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Benno Liebheit

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Beschreibung

Mörderische Pfalz.

Sommer in Deidesheim: Die Geißbockversteigerung vor dem Rathaus, ein mittelalterlicher Brauch, zieht Schaulustige in Scharen an. Der Industrielle Arthur Otterbach nutzt das ausgelassene Volksfest für die PR seiner neuen Kosmetikserie Celtic Dreams, die am Abend präsentiert werden soll. Deren Gesicht ist Peggy Schwedt, seine hübsche Geliebte und neue Referentin. Am Abend soll auch Otterbachs Verlobung mit Peggy bekannt gegeben werden. Doch der Abend endet dramatisch: Peggy wird ermordet im Stall neben Benno, dem Geißbock, aufgefunden. Stephan Bick, passionierter Hobbykoch und Kriminalkommissar in Ludwigshafen, übernimmt den Fall ...

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Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Informationen zum Buch

Mörderische Pfalz

Sommer in Deidesheim: Die Geißbockversteigerung vor dem Rathaus, ein mittelalterlicher Brauch, zieht Schaulustige in Scharen an. Der Industrielle Arthur Otterbach nutzt das ausgelassene Volksfest für die PR seiner neuen Kosmetikserie Celtic Dreams, die am Abend präsentiert werden soll. Deren Gesicht ist Peggy Schwedt, seine hübsche Geliebte und neue Referentin. Am Abend soll auch Otterbachs Verlobung mit Peggy bekannt gegeben werden. Doch der Abend endet dramatisch: Peggy wird ermordet im Stall neben Benno, dem Geißbock, aufgefunden.

Stephan Bick, passionierter Hobbykoch und Kriminalkommissar in Ludwigshafen, übernimmt den Fall.

Benno Liebheit

Letzter Tanz mit einem Geißbock

Ein Krimi aus der Pfalz

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Schlussbemerkung

Über Benno Liebheit

Impressum

Leseprobe aus: Benno Liebheit – Requiem für einen Saumagen

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Schlägt sechs Uhr dann die Glock’

So ist getan das letzt’ Gebot.

Aus einem Volkslied zur Deidesheimer Geißbockversteigerung

Prolog

Die junge Malerin stand am Geländer der Speyrer Rheinbrücke und blinzelte verträumt in die untergehende Sonne. Von Zeit zu Zeit winkten ihr junge Leute von der Promenade oder von Motorbooten aus zu, aber sie winkte nicht zurück. Sie schien weder die Menschen um sich herum noch den Verkehr oben auf der Brücke wahrzunehmen, denn schließlich war sie gekommen, um zu zeichnen.

Unten im Biergarten suchte eine Reisegruppe nach freien Tischen, ebenso Fahrradfahrer und Mütter mit Kleinkindern, die auf eine Apfelschorle einkehren wollten. Schwitzend eilten die Bedienungen umher, um panierte Schnitzel, Leberknödel mit Sauerkraut und Bratwürste zu servieren. Vom Domgarten trieb der milde Abendwind die Melodie eines Straßenmusikers herüber, der auf dem Xylophon spielte.

Die meisten Gäste sahen nur kurz zu der jungen Frau auf der Brücke, bevor sie sich ihrem Essen zuwandten. Doch ein junger Mann in Radlermontur beobachtete sie aufmerksamer. Irgendetwas an dem Mädchen faszinierte ihn. Obwohl es zart und zerbrechlich wirkte, schien es ihr gar nichts auszumachen, dort oben in der Sonne zu stehen. Als sie in seine Richtung blickte, hob er schnell sein Glas und prostete ihr lächelnd zu.

Sie lächelte vorsichtig zurück. Er freute sich und überlegte gleichzeitig, was sie wohl zeichnen mochte. Den Dom? Die Schiffe und Boote, die hier vor Anker lagen? Die Promenade mit all den Spaziergängern? Der Rhein glitt an dieser Stelle sanft und gemächlich an ihnen vorbei, verträumt wie die Künstlerin selbst, aber kein Einheimischer vergaß, wie trügerisch die Idylle war. Immer wieder kam es während der Sommermonate zu Unfällen, weil Menschen beim Baden die Unterströmungen des Flusses falsch einschätzten und ertranken.

Der junge Radfahrer beobachtete, wie die Malerin den Kopf bewegte. Obwohl er nichts von Kunst verstand, hatte er Lust, einen Blick auf ihre Skizzen zu werfen. Wie lange mochte er mit dem Rad wohl brauchen, bis er bei ihr oben auf der Brücke war?

»Sie wollten zahlen?«

Die rundliche Bedienung, die ihn aus seinen Gedanken riss, hatte müde Augen und trat von einem Fuß auf den anderen. Vermutlich wollte sie Feierabend machen. Trotzdem klang ihre Stimme geschäftsmäßig höflich, als sie ihm sein Wechselgeld herausgab und ihm einen schönen Abend wünschte. Ja, den würde er bestimmt haben. Wenn er es geschickt anstellte, ließ sich die kleine Malerin bestimmt überreden, noch etwas mit ihm trinken zu gehen.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er sein Rad aufgeschlossen und seine Sachen verstaut hatte, doch als er wieder zur Brücke sah, stellte er erleichtert fest, dass sie noch da war. Der Abendwind griff nach ihrem Haar, zerrte es ungestüm unter dem Hut hervor und zerraufte es, bis es ihr in die Augen und über beide Schultern fiel. Auch ihr dünnes Kleid flatterte. Ein wenig eigenartig kam ihm das rote Muster auf dem hellen Blümchenstoff vor, das war ihm zuvor nicht aufgefallen. Als ob sie sich mit Ketchup bekleckert hatte. Ihm fiel nun auch auf, dass ihr Lächeln aufgesetzt und ihre Bewegungen gehetzt wirkten, gerade so, als liefe ihr die Zeit davon. Gewiss, bald war es dunkel, dann konnte sie nicht mehr malen. Aber das allein war doch kein Grund, immer wieder über die Schulter zu schauen, als fürchtete sie sich vor jemandem.

Vor jemandem, der sie zwang, um ihr Leben zu malen.

Nein, das war absurd. Sie stand doch ganz allein dort oben. Der abendliche Berufsverkehr schlängelte sich monoton wie ein Wurm über die Brücke, einige Male musste die Künstlerin Radfahrern ausweichen. Sie tat es, ohne mit der Wimper zu zucken oder den Blick von ihrem Bild zu nehmen. Es schien, als habe sie die Welt um sich herum völlig ausgeblendet und lebte nur noch dafür, ihr Kunstwerk zu vollenden.

Der junge Mann wollte sein Rad wenden, um die Straße hinauf zur Brücke zu suchen, als die Malerin plötzlich einen Satz zurück machte. Mit einer blitzschnellen Bewegung warf sie ihre Zeichenstifte hinunter in den Rhein, dann fuhr sie mit der flachen Hand über ihr Bild, als versuchte sie, etwas darauf auszulöschen oder zu reinigen, was natürlich nicht gelang.

»Was soll das? Die ist wohl verrückt geworden?«, hörte der junge Mann die tiefe Stimme einer Ballonverkäuferin. Sie war mit einem Kind an der Hand bei ihm stehen geblieben und starrte nun ebenfalls zur Brücke hinauf. »Jemand sollte die Polizei rufen!«

Der junge Mann mit dem Rad antwortete ihr nicht, aber plötzlich schnürte ihm Angst die Kehle zu. Kalte Angst, um ein Mädchen, das er nicht einmal kannte. Er spürte, dass dort oben auf der Brücke jeden Moment etwas geschehen würde, das er nicht verhindern konnte. Als die Malerin ihren Skizzenblock über das Brückengeländer warf, blieben weitere Spaziergänger stehen. Handys wurden gezückt; sie hielten das Fallen schneeweißer Blätter fest, die wie Schwalben durch die Luft segelten. Ein paar Jugendliche lachten, weil sie an einen Scherz glaubten.

»Mama, warum macht die Frau das?«, piepste aufgeregt eine Kinderstimme. »Ist ihr Bild nicht schön geworden?«

Die Blätter aus dem Block landeten mitten im Rhein, einige wurden vom Wind aber auch bis ans Ufer getragen. Sie waren leer. Es gab keine Bilder, keine Zeichnungen. Das Mädchen hatte nur so getan, als würde es malen.

»Wir sollten wirklich die Polizei rufen«, jammerte die Frau mit den Luftballons.

Unfähig, ihr zu antworten, hob der junge Mann den Blick; sein Magen verkrampfte sich, als er auf der Brücke etwas aufblitzen sah. Ein Messer? Nein, es waren Handschellen. Die Frau war dabei, sich Handschellen anzulegen. Großer Gott, war sie wahnsinnig geworden?

Neben ihm stöhnte jemand auf, als die Malerin ihr Bein über das Geländer schwang. Was sie vorhatte, wurde nun auch dem letzten Zuschauer klar. Von fern war eine Polizeisirene zu hören.

»Nein, tun Sie es nicht!«

Der Radfahrer erinnerte sich später nicht mehr, ob er oder ein anderer geschrien hatte. Die Malerin war es nicht gewesen.

Sie hatte sich stumm in die Tiefe gestürzt.

1. Kapitel

Deidesheim, Dienstag nach Pfingsten

Die Versteigerung begann wie in jedem Jahr mit dem ersten Glockenschlag der Pfarrkirche St. Ulrich.

Aus allen Gassen und Straßen strömten die Schaulustigen auf den reich geschmückten Platz vor dem Rathaus, darunter viele Ausflügler und Touristen, um einen günstigen Stehplatz zu ergattern. Der Duft von Bratwurst und anderen Köstlichkeiten zog durch die Stadt.

Die Geißbockversteigerung wurde traditionell am Dienstag nach Pfingsten abgehalten, und aus gegebenem Anlass war auch in diesem Jahr die ganze Stadt auf den Beinen, um einem alten Brauch beizuwohnen, der längst den Charakter eines Volksfests gewonnen hatte. Vor dem Museum für Weinkultur unterhielt eine Kapelle die Wartenden mit zünftiger Blasmusik, und begeistert spendete die Menge Beifall, als schließlich die amtierende Weinprinzessin, ein blondes Mädchen in buntem Trachtenkleid, mit einem strahlenden Lächeln aus der Tür trat. Zufrieden blinzelte sie in das Sonnenlicht. Das Wetter war herrlich, nicht ein Wölkchen zeigte sich am blauen Himmel. Nicht nur das Rathaus, auch die stattlichen Fachwerkhäuser, die den Platz umgaben, waren mit Fahnen und bunten Wimpeln geschmückt, die im warmen Sommerwind flatterten. An den geöffneten Fenstern drängten sich die Köpfe der Zuschauer, unten auf dem Platz wurden Kinder auf die Schultern ihrer Väter gesetzt.

Arthur Otterbach wischte sich mit seinem Taschentuch über das schweißnasse Gesicht, während er sich einen Weg durch das dichteste Gedränge bahnte. Ein flüchtiger Blick streifte seine Familie, die er vor dem ›Gasthaus zur Kanne‹, einem traditionsreichen Deidesheimer Restaurant, zurückgelassen hatte.

Wie Wachspuppen, die gleich in der Sonne schmelzen, fand Otterbach und konnte sich ein boshaftes Lächeln nicht verkneifen. Dass sie, allen voran seine Exfrau, in der Sommerhitze auf den Beginn der Versteigerung warten mussten, geschah ihnen recht. Es würde sie vielleicht lehren, ihn nicht noch einmal zu überreden, an diesem Spektakel teilzunehmen. Es hätte ihnen doch klar sein müssen, dass er kein Freund großer Menschenansammlungen war. Die Party, die er später noch geben musste, genügte ihm völlig. Brauchtumspflege hin oder her: Die Musik, die Stimmen der Leute und das Gläserklirren machten ihn benommen. Bedauerlicherweise hatte selbst sein PR-Chef Axel Fleischmann darauf bestanden, den alten Brauch zu nutzen, um die neue Kosmetikserie, die Otterbachs Unternehmen in Kürze auf den Markt bringen wollte, schon jetzt in der Pfalz bekannt zu machen. Aber auch seine Freundin Peggy fand, dass Otterbach sich die Gelegenheit, heimatnah aufzutreten, nicht durch die Lappen gehen lassen durfte. Schließlich bedeutete Werbung alles in seiner Branche. Sollte es ihm gelingen, den Geißbock zu ersteigern und dann einem guten Zweck zuzuführen, würde das morgen in allen Zeitungen stehen. Natürlich durfte Otterbach nicht den Fehler machen, in Interviews zu lange über Kosmetik zu reden, das hatte Fleischmann ihm eingeschärft. Sein Unternehmen sollte nur im Zusammenhang mit dem wohltätigen Projekt erwähnt werden, welches Otterbach großzügig zu unterstützen gedachte.

Otterbach erschrak, als ihm einfiel, dass Fleischmann ihm gar nicht gesagt hatte, was er mit dem Bock vorhatte. Falls der Bürgermeister ihn später im Ratssaal bei der Übergabe des Geldes danach fragen sollte, würde er ganz schön dumm dastehen. Seine Augen stachen wie Nadelspitzen in die Menge, als er versuchte, Fleischmann zu finden. Aber den schien plötzlich der Erdboden verschluckt zu haben.

Otterbach stolperte weiter, bis ihn an der Rathaustreppe jemand anrempelte. Der Inhalt eines randvollen Schoppenglases schwappte über. Otterbach gelang es gerade noch, seinen teuren Markenanzug vor der Weißweinschorle in Sicherheit zu bringen, die direkt vor seinen Füßen auf das Straßenpflaster klatschte.

»Du?«, brummte Otterbach, als er eine rothaarige Frau mit Sonnenbrille erkannte, die ihm in den Weg trat. »Was hast du denn hier zu suchen? Habe ich nicht gesagt, dass die Familie drüben auf mich warten soll? Fleischmann hat seine Kameraleute über die ganze Stadt verteilt.«

Die Rothaarige nahm einen Schluck aus ihrem Schoppenglas. Otterbachs Protest schien sie zu überhören, erst als er sie grob am Arm packte, nahm sie die Sonnenbrille ab und funkelte den älteren Mann an wie eine Fliege, die in ihr Weinglas gefallen war. »Ich habe aber keine Lust, mich in der Sonne braten zu lassen«, sagte sie scharf. »Wie du dich erinnerst, sind wir nicht mehr verheiratet. Die Zeiten, in denen du mich herumkommandieren konntest, sind schon lange vorbei.«

Otterbach ließ die Frau los und blickte sich verstohlen um. Eine Auseinandersetzung mit seiner Exfrau war ein gefundenes Fressen für jeden Paparazzo und würde morgen zweifellos die Klatschspalten füllen. Das war keine Werbung, wie Otterbach sie sich für den Start seiner Werbekampagne wünschte. Als er einige Kameras auf sich gerichtet fand, zwang er sich zu einem Lächeln.

»Was hast du?«, fragte ihn seine Exfrau mit gleichmütiger Miene? »Ist dir nicht gut?«

»Ich möchte dich nur daran erinnern, wie lange du schon meine Gastfreundschaft hier in Deidesheim genießt«, antwortete Otterbach, dessen verkrampftes Lächeln ihm wehzutun begann. »Ein Wort von mir und du kannst deine Koffer packen und verschwinden, Lea!«

Lea Kendal, die einmal Otterbachs Namen getragen hatte, warf ihm einen wütenden Blick zu. Sie lebte bereits seit der Scheidung vor fast zwanzig Jahren in Chicago. Und es ging ihr dort gut. Ihre Ehe mit ihrem zweiten Mann Charles Kendal, einem achtzigjährigen Industriellen, der wie Otterbach in der Kosmetikbranche tätig war, galt als harmonisch, denn Kendal las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Die Sehnsucht nach der alten Heimat, insbesondere nach Deidesheim, überkam Lea dennoch in regelmäßigen Schüben; es war fast wie eine Erkältung, der man nicht ausweichen konnte, so vorsichtig man auch war. Jedes Jahr, und fast immer zu Pfingsten, musste Otterbach damit rechnen, dass Lea ihn anrief, weil sie vom Flughafen abgeholt werden wollte. Otterbach, der sie dann auf Wunsch seiner Söhne Klaus und Heiko in seinem Landhaus, das zwischen Neustadt-Mußbach und dem Städtchen Deidesheim lag, beherbergte, ließ dieses Arrangement gleichmütig über sich ergehen. Er hatte nie begriffen, warum Lea so sehr für die Geißbockversteigerung schwärmte, dass sie alle Hebel in Bewegung setzte, um sie zu besuchen. Kein Aufenthalt in der Pfalz verging, ohne dass sie den Dienstag nach Pfingsten feierte, bis sie so viel Wein im Blut hatte, dass sie kaum noch aufrecht gehen konnte.

Während Otterbach noch überlegte, wie er die zweifellos beschwipste Lea loswurde, sah er schon den nächsten Ärger auf sich zukommen. Er nahte in Gestalt seiner persönlichen Referentin Peggy Schwedt, die sich auf ihren halsbrecherischen Pumps einen Weg durch die Menge bahnte. Die blonde, etwa dreißig Jahre alte Frau runzelte die Stirn, was ihrem Gesicht einen verkniffenen Ausdruck bescherte. Abgesehen davon war sie eine auffallend hübsche Erscheinung. Sie war groß, fast so groß wie Otterbach, und ihre Haut so sonnengebräunt, als habe sie die letzten Wochen auf einer karibischen Insel verbracht. Sie trug ein Sommerkleid mit Goldknöpfen, das ihre schlanken Beine auf höchst vorteilhafte Weise betonte. Ein wenig zu vorteilhaft für Otterbachs Geschmack, der nicht wusste, wie er mit den bewundernden Männerblicken, die Peggy sogleich auf sich zog, umgehen sollte. Für ihn stand außer Frage, dass Peggy es genoss, ihren kurvenreichen Körper in der Öffentlichkeit zu zeigen und sich bewundern zu lassen. Erst nach langem Zögern und viel gutem Zureden hatte er daher seine Einwilligung gegeben, Peggy eine Rolle in dem Werbespot für seine Kosmetikserie zu geben. Peggys Reize sprachen nun mal jeden Kunden an, ihr Lächeln würde Celtic dreams zu etwas ganz Besonderem machen. Die Vorstellung, dass Tausende von Ehemännern ihren Frauen allein wegen dieses Lächelns seine Produkte kaufen würden, zerstreute Otterbachs Zweifel.

Nun aber sah Peggy nur wütend aus. Ihr stechender Blick traf Otterbach wie ein Schlag und wies unmissverständlich darauf hin, wie sehr es sie ärgerte, dass ausgerechnet Lea an seiner Seite war.

»Arthur, was hat diese Frau hier zu suchen?«, fauchte die junge Frau ihn an, kaum dass sie die Treppe erklommen hatte. »Fleischmann filmt schon die ganze Zeit wie ein Bekloppter. Er braucht die Aufnahmen von diesem Ziegenbockfest noch heute Abend für die Präsentation. Das hat er mir jedenfalls gesagt. Willst du, dass später auf seinem ganzen Material deine Ex mit ihrem Schoppenglas zu sehen ist? Es wird Zeit und Geld kosten, um diese Schnapsdrossel wieder vom Bildmaterial zu entfernen!«

Lea bückte sich nach ihrem Weinglas und prostete der erbosten Frau augenzwinkernd zu. »Kein Problem für Arthur Otterbach. Er hat Erfahrung damit, lästige Frauen loszuwerden. Ob mit oder ohne Abfindung. Aber das werden Sie auch noch zu spüren bekommen, Kindchen. Lassen Sie ihm einfach Zeit herauszufinden, worum es Ihnen in Wahrheit geht!«

»Sie …«

»Warum so wütend?« Leas Augenbrauen hoben sich. »Machen Sie sich etwa Hoffnungen?«

»Arthur«, appellierte Peggy an den älteren Mann, »ich bitte dich …«

»Ach, seid ihr schon beim Vornamen angekommen?« Lea erhob die Stimme, ohne sich um die neugierigen Blicke der Leute zu kümmern. »Dabei hatte ich gerade vor, euch miteinander bekannt zu machen.« Der Wein schwappte von neuem über den Rand ihres Glases.

»Peggy, das ist Arthur, mein Exmann. Arthur, Peggy. Im Moment sicher die engagierteste und hingebungsvollste Mitarbeiterin von Arto Cosmetics, die man sich nur wünschen kann. Nur eigenartig, dass kein Mensch sie wirklich gekannt oder auch nur von ihr gehört hat, bevor sie auf ihrem Hexenbesen in dein Büro geflogen kam, Arthur. Aber gut. Nun ist sie da, wie aus dem doppelten Boden eines Zauberhuts gezogen, um deine Firma auf Vordermann zu bringen. Wie lange hat sie gebraucht, um zu deiner persönlichen Referentin befördert zu werden? Man munkelt von zwei Wochen, aber in deiner Branche wird ja so schrecklich viel getratscht.« Sie kicherte, als sie sah, dass Peggy bis zu den Haarspitzen errötete.

»Ein wahrhaft glänzender Aufstieg, meine Liebe. Ich freue mich schon, Sie demnächst im Fernsehen und im Internet bewundern zu können. Wie ich hörte, sind Sie der Shootingstar des kleinen Werbespots für Arthurs neues Gesichtswasser, nicht wahr?«

»Es handelt sich um eine komplette Kosmetikserie«, widersprach Otterbach, der es hasste, wenn jemand über seine Produkte herzog. »Und du, meine Liebe, führst dich unmöglich auf. Wahrscheinlich hast du mal wieder zu tief ins Glas geguckt.«

»Kann sein«, gab Lea achselzuckend zu. »Ich bin ja auch schon seit heute Nachmittag hier. Sonst ließ sich ja niemand aus der Familie erweichen, deine arme Kleine zum Fassschlüpfen zu begleiten. Das Mädchen hatte einen Riesenspaß mit mir. Sie durfte sogar schätzen, wie viel Kohle der alte Geißbock heute wohl einbringen wird. Im vorigen Jahr hast du ihr das nicht erlaubt.«

Otterbach schüttelte den Kopf, er war nahe daran, doch noch die Geduld zu verlieren. Hier in der Sonne zu brüten, während ihm sein italienisches Seidenhemd auf der Haut klebte, war schlimm genug. Doch der Streit der beiden Frauen, die sich wie die Waschweiber ankeiften, war mehr, als er ertragen konnte.

»Was soll ein Kind auch mit dem Gutschein eines Weinguts anfangen?«, brummte er. »Ihre zehnjährigen Schulfreunde zu einer Weinprobe einladen?«

Peggy Schwedt stemmte die Hände in die schmale Taille, was ihr trotz ihrer Traumfigur ein matronenhaftes Aussehen verlieh. Offensichtlich dauerte ihr das Geplänkel auch schon viel zu lange, und die Aufmerksamkeit, die Otterbach seiner früheren Frau schenkte, störte sie mehr als die Fliegen, die um ihren Kopf herum schwirrten. »Bitte hört auf, miteinander zu streiten, ehe die Medien auf euch aufmerksam werden«, sagte sie. »Sonst sehe ich euch heute Abend nicht in der Landesschau, sondern in einem niveaulosen Revolverblatt.«

Lea Kendal warf den Kopf zurück und verlor ihren breitkrempigen Sonnenhut, der elegant die Rathaustreppe heruntersegelte. Sie war unbestritten in die Jahre gekommen und längst nicht mehr die Schönheit, der die Männer einmal in Scharen hinterhergelaufen waren. Hinter den Gläsern der teuren Designersonnenbrille lauerte ein Netz von Falten, gegen die das Make-up, das ihr amerikanischer Mann produzierte, einen aussichtslosen Kampf führte. Ihre goldenen Ringe schmückten maskulin anmutende Hände, die nervös am Saum ihres straff sitzenden Shirts zupften. Doch trotz ihrer eher plumpen Bewegungen hatte Otterbachs ehemalige Frau sich einen Ausdruck von Vitalität und Lebensfreude bewahrt, der ihr ein jugendliches Erscheinungsbild verlieh. Im Vergleich zu ihr wirkte Otterbach alt und verbraucht, da halfen auch seine aufrechte Haltung und sein vom täglichen Training straffer Bauch nichts. Als Peggy ihm nun jedoch das Lächeln schenkte, das er so liebte, verflogen seine schlechten Gedanken im Nu. Ohne auf die Kameras seiner Werbefachleute zu achten, nahm er ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Vergiss Lea, Kleines. Sie kann uns diesen Tag nicht verderben.«

»Fleischmann sieht uns!«

Amüsiert über diese Warnung, lachte Otterbach auf. »Hör mir auf mit Fleischmann«, rief er. »Zum Teufel mit seinen Kameras, Kabeln und Tontechnikern. Ich habe meine Produkte schon vermarktet, da übte Fleischmann noch das kleine Einmaleins und hatte keine Ahnung von Produktvideos und kreativen Storyboards.« Er drückte der jungen Frau einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Glaub mir, mein Schatz. Dein Gesicht wird unsere Marke in der ganzen Welt bekannt machen. Nur dafür habe ich Fleischmann engagiert.«

Peggys leuchtende Augen brachten Otterbach einen Herzschlag lang zum Schweben, aber ein plötzliches Ziehen in der Brust holte ihn schnell von seinem Höhenflug zurück. Otterbach schnappte nach Luft und verzog gequält das Gesicht. Seit er Peggy kannte, bedauerte er, nicht mehr jung zu sein. Das bedeutete aber auch nicht, dass er zum alten Eisen gehörte. Gut, es war heiß und die Luft schwer von Weindunst und Bratwurstduft, doch das war noch kein Grund, schlappzumachen. Er war Otterbach, verdammt. Wenn es darauf ankam, steckte er dieses Volk hier immer noch in die Tasche. Wie durch Watte hörte er nun, wie Peggy ihm etwas zuflüsterte, und spürte Leas Blicke in seinem Nacken. Ehe er den beiden Frauen Rede und Antwort stehen konnte, zerriss plötzlich ein Fanfarenton aus einem Fenster im Rathaus den Lärm der Wartenden, und die Reihen der Zuschauer teilten sich.

»Es ist so weit«, rief Lea und stimmte in den allgemeinen Beifall der Menge ein. Der Platz zwischen Rathaus und St. Ulrich barst nun fast vor Menschen, die sich auf die Zehen traten, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem der in Schwarz gekleidete Auktionator mit seinem Zylinder auf dem Kopf auf die Bühne treten und mit seiner klangvollen Stimme zum ersten Gebot aufrufen würde. Wenige Schritte von Otterbach entfernt, hatten sich einige Männer in farbenfroher historischer Gewandung an einem Tisch niedergelassen. Sie stellten das mittelalterliche Stadtgericht dar, das zu entscheiden hatte, ob der Bock gut gehörnt war und für die Zucht taugte. Weitere kostümierte Darsteller verteilten sich nun als Knechte und Wachsoldaten mit Helmen und Lanzen rund um den Platz, an dem der Tributbock seinem weiteren Schicksal entgegensah.

Die Prozedur konnte beginnen.

»Zeit für dich, wieder zu den Kindern zu gehen«, versuchte Otterbach ein letztes Mal, seine Exfrau fortzuschicken. »Von dort hast du einen viel besseren Überblick und stehst mir auch nicht im Weg herum.«

»Mag sein, aber dort sieht man mich nicht, wenn ich den Arm hebe, um zu bieten.«

Peggy Schwedt starrte Lea argwöhnisch an. »Sie wollen mitbieten? Aber warum?«

»Dumme Frage, meine Liebe. Natürlich, weil ich den Geißbock haben will.«

»Das heißt, Sie bieten gegen Ihren eigenen Mann?«

»Exmann, wenn Sie erlauben!« Lea Kendals Augen blitzten auf. »Das arme Tier hat nach all den Strapazen Besseres verdient, als für eure Werbekampagne missbraucht zu werden. Vielleicht schenke ich den Geißbock ja deiner Kleinen, Arthur!«

»Das werden Sie bereuen, Frau Kendal«, zischte Peggy zwischen den Zähnen hindurch. »Sie sollten sich aus dem Staub machen, bevor ein Unglück geschieht!«

»Fangen Sie doch nicht gleich an zu heulen, nur weil Arthur Ihnen keine Ziege zum Spielen schenken wird. Ihnen bleibt der Ruhm, heute Abend feierlich zur Miss Gesichtswasser gekürt zu werden.«

»Biest!«

Otterbach hielt sich nur mit Mühe zurück, Lea zu ohrfeigen. Wieso um alles in der Welt tat sie das? Woher kam nur ihr ständiger Drang, ihn zu ärgern und herauszufordern? Hatte er sie nicht großzügig abgefunden, nachdem ihnen beiden klar geworden war, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten? Vielleicht wäre ihre Ehe gutgegangen, wenn sie sich mit dem zufrieden gegeben hätte, was er ihr geboten hatte: Wohlstand und Sicherheit. Aber nein, Lea hatte ihm ins Handwerk gepfuscht und bei jeder Gelegenheit widersprochen. Nicht einmal seine Geschäftsfreunde hatte sie mit ihren Ansichten über Politik und Wirtschaft verschont. Der arme Kerl in Chicago, der Lea auf den Leim gegangen war, konnte einem fast leidtun. Vermutlich genoss er Leas Abwesenheit und ließ gehörig die Puppen tanzen, während Arthur sie am Hals hatte. Einen Moment lang erwog Otterbach, seine Drohung wahrzumachen und Lea vor die Tür zu setzen. Und wenn auch nur, um die beleidigte Peggy versöhnlich zu stimmen. Doch er wusste, dass dies unmöglich war. Heute, an diesem für das Unternehmen so wichtigen Tag, durfte er keinen Skandal heraufbeschwören. Niemand sollte einen Grund finden, über ihn und seine Familie zu tratschen. Peggy würde Leas Frechheiten auf der Party schon vergessen. Schließlich war es das gesellschaftliche Ereignis des Jahres.

Während die Zuschauer den mit bunten Bändern geschmückten Bock bestaunten, der just in diesem Augenblick an seinem Strick vor den Holztisch der Männer von Deidesheim geführt wurde, beugte sich Otterbach blitzschnell zu seiner geschiedenen Frau hinunter. Wie zufällig berührten seine Finger dabei ihren Hals.

»Biete ruhig mit, wenn du unbedingt musst«, raunte er ihr mit bedrohlich leiser Stimme zu. »Aber eines solltest du wissen: Bis jetzt ist es noch keinem bekommen, der es gewagt hat, mir auf die Zehen zu treten.«

Der Geißbock stieß ein lautes Blöken aus.

2. Kapitel

Das Landhaus der Familie Otterbach befand sich etwas abseits der Straße nach Deidesheim, inmitten eines nach toskanischem Vorbild angelegten Parks, der von zwei mit Kies belegten Wegen umrahmt wurde. Seit vielen Jahren galt der Garten als wahres Kleinod, in dem nicht nur einheimische Pflanzen, sondern auch Gewächse gezogen wurden, die normalerweise nur in südlichen Gefilden gediehen. Entlang der Auffahrt standen toskanische Zypressen, und der würzige Duft von Piniennadeln, Lorbeer und Lavendel vermischte sich an diesem Abend mit dem Aroma der Köstlichkeiten, die ein Stück weiter oben, auf der von Säulen umgebenen Terrasse, für den großen Empfang angerichtet wurden. Im Wind flatternde Sonnensegel spendeten den Gästen, die Otterbachs Einladung in großer Zahl gefolgt waren, ausreichend Schatten. Zwei livrierte Aushilfen öffneten gläserne Flügeltüren, in deren Scheiben sich die Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten, um frische Luft ins Haus zu lassen. Der Tag war heiß und stickig gewesen, nun waren alle in Erwartung einer frischen Brise, die den festlichen Abend der Präsentation erträglich machen sollte.

Während einige Männer die Zelte und Pavillons auf dem Rasen überprüften, kümmerten sich die Angestellten der Cateringfirma um das Büfett. Neben der Wein- und Sektbar bereiteten sich die Musiker einer Band auf ihren Einsatz vor. Auf Wunsch des Hausherrn sollte vor dem Höhepunkt des Abends, einem Feuerwerk, auf der Südseite der Terrasse getanzt werden. Schon jetzt war das Anwesen vollgestopft mit Journalisten, Werbe- und Fernsehleuten, die zum Leidwesen Ingeborg Otterbachs, der Schwester des Hausherrn, ungeniert ihre Kabel über Rasen und Blumenbeete zogen. Kameras wurden positioniert, grelle Scheinwerfer auf die meterhohen Banner an der Fassade der Villa ausgerichtet, die das Firmenlogo vorteilhaft zur Geltung brachten. Durch das Farbenspiel des neuen Produkts wurde das gesamte Anwesen in einem grünlichen Schimmer gebadet, der noch dadurch betont wurde, dass alle Firmenangehörigen und sogar Otterbachs Hauspersonal an diesem Abend keine andere Farbe trugen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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