wolltest du den Fisch noch mal?«
»Frittiert.«
Er nickte wieder.
»Ist besser so. Wenn man ihn backt, hat man immer das Theater mit der Petersilie, der Kräutermischung, der besonderen Zitronenbuttersauce. Frittiert heißt einfach eine leicht gewürzte Panade und fertig. Kein Schnickschnack.«
»Nächstes Mal bestelle ich ihn gebacken, versprochen.«
Er registrierte das und ließ mich endlich allein mit meinem Wodka und dem Tocqueville. Ich hatte mich gerade wieder in den Text vertieft, da stand seine Tochter mit einem neuen Drink vor mir.
»Aufs Haus.«
Offenbar gab es kein Zurück mehr, wenn man erstmal ein Gespräch mit der Familie Hodges angefangen hatte.
Der Fisch war ziemlich gut, besonders in der leicht gewürzten Panade. Ich blieb noch eine Stunde und las, abgelenkt durch die übelriechenden Mannschaften, die von den letzten Charterbooten kamen, und einen Trupp Kids, die, wahrscheinlich noch nicht volljährig, sich ins einzige Separee der Kneipe quetschten, einander die Ellenbogen in die Rippen rammten und mit Flüsterstimme über alles und jeden herzogen.
Ich brachte dem Mädchen meinen Deckel und fragte, ob ich ihren Vater noch mal stören könnte.
»Wie lange bist du schon hier«, fragte ich, als er aus Küche kam.
»In Southampton?«
»Ja.«
Er schob die Unterlippe vor und dachte einen Moment darüber nach.
»So ungefähr fünfundvierzig Jahre. Bin aus Brooklyn rübergekommen. Weiß nicht mehr, warum, und auch nicht, warum ich geblieben bin. Der Fisch war essbar?«
»Aber ja.«
»Dann haben wir gute Arbeit geleistet.«
»Es geht um eine alte Lady.«
»Alte Lady wie ›alt‹ oder wie ›Lady‹?«
»Naja, einfach eine alte Frau. Meine Nachbarin. Hab mich gefragt, ob du sie vielleicht kennst.«
Hodges pulte sich etwas aus den Backenzähnen, steckte es wieder in den Mund und spülte es mit einem Schluck Bier aus einem Glas, das unter der Bar versteckt war, hinunter.
»In meinem Alter ist ›alt‹ relativ. Um welche alte Lady geht’s?«
»Regina Broadhurst. Wohnt östlich von mir an der Spitze von Oak Point. Ist so lange hier wie meine Leute. Vielleicht noch länger.«
Hodges lächelte über irgendeinen Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, bevor er antwortete.
»Klar. Die sehe ich oft. Eine von den alten Hexen unten im Club. Hat nie was zu mir gesagt, wenn ich mich recht erinnere. Ich glaube, die macht sich nicht viel aus Männern.«
»In was für einem Club?«
»Im Altenverein, dem Seniorenzentrum hinter der polnischen Kirche.«
Ich war ehrlich überrascht.
Hodges sah mich an, als hätte ich ihn gerade enttäuscht und zählte auf:
»Erstens gibt’s da montags, mittwochs und freitags Frühstück für zwei Dollar. Dann gibt es jeden Mittag für drei Dollar Kartoffelsalat und kalte Platte. Dazu kommt das Abendessen am Sonntag für fünf Dollar. Man isst dort besser als irgendwo sonst, und es kostet praktisch nichts. Wenn’s schlimm kommt, muss man ein paar Gebete aufsagen und dämliche alte Weiber ertragen, die einen behandeln, als wäre man der einzige Sozialfall im Club. Dabei schlingen die dasselbe Essen runter wie man selbst. Praktisch für lau.«
»Verstehe.«
»Nicht ganz. Ich will nix umsonst. Arbeite in der Küche. Einmal die Woche. Bekomme deshalb alles Essen frei. Kann sogar Dotty mitbringen.«
»Dorothy«, sagte das Mädchen, ohne von dem kleinen Stapel Belege aufzuschauen, die sie gerade zusammenrechnete.
»Du wunderst dich, warum ich anderswo esse, statt in meiner eigenen Kneipe?«
Hodges ging in die Defensive.
»Nee, ich kann’s verstehen«, sagte ich.
»Fisch kommt einem irgendwann zu den Ohren raus.«
»Er fährt auf die alten Ladies ab«, warf Dotty ein.
Hodges tat so, als wollte er ihr ein paar hinter die Ohren geben und wanderte durch die Schwingtür zurück in die Küche. Ich bedankte mich und bat seine Tochter, mir die Rechnung fertig zu machen.
»Er tut’s für die Kirche«, sagte sie leise. »Seit Jahren. Er sagt, er hasst Religion, aber er tut was für Leute. Isst eigentlich nie selbst dort.«
»Eine gute Tat ist nichts Schlimmes.«
Sie schien sich mit meiner Rechnung Zeit zu lassen.
»Wieso hast du nach Mrs. Broadhurst gefragt?« fragte sie unvermittelt.
»Sie ist tot. Man hat sie heute aus ihrer Badewanne gefischt. Ich hab sie gefunden.«
»Oh mein Gott.«
»Ich wollte nur wissen, ob dein Dad sie kannte. Er lebt ja lange genug hier. Sie scheint weder Familie noch Freunde zu haben.«
»Es wird ihm leidtun, dass er sie Hexe genannt hat. Du hättest es ihm gleich sagen sollen.«
»Wahrscheinlich schon. Aber mach dir keinen Kopf. Sie war eine Hexe, ehrlich.«
Sie lächelte mich an, fast gegen ihren Willen.
»Das ist ganz schön hart:«
»Ich weiß, man soll nicht schlecht von den Toten reden. Gott mag das nicht.«
»Gott ist das egal. Es geht um die Leute.«
»Entschuldige mich bei denen«, sagte ich und wollte gehen.
Sie hielt mich auf. »Ich kenne Jimmy. Kannte ihn jedenfalls früher mal.«
»Jimmy?«
»Jimmy Maddox. Ihren Neffen.«
»Ehrlich?«
»Mann, war das ein Arschloch. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Auf die Southampton Highschool. Ich rede nicht gern so schlecht über jemand, aber manche Leute sind einfach unausstehlich.«
»Kein Problem. Er ist ja nicht tot.«.
»Wahrscheinlich lebt er noch. Keine Ahnung. Ich hab ihn ewig nicht gesehen. Er macht was mit Bulldozern oder so.«
»Baugewerbe.«
»Große Erdbaumaschinen. ’Ne Menge Scheiße rumschieben, das passt zu ihm.«
»Wohnt in Hampton Bays.«
»Das wusste ich nicht.«
»Hat seine Tante mir erzählt. Die mochte ihn auch nicht.«
»Wie charmant.«
»Sonst gibt’s keine Familie?«
»Nicht, dass ich wüsste. Jimmys Eltern sind gestorben, als er noch auf der Highschool war. Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist, aber er war der erste aus der Klasse, der allein wohnte. Leider war er überhaupt nicht cool, einfach nur ständig zugedröhnt und aggressiv.«
»Klasse Leben.«
»Blödes Leben, wenn du mich fragst.«
»Ja«, sagte ich im Gehen. »Nur ein Arschloch will so leben.«
Nach ein paar Tagen hatte ich die Geschichte mit Regina fast vergessen. Die Fähigkeit zu vergessen hatte ich zur Meisterschaft entwickelt, seit ich in das kleine Haus gezogen war. Außerdem trainierte ich meinen Körper, war zwar weniger gut in Form als früher, aber noch ganz in Ordnung für mein Alter, fand ich. Mit zwanzig hatte ich Boxer werden wollen, und tatsächlich hatten mir ein paar Kämpfe geholfen, meine Abendschule zu bezahlen. Der einzige französisch-italienische Boxer in New York City, so nannte ich mich heimlich. Ich war zu klein und zu leicht, um richtig hart zuzuschlagen, also arbeitete ich an meiner Technik. Das erwarteten die Leute von mir als Weißem. Damals galten Weiße als von Natur aus schlauer als Dunkelhäutige. Deshalb glaubten alle, wenn ich durch den Ring tanzte, beweise das meine Brillanz. Ich wusste von Anfang an, dass das kompletter Blödsinn war, der Einstellung meines alten Herrn zum Trotz. Aber ich war schlau genug um zu wissen, dass sich von einem anderen Boxer zu Brei schlagen lassen eine eher kurzsichtige Strategie war. Besser schnell vor und wieder zurück und in den ersten Runden die Selbstsicherheit des anderen optimal demolieren. Lass den Typ glauben, du wärst ihm tatsächlich gewachsen. So gewinnt man mehr Kämpfe und das Gesicht bleibt einigermaßen heil.
Das Boxen sorgte dafür, dass ich viel in Gyms rumhing. Gute körperliche Verfassung verlangsamte auch den Selbstmord durchs Saufen, aber das war nicht zu ändern.
Tief in den Pinienwäldern oberhalb von Westhampton betrieb ein alter ehemaliger Cop einen Boxclub für Jugendliche und eine Muckibude für ehemalige Militärs, andere Cops und Leute wie mich, die sich eher die Eier abschneiden, als einen typischen Fitnessclub zu betreten. Ich weiß, das ist eine Art umgedrehter Snobismus, aber egal.
Der Kerl hieß Ronny und sein Club hieß Sonny, was dem Ganzen etwas Authentisches gab. Die Wände des Boxclub bestanden aus matt-weißem Schlackenbeton und innen aus blass-grünem. Die Beleuchtung war etwas weniger schmuddelig als in den Clubs in der Stadt. Die Säcke, Ringe und das übrige Equipment waren alt, aber solide, und der Gestank gerade noch auszuhalten. Die meisten Jungs waren Shinnecock-Indianer und Schwarze oder eine Mischung aus beiden, und die »Trainer« waren allesamt Schlitzohren aus der Gegend. Ich ging etwa dreimal pro Woche zum Seilspringen, ein wenig Gymnastik und Boxen, mit wem auch immer. Meist einem der Jungs. Die ernstzunehmenden Gegner musste ich meiden, damit sie mich nicht ständig drängten, auf diese für sie einfache Art ihr Ego zu tätscheln.
Es heißt, man soll sich den härtesten Kerl von Dodge City vorknöpfen, ihm ordentlich und nachdrücklich eins auf die Bombe geben – dann lassen einen die anderen harten Jungs in Ruhe. Funktioniert selten, weil es meist einen Grund gibt, weshalb die härtesten Jungs die Härtesten sind. Aber mein größeres Problem war, dass ich inzwischen 52 Jahre alt war. Also trug ich stattdessen eine lass-den-verrückten-Alten-in Ruhe Miene spazieren, um so Zweifel bei jedem zu säen, der seine Dominanz beweisen wollte. Bisher hat das ganz gut funktioniert.
Ich war im Sonny’s und bearbeitete den Sandsack. Der Cop, Joe Sullivan, war auch da und stemmte Gewichte. Er ignorierte mich eine Zeitlang, schließlich kam er rüber und baute sich neben dem Sandsack auf. Ich drosch weiter auf den Sack ein, wie ich es seit fünfunddreißig Jahren tue.
»Noch ein paar tote alte Ladys gefunden?«, fragte er, als er merkte, dass ich nicht reagierte.
Ich bearbeitete weiter den Sandsack.
»Hey, war nur ein blöder Witz«, sagte er nach einer Minute.
Ich bremste den Sack mit beiden Fäusten aus.
»Naja, ich hab schon blödere gehört.«
Sullivan verlagerte sein Gewicht vom rechten auf den linken Fuß.
»Ich hab keinen Neffen auftreiben können. Sind Sie sicher, dass Sie nicht wissen, wie der Knabe heißt? Ich meine, sie ist noch nicht unter der Erde und wir müssen was unternehmen mit dem Haus. Testament gab’s keins.«
»Kein Testament?«
»Keiner hat eins gefunden. Hat allerdings auch keiner groß danach gesucht, sollte ich wohl dazu sagen. Normalerweise regeln die Verwandten alles. Eigentlich sollte ich mich da raushalten, aber ich habe keinen Bock, die ganze Sache dem Gericht in Riverdale zu übergeben. Die bezahlen dann McNally dafür, dass er alles regelt, und ich kann dieses blöde Arschloch von Anwalt nicht leiden. Eigentlich ist es wurscht; ich weiß bloß genau, was passiert, wenn das Gericht übernimmt. Warum mache ich mir überhaupt Gedanken darüber?«
An der Ostküste von Long Island verkaufen die Leute von der Kommunalverwaltung lieber ihre Seele, als mit anderen New Yorker Institutionen zusammenzuarbeiten. Es war oft genug davon die Rede, sich von Suffolk County loszusagen. Der Geist der Unabhängigkeit ist hier sehr lebendig.
Ich drosch erneut auf den Sack ein, versuchte, meinen Rhythmus wieder zu finden.
»Jimmy Maddox«, sagte ich, als er sich zum Gehen wandte.
»Hä?«
»Jimmy Maddox, so heißt ihr Neffe. Fährt große Baumaschinen. Keine Ahnung, wo. Vermutlich ist er noch in der Gegend.«
»Ich glaube, ich erinnere mich an den. Wusste nicht, dass er ihr Neffe ist.«
»Hab ihn ein paarmal bei ihr rumhängen sehen. Ist vielleicht ihr einziger noch lebender Verwandter.«
»Jetzt, wo ich einen Namen habe, werde ich den Typ finden. Das Haus an der Bucht ist ganz schön was wert.«
»Ist aber ziemlich runtergekommen.«
»Egal. Die reißen es ab und bauen einen großen postmodernen Kasten hin. Jimmy kann das Abreißen gleich selbst übernehmen. Das Land an der Bucht ist das, was zählt, sonst nichts. Die kleinen schäbigen Schuhkartons, die draufstehen, interessieren keine Sau. Nix für ungut.«
Ich hörte auf, den Sack zu bearbeiten und hielt ihn mit meinen behandschuhten Fäusten fest.
»Ich kann mich drum kümmern, wenn Sie immer noch wollen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Können Sie dafür sorgen, dass die mich zum Testamentsvollstrecker machen?«
»Wenn es kein Testament gibt, können Sie kein Testamentsvollstrecker sein, höchstens Nachlassverwalter.«
»Okay, können Sie die dazu kriegen, dass sie mich zum Nachlassverwalter machen?«
»Ja, ich denke schon. Wie gesagt, keiner schlägt sich gern mit nicht testamentarisch geregeltem Quatsch rum. Schon gar nicht, wenn es um jemand Armen geht.«
»Regina war nicht arm.«
»Sorry, Sie wissen, was ich meine. Keine Familie oder so.«
»Nun zu dem Jungen. Wenn Sie das mit dem Nachlassverwalter hinbekommen, rede ich mit ihm. Wenn er übernehmen will, bin ich raus. Aber wahrscheinlich weiß er gar nicht, wo er anfangen soll.«
»Sie meinen es ernst, oder?«
»Ich bin daran gewöhnt, mich um die Sachen von Regina zu kümmern. Das hab ich von meinem alten Herrn geerbt. Besorgen Sie mir die Papiere, die ich brauche. Ich will nicht zu viel Arbeit reinstecken.«
Sullivan stand wortlos da, bis ihm klarwurde, dass er sein Ziel erreicht hatte. Das machte ihn etwas dreist.
»Klasse, das ist echt cool. Ich rede mit der Stadtverwaltung. Die wissen, wie man mit dem Nachlassgericht umgehen muss und besorgen Ihnen die richtigen Papiere. Wenn Sie sich darum kümmern, prima. Ich hab echt nicht die Zeit dafür. Wunderbar. Das hilft mir weiter.«
Er stand noch eine Weile rum, als würde er eigentlich gern noch mehr loswerden, wenn ich ihn ließe. Irgendwann verschwand er und ich steigerte meine Schlagzahl, schlug zu, bis mir die Handgelenke wehtaten. Was macht mich so nervös, wenn ich mit an anderen Menschen zu tun habe? Was beunruhigt mich so an denen? Ich werde sterben, ohne gelernt zu haben, wie man ein normales Gespräch führt. Ohne all die Anspielungen, die über den Augenblick hinausgehen.
Ein paar Tage später war ich im Ort für meinen wöchentlichen Gang zur Bank. Das persönlich zu erledigen ist eigentlich nicht mehr nötig, seit es Geldautomaten und PCs gibt. Aber ich hatte keinen PC, benutzte meine Geldkarte ganz selten und hatte immer noch die altmodische Angewohnheit, lieber alles mit einem dem Anschein nach menschlichen Wesen zu klären. Vielleicht tat ich das, weil es den Banken anders lieber gewesen wäre, obwohl es genügend Schalterbeamte für alle gab. Die meisten waren – gutes Training – mürrisch und unnahbar. Das war mir nur recht.
Die Innenausstattung der Bank war in Chrom und dem üblichen aufmunternden Korallenrot gehalten. Die Schalter befanden sich an einer Wand hinter Mahagonipalisaden und waren nur durch einen Spießrutenlauf vorbei an Messingpfosten und lila Samtkordel erreichbar. An der anderen Wand standen Schreibtische, was freundlicher wirken sollte, aber das Gegenteil bewirkte. Hier saß Amanda Battiston und kümmerte sich ohne Unterbrechung, aber mit Anmut um ihre Geschäfte. Sie war eine sogenannte Kundenberaterin, jemand, mit dem man reden kann, wenn man ein dickes Konto besaß und für die Bank einträgliche Geschäfte tätigte. Das war bei mir nicht der Fall, aber ich zog es vor, trotzdem mit einem Kundenberater zu reden.
Ihr Mann war der Filialleiter. Er saß im einzigen abgeteilten Büro, das man von der Schalterhalle aus sehen konnte. Dort empfing er örtliche Geschäftsleute oder Kunden aus New York City und anderen exotischen Orten. Er war jünger als ich, stammte aber aus der Gegend, und ich erinnere mich an ihn und seine Familie. Als ich mein Konto eröffnete, versuchte er, mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber mir war seine Frau lieber. Mir gefiel weder der Schwimmring, der die untere Hälfte seines Hemdes ausfüllte, noch der schlaffe Griff seiner fleischigen Hand. Außerdem schien es ihr egal zu sein, dass ich nicht besonders viel Geld besaß, obwohl ihr Mann fand, ich sei reich. Sonst hätte er mich gar nicht angeschaut.
Amanda war knapp vierzig und gut organisiert. Sie wirkte frisch gekämmt, trug offensichtlich keine Dauerwelle, und ihr Haar schien immer kurz vorm Aufruhr zu sein. Der Olivton ihrer Haut machte eigentlich jedes Make-up überflüssig, aber sie benutzte trotzdem welches. Sie hatte grüne Augen, die durch ein Übermaß an Farbe und Kontrast geradezu hypnotisch wirkten. Ich sah sie meist an ihrem Schreibtisch sitzen, aber wenn sie sich bewegte, wirkte das schnell und jung und ließ mich an Tennisshorts denken. Obwohl ich die beiden selten miteinander reden sah, schien die Ehe mit Roy sie einzurahmen wie eine Glasvitrine.
»Mr. Acquillo, die Gebührenfreiheit Ihres Kontos ist in höchster Gefahr«, sagte sie, ohne vom Bildschirm aufzublicken.
»Ich wusste gar nicht, dass es da so was wie Gebührenfreiheit gibt, die ich in Gefahr bringen könnte.«
»Oh doch, Sir.« Sie tippte auf der Tastatur herum, hatte offenbar, als sie mich den Parkplatz überqueren sah, mein Konto aufgerufen. »Eine Mindestsumme auf Ihrem CashPlus-Konto sichert Ihnen Gebührenfreiheit.«
»Das heißt, die Bank löst alle meine Schecks ein?«
»Nur die Schecks, für 10 Cent pro Stück. Nicht schlecht, eigentlich.« Sie schaute zu mir hoch und wartete darauf, dass ich ihre Entscheidung abnickte, wie ich das immer tat.
»Ich hab hier einen Scheck, damit wäre die Mindestsumme wieder auf dem Konto.«
»Sie bekommen bestimmt supergute Konditionen für Ihr Investmentkonto, aber bedenken Sie bitte, dass wir das auch anbieten.«
Sie tippte die Informationen ein, während ich einen Scheck über die kläglichen Reste eines Geldmarktkontos aus den Zeiten meiner Ehe ausschrieb.
Meine Exfrau hat immer wieder versucht, meine Finanzen zu regeln. Sie war gekränkt, weil ich das nicht wollte. Sie empfand es als Beleidigung ihrer Intelligenz. Dabei hatte ich einfach die Angst des armen Jungen, alles zu verlieren, sowie es nicht mehr in meiner Reichweite war. Lang nach dem großen Bruch in unserer Beziehung habe ich diese Angst verloren. Heute würde ich Abby nur zu gern alles regeln lassen, was sie will – sie war in den meisten dieser Dinge besser als ich, auch wenn sie nie die Chance bekam, ihr Können zu zeigen. Aber das gehört zu der traurigen Ironie meines Lebens.
Roy kam aus seinem Büro und tat, als sähe er mich nicht. So musste er sich nicht noch mal eine Abfuhr von mir holen. Amanda warf ihm einen neutralen Blick zu, als er vorbeiging. Sie murmelte was von Einkäufen zum Abendessen, als löse sein Anblick Schuldgefühle bei ihr aus. Roy wirkte wie ein Mensch, dem solche Nebensächlichkeiten wichtig waren.
»Bitteschön, wie besprochen«, sagte Amanda und drehte den Bildschirm so, dass ich sehen konnte, was dort stand. »Die Buchung wird einen Tag brauchen, dann ist alles so lange in Ordnung, wie Ihr Konto im Plus ist.«
»Ich werde aufpassen.«
Sie drehte den Monitor wieder zu sich und beendete die Transaktion. Ich erinnerte mich vage, dass auch sie von hier stammte, quasi eine Einheimische.
»Haben Sie Regina Broadhurst gekannt?« fragte ich unvermittelt und war ebenso verblüfft wie sie.
Sie sah mich ausdruckslos an, nickte aber. »Ja, in der Tat. Sie ist gerade gestorben.«
»Ich weiß, ich habe sie gefunden.«
Ihre Schultern sanken voll Mitgefühl. »Das tut mir leid.«
»Ist schon okay. Ich soll mit ihrem Neffen reden, offenbar ihr einziger Verwandter. Wissen Sie, ob es sonst noch jemand gibt?«
»Ich weiß sehr wenig über sie. Die Leute im Altenclub haben mir erzählt, dass sie tot ist. Sie war eine Freundin meiner Mutter. Also, die beiden kannten sich. Ich weiß nicht, ob man sie Freundinnen nennen kann. Die beiden waren vor Jahren Kolleginnen.«
»Regina war eine harte Nuss.«
»Sie war nicht sehr nett. Regeln Sie ihren Nachlass?«
»Das hatte ich eigentlich nicht vor. Ich bin bloß der nächste Nachbar, habe jetzt die Sache irgendwie am Hals. Ich dachte, Sie kennen vielleicht den Neffen, Jimmy Maddox. Schließlich haben Sie ja immer hier gewohnt.«
»Nicht die ganze Zeit, ich war lange weg. Sie ja auch.« Sie wirkte plötzlich verlegen, wie ertappt mit geheimem Wissen über mein Privatleben.
»Meine Mutter dagegen«, sagte sie schnell, um den Moment zu überspielen, »hätte bestimmt mehr gewusst. Aber leider lebt sie ja auch nicht mehr. Die beiden waren zusammen im Altenclub.«
»Das tut mir leid. Wie hieß sie denn?«
»Es ist erst ein Jahr her. Julia. Julia Anselmo.«
»Italiana. Va bene.«
»Battistion klingt nicht so schön, stimmt’s?«, sagte sie und war verlegen, weil sie jetzt ein eigenes kleines Geheimnis verraten hatte.
»Nee, das ist wahr.«
Sie sah sich um, als fiele ihr plötzlich die Intimität des Gesprächs auf. Sie straffte den Rücken und tippte auf der Computertastatur herum, als wollte sie Spuren verwischen.
Ich stand auf.
»Wenn Sie mehr über Regina erfahren wollen«, sagte sie, ohne hochzuschauen, »sollten Sie mal im Altenclub vorbeigehen. Der Treffpunkt hat Tradition bei den Leuten aus der Gegend. Die wissen bestimmt viel mehr.«
»Das mache ich. Und danke für die Info. Grüße an Roy.«
Sie lächelte ein kleines schiefes Lächeln, nickte und wirkte etwas verwirrt. Ich wollte sie nicht irritieren, schien es aber trotzdem zu tun.
Also lächelte ich ebenfalls, sanft, wie ich hoffte. Sie sollte keine Angst vor mir haben oder bedauern, dass wir uns unterhalten hatten. Sie starrte umso intensiver auf den Bildschirm.
Das steil herabfallende Herbstlicht ließ die Reste der Sommerfarben verblassen. Aber die Luft war klar, und das Licht beschien die Main Street, ließ die etwas ramponierten Mercedes und Rolls Royce jener Reichen, die das ganze Jahr über hier lebten, ebenso strahlen wie die Lieferwagen und verbeulten Pickups, die das Dorf nach Saisonende zurückeroberten. Ich kaufte mir einen Kaffee und ein Croissant in dem Café an der Ecke, bevor ich wieder in Richtung North Sea fuhr – und vermied jeden Blickkontakt mit den Geschäftsleuten, denen es peinlicher war als mir, in einem Ort der Sommergäste gesehen zu werden.
Im Briefkasten lagen ein Bündel Totenscheine und ein Schreiben, das mich als Nachlassverwalter des Vermögens von Regina Broadhurst benannte, gemäß einer Anhörung vorm Vormundschaftsgericht, die der Town Attorney, Mel Goodfellow, mit Kuli unterkringelt und dazu vermerkt hatte, das sei nur eine Formalität und ich bräuchte nicht zu erscheinen. Ich war verblüfft und ein wenig beeindruckt von Sullivans promptem Handeln. Er wollte die Sache offensichtlich wirklich schnell vom Hals haben.
Als ich die Tür aufmachte, um Eddie raus zu lassen, klingelte das Telefon. Ich klemmte mir den Hörer zwischen Schulter und Ohr, und schüttete mit beiden Händen Eiswürfel in den Behälter. Es war Amanda Battiston.
»Tut mir leid, wenn ich eben kurz angebunden war«
»Sie waren nicht kurz angebunden.«
»Roy regt sich immer furchtbar auf, wenn ich über meine Mutter rede.«
»Wir haben über Regina Broadhurst gesprochen.«
»Ich hab gesagt, sie wären Freundinnen gewesen, aber meine Mutter mochte sie eigentlich nicht. Sie nannte sie ›die Frau‹«
»Regina war so, ich weiß.«
»Ich weiß.«
»Tut mir leid, wenn Sie meinetwegen Probleme mit Roy haben:«
»Er weiß nicht, dass Sie kein Groku sind«.
»Groku?«
»Großkunde. Mindestens siebenstellig.«
»Auf keinen Fall Groku.«
»Er mag es nicht, wenn Leute von hier Erfolg haben. Aber er mag ihr Geld.«
»Von dieser Sorge könnte ich ihn befreien.«
»Nee, das ist schon in Ordnung. Ich wollte nur nicht, dass Sie denken, ich wäre unhöflich.«
»Vielleicht können wir irgendwann einen Kaffee trinken und über Ihre Mutter und Regina reden. Wenn Sie sich keine Sorgen machen müssen wegen Roy.«
»Das geht nicht.«
»Verstehe. Wenn Ihnen noch irgendwas einfällt, rufen Sie mich an, ja? Sie haben ja offensichtlich meine Nummer.«
»Die steht in Ihren Unterlagen. Hoffentlich stört Sie das nicht.«
Zu den wenigen Dingen, die ich an meiner Exfrau Abby geschätzt habe, gehörte, dass sie sich nie für irgendwas entschuldigt hat. Sie lag oft falsch, hat aber selten gezweifelt. Es scheint eine Angewohnheit vieler Frauen zu sein, dass sie einen dazu bringen, etwas als in Ordnung zu bezeichnen, wenn es tatsächlich in Ordnung ist.
»Überlegen Sie sich, wann Sie Zeit für den Kaffee haben, dann können Sie’s wieder gut machen.«
»Das ist nur fair, denke ich.«
»Okay, rufen Sie mich an, wenn Sie können.«
»Okay.«
Eddie bellte hinter der Seitentür und wollte rein. Ich kraulte ihm die Ohren und gab ihm einen Hundekuchen, die große Freude seines Hundelebens. Er wartete, während ich den Eiswürfelbehälter, ein Glas, eine Flasche Wodka und eine Packung Zigaretten einsammelte und wir beide auf der Veranda unserer jeweiligen Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnten. Die Little Peconic war ruhig, eine graue mineralische Masse mit Glitzerpunkten. Die Küste gegenüber ein graugrüner Hügel, umgeben von riesigen, sandigen Klippen, teilweise verborgen im aufsteigenden Dunst. Die Hortensien am Rand der Wiese hatten sich dem Braun ergeben und würden so bleiben, bis die Frühlingsknospen sie überwucherten. Ich mixte meinen ersten Drink des Tages und lauschte dem lauten Klagen der Seevögel, die gegen den kommenden Winter kämpften und noch nicht aufgeben wollten. Nicht nur die Jahreszeit bereitete sich auf die Veränderung vor. Aber im Gegensatz zu dem Leben um mich herum wartete ich schweigend, frei von Erwartungen, zögerte nur das Unvermeidliche heraus.
Das erste Mal mit Abby gevögelt habe ich auf einem muffigen Billardtisch im obersten Stock eines halb leeren Verbindungshauses am Charles River. Zu der Zeit waren Studentenverbindungen unpopulär, und die wenigen Mitglieder hatten sich in den unteren Stockwerken eingerichtet und den großen Dachboden dem Staub, den Ratten und mir überlassen.
Ich studierte mit einem Regierungsstipendium an der MIT. Abby war auf der Boston University. Sie bewohnte ein Apartment nebenan. Zu der Zeit war Sex so ziemlich das Einzige, was uns verband, obwohl wir selten Zeit hatten, das zu bemerken. Das kam später.
Wir waren vollauf damit beschäftigt während meiner Karriere am College, die im selben Jahr vorbei war, in dem sie angefangen hatte. Meinen Abschluss nachzumachen kostete mich 10 Jahre auf der Abendschule. Ich lernte gern. Ich hatte bloß Probleme mit Autoritäten. Und mit Geld.
Aber in dieser ersten Nacht wollte ich eine Million Jahre leben. Nackt und verschwitzt, ziemlich betrunken und bebend vor Geilheit, standen wir, in die Billardtischabdeckung gewickelt, und sahen den Lichtern von Cambridge zu, die auf dem Fluss tanzten.
An den Wänden des Dachbodens stapelten sich Bücher. Abgewetzte und teils rissige rote Ledersessel standen herum, und den Boden bedeckte ein riesengroßer, löcheriger Orientteppich. Ich fühlte mich wie ein Barbar zwischen den Marmorsäulen des untergegangen Roms, der gerade eine seiner Prinzessinnen vögelt.
Sie hieß Abigail Adams Albright, was perfekt die grenzenlose Arroganz ihrer Familie widerspiegelte. Ich glaube, sie hätte eine wunderbare Frau sein können, wenn sie sich selbst eine Chance gegeben hätte. Wenn sie nicht ein paar Jahre zu früh in eine Familie hineingeboren worden wäre, die schon seit hundert Jahren auf dem absteigenden Ast war. Ich gestehe mit Scham, dass der Snobismus ihrer Familie mich beeindruckte, die Art, wie man sich gemütlich räkelte und eine gesellschaftliche Stellung genoss, die angeblich gottgegeben war. Zum Teil habe ich Abby geheiratet, weil ich dachte, dass man Haltung und Gestalt einer alten Familie übernehmen kann, indem man sich ihr aussetzt wie dem Sonnenlicht.
Abby war ein hübsches Mädchen, als ich sie kennenlernte, eine große Blonde mit einem ziemlich großen Kopf. Körper und Haut widerstanden den Herausforderungen des Älterwerdens bemerkenswert gut, ihr Gesicht jedoch erstarrte zu einer Art Maske, die ich ihr nur zu gern heruntergerissen hätte.
Nachdem ich das Studium geschmissen hatte, lebte ich noch zwei Jahre auf diesem Dachboden. Abby machte ihren Abschluss. In welchem Fach habe ich ehrlich gesagt vergessen. Vielleicht habe ich es auch nie gewusst. Ich nahm jeden Job an, den ich mir irgendwie als Industriedesign schönreden konnte, denn das wollte ich sein: ein Industriedesigner. Ich wusste nicht genau, was das war, aber es schien zu mir zu passen. Dass ich das irgendwann geschafft habe, hat etwas zu bedeuten, aber ich habe keine Ahnung, was genau.
Darüber denke ich oft nach, wenn ich auf der Veranda sitze und auf die Peconic schaue, wenn die Bucht anfängt düster auszusehen und die Bojen zu den unerbittlichen Türmen des MIT werden.
Bevor ich schlafenging, weckte ich Sullivan. Es war später als gedacht. Er war nicht begeistert, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimme knurren. Gedämpft, aber wütend. Er redete lauter, um sie zu übertönen.
»Nein, Regina Broadhurst ist nicht obduziert worden. Alte Damen kratzen eben ab. Das ist völlig normal. Sie werden alt, sie kratzen ab. Basta. Ich denke, im Obduktionsbericht würde so was stehen wie: Eine alte Frau, toter als tot. Ende der Durchsage.«
Ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte.
»Haben Sie irgendwas an ihrem Kopf entdeckt, als Sie sie aus der Wanne gezogen haben? Eine Beule oder Blut, wo sie aufgeschlagen ist?«
»Ich habe sie nicht rausgezogen. Das hat der Gerichtsmediziner gemacht. Den müssen Sie fragen. Oder die Rettungssanitäter. Ich glaube, der Gerichtsmediziner war gar nicht da.«
»Erinnern Sie sich an Blutergüsse oder Verletzungen?«
»Herrje, glauben Sie, ich untersuche eine Woche alte Leichen? Der Gedanke allein reicht mir schon. Igitt. Tut mir leid. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen, aber jetzt muss ich schlafen. Und Sie sollten sich auch hinlegen.«
»Entschuldigung, ich wusste nicht, wie spät es ist.«
»Schon okay.«
»Noch eine Frage.«
Er seufzte.
»Wo ist die Leiche?«
»Gut gekühlt in der Gerichtsmedizin. Das ist so üblich, bis ein Verwandter uns sagt, was wir mit ihr anfangen sollen. Oder bis irgendeine gesetzlich vorgeschriebene Frist abgelaufen ist. Keine Ahnung, was dann passiert.«
»Die Familie könnte eine Autopsie verlangen.«
»Wenn die Familie sich meldet, kriegt sie die Leiche. Von da ab entscheidet sie allein. So ist das üblich. Wenn Sie mehr wissen wollen, muss ich mich mal umhören.«
»Nein, tut mir leid. Schlafen Sie weiter. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie was über Jimmie Maddox rausgekriegt haben.«
Am anderen Ende war es sehr still.
»Ich hab da was. Ich weiß, wo er arbeitet. Ein Bauarbeiter hat’s mir gesagt. Ich hatte es vergessen.«
Klasse.
»Der Zettel liegt auf meinem Schreibtisch. Ich rufe Sie morgen an. Jetzt muss ich Schluss machen, sonst bringt mich meine Frau um.«
Nachdem er eingehängt hatte, legte ich das tragbare Telefon auf den Tisch und zündete mir eine Zigarette an. Inzwischen war es tiefe Nacht. Die Insekten surrten, und kleine Wellen plätscherten auf den Strand. Bei Regina war es stockdunkel. Und ruhig. Kein Stöhnen.
Eddie sprang aufs Bett, drehte sich ein halbes Dutzendmal im Kreis, und verwurschtelte die Bettdecke, bevor er sich schließlich niederließ. Er sah mich an, als wollte er sagen: ›Okay, Alter, Zeit zu schlafen‹. Ich befahl ihm liegen zu bleiben, aber er trottete hinter mir her, als ich die Veranda verließ.
Ich ging zum Auto, holte die schwere MagLite und meinem Werkzeugkasten aus dem Kofferraum, dann kramte ich einen Vorschlaghammer und ein Brecheisen aus dem Kofferraum und befestigte beides an meinem Gürtel. Einen großen, alten Schraubendreher und eine Rohrzange steckte ich in meine hintere Hosentasche. Es war ruhig wie in einer Kirche. Man hörte nur die kleinen Wellen auf den elfenbeinfarbenen Kieselsteinen in der Bucht plätschern. Kein Wind.
Jemand hatte Reginas Haustür mit einem Vorhängeschloss gesichert. Es sah nicht besonders stabil aus. Ich schob das Brecheisen zwischen den Bügel des Schlosses und die Tür und haute kurz mit dem Hammer darauf. Beinahe. Noch ein Hieb und das Schloss fiel runter. Ich hockte mich auf die Schwelle und sah zu den anderen Häusern rüber. Alles blieb dunkel. Man schlief den Schlaf der Gerechten oder war gleichgültig. Oder vorsichtig. Sowas lernt man in New York.
Ich hatte einen Schlüssel für die Haustür. Eddie tappte lautlos den Weg hoch und schob sich an mir vorbei ins Haus. Der Strom war abgeschaltet, wie erwartet. Alles war weitgehend unverändert, allerdings hatte jemand das Wohnzimmer aufgeräumt, und die Teller, die sich im Waschbecken gestapelt hatten, waren abgewaschen. Die Besenkammer wirkte unberührt. Nur ein verschossener Baumwollkittel hing innen an der Tür, und im Regal stapelten sich ein paar Badelaken. Eddie untersuchte die Fußbodenleisten, beschnüffelte alle Ritzen und Ecken. Ich befahl ihm, nicht zu bellen.
Ich schaute in die Speisekammer, durchsuchte die Schubladen des großen Schranks. Dort hatte Regina ihr Scheckbuch aufbewahrt, das wusste ich von den wenigen Malen, wo sie für irgendwas bezahlt hat, das ich für sie besorgt/erledigt hatte. Die Papiere in den Schubladen waren ordentlich gestapelt. Das überraschte mich. Meiner Erinnerung nach war Regina eher schlampig.
Das Haus roch immer noch nach Tod.
Ich fand die Kellertür und ging runter zum Sicherungskasten. Eddie befahl ich, oben zu warten. Es roch moderig-süßlich und ziemlich ekelhaft. Die Taschenlampe erzeugte einen kleinen Lichtpunkt und malte große schwarze Schatten an die Wände. Etwas huschte über den Betonboden. Eddie winselte, hielt aber oben die Stellung. Der Hauptschalter war aus, ich legte ihn wieder um, und das Licht überm Sicherungskasten sprang an. Das war zu viel für Eddie. Er brach mit allen Regeln und stürmte die Treppe hinunter.
»Ab mit dir. Hier gibt’s zu viel Viehzeug.«
Widerwillig folgte mir Eddie nach oben. Im nunmehr hell erleuchteten Raum sah ich, wie sorgfältig geputzt und aufgeräumt alles war. Ich ging zurück zum Schrank, um ihn näher zu untersuchen. Zeitungsausschnitte, alte Prospekte, handschriftliche Notizen mit unleserlichen Unterschriften. Ein Stapel Wasser- und Stromrechnungen, mit Gummiband zusammen gehalten. Zwei Kartons, einer mit eingelösten und einer mit noch unbenutzten Schecks. Harbour Trust. Kein Scheckbuch. Ich schob die eingelösten Schecks und die Rechnungsbelege in meine Tasche.
Im Bad überdeckte Ammoniakgeruch fast den Gestank. Ich schaute in die Badewanne. Sie war geradezu blitzsauber. Ich zog Eddies Nase vom Klo weg. Die Badehandtücher waren gewaschen und über der Handtuchstange drapiert wie in einem besseren Hotel. Das Medizinschränkchen war leer. Ich schaute mich nach einem anderen Ort um, wo Regina Medikamente aufbewahrt haben könnte. Nichts als Handtücher und Kleenex-Schachteln.
Ich wollte ins Nachbarzimmer gehen, ließ ein letztes Mal das Licht der Taschenlampe über dunkle Ecken wandern. Da lag auf einem schmalen Brett über der fleckenlosen Wanne etwas, das mir bisher nicht aufgefallen war.
Es war ein schwerer schwarzer Neoprenstopfen. Er war kegelförmig wie ein normaler Stöpsel, hatte aber zusätzlich ein Gewinde. Außerdem hatte er den üblichen Ring oben, aber keine Kette. Kein Wunder, da es nirgendwo in der Wanne eine Befestigungsmöglichkeit für das andere Ende der Kette gab.
Etwas an diesem Neoprenstopfen erinnerte mich an Fabriken, schwere Maschinen und Männer mit gelben Helmen.
Meine Welt.
