Liebe ist ein Wunder - Mila Summers - E-Book
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Liebe ist ein Wunder E-Book

Mila Summers

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Beschreibung

Als Mary vom Tod ihrer Granny erfährt, ist sie am Boden zerstört. Schließlich war sie ihre einzige noch lebende Verwandte. Umso mehr sehnt sich Mary in das kleine Hotel in den Catskills zurück, das Gästen wie Familie in New York Citys Naherholungsgebiet immer offenstand und nun ihr Erbe sein soll. Noch ehe Mary weiß, was sie mit dem Vermächtnis ihrer Großmutter anfangen soll, lernt sie den Herzensbrecher Dylan kennen. Dieser hat mit den vernichtenden Rezensionen seines Hotels zu kämpfen, die seine Ex-Freundin im Internet verbreitet. Für ihn steht alles auf dem Spiel, denn es geht um nichts weniger als seine nackte Existenz. Mary könnte der Schlüssel zur Lösung all seiner Probleme sein. Sie könnte aber auch ganz neue schaffen …

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Mila Summers

 

Liebe ist ein Wunder

 

 

 

 

Über das Buch:

Als Mary vom Tod ihrer Granny erfährt, ist sie am Boden zerstört. Schließlich war sie ihre einzige noch lebende Verwandte. Umso mehr sehnt sich Mary in das kleine Hotel in den Catskills zurück, das Gästen wie Familie in New York Citys Naherholungsgebiet immer offenstand und nun ihr Erbe sein soll.

Noch ehe Mary weiß, was sie mit dem Vermächtnis ihrer Großmutter anfangen soll, lernt sie den Herzensbrecher Dylan kennen. Dieser hat mit den vernichtenden Rezensionen seines Hotels zu kämpfen, die seine Ex-Freundin im Internet verbreitet. Für ihn steht alles auf dem Spiel, denn es geht um nichts weniger als seine nackte Existenz. Mary könnte der Schlüssel zur Lösung all seiner Probleme sein. Sie könnte aber auch ganz neue schaffen …

 

 

 

Über die Autorin:

Mila Summers, geboren 1984, lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Würzburg. Sie studierte Europäische Ethnologie, Geschichte und Öffentliches Recht. Nach einer plötzlichen Eingebung in der Schwangerschaft schreibt sie nun dramatische und humorvolle Liebesromane mit Happy End und erfreut sich am regen Austausch mit ihren LeserInnen.

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Bisher von der Autorin erschienen:

»Manhattan-Love-Stories«

Irresponsible desire (Band 1)

Irrepressible desire (Band 2)

Irresistible desire (Band 3)

 

»Liebe-ist-Reihe«

Liebe ist nur mit Dir

Liebe ist ein Glücksfall

Liebe ist ganz nah

Liebe ist ein Wunder

 

»Tales of Chicago«-Reihe

Küss mich wach (Band 1)

Vom Glück geküsst (Band 2)

Ein Frosch zum Küssen (Band 3)

Küsse in luftiger Höhe (Band 4)

Zum Küssen verführt (Band 5)

 

»Social-Web-Trilogie«

Instafame oder Gummistiefel in Acryl

Facebook Romance oder nach all den Jahren

Twinder oder die Irrungen und Wirrungen der Liebe

 

Alle Teile sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Allerdings gibt es ein Wiedersehen mit den Protagonisten der vorhergehenden Bücher.

 

Weitere Bücher der Autorin:

Vielleicht klappt es ja morgen. Liebe in (wahlweise Hamburg, Leipzig, Wien oder Würzburg)

Rettung für die Liebe

Liebe lieber einzigartig

Küsse unter dem Mistelzweig

Auf einmal Liebe

Sommer, Sonne, Strand und Liebe – Nele & Josh

Liebe und andere Weihnachtswunder

Der erste Sommer mit dir

Ein zauberhaftes Weihnachtsgeschenk

Schneegestöber (Charity-Buchprojekt für die Stiftung Bärenherz in Wiesbaden)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MILA

SUMMERS

 

 

Liebe ist ein Wunder

 

Roman

 

 

 

 

Deutsche Erstauflage Dezember 2019

Copyright © Mila Summers

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: Jil Aimée Bayer

Covergestaltung: Nadine Kapp

Covermotiv: Shutterstock © Galina Tcivina / Oksana Shufrych

 

Impressum:

D. Hartung

Frankfurter Str. 22

97082 Würzburg

 

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

[email protected]

 

 

 

 

 

 

Die Liebe ist langmütig,

die Liebe ist gütig.

Sie ereifert sich nicht,

sie prahlt nicht,

sie bläht sich nicht auf.

Sie handelt nicht ungehörig,

sucht nicht ihren Vorteil,

lässt sich nicht zum Zorn reizen,

trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht,

sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles,

glaubt alles,

hofft alles,

hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf.

(1. Kor 13,4-8)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Danksagung

Weitere Bücher der Autorin

Liebe ist – Reihe

Weihnachtsromane

Sommerromane

Kapitel 1

 

Mary

 

»Was ist denn hier passiert?«

Zu Lounas Füßen hatte sich eine Pfütze gebildet. Daneben lagen eine Kuchenschüssel und ein Kochlöffel samt Teig. Auf dem Herd verbrannte gerade die Milch im Topf. Der Gestank versetzte mich schlagartig in meine Kindheit in den Catskills zurück. Obwohl meine Granny auch heute noch eine begnadete Köchin war, ließ sie sich nur allzu gerne von den Gästen ihres Hotels ablenken und vergaß dabei schon mal das ein oder andere Gericht auf dem Ofen.

Hastig überwand ich die wenigen Schritte bis zum Herd und schob den Topf zur Seite. Die Griffe waren so heiß, dass ich mir die Finger daran verbrannte. Unter lautem Fluchen eilte ich zur Spüle, drehte den Hahn auf und ließ eiskaltes Wasser über meine Fingerkuppen laufen. Schon viel besser.

Erst jetzt fiel mir Lounas merkwürdiger Blick wieder ein, als ich die Küche betreten hatte. Ruckartig drehte ich mich zu ihr um und musste erkennen, dass sie noch immer wie angewurzelt an Ort und Stelle stand.

»Louna? Alles okay bei dir?«

Sie hatte ihre Hände auf ihren kugelrunden Bauch gelegt. Meine Finger bitzelten, während ich fieberhaft versuchte, die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zu verbinden.

»Louna, wann ist noch mal der Entbindungstermin?«

Meine Stimme klang heiser. Wenn ich mich nicht täuschte, dann war Louna soeben die Fruchtblase geplatzt. Ich hatte keine Ahnung, was zu tun war. In Filmen fuhr man direkt in die Klinik. Oder sollte ich besser einen Rettungswagen rufen? Wo war eigentlich Steven?

Meine Gedanken überschlugen sich, während ich zu meiner Freundin eilte, die noch immer wie gelähmt dastand, ihren Bauch umfasste und zu Boden starrte.

Als ich sie mit meiner Hand berührte, sah sie mich abwesend an.

»Es sind doch noch zehn Tage«, sagte sie mit belegter Stimme. Sie schien unter Schock zu stehen. Tja, da waren wir schon zu zweit. Doch irgendwas sagte mir, dass zumindest eine von uns beiden einen kühlen Kopf bewahren sollte.

»Was ist denn hier los?«

Jamie! Meine Rettung.

»Lounas Fruchtblase ist geplatzt. Wir müssen sie dringend in die Klinik bringen und Steven benachrichtigen. Es geht los.«

Verdattert sah Jamie zwischen Louna und dem Chaos in der Küche hin und her, dann machte er auf dem Absatz kehrt.

»Ich rufe einen Krankenwagen und sage Steven Bescheid. Wo ist Lounas Tasche?«

Richtig. Die Tasche. Irgendwo hier im Cakeheaven hatte Louna sie gebunkert. Aber wo? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Langsam, aber sicher machte sich Panik in mir breit, während ich meine Freundin stützte und ihr auf einen Stuhl half.

Fieberhaft überlegte ich, wo ich nach den vorbereiteten Sachen für die Klinik suchen könnte. Da packte mich Louna am Arm und sah mich eindringlich an.

»Mary, ich bin noch nicht so weit. Zehn Tage. Es hieß, ich hätte noch zehn Tage. Ich muss noch die Geburtstagstorte fertig machen. Und nächste Woche ist doch die Hochzeit der Bensons.«

Louna war völlig neben der Spur. Wie im Fieber, so erhob sie sich von ihrem Platz und eilte zu dem kleinen Notizbuch neben dem Herd, in dem wir alle Bestellungen notierten. Kopflos blätterte sie die Seiten durch, ehe sie sich wieder vor Schmerzen krümmte und ein markerschütterndes »Aua!« von sich gab.

Ich eilte zu ihr, stützte sie abermals, während sie meine Finger so fest drückte, dass auch ich beinahe aufgeschrien hätte. Nach einigen Sekunden ebbte die Wehe ab. Louna atmete wieder kontrollierter, während ich flehentlich zur Tür blickte und hoffte, Jamie würde dort jeden Moment mit Steven oder einem Rettungssanitäter erscheinen.

»Zehn Tage. Wie sollen wir denn jetzt die Bestellungen fertigkriegen?«

Ich streichelte Louna über den Rücken, nachdem sie meine Finger endlich wieder aus ihrem Schraubstockgriff freigegeben hatte. Doch der Schmerz war nichts im Verhältnis zu dem verwirrten Eindruck, den meine Freundin auf mich machte.

»Louna, Liebes, Babys halten sich an keine Vorgaben. Die kommen, wann sie wollen, und nicht, wann sie kommen sollen.«

Louna sah mich Hilfe suchend an. »Aber ich bin noch nicht so weit. Zehn Tage. Ich meine, ich habe mich da irgendwie drauf verlassen. Und manche kommen doch noch später. Warum muss sich denn gerade meins schon so viel früher auf den Weg machen?«

Meine Freundin riss die Augen auf, während sie unter einer neuerlichen Wehe ihre Fingernägel in meine Schulter bohrte.

Ich sandte ein Stoßgebet gen Himmel, dass Jamie endlich ein Einsehen mit mir hatte und mir Hilfe schickte. Alles, was ich über Geburten wusste, hatte ich aus Filmen und Serien. Ich war also keine besonders große Hilfe, wenn es darum ging, einen neuen Erdenbürger auf die Welt zu bringen.

»Jamie!«, schrie ich so laut, dass die Gäste unseres Cafés sicher schon skeptisch ihre Hälse in die Luft reckten, um zu sehen, was hier los war.

Aber ich war auch nur ein Mensch. Und das hier war eindeutig eine Ausnahmesituation, der ich mich unter keinen Umständen noch länger allein stellen konnte.

Der markerschütternde Schrei, der sich derweil aus Lounas Mund gelöst hatte, war so ohrenbetäubend, dass ich mir am liebsten die Hände auf meine Ohren gelegt hätte. Als auch diese Wehe überstanden war, bugsierte ich Louna zurück zu dem Stuhl. Diesmal ließ sie es zum Glück über sich ergehen und machte keinen weiteren Versuch, sich davon zu erheben.

Sie atmete schwer durch, während ich etwas Abstand zu ihr hielt und mich an dem riesigen Tisch in der Mitte des Raums abstützte, auf dem wir sonst die Kuchen und Köstlichkeiten zubereiteten, die wir im Cakeheaven verkauften.

Meine Schultern schmerzten höllisch. Über meine Hände wollte ich gar nicht erst nachdenken. Plötzlich fragte ich mich, wer von uns beiden gerade dabei war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Ich wusste nur eins: Eine weitere Wehe würde ich nicht überstehen. Wie musste es da nur meiner Freundin ergehen?

Also rannte ich zur Tür, schob meinen Kopf hindurch und blickte mich nach allen Seiten hin um. Jamie hatte geistesgegenwärtig das Radio etwas lauter gestellt, sodass die Gäste offenbar noch gar nicht mitgekriegt hatten, was sich in der Küche für ein Drama abspielte.

»Pst, Jamie!«, versuchte ich, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Jamie lehnte an der Theke und unterhielt sich mit einem schnuckeligen Mittzwanziger mit Man Bun und Wimpern, um die ihn sicher jede Frau beneidete. Sosehr es mich freute, dass Jamie sich so anregend unterhielt, hoffte ich doch für ihn, dass er zwischenzeitlich einen Krankenwagen gerufen hatte. Wenn nicht, konnte ich für nichts garantieren.

Als Jamie mich nicht hörte oder gekonnt ignorierte, rief ich lauter.

»Jamie!«

Schließlich drehte er sich mir mit diesem Lächeln auf den Lippen zu, das mir überdeutlich zeigte, wie anregend er das Gespräch mit dem Mann ihm gegenüber fand. In jeder anderen Situation hätte ich ihm diesen Flirt von ganzem Herzen gegönnt. Aber jetzt galt es, Louna so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen.

Als Jamie meinen durchdringenden Blick bemerkte, bildeten seine Lippen ein großes O, während seine Augenbrauen katapultartig nach oben schnellten.

»Ich habe total vergessen … Mir ist etwas dazwischengekommen. Tut mir leid, Mary, ich rufe sofort alle an.«

Wütend stemmte ich meine Hände in die Hüften. »Das will ich für dich hoffen, sonst kannst du ja Louna bei ihrer nächsten Wehe beistehen.«

Jamie hob entwaffnend seine Hände in die Höhe, ließ den gut aussehenden Kerl gänzlich links liegen und wählte zunächst Stevens Nummer, die sogleich im Display aufschien.

Mit einem »Es geht los« begrüßte er den werdenden Vater am anderen Ende der Leitung. Blieb nur zu hoffen, dass dieser von der Neuigkeit nicht ganz so sehr aus der Bahn geworfen wurde wie die Mutter seines Kindes.

Als Jamie allerdings den Hörer auf Armlänge von seinem Ohr weghielt, bekam ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was in Steven vor sich ging. Er gab sich zwar immer tough und abgeklärt, aber wenn es ums Vaterwerden ging, war er offenbar auch ziemlich eingeschüchtert und planlos.

Jamie bewegte die Hand samt Hörer zurück ans Ohr, gab kurze und präzise Anweisungen und behielt in all dem Chaos einen ziemlich kühlen Kopf. Beeindruckend, wenn man bedachte, wie schwer es mir fiel, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Als ich Louna hinter der Tür abermals schreien hörte, ging ich zurück in die Küche. Jamie würde den Rest sicher auch ohne meine mahnenden Blicke erledigen. Hilfe war also gleich auf dem Weg. Alles würde gut werden. Hoffentlich!

»Mary, mach doch etwas! Hol dieses Kind endlich aus mir heraus. Ich kann diese Schmerzen nicht länger ertragen.«

Auch wenn ich wusste, dass meine beste Freundin mir gleich wieder ihre Fingernägel in die Haut graben würde, eilte ich zu ihr hinüber, um ihr beizustehen. Dafür waren Freunde doch da, oder?

Ferner behielt ich mein aus Filmen erworbenes Fachwissen, was Geburten anbelangte, lieber für mich. Schließlich hatte ich schon des Öfteren gehört, dass Frauen zwanzig und mehr Stunden in den Wehen liegen konnten. Irgendwie erschien mir diese Information allerdings gerade nicht besonders förderlich für den weiteren Verlauf dieser ganz speziellen Geburt.

Außerdem bestand ja immer noch die Hoffnung, dass es bei Louna viel schneller ging. Aber bitte auch nicht zu schnell. Der Krankenwagen sollte sie auf jeden Fall schon in die Klinik gebracht haben. Und Steven sollte bei ihr sein.

Die nächste Wehe war so intensiv, dass Louna sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich stützte und ich jeden Moment drohte, mit ihr zu Boden zu fallen. Ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen, während ich Louna vorbetete, dass sie tief einatmen sollte.

Als auch diese Wehe überstanden war, hing Louna wie ein nasser Sandsack an mir. Ich konnte kaum noch aufrecht stehen und würde sicher jeden Augenblick unter der Last einknicken. Da kam endlich Steven zur Tür herein und nahm mir Louna ab.

»Schatz, alles wird gut. Hörst du? Wir schaffen das.«

Mit zittriger Stimme redete er auf Louna ein. Schweiß war ihr auf der Stirn ausgebrochen und sie konnte kaum noch die Augen offen halten. Wo blieb denn nur dieser verdammte Krankenwagen? Sie brauchte dringend etwas gegen die Schmerzen und Menschen um sich, die eine Ahnung von der Materie hatten.

»Wie lange ist es her, dass die Fruchtblase geplatzt ist, und in welchen Abständen kommen die Wehen?«

Ich blickte auf die Uhr, die in meinem Rücken an der Wand hing. Das mit der Fruchtblase konnte ich nicht beantworten, da ich nicht unmittelbar dabei gewesen war. Nach meinem Empfinden kamen die Wehen viel zu schnell. Ich konnte mich nicht einmal ansatzweise von ihnen erholen, da kam schon die nächste.

»Ich schätze, sie kommen so alle drei Minuten.«

»Du schätzt?«, blaffte mich Steven an.

Und auch wenn ich verstehen konnte, dass er sich in einer Ausnahmesituation befand, hatte er kein Recht, mich derart anzupflaumen.

»Ja, ich schätze, da ich zu beschäftigt damit war, deiner Freundin dabei beizustehen, die Schmerzen zu überstehen.«

»Streitet euch nicht!«, bat Louna, ehe sie Stevens Hände in ihre Schraubzwingen packte und dieser binnen Sekunden mindestens genauso höllisch aufschrie wie Louna selbst.

Als es überstanden war, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn zu fragen, ob er denn nicht die Zeit bis zur nächsten Wehe stoppen wollte.

»Okay, ich sehe ja ein, dass das hier alles ein bisschen anders ist, als uns im Vorbereitungskurs gesagt wurde. Aber ich wollte nur alles richtig machen. Verstehst du?«

Ich nickte. »Sehr sogar. Aber ihr beiden schafft das. Ganz sicher. Auch ohne genaue Zeitangabe.«

Wie durch ein Wunder kam nun auch endlich der Krankenwagen und Louna wankte, auf Stevens Arm gestützt, nach draußen. Jetzt würde wirklich alles gut werden. In spätestens zehn Minuten würde Louna im Krankenhaus liegen und professionelle Hilfe bekommen.

Da fiel mir eine kleine graue Tasche ins Auge. Sie stand unscheinbar unterhalb der Garderobe. Es dauerte einen Moment, bis meine Gehirnwindungen eins und eins zusammengezählt hatten und ich wie von der Tarantel gestochen samt Tasche nach draußen rannte.

»Die Tasche!«, schrie ich so laut um Gehör, als hinge mein eigenes Leben davon ab.

Steven starrte perplex auf den Gegenstand in meiner Hand, griff mechanisch danach und hastete zurück zum Krankenwagen. Er wirkte dabei so fahrig, dass ich nur hoffen konnte, er würde die nächsten Stunden unbeschadet überstehen.

Das war knapp.

Während ich die Küche sauber machte und den Topf, in dem die Milch angebrannt war, einweichte, stellte sich allmählich wieder so etwas wie Normalität ein. Im Laden war es ruhig. Jamie kam ganz gut allein klar. Sogar der Typ von vorhin war noch da.

Das freute mich irgendwie. Denn ich hätte es sehr schade gefunden, wenn Jamie seine Chance nicht hätte nutzen können. Zwischen den beiden könnte sich durchaus etwas entwickeln. Und ich war die Letzte, die ihren Mitmenschen nicht ein wenig Glück wünschte. Auch wenn ich selbst in letzter Zeit ziemlich wenig davon abbekommen hatte.

Aber sei es drum. Niemand hatte in allen Bereichen des Lebens Glück. Das mit der Liebe wollte einfach nicht klappen. Dafür hatte ich endlich keine Sorgen mehr, was das Finanzielle anbelangte. Man musste auch mal mit dem zufrieden sein, was man hatte, und nicht nur um die Dinge jammern, die man suchte.

In diesem Moment vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Sicher war es Steven, der mir kurz über den Verlauf der Geburt Bescheid geben wollte. Doch die Nummer auf dem Display kannte ich nicht, als ich es in Händen hielt.

»Ja, hallo?«, fragte ich schließlich, als ich das Gespräch entgegennahm.

»Ist dort Mary Hemsmith?« Die Stimme einer Frau, die mir irgendwie bekannt vorkam, war zu hören.

»Ja, die bin ich. Wer möchte das denn wissen?«, hakte ich nach.

»Hier spricht Mrs. Vanderbilt. Ich arbeite im Hotel Ihrer Großmutter in den Catskills.«

Die Eindringlichkeit, die in diesen Worten lag, zwang mich dazu, für einen Moment Platz zu nehmen und den Putzlumpen aus der Hand zu legen. Eine Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper, noch ehe die Frau weitergesprochen hatte. Aber ich wusste schon jetzt, dass es nichts Gutes zu heißen hatte, wenn sie mich anrief und nicht meine Granny.

»Was ist mit Granny? Was ist passiert?«

Mein Herz zog sich so fest zusammen, dass es wehtat. Meine Großmutter war alles, was mir von meiner Familie noch geblieben war.

»Mary, es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sie heute Nacht verstorben ist. Sie musste nicht leiden. Gestern Abend ist sie ganz sanft eingeschlafen und heute Morgen einfach nicht mehr aufgewacht.«

Die Worte wiederholten sich wie in Endlosschleife in meinem Kopf. Gestern Abend eingeschlafen … heute Morgen nicht mehr aufgewacht.

»Sie sollten kommen.«

Ich beendete das Gespräch, ohne mich danach an den genauen Wortlaut der Unterhaltung erinnern zu können. Als könnte mein Smartphone etwas dafür, starrte ich es daraufhin in Grund und Boden.

Jamie kam in die Küche. Zunächst bemerkte ich ihn nicht einmal.

»Steven hat eben angerufen. Er hat dich auf dem Handy nicht erreicht. Louna geht es den Umständen entsprechend. Er meldet sich wieder, wenn das Baby da ist.«

Als ich nichts erwiderte, sondern noch immer teilnahmslos auf das Telefon in meiner Hand stierte, berührte er mich vorsichtig an der Schulter. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Nichts ist in Ordnung«, sagte ich. »Meine Granny ist gestorben.«

Vereinzelte Tränen rannen mir aus den Augen, kullerten bleischwer über meine Wangen und tropften schließlich auf den Boden zu meinen Füßen.

»Oh, Mary! Das tut mir so leid.«

Jamie zögerte nicht, zog mich sogleich in eine feste Umarmung. Es tat gut, in diesem Moment jemanden zu haben, der mich in die Arme nahm. Ich schluckte schwer.

»Ich muss zu ihr«, hörte ich mich sagen.

»Natürlich musst du das«, erwiderte Jamie wie selbstverständlich.

»Aber was ist dann mit dir und dem Café? Louna wird sicher für einige Wochen ausfallen. Und ich kann nicht absehen, wann ich zurück sein werde.«

Ich spürte, wie abermals Panik in mir aufbrandete und meine Gedanken zu vernebeln drohte. Mit allen Mitteln kämpfte ich dagegen an. Aber es war nicht einfach, einen kühlen Kopf zu bewahren, während sich direkt vor mir der Abgrund auftat.

»Mach dir deshalb keine Sorgen. Ich schaffe das schon irgendwie. Alles, was jetzt zählt, ist, dass du zu ihr fährst und dich von ihr verabschiedest.«

Wie konnte man sich denn von jemandem verabschieden, der bereits gestorben war? Schon früher hatte ich mich über diese Redewendung gewundert. Besonders, als meine Eltern von ihrer Reise nicht mehr nach Hause gekommen waren.

»Ironie des Schicksals, oder?« Ein betrübtes Lachen zwang sich aus meiner Kehle auf meine Wangen. »Während Louna und Steven ihr Baby bekommen, stirbt meine Granny.«

Jamie hielt mich bei meinen Worten nur umso fester. »So ist das Leben, Liebes. So ist das Leben.«

Kapitel 2

 

Dylan

 

»Pete, könntest du mir bitte einen Kinnhaken verpassen, wenn ich wieder mal auf die dämliche Idee kommen sollte, mich auf eine Frau einzulassen?«

Mein bester Freund grinste mich verwundert von der Seite an.

»Wenn es nach mir ginge, bräuchtest du mir gar keinen Grund dafür liefern. Ich kann dir auch einfach so eine verpassen. Aber jetzt mal im Ernst: Was ist passiert? Du siehst ziemlich beschissen aus, wenn ich das mal so sagen darf.«

Ich griff nach der Flasche Bier, die mir Mitch gerade über den Tresen reichte. Eine Bestellung brauchte es dafür nicht. Schließlich kannte mich der alte Mann schon mein ganzes Leben. Schon als Kind war ich nach der Schule in Mitch’s Diner gegangen und hatte einen Milchshake getrunken. Gott, waren das noch Zeiten gewesen, als eine schlechte Note noch mein größtes Problem darstellte. Wie sehr ich mich doch danach zurücksehnte.

»Danke für das Kompliment.«

Ich hob meine Flasche in die Richtung meines Kumpels, um ihm zuzuprosten.

Nachdem wir beide einen ausgiebigen Schluck genommen hatten, sah Pete mich mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung an.

»Also, ich höre? Aber fass dich kurz. Maggy macht mir die Hölle heiß, wenn ich nicht pünktlich zu Hause bin. Sie hat gerade ihre fruchtbaren Tage, wenn du verstehst, was ich meine.« Pete wackelte anzüglich mit seinen Augenbrauen.

Angewidert wandte ich mich von meinem Freund ab. »Igitt! Das sind Dinge, über die ich nicht im Geringsten informiert werden möchte. Hörst du? Was du mit deiner Frau wann und wo machst, ist eure Sache.«

Pete hob abwehrend die Hände in die Höhe. »Ach, jetzt komm schon. Du weißt, dass wir seit einiger Zeit versuchen, ein Kind zu bekommen. Da muss jeder so seine Opfer bringen.«

Nun lachten Mitch und Pete, ebenso wie die alten Männer, die am Tisch in unserem Rücken saßen und eine Runde Skat spielten.

»Phoebe hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich fertigzumachen.«

Jetzt wurden Mitch und Pete hellhörig. Mein bester Freund beugte sich weit zu mir herüber, während Mitch seine Unterarme auf der Theke aufstützte, damit ihm ja kein Wort von dem entging, was ich zu erzählen hatte.

»Inwiefern?«, hakte Pete nach, als ich nicht gleich weitersprach.

»Die Rezensionen für mein Hotel im Internet sind im Schnitt unter zwei Sterne gefallen.«

Wieder trank ich einen kräftigen Schluck aus der Flasche, um den Ärger und den Kummer hinunterzuspülen, die ich nun schon seit einigen Tagen durchzustehen hatte. Reservierungen wurden kurzerhand storniert, Gäste riefen an, um sich über den Kakerlakenbefall zu informieren, den es natürlich nie gegeben hatte, und die Bank machte Stress, da sie Sorge hatte, ich könnte meine Raten nicht ordentlich bedienen.

Zumindest der letzte Punkt war berechtigt. Wenn es so weiterging, war es wirklich fraglich, ob ich meinen Kredit weiterhin abbezahlen konnte. Schließlich gehörte das Haus meiner Eltern schon bis unter den Giebel diesen Sesselpupsern.

»Das ist ziemlich beschissen«, brachte Pete meine Situation äußerst treffend auf den Punkt. »Was hast du jetzt vor?«

Ich pustete stoßweise Luft aus. »Ich habe keinen Plan, Mann. Ich weiß nur, wenn es so weitergeht, wird niemand mehr in meinem Hotel Urlaub machen wollen. Und wenn es so weit ist, bin ich geliefert. Ohne die Einnahmen von Clayton House kann ich einpacken.«

Nicht nur ich. Die monatlichen Kosten für das Pflegeheim, in dem meine Eltern, die das Hotel in den Catskills vor über dreißig Jahren eröffnet hatten, untergebracht waren, wären nicht mehr gedeckt. Ebenso wie die laufenden Kosten des Hotels und die Löhne der Angestellten. Ich mochte mir dieses Horrorszenario nicht vorstellen. Zu bedrückend waren die Gedanken daran.

Gerade deshalb musste ich mit jemandem darüber reden. Ich brauchte jetzt einen Freund, der mir Mut machte und mir sagte, dass alles schon wieder gut werden würde. Irgendwo da draußen musste es doch einen Hoffnungsschimmer geben. In welcher Form auch immer.

»Was hast du der Dame bloß angetan, dass sie dich so sehr hasst?«, wollte nun auch Mitch wissen, der mir nach wie vor an den Lippen hing.

Tratsch und Klatsch waren sein Lebenselixier. Da brauchte ich mir nichts vorzumachen. Ihm ging es hier nicht nur um mich. Auch wenn ich mir ziemlich sicher war, dass er mich mochte und es ihm wirklich leid um mich tat. Dad und er waren gemeinsam bei den Marines gewesen.

Noch ehe ich antworten konnte, grätschte Pete lachend dazwischen. Er klopfte mir so schwungvoll auf die Schultern, dass ich beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und vom Hocker gekippt wäre.

»Ganz einfach: Unser guter Dylan hier will sich nicht binden. Er hat keine Lust darauf, eine Familie zu gründen und Verantwortung zu übernehmen.«

Mitch nickte verstehend und schüttelte dann leicht den Kopf.

»Das kann man so nicht sagen«, behauptete ich. »Phoebe hätte mich am liebsten schon nach wenigen Wochen geheiratet. Aber woher soll ich wissen, ob sie die Richtige ist? Außerdem liebe ich meine Freiheit. Ich glaube, es gibt keine Frau auf dieser Welt, die es wert ist, dass man das Freisein aufgibt.«

Mitch und Pete sahen sich abermals an und lachten drauflos, bis ihnen Tränen aus den Augen quollen.

»Was denn?«, fragte ich.

»Junge, du musst allmählich erwachsen werden. Wie alt bist du jetzt?«, wollte Mitch wissen, während er mir ein neues Bier hinstellte.

»Zweiunddreißig. Aber was tut das bitte zur Sache?«

»Eine Menge«, meinte Pete. »Du bist nun mal nicht nur auf dieser Welt, um dich zu vergnügen. Du musst langsam lernen, Verantwortung zu übernehmen und für deine Fehler geradezustehen. Hattest du noch mit anderen Frauen was laufen, während du mit Phoebe zusammen warst?« Pete sah mich wissend an. Leugnen war zwecklos.

»Vielleicht ein-, zweimal. Aber das war alles nichts Ernstes«, erklärte ich. »Außerdem war ich doch gar nicht richtig mit ihr zusammen.«

»Wohin soll das mit dir nur führen, Dylan?«, fragte Mitch, der mich gerade sehr an meinen Dad erinnerte. Zumindest bevor dieser den Schlaganfall erlitten hatte und seither nicht mehr deutlich sprechen konnte.

»Ich hoffe: nicht in die Insolvenz«, unkte ich.

Das ganze Rackern in den vergangenen Jahren, die Umbauarbeiten am Hotel, die vielen Stunden, die ich in dem Haus verbracht hatte, um dort alles am Laufen zu halten. Das konnte doch nicht umsonst gewesen sein.

Meine frühesten Kindheitserinnerungen hingen mit dem Hotel zusammen, und ich hatte meinen Eltern das Versprechen gegeben, dass ich mich um ihr Vermächtnis gut kümmern würde. Sollte das denn jetzt alles vorbei sein? Und was würde dann aus mir werden? Wo sollte ich hin? Was wollte ich mit meinem Leben anstellen?

So unumwunden vor Entscheidungen gestellt zu werden, die ich nicht treffen wollte, war schwierig für mich. Bisher war mein Leben mehr oder minder in geraden Bahnen verlaufen. Zeit meines Lebens hatte ich nie wirkliche Sorgen gehabt. Klar gab es da den Kredit für das Hotel und meine pflegebedürftigen Eltern, um die ich mich kümmern musste. Aber damit konnte ich umgehen, weil ich es irgendwie in der Hand hatte.

Wenn nun allerdings im Internet Rufmord betrieben wurde und ich nur abwarten konnte, was als Nächstes passierte, dann war das nichts anderes, als auf den finalen Schuss zu warten. Nie zu wissen, wann er denn abgefeuert werden würde. Die Tatsache war grauenhaft und zermürbend zugleich.

»Kannst du denn nicht noch mal mit Phoebe sprechen? Ihr ein paar Blumen schicken und dich bei ihr entschuldigen?«, versuchte Pete, einen Lösungsansatz zu formulieren.

»Das habe ich natürlich alles schon probiert.« Ich lachte auf und imitierte Phoebes Drohungen, mit denen sie mir die Blumen entgegengeschleudert hatte. »Dir werd ich es zeigen, Dylan Clayton. Ich lasse dich ganz langsam ausbluten, bis du nichts mehr hast, wofür es sich zu leben lohnt.«

»Uh«, machte Mitch und öffnete sich selbst eine Flasche.

Es kam nicht oft vor, dass er trank, während er hinter dem Tresen stand. Das war wohl der außergewöhnlichen Situation geschuldet. Ich wertete es als Anteilnahme an meinem Schicksal. Als Freundschaftsbeweis in dunklen Tagen. Prost!

»Die Frau versteht es, sich auszudrücken. Alle Achtung, Dylan! Da hast du dich offenbar mit der Falschen angelegt.«

Pete klopfte mir abermals auf die Schulter.

»Das weiß ich selbst. Aber was mache ich denn jetzt? Gegen die Rezensionen online bin ich machtlos. Wenn Phoebe so weitermacht, hat sie mein Hotel in wenigen Wochen auf den wichtigsten Portalen im Netz so verrissen, dass keiner mehr seinen Urlaub in Clayton House verbringen möchte. Und eine befleckte, nicht mehr weiße Weste im World Wide Web wieder reinzuwaschen, ist nahezu unmöglich. Ich bin am Arsch.«

»Vielleicht nicht ganz«, warf Pete daraufhin nebulös ein, während er auf die Uhr starrte. »Oh, doch schon so spät.«

»Wie meinst du das?«, hakte ich nach.

Jeden Moment würde er aufspringen, um seinen häuslichen Verpflichtungen nachzukommen, an die ich ungern auch nur einen Gedanken verschwendete.

»Fiona ist heute Nacht verstorben«, erklärte Pete und erhob sich dabei von seinem Hocker.

Ich überlegte kurz. »Fiona? Du meinst die Besitzerin vom Winnisook Lake Hotel?«

Wenn das stimmte, dann gab es doch einen Gott, und ich würde gleich am Sonntag in die Morgenandacht gehen.

»Stimmt. Ja, ich habe auch davon gehört«, bestätigte mir Mitch ihren Tod. »Sie ist abends eingeschlafen und am Morgen einfach nicht mehr aufgewacht.« Er lachte heiser auf. »Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es genau das.« Wieder nahm er einen Schluck aus seiner Flasche und wirkte dabei ungewöhnlich schwermütig. So kannte ich ihn gar nicht.

Pete seufzte. »Wenn das alles ist, werde ich mich mal wieder der Pflicht zuwenden.« Dann grinste er mich voller Vorfreude an. »Kann ja nicht jeder von uns sein Pulver ungenutzt verschießen.«

»Pete!«, rief ich, woraufhin er mit den Schultern zuckte.

»Ist ja schon gut. Wenn das Winnisook Lake Hotel schließt, ist deines das mit dem schönsten Seeblick. Die Leute werden dir die Bude einrennen. Schlechte Rezensionen hin oder her. Wirst sehen.«

Da war er auch schon zur Tür raus.

»Dein Wort in Gottes Ohr«, sagte ich. »Dein Wort in Gottes Ohr.«

Kapitel 3

 

Mary

 

Den langen Flug, den Trubel am New Yorker Flughafen, die vielen und vor allem lauten Menschen – all das ließ ich nach und nach hinter mir. In die Catskills zu fahren, das war fast so, wie in meiner Lebensgeschichte ein paar Kapitel zurückzugehen. Mit jedem Kilometer, den ich mich diesem wundervollen Ort näherte, verstärkte sich das Gefühl, ein wenig jünger zu werden.

Die Erinnerungen an die Sommer bei meinen Großeltern liefen wie ein Film in meinem Kopf ab. Ich sah Granny, wie sie den Frühstücksraum für die Gäste vorbereitete, Marmelade einkochte oder mit mir im Garten Fangen spielte. Dabei lag immer ein Lächeln auf ihren Lippen, ganz egal, wie angespannt die Situation auch gewesen sein mochte. Sie war so etwas wie die gute Seele des Hauses und mein ganz eigener Rettungsanker in stürmischen Zeiten gewesen.

Grandpa war gesundheitlich leider immer etwas angeschlagen gewesen. Anstatt mit mir im See zu baden oder Fahrrad zu fahren, hatte er mir stundenlang vorgelesen und mir das Schachspielen beigebracht.

Einzelne Tränen kullerten mir über die Wangen, als mir bewusst wurde, dass es nie mehr so sein würde. Ich würde nie wieder mit meinen Großeltern Zeit verbringen können, würde nie wieder in den Genuss kommen, Granny dabei zuzusehen, wie sie ihre Pies zubereitete, und nie wieder versuchen, mir das erste Stück schon vor allen anderen zu stibitzen. Und gleichzeitig bereute ich die Tatsache, Granny nach dem Tod von Grandpa nicht öfter besucht zu haben. Nein, bereuen war noch zu wenig. Ich schämte mich dafür.

Der Flug von San Francisco nach New York war mir schier endlos vorgekommen, während die Autofahrt im Mietwagen von der Stadt in die Catskills, wenn es nach mir gegangen wäre, eine Ewigkeit hätte andauern können.

Ich liebte die Fahrt durch die Berge, genoss die tänzelnden Sonnenstrahlen, die sich durch das dichte Geäst der Wälder zwängten, und öffnete das Fenster, damit ich den Geruch von wilder, unverdorbener Natur ganz tief in meine Lungen einatmen konnte.

Plötzlich wusste ich nicht einmal mehr genau, warum ich so lange weg gewesen war. Ich erinnerte mich nur noch schemenhaft an meinen Wunsch, ganz von vorne zu beginnen und nicht mehr an die schwere Zeit erinnert zu werden, nachdem meine Eltern gestorben waren. Ich hatte mich so sehr danach gesehnt, das unbeschriebene Blatt Papier meiner Zukunft mit einem Gefühl von Leichtigkeit zu beschreiben.

San Francisco erschien mir dabei wie der perfekte Ort, um neu durchzustarten und allen unnötigen Ballast aus der Vergangenheit wie einen lästigen Pullover einfach abzustreifen. Doch stattdessen hatte ich nur weiteren Ballast in Form von Geldsorgen und unbezahlten Rechnungen angehäuft.

Oben auf einem Hügel mit Blick auf die Landschaft wurde das Bedürfnis, endlich auszusteigen, meine Arme in die Höhe zu reißen und meine Augen für den Moment zu schließen, übermächtig. Also gab ich ihm nach, stellte den Wagen an die Seite des ungepflasterten Weges und nahm mir eine kleine Auszeit.

Die Bäume um mich herum ragten schier bis in den Himmel. Die Sonne kitzelte mich an der Nasenspitze, als ich versuchte, die Wipfel dort am blauen Horizont auszumachen. Vögel zwitscherten zwischen dem Astwerk, auf dem sie sich eine kleine Ruhepause gönnten, während zwischen den Stämmen der See aufblitzte. Heimat. Ein wohlbekanntes Gefühl umfing mich bei seinem Anblick.

Ich sog den Geruch von Tannennadeln und frischer Walderde ganz fest in meine Lungen. Bevor das Chaos eine Chance hatte, mich einzuholen, wollte ich erst einmal mental ankommen und mich an der Schönheit der Natur erfreuen.

Ich wollte jetzt nicht an die ganzen Formalitäten denken, die eine Beerdigung mit sich brachte. Ferner wollte ich nicht daran denken, dass ich jetzt ganz allein auf dieser Welt war. Meine Eltern waren bereits seit Jahren tot. Ein Schiffsunglück in Südamerika hatte dazu geführt, dass ich schon mit achtzehn Jahren mir selbst überlassen war.

Seither fehlte mir der Halt im Leben. Immer auf der Suche nach etwas, was ich selbst nie richtig benennen konnte. Kalifornien hatte mir eine Leichtigkeit versprochen, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte, es noch immer tat. Erst bei Louna verspürte ich eine gewisse Erleichterung, die Wärme eines heimatlichen Hafens im Cakeheaven. Nichtsdestotrotz war es mir nach dem Tod meiner Eltern nie mehr gelungen, zur Ruhe zu kommen. Und auch die glamourösen Partys und Events hatten mich darüber nicht hinwegtäuschen können.

Als ich spürte, wie mich diese Gedanken zunehmend beunruhigten, atmete ich noch einmal tief durch und konzentrierte mich auf einen Specht, der mit seinem Schnabel ganz in der Nähe monoton gegen einen Baumstamm klopfte. Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Wangen, und vor meinen geschlossenen Augen flimmerten unzählige Farben wie die des Regenbogens. Sie waren so warm und verströmten ein Gefühl von Geborgenheit.

Erst das Quietschen von Rädern, gepaart mit lautem Hupen, zerrte mich zurück in die Gegenwart.

»Was zum Henker machen Sie da mitten auf der Straße? Sind Sie lebensmüde oder gehören Sie zu den esoterischen Spinnern, die bei Lucy ein Sommerseminar gebucht haben? Falls Letzteres der Fall sein sollte, sind Sie auf der falschen Seite des Sees unterwegs.«

Ein Typ mit Cowboyhut, Jeans und rot-schwarz kariertem Flanellhemd stand plötzlich vor mir und behandelte mich wie eine arme Seele, die aus einer geschlossenen Anstalt ausgebrochen war.

Ich lächelte verlegen, denn ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Hier am See kannte jeder jeden. Und Gerede war mir in meiner momentanen Situation mehr als unangenehm. Grannys Beerdigung sollte nicht von den Eskapaden ihrer einzigen Enkeltochter überschattet werden.

Also hob ich abwehrend meine Hände in die Höhe und setzte ein freundliches Lächeln auf. »Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nur kurz … ankommen. Ich war seit Jahren nicht mehr hier und … ich wollte einfach …«

»Wenn Sie Bäume umarmen oder nackt durch den See schwimmen wollen, dann ist das Ihre Sache. Aber wenn Sie mir vor den Wagen laufen, dann wird es zu meiner.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte mit dem Kopf.

Und allmählich machte sich in mir ein gewisser Unmut bemerkbar. Was bildete sich dieser Kerl hier eigentlich ein? Es war rein gar nichts passiert. Ich hatte am Straßenrand gestanden, er hatte mit seinem dämlichen Pick-up problemlos an mir vorbeifahren können, ohne dass ich mich ihm in den Weg gestellt hätte.

»Was genau ist eigentlich Ihr Problem?«, hakte ich mit unterkühlter Stimme nach, während ich nun die Hände in die Hüften stemmte.

»Was mein Problem ist? Das dürfte ich doch eben hinreichend erklärt haben.«

Dabei sah er mich abschätzig an und schenkte mir ein arrogantes Grinsen, bevor er sich an den Hut tippte und sich zu seinem Wagen umwandte.

Der Typ machte mich so wütend. Was glaubte er eigentlich, wer er war, dass er mir vorschreiben konnte, was ich zu tun und zu lassen hatte? Das hier war nicht sein Weg. Und er hatte nicht das Recht, mich wie eine Erstklässlerin zurechtzuweisen, nur weil ihm mein Verhalten gegen den Strich ging.

Daher tat ich etwas, was ich noch nie getan hatte. Aber der Kerl weckte etwas in mir, das ich mir von der Seele schreien musste, wenn ich nicht daran ersticken wollte.

»Arschloch!«, rief ich ihm hinterher.

Doch der Typ blieb ganz ruhig, drehte sich ein letztes Mal zu mir um, ehe er sich in den Wagen setzte und sagte: »Willkommen in den Catskills! Hoffentlich laufen wir uns so schnell nicht wieder über den Weg. Meine Stoßstange ist ganz neu, müssen Sie wissen.

---ENDE DER LESEPROBE---