Libreville - Janis Otsiemi - E-Book

Libreville E-Book

Janis Otsiemi

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Beschreibung

Wir befinden uns in Libreville. 2008. Der Hauptstadt Gabuns mit ihren glänzenden Fassaden und weiten Slums voller Ratten und Mücken. Der ehemaligen französischen Kolonie südlich der Sahara. In einem Land, in dem die Presse ebenso an der Vetternwirtschaft verdient wie Justiz und Polizei. Ein Jahr vor den Wahlen wird Roger Missang, Journalist der Èchos du sud, am Strand von Libreville nahe dem Palast des Präsidenten der Republik mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Wegen seiner kritischen Untersuchungen über die Korruption in Gabun war er den Mächtigen des Landes ein Dorn im Auge. Für die Presse ist sein Tod offensichtlich ein politischer Mord. Mit den Ermittlungen im Mordfall werden Pierre Koumba Owoula und Hervé Louis Boukinda Envame beauftragt, zwei Polizisten, die ohne die DNA-Analyse und Forensik auskommen müssen. Die technische Ausrüstung ihrer Einheit beschränkt sich auf eine Schreibmaschine aus der de-Gaulle-Zeit.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Janis Otsiemi

Libreville

Ein Kriminalroman aus Gabun

Aus dem Französischenvon Caroline Gutberlet

Dieses Werk wurde mit Unterstützung des französischen Kulturministeriums, Centre national du livre, publiziert.Ouvrage publié avec le soutien du Centre national du livre – ministère français de la culture.

Originaltitel: African Tabloid© JIGAL, 2013Published by Arrangement with Agence litteraire Astier-Pécher

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2017Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet© 2017 Polar Verlag GmbH Hamburgwww.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Der Abdruck des Interviews mit Janis Otsiemi erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Alf Mayer.

Lektorat: Christine LaudahnUmschlaggestaltung: Detlef Kellermann, Robert NethAutorenfoto: © Jimmy GallierSatz/Layout: Martina StolzmannGesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesignDruck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, DeutschlandISBN: 978-3-945133-43-9

Inhalt

Montag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Dienstag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Mittwoch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Donnerstag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Freitag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Samstag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Montag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Dienstag

Kapitel 1

Kapitel 2

Mittwoch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Donnerstag

Kapitel 1

Epilog

Dank

Glossar

Im Gedenken an meine Tochter Janissia.

»Die Toten gehören den Lebenden,die am obsessivsten nach ihnen verlangen.«James Ellroy, My dark places

Dieser Roman ist reine Fiktion. Obwohl er auf Tatsachen beruht, sind die darin beschriebenen Geschehnisse allein der Phantasie des Autors entsprungen: Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten sind rein zufällig.

TITELSEITE

Balkenüberschrift

Ministerrat tagt um 11 Uhr im See-Palast

Schlagzeile + Foto

Die Preise für Lebensmittel explodieren!

Polizei: 300 Neueinstellungen

Afrika Nr. 1: Die Pechsträhne reißt nicht ab

Libreville letzte Nacht wieder im Dunkeln

Brand im PK5: Ein Haus zerstört

Ehemaliger Häftling überfällt Gefängniswärter

Montag

1

Libreville.

Stadtteil Le Plateau.

Drei Uhr nachts.

Die Stadt döste unter einer dicken Nebeldecke. Nur zögerlich befreite sie sich aus den Fängen der Dunkelheit und erwachte langsam zwischen den Splittern einer schmutzigen, moribunden Nacht, bedrängt vom ersten pudrigen Lichtschimmer, der sich am Horizont abzuzeichnen begann.

Um diese Stunde glich Le Plateau einem Friedhof. Doch die Ruhe war trügerisch. Denn beim ersten Hahnenschrei würden die staubigen Straßen im Sturm erobert: dutzende Staatsdiener, diplomierte Arbeitslose auf der Suche nach ihrer ersten Anstellung, Bettler, Gigolos, Ganoven in Anzug und Krawatte wie Bürokraten, Lebenshungrige im rücken- und bauchfreien DVD*1 und hunderte beißende Rauchschwaden furzende Autos.

Le Plateau ist so etwas wie die gabunische Ausführung von La Défense in Paris. Hier befinden sich der Präsidentenpalast, der Amtssitz des Premierministers, verschiedene Ministerien und staatliche Institutionen. Aber sobald die Nacht hereinbricht, erstrahlt das Viertel von tausend Lichtern. Dann lockt es Prostituierte und ein gut betuchtes, buntes Publikum auf der Suche nach starken Emotionen auf die in milchiges Laternenlicht getauchten Gehwege.

Gabun verdankt seinen Namen der trichterförmigen Flussmündung, die Le Plateau umgürtet. Die portugiesischen Forschungsreisenden, die sie 1472 entdeckten, fühlten sich bei ihrem Anblick an die Caban-Jacke der Seeleute erinnert und nannten sie Gabão. Sehr einfallsreich!

Die Stadt Libreville wiederum, die 1849 gegründet wurde, verdankt ihren Namen den freigelassenen Sklaven, die mit dem brasilianischen Sklavenschiff Elizia hier ankamen. Ursprünglich an der Küste rund um das Fort d’Aumale errichtet, breitete sich Libreville immer weiter ins Landesinnere aus.

Die Ausdehnung der Hauptstadt – einst »Milchkuh« von Französisch-Äquatorialafrika – setzte nicht mit der Unabhängigkeit Gabuns im August 1960 ein, sondern erst während des Erdölbooms um die Mitte der Siebzigerjahre. Seitdem ist Libreville eine kosmopolitische Stadt. Sie zieht die Elendsexistenzen aus dem ganzen Land und den Nachbarstaaten an wie eine Kloake die Schmeißfliegen. Das nennt man Landflucht und Wirtschaftsmigration. Doch der gabunische Traum ist ein Trug. Viele haben dies am eigenen Leib erfahren.

Libreville ist ein Chamäleon.

Jeder x-beliebige Tourist, der die Stadt von der Seeseite betrachtet, würde ihr den Reiz einer modernen Stadt mit Bauten aus Glas und Marmor abgewinnen. Aber das ist nur der Baum, der den Wald verdeckt. Hinter der glänzenden Fassade erstrecken sich Wohnsiedlungen unterschiedlichster Art und sumpfige, mit Ratten und Moskitos verseuchte Bidonvilles*.

Die Staatstribüne, Schauplatz der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag, an dem der Unabhängigkeit Gabuns gedacht wird, erhob sich stolz wie ein Maya-Tempel auf dem Boulevard. Sie war im gleichen Stil wie mehrere Verwaltungsgebäude der Hauptstadt erbaut. Kaum dass die Nationalfeier vorbei war, blieb die Tribüne sich selbst überlassen und diente den Irren, Obdachlosen und Kiffern als Treffpunkt und Lagerstätte.

Nicht weit davon entfernt zeichnete sich der futuristische Bau des Musée National des Arts et Traditions vom Nachthimmel ab. Ein leeres Gehäuse, denn die Werke, die es beherbergt, sind nur blasse Kopien. Die echten sind in den Pariser Museen zu bewundern. Die Kolonisation war eben nicht nur ein Zivilisationsauftrag, sondern auch die Plünderung der Güter und Seelen!

Plötzlich flammte in der Ferne, aus der Richtung Präsidentenpalast/Amerikanische Botschaft, ein Lichtkegel auf. Ein Auto brauste heran. Als es sich der Tribüne näherte, bremste es ab und schrappte am Gehweg entlang.

Ein Kerl so lang wie ein Tag ohne Brot stieg aus. Ein zweiter, von mittlerer Statur, folgte ihm zum Kofferraum.

Die beiden Männer zogen etwas heraus. Die Art, wie sie sich beugten, um dieses Etwas aus dem Fahrzeug zu holen, ließ auf eine schwere Fracht schließen. Dann nahmen sie ein wenig Schwung, zählten von drei bis null und schleuderten das Paket ins Wasser.

Anschließend gingen sie zum Auto zurück.

Die Szene hatte keine Minute gedauert. Der Fahrer raste los. Nach ein paar hundert Metern holte er ein Handy aus seiner Sportjacke: »Du kannst wieder ruhig schlafen, Wadsched. Die lästige Schmeißfliege brummt nicht mehr durch deine Träume.«

Damit war das Telefongespräch beendet.

Sein Gesicht zeigte keine Regung.

Sein Kompagnon schob eine CD ein. Schon rieselte Musik aus den Boxen.

1 Alle mit einem * gekennzeichneten Wörter werden im Glossar am Ende des Buches erläutert.

2

An diesem Morgen kam Capitaine Pierre Koumba vor neun zur Arbeit. Auf dem Flur im dritten Stock, wo sich die Büros der Abteilung für Kriminalfälle der Police Judiciaire, kurz PJ*, befanden, herrschte schon Gedränge wie an einem Markttag. Koumba musste sich durch das Gewühl von Füßen kämpfen, um zu seinem Büro an der hinteren Flurecke zu gelangen. Unterwegs warf er einen flüchtigen Blick in das Büro der Ermittler. Minko saß vor seiner Schreibmaschine, die so ratternde Töne vor sich hinspuckte, dass man an eine improvisierte Schneiderwerkstatt denken musste. Der Vergleich kam nicht von ungefähr. Der Raum, den sich die Ermittler teilten, war eine Bruchbude. Abblätternder Putz an den Wänden. Löcher in der Decke. Wacklige Tische und Stühle. Ein kleines angrenzendes Zimmer diente als Ruheraum für den Tagesund Nacht-Bereitschaftsdienst. Ein richtiger Schweinestall. Mit einem verrosteten Bettgestell. Darauf eine magere, staubige, von den Jahren abgewetzte Matratze.

Sicher wieder ein Wochenende mit reichlich Einbrüchen, dachte Koumba.

Libreville war nicht mehr die Stadt von früher. Zahlreiche Viertel waren richtiggehende Banditenhochburgen* geworden, wo sich kein Polizist nach Sonnenuntergang mehr hintraute. Die Kriminalität stieg und stieg: Raubüberfälle, Auslagendiebstähle, Vergewaltigungen … Man musste keinen langen Bic besitzen, wie man hier sagt, das heißt studiert haben, um die Ursachen auszumachen: Armut, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Drogen …

Trotz der frühen Stunde war die Hitze schon brütend. Die Morgendämmerung hatte eine glühende Sonne in die Welt gesetzt. Wie so oft am Äquator.

Als Koumba in sein Büro kam, zog er die Vorhänge zur Seite und öffnete die Nakos, schmale Klappläden aus Holzlamellen. Das Getöse der erwachten Stadt füllte seine Ohren. Das helle, frische Tageslicht breitete sich mit den tanzenden Staubkörnchen in allen Ecken und Winkeln des Zimmers aus.

Koumba ließ sich in einen Sessel fallen und streckte die Beine aus, um die Müdigkeit zu vertreiben. Er schob den beeindruckenden Aktenstapel auf seinem Schreibtisch beiseite. Diese Akten waren sein tägliches Brot. Er zog das auf dem Tisch thronende Radio zu sich heran.

Wie geht es der Welt heute Morgen?

Er drückte die On-Taste des Gerätes. Ein Knistern erfüllte den Raum. Er suchte die Frequenz des panafrikanischen Radiosenders Afrika Nr. 1, um die Morgennachrichten zu hören.

Die Stimme von Franco Luambo Makiadi alias »Großmeister« stieß aus:

»O Mario luka muasiyomoko obala

Mario mosala obe kolinga ba mama mobokoli

Basuka yote Ah!«

Diese Zeilen riefen in Koumba prompt alte Erinnerungen wach. 1985, als Franco seinen bekanntesten Hit Mario im Duo mit Madilu herausbrachte, war Koumba in der zehnten Klasse am technischen Gymnasium. Damals wohnte er bei seiner Tante im Stadtteil Baraka. Was waren das für schöne Zeiten!, dachte er bei sich. Trotz Wirtschaftskrise, trotz der vom Internationalen Währungsfonds aufgezwungenen Strukturanpassungsmaßnahmen und obwohl die Geißel Aids schon ihre ersten Opfer forderte. Auch wenn die Klatschmäuler erzählten, dass Franco daran gestorben war, weil er ein Don Juan war. Egal, ob das stimmte oder nicht, für Koumba war und blieb Franco einer der größten Sänger, den Afrika jemals hervorgebracht hatte.

Heute Morgen war Koumba gut in Form. Die zwei freien Tage hatten ihm echt gutgetan. Für die Jungs, die Bereitschaftsdienst hatten schieben müssen, war das bestimmt nicht der Fall gewesen.

Um dem Lärm und der stickigen Luft von Libreville zu entkommen, hatten Koumba und sein Adjutant Jacques Owoula einen ihrer spontanen Ausflüge nach Lambaréné gemacht.

Mit seinen gut fünfundzwanzigtausend Einwohnern, die überwiegend auf einer Insel im Fluss Ogooué lebten, war der Marktflecken Lambaréné, dessen ursprünglicher Name »Lambareni« auf Galoa »Versuchen wir’s« bedeutet, bekannt für seinen malerischen Charme, die artenreiche Fauna, die wild gebliebene Flora, seine Naturreservate und die schmackhaften Karpfen, die Touristen glücklich machten, aber auch für seine Mädchen mit dem natürlichen Teint. Letztere übten auf die beiden Polizisten freilich die größte Anziehungskraft aus. Deshalb fuhren sie zwei- oder dreimal im Jahr dort hin, immer wenn sich die Gelegenheit dazu ergab.

Sie hatten ihre festen Anlaufpunkte. Sie stiegen jedes Mal im Hôtel des Sirènes ab, das am Stadtrand lag. Sie versäumten es nie, die Büros und das Zimmer des Friedensnobelpreisträgers von 1952, Albert Schweitzer, zu besuchen, der in den Zwanzigerjahren ein Krankenhaus-Dorf gründete, das noch heute seinen Namen trägt. Fragte man früher einen Westler, welche Stadt er in Gabun kennt, lautete die Antwort immer »Lambaréné«. Für viele Gabuner hingegen ist Lambaréné noch heute der Ort, an dem Staatspräsident Léon Mba nach dem Putsch von 1964, den gerade mal eine Handvoll Soldaten durchführte, interniert war. Es musste erst die französische Armee intervenieren, bevor Mba auf seinen Präsidentensessel zurückkonnte. Offiziell hieß es, der gabunische Botschafter in Paris habe mit Berufung auf das Verteidigungsabkommen mit Frankreich um diese Intervention ersucht. Dem war aber nicht so. Fakt ist, dass die französische Intervention von der »Afrika-Zelle« im Élysée-Palast gebilligt wurde. Mit dem stillschweigenden Einverständnis de Gaulles.

Koumba und Owoula waren Freitagabend mit dem Auto nach Lambaréné gefahren. Sonntagnachmittag kehrten sie nach Libreville zurück. Anders als die Hinfahrt war die Rückfahrt nicht so glatt verlaufen. Ab der Höhe von PK12, einem Außenviertel von Libreville, hatte es einen fürchterlichen Verkehrsstau gegeben. Die beiden Polizisten hatten mehr als sechs Stunden gebraucht, um ins Zentrum zu kommen. Eine echte Strapaze.

Gabuns Straßen galten als die teuersten der Welt. Die Nationalstraße war allerdings nur dem Namen nach »national«. In Wirklichkeit war sie ein Kuhtrampelpfad, nichts als Risse und Asphaltfetzen. Mitte der Siebzigerjahre war sie gebaut worden. Damals hatte Libreville um die zweitausend Einwohner. Heute zählt sie mehr als sechshundertfünfzigtausend Seelen mit einem Fuhrpark von schätzungsweise mehr als zwölftausend Fahrzeugen, die meisten aus Europa importiert. Einen derartigen Anstieg der Bevölkerung und des Verkehrsaufkommens hatten die gabunischen Behörden nicht vorgesehen. Freilich hätten sie einige Jahre später, als die Petrodollars die Staatskassen füllten, Anpassungen vornehmen können. Doch dem war nicht so. Die Petrodollars verschwanden in den undurchsichtigen postkolonialen franko-afrikanischen Netzwerken der Françafrique.

Jedes Jahr im Januar war die Nationalstraße, deren erbärmlicher Zustand die Behörden völlig kalt ließ, der Schauplatz eines internationalen Radturniers. Wie die armen Teufel aus Europa es fertigbrachten, auf einer so holprigen Straße unter der tropischen Bruthitze voranzukommen, war unbegreiflich.

Koumba sang den Hit leise mit, obwohl er kein Wort Lingala konnte, eine Bantusprache, die sowohl in Kongo-Brazzaville als auch in der Demokratischen Republik Kongo gesprochen wird:

»Lelo makambo lobi makambo nalembi é

Lelo bitumba lobi kosuana nabaye é

Naboyi kobebisa nzotona mandzaka nalembi ee

Mario nalembi ee

Mario nabaye eee«

Koumba würgte das Radio ab, als er Sergeant Ella aufrecht wie eine Fahnenstange an der Türschwelle erblickte.

»Meine Hochachtung, Capitaine! Colonel Essono bittet Sie in sein Büro.«

Colonel Lambert Essono war Direktor der PJ und seit drei Jahren im Amt. Er war Colonel Edmond Tchicot auf diesem Posten gefolgt, der nach über dreißig Jahren Dienst für die Nationalpolizei in den verdienten Ruhestand verabschiedet worden war.

Die Nominierung von Lambert Essono, einem Fang aus dem Norden, war im Haus wie eine kleine Revolution wahrgenommen worden. Seit vielen Jahren war der Sessel des Generaldirektors nämlich den Myéné aus dem Mündungsgebiet vorbehalten gewesen. Diese Praxis war keine Ausnahme. Sie war Ausdruck einer Geopolitik, die von ganz oben gepredigt wurde. Gabun zählte mehr als fünfzig Ethnien und Volksstämme auf einer Fläche von 267.667 Quadratkilometern.

Colonel Tchicot genoss seine alten Tage einige Kilometer von Libreville entfernt in seinem Heimatdorf. Bei ihm hatten Koumba und Owoula das Räderwerk des Berufes erlernt. Sie verdankten ihm alles. Ihr Fortkommen und ihre Beförderung innerhalb der Nationalpolizei. Der beste Beweis war ihre sichere Unterbringung als Leiter der Abteilung für Kriminalfälle kurz vor seinem Fortgang. Und wie die Klatschmäuler erzählten, zog Colonel Tchicot sogar noch im Ruhestand die Strippen bei seinen zwei Protegierten. Essono hatte deshalb am Tag nach seiner Amtseinsetzung Koumba und Owoula trennen wollen. Koumba hatte sich jedoch mit aller Macht dagegen gewehrt.

Das Trio Lambert Essono, einem Fang, an der Spitze der PJ, Pierre Koumba, einem Punu, und Jacques Owoula, einem Téké, als Leiter der Abteilung für Kriminalfälle, bildete ein schönes Beispiel für die vom gabunischen Staatspräsidenten vielbeschworene nationale Einheit, die real aber nirgends anzutreffen war. Der Tribalismus war im kollektiven Bewusstsein fest verankert.

»Capitaine Owoula ist schon bei ihm«, sagte Ella.

»Gut, ich komme.«

Ella verschwand so schnell er erschienen war, wie ein Geist. Koumba schaute auf die Cartier-Uhr an seinem Handgelenk – eine Nachahmung aus China, die er am Busbahnhof für wenig Geld bei einem Bana-Bana* erstanden hatte. Sie zeigte 8:30 Uhr. Colonel Essono war bekanntermaßen kein Frühaufsteher. Aus dem Bett gefallen oder was?, fragte sich Koumba. Diese Erklärung erschien ihm jedoch nicht besonders glaubwürdig. Vielleicht hat ihm Madame letzte Nacht trockenes Brot zu essen gegeben? Ehefrauen treten ja bekanntlich häufiger in »Sexstreik«. In diesem Fall wird er furchtbar schlechte Laune haben, antizipierte Koumba. Besser man traf einige Vorkehrungen, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Im Bullenpräsidium waren Essonos Wutanfälle legendär.

Koumba drehte die Lautstärke hoch, stand auf und deutete einige Tanzschritte zum Rhythmus der Stimme von Großmeister Franco an, die aus dem Radio erscholl.

»Ko yoka motema pasi te ndako ngaï moto nafutaka

Bilamba nasombela yo natikeli yo souvenir ya bolingo

Oyo ezali na lavage na kotindela yo na bato, muinda

Mario nalembi yo oooo

Kende papa nalembi yo oooo

Bima bima nabaye yo oooo«

Sorgfältig steckte er sein Hemd in die Hose, schloss die Tür hinter sich und steuerte auf das Büro des Colonels zu.

3

Der Alleinherrscher über die PJ trug einen Abacost* und sah darin aus wie ein Minister auf Urlaub. Er war in die Lektüre eines Berichts vertieft und beachtete Koumba nicht, der seinen Allerwertesten auf den Stuhl neben Owoula platzierte. Die beiden Polizisten sahen sich an und tauschten einen stummen Morgengruß.

Hinter ihrem Rücken tauchte Ella auf.

»Colonel, hier ist die Wiedervorlagemappe, um die Sie gebeten haben.«

Essono hob den Kopf und schob seine Brille ein Stück nach unten.

»Bist du da, Koumba?«, fragte er in einem förmlichen und unpersönlichen Ton.

»Ja, Chef.«

Essono legte seinen Kugelschreiber auf den Schreibtisch und schob die Brille wieder hoch. Er blätterte die Aktenmappe durch, die ihm Ella gereicht hatte. Diese Pflichtlektüre war zu einer Tradition geworden, seit sich Essono an der Spitze der PJ befand.

Egal, ob es regnete oder die Sonne schien, jeden Montagmorgen zitierte Essono den Direktor der Abteilung für Kriminalfälle und seine rechte Hand zu sich. In ihrem Beisein machte er eine Bestandsaufnahme der kriminalistischen Vorgänge der vergangenen Woche. Auf diese Weise hatte er ein Auge auf alle laufenden Fälle. Er hatte sich groß auf seine Fahnen geschrieben, der schleppenden Bearbeitung den Kampf anzusagen. Seit er die Zügel der PJ in die Hand genommen hatte, machte er ihnen das Leben schwer.

»Wie weit seid ihr mit den beiden Bürschchen, die das Büro des Bürgermeisters vom 3. Arrondissement geplündert haben?«

Mit diesen Worten eröffnete Colonel Essono den Kampf.

»Freitagmorgen mussten wir sie zusammen mit ihrem Hehler laufen lassen, Colonel«, sagte Koumba.

Essono nahm sein Binokel von der Nase und schwang mit dem Stuhl zurück.

Koumba fuhr fort:

»Wir haben den Computer und den Drucker wiedergefunden. Beides hatten sie einem Typ aus dem Senegal namens Ibrahim verkauft. Die Gerätschaften wurden dem Bürgermeisteramt zurückgegeben, ebenso der Packen Gemeindesteuermarken.«

Letzte Woche in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war im Büro des Bürgermeisters vom 3. Arrondissement der Gemeinde Libreville eingebrochen worden. Die Diebe hatten sich über das Dach Zugang zum Gebäude verschafft und die Decke durchgebrochen. Die Watch* hatten nichts gehört. Wie auch? Prasselnder Regen hatte alles übertönt.

Da kein Bargeld zu finden war, hatten die Diebe einen Computer, einen Tintenstrahldrucker und einen Packen Gemeindesteuermarken im Wert von 500.000 CFA-Francs* mitgehen lassen. Diese Marken waren es auch, die sie den PJ-Beamten ins Netz gehen ließen. Händler auf dem Mont-Bouët-Markt meldeten der Polizei, dass zwei Jugendliche, getarnt als Angestellte aus dem Rathaus des Oberbürgermeisters, Marken zum Kauf anbieten würden. Auf dem Bullenpräsidium hatten sie alles gestanden. Sie führten die Ermittler in das Haus des Senegalesen, an den sie die Bürogeräte verscherbelt hatten. Der Senegalese landete als Hehler in der gleichen Zelle wie die Jugendlichen. Keiner der drei war polizeilich aktenkundig. Doch nach allem, was die Ermittler an Erkundungen einholen konnten, war klar, dass es nicht das erste krumme Ding war, das die Jugendlichen gedreht hatten. In ihrem Viertel verdächtigte man sie einiger kleinerer Einbrüche, aber mangels Beweisen hatte man sie nicht dingfest machen können. Ibrahim war Straßenhändler in Petit-Paris. Allerdings wusste hier jeder, dass dieser Beruf eine Tarnung für anderweitige, längst nicht so unschuldige Geschäfte war. Mit seiner Aufenthaltserlaubnis war aber alles in Ordnung.

Der Bürgermeister hatte seine Anzeige zurückgenommen. Die beiden überführten Jungs wohnten in seinem Arrondissement. Sie kamen von den »Vereinigten Staaten von Akébé«, einem großen Bidonville, in dem er bei den letzten Gemeindewahlen die meisten Stimmen erhalten hatte.

Colonel Essono versah die Akte aus der Wiedervorlagemappe mit dem Vermerk »Erledigt« und lehnte sich wieder in seinen Sessel zurück.

»Am Samstagmorgen hat mich Minister Mébalé angerufen. Er ist mit seiner Geduld bald am Ende.«

Koumba wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Diese Sache stahl ihm kostbare Lebenszeit.

In Gabun führt man den Titel »Minister der Republik« lebenslänglich! Auch wenn einer schon viele Jahre nicht mehr auf der Regierungsbank sitzt, lässt er sich »Monsieur le Ministre« rufen. Odilon Mébalé, gut zehn Jahre allmächtiger Minister für Bergbau und Erdöl, war einer von ihnen.

Dem Minister Odilon Mébalé war eines schönen Freitagabends auf dem Parkplatz des Hotels Mont de Cristal ein Scheckheft aus seinem Wagen gestohlen worden, während er sich mit einem jungen Mädel verlustierte, das er einige Tage zuvor vor den Toren eines Gymnasiums aufgegabelt hatte. Er dürfte es wohl nicht gleich gemerkt haben. Aber drei Tage später kreuzten im Abstand von zwei Stunden zwei Typen in den Filialen der Gabunischen Entwicklungsbank BGD* in Oloumi und im Stadtzentrum auf. Sie ließen sich ein stattliches Sümmchen von zwei Millionen CFA-Francs auszahlen. Keine Kleinigkeit in diesen rauen Zeiten. Aber es hätte noch schlimmer kommen können. Das Konto von Odilon Mébalé wies nämlich ein Guthaben von 50 Millionen CFA-Francs auf!

Als er den Vorfall meldete, hatten sich die Polizisten gar nicht erst gefragt, wo und wie er zu so viel Geld gekommen war. Für sie war klar, dass auch er sich aus dem Staatssäckel bedient hatte. In Gabun war Korruption ein Nationalsport! Mébalé war, soweit bekannt, nicht als Geschäftsmann tätig, was ein solches Barvermögen gerechtfertigt hätte. Und allein Gott wusste, ob er nicht noch andere Konten besaß! In den fünf Jahren als Generaldirektor für das Budget im Wirtschafts- und Finanzministerium, den elf Jahren an der Spitze des Ministeriums für Bergbau und Erdöl und inzwischen sieben Jahren als Honorable* im Abgeordnetenhaus, dem Friedhof der Barone des Regimes, hatte er sich eine ordentliche Rente für seine alten Tage anhäufen können.

Das sprang einem in die Augen wie die Nase mitten im Gesicht. Nach Meinung der Ermittler war es ein und derselbe Typ, der unter falschen Namen – Mouketou Alphonse und Moubamba Dieudonné –, aber mit demselben Führerschein, jedenfalls der Nummer zufolge, an den Schaltern der BGD erschienen war und die vier Millionen kassierte. Diese Art von Dokumenten war leicht zu fälschen, man brauchte nur einen PC und einen Drucker. Abgesehen davon waren die zwei Namen sicher frei erfunden.

Der Typ, der das Scheckheft geklaut und sich daran gütlich getan hatte, kam zweifellos aus dem näheren Umfeld des Ministers Mébalé. Er hatte seine Unterschrift so perfekt nachgemacht, dass ihm die Kassierer bei Vorlage der Namensschecks die vier Millionen aushändigten, ohne den leisesten Verdacht zu schöpfen. Ein weiteres Detail machte die Ermittler stutzig: Minister Mébalé war ein Punu aus Mouila; die Namen, die der Dieb verwendet hatte – Moubamba und Mouketou –, erinnerten beide vom Klang her an die Punu-Sprache. Der Verdacht war daraufhin auf einen der Neffen des Ex-Ministers gefallen, der einiges auf dem Kerbholz hatte. Er war ein Dandy und als Draufgänger und Partylöwe bekannt.

Vor drei Jahren war er auf dem Flughafen von Libreville festgenommen worden, als er sich mit 25 Millionen CFA-Francs in einem Aktenkoffer nach Paris absetzen wollte. Das Geld hatte er sich aus dem Safe seines Onkels »geborgt«.

Die Polizei schnappte ihn frühmorgens in seinem Stammbordell in der Cité Damas im 4. Arrondissement. Auf der Polizeiwache hatte er im »Purgatorium« in den schwieligen Fängen von Owoula und Minko, die für ihre nicht ganz sauberen Methoden im Bullenpräsidium bekannt waren, in die Flasche geschissen*. Tatsächlich eilte den beiden Ermittlern der Ruf einer hundertprozentigen Geständnisquote voraus: Wen sich Owoula und Minko vornahmen, gestand. Aber in diesem Fall bissen sie auf Granit. Odilon Mébalés Neffe stritt alles ab. Kategorisch. Allen Torturen zum Trotz, die man ihm zufügte. Am Ende mussten die Polizisten ihm glauben. Seit Bullengedenken war keiner ohne ein vollumfängliches Geständnis oder zumindest das Eingeständnis irgendeiner Tat aus dem Purgatorium entlassen worden. Doch hier hatten sie es anscheinend mit einem zähen Hund zu tun.

»Es gibt nur noch eine Möglichkeit, wie wir ihn kriegen können«, sagte Koumba. »Er wird in den nächsten Tagen sicherlich unter einem der uns bekannten oder einem anderen falschen Namen bei einem Schalter der BGD auftauchen.«

Owoulas Gesicht verhärtete sich. Man konnte sehen, dass er Koumbas Mund nicht teilte*. Er hielt seine Bedenken nicht länger zurück:

»Du trinkst Wasser mit der Gabel, Koumba.«

»Wir warten schon eine Woche darauf, dass er irgendwas tut. Und vermutlich werden wir noch lange warten müssen. Vielleicht eine Ewigkeit.«

»Warum sagst du das?«, fragte Essono.

»Dieser Typ scheint sein Metier gut zu kennen. Vielleicht gehört er sogar zu einer Bande von Scheckräubern.«

»Ein Grund mehr. Und, was sagen eure Informanten?«

»Bis jetzt scheint keiner von dieser Geschichte gehört zu haben«, sagte Koumba.

»Bleibt an der Sache dran.«

Colonel Essono nahm sich die nächste Akte in der Wiedervorlagemappe vor.

»Und was ist mit den beiden Jungs, die verdächtigt werden, die Clips mit ihren Freundinnen ins Internet gestellt zu haben?«

Da sich Owoula um diesen Fall kümmerte, der seit einigen Tagen viel Aufhebens machte, ergriff er das Wort und sagte mit dem ihm eigenen markanten Téké-Akzent:

»Sie sitzen immer noch im Bunker. Der Oberstaatsanwalt hat den Polizeiarrest um 48 Stunden verlängert.«

»Wir sind Ihren Anweisungen gefolgt, Colonel«, sagte Koumba. »Im Purgatorium haben wir sie nicht zu hart rangenommen, um keinen Ärger mit den Eltern zu bekommen. Sie streiten alles ab.«

»Na, dann können wir nur hoffen, dass der um zwei Tage und drei Nächte verlängerte Arrest ihnen die Zunge löst.«