Liebe in der Psychotherapie - Reinhardt Krätzig - E-Book

Liebe in der Psychotherapie E-Book

Reinhardt Krätzig

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7,99 €

Beschreibung

Wenn Psychotherapeut und Patient einander sympathisch sind, geht die Arbeit leichter. Was ist aber, wenn die Gefühle stärker werden und man sich in seinen Therapeuten verliebt? Was ist zu tun, wenn der die Gefühle nicht teilt und was, wenn der ebenso Liebe spürt? Muss man solche Gefühle unterdrücken, weil sie den Prozess stören oder darf man sie fühlen und auch darüber sprechen? Sind solche Gefühle etwas Privates oder haben sie mit der Behandlung zu tun? Dieses Buch gibt Ihnen Antworten. Eine Liebe zwischen Patient und Behandler bedeutet etwas vollkommen anderes, als eine Liebe außerhalb. Nur wenn sie als Teil der Behandlung verstanden wird, entstehen mit ihr großartige Möglichkeiten für die persönliche Entwicklung und Heilung. Wird sie aber als Hinweis verstanden, den therapeutischen Rahmen zu verlassen, zu flirten und Zärtlichkeiten zu beginnen, vielleicht mit der Perspektive auf eine Zweierbeziehung, sind diese Chancen verspielt. Oft folgt große Enttäuschung und viel zu oft entsteht auch sexueller Missbrauch. Der Autor erläutert detailliert, wie vielfältig sich die Liebe in der Psychotherapie zeigt und wie damit angemessen umgegangen werden kann. Er verknüpft seine Erfahrungen so mit den bewährten Denkmodellen und Handlungsansätzen aus seiner langjährigen Praxis, dass ein praktischer Ratgeber für Behandler und betroffene Patienten entstanden ist.

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Seitenzahl: 264

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DISCLAIMER/ HAFTUNGSAUSSCHLUSS

In diesem Buch werden psychologische Ratschläge gegeben. Alle Ideen, Konzepte und Vorgehensweisen wurden sorgsam geprüft. Dennoch weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass dieses Buch keine medizinische oder psychologische Therapie ersetzt und dies auch nicht beabsichtigt. Die Umsetzung der Ideen in diesem Buch erfolgt auf eigene Verantwortung. Eine Haftung für Personen- und Vermögensschäden aller Art wird grundsätzlich ausgeschlossen. Mit dem Lesen dieses Buches erklären Sie sich mit diesem Disclaimer/ Haftungsausschluss einverstanden und verzichten auf jegliche Ansprüche gegenüber dem Autor.

Für die Liebe als Weg der Heilung –

innerhalb

eines intakten therapeutischen Rahmens

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

BOTSCHAFT

WIE OFT GESCHIEHT DAS?

3.1 Reaktionen von Betroffenen

3.2 Fazit

LIEBE

4.1 Eine Definition

4.2 Zuneigung und Abneigung als Orientierungshilfe

4.3 Ähnlichkeit, Liebe und Lebensthema

4.4 Der Irrtum der romantischen Liebe

4.5 Liebe erwartet etwas

4.6 Begriff: Herzensbegegnung

4.7 Echte Gefühle

LIEBE UND SICHERHEIT

5.1 Sicherheit und Gefahrenmodus

5.2 Keine Therapie ohne Sicherheit

RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE LIEBE IN DER PSYCHOTHERAPIE

6.1 (Psycho-)Therapie erzeugt Zuneigung

6.2 Hierarchie der Beziehung beachten

6.3 Berührung und Körperkontakt

6.4 Sprache als Mittel der Berührung

LIEBE IN DER PSYCHOTHERAPIE

7.1 Übertragung

7.2 Mit einer Übertragungsliebe umgehen

7.3 Erotik und Liebe als Schutzinstrument

7.4 Gefühle des Therapeuten

7.5 Liebe auf beiden Seiten

7.6 Wie geht der Therapeut mit seinen Gefühlen um?

7.7 Abbruch der Therapie

WENN THERAPEUTEN ZUM PROBLEM WERDEN

8.1 Schlecht ausgebildet oder kriminell?

8.2 Wenn die Grenzen überschritten wurden

8.3 Anforderungen

DIE LIEBE ALS WEG DER HEILUNG

9.1 Sicherheit, Lernen und Gegenwart

9.2 Liebe als Wegweiser – zu unerfüllten Bedürfnissen

9.3 Liebe lernen

9.4 Transfer ins Außen

9.5 Ertrag einer Herzensbegegnung

9.6 Am Ende der Therapie

NACHWORT

BERICHTE VON BETROFFENEN

11.1 Frau S. – Zweigleisig und dennoch enttäuscht

11.2 Frau H. – Eine gut laufende Therapie abgebrochen

11.3 Frau N. – Nach wie vor in guten Händen

11.4 Frau L. – Es war richtig, die Scheu zu überwinden

11.5 Frau T. – Schmerzhafter Abbruch

11.6 Frau B. – Es musste erst 5 Monate reifen

11.7 Frau G. – Etwas in mir wird zur Heilung eröffnet

LITERATURVERZEICHNIS

1 Vorwort

Für mich fing das Thema „Liebe in der Psychotherapie“ damit an, dass mich eines Tages eine Patientin damit konfrontierte, dass sie in mich verliebt sei. Im gleichen Atemzug sagte sie, dass sie deswegen die Therapie sofort abbrechen wollte, da so eine Liebe ja keine Perspektive habe. Wenige Worte später verließ sie die Praxis. Ich sah sie nie wieder.

Die Therapie war bis dahin gut gelaufen und sie war längst noch nicht abgeschlossen. Mit etwas mehr Zeit wäre sicher sehr viel mehr für die Patientin herausgekommen, als sie jetzt mitnahm. Aber die Liebe hatte sich „dazwischen gestellt“ und für sie nur diese radikale Lösung zugelassen. Das fand ich sehr bedauerlich und führte schließlich dazu, dass ich anfing, mich mit dem Thema näher auseinanderzusetzen.

Die Liebesgefühle der o.g. Patientin waren mir im Vorfeld nicht entgangen. Ich hatte sie als dichte, emotional aufgeladene Atmosphäre wahrgenommen. Doch ich hatte nie darüber mit ihr gesprochen, vielleicht aus Scham, vielleicht aus Unsicherheit. Mir fehlte einfach die Kenntnis, konstruktiv mit solchen Gefühlen im therapeutischen Setting umzugehen.

Nachdem ich mich eine ganze Weile mit dem Thema beschäftigt und meine Erkenntnisse dazu zusammengeschrieben hatte, veröffentlichte ich diesen Aufsatz im Internet auf meiner Webseite, überzeugt, dass sich dieses Thema damit für mich erledigt hat. Das vorliegende Buch belegt, dass es anders kam. Es waren die unerwartet zahlreichen Reaktionen auf diese Veröffentlichung, die mich weitermachen ließen. Viele Betroffene hatten den Aufsatz gefunden und meldeten sich, um Rat und Hilfestellung für ihre Liebesgefühle gegenüber ihren Therapeuten oder Therapeutinnen anzufragen. Es waren zunächst ausschließlich Patientinnen, die sich hier meldeten. Viele hatten nicht gewagt, ihrem Therapeuten von ihrem Erleben zu erzählen und es mit sich allein ausgemacht. Entsprechend waren sie dankbar, etwas darüber zu lesen und sich mit jemanden darüber auszutauschen. Andere hatten dem Therapeuten ihre Liebe benannt und damit unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Manche berichteten über den Abbruch der Therapie durch den Therapeuten oder gar über distanzierte und entwertende Reaktionen. In wenigen Fällen wurde mir von körperlicher Annäherung berichtet und den entsprechend negativen Folgen. Bis in die Gegenwart erhalte ich solche Schreiben. Viele berichten über sehr unglückliche Verläufe, aber es melden sich auch Betroffene, die über sehr gelungene Begegnungen mit ihren Therapeuten berichten. Offenbar gelingt es inzwischen mehr Therapeuten mit der Liebe Ihrer Patienten angemessen umzugehen.

An dieser Stelle möchte ich mich für die vielen Zuschriften und Kommentare bedanken. Bei der Erstellung dieses Buches habe ich diese berücksichtigt. Im Abschnitt 3.1, Reaktionen von Betroffenen, gehe etwas näher auf die Berichte ein, analysiere und fasse zusammen, was da an Nöten besteht. Im Anhang, im Abschnitt 11, wird außerdem – mit Zustimmung der betroffenen Personen – eine kleine Auswahl von E-Mails wiedergegeben.

2 Botschaft

Ich bin überzeugt, dass die Liebe in der Psychotherapie eine sehr viel größere Bedeutung hat, als ihr allgemein zugestanden wird. Für manche Patienten ist sie sogar das einzige Heilmittel für ihre seelischen Wunden.

Die Liebe kann aber nur dann zu einem positiven, stärkenden Faktor werden, wenn sie als Teil der Behandlung verstanden wird und darin den Platz erhält, der ihr zusteht: Geduldet, gefördert, akzeptiert und manchmal auch deutlich begrenzt.

Die Einhaltung des Rahmens der Behandlung hat dabei einen ganz besonderen Stellenwert. Nur in ihm können sich diese ganz besonderen zwischenmenschlichen Beziehungen entfalten, die Psychotherapie erst möglich machen und in denen auch Zuneigung und Liebe ihren Platz finden können.

Das gelingt nur, wenn von allen Beteiligten verstanden wird, dass eine Liebe, die sich innerhalb einer Behandlung entfaltet, nicht dasselbe ist, wie eine Liebe außerhalb davon. Auch wenn sich das genauso anfühlt, haben diese Gefühle eine andere Bedeutung und dürfen niemals miteinander verwechselt werden. Dies schließt auch die Gefühle aufseiten des Therapeuten ein. Zuneigung, Liebe oder eine erotische Anziehung zu einem Patienten sind nicht seine private Angelegenheit, sondern Behandlungsgegenstand. Kann der Therapeut damit nicht umgehen, muss er sich Hilfe holen. Somit dient dieser Text auch dem Ziel, dem Missbrauch innerhalb von Behandlungen etwas entgegenzusetzen.

Ich habe auch einzelne Fälle erlebt, in denen eine starke Zuneigung die therapeutische Arbeit behinderte oder gar unmöglich machte. Die Liebe ist also nicht einfach nur etwa Positives, sondern immer besonders und verschieden. Schubladendenken führt hier nicht weit. Jede Liebe muss sehr genau betrachtet werden und nur wenn das gelingt, wird sie zum Wegweiser in der Therapie und führt zu zentralen und unbedingt zu bearbeitenden Themen.

Ich habe den Verdacht, dass das vorliegende Buch vorrangig von betroffenen Patientinnen gelesen wird. Es wendet sich aber ausdrücklich auch an Therapeuten, um diese zu einem anderen Umgang mit dem Thema anzuregen. Ich möchte die Kollegen, die bisher in ihrer Arbeit die „nahen“ Gefühle zwischen Patient und Therapeut nicht zugelassen und vielleicht sogar zurückgewiesen haben, dazu bewegen, sich auf das spannende Experiment einzulassen, offen mit ihren Patienten über deren Erleben zu reden und so gemeinsam gute und heilsame Atmosphären zu schaffen. Damit das gelingt, muss der Therapeut immer wieder auch sich selbst zeigen, also sein eigenes Erleben und das eigene Betroffen sein. Dies allerdings in einer Weise, die dem Rechnung trägt, was für den Patienten gut und stimmig ist.

Ich möchte dazu ermutigen, sich von der Angst zu befreien, die eigenen Grenzen nicht ausreichend wahren zu können. Ein Therapeut, der sich emotional zu sehr mit seinem Patienten verstrickt hat, sollte mit den vorliegenden Informationen wieder auf sicheren Boden zurückfinden können oder hinreichend angeregt sein, entschlossen für sich Hilfe zu suchen. Im Text werde ich noch öfter darauf hinweisen, dass jede Verstrickung mit einem Patienten, genauso wie starke Emotionen (gleich welcher Art) auf Seiten des Therapeuten, immer auf eigene, nicht hinreichend bearbeitete psychische Themen des Therapeuten hinweisen. So etwas kann oft nur mit Hilfe von einem hinzugezogenen Fachmann, also von einem Psychotherapeuten oder Supervisor gelöst werden.

Übrigens, das Versagen eines Therapeuten fängt nicht dann an, wenn er sich verliebt oder sonst wie verstrickt, sondern erst dann, wenn er sich dafür keine Hilfe holt.

Eine kleine Warnung an betroffene Patienten

Die Rückmeldungen zu diesem Buch zeigen, dass viele Patientinnen nicht wissen, wie sie mit ihren intensiven Gefühlen umgehen sollen. Denen, die jetzt vielleicht schon die Anregung mitnehmen, beim nächsten Termin den Therapeuten anzusprechen, möchte ich aber die Warnung mit auf den Weg geben: Nicht jeder Therapeut ist in der Lage, offen über Liebe und Sympathie zu reden. Manche reagieren panisch und beenden unter Umständen sogar eine ansonsten gute Arbeit. Bleiben Sie also vorsichtig, tasten Sie sich langsam vor! Das klingt sicher für manche merkwürdig, denn eigentlich liegt die Aufgabe des Abwägens von Vorsichtsmaßnahmen beim Therapeuten und nicht beim Patienten. Aber Therapeuten sind auch nur Menschen und damit eben auch begrenzt und fehlbar.

Tatsächlich sollte Therapie etwas ganz anderes ermöglichen. Sie sollte der Rahmen sein können, in dem man über alles reden kann. Ohne darüber nachdenken zu müssen, welche Folgen das hat. Wenn das nicht hier möglich ist, wo dann sonst? Auch wenn es also noch Zukunftsmusik ist, geht die folgende Aufforderung an Therapeuten und Patienten:

Wagen Sie sich an intensive Gefühle heran! Finden Sie Worte

und Bilder dafür und sprechen miteinander darüber!

Sprechen Sie also über alles, was Sie am Miteinander beschäftigt. Finden Sie Worte für Ihre Kritik, genauso wie für Ihre Zuneigung, für die Zweifel ebenso, wie für das Vertrauen. Sprechen Sie so viel wie nötig, um eine angenehme, aber auch intensive Atmosphäre miteinander zu erreichen! Diese kann dann der Boden für neue emotionale Erfahrungen sein. Viele Heilungsprozesse werden dadurch gefördert, manche sind überhaupt erst möglich. Der therapeutische Rahmen bietet dafür eine hervorragende Basis.

Liebe in der Therapie ist aber noch viel mehr als ein zweckgebundenes und zweckgerichtetes – der Heilung dienendes – Geschehen. Sie führt Menschen nahe zueinander, erzeugt Intensität und macht oft schlichtweg Freude. Sie ist ein großartiges Potential. Es nicht zu nutzen, wäre Verschwendung.

Übrigens …

Lange Zeit war ich überzeugt, dass meine Betrachtungen über die Liebe in psychotherapeutischen Begegnungen nur für die Psychotherapie relevant sind. Doch die Reaktionen auf den schon benannten Artikel auf meiner Webseite machten deutlich, dass das Thema auch andere Behandlungsfelder betrifft. Die Liebe zwischen Behandler und Patient findet man also nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in Arztpraxen, bei der Physiotherapie, beim Coach oder beim Heilpraktiker. Offenbar ist kein Behandlungssetting ausgenommen. Überall dort, wo sich Menschen anderen Menschen zuwenden, entstehen Beziehungen. Und manchmal ist Zuneigung dabei, die so stark wird, dass sie Liebe genannt werden kann.

Inhaltlich bleibt mein Fokus dennoch vorrangig bei der Psychotherapie. So stammen alle benannten Beispiele nur aus diesem Arbeitsfeld. Aber die Warnungen, Empfehlungen und Hinweise, die ich herausarbeite, sind für andere Behandlungsfelder ebenfalls interessant und anwendbar.

3 Wie oft geschieht das?

Wie ist das überhaupt mit der Liebe in der Therapie? Wie oft kommt so etwas vor? Geschieht es regelmäßig oder eher selten? Hat das in der Therapie Erlebte wirklich etwas mit der Liebe zu tun, wie wir sie aus dem „wirklichen“ Leben – außerhalb einer Psychotherapiepraxis – kennen? Sind es nur kleine Momente einer Liebelei, Zeit überdauernde Erscheinungen großer Gefühle oder etwas ganz anderes?

Für einen ersten Versuch für Antworten auf diese Fragen schaue ich auf das, was ich durch eine Vielzahl von Mails und Telefonaten mit Betroffenen erfahren habe. Ich habe diesen Austausch gesichtet und sortiert.

3.1 Reaktionen von Betroffenen

Zuerst waren es ausschließlich Reaktionen auf meinen Aufsatz „Herzensbegegnungen in der Psychotherapie“1, der seit 2009 kostenlos im Internet zugänglich ist. 2015 erschien die erste Auflage dieses Buches und führte zu weiteren Reaktionen und Rückmeldungen.

Bis auf wenige Ausnahmen waren es bisher (2020) überwiegend Patientinnen, die in verschiedenen Phasen des Prozesses waren und mehr oder weniger verzweifelt nach Rat und Hilfe suchten. Nur wenige Männer, die sich als Patienten mit dieser Fragestellung herumschlagen, haben sich gemeldet. Die Zahl der Therapeuten, die sich an mich wendeten, lässt sich an zwei Händen abzählen, es waren vor allem Frauen, die es wagten, sich mit Ihren Problemen zu zeigen. Die meisten nahmen Kontakt per E-Mail auf, wenige per Telefon. Es gab auch einige Anfragen nach kostenpflichtiger Beratung/Supervision/Therapie. Wenige reisten dazu aus der Ferne an, einigen genügte der Kontakt per Skype oder per Telefon.

Einige Beispiele für solche Emails von Betroffenen befinden sich am Ende des Buches im Anhang.

Abbildung 1. Reaktionen auf den Aufsatz

Die Berichte lassen sich in sechs Schubladen einteilen, ich gehe zuerst auf die näher ein, die am häufigsten auftraten.

3.1.1 Verliebt und unsicher was zu tun ist …

Diese Patientinnen spürten eine deutliche Liebe zu ihrem Therapeuten und hatten mit dem Therapeuten darüber noch nicht gesprochen, weil sie nicht wussten, in welche Richtung sie sich bewegen dürfen. Viele haben Angst, die Therapie dadurch zu verlieren, wenn sie sich offenbaren. Manche haben auch das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, also diese Gefühle gar nicht haben zu sollen. Anderen ist es einfach peinlich, dass dieses Klischee „verliebt in den Therapeuten“ jetzt auf sie zutrifft.

Einzelne hatten schon Andeutungen gegenüber dem Therapeuten gemacht und waren dabei auf negative Reaktionen gestoßen, wie: „Das gehört nicht hierher, damit müssen Sie wohl allein klarkommen“; „Nein, lassen Sie das, das stört hier nur“; „Jetzt reißen Sie sich mal zusammen“; „Da war ich wohl zu freundlich mit Ihnen“. Alles Äußerungen, die deutlich machen, dass bei den Therapeuten eine falsche Vorstellung über die Bedeutung dieser Gefühle existiert.

3.1.2 Offenbart und zurückgewiesen

Am Zweithäufigsten waren Berichte über Therapeuten, die sich nach der Äußerung von Zuneigung und Liebe mehr oder weniger abrupt abgewendet haben. Einige Therapeuten verschlossen sich emotional, zeigten sich nur noch betont sachlich und arbeiteten nur noch über die Sachthemen, andere brachen die Therapie sogar abrupt ab. In einzelnen Fällen wurde nicht einmal ein Abschlussgespräch angeboten. Die betroffenen Patientinnen waren massiv verunsichert und verletzt und standen in ihrer Not allein da. Der eben noch verfügbare Therapeut war aus der Reichweite verschwunden. Aus dieser Not heraus haben sie dann im Internet nach Erfahrungen von anderen Betroffenen gesucht und waren dabei auch auf meinen Artikel gestoßen. Da ich annehme, dass man sich nicht mit Leichtigkeit einem fremden Autor anvertraut, gehe ich von einer großen Dunkelziffer aus. Es muss sehr viele Therapeuten geben, die ihre Patienten so schmählich verlassen.

Ich greife hier einmal vorweg und behaupte, dass dies Behandlungsfehler sind. Entweder agieren die Therapeuten in der Gegenübertragung oder bringen private Erfahrungen und eigene Unsicherheiten in die Therapie ein. Damit will ich nicht ausdrücken, dass sich Therapeuten nicht abgrenzen dürfen, dies verlangt bei einem so sensiblen Thema aber die ganze therapeutische Handwerkskunst. Selbst wenn der Therapeut die Liebesgefühle nur als Ablenkung oder Widerstand erlebt, sagen sie etwas über den therapeutischen Prozess aus.

3.1.3 Nach dem Störfall, wie geht es weiter

An dritter Stelle in der Häufigkeit sind die zu nennen, die sich aufgrund der Enttäuschung nach der Beendigung der Therapie und einer mehr oder weniger unklar erfolgten Trennung von dem Behandler darum bemühten, für sich selbst wieder in eine Klarheit zu kommen und das alles verarbeiten zu wollen. Bei diesen Personen sind nicht wenige dabei, die dem Instrument Psychotherapie nicht mehr vertrauen. Mein Ratschlag, den Vorfall mit einem anderen Behandler im Rahmen einer weiteren Psychotherapie zu bearbeiten, stieß selten auf Zustimmung.

3.1.4 Der therapeutische Rahmen wurde verletzt

Eine vierte Gruppe – zahlenmäßig eher selten in den Kontakten zu mir – sind die nach Hilfe suchenden Patientinnen, bei denen der therapeutische Rahmen bereits überschritten war. In manchen Fällen durch Berührungen und Zärtlichkeiten, in anderen Fällen zumindest in einem veränderten Umgang im Miteinander deutlich. Die Therapiezeit wurde nicht mehr so rigoros eingehalten, es gab Begegnungen außerhalb der Therapie, private Telefonate oder einen WhatsApp-Austausch. Die Patientinnen waren sich unsicher, ob das alles so noch richtig war, ob es in Ordnung war, die Therapie fortzusetzen und gleichzeitig einen privaten Kontakt zu haben. Offenbar gibt es Behandler, die kein Problem darin sehen, beides gleichzeitig zu tun. Vielleicht, weil sie überzeugt sind, es tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Ebenen zu tun zu haben: Einer privaten, zu der auch die liebevollen Gefühle gehören und einer geschäftlich/sachlichen, die unabhängig davon betrieben werden kann. Aus meiner Sicht ist das ein fataler Irrtum.

Offenbar kommt es auch öfter vor, dass Therapeuten in diesen Zwittersituationen alle möglichen Versprechungen in Bezug auf die gemeinsame Zukunft machen. „Wir machen erst die Therapie zu Ende und danach entscheiden wir dann, wie es mit uns gemeinsam weiter geht“, ist noch eine harmlose Variante. Viele versprechen viel mehr, zum Beispiel: „Nach dem Ende der Therapie, trenne ich mich von meiner Partnerin und dann beginnen wir unsere Beziehung.“

Hält er sein Versprechen?

Zu Gruppe vier gehören auch die, die am Ende der Therapie darauf warteten, dass die Therapeuten ihre Versprechen – nach dem Ende der Therapie doch klare Verhältnisse zu schaffen und sich von ihren sonstigen Partnern zu trennen oder ähnlich – jetzt endlich wahr machten. Das zögerliche und weiterhin unklare Verhalten der Therapeuten irritierte und führte zum Verdacht, ausgenutzt worden zu sein. Es sind sehr wenige gewesen, die sich mit dieser Thematik beschäftigten.

3.1.5 Positive Berichte

Es gibt nur wenige Stellungnahmen zu positiven Verläufen. Ich vermute, dass ich deshalb davon so wenig mitbekomme, weil die, bei denen es gut läuft, überhaupt nicht auf die Idee kommen, andere Betroffene zu finden und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Interessant ist, dass bei den positiven Verläufen der Anteil von weiblichen Therapeuten deutlich überwiegt. Offensichtlich gelingt es Frauen besser, professionell mit intensiven Gefühlen umzugehen. Ich habe nur einen einzigen Bericht bekommen, in dem sich eine Therapeutin mit einer Patientin zu sehr eingelassen und nachher Probleme hatte, sich angemessen abzugrenzen. In diesem Fall war es aber nicht um eine homoerotische Beziehung gegangen, die Behandlerin hatte sich vielmehr als gut meinende und hilfsbereite Begleiterin gezeigt und war dabei weit über ihre Möglichkeiten und Grenzen hinausgegangen. Das Leid für die betroffene Patientin war deshalb nicht geringer als in anderen Fällen.

3.2 Fazit

Wenn ich den Austausch mit betroffenen Patienten zusammen mit meinen Erfahrungen betrachte, komme ich zu dem Schluss, dass die Liebe in der Behandlung offenbar kein seltenes Phänomen ist, aber ausgesprochen häufig unangemessen damit umgegangen wird. Auf Seiten der Behandler fehlen augenscheinlich Erfahrungen mit dem Thema, vielleicht auch Wissen über dessen Stellenwert und tatsächliche Bedeutung.

Vermutlich wird nicht jeder Behandler mit diesem Thema konfrontiert. Sicher trifft jeder hin und wieder auf Sympathien, ein vorsichtiges Mögen des Gegenübers und auch kleine Momente von emotional dichtem Miteinander. Sicher kennt auch jeder, dass er/sie mit manchen Patienten lieber arbeitet als mit anderen und sich auf manchen vielleicht auch regelrecht freut.

In den meisten Begegnungen wird sich die Intensität der Gefühle auch nicht viel weiter entfalten. Eine „große“ Liebe entsteht, jedenfalls in meiner Praxis, eher selten. Aber wer weiß, wie viele Patienten auch bei mir ihre Gefühle für sich behalten haben.

Im nächsten Abschnitt möchte ich, als Vorbereitung für die weitere Vertiefung, erst einmal definieren was ich unter Liebe verstehe.

1 Krätzig, R. (2009)

4 Liebe

Zur Einführung in das Thema möchte ich auf die Liebe selbst und ihren ganz besonderen Stellenwert für uns Menschen schauen. Ich mache auf einige weit verbreitete Irrtümer über die Liebe aufmerksam und stelle Überzeugungen vor, die ich als Grundlage für den hier vertretenen Ansatz wichtig finde. Dazu gehört zum Beispiel die Ansicht, dass Liebe zwar oft von allein geschieht, dass sie aber auch lernbar ist. Wäre sie dies nicht, hätten wir wenig Spielraum in der Therapie. Ich bin auch überzeugt, dass es die „wahre“, „richtige“, „echte“ Liebe nicht nur als einmaliges Geschehen gibt, sondern dass diese immer wieder geschehen kann. Man kann sich also öfter in höchst intensiver Weise verlieben.

Ich gehe auch auf die enge Verbundenheit von Liebe mit dem Thema Sicherheit ein und erkläre, wieso die Liebe ein „Resonanzphänomen“ ist, also eher da entsteht wo Ähnlichkeit gegeben ist. Dann schaue ich noch auf die „romantische Liebe“ und die damit häufig zusammen gedachten Irrtümer über die Liebe. Das halte auch deshalb für wichtig, weil die Liebe durch diese Fehlannahmen oft gewaltig überhöht wird.

4.1 Eine Definition

Es gibt viele Definitionen von Liebe und es würde einige Bücher füllen, die verschiedenen Auffassungen gegeneinander abzuwägen. Ich habe mich für diese entschieden:

Liebe die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein

Mensch einem anderen Menschen entgegenbringen kann.

Diese Überzeugung teile ich mit Wikipedia2, was bedeutet, dass es zumindest eine ganze Reihe von Menschen gibt, die damit übereinstimmen.

4.1.1 Liebe ist lernbar

In dieser Definition ist mir wichtig, dass die Liebe kein abgehobenes, einsames Geschehen ist, sondern sich in ein Erlebensspektrum einordnet. Sie ist die stärkste Variante von etwas, das es auch in schwächerer Form gibt. Zuneigung und Wertschätzung sind wesentliche Bestandteile. Es entspricht meiner Erfahrung, dass Liebe etwas ist, was man lernen, vorbereiten und aufbauen kann. Auch wenn die Liebe in ihrer intensivsten Form etwas Beeindruckendes ist und sie darin oft nicht beeinflussbar scheint, hat sie doch irgendwann ihren Anfang. Auch wer nie Liebe erfahren hat, kann damit beginnen, sich ihr zu nähern, indem er beispielsweise lernt, mit Zuneigung und Wertschätzung umzugehen. Auch diese Fähigkeiten kann man sich schrittweise aneignen. Erste Schritte sind zuzuhören, hinzuschauen, sich für jemand anderen zu interessieren und sich in ihn hineinzuversetzen, andere Meinungen und Empfindungen ernst zu nehmen und gelten zu lassen, freundlich zu sein, Fragen zu stellen …

Im Abschnitt 9.3 - Liebe lernen, auf Seite →, gehe ich näher auf die damit verbundenen Aufgaben ein.

4.1.2 Liebe ist eine individuelle Gefühlsmischung

Die Liebe ist kein reines Gefühl, das heißt, sie ist nicht eines der angeborenen Grundgefühle, wie Angst, Wut, Ekel, Freude und Trauer. Sie ist vielmehr ein Bündel, eine Mixtur verschiedener Gefühle. Diese Mischung ist bei jedem Menschen etwas anders zusammengestellt. Darin finden sich auch negative beziehungsweise belastende Komponenten. Zur Liebe gehört auch die Angst, nicht geliebt zu werden oder eine Liebe wieder zu verlieren. Es wird als sehr belastend erlebt, wenn die eigene Liebe nicht erwidert wird und deshalb nicht gelebt werden kann. Liebe kann sich auch in komplette Ablehnung, Abscheu oder sogar Hass verwandeln.

Die individuelle Gefühlsmischung, die ein Mensch als Liebe erlebt, entsteht vor allem in der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Hier lernt der Säugling sein Liebesalphabet. Er erfährt, was er bekommen kann, was er dafür geben muss und welche Regeln dabei für ihn gelten. Er lernt, welches Verhalten belohnt wird und welches nicht. Er findet heraus, was Ursachen für Unwohlsein sind und wie er selbst darauf einwirken kann, die Umstände zu gestalten. Er wird auch begreifen, wo er machtlos ist und abhängig von den Launen anderer.

Das alles ist wesentlich von den Fähigkeiten der Mutter (oder deren Ersatz) und den anderen nahen Bezugspersonen abhängig, aber auch vom weiteren sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. Die Unstimmigkeiten, die eine Mutter in ihrer eigenen Kindheit erfahren musste, fließen oft ungebrochen in diesen Prozess ein. Die Unfähigkeiten und Fehler früherer Generationen werden weitergegeben und werden auch das Leben dieses Säuglings prägen. Alles, was hier gelingt oder eben nicht gelingt, beeinflusst das weitere Leben einer Person. War in den frühen Lebensabschnitten zu wenig Liebe zugegen, dann wird die Suche nach Liebe einen besonderen Stellenwert im weiteren Leben haben. Fatalerweise wird der, der mit zu wenig Liebe aufwächst, auch in seinem zukünftigen Bemühen darum nur wenig Ertrag erringen. Wer gelernt hat, dass sich sein Bemühen um Liebe nicht lohnt, wird er auch später vergebliche Kämpfe führen oder sogar überhaupt keinen Einsatz mehr zeigen. Den aus der Kindheit mitgebrachten Schemata kann man in der Regel nur mit viel Bemühen entkommen, zum Beispiel durch Psychotherapie.

Was für ein Schema setzt eine Patientin in Szene, die sich in ihren Psychotherapeuten verliebt? Vielleicht hatte ihre Liebe auch schon in ihrer Kindheit keine Chance auf eine Realisierung. Vielleicht weil der Vater nicht da war oder die Mutter von Herzen kalt. Welche Erfahrung fehlt der Patientin also? Die Erfahrung, dass ihre Gefühle beantwortet werden, dass jemand da ist, der diese wahrnimmt und in Resonanz damit tritt. Muss der Therapeut dazu in eine Zweierbeziehung mit der Patientin eintreten? Nein, er muss sich nur von Herzen offen, zugewandt und interessiert zeigen und eine Atmosphäre schaffen, in der die Liebesgefühle der Patientin existieren dürfen. Verschließt er sich den Gefühlen der Patientin wird nur ihre Kindheit erneut in Szene gesetzt.

4.1.3 Liebe ist vielfältig

Liebe ist eine Gefühlsmischung, die sich je nach Kontext der Begegnung in sehr unterschiedlicher Intensität und Qualität zeigt. Die Liebe zwischen Mutter und Kind ist anders als eine Geschwisterliebe, wobei diese zwischen Brüdern anders ist als zwischen Schwestern oder zwischen Bruder und Schwester. So ist auch jede Liebe zwischen Verwandten in den verschiedenen Konstellationen jeweils eigen und einmalig, ebenso wie die „junge Liebe“ der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich von der „alten Liebe“ bei Paaren in langjährigen Beziehungen deutlich unterscheidet. Wieder anders ist die Liebe in einer von der Vernunft geborenen Beziehung, die sich vermutlich anders anfühlt als eine „romantische“ Liebe. Auch in verschiedenen

Kulturen sind das Erleben und der Stellenwert der Liebe jeweils anders. Liebe zeigt sich darüber hinaus immer in zwei verschiedenen Richtungen, die sich ebenfalls in ihrer Qualität voneinander unterscheiden. So ist die Liebe der Mutter zum Kind anders als die des Kindes zur Mutter.

Abbildung 2, Vielfalt der Liebe

Es gibt ein sehr weites Feld von Konstellationen, in denen Liebe von Bedeutung ist. Liebe zur Natur, zu Gott, zu Tieren, zu Dingen und Umständen seien hier nur angedeutet. Es ist daher wenig sinnvoll, generelle Aussagen finden zu wollen. Im Folgenden möchte ich mich deshalb vorrangig mit den Varianten der Liebe befassen, denen wir im psychotherapeutischen Kontext begegnen. In anderen Begegnungsfeldern zwischen Behandlern und ihren Patienten/Klienten/Kunden sind die Erscheinungsformen vermutlich ähnlich oder sogar identisch.

4.2 Zuneigung und Abneigung als Orientierungshilfe

Wir sind von Natur aus soziale Wesen. Unsere über 3 Millionen

Jahre dauernde Evolution gelang vor allem deshalb, weil wir unsere Leistungsfähigkeit und kulturellen Fortschritte als eng kooperierende Gruppenmitglieder entwickelten. Unser Sozialverhalten ist also Teil unseres Seins und daher ist ein Mensch immer auf andere Menschen bezogen. Ein Mensch ohne Bezug zu anderen Menschen wäre kein Mensch. Logischerweise würde er gar nicht existieren, weil ein Mensch ohne Mutter nicht entsteht und ohne Begleitpersonen nicht überlebt. Man kann einen Menschen zwar in der Retorte „erzeugen“, aber nicht mit Maschinen ins Leben bringen. Dazu braucht er andere Menschen, die ihn in das Leben im sozialen Kontext hineinbegleiten. Aber auch, wenn ein Mensch erwachsen und damit scheinbar unabhängig von anderen ist, bleibt er immer im Bezug. Tatsächliche Unabhängigkeit gibt es für einen Menschen nicht.

Dabei geht es mir nicht um die Qualität der Bezogenheit. Der Mensch als soziales Wesen muss kein sozialer Gutmensch sein. Sein Bezug zu den Mitmenschen kann ebenso von Hass, Ignoranz, Egozentrik oder anderem bestimmt sein. Auch der übelste Menschenhasser ist in seinem Hass bezogen auf Menschen, ebenso wie der Eremit, der sich den Menschen entzieht, um sich zu definieren. Sie alle sind genauso bezogen wie beispielsweise eine einfühlsame Krankenschwester, nur eben mit einem anderen Vorzeichen.

Auch die Tötung eines anderen Menschen ist eine Bezugnahme. Voraussetzung für die Tat ist, diesen Anderen als existent zu akzeptieren. Erst dann kann sich das eigene Erleben auf den Anderen richten und in der Folge das Sein des Anderen als störend erlebt werden. Wäre der Andere für den Täter nicht von Belang – wie die Fliege, die entfernt schwirrt – würde er ihn nicht töten müssen.

Auch wenn es oft nicht bis in unser Bewusstsein vordringt, nehmen wir unsere Mitmenschen immer wahr und taxieren diese auch. Das geschieht auch in der Anonymität großer Menschenansammlungen, genauso wie in nur kurzzeitigen Gemeinschaften, wie zum Beispiel in der U-Bahn oder an der Kasse im Supermarkt. Auch wenn es im dichten Gedränge nur zur Koordination zu dienen scheint – wer weicht wem aus – sind unsere Sinne aktiv. Weiter unten werde ich noch näher auf die Aktivitäten unseres Autonomen Nervensystems eingehen, hier sei nur kurz angedeutet, dass wir in unserem Kopf noch genauso funktionieren wie in der Urzeit, d. h. wir befinden uns in einer gefährlichen Welt, in beständiger Gefahr und müssen uns entsprechend absichern, ob wir von Feinden umgeben sind oder eben nicht.

Weil das so ist, stellt sich immer die Frage danach, wer uns beim Auftreten von Gefahren am ehesten schützen würde. Woran erkennen wir so etwas?

4.2.1 So orientieren wir uns im Miteinander

Im Prinzip ist es ganz einfach: Wir suchen die Nähe zu denen, die wir mögen und weichen denen aus, die wir nicht mögen. Es sind Zuneigung, Anziehung, das Gernhaben und auch die Liebe, die uns helfen, den für uns richtigen und das bedeutet auch den sichersten Platz in der Gemeinschaft der Mitmenschen zu finden.

Für das Überleben eines Menschen in der Urzeit war es wesentlich, dem zu folgen, was ihn anzieht. Die Liebe und ihre Vorstufen erzeugen Anziehung und führen ihn sicher zu den für ihn richtigen und wichtigen Menschen. Dabei können wir einige Faktoren unterscheiden.

a) Ähnlichkeit

Den größten Teil unserer Existenz lebte unsere Spezies in kleinen Gruppen. Die Personen darin waren sich ähnlich, sie verhielten sich nach denselben Regeln und sprachen dieselbe Sprache. Die Nähe der Gruppe versprach Sicherheit. Deshalb gilt bis in die Gegenwart:

Ähnlichkeiten sind Vertrauen erweckend und daher anziehend.

Dabei geht es auch um die sichtbare Erscheinung – einschließlich Kleidung, Bildung und sozialem Status. Sie ist der Bezugspunkt für eine oberflächliche Ordnung. Treffen Menschen unterschiedlicher Ethnien zusammen, werden sich die meisten zu ihrer eigenen Volksgruppe gesellen. Bei Gruppen mit unterschiedlichem Alter bilden sich homogene Altersgruppen. Sind in einer gemischten Gruppe einige ähnlich gekleidet, finden diese zueinander.

Bei Jugendlichen dient oft eine sehr strenge „Kleiderordnung“ (einschließlich Frisur, Körperhaltung und Sprache) als Ausdruck für die Zusammengehörigkeit einer Gruppe. Autofahrer, die die gleiche Marke fahren, beachten einander mehr als andere Verkehrsteilnehmer. Auch Bildung und sozialer Status gehören zu dieser ersten Ebene. Ähnlichkeiten führen dazu, dass sich Menschen sympathisch sind und zueinanderstreben.

b) Häufige Begegnung

Auch innerhalb der kleinen Gemeinschaften in der Urzeit gab es Unterschiede. Manchen begegnete man darin häufiger als anderen und damit gab es auch mehr Möglichkeiten, sich aufeinander zu beziehen und sich näher zu kommen. Auch diese Regel gilt bis heute: Je näher Menschen zueinanderstehen, desto eher werden sie einander auch im Fall einer Gefahr helfen.

Menschen, denen man häufig begegnet, fühlt man sich mehr verbunden als denen, die man seltener sieht.

c) Das Wissen, von jemandem gemocht zu sein. Nun mag man nicht jeden, den man öfter sieht, aber:

Man mag einen Menschen besonders, von dem man weiß, dass dieser einen mag.

Auch wenn man dies nur vermutet, fühlt man sich dennoch mehr zu einem solchen Menschen hingezogen. Vielleicht ist auch diese Regel mit der damit verbundenen vermehrten Sicherheit zu erklären: Wer einen mag, wird einen auch eher beschützen.

d) Attraktivität

Es gibt noch einen weiteren Anlass für eine Anziehung, der (zumindest auf den ersten Blick) nicht in dieses Erklärungsmuster passt.

Menschen schenken ihre Zuneigung denjenigen, die sie attraktiv finden.

Offenbar wird von dem positiven Merkmal der Attraktivität unbewusst auf weitere positive Eigenschaften dieses Menschen geschlossen, wie etwa Ehrlichkeit, Intelligenz, Güte, Ausdauer, Kompetenz etc. Dieses sogenannte Attraktivitätsstereotyp führt dazu, dass schöne Menschen in praktisch allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bevorzugt behandelt werden. Attraktive Kinder etwa bekommen in der Schule bessere Noten. Gutaussehende Erwachsene können vor Gericht mit milderen Strafen rechnen, treffen in Notlagen auf mehr Hilfsbereitschaft und erhalten mitunter höhere Gehälter. Ein Zusammenhang zwischen physischer Attraktivität und Wahlerfolg wird mittlerweile erforscht. Auch wenn die Wirkung des Attraktivitätsstereotyps sehr gut dokumentiert ist, sind die Gründe, die zu der Gleichsetzung des Schönen mit dem Guten führen, kaum nachgewiesen. Schönheit schön zu finden, ist jedenfalls nicht anerzogen. Untersuchungen haben gezeigt, dass schon sechs Monate alte Babys sich gern schönen Menschen zuwenden. Außerdem findet man dieses Phänomen in allen Mythen, Kulturen und Sprachen und ebenso in der Tierwelt.