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Tote tanzen keinen Tango – der vierte Fall für die Mailänder Ermittlerinnen Ein schwüler Sommerabend in Ortica, einem Vorort von Mailand. Unter den bunten Lichterketten des Balera dell'Ortica sind alle Blicke auf eine hübsche Frau gerichtet, die mit ihrem Tanzpartner einen leidenschaftlichen Tango aufs Parkett legt. Doch als die Musik endet, reißt sich das Mädchen plötzlich los und läuft davon. Noch in derselben Nacht wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der erschossen wurde: offenbar der zudringliche Ex-Freund der schönen Tangotänzerin. Als die Polizei kurze Zeit später den Butler einer Dame der Mailänder High Society verhaftet, sind alle überrascht. Vor allem Libera, die Blumenhändlerin von Giambellino. Sie kennt den Butler, der in der Villa ihrer reichen Freundin Franca arbeitet, nämlich persönlich. Doch die Beweise sind erdrückend. Das sagt jedenfalls ihre Tochter Vittoria, die bei der Mailänder Kripo arbeitet und nicht gern über ihre Ermittlungsarbeit spricht. Aus gutem Grund – denn Libera ist nicht nur für ihre Brautsträuße berühmt. Sie betätigt sich auch gern als Hobbydetektivin und hat zusammen mit Vittorias unerschrockener Nonna Iole schon einige spektakuläre Mordfälle im Alleingang gelöst. Als Franca sie bittet, den wahren Täter zu finden und die Unschuld des unglücklichen Butlers zu beweisen, sagte Libera nicht Nein. Natürlich nicht. Ein spannender Kriminalfall, in dem jeder sein Geheimnis und gleichzeitig einen guten Grund zum Lügen hat.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2026
ROSA TERUZZI
ROSA TERUZZI
Die Mailänder Detektivinnen und ihr dritter Fall
Roman
Aus dem Italienischen
von Renée Legrand
Nächte mit Tango, Räucherstäbchen und Pistolen Samstag, 23. August 2014
Nächte mit Jazz, Sandelholzstäbchen und Handschellen Freitag, 5. September 2014
1 Nicht immer ist Schweigen ein Zeichen von Schuld
2 Geheimnisse, die tödlich sein können
3 Wegräumen bedeutet nicht Vergessen
4 In jedem von uns steckt ein Mister Hyde
5 Im Tanzlokal von Ortica
6 Zwei Pistolen und ein geheimer Vater
7 Cherchez la femme
8 Der Walzer der verlorenen Liebe
9 Wie schwer wiegt ein unausgesprochenes Wort
»Und jetzt eine Polka«, verkündete Alessandra in ihrem enganliegenden silbernen Lamé-Kleid und deutete einen Tanzschritt an. Auf der kleinen Holzbühne unter freiem Himmel spielte der Mann am Akkordeon, der hinter der Sängerin zwischen den roten Samtvorhängen saß, mit sehnsüchtigem Blick ein paar Klänge von Stand by me, bevor er zu einer schnellen Polka wechselte. Dann folgte Il treno dell’amore. Unter tausend bunten Glühlämpchen, die über der Tanzfläche gespannt waren, drehten die Paare ihre Runden. Dutzende von Menschen waren ins Balera dell’Ortica gekommen, junge und alte, sogar Kinder, eine bunte Mischung aus Bermudas und Tigerkleidern, Shorts und edlen Leinenhemden, paillettenbesetzten Kleidern mit tiefem Dekolleté, lässigen Trikots, Holzkläpperchen und Riemchensandalen.
Von den Tischen rund um die Tanzfläche schauten die Gäste auf das bunte Treiben, während sie ihr Menü aßen: Lasagne, Fleischspießchen und Schnitzel nach Mailänder Art. Der Abend war schwül, hundert verschiedene Nuancen von Eau de Cologne hingen in der Luft und vermischten sich mit dem unverwechselbaren Geruch der Räucherstäbchen. Kein Luftzug war zu spü
ren, als der Glockenturm der Kirche Madonna jetzt zehn Uhr schlug. Die Blätter der riesigen Platanen am Rand der Tanzfläche regten sich nicht.
Zum ersten Mal in diesem regenreichen August fiel auf die Gäste des Tanzlokals in Ortica kein Tropfen.
Die Sängerin schüttelte den Kopf, und ihre filigranen Sternen-Ohrringe blitzten kurz auf, während sie mit rauer Stimme verkündete:
»Und jetzt ein Tango.«
Die ersten Takte von Roxanne erklangen. Die meisten Tänzer kehrten an ihre Tische zurück, einige blieben stehen und wiegten sich etwas unschlüssig zum Rhythmus der Musik, während sie zu den wenigen Paaren hinübersahen, die sich zu diesem anspruchsvollen Tanz auf die Fläche wagten.
»Da ist ja auch unsere Tango-Königin Caterina«, sagte Alessandra und deutete mit ihren reichlich mit Ringen bestückten Fingern auf eine dunkelhaarige Frau in der Mitte der Tanzfläche, die ganz offenbar zu den Stammgästen gehörte.
Doch Caterina schien sie nicht zu hören. Mit geschlossenen Augen tanzte sie eng an ihren Partner geschmiegt und glitt so leichtfüßig über den Boden wie bei einer Milonga. Sie hatte ihr Haar hochgesteckt, und das bis zum Knie reichende schwarze Wickelkleid betonte ihren üppigen Körper. Sie trug keinen Schmuck, und das einzig Auffallende an ihr waren ihre korallenrot geschminkten Lippen in dem ansonsten blassen Gesicht.
»Roxanne, you don’t have towear that dress tonight«, schluchzte die Sängerin theatralisch, während Caterinas Tanzpartner die junge Frau in die Luft hob und herumwirbelte. Dann presste er sie wieder an sich und streckte die Hand aus, um ihr über die Wange zu streicheln. Doch sie wandte den Kopf ab, die Augen immer noch geschlossen, als wäre sie in Trance.
»Roxanne, I won’t share you with another boy …«
Die Stimme der Sängerin wurde lauter, fast wütend schmetterte sie die Liedzeile ins Mikrofon.
Noch während die Musik spielte, riss sich Caterina plötzlich von ihrem Tanzpartner los und floh an den Rand der Tanzfläche. Er lief ihr hinterher, zog sie an sich, und schließlich tanzten die beiden wieder eng umschlungen zur Musik. Aber als der Tango zu Ende war, murmelte sie eine Entschuldigung und verließ die Tanzfläche. Zwei Minuten später war sie schon durch das Eingangstor des Tanzlokals verschwunden und lief hastig zu der alten Haltestelle in der Via Amadeo, während die Absätze ihrer Tango-Schuhe in der Dunkelheit auf dem Straßenpflaster klackerten.
Der Mann, der die Leiche entdeckte, war der Besitzer eines blauen Geländewagens. Er hatte das Glück gehabt, einen Parkplatz am Rande der Gärten gegenüber dem Balera dell’Ortica zu finden.
Es war elf Uhr, als Signor Rinaldo Tagliaferri, ein pensionierter Buchhalter, das Tanzlokal verließ. Am nächsten Morgen wollte er zu seinem Zweitwohnsitz in Bellano am Comer See aufbrechen, um mit seinen Freunden aus dem Sportverein angeln zu gehen. Er drückte auf die Fernbedienung für das Auto. Sein schöner Wagen zwinkerte ihm mit aufleuchtenden Scheinwerfern zu, und er betrachtete ihn voller Stolz. Seine Frau, die ihm mit verdrossener Miene gefolgt war, zog maulend die Beifahrertür auf. Sie wäre gern noch länger im Tanzlokal geblieben und verfluchte das frühe Aufstehen im Morgengrauen, die verdammten Angel-Freunde und Tagliaferris Begeisterung für Döbel, Renken und Barben, die sie nicht einmal zubereiten konnte.
Tagliaferri ließ sie schimpfen, während er vorsichtshalber noch mal um den SUV herumging, um festzustellen, ob vielleicht irgendein Betrunkener die Karosserie beschädigt hatte.
Seine Frau, die schon im Auto saß, hörte ihn plötzlich laut schreien. Sie drehte sich um und spähte durch die Rückscheibe. Steif wie ein Stockfisch stand ihr Mann hinter dem Wagen, und seine Augen schienen ihm fast aus dem Kopf zu fallen. So jedenfalls beschrieb sie es den Polizisten, die sie sofort alarmiert hatte.
Ihrem Gatten zu Füßen lag die Leiche eines Mannes.
Das Nummernschild des Wagens war mit Blut bespritzt, und eine dunkle Lache breitete sich auf dem spärlich bewachsenen Grasstreifen neben einem Beet aus, auf dem düster das Metall einer großkalibrigen Pistole schimmerte. Sieben Minuten später traf eine Polizeistreife ein, aber nur wenige Bewohner der Straße bemerkten es. Die Sirene wurde von der lauten Musik aus dem Tanzlokal übertönt. Alexandra sang aus vollem Hals: I will survive. Ihre Stimme klang rau.
Der Polizeipräsident warf einen flüchtigen Blick auf die Wanduhr neben dem Gemälde des Futuristen Depero, das allein für sich fünfmal so viel wert war wie sein Jahresverdienst als loyaler Staatsdiener.
Es war halb zwölf. Nur noch wenige Minuten, und er könnte sich endlich von der Hausherrin verabschieden und sich aus dem Staub machen, ohne als unhöflich zu gelten. Abende wie dieser, die an jedem ersten Freitag im Monat bei Franca Crivelli stattfanden, einer prominenten Vertreterin echten Mailänder Geldadels, gehörten zu den gesellschaftlichen Ereignissen, die man nicht verpassen durfte, aber Leuten wie ihm, der eher ein Mann der Tat war und von guten Beziehungen wenig hielt, gingen sie auf die Nerven.
Um sich abzulenken, warf er einen flüchtigen Blick auf die Frauen in dem riesigen Salon, die in kleinen Gruppen miteinander oder nur mit ihren Männern plauderten, die sicher ebenso gelangweilt waren wie er. Manche Frauen wirkten ziemlich affektiert, andere zeigten verschwörerische Mienen.
Wie viele Dinge waren wohl in diesen Räumen schon ausgeheckt worden?
Und warum sah man hier nie eine Frau, die ihm hätte gefallen können?
Seufzend musterte der Polizeipräsident die Damen der feinen Mailänder Gesellschaft. Einige waren echte Matronen, eingehüllt in wallende Tuniken mit auffälligen Geschmeiden. Die anderen stellten ihre anorektische Magerkeit zur Schau – Ergebnis täglichen Trainings im Fitnessstudio und proteinreicher Diät –, und ihr Blick war hungrig wie der von Straßenkatzen. Die meisten waren jenseits der fünfzig. Eine Ausnahme bildeten nur die blutjungen Favoritinnen oder die zweiten Ehefrauen mancher Bonzen. So gut wie alle waren ganz offensichtlich Kundinnen bei dem bekanntesten Schönheits-Chirurgen der Stadt. Hier gab es kein Hinterteil, das unbekümmert zur Schau gestellt wurde, dachte der Polizeipräsident bedauernd. Nicht mal ein weiches Dekolleté, auf das man nach einem langen Arbeitstag glücklich seinen Kopf betten konnte. Während er noch in seine melancholischen Gedanken versunken war, tauchte plötzlich ein Silbertablett vor seiner Nase auf.
»Noch ein Glas Champagner?«, fragte ein Butler mit graumeliertem Haar und imposanter Statur, der das Tablett gekonnt vor sich her trug.
Zum ersten Mal, seit er die luxuriöse Dachterrassenwohnung in der Via Cerva betreten hatte und nur weil er vor Langeweile fast umkam, sah sich der Polizeipräsident den Mann mit dem Tablett genauer an. Er interessierte sich eigentlich nicht für die Dienerschaft, aber dieser Mann hatte kein gewöhnliches Gesicht. Besonders die Augen fielen ihm auf, und er überlegte, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Ein intensives Grün mit dichten dunklen Wimpern, von feinen Falten umgeben, und dazu der unverwechselbare Bürstenschnitt?
Der Butler stand mit unerschütterlicher Miene da und wartete immer noch auf seine Antwort.
»Danke nein«, sagte er schließlich und schüttelte den Kopf. Nachdenklich sah er dem schwarzgekleideten Mann nach, der sich gemessenen Schrittes entfernte und auf eine alte adelige Lady zuging, die ihn mit dem Fächer wedelnd zu sich rief. Ein leichter Windstoß blähte die cremefarbenen Gardinen auf und verbreitete den Sandelholzduft der Duftstäbchen auf den Kirschmöbeln. Aus der Stereoanlage drang Chet Bakers unverwechselbare Stimme mit dem Song The touch of your lips.
Diese schmalen Lippen, dachte der Polizeipräsident. Er lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und bedauerte, kein drittes Glas Champagner in der Hand zu haben, während er sich auf die Gesichtszüge des Mannes mit dem Silbertablett konzentrierte.
Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Im tiefsten Innern war der Polizeipräsident eben immer noch der Straßenpolizist von vor dreißig Jahren.
Langsam löste er sich von der Wand. Scheinbar lässig schlenderte er durch den Salon, während er bereits fieberhaft die nächsten Schritte plante. Er musste schnell handeln, ohne Aufsehen zu erregen.
Er trat auf den Balkon, nahm sein Mobiltelefon zur Hand und suchte den Namen eines seiner Mitarbeiter.
Nach dreimaligem Läuten ging jemand von der Mailänder Polizei dran.
»Ich habe den Mann aus Ortica gefunden«, sagte der Präsident leise.
Der Telefonanruf ging um sieben Uhr abends ein und versetzte Libera in große Aufregung. Die Stimme ihrer Tochter klang zwar neutral und sie sagte den eigentlich harmlosen Satz »Ich komme zum Abendessen, bitte seid zu Hause«. Doch Libera spürte gleich, dass etwas passiert war. Zum einen, weil Vittoria seit Monaten geplant hatte, an diesem Abend zum Konzert einer Heavy-Metal-Band zu gehen, und offenbar darauf verzichten musste, zum andern, weil es nach einem echten Familientreffen aussah, denn Vittoria hatte eindringlich darum gebeten, dass auch ihre Großmutter beim Essen dabei sein sollte, und just in diesem Moment schneite Iole auch schon herein.
»Ich würde gern wissen, was diese Hetzerei soll«, sagte Iole und schnaufte verärgert. Sie zog ihre Birkenstocksandalen aus und warf sie schwungvoll neben ihren Leinenrucksack, der bereits im Eingang vor dem Regal stand. Eins von Liberas Lieblingsbüchern, ein Band mit drei Abenteuern von Rouletabille – dem James Bond der Belle Époque –, fiel mit einem dumpfen Knall auf die Terracotta-Fliesen. Sie lief hin, um das Buch aufzuheben, während sich ihre Mutter ins Sofa fallen ließ und die Beine übereinanderschlug.
»Hast du eine Ahnung, warum deine Tochter unbedingt mit uns sprechen will? Sie hat mich mitten im schönsten Moment gestört.«
Libera seufzte und schüttelte den Kopf. Nein, sie wusste nicht, warum ihre Tochter unbedingt mit ihnen sprechen wollte, und das machte ihr zu schaffen. Und sie dachte nicht daran, ihre Mutter zu fragen, bei welchem schönsten Moment Vittoria sie denn gestört hatte, denn sie wusste es sowieso.
Obwohl sie fast siebzig war, hatte Iole nicht aufgehört, die freien Liebe zu feiern – wie damals als junge Frau in der wilden 68er-Hippie-Zeit. Dieses Wochenende hatte sie eigentlich mit ihrem neuen Galan verbringen wollen, einem gewissen Pietro, den sie erst vor zwei Wochen bei einem Kurs für Holistische Tanztherapie kennengelernt hatte. Wie immer hatte Libera versucht, sie davon abzubringen, und ihr nahegelegt, Pietros Einladung auf einen Bauernhof in der Nähe von Abbiategrasso doch besser auszuschlagen, und wie immer hatte ihre Mutter auch diesmal nicht auf sie gehört. Auf den Anruf der Enkelin aber hatte sie offenbar sofort reagiert. Dabei war es nicht ihre Art, an Nachmittagen, die sie den körperlichen Genüssen widmete, ihr Telefon eingeschaltet zu lassen.
»Na ja, so schlimm war es gar nicht«, seufzte Iole. »Dieser Pietro hat sich als echter Langweiler erwiesen: Er wollte die ganze Zeit tanzen.«
Sie verzog ihr Gesicht wie ein patziges Mädchen und fuhr sich durch ihre roten Locken, die durch ein pinkfarbenes Frotteeband aus der Stirn gehalten wurden. Dann klopfte sie mit der Hand aufs Sofa, damit ihre Tochter sich neben sie setzte.
»Was hat uns das verfluchte Mädchen wohl so Dringendes mitzuteilen? Will sie etwa heiraten?«
»Das glaube ich kaum!«, entgegnete Libera, beinahe hätte sie gesagt: »Das hoffe ich nicht.«
Aber mal im Ernst – welche Mutter konnte sich schon wünschen, dass ihre Tochter, eine Polizistin aus echtem Schrot und Korn, einen zwielichtigen Kerl wie Achille Belardinelli heiratete?
Sicher, er sah gut aus, sie hatte ihn einmal getroffen und eigentlich ganz sympathisch gefunden, aber sein Vater saß wegen wiederholten Widerstands gegen die Staatsgewalt im Gefängnis. Iole wusste den jungen Mann zu schätzen und nannte ihn scherzhaft »einen Schwiegersohn sui generis«.
»Vielleicht ist sie ja schwanger?«
Libera fuhr zusammen, als hätte ihre Mutter ihr eine Ohrfeige verpasst. Sie ließ sich aufs Sofa fallen, die Hände auf dem Schoß. Mit einem Kind würde an der Sache nichts mehr zu ändern sein. Unwillkürlich musste sie an eine ähnliche Geschichte denken, die ihr selbst widerfahren war: die Beziehung zwischen einer jungen Polizistin im Alter ihrer Tochter, der schönen Nadja mit dem herausfordernden Blick, und Gabriele Ricci, dem Polizeichef und ihrem ältesten Freund. Nadja erwartete ein Kind von ihm, und damit waren die Würfel gefallen. Libera liebte Gabriele, doch das hatte sie sich erst eingestanden, als es zu spät war.
Leben ist das, was uns passiert, während wir andere Pläne machen, hatte John Lennon einmal gesagt.
»Warum machst du so ein düsteres Gesicht?«
Iole hatte sich zu ihr hinübergebeugt und sah sie mit einem Blick an, der Libera zärtlich erschienen wäre, wenn dieses Wort nicht so wenig zu ihrer Mutter gepasst hätte.
»Warum denkst du immer gleich an das Schlimmste? Vielleicht hat Vittoria gute Nachrichten für uns. Vielleicht hat sie die Prüfung zur Vize-Inspektorin geschafft und wird in den Süden versetzt. Denk nur, was für schöne Reisen wir da machen könnten! Weit weg von diesem verdammten Regen in Mailand!«
Als hätte jemand im Himmel sie gehört, brach im Westen ein Donner los und kündigte das x-te Gewitter dieses ungewöhnlichen Sommers an. Libera fröstelte und zog ihre fliederfarbene Strickjacke enger um sich, aber nicht wegen des kühlen Wetters. Das hätte gerade noch gefehlt, dass ihre einzige Tochter versetzt würde, gerade jetzt, wo sie sich endlich wieder besser verstanden. Das wäre das Letzte, was sie sich gewünscht hätte.
Warum aber wollte Vittoria sie so unbedingt sehen?
»Wir brauchen nur ein bisschen zu warten, dann erfahren wir es schon«, meinte Iole. Sie legte sich auf den Perserteppich, schloss die Augen, holte tief Luft, atmete durch die Nase wieder aus und nahm dann die Kerzenposition, genannt Sarvangasana, ein. Man konnte sie nur darum beneiden, dass sie in ihrem Alter noch so fit war.
Iole hatte ihr ganzes Leben lang Yoga gemacht, und die Kerze war erst der Anfang. Libera hatte sie so gut wie jeden Tag die Rishikesh-Abfolge machen sehen, eine Folge geschmeidiger Bewegungen, die mit der spektakulärsten Position endete – dem Kopfstand, Shirshasana. Sie war jedes Mal erstaunt über die Beweglichkeit ihrer Mutter, die die Schwerkraft und Last der Jahre außer Kraft zu setzen schien. War es möglich, dass die Leichtigkeit, mit der Iole das Leben nahm, auch von diesen täglichen Übungen herrührte?
Libera erhob sich mühsam vom Sofa und stützte sich dabei mit den Händen auf. Sie hatte Muskelkater vom Joggen am Morgen. Zum hundertsten Mal sah sie auf dem Smartphone nach der Uhrzeit. Am Morgen hatte Vittoria eilig das Haus verlassen, nachdem sie einen Anruf aus dem Büro erhalten hatte. Und seither hatte sie nichts mehr von ihr gehört, außer:
»Ich komme zum Abendessen. Bitte seid zu Hause, ich möchte unbedingt mit euch sprechen.«
Um sich abzulenken, fiel ihr nichts Besseres ein, als zu kochen. Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterläden des kleinen Bahnwärterhauses, in dem die drei Frauen wohnten, gleich neben den alten Gleisen der Strecke nach Mortara zwischen dem Naviglio Grande und dem Arbeiterviertel Giambellino. Libera bereitete Gnocchi mit Tomaten vor, das Lieblingsgericht ihrer Tochter, und machte dazu einen Salat aus gegrillten Paprika mit Kapern. Für ein Sorbet hatte sie nicht genug Zeit, die Früchte hätten mindestens zwei Stunden im Eisfach bleiben müssen, und die Erdbeeren waren verschwunden. Wahrscheinlich hatte Iole sie am Morgen mitgenommen, um sie ihrem Liebhaber zu schenken, der so gerne tanzte. »Leider kein Dessert«, sagte Libera und setzte sich an den Küchentisch unter die tropfenförmige Lampe, die ihrem Großvater Spartaco gehört hatte. Erst als die Glocken der nahegelegenen Kirche San Cristoforo neunmal schlugen, kam Vittoria endlich nach Hause.
»Ich muss euch etwas Wichtiges sagen«, begann sie, während sie sich auf die Schüssel mit den Gnocchi stürzte. Sie bediente sich reichlich und fing an, das Essen in sich reinzuschlingen. Ihre Aktentasche und ihre Mütze hatte sie achtlos auf den Stuhl neben dem Eingang geworfen. Die Uniformjacke hatte sie angelassen, und ihre Dienstpistole steckte noch im Halfter.
»Lass für uns auch noch etwas übrig«, ermahnte Iole sie, während sie sich setzte und den Mund verzog wie eine Königin der guten Manieren, die gezwungen war, den Tisch mit einer unerzogenen Göre zu teilen. Dann nahm sie sich eilig eine Portion von den Gnocchi und bekleckerte dabei ihre Leinenjacke mit Tomatensauce.
Libera sah zu, wie sich die beiden um das Essen zankten. Keine von beiden half ihr je in der Küche: ihre Tochter behauptete, sie dürfe es nicht, und ihre Mutter wollte mit solch »bürgerlichen Beschäftigungen« nichts zu tun haben. Beide aber aßen sehr gern.
Libera selbst hatte nicht den geringsten Appetit. Sie fürchtete sich zu sehr vor der angekündigten Erklärung von Vittoria. Sie hasste Neuigkeiten und Veränderungen und traute sich nicht zu fragen, worum es ging. Schließlich brach ihre Mutter das Schweigen:
»Jetzt spuck es schon aus, geht es um die Liebe oder um die Arbeit? Hast du vielleicht eine Beförderung in Aussicht?«
Iole beugte sich neugierig zu Vittoria und nutzte die Gelegenheit, um ihr ein Gnocchi vom Teller zu stibitzen. Vittoria schlug ihr mit der Gabel auf die Hand:
»Es geht um die Arbeit, Nonna. Aber leider nicht um eine Beförderung. Und eigentlich habe ich auch nicht wirklich etwas mit dem Fall zu tun.«
Libera riss erstaunt die Augen auf. »Um wen geht es denn dann? Du erzählst uns ja nie etwas von deiner Arbeit.«
Vittoria nahm ihre Stellung als Polizistin sehr ernst. Sie war zurückhaltend und plauderte nie etwas aus. Sie schwieg über ihre Arbeit wie ein Grab, genau wie Saverio, ihr Vater. Libera fröstelte, als sie daran dachte, wie teuer er für diese Verschwiegenheit bezahlt hatte. Vor zweiundzwanzig Jahren war ihr Mann ermordet worden. Dieses Verbrechen war lange nicht aufgeklärt worden, unter anderem auch deshalb, weil keiner seiner Kollegen Details über die Ermittlungen wusste, die Saverio im Geheimen geführt hatte.
Vittoria blickte von ihrem Teller auf und legte die Gabel ab, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
»Ich spreche deswegen nie mit euch über meine Arbeit, weil euch das nichts angeht und weil ich fürchte, dass ihr nur auf dumme Gedanken kommt.«
Sie warf zuerst ihrer Großmutter und dann ihrer Mutter einen strengen Blick zu.
Es war klar, dass sie auf ihre Ermittlungen als Amateurdetektivinnen anspielte, ihre Angewohnheit, die Nase in ungelöste Fälle zu stecken, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Eine Neigung, die manchmal gefährlich werden konnte und für die junge Polizistin ein ständiges Ärgernis bedeutete. Eine Zeitung hatte die beiden sogar die »beiden Misses Marple von Giambellino« genannt.
»Dann sprich eben nicht darüber, wir brauchen deine Geschichten nicht«, sagte Iole und zuckte die Achseln, doch ihre Enkelin schüttelte den Kopf.
»Dieses Mal ist es anders, denn es geht um eine Person, die wir alle kennen, und ich möchte nicht, dass ihr es aus den Nachrichten erfahrt.«
Die beiden Frauen starrten sie überrascht an.
Vittoria lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, richtete den Blick auf ihre Großmutter und ihre Mutter und machte eine lange Pause, bevor sie fortfuhr:
»Sie haben Amelio verhaftet.«
Es war, als hätte jemand eine Bombe geworfen, mitten in die Suppenschüssel mit den Gnocchi.
»Amelio?«, rief Iole aus. Vor Verblüffung blieb ihr fast die Stimme weg. »Meinst du unseren Amelio, den Butler von Franca?«
»Genau den.«
»Du liebe Zeit! Was soll der arme Kerl denn angestellt haben? Hat er beim Servieren etwa die Handschuhe vergessen?«
»Er hat einen Mann umgebracht.«
Libera hörte stumm zu und brachte kein Wort heraus. Amelio Berzaghi war nicht nur der Butler von Ioles bester Freundin, sondern auch ein Mann, der bei ihr als Mädchen ohne Vater manchmal ihre Fantasie angeregt hatte. Nichts Romantisches – Amelio war viel zu alt für sie –, nur eine Schwärmerei, wie sie bei einsamen Jugendlichen manchmal vorkommt.
Sie sah ihn immer, wenn sie zusammen mit ihrer Mutter Franca besuchte. Amelio war ein gebildeter Mann, der Kunst und Reisen liebte, er war von natürlicher Eleganz und geheimnisvoller Zurückhaltung und erinnerte sie an die Edelpiraten der Romane von Rafael Sabatini. Jedenfalls stellte sie sich ihn als solchen vor, als den jüngsten Sohn einer in Ungnade gefallenen Adelsfamilie, von einem düsteren Schicksal zu einem Leben als Diener verdammt. In all den Jahren waren sie sich Dutzende Male begegnet, doch ihre Gespräche waren an der Oberfläche geblieben. Libera hatte ihn nie besser kennenlernen wollen. Amelio war der Held, den ihre Fantasien umkreisten – wie sie es so oft machte, wenn sie Menschen begegnete, die sie sympathisch fand und sich alle mögliche ausmalte. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass ein so feiner und fähiger Mann wie er zum Mörder werden konnte. Das war einfach nicht möglich. Das war ausgeschlossen.
Plötzlich spürte sie Vittorias Hand auf der ihren.
»Mama?«, fragte ihre Tochter besorgt.
»Das glaube ich nicht«, stieß Libera heftig hervor und zog ihre Hand zurück.
Es stellte sich heraus, dass die Verhaftung von Amelio Berzaghi mit dem »Tango-Mord von Ortica« zu tun hatte – wie die Zeitungen den Mord an Carlo Viserbelli, einem italienisch-schweizerischen Werbefachmann, betitelt hatten. Viserbelli war vor einem Tanzlokal in der Via Amadeo erschossen worden.
Das war am Samstag vor zwei Wochen passiert, und in der Skandalpresse wimmelte es seither von Artikeln über düstere Nächte voller Laster und Missetaten.
»Ihr habt doch sicher von dem Mord gehört?« Misstrauisch richtete Vittoria ihre Gabel auf die beiden Frauen.
Während Iole den Kopf schüttelte, schwieg Libera vorsichtig. Nie würde sie ihrer Tochter gestehen, dass sie alle in der Città erschienenen Artikel über das Verbrechen vor dem Tanzlokal genau studiert hatte. Die Città war die Nachmittagszeitung, bei der die junge Journalistin Irene Milani, genannt die Smilza, arbeitete. Sie hatte Libera bei manchen Ermittlungen geholfen, und diese schätzte sie sehr. Erst vor ein paar Tagen hatte sie interessiert ein Interview der Milani mit einer gewissen Caterina Marangoni gelesen, einer dunkelhaarigen Schönheit um die vierzig, die offenbar die letzte Freundin des Werbefachmanns gewesen war, bevor sie ihm den Laufpass gab und ihn wegen Stalking anzeigte.
Viserbelli war durch einen Schuss in den Nacken auf dem Parkplatz vor dem Tanzlokal getötet worden, in dem besagte Caterina am selben Abend gewesen war.
War das ein Zufall?
»Ein Verbrechen aus Leidenschaft also?«, fragte Libera.
Vittoria nickte. Zunächst sei der Verdacht auf Caterina Marangoni gefallen, zumal sie für die Nacht des Verbrechens kein Alibi hatte. Nachdem sie das Lokal verlassen hatte, war sie angeblich zu Fuß nach Hause gegangen, doch die Überprüfung ihres Handys wies darauf hin, dass sie mindestens noch bis Mitternacht in Ortica gewesen war. Die Untersuchung der Kripo nach Schmauchspuren an ihren Händen war allerdings negativ gewesen: Caterina hatte nicht geschossen. Wer also hatte den Werbefachmann getötet und warum? Er war ein unbescholtener Mann, der keine Schulden hatte. Viserbelli war erst vor ein paar Jahren aus Lugano nach Mailand gekommen, und die wenigen Freunde, die er hatte, beschrieben ihn als brillanten und höflichen jungen Mann, der Wert auf sein Äußeres legte, nicht zu viel aß oder trank und weder Drogen nahm noch Zigaretten rauchte.
Nicht unbedingt der Typ Mensch, dem jemand vor einem Tanzlokal, während er am Boden kniete, in den Nacken schoss.
»Ein Heiliger also«, prustete Iole los. Ihre Augen funkelten neugierig. »Und wie passt diese Beschreibung zu der Anzeige wegen Stalking?«
»Eben gar nicht«, erklärte Vittoria. »Für die Freunde des Opfers war Caterina Marangoni die Lügnerin. Sie soll die Misshandlungen und das ganze Stalking nur erfunden haben, um sich an ihrem Ex zu rächen, der reicher und jünger war als sie und sehr gut aussah. Leider aber hatte dieses Bild von einem Mann eine Pistole in der Tasche, als der Mord geschah.«
Libera fuhr hoch. Was? Viserbelli hatte eine Waffe bei sich gehabt? Darüber hatten die Zeitungen nichts geschrieben. Vielleicht wussten die Journalisten nichts davon, auch wenn sie so fähig waren wie die Smilza.
»Ist das die Pistole, mit der er umgebracht wurde?«
»Nein.«
Dann war es vermutlich so gewesen, überlegte Libera. Der erfolgreiche Werbefachmann Carlo Viserbelli war gar nicht so unbescholten, wie er alle glauben machen wollte. Er hatte sich vor dem Tanzlokal postiert, in das seine Ex gegangen war. Vielleicht wollte er sie nur treffen oder ausspionieren, vielleicht hatte er auch Schlimmeres vor, da er eine Waffe bei sich trug. Er hatte aber ganz offensichtlich keine Zeit gehabt, sie zu benutzen, weil ihn jemand von hinten überrascht hatte.
Aber wem kam sein Tod gelegen?
