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Für den Bankangestellten Charlie Colquitt ist es nur ein weiterer Samstag. Für Hobe Hicklin, einen Ex-Häftling, der nichts zu verlieren hat, ist es nur ein weiteres Ziel. Für Hobes drogensüchtige, sexbesessene Freundin ist es Lust, Gewalt und Drogen. Aber in dieser packenden Erzählung ist nichts so, wie es scheint. Hicklins erster Fehler, den er macht, ist, seine Partner in der Aryan Brotherhood zu betrügen und damit ihre Rache herauszufordern. Sein zweiter Fehler ist, eine Geisel zu nehmen. Aber er und Charlie können sich nur so lange in den Bergen im Norden Georgias verstecken, bis die Sünden von Hicklins Vergangenheit sie einholen.
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Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2022
DARK PLACES
Peter Farris
Aus dem Amerikanischen von Sven Koch
Herausgegeben von Jürgen Ruckh
Polar Verlag
Originaltitel: Last Call for the Living
Copyright: © 2012 by Peter Farris
Die Kapitelmottos sind Songtexte aus dem Album:
The Failed Convict von Cable
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2022
Aus dem Amerikanischen von Sven Koch
Mit einem Nachwort von Jon Bassoff übersetzt von Sven Koch
© 2022 Polar Verlag e.K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Vitaly Krivosheev/Adobe stock
Autorenfoto: © Heather Photographers
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, 8800 Viborg, DK
Printed in Denmark 2022
ISBN: 978-3-948392-52-9
eISBN: 978-3-948392-53-6
Für Dad,
der mir die Regeln beigebracht hat …
und wie man sie bricht
Und Mom,
für den unerschütterlichen Glauben
DANKSAGUNG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
»Familie, gemeinsamer Albtraum«
Bessere Freunde und eine bessere Familie kann man sich nicht wünschen: Nick Muller, Randy & Tanja Larsen, Jeff & Kim Hughes Caxide, William & Autumn Hamilton, Bernie Romanowski, Chris Fischkelta, Christopher Nelson, Phil Abbott, Christian McKenna & Kathlene Hoisington, John Refano, Matt Canada, Monte Dutton, Kerry Fitzmaurice, Wayne & Diane Donaldson, Maude & Agnew Wright, Billy Wayne & Marfa Donaldson, Tim & Sandy Windham, Aunt (»Titi«) Norma, Aunt (»Titi«) Lydia, Uncle George, Cousin Andrew und Cousine Laura.
Ich danke allen bei Tor/Forge, insbesondere Tom Doherty, Eric Raab und Katharine Critchlow.
Ein riesengroßes Danke an David J. Schow. Mentor, Weiser, Superkumpel und Co-Connaisseur von allem, was klick und bumm macht.
Ganz besonderer Dank gebührt den Männern und Frauen des Cobb County Police Department. Allen voran Sergeant Ray Lang, einem der ersten Leser und Förderer von Letzter Aufruf, dazu unverzichtbare Informationsquelle und lieber Freund.
Ich danke meiner Agentin Susan Gleason und meinem Lektor Robert Gleason für ihre Hilfe, Freundschaft und rückhaltlose Unterstützung über die Jahre. Ohne ihren Einsatz gäbe es dieses Buch nicht.
Und Heather. Immer.
I’m just a failed convict. I got nothin’ to lose.
Um 6 Uhr 45 war die Sonne über dem Jubilation County bereits aufgegangen. Sie schien wie ein trunkenes Auge über den zehnspurigen Highway zu glotzen, der sich flussgleich in Nord-Süd-Richtung durch den beweglichen Wall aus Amberbäumen, Kiefern, Eichen und Ahornen fräste. Es war Samstag. Kaum Verkehr bis auf einen einsamen State Trooper und einen Lieferwagen. Und Sattelzüge donnerten dahin. Erdbeben auf Rädern unterwegs nach Süden, auf Georgias Teil des Piedmont zu. Über flache Hügel und durch kleine Täler, an den Ausfahrten Diner, Tankstellen und Straßen, die sich in von Kudzu überwucherten Feldern und Kiefernhainen verloren.
Eine Stunde von der großen Stadt entfernt wurde der Highway flach und gerade. Hier gab es eine Universität, um deren Campus herum ein Ort entstanden war. Es gab einen Flughafen, links und rechts der Hauptstraße hatten sich Autohändler, Läden und Restaurants angesiedelt, dazwischen standen Apartmenthäuser und Wohnanlagen.
Auf der Bundesstraße herrschte Tag und Nacht Verkehr. Projektentwickler nannten das eine »Lage mit attraktivem Wachstumspotenzial«. Und über allem wachte ein Berg, an dem der Konföderiertengeneral Joseph E. Johnston in einer der blutigsten Schlachten des Bürgerkriegs Shermans Marsch an die Atlantikküste zeitweise aufzuhalten vermochte.
Hicklin zündete sich eine Zigarette an. Auf einer gewundenen Allee, neben der die Häuser wie falsch abgestellte Särge aus der Erde wuchsen, fuhr er nach Süden. Vorbei an einer Markthalle, die inzwischen verfallen war. An einer Seite des Gebäudes war eine verrostete Wasserpumpe, dahinter ein versiegter Brunnen. Auf dem Grundstück verteilt standen ungepflegte Pfirsichbäume. Als Hicklin parkte, entdeckte er in einem der Bäume ein kürbisgroßes Hornissennest. Die Bewohner brummten nach der monatelangen Winterruhe vor Aktivität.
Er stellte den Motor ab und wartete. Das Gras hinter dem Parkplatz war hüfthoch. Wenn er sich recht erinnerte, gab es hier einen Bach, der bis in den Nationalpark floss. Er wusste noch, dass er früher in einem Tümpel gespielt hatte, wo man auf Wassermokassinottern aufpassen musste. Gefährlicher waren aber die Zwergklapperschlangen. Sie klapperten nicht wie große Klapperschlangen, sondern surrten eher wie Insekten, und vor allem bissen sie immer mehr als einmal zu.
Hicklin drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und zündete sich die nächste an. Eine schwere Hitze legte sich auf alles. Es war einer jener schwülen Sommervormittage, an denen man schon früh die Kleider wechseln wollte. Im Jubilation County geboren und aufgewachsen, war er es gewohnt, dass er im Mai zu schwitzen begann und erst Mitte Oktober damit aufhörte. Aber warum leiden? Hicklin ließ den Motor wieder an und schaltete die Klimaanlage ein. Zum Glück hatte der Wagen eine, die funktionierte. In seinem Pick-up gab es keine.
Er sah auf die Uhr. Vor einer Stunde war die Sonne aufgegangen.
Bei Normalos drehte sich alles um die vierzigstündige Arbeitswoche und die zwei Wochen Ferien, die vierteljährlichen und jährlichen Mitarbeitergespräche. Für die verging die Zeit wie im Flug. Nicht für Hicklin. Er spürte jedes Weiterrücken des Minutenzeigers. Seine Zeit flog nicht, sie wurde von einem Gletscher vorwärtsgeschoben. Er beruhigte seine Nerven, indem er die Zigarette in tiefen Zügen in sich saugte und den Rauch durch die Nase ausstieß. Dennoch sah er manchmal immer noch Gitter, wenn er auf die Windschutzscheibe blickte.
Das passierte mit einem, wenn man jahrelang in einer Zelle gelebt hatte.
Vor ein paar Wochen, kurz nach der Entlassung, war er zu einer Agentur gegangen, die Haftentlassenen angeblich bei der Arbeitssuche half. Sie hatten ein Programm, mit dem man für den Arbeitsmarkt fit gemacht wurde. Einen Job als Lagerarbeiter oben in Jasper. Eine Hilfsarbeiterstelle bei einer Holzspedition oder in einer Geflügelzucht, als Packer von Schlachtfleisch. Zwölfstundenschichten. Sieben Dollar die Stunde. Aus dem Mund der Agenturfrau hörte sich das nach einem ordentlichen Lohn an, so als hätte er eine Wahl. Sie sprach von der schlechten Wirtschaftslage, wie schwer es für Straftäter war, einen Job zu finden. Wie ihnen ständig Steine in den Weg gelegt wurden. Sie sprach von der Rückfallquote und der Wichtigkeit eines Schulabschlusses und anderem, was Hicklin alles verstand. Aber nach zwölf Jahren Haft im Bundesgefängnis in Jesup, im Hays State Prison und im Georgia State Prison bei Reidsville wusste er ziemlich genau, wie seine Zukunft aussah.
Er schnippte die Zigarette aus dem Fenster. Streifte die schwarzen Schießhandschuhe über. Sah wieder auf die Uhr. Unter dem Armband war ein Kleeblatt-Tattoo. Auf einem Blatt stand der Buchstabe A. Auf einem zweiten B. Gestochen mit einer Tätowiermaschine, die aus einer Gitarrenseite, einem Füller und dem Motor eines Haarföhns zusammengebastelt worden war. Ein Nazi-Lowrider aus Pensacola hatte es gehackt. Wie alle seine Tätowierungen. Sie hatten zwei Jahre in einer Zelle verbracht. Hicklin hatte dem Typen aus Pensacola Fusel besorgt und einmal sogar einen Mord für ihn eingefädelt. Den man ihm nicht anhängen konnte. Aber das Letzte, was Hicklin von seinem Zellengenossen gehört hatte, war, dass er einen seiner eigenen Leute verpfiffen hatte und jetzt in irgendeinem Drecksnest im Westen hauste.
Das Backpiece war das Leichteste gewesen. Am meisten hatte das Hacken an Hals und Brust wehgetan. Inzwischen waren die Tattoos jahrealt. Es kam ihm fast so vor, als wären sie in einen anderen Körper gestochen worden. Gemälde, die auf einem Dachboden lagerten.
Hicklin sah wieder auf die Uhr. Dann fuhr er weiter.
Der erste von drei Weckern piepste in der Nähe von Charlie Colquitts Kopf. Sie waren so eingestellt, dass sie im Minutentakt losgingen. Um 7 Uhr 30 setzte ein digitaler Piepschor ein.
Seine Mom nannte ihn Koma.
Charlie streckte die Hand nach dem ersten Wecker aus. Um 7 Uhr 34 war es wieder still im Zimmer. Mit größter Mühe, als zerrten die Klauen eines Traums an seinen Lidern, öffnete er die Augen. Jetzt wieder einschlafen wär kein Problem, dachte er. Im Schlafzimmer war es angenehm kühl. Dann klingelte das Telefon. Beim dritten Läuten war er aus dem Bett und tapste durch die kleine Wohnung. In dem Gebäude lebten vor allem Studierende, die wie er und die meisten anderen an dieser Universität außerhalb des Campus wohnten. Morgenmufflig wie stets ging er dran.
»Schon gut, Momma, bin wach.«
Charlie hörte ihr eine Weile zu.
»Okay, Momma, ich kauf ein, bevor ich komme.«
Er legte auf. Die Kaffeemaschine piepste zweimal und begann automatisch mit dem Kaffeekochen. Einen Augenblick stand er vor der blubbernden Maschine, rieb sich den Schlaf aus den Augen und kratzte sich geistesabwesend. Manchmal gehorchte sein Verstand nicht richtig. Dann musste er länger auf etwas starren, um seiner Sinne wieder Herr zu werden.
Charlie duschte und zog sich für die Arbeit an – Baumwollhose, Hemd und Krawatte, die langweilige Kluft des kleinen Angestellten. Seine Kleidung kaufte er überwiegend im Walmart, ohne sich groß um Marken oder passende Farben zu scheren. Seine Halbschuhe waren abgetreten und staubig. Egal. Die Bankkunden sahen seine Füße sowieso nicht.
Charlie kippte Cornflakes in eine Schale und frühstückte im Stillen.
In der Tüte auf dem Couchtisch waren ein neuer Raketengleiter mit Treibsatz und ein Miniaturbausatz für einen Tomahawk-Marschflugkörper mit Rettungsfallschirm. Charlie ging jeden Donnerstag in den Spielzeugladen. Kaufte aber nicht bei jedem Besuch etwas. Oft spazierte er nur durch die Gänge und bewunderte die Modellbau-Präzisionsmesser, Klebstoffe und Bausätze in den bunten Pappschachteln. Genau wie ein hoffnungsvoller Jungschriftsteller durch den örtlichen Buchladen stöberte und wünschte, sein Name wäre auch schon im Regal. Nach ein paar individuellen Umbauten wollte Charlie seine jüngsten Einkäufe im Park am Fuß des Bergs ausprobieren. Vielleicht nach der Arbeit. Vielleicht nach dem Besuch bei Momma.
Studium. Arbeit. Momma. Sein Leben in Kurzfassung.
Er hatte einen Fernseher, schaute aber kaum fern, weil ihm die Shows und Filme, auf die seine Mitstudenten ständig anspielten, nichts bedeuteten. Nie kapierte Charlie ihre Witze, und er war der Letzte, an den sich jemand mit der Frage Hast du gestern das und das gesehen? wandte, um ein Gespräch zu beginnen. Lachen war für ihn die Reaktion auf das Lachen anderer, keine Frage des Verstehens eines Witzes. Charlies Lachen – wenn ihm überhaupt mal eines entfuhr – klang seltsam hohl, ein peinliches Geräusch, idiotisch laut wie von einem Maultier, das zu Tode gekitzelt wird.
Andererseits war Charlie ein toller Gesprächspartner, wenn es um Themen wie Massepunktnäherung, Rotationsgeschwindigkeit oder Schwingungsfrequenz ging.
Mithilfe des Internets und indem er den Small Talk seiner Bankkunden aufschnappte, hielt sich Charlie einigermaßen auf dem Laufendem. Ab und zu überflog er auch Zeitungsschlagzeilen an stummen Verkäufern. Oder er las in der Arztpraxis den Nachrichtenticker auf dem in einer Ecke montierten Fernseher. Doch meist schenkte Charlie der Außenwelt und ihren schwankenden Aufmerksamkeitskonjunkturen und Aufregungsspitzen nur einen kurzen Blick, ehe er sich wieder seinen lieb gewonnenen Obsessionen widmete. Modellraketen, Weltraumfahrten und einem inneren Monolog, den wahrscheinlich nur er selbst verstand.
Er füllte Kaffee in einen Thermobecher. Gab einen Esslöffel Kaffeeweißer und zwei Teelöffel Süßstoff dazu, jeweils präzise abgemessen.
Beiläufig dachte er an den Rest des Wochenendes. Er hatte wenig, was man als Sozialleben bezeichnen konnte, die Monatstreffen des örtlichen Modellraketenclubs ausgenommen, dessen übrige Mitglieder ähnlich zurückgezogen lebten wie er. Mit einem Dozenten an der Universität war er befreundet, aber der Mann näherte sich den siebzig, und ihr Austausch beschränkte sich üblicherweise auf angeregte Gespräche auf dem Parkplatz. Am liebsten hätte er das Abendessen mit seiner Mutter sausen lassen, um an seinem neuen Tomahawk-Bausatz herumzubasteln, für seine Statistikprüfung zu lernen und zu einem kurzen Teststart in den Park zu gehen. Na, und danach könnte er ja endlich mal das schmutzige Geschirr spülen, das sich im Laufe der Woche angesammelt hatte, und sich auch des Schmutzwäschebergs in der Ecke annehmen.
Charlie nahm die Autoschlüssel. Vorm Gehen warf er noch einen Blick auf sein Handy auf dem Küchentresen. Es blinkte, um ihn auf das gute Dutzend Anrufe und Nachrichten seiner Mutter hinzuweisen, die er in den letzten paar Tagen verpasst hatte.
Außer seiner Mutter rief sowieso niemand an.
Charlie ließ das Handy liegen.
Er fuhr auf der Interstate in nördlicher Richtung. Das Radio lief so leise, dass fast nichts zu verstehen war. Im Gegensatz zu seiner Wohnung hielt Charlie sein Auto peinlich sauber. Vom Rückspiegel baumelte ein Lufterfrischer in Form einer Saturn-V-Rakete. Den hatte Momma gekauft. Bei einem Besuch im Kennedy Space Center noch zu Kinderzeiten.
Wenn er sich anstrengte, konnte sich Charlie an den Geruch erinnern.
Um 8 Uhr 10 überquerte er die Grenze zum Jubilation County. Die Hügel links und rechts der Straße waren bewaldet. Statt durch zersiedeltes Land fuhr er jetzt durch unendliche, nur von einzelnen Landstraßen durchzogene Kiefernwälder, hier und da von einer Raststätte, einer Fabrikhalle, einem Autohof oder einem Parkplatz punktiert.
Er verließ die Interstate und bog nach rechts auf die Route 20. Eine gute Meile weiter kam er durch die Gemeinde Strumkin, im Osten des Jubilation County. Es gab einen Drugstore und einen Supermarkt, dazu Siedlungen mit unfertigen Häusern. Dann wurde aus den zwei Fahrspuren eine. Die kleinen Landhäuser und ungenutzten Schuppen verschwanden, es kamen Farmen und Weiden. Er fuhr an dem Abzweig zu Mommas altem Haus vorbei, aus dem sie ausgezogen war, als sie die Anstellung im Krankenhaus bekam und stadtnäher leben wollte. Aber das war schon lange her.
Charlie erinnerte sich kaum an den Jubilation County – nur an die Pferdebremsen, die Sommergewitter, den schrecklichen Gestank der Papierfabrik und das Kartenspielen mit Auntie Marfa, wenn Momma in der Abendschule war. Und jetzt den Weg zu seiner Arbeit in der Bank, der North Georgia Savings & Loan.
Er hatte schon öfter überlegt, den Job aufzugeben und sich eine Arbeit in größerer Nähe zu seiner Wohnung zu suchen. Sein Stipendium reichte zwar für die Studiengebühren, aber da waren außerdem die Ausgaben für Bücher, Auto und Versicherung, die Miete. Von seinem heiß geliebten Hobby ganz zu schweigen. Raketenbausätze, Teile und Zubehör, Werkzeug. Das ging alles ins Geld. Außerdem war es schwer, überhaupt Arbeit zu finden. Charlie wusste, dass es schlauer war, den Job zu behalten und dafür die lange Anfahrt in Kauf zu nehmen.
Er fuhr an dem Barbecue-Lokal und einer Motorradwerkstatt vorbei. Dann kam ein leeres Shoppingcenter, dessen Läden zum größten Teil letztes Jahr in Konkurs gegangen waren. Dort bog Charlie rechts ab, und nach einer Kurve erreichte er die Einfahrt zur Bank. Das Gebäude, ein einstöckiger roter Backsteinbau mit einem von blühenden Azaleen gesäumten Gehweg, machte nicht viel her. Auf dem Dach ein Fahnenmast, an dem schlaff die Staatsflagge Georgias und die Stars and Stripes baumelten und auf ein bisschen Wind warteten.
Langsam fuhr er über die einspurige Zufahrt zum Drive-in-Schalter auf der Südseite des Gebäudes, um festzustellen, ob im Schalterraum schon Licht brannte. Tat es. Ein gutes Zeichen. Er umrundete das Gebäude und begutachtete die Doppeltür aus Glas am Bankeingang und die Mauernische mit dem Geldautomaten. Auf dem Gelände hatte es früher auch eine Tankstelle und ein Fast-Food-Restaurant gegeben. Aber wie viele andere Geschäfte in der Gegend hatten beide vor sechs Monaten dichtgemacht und keine Nachfolger gefunden.
Charlie sah keine anderen Autos, was ihn beunruhigte. Er hasste es, der Erste zu sein. Die Bank aufsperren zu müssen. Doch als er sich dem Mitarbeiterparkplatz näherte, entdeckte er das Auto der stellvertretenden Filialleiterin neben der Mülltonne.
Niesha Livingston war nicht in ihrem Auto. Charlie nahm an, dass seine Chefin schon drinnen war und die Videobänder der Überwachungskameras wechselte, um dann das Entwarnungszeichen in das Fenster der Personaltür zu heften. In diesem Monat war es ein rosa Blatt Papier.
Die Personaltür mit dem kleinen mittigen Fenster befand sich am Ende der Westmauer. Charlie parkte sein Auto hinter der Mülltonne und drehte sich zum Fenster um.
Dann wartete er.
Das Land wurde flach. Hicklin sah nur noch das hohe Gras, das bis an das Gelände einer Baumschule heranreichte, und dahinter die Kronen von Tulpenbäumen und Hickorys. Nach und nach kamen mehr Häuser. Er fuhr langsamer. Im Hinterhof einer Motorradwerkstatt meinte er eine Frau in einer Hängematte zu sehen. Ein Jagdhund schlief, Fliegen tanzten um seinen Wassernapf.
Hicklin überquerte eine Kreuzung. Links von ihm war ein leeres Shoppingcenter. Nicht mal der Schnapsladen hatte überlebt. Die Zeiten waren wirklich hart. Nach der ersten Kurve ging er vom Gas und drehte sich um. Der Geldtransporter war gerade erst bei der North Georgia Savings & Loan eingetroffen. Ein dicker bärtiger Wachmann lud Kartons auf eine Sackkarre, während sein Partner hinter dem Lenkrad blieb.
Hicklin fuhr an der Bank vorbei.
Dann bog er in die Einfahrt eines leer stehenden Hauses. In dem verwilderten Garten standen vor Rost orangerot leuchtende landwirtschaftliche Geräte herum. Hicklin zündete sich eine Zigarette an. Drehte die Klimaanlage höher. Einmal hatte er drei Tage lang in einer Transporterzelle gesessen, in einem so heißen und muffigen Käfig, dass er bis heute den Gestank warmer Pisse in der Nase hatte. Als hätte sie sich in sein Gedächtnis geätzt.
Aber manchmal hatten sie einfach nicht gewusst, wohin sie ihn stecken sollten.
Hicklin drehte sich zur Rückbank um. Der Deckel des Aquariums war heruntergefallen, aber Wasser war keines herausgeschwappt. Neben dem Aquarium lag eine Mossberg Pumpgun Kaliber 12 mit sechs Patronen Magazinkapazität. Das Gewehr hatte einen Kunststoffschaft, Ringvisier und Hitzeschutzblech sowie eine Lauflänge von knapp 50 Zentimetern. Hicklin hatte über den Schaft zusätzlich einen Patronenhalter gezogen, in dem fünf Schrotpatronen steckten.
Er griff in die Reisetasche auf der Rückbank und zog eine Sig Sauer P220 heraus, eine .45er Halbautomatik mit Trijicon-Nachtsichtaufsatz. Vier Magazine mit acht Schuss, dazu zehn Ladestreifen. Hohlspitzgeschosse, die aus kurzer Distanz einen Arm zur Flosse machen konnten. Hicklin ließ ein Magazin einrasten und lud durch. Mit dem Daumen schob er den Entspannhebel von Single Action auf Double Action.
Er legte die Pistole neben das Steckholster und die aus einem Rupfensack gebastelte Maske auf den Beifahrersitz.
Charlie stellte den Motor ab, als Niesha im Fenster auftauchte und von innen ein rosa Blatt Papier an die Scheibe klebte. Dann öffnete sie die Tür und trat ins Freie, womit sie einen der letzten der von der Bank vorgeschriebenen Schritte der Öffnungsprozedur vollzog.
Lustlos trottete Charlie los. Nur drei Stunden, sagte er sich. Die vergehen wie nichts. Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Lief nach rechts, ging durch den Schalterraum und hinter die Schalterreihe.
Niesha lief mit einem Aktenordner in der Hand vor ihm her. Sie drehte sich kurz um, aber wie üblich sagte sie nichts, bis sie erledigt hatte, womit sie momentan beschäftigt war. Aus einem Vorratsschrank nahm sie einen Packen Einzahlungsbelege, eine Papierrolle und eine Handvoll verschiedenfarbiger Banderolen für Banknoten. Sie trug alles zurück an ihren Platz und nahm sich das Protokollbuch für den Tresorraum vor.
Bankalltag. Geld und der dazugehörige Papierkram. Alles musste quittiert, mit Initialen versehen, gebucht, vermerkt, gezählt, gebündelt, abgewogen und mit Banderolen versehen werden.
An seinem Computer angekommen, stierte Charlie auf den toten Bildschirm, als hätte ihm das Ding eine Unverschämtheit an den Kopf geknallt. Mit leerem Blick sah er zu Niesha, die von ihrem prallen Aktenordner aufsah und ihm ein breites Lächeln schenkte.
»Na, guten Morgen, Koma!« Sie bemerkte ihren Lapsus sofort und korrigierte sich: »Verzeihung, Charlie Colquitt.«
Er lächelte.
»Guten Morgen, Sunshine – Pardon – Niesha Livingston.«
Es war eines von vielen netten Ritualen in der Filiale. Ein Mittel gegen den Wahnsinn, wenn man den ganzen Tag lang mit Kunden zu tun hatte. Damit man sich nicht hinterher in der Rushhour von einer Brücke stürzte.
Charlie stellte seinen Thermobecher zwischen das MICR-Lesegerät und den Drucker an seinem Schalter. Lief zurück zu dem deckenhohen Diebold-Safe. Niesha folgte ihm.
»Du zuerst, mein Guter.«
Die massive Karbonstahltür des Tresorraums hatte zwei Zahlenkombinationsschlösser. Charlie stellte die Zahlen des ihm zugewiesenen Schlosses ein. Niesha tat dasselbe bei ihrem. Kein Kassierer durfte die Kombinationen für beide Schlösser kennen.
Die Tür zum Tresorraum öffnete sich mit einem Klonk, und Niesha zog die schwere Tür auf. Für einen Augenblick sah sie Charlie an. Sein Rücken war krumm, alles an ihm schien schlaff herunterzuhängen, Schultern, Wangen, sogar die blonden Haare, die dringend geschnitten werden mussten. Überall, wo er hinkam, verbreitete er Schlaffheit. Sie hatte sich mehr oder weniger daran gewöhnt.
Im Tresorraum gab es acht Kassenschließfächer, ein großes Schließfach für Banknoten und versiegelte Pappschachteln mit Münzrollen. Verschiedene Hefter und Protokollbücher steckten in dem verbliebenen Platz. In einem weiteren Schließfach befanden sich Bankformulare und Vordrucke, Kassenschecks, Zahlungsanweisungen, Reiseschecks und Geschenkkarten in schicken goldenen Umschlägen.
Charlie stellte die Zahlenkombination für sein Schließfach ein und nahm seine Geldkassette und den Münzsortierer heraus. Während er alles zu seinem Kassenschalter trug, balancierte er die Kassette auf seiner Rechten wie ein Ober, der ein abgelehntes Essen in die Küche zurückbringt. Dann fingerte er durch seinen Schlüsselring, bis er den Schlüssel für die Kassette fand. Er ließ den Deckel aufschnappen, nahm den Münzeinsatz und schob ihn in die obere Kassenschublade. Den Münzsortierer stellte er neben das Schiebetablett für die Belege, dann bootete er den Computer. Als er zu Boden blickte, sah er dort eine Centmünze liegen.
»Bist du so nett und prüfst den Nachttresor, Charlie?«, sagte Niesha.
Er nickte geistesabwesend, ohne Nieshas langen Blick zu bemerken. Zum Glück war der Nachttresor nicht sehr voll. Nur die Apotheke in Strumkin hatte eine Geldbombe eingeworfen.
Niesha erinnerte sich noch gut an den Tag, als Charlie eingestellt worden war und sie Was ist denn mit dem los? gedacht hatte. Er war groß und hatte blasse und schlechte Haut. Die hängenden Schultern ließen ihn schüchtern wirken. Sein längliches Gesicht hatte einen rätselhaft leeren Ausdruck. Im ersten Moment hielt sie ihn für leicht zurückgeblieben. Aber die Personalleiterin hatte wohl gespürt, dass Charlie durchaus in der Lage war, sich um das Geld fremder Leute zu kümmern.
Irgendwie tat er Niesha leid. Noch nie hat er von Freunden gesprochen, von einer Freundin ganz zu schweigen. Immer nur Momma und das Mittagessen am Samstag. Er studierte Maschinenbau und belegte auch Ferienkurse, damit er möglichst bald das Diplom machen konnte. Danach wollte er zu Lockheed, weil er sich für Raketen begeisterte. Niesha wusste, dass er schlau war, ein Überflieger. Und er konnte auch gut mit Kunden, obwohl diejenigen, die zum ersten Mal von Charlie bedient wurden, von seinem Verhalten vor den Kopf gestoßen sein konnten. Manchmal wirkte er seltsam abgehoben, so als wäre er mit dem Kopf ganz woanders. Doch immer wenn jemandem fast der Kragen platzte, fing sich Charlie und erledigte die gewünschte Aufgabe, oder er lachte sein komisches Lachen und sagte etwas unerwartet Freundliches oder Nachdenkliches, als wäre nichts gewesen. Für Niesha war das ein wiederkehrender Anlass, sich zu erinnern, dass manche Menschen vielleicht etwas sonderbar waren, aber nicht hoffnungslos.
Sein Schicksal war, allein zu bleiben und von so gut wie niemandem beachtet zu werden.
Für gewöhnlich brachte Niesha samstags Donuts und Kaffee mit, und so auch heute. Sie bot Charlie einen mit Kokosglasur an, indem sie mit der rechten Hand darauf deutete – auch um den Verlobungsring vorzuführen, den ihr Langzeitfreund Da’Sean ihr verehrt hatte. Charlie lehnte mit einem Kopfschütteln ab und nahm stattdessen einen mit Schokostreuseln aus der To-go-Schachtel. Auch den find ich bestimmt bald angeknabbert im Müll wieder, dachte sie.
Während Charlie dachte: Gott sei Dank hat Da’Sean sie endlich gefragt.
Niesha nahm sich einen Donut und ging damit und mit ihrem Kaffeebecher die Schalterreihe entlang. Sie loggte sich in das System ein und entsperrte die Kassenschublade und den Minitresor auf dem halbhohen Podest neben ihrem Schalter. Warf einen Blick auf die Barvorräte. Sie hatten insgesamt ungefähr fünfzigtausend Dollar da.
Noch fünfzehn Minuten bis zum Öffnen. Der Finanzberater und die Filialleiterin hatten Urlaub. Eine Urlaubsvertretung, die am Schalter aushelfen sollte, hatte sich krankgemeldet. An diesem Samstag mit den verkürzten Öffnungszeiten von neun bis zwölf waren Niesha und Charlie allein.
»Musst du Bargeld bestellen?«, fragte sie mit vollem Mund, dann spülte sie den Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunter.
Charlie ließ seine Kassenschublade herausfahren und überschlug die vorhandene Summe.
»Bei mir sollte es reichen«, antwortete er. »Vielleicht bräuchte ich noch ein paar Rollen Vierteldollarmünzen. Aber samstags ist ja nie viel los.«
»Heute ist nicht alle Samstage, Charlie«, sagte sie mit einer gewissen Genugtuung, ihrem Lieblingskassierer eins auszuwischen. »Gestern kam keine Lieferung. Du hättest mich hören sollen. Ich hab der Dame im Verteilzentrum am Telefon ziemlich was gegeigt. Dass die uns an einem Zahltag einfach vergessen! Sei froh, dass du dir für deine Prüfung freigenommen hattest. Ich dachte schon, wir schaffen’s nicht, als die Leute von H & P Construction kamen und ihre Schecks einlösen wollten. Von denen dürften heute noch mehr antanzen. Deswegen hab ich auch die großen Scheine bestellt … Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!«
Charlie seufzte. Die Vorstellung eines Schalterraums voller Leute, die Schecks einlösen wollten, ließ seine Laune auf den Nullpunkt sinken. Zahltage waren die Hölle. Die meisten hatten nicht mal ein Konto bei der North Georgia Savings & Loan. Kaum einer sprach Englisch. Er sah Niesha an und versuchte, ihr mit seiner Miene zu zeigen, dass er sie verstanden hatte und ihr beipflichtete. Aber manchmal, das wusste er, ließ sein Gesichtsausdruck andere denken, dass er mit dem Kopf ganz woanders war. Als ob er am zwischenmenschlichen Austausch nur rudimentär teilnahm. Niesha übersah seine Zerstreutheit, vielleicht war sie auch daran gewöhnt. Ich red mit mir selber. Wie immer.
Sie konnte nur die Stille nicht ertragen.
Ihr Radiogerät war auch kaputt.
»Da kommen sie endlich. Wie üblich zu spät«, sagte Niesha mit einem Nicken nach draußen, wo ein Geldtransporter vor dem Eingang hielt.
Der Wachmann hatte die Lieferung in fünf Minuten erledigt. Charlie half Niesha beim ersten schnellen Überblick. Beide setzten ihr Kürzel ins Protokollbuch und bestätigten den Empfang. Niesha musste noch jedes Geldscheinbündel einzeln prüfen, und das würde dauern. Aber in fünf Minuten mussten sie öffnen. Was bedeutete, dass sie ein paar Abkürzungen nehmen mussten, Regeln umgehen und – wie Charlies Lieblingsphrase aus dem Bereich des mittleren Managements lautete – aus weniger mehr machen.
»Kümmerst du dich um die Kunden, solang ich die Lieferung checke?«, fragte sie.
Charlie zuckte die Achseln. Ihm blieb sowieso nichts anderes übrig. Daher lohnte es nicht, sich darüber zu beklagen. Er erinnerte sich erneut daran, dass es nur drei Stunden waren. Drei Stunden, dann konnte er zurück zu seinen Modellen.
Er setzte sich auf seinen ergonomischen Hocker. Das Licht im Schalterraum ließ alles künstlich aussehen, das Mobiliar glich den Requisiten in einem Filmstudio. Der Geldautomat in der Nische stieß eine Abfolge von Piepsern aus. Auf dem Parkplatz hinter den schusssicheren Glasscheiben war nichts zu sehen, weder Auto noch Mensch. Für Charlie begann ein neuer Arbeitstag.
I’m runnin’ out of river, I’ve seen what the water’s done to everyone and everything.
I watched Jesus pass me by.
Out here where the river can carve me, too.
He said, »Never surrender, never surrender.
Polish your guns. Polish your guns.«
Hicklin fuhr auf einen verwaisten Parkplatz, der früher zu einem Fast-Food-Restaurant gehört hatte. Den Toyota Camry hatte er gestern Abend vor einem Multiplexkino geklaut. Kurz amüsierte ihn der Gedanke, dass sich drinnen womöglich jemand über eine dämliche Komödie kaputtlachte, während draußen seine Karre verschwand.
Jeder, wie er’s verdiente.
Für Hicklin war jeder eine potenzielle Beute. Selbst seine Partner.
Er beobachtete die Bank. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die Kreuzung und auf die Eingangstür. Er wartete, bis der Geldtransporter auf der Route 20 verschwunden war. Um diese Zeit schlummerte auf dem Land noch alles selig. Weder ein Auto noch ein Fußgänger zu sehen. Hicklin zog sich den Rupfensack über den Kopf. Die Sicht durch die grob ausgeschnittenen Gucklöcher war gut, ein einfacher krummer Schlitz diente als Mundloch und legte ein Stück Unterlippe frei. Die kugelsichere Kevlarweste zeichnete sich deutlich unter dem schwarzen Langarmshirt ab. Er trug schwarze Handschuhe, eine Cargohose und Stahlkappenstiefel.
Über den rissigen Gehweg fuhr er zum Personaleingang der Bank. Noch dürften keine Kunden drin sein.
Hicklin ließ den Motor laufen und nahm die Mossberg von der Rückbank.
Er ging zum Kofferraum und öffnete ihn. Ein Klappkarren lag darin. Gemächlich hob er ihn heraus.
Er hatte es nicht eilig.
Charlie zählte die Hunderterbündel zu je zweitausend Dollar per Hand. Benjamin Franklins Gesicht sah dabei nach unten, weil die Scheine so griffiger waren. Danach musste er die Banderole über die Bündel streifen und sie in die zweite Kassenschublade stecken und absperren. Für die Kassen galt ein Bargeldlimit, und seines war beinah erreicht. Er sah auf, als die gläserne Eingangstür eingeschlagen wurde.
Niesha war gerade fertig geworden, die Übertragungs- und Prüfformulare für ungefähr einhundertfünfzigtausend Dollar in Münzen und Scheinen auszufüllen. Die Hälfte des Bargelds steckte noch in der Plastikverpackung des Verteilzentrums. Die Tür zum Tresorraum stand offen. Ihren Kaffeebecher hatte sie hinter Charlies Schalter stehen gelassen. Sie wollte danach greifen, als sie es ebenfalls hörte.
Das Einzige, was sie in dieser Sekunde des Begreifens noch denken konnte: Ich bin unterbezahlt.
Hicklin schob die Klappkarre in den Schalterraum. Die Bank war wie erwartet leer. Er richtete das Gewehr auf den weißen Knilch hinter einem Schalter. So langsam, als wollte er im Seminar eine Frage stellen, erhob sich Charlie vom Hocker. Hicklin schwenkte den Lauf zu einer rundlichen Schwarzen in einem Blumenkleid und mit hübscher Frisur. Eine ihrer Hände wanderte unter den Tresen.
»Heb deine Scheißhände, Niggerschlampe!«
Nieshas Hand kroch weiter.
Er kniff das linke Auge zu und drückte ab.
Bei dem Knall zuckte Charlie zusammen. Sein Blick verschwamm, seine Beine schienen ihn kaum mehr zu tragen. Er streckte dem Maskengesicht die Handflächen entgegen, als wollte er einen Autofahrer an einem Zebrastreifen stoppen. Er hörte Nieshas Körper auf den Boden poltern. Ein Stück ihres Schädels war gegen das Fenster des Drive-in-Schalters hinter ihnen gespritzt. Charlie hob die Hände über den Kopf. Sein panischer Blick suchte nach einem Ausweg, aber der Maskenmann stürzte auf ihn zu, den rauchenden Gewehrlauf auf Charlie gerichtet.
Mit einem kräftigen Schlenker seiner linken Hand hob Hicklin den Klappkarren über die Theke. Dabei streifte er Charlies Unterarme und ließ ihn zurückwanken. Hicklin trat zwei Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen, und sprang mit einem Satz auf die Theke, ohne die Waffe von Charlie zu wenden. Oben drehte er sich um und ließ den Blick kurz durch den Schalterraum und durch die Glastüren hinaus auf den Parkplatz schweifen. Nichts. Die Tür zum Tresorraum stand offen. Auf dem Boden die tote Frau. Ich glaub nicht, dass sie den Knopf erwischt hat. Aber sie wollte. Allerdings konnte jetzt sowieso jeden Moment jemand kommen. Davon musste man ausgehen. Hicklin schätzte, dass er seit gut einer Minute im Gebäude war. Er musste schnell machen.
Noch zwei Minuten. Keine Sekunde mehr.
Charlie merkte, dass er sich in die Hose pisste. Auf so was hatte ihn das Trainingsvideo beim Einführungsseminar nicht vorbereitet.
Geben Sie den Bankräubern alles, was sie verlangen, dann ist alles schnell vorbei …
Spielen Sie nicht den Helden.
Die Polizei ist schon unterwegs.
Aber Niesha war tot, und er konnte an nichts anderes denken, als dass er seinen Minitresor und die Kassenschublade nicht verschlossen hatte, dass kein stummer Alarm irgendeine ferne Leitstelle informierte und Ob ich das als Ausrede benutzen kann, damit ich nicht zu Momma zum Mittagessen muss?, während er in die riesige Mündung starrte, das Gewehr roch, Hicklin reden sah und trotzdem kein Wort verstand.
Hicklin drückte den Lauf gegen Charlies Stirn.
»Mach den verdammten Safe auf, hab ich gesagt!«
Charlie spürte die brennend heiße Mündung knapp unter dem Haaransatz. Er ging auf alle viere, packte mit zitternder Hand den Griff und öffnete den Minitresor.
»Auch die Scheißschublade!«
Charlie zog die Schublade auf. Warf einen Blick auf den Alarmknopf unter der Theke. Er war nah, leicht zu erreichen. Mit einer schnellen Bewegung könnte er ihn drücken, lange genug, um den Alarm auszulösen. Aber dann? War es das wert? Was hatte Niesha gedacht? Er sah die weiße Maske an, die dunklen Augenschlitze und wartete auf weitere Befehle. In den Augen des Mannes brannte Eile. Gewalt. Wille.
Hicklin griff in die Schublade und packte die Bündel mit Hundertern, Fünfzigern und Zwanzigern. Das Kleingeld ließ er liegen. Er vermutete die Farbladung im Bündel der Zehner, war aber nicht sicher. Schnell stieß er Charlie beiseite und räumte den Minitresor komplett leer.
Die Geldscheinbündel stopfte Hicklin in eine schwarze Reisetasche, die er über die Schulter geschlungen hatte. Dann schulterte er auch die Mossberg, klappte den Karren auf und lud die Kartons mit dem in Plastik verpackten Geld darauf. Es dauerte keine Minute, aber ihm kam es wie ein halber Tag vor. Er nahm das Gewehr wieder in die Hand und zwang den Jungen, für ihn den Klappkarren aus der Bank zu schieben.
»Los! Los! Los!«
Mühsam schob Charlie den Karren über den abgetretenen Teppich und die Fußmatte. Aus dem Augenwinkel sah er Niesha auf der Seite liegen. Überall Blut. Er unterdrückte einen Würgereiz. Am Personaleingang zog er die Karre rückwärts hinaus und weiter zu einem mit laufendem Motor wartenden Auto. Wie betäubt begann er, die Geldtüten in den Kofferraum zu laden. Hicklin hielt ständig das Gewehr auf ihn gerichtet. Dann öffnete er eine hintere Tür des Autos und warf die Tasche mit dem Kassengeld in das Aquarium.
Eigentlich wollte Hicklin ihn auf dem Parkplatz erschießen. Keine Zeugen. Aber das Adrenalin machte ihn hibbelig, er hörte Dinge, ein anderes Auto, Sirenen. Er starrte Charlie an, sah die blassblauen Augen, den Schwabbelbauch und die Angst im Gesicht des Kassierers, und im nächsten Moment drückte er ihn auf den Beifahrersitz. Vielleicht war er ja noch zu was nutze. Hicklin hatte sich schon so oft auf seinen Instinkt verlassen, dass er die Entscheidung jetzt nicht noch einmal überdachte.
Aber das Kribbeln seiner Haut warnte ihn. Was es sagte, war eindeutig.
Das ist ein riesiger Fehler.
Nachdem Hicklin in den Wagen gestiegen war, schlug er dem Kassierer gegen den Kopf. Charlie verdrehte die Augen und sackte gegen das Beifahrerfenster. Hicklin legte den Gang ein und fuhr weg. Weg von der Bank und auf eine von Bäumen gesäumte Straße. Er wollte nach Norden und in die Berge.
Wo kaum jemand lebte.
Put out the fire. There’s men in the trees.
Tommy Lang hatte sich gerade aus einer Thermoskanne einen Becher Kaffee eingeschenkt, als der Notruf durchkam. »An alle Einheiten, wir haben einen Überfall bei der North Georgia Savings & Loan am Peach Creek Circle, Ecke Twenty. Schusswaffengebrauch. Der Täter hat möglicherweise eine Geisel genommen.«
Er stellte den Becher in den Tassenhalter und antwortete.
»Hier Sheriff Lang. Eine Geiselnahme? Bist du da sicher, Terry?«
Lang hatte den Streifenwagen schon rückwärts aus seiner Hauseinfahrt gesetzt und schoss jetzt auf einer langen Straße dahin, an einem mit Sassafras und Luzerne bewachsenen flachen Stück Land entlang, auf dem oft Weißwedelhirsche und anderes Wild ästen. Bald würden den Böcken die im Februar abgeworfenen Geweihe nachwachsen. Manchmal saß Lang morgens mit einer Remington Woodsmaster auf dem Schoß auf seiner Veranda, trank einen mit Gentleman Jack verstärkten Kaffee und träumte versonnen von der rotbraunen Decke eines kräftigen Zwölfenders. Daraus wurde heute nichts.
Das Funkgerät knisterte.
»Äh, hi, Sheriff.«
»Roger. Was ist los?«
»Tja, Sheriff. Sieht echt übel aus. Eine Bankangestellte wurde erschossen.«
»Verstanden, Terry. Wer ist vor Ort?«
»Hansbrough. Deputy Brower ist unterwegs.«
Vor einer Kurve ging Lang etwas vom Gas. Er kam an einem Friedhof vorbei, danach wurde das Land hügeliger. Aus dem Augenwinkel sah er den Highway, verlor ihn aber gleich wieder aus dem Blick, als er tiefer in die Landschaft eintauchte.
»Sag ihnen, sie sollen verdammt noch mal nichts anfassen, bis ich da bin.«
»Roger, Sheriff.«
Lang sah auf den Beifahrersitz. Dort lagen ein Klemmbrett und ein Polizeikarton mit Akten, im Fußraum ein leerer Gewehrhalter. Sein Gewehr hatte er vergessen. Daheim liegen gelassen.
»Herrgott noch mal«, murmelte er.
Lang parkte vor der Bank neben den Wagen von Hansbrough und Bower. Die blinkenden Leuchtbatterien signalisierten allen Vorbeikommenden deutlich, dass die Welt hier aus den Fugen war. Bower, ein groß gewachsener Schlaks mit der Aura eines guten Schwiegersohns, kniete neben einer älteren Frau, die auf dem Gehweg saß. Sie trug einen Overall und einen breiten Strohhut. Ihr rotes Halstuch war schweißfleckig. Zitternd und keuchend schaukelte sie vor und zurück.
»I-Ich wollte nur mein Geld holen«, stotterte sie. »Mir den Pensionsscheck auszahlen lassen. Wie jeden Samstag.«
Wie ein Mantra wiederholte sie die Worte immer wieder. Sie war blass, ihr Gesicht tief gefurcht. Strähnen grauer Haare waren unter dem Strohhut hervorgeschlüpft und klebten auf ihrer schweißigen Stirn. Von ihren Oberarmen hing die Haut herab und schien bei jedem Herzschlag leicht zu wackeln. Bower sah Lang müde an.
»Das geht schon seit unserer Ankunft so«, sagte er. »Sie heißt Anabelle Walnut und lebt in dem großen, alten weißen Haus mit den Pferden. Da, wo sich der Fluss gabelt.«
»Ja, ich kenn sie«, sagte Lang und sah sich um. Dann ging er neben Anabelle in die Hocke.
»Anabelle? Ich bin’s, Tommy. Hast du gesehen, was passiert ist?«
Sie sah Lang an. Ihr Blick war leer. Abwesend.
»Bevor diese Schaukelei losging, hat sie’s mir erzählt«, sagte Bower. »Die stellvertretende Filialleiterin heißt Niesha Livingston. Sie ist immer samstags da. Der Kassierer ist meist ein junger Kerl namens Charlie.«
»Wo ist sie?«
Bower verzog das Gesicht und nickte in Richtung Bank. Dann beugte er sich vor und strich der alten Frau, die sich auf ein leichtes Schwanken verlegt hatte, über den Rücken. Ihre Hände umklammerten ihre Knie, ihre Augen richteten sich auf etwas in geheimnisvoller Ferne, das offenbar Ruhe und Frieden verhieß.
Lang ließ die beiden zurück und ging in die Bank. Die Eingangstür war eingeschlagen. Die Glasscherben auf dem Teppich glitzerten im Sonnenlicht.
Deputy Hansbrough stand neben der Schalterreihe. Den Kopf hielt er zur Seite geneigt wie ein Welpe, der zum ersten Mal seinen Namen hört. Er war der Sohn eines Richters, der im Gerichtssaal an einem Herzinfarkt gestorben war. Noch im Tod hielt er den Richterhammer fest in der Hand. Der junge Mann mit dem Bürstenschnitt war massig und größer als Lang. In seinem letzten Collegejahr hatte er im Footballteam um die Meisterschaft in Georgia gespielt. Lang mochte Hansbrough, aber als er seine Hand auf der Theke liegen sah, fuhr er aus der Haut.
»Hände in die Hosentaschen, verdammt noch mal!«
Ein Ruck ging durch Hansbrough. Dann sah er auf die Theke mit dem glänzenden Abdruck von Fingern und Handfläche.
»Hier drin nichts anfassen!«, sagte Lang, ehe sein Blick auf das blutbespritzte Fenster des Drive-in-Schalters fiel. Er stieg über eine ausgeworfene Patronenhülse. Mit rotem Kopf trat Hansbrough zurück. Über den Tresen hinweg sah Lang die Leiche von Niesha Livingston. An zwei Fingern hübsche Ringe.
Lang bemerkte, dass rechts von ihm eine Kassenschublade offen stand. Auch die Tür zum Tresorraum stand offen. Offenbar ausgeräumt. Aber das festzustellen war nicht seine Aufgabe.
»Haben Sie schon das GBI informiert?«, fragte er Hansbrough. Der Junge wusste noch immer nicht, was er mit seinen Händen anstellen sollte.
»Ja, Sir. Ich hab sofort, als ich hier angekommen war, die Zentrale informiert. Sie meinten, in ungefähr einer Stunde wär jemand von ihnen da. Und von der Bank kommen Leute aus Atlanta. Die Lady draußen, Miss, äh, Miss …«
»Walnut.«
»Ja, Sir. Sie hat gesagt, dass samstags normalerweise zwei bis drei Leute arbeiten. Wir wissen nur von zweien.«
»Haben Sie die Nummernschilder der Autos auf dem Parkplatz überprüft?«
»Ja, Sheriff. Der LeBaron gehört Niesha Livingston. Der Ford ist auf eine Lucille Colquitt zugelassen. Auf dem Lunchplan hinter dem mittleren Schalter steht der Name ›Charles Colquitt‹.«
»Ist das die einzige Leiche?«, fragte Lang.
»Wir haben nur die gefunden. Ich hab mich umgesehen.«
»Ich hoffe, Sie hatten dabei die Hände in den Taschen.«
Hansbrough murmelte etwas vor sich hin. Er wirkte unsicher und ein wenig besorgt. Lang dachte, dass er dem Jungen später erzählen sollte, dass er diesen Fehler auch schon gemacht hatte. Aber das musste noch warten. Er konnte keinen Deputy gebrauchen, der einen Tatort verunreinigte.
Lang winkte ihm, und gemeinsam gingen sie zur Hintertür hinaus.
»Schauen Sie sich genau um. Auf dem Gehweg, in der Mülltonne, am Eingang ums Eck. Notieren Sie sich alles, was Ihnen auffällt. Und noch mal – fassen Sie um Gottes willen nichts an.«
Bower hatte Anabelle Walnut aufgeholfen. Sie schwankte, als wäre sie betrunken.
Lang nahm den Hut ab und strich sich durch die grauen Haare, dann zog er eine Schachtel Marlboro aus der Hemdtasche. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, die erste nicht vor Mittag zu rauchen, aber schon jetzt hatte er genug von diesem Tag. Er zündete die Zigarette an und ließ den Blick langsam und systematisch über den Parkplatz wandern, so als lägen irgendwo auf dem Asphalt alle Antworten bereit. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Streifenwagen.
»Wo willst du hin, Tommy?«, fragte Bower, als Lang vorbeikam. Wenn er aufgeregt war, fing er häufig an, Lang zu duzen.
Lang gab keine Antwort. Er drehte sich um und betrachtete das Bankgebäude. Vordereingang, der Gehweg dorthin, ein gutes Dutzend Parkplätze. Rechts die Zufahrt zum Drive-in-Schalter. Personaleingang, weitere Parkplätze hinter dem Gebäude. Noch vor einem Jahr wäre an einem Samstagmorgen in der Bank und dem Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite viel los gewesen. Jetzt war weit und breit kein Auto zu sehen. Alle Läden hatten zu. Und Lang wusste, dass man nur fünf Minuten fahren musste, um völlig von der Wildnis verschluckt zu werden.
Neugierig beobachtete Bower Lang. Die alte Frau hielt sich an Bowers Arm fest, während ihr Blick noch immer dem Phantom in den Weiten ihres Kopfs nachjagte. Ein Pick-up näherte sich der Kreuzung und bremste. Der Fahrer glotzte herüber. Auf der Pritsche begannen zwei schwarze Labradore zu bellen. Kurz darauf kam ein weiterer Pick-up. Die Federung ächzte unter dem Gewicht der Landarbeiter, als der Wagen auf den Parkplatz vor der Bank abbiegen wollte. Kopfschüttelnd sah Lang den Fahrer an, der drehte um und fuhr davon.
»Sagen Sie dem GBI, dass sie mit dem großen Besteck kommen sollen?«, fragte Bower. »Wir haben ja überhaupt nicht die Ausrüstung für solche Ermittlungen, oder, Sheriff?«
Als Lang seinen Wagen erreicht hatte, ließ er sich auf den Fahrersitz fallen. Er drückte eine Taste am Funkgerät und gab, streng nach Protokoll, der Zentrale seine Anfrage durch. Weil Bower recht hatte. Sie hatten nicht annähernd die Kapazität, in einem Raubüberfall und einem Mord zu ermitteln. Nicht seit Lang gezwungen gewesen war, wegen der Budgetkürzungen zwei Ermittlerstellen einzusparen. Ihre Aufgabe war nur, den Tatort zu sichern und sich ansonsten aus der verdammten Sache rauszuhalten.
Lang sah, wie Hansbrough den Kofferraum seines Streifenwagens öffnete und eine große Rolle Absperrband herausholte. Schwach war die Sirene eines Krankenwagens zu hören. Der Sheriff nahm einen Schluck Kaffee. Er war inzwischen kalt geworden.
Charlie spürte Hände unter seinen Achseln. Er wurde ein gutes Stück geschleift. Roch Zigarettenrauch und verschwitzte Kleidung. Er war irgendwo drinnen, vielleicht in einem Haus. Es war feucht. Der strenge Geruch von Dreck und Elend. Man ließ ihn auf einen Sessel fallen. Jetzt wurde er an Händen und Füßen gefesselt. Er spürte schwielige Hände und ein Seil. Hörte eine Frauenstimme.
»Ja guck doch mal! Ein Gast!«, sagte sie.
Dann wurde Charlie ohnmächtig.
Die ungesund grelle Sonne stand hoch am Himmel, ein runder gelber Schorf. Unter den Achseln von Langs Hemd waren Schweißflecken. Er trat eine weitere Zigarette mit dem Absatz aus und steckte die Kippe in die Hosentasche.
Als Erstes kam der Krankenwagen und fuhr Anabelle Walnut zur Untersuchung ins Krankenhaus. Dass ausgerechnet die arme Alte da reinstolpern muss, dachte Lang. Auch wenn es kaum Anhaltspunkte gab, versuchten er und Bower, sich ein Bild von dem Raubüberfall zu machen. Schnell, brutal und vermutlich gut vorbereitet. Der Schütze hatte keine Sekunde gezögert, die Frau zu töten. Aber warum die Geiselnahme? Vielleicht war der zweite Kassierer inzwischen auch tot. Oder er hatte fliehen können. Im Jubilation County gab es viele einsame Straßen, die oft im Nichts endeten oder als Schotterpisten und Feldwege in den Wäldern verschwanden. Alte Indianerpfade und Hohlwege zu Enklaven und abgelegenen Weilern, wo Generationen von Berglern gehaust hatten. Leute, die mit der zivilisierten Welt selten in Kontakt traten.
Hansbrough war zu der Motorradwerkstatt auf der anderen Straßenseite gegangen. Eine Frau kam, verschlafen, nach abgestandenem Alkohol riechend. Sie baute sich vor ihm auf und sagte, sie habe weder was gehört noch gesehen. Hansbrough glaubte ihr.
Er und Lang stellten sich vor die Bank und warteten.
Schließlich rückten Staats- und Bundespolizei an. Lang sah zu, wie die Prozession von der Route 20 auf den Parkplatz einbog. Der County Medical Examiner, ein Gutachter von der Bank. Drei schwarze Vans des Georgia Bureau of Investigation, gefolgt von zwei schwarzen SUVs mit Kennzeichen der Bundesbehörden. GBI und FBI im Verbund.
Man könnte glauben, ein Wanderzirkus rollt an …
Aber jetzt fühlte es sich wenigstens wie ein Tatort an. Das Evidence Response Team in blauen Windbreakern schob Gerät heran. Die Spurensicherer begannen hinter der Schalterreihe zu arbeiten und fotografierten alles mit nüchternem Interesse. Langs Deputys gaben sich Mühe, nicht im Weg zu stehen und zugleich nichts von der Ehrfurcht zu zeigen, die sie vermutlich empfanden.
Lang sprach kurz mit den Ermittlern des GBI und berichtete, was er wusste. Es war erbärmlich wenig. Dann schlenderte Randy Ingram, der Rechtsmediziner des Jubilation County, zu ihm. Im Mundwinkel hatte er einen Zahnstocher, sein rundliches Gesicht schien vor Aufregung rot zu glühen. Lang kannte ihn seit gut zwanzig Jahren.
»Das ist ja mal ein hübsches Desaster, was, Tom?«, sagte er. »Wann hatten wir so was zuletzt? ’91?«
»’94. Mannomann, ich hab mich so an die Hundekämpfe und Methküchen gewöhnt, dass ich ganz vergessen hab, was ein Banküberfall ist«, antwortete Lang. Beide lachten freundschaftlich, aber der Sheriff wurde das beklemmende Gefühl nicht los, das ihn schon bei der Ankunft befallen hatte. Als bekäme er nicht mehr richtig Luft.
Ein Fotograf schritt langsam das Gelände ab. Das meiste spielte sich neben dem Personaleingang ab. Der Bankgutachter kam aufgeregt ins Handy sprechend heraus und lief hektisch hin und her. Als würde er pausenlos Memoranden absondern.
Unter den Leuten des GBI war eine Frau, die gerade die Vierziger gerissen zu haben schien. Ihre Haare waren so schwarz, dass Lang dachte, er könnte sich darin spiegeln. Wenig Make-up, kein Schmuck. Sie trug eine kakifarbene Cargohose und ein blaues Polohemd mit dem GBI-Logo.
Lang konnte den Blick nicht von ihr losreißen, auch als sie sich ihm zuwandte. Er sah ihre vollen Lippen, den langen Hals, markante Wangen und einen Teint, der auf eine Chickasaw-Abstammung hindeuten konnte. Ihm gefiel, dass sie ihre große Glock mit dem Griff nach vorne in einem Cross-Draw-Holster trug.
Sie kam zu Lang und streckte ihm die Hand entgegen. Kein Ehering, bemerkte er.
»Sheriff Lang, oder?«
»Ja, Ma’am.«
»Ich bin Special Agent Sallie Crews und leite die Ermittlungen.«
»Sehr erfreut, Agent Crews.«
»Nennen Sie mich Sallie.«
»Gern.«
»Kennen Sie die Bank, Sheriff?«
»Ich hab dort kein Konto, wenn Sie das meinen. Hier oben auf dem Land ist nicht viel los. Den meisten Ärger machen uns Betrunkene, die sich prügeln. Manchmal fliegt eine Methküche in die Luft oder ein Schnapsladen wird überfallen. So was wie das hier … das kommt eigentlich nie vor.«
Crews nickte mit gespannter Miene. Dabei verschränkte sie die Arme und zog die Schultern hoch, als wäre sie tief in Gedanken versunken.
»Sie glauben doch nicht etwa, dass der oder die Täter noch in der Gegend sind?«, fragte Lang.
Sallie Crews’ Augen verrieten ihm, dass sie genau das tat.
Kurz nach Mittag wurde das Auto gefunden. Am Fuß eines Gebirgszugs vierzig Minuten von der North Georgia Savings & Loan entfernt sah ein aufmerksamer Hubschrauberpilot unter einer Gruppe Kiefern etwas Ungewöhnliches. Von den ausladenden Baumkronen halb verdeckt, stand ein Toyota Camry unter einer Militärplane.
